mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."
45. Jahrg
HO 9Ql jährlich durch
“öl unseren Zeitu
Zweites Blatt
Marburg
Sonntag, 2. Oktober 1910.
II. Deutscher Jugendgerichtstag.
München, 29. Sept.
Unter überaus zahlreicher Beteiligung von Richtern, Staatsanwälten. Lehrern. Polizeibeamten, Geistlichen beider Konfessionen, Missionaren und den
Die Türkei und die Bündnisfrage.
Man schreibt uns:
Rach dem die vor kurzem aus deutschfeindlichem Lagst abgeslogene Ente von einem Anschluß der Türkei an den Dreibund erbarmungslos heruntergeschossen worden war, haben in voriger Woche die Feinde Deutschlands einen neuen Vogel dieser schmackhaften Gattung aufsteigen lassen: die Türkei sollte mit Rumänien «ine geheim: Militärkonvention abgeschlossen haben. Durch eine diese Nachricht energisch bestreitende Erklärung des rumänischen Regierungsblattes ist auch dieser Ente eine schwere Verwundung beigebracht worden. Ob sie tödlich ist, steht dahin, denn die Jntriguanten werden sich anstellen, als. ob sie das Dementi nicht für glaubwürdig hielten.
Mit dem neuesten Schwindel sollten gleich zeitig verschiedene Fliegen getroffen werden. Man wollte eine Entfremdung zwischen Italien und den beiden anderen Dreibundmächten herbel- führen, indem man die angebliche Milftärkonv.n- tion als im Interesse des mit Rumänien eng befreundeten Oesterreichs und grgen die Interessen Italiens auf dem Balkan abgeschlossen hinstellte. Man wollte ferner jede Wiederannäherung Rußlands an Deutschland und Oesterreich-Ungarn Hintertreiben, denn Rußland, gerade toeflen seiner gegenwärtigen Schwäche doppelt eifersüchtig auf alle fremden Einflüsse auf der Balkanhalb tnsel, mußte sich schon durch die Möglichkeit eines Bündnisses zwischen Rumänien und der Tiirkei unangenehm berührt fühlen. Schließlich spielt bei der Jntrigue auch die französisch-türkische Anleihe eine Rolle. Nach der einen Version stoll die Schwindelnachricht in Szene gesetzt wordn sein, um den Franzosen bei Abschluß der Anleihe die Möglichkeit zu geben, materielle oder politische Vorteile herauszuschlagen, nach der anderen soll der Schwindel den Zweck gchabt haben den endgültigen Abschluß der Anleihe zu verhindern. Sollte die letztere Auffassung richtig sein, so würde dieser Zweck erreicht worden sein, denn die französisch-türkische Anleihe ist nun im letzten Augenblicke gescheitert und die Türkei wird aller Voraussicht nach von englischen Finanz- leuten das Geld erlangen. Den Franzosen wird dieser Ersolg der von einem französischen Blatte in Szene gesetzten Jntrigue kaum erwünscht sein können, denn Frankreich nimmt ja sonst auf seinen lieben Freund England jede erdenkliche Rücksicht — vergl. das Verbot des jung-aegyptischen Kongresses in Paris —, aber im nahen Orient sind Frankreich und Großbritanien, wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich, erbitterte Geg- neir, und jeder Fortschritt des englischen Einflusses in Konstantinopel ist den Franzosen so fatal wie nur möglich. Es liegt aber auf der Hand, daß, wenn britische Finanziers das Geld hergeben, die Engländer di: Gelegenheit benutzen werden, ihr in den lohten Monaten rius
guten Gründen sehr gesunkenes Ansehen auf dem Balkan wieder herzustellen und zwar in erster Reihe auf Kosten des französischen Einfluss's. Abgesehen von dem Zwecke der Jntrigue aber hätten die Nachrichten über den Anschluß der Türkei an den Dreibund und über die türkischrumänische Militärkonvention noch den weiteren Zweck, auf den Busch zu klopfen. Sowohl Frankreich wie England wie auch Rußland hatten sich der Türkei gegenüber so viele Ungeschicklichkeiten zu Schulden kommen lassen, daß man in Paris eine Annäherung der Türkei an die Dreibundmächte befürchtete. Man wollt: nun wissen, wie weit die Angelegenheit gedieh.'n wäre. Run, von einem Anschlüsse der Türkei an den Dreibund oder von einer festen Abmachung zwischen der türkischen Regierung und Rumänien konnte schon darum nicht die Rede sein, weil, selbst wenn die Türkei wollte, der Gegenpart nicht wollen würde. Denn soviel kosmopolitische Züge auch das gegenwärtige türkische Regime aufweist, so anerkennenswert es ist, daß es mit den alten Mißbräuchen aufzuräumen sucht, so sind doch anderer seits die Verhältnisse in der Türkei noch lange nicht so geklärt, um vorsichtigen imb friedlieb.n den Mächten die Möglichkeit fester die äußere Politik betreffender Verträge mit der Türkei zu gewähren. Im Lager der Jungtürken kämpfen, was die Beziehungen zu anderen Staaten und anderen Rassen anbelangt, zwei Richtungen gegeneinander: die kosmopolitische und die nationalistische. Es ist dies ähnlich, wie es in Frankreich in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts war. Auch dort schwantte man zwischen einem Kosmopolitismus, der alle Welt umarmen wollte, und zwischen einem nationalen Chauvinismus, der alle Welt bekriegen wollte. Schließlich siegte bekanntlich der letztere und niemals hat ein Staat so viel Krieg hineinander geführt, wie die die Brüderlichkeit proklamierende Republik Frank reich. Mit einem Fenerbrande vermählt man sich nicht gern und so werden friedliebende Staaten einem Bündnis mit der neuen Türkei solange mit äußerster Vorsicht gegenüberstch m. bis man weiß, ob bei den Jungtürken auch der kalte Wasserstrahl der ruhigm Ueberlegung kräftig genug ist, um die Brandfackel kriegerischer Gelüste zu ersticken.
An dem ganzen Gerede von den neu n Bündnissen der Türkei ist nur in einer Hinsicht etwas wahr, insofern nämlich, als sowohl Deutschland und Oesterreich-Ungarn, wie auch Rußland der muten Türkei freundlich gegenüberstehen und es an Svmpathiebeweisen für sie schon bisher nicht haben fehleit lassen und es auch fernerhin nicht werden fehlen lassen. Zwischen solchen Shm- pathieen aber und einem Bündnisse, daß für ernste Fälle gewichtige Verpflichütngen auserlegt, ist denn doch noch ein himmelweiter Unterschied.
Momente richtig verwerten zu können. — Mit dem Eintritt für das System der Jugendgerichte, wie es die vorliegenden Gesetzentwürfe bringen, lassen sich daher die vorhandenen Wünsche zusammenfassen in der Hervorhebung der Notwendigkeit von Jugend- strafkammern bei gleichzeitiger Ausdehnung umgrenzter lleberweisungsmöglichkett an das Jugendgericht und in der Forderung auf Erweiterung der Befugnisse des Gerichts bei Einstellung des Verfahrens gegen Jugendliche.
Der zweite Referent zum Thema: Organisation und Zuständigkeit der Jugendgerichte Professor Dr. K i tz i n g e r (München) schloß sich im wesentlichen den Ausführungen Dr. Beckers an und unterbreitete der Versammlung eine Anzahl Leitsätze, in denen u. a. gewünscht wird, daß die Landesjustizverwaltung bei einzelnen Amtsgerichten und Landgerichten besondere Abteilungen als Jugendgerichte bezw. Jugendstrafkammern bilden kann, ja muß, wenn an einem Amtsgericht mehr als ein Schöffengericht besteht. Diese Gerichte bezw. Kammern sollen auch für strafbare Handlungen und für die strafbaren Handlungen von Personen, die zurzeit der ihnen zur Last gelegten Tat das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten. — Am Nachmittage besichtigten die Teilnehmer, unter denen sich auch zahlreiche Ausländer befinden. verschiedene Einrichtungen der Münchener Jugendfürsorge, so das Säuglingsheim des städtischen Waisenhauses, die städtischen Suppenanstalt und das evangelische Magdalenenstift.
Die JnfertionsgebSbr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7a->^altene Zeile oder deren sttom 15 für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 '4. — Druck und «erlog: Joh Aug. Koch, llniversitäts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. C. Bitzer»,'.). Marburg, Markt 21. — Telepbon 55.
in der Jugendfürsorge tätigen Frauen trat heute vormittag in der Tonhalle des Konzerthauses die Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge mit dem Sitz in Berlin zur Abhaltung des 3. Deutschen Juaend- aerichtstages zusammen, der in dreitägigen Verhandlungen einen zusammenfassenden Ueberblick über den gegenwärtigen Stand, die Organisation und den weiteren Ausbau des Jugendgerichtswesens geben soll. Nach den üblichen Begrüßungen berichteten an erster Stelle Amtsgerichtsrat Dr. Kühne (Berlin), Oberlandgerichtsrat Dr. Warhanek (Wien), Professor Dr. Hafter (Zürich) und Amtsgerichtsrat Dr. Friedeberg (Weißensee) über den Stand der Jugendgerichtsbewegung in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und England. An diese Referate schloß sich ein sehr interessanter Vortrag des Amtsgerichtspräsidenten Dr. Becker (Dresden) über Organisation und Zuständigkeit der Jugendgerichte. Er wies einleitend darauf hin, wie fast überall in Deutschland der Einführung der Jugendgerichte schon vorgearbeitet worden ist. Indessen erst mit dem Inkrafttreten des Strafprozeßentwurfes wird deren eigentliches Ziel erreichbar sein, das die Kriminalstrafe und den Vergelrunqsgedanken bei Jugendlichen zurückdrüngt vor der Durchführung von Erziehungsrechten und dem Besserungsgedanken. Da es sich bei der ganzen Institution im wesentlichett darum handelt, dem richterlichen Spruche Inhalt und Wirksamkeit im Sinne vormundschaftlicher Beaufsichtigung des Lebensganges des Minderjährigen zu geben, so ist der Bormundschaftsrichter unzweifelhaft der gegebene Leiter der Jugendgerichte. Dies könnte und hat tatsächlich zu dem Vorschläge geführt, alle Besonderheiten des Verfahrens gegen Jugendliche einfach dadurch zu beseitigen, daß man dem Vormundschoits- richter gesetzlich bei jeder strafbaren Handlung Minderjähriger vorab die Entscheidung darüber in die Hand legt, ob Erziehungsmaßregeln statt Kriminalstrafe geboten seien. Der Staatsanwalt würde dann erst einschreiten können, nachdem durch die vormundschaftsrichterliche Entschließung der Weg hierfür freigegeben ist. Indessen der Glaube, daß durch das Sonderverfahren, wie es der Entwurf mit den Jugendgerichten vorsieht, beseitigt werden könne, geht fehl. Der Staitdpunkt, daß die Anklagebehörde die Notwendigkeit des Strafverfahrens zu Gunsten von Erziehungsmaßregeln prüfen -und verfügen soll, erscheint hiernach als die gegebene Lösung.
Man sollte nur mit der Reichstagskommission bestimmen, daß außer der Staatsanwaltschaft auch das Gericht ein selbständiges dahingehendes Verfügungsrecht bereits vor der Hauptverhandlung haben soll. Auf diese Notwendigkeit weist auch das System der Privatklage hin, die es dem Privatkläger möglich macht, gegen den Willen der Behörde die gegebenen Falls unzweckmäßige und schädliche Hauptverhandlung gegen den Jugendlichen durchzudrücken.
Es sollte die Einstellung von Jugendstrafkammern, wie dies eine Reihe von Bundesstaaten bereits jetzt getan haben, mit hierfür besonders auszuwählenden Schöffen angestrebt werden. Denn man muß unter allen Umständen darauf bedacht sein, in tunlichst ollen Fällen jugendlicher Kriminalität ein hierfür sachverständiges und mit der jugendlichen Eigenart vertrautes Gericht zu gewinnen. Man möchte dafür eintreten, daß die Zulässigkeit der Ueberweifung von S'.raf- kammersachen an das Jugendgericht in weiterem Umfange möglich werde, als es die Novelle vorfieht. Sie müßte für alle Strafkammerdelitte zulässig s-in. Aber abweichend von der Novelle lediglich dann, wenn die zu erwartende Strafhöhe oder der beanzeigte Ersatz der Strafe durch Erziehungsmaßregeln die Einstellung des Jugendgerichts rechtfertigt. Und diese Leberweisungsmöglichkeit müßte auch der Strafkammer selbständig gegeben sein, um alle für die Einstellung des Jugendgerichts im Einzelfalle sprechenden
Dir „Oberhessifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt eiertet* . rdj die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei
unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21). 2.00 <M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Ausland.
** Di« ungarische Anleihe. Wien, 29. Sept. Die „Neue Freie Presse" meldet ans Budapest: Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter empfing mtf der Durchreise nach Bukarrest den Korrespondenz len der „Renen Freien Presse" Er gab dabei feiner Freude darüber Ausdruck, daß es gelang, die ungarische Anleihe unter Heranziehung des österreichische,t und des deutschen Geldmarktes in so erfolgrecher Weise zustande zu bringen. Mit dieser Angelegenheit seien ohne jede innere Berechtigung von ausländischer, weder von ungarischer, noch von deutscher ober österreichischer Seite, auch politische Momente verquickt worden. Unte- diesen Umständen sei es verständlich, wenn auch die deutsche Regierung auf das Zustandekommen dieser Anleihe großes Gewicht .ege, und wenn sie sich jetzt, nachdem die Anleiheverhandlungen mit Ersolg beendet sind, aufn-htig über das Gelingen freue. Es sei übrigens das besondere Interesse ter deutschen Reichsregierung für diesen Gegenstand keine unbedingte Vor,.',«''-tzung des Erfolges '»fr Verhandlungen gewesen. Es V” nicht gering zu schätzen, daß es sich in diese:- Falle gezeigt habe, daß die Herrsch'-.st des fran zosischen Geldmarktes doch tücht jo unbedingt sitz wie man iu Fra.ckr- ich angenommen habe. Äst dem Ausgaag dieser Angelegenheit könne das Verhältnis zwischen Deutschland N'd _ der Monarchie, wenn es re ch irgendwie ß öglich wäre, an Jnnigteit nur gewinnen, und 'o bedeutet bc?- Zustandekommen d->r Anleihe einen Erfolg gerade derjenigen Kreise, die der fron zösische Geldmarkt in Verlegenheit bringen zu können glaubte.
---*--
37 (Nachdruck verboten.)
Seelenkampfe.
Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.
(Fortsetzung.)
17.
Die Fluten, die sich wolkenbrucharftg mehrere Stunden lang ergossen, waren versiegt. Der Wind hatte sich aufgemacht und suchte die schwere Deckr zu zerreißen, die sich fest zusammengewoben über Küste und Meer. Roch hing das Gewölk tief herab und verhüllte den einsamen Obelisken oben auf Opcina, nebliger Dunst schwebte über der See, jede Fernsicht hemmend.
Und doch atmete die Stadt auf — in den Straßen wogte es auf und nieder.
Weniger lebhaft war es an dem Teile der Riva, von dem die Mole des neuen Hafens abzweigen. Zwei jung« Männer in militäricher Kleidung schritten demselben zu.
„Und du. bist wahrhaftig entschlossen, Percy, ihm heute noch auf den Leib zu rücken? Wer weiß, ob er überhaupt schon hier istl"
„Ist er das nicht, so werde ich auf ihn warten. Ich habe keine Zeit zu verlieren, spätestens übermorgen muß ich fort! Aber ist das nicht Rorring dort drüben auf der Spitze der Mole?"
„Wirklich, du, et ist's! Fast sieht's aus, als hielte er Zwiesprache mit den Meernixen; um seine Arbeiter wenigstens scheint er sich nicht stark zu kümmern? Und du glaubst wirklich, daß er sogleich ja sagen wird, wenn du ihn so ohne weiteres um nichts Geringeres bittest, als um seine Frau?"
„Ich bin auf Schwierigkeiten von seiner Seite gefaßt, doch hoffe ich, dieselben werden zu besiegen sein?"
„Besortders da du keinen Anspruch auf ihr
Vermögen machst, im Falle dies der hinderliche Punkt sein sollte! Ihr Reichen seid wirklich zu beneiden? Euch legt so leicht niemand selbst süchtige Beweggründe unter, ob ich aber je imstande sein werde, den Vater meiner Angebeteten davon zu überzeugen, daß es nicht seine Handelsdampfer und Warenmagazine sind, die ich heiraten möcbte, sondern sein lebendiges holdseliges Töchterlein, das weiß kein Mensch in dieser Sttinde."
„Verzeihe Eugen, wenn ich gerade heute unfähig bin, auf fremde Liebessorgen einzugehen. Mein ganzes Sein ist durchzittert von der Angst, Genta noch im letzten Augenblick zu verlieren!"
„Hm, wie pathettsch? Aber der Boden, auf dem du stehst, scheint dir nicht besonders zuzu- sagen? Glück auf den Weg, alter Junge, weißt tza, wie ich's meine!"
Amberg schüttelte dem Freunde warm die Hand und eilte mit gewohnheitsmäßigen Riesenschritten weiter den die Küste begrenzenden Ber- gen zu.
An dem äußersten Ende der Mole, dessen Oberbau man soeben im Begriffe war, mit Quaderpflaster zu bekleiden, stand Rorring, den trüben Blick hinausgerichtet auf das noch immer heftig erregte Meer. Hier im Innern des Bassins zwar war die Macht der Wellen gebrochen, draußen jenseits des Hafendammes tobten sie desto wütender und fpieu ihren weißen Schaum weithin über die Diga.
Feste Männerschritte näherten sich. Er wandte sich um, den Blick mit absichtlicher Kälte auf dem jungen Manne ruhen lassen, der militärisch salutierend vor ihm stand.
„Ich würde Ihnen verbunden fein, Herr Ror ring, wenn Sie mir gestatten wollten, einige Minuten ungestört mit Ihnen zu sprechen."
„Das Meer wird sie hoffentlich als Zeuge nicht belästigen — die Arbeiter sind ziemlich entfernt —"
„Ich weiß nicht, ob Sie auf die Frage die ich an Sie zu richten habe, schon vorbereitet sind durch Ihre Frau Gemahlin?"
„Bitte, scheuen Sie sich ja nicht, direft auf den Kem der Sache loszusteuern. Ich weiß ja doch, worin dieser besteht! Sie sind der Ansicht, Hauptmann von Starren, ich hätte meine Frau nun lange genug gehabt, es sei jetzt an der Zeit, daß ich dieselbe an Sie abtrete — und zwar mit mög lich wenig Geräusch und ohne viel Redereien. Richt so?"
Es tag ein so verwundender Spott in den nachlässig hingeworfenen Worten ut.d um die fcharfgeseukten Mundwinkel des Sprechenden, daß der Angeredete Mühe hatte, mhig zu bleiben.
„Sie fassen die Sache eigentümlich auf, Herr Rorring!"
„Eigentümlicher, als sie es verdient?"
„Gewiß. Es handelt sich bei meiner Anfrage weniger um meine Beziehungen zu Frau Rorring, als vorerst dämm, ob Sie gesonnen sind, das Band sich lösen zu lasten, das seine Beden tung verloren durch gegenseitige Gleichgültlg- kett?"
„Ilm dann die gelösten Enden von Ihrer Hand zu einem neuen, recht dauerhaften Knoten zusammenschlingen zu lassen?"
„Wenn Sie so wollen — ja! Ich sehe übrigens nicht ein, was Sie zu einer so spöttisch gereizten Behandlung dieser Frage zwingt, deren Anregung Ihnen ja doch meiner innersten lieber* zeuguna nach nur erwünscht sein kann?"
„Vielleicht ist es weniger die Frage selbst, als der Fragesteller, der mich zu diese, Art und Weise berechtigt."
„Herr Rorring!" Wartens Hand tastete un willkürlich nach dem Säbrlgrlsfe.
„Lasten Sie stecken — lasten Sie ruhig sückcn, lieber Hauptmann! Glauben Sie ja nicht, daß ich Sie dazu bringen wolle, mir eine Forderung an den Kopf zu Wersen — die heutigen Ze len sind verzweifelt nüchtern für dergleichen Heldentaten, und dann — es wäre wohl doch noch Vie Frage, ob ich benj-nigen für satissatktionsfähig halten würde, bet sich — nach Art der Diebe in meid Haus geschlichen, um mir zu nehmen, was mein ist?"
„Sie wollen sogen, was Sie täglich und stündlich unter die Füße treten, was mich das Mitleid befreien hieß, ehe es die Liebe tat!“ Die Stimme des jungen Mannes bebte vor leidenschaftlicher Entrüstung. „Uebrigens zwingen Sie mich durch Ihre Ausfälle, mich gleich ver- wundender Waffen zu bedienen; auch ich würde vielleicht anstehen, mich einem Manne gegenüber zu stellen, der unter Beihülfe einer ränkevollen Frau ein schon feit Jahren einem anderen verlobtes Mädchen absichtlich über dieses Verhältnis tm unklaren zu halten wußte, um sie zu gewinnen!"
„Ich verstehe Sie nicht, mein Herr!"
„So verstehen Sie mich vielleicht bester, wenn ich Ihnen sage, daß ich es ebenfalls für wenig ehrenhaft halte, dunkle Vorgänge aus dem eigenen Leben zu verheimlichen, um einem nichtsahnenden Kinde das „Ja abzulocken.'
Rorring wat jäh zusammengezuckt, seine Hände wühlten in dem vom Winde zerzausten Haar, während es sich hart und swßweise feiner Brust entrang: „Welche Vorgänge Sie jedenfalls die Güte hatten, unmittelbar der Betrogenen z» hinterbringen?"
(Fortsetzung folgt.)