mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
*nb den Beilagen: „Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) «nd.chandwirtjchastliche Beilage/
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D.r „Oberhessische Zeitung« erscheint täglich «rit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- sährlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der E^edition (Markt 21), 2,00 A. (Für unverlangt zugelandte Manuskripte übernimmt die Reval- Hon keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Sonntag, 2. Oktober 1910.
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45. Iahrg.
Viertes Blatt.
Zur Entwicklung der Berufsgenoffen- schasten.
Am 1. Oktober sind es 25 Jahre, seitdem die grotze Mehrzahl der gewerblichen BerufSgenossen- schäften ihre Tätigkeit aufgenomen hat. Zur Erinnerung an diesen Tag und überhaupt zur Erinnerung an die Anfänge der sozialen Berstche- rung im Reiche wird eine Gendenkfeier abgehalten werden, zu welcher sich sämtliche Berufsgenoffen- schäften mit den Landesversicherungsanstalten zusammengetan haben. Einige Worte über das innere Wesen der Berufsgenoffenschasten dürsten daher am Platze sein. Herr Th. Könen in Köln hat eine kleine Denkschrift zusammengestellt, in welcher man sich leicht über die Frage unterrichten kann. .
Die Berufsgenossenschaften sind die Organe zur Durchführung der Unfall-Berstchemngsgesetze, wie sie durch die Reichsgcsetzgebung seit den achtziger Jahren geschaffen worden sind. Mit der Unfallversicherung wurde die Aera der sozialen Versichcrunggsgesetze eingeleitet. Allerdings war der. verunglückte Arbeiter auch vorher nicht völlig schutzlos. Als mit der industriellen Entwicklung auch die Zahl der gewerblichen Unfiille stieg, erkannte man, daß auch eine verschärfte Haftung für den Unfall geschaffen werden mußte; und so wurde das sogen. Haftpflichtgesetz von 1871 et» lassen. Das Gesetz brachte dem Arbeiter auf der einen Seite eine Wohltat, aber auf der anderen Seite wurde sie ihm wieder entzogen. Das Gesetz legte nämlich dem Verunglückten bezw. seinen Hinterbliebenen die Beweislast auf, d. h. sie mußten beweisen, daß der Unfall auf ein Verschulden des Unternehmers bezw. seiner Betciebs- beamten zurückznfübren sei. Durch diese Vorschrift schieden schon die zahlreichen Unfälle, welche durch Zufall oder durch Verschulden der Mitarbeiter verursacht wurden, völlig aus; dafür gab eS überhaupt keine Entschädigung. In den sonstigen Unfällen war es üt den Vm.....lückten
bezw. seine Hinterbliebenen meist ">, zu ihrem Rechte zu kommen. Sie uiü< nämlich prozessieren. Hatten sie den Prozeß wirklich gewonnen, dann konnte es vorkommen, daß der Unternehmer überhaupt nicht zahlen konnte oder, wenn es ein kleiner Unternehmer war, dann konnte er durch die Entschädigung selbst ruiniiert werden. Viele Unternehmer hasten sich gegen das Risiko des Haftpflichtgesetzes bei privc.ten Unfall-Vcrsich'runfls-Gesellschaste« gedeckt; aber die Gesellschaften zahlten nur, wenn der Entschädigungs-Anspruch durch gerichtliche Entschei-
Vor 40 Iabren.
Kriegscrlebnisse geschildert vom ehemaligen Füsilier der 10. Komp, des 83. Heff. Infanterie- Regiments Ehr. Schneider aus Dainrode, jetzt Gerichtsbiamter in Dortmund.
! Fortsetzung.)
Mittlerweile waren unsere und die bayerische Artillsric aufgesahren: unsere 11. stand rechts von uns in dem Gelände. Wir bekamen Befehl, zur Deckung der Artillerie auf der Chaussee vorzugehen. Die Terrainverhältnisse waren folgendermaßen: die Chauss e führte durch kleinere Oste nach Orleans. Vor einem dieser Oste waren Schanzgräben aufgeworfen. Hinter dieser Schutzwehr befanden sich Weinberge und auf der Chaussee lagen starke Bäume derart gefällt, daß sic quer darüber hinweg lagen und so die Passage sehr erschwerten. Wir duckten uns einigermaßen in den Cbausscegräben und hinter den noch stehenden Bäumen. Einen solchen haste ich mir al--- Deckung ausgewählt und schoß im Schnellfeuer ununterbrochen in die Schanzgräben hinein. Kameraden, die minder gut» Stellungen inne hatten, reichten mir Patronen. Von uns rechts, getrennt durch das Gelände, war Wald, an dem ein einzelnes Haus stand. Dieses benützten die 32er wirksam als geschützten Punkt, eine vostresf- licke Stellung. Hier traf eine französische Granat? die Mündung unserer Geschütze. Während ich in mein t Stellung emsig weiter feuerte, kam unser Sergeant Kattein aus die Erhöhung, um die Stellung der Franzosen besser sehen zu können. Im nächst n Augenblick traf ihn eine Kugel ins Herz; er sank mit den Worten: „Ach Gott? Meine liebe Mutter?« zurück in den Graben und war lot, ein Held des Vaterlandes. Mehrmals versuchten die Franzosen, uns im Sturm zurückzu- Iverfen, aber die Angriffe wurden jedesmal ab- tzeschlagen. Auf einmal wurde es laut. Mait «ef, daß die Bayern von links in die Gräben ein- Narschierten und wir das Feuer einstellen sollten. »Das ist ein Irrtum,« schrie ich mit lautester E>t mme, „ci sind Franzosen, ich habe deutlich
düng unzweifelhaft rechtskräftig festgestellt war. Aber das war gerade schwierig und für den Arbeiter oft unerreichbar. Der Verunglückte prozessierte im Armenrecht und die Prozesse zogen sich Monate, ja Jahre lang hin. Es leuchtet ein, daß durch diese Mißstände die Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeit nm ernstlich gefährdet wurden.
Die soziale Versicherungs-Gesetzgebung, wie sie insbesondere durch die berühmte Kaiserliche Botschaft vom November 1881 e.ngeleitet wurde, bullte diesen Verhältnissen ein Ende machen. Nach mehrjähstgem Kampfe wurde dann auch erreicht, daß im Jahre 1884 das erste Gesetz über die Unfallversicherung erlassen werden konnte. Diese Gesetzgebung baute auf völlig neuenGrund- lagen auf. Es wurde damit der Grundsatz des privatrechtlichen Schadenersatzes aufgegeben und eine Fürsorge geschaffen, welche sich auf öffentlich rechtlicher Grundlage der im Betriebe Verunglückten und ihrer Hinterbliebenen annahm. Jetzt wurde der Grundsatz ausgesprochen, daß alle Betriebsunfälle enffchädigungspflichtig seien, auch wenn sie durch Zufall oder durch Verschulden der Mitarbeiter verursacht worden seien. Der Verunglückte bekam einen gesetzlichen Anspruch auf Entschädigung lind war nicht mehr auf Almosen angewiesen. Die Kosten der Versicherung wurden als Teil der Betstebskosten aufqefaßt und den Unternehmern auferlegt; die Arbeiter hatten keine Beiträge zu der Versicherung zu zahlen. Die Unternehmer selbst wurden nach der Gleich- arttgkett der Betriebe und Berufe zu Bsrufsge- noffenschaften zusammengefaßt. Die ganze Versicherung stand unter gesetzlichem Zwangs, d. h. die Arbeft->r mußten gegen Unfall versichert werden. Als Entschädigung für den scharfen Zwang, welcher in der ganze« Einrichtung lag, wurde den Berufsgenoffenschasten ein weitgehend-S SelbstverwaltungSrecht gewährt.
Auf diesen Grundlagen hat sich die Unfall- Versicherung wettsr entwickelt und die Berufsge- noffenfchaften bilden heute eine der mächtigsten Organisationen im Reiche. ES bestehen heute 66 gewerbliche und 48 land- und forstwirtschaftliche Bemfsgenoffenschasten neben 540 Ausführungsbehörden. Die Unfall-Versicherung umfaßt Über 6,13 Millionen Betriebe und 27 Millionen V-rsicherte. Beinah 40 000 Personen sind im Ehrenamte tätig. Außerdem haben die Berufsgenoffenschasten Über 4300 Angestellte und Über 300 technische Aufsichtsbeamte. Es ist also ei« ries.ngroßrr Apparat, der sich da her- ausgebildet hat.
Leicht haben es die Berufsgenoffenschasten natürlich nicht Sie umfaffen auch viele tausende mittler sr, kleiner und kleinster Unternehmen, denen es oft sehr schwer wird, die Beiträge für die Unfall-Versicherung aufzubringen. Es heißt
deren rote Hosen gesehen.« Daraufhin sprengte unser Adjutant mit seinem Pferde in das Gelände und rief: „Schützm aufstehen! Fällt das Gewehr! Marsch! Marsch! Hurra!« In meiner guten Stellung war ich der erste, der folgte. Der Sturm wurde mit einer kaltblütigen Ruhe und solcher Wucht ausgeführt, daß die Franzosen schleunigst die Flucht ergriffen. Wir waren Herr der Stellung. Die Verfolgung der Franzosen wurde sofort ausgenommen; wir ließm den Feind nicht zur Ruhe kommen. Bei dieser Verfolgung kam ich an der Leiche eines gefallenen französt- schen Arztes vorbei, welcher noch eine gefüllte schöne Feldflasche umhängen batte. Mir fehlte eine solche und ich nahm st: an mich; sie ist auf dem Titelbilde zu sehen. Ich glaubte, ein seines Getränk mit der Flasche erbeutet zu haben. Was war in der Feldflasche? Schwarzer Kaffer! Da ich dieses Getränk allen anderen vorzog, erquickte und labte ich mich daran. Noch einmal fetzte sich der Feind auf einer Anhöhe rechts von uns zur Wehr. Uns bot sich eine lange Reihe Steinhaufen am Wege als gute Deckung. Wir stellten unsere Helme auf die Steinhaufen, zwischen zwei Helmen aber nahm jedesmal ein Schütze Stellung, womit wir den Schein erwecken wollten, daß wir doppelt so stark wären, als es in Wirklichkeit der Fall. Der Feind hielt nicht mehr lange Stand. Wir setzten nun unseren Marsch nach links der Hauptstraße zu fort und kamen vor die Tore von Orleans. Hier gab es vereinzelte Straßenge- fecfite, die sprungweise von Haus zu Haus ausgefochten wurden. Inzwischen kam ein Bataillon 94er, geschlossen, mit Musik an ber^Tete, anmar fdii-tt und zog ungehindert in Orleans ein. Wir bekamen Befehl, zurückzugehen und uns zu sammeln, um die Gefangenen, die gemacht worden waren, zu bewachen. Die Gefangenen waren einstweil.-n in großen eingestiedigten Metzgereien untergebracht.
Am anderen Morgen marschierten wir ebenfalls in Orleans ein. Es wurden Maffenquar- tierc bezogen. Unser Kompagnieführer, Premierleutnant von Arndt, war ein lieber Offizier; er ließ uns täglich nur einmal zum Appell antrete«.
also, mit den aufgebrachten Geldern vorsichtig Wirtschaften. Auf der andern Seite stehen die Verletzten und ihre Familien, die natürlich möglichst hohe Entschädigungen und Rente« habe« wollen. Aber die Berufsgenoffenschasten haben es verstanden, am rechten Orte stets Liberalität in den Entschädigungen und Sparsamkeit zu eal- wicksln. Im ganzen geht durch ihre Tätigkeit " ein Hauch wahrhaft humaner Gesinnung und, was sie im ganzen geleistet haben, ist eine imponierende Bestätigung modernen sozialen Geistes. Beinah zwei Milliarden Mark haben sts fdt Bestehen der Unfall-Versicherung für Entschädigungen und Renten aufgeweudet. Was ste in vorbeugender Tätigkeit, nämlich zur Verhütung von Unfällen und zur Verringnmng der Unfall Gefahren getan haben, ist nicht weniger bedeutungsvoll
Unpolitische Tagesnachrichten,
Aussperrung 1« der Seideninduftrie. K re- fe l d, 30. Sept. In der heutigen Sitzung des Arbeitgeberverbandes der rheinischen Seidenin- dustrie wurde einstimmig beschlossen, in 14 Tagen die allgemeine Sperre zu verhängen, falls der Ausstand bei der Firma Eisländer bis dahin nicht beendet ist. Es kommen ungefähr 1500 Arbeiter in Frage.
Deckeneinsturz bei einem Neubau. München, 80. Sept. Heute früh ist im 3. Stockwerk eines Neubaues in der Rauchstraße das Deckengewölbe eingestürzt. wobei die Decken des ersten und zweiten Stockwerkes durchschlagen wurden. Zwei Arbeiter wurden schwer, einer leicht veletzt.
Schiffszusammenstotz. Hamburg, 30. Sept. Der hier eingetroffene englische Schnelldampfer „Sir Walter Scott« kollidierte an der englischen Küste mit dem deuffchen Schoner „Friedrich«. Der Schoner ist gesunken. Drei Mann der Besatzung, unter ihnen der Kapitän, sind ertrunken.
Die Cholera. Rom, 30. Sept. In den letzten 24 Stunden sind in der Stadt Neapel 18 Erkrankungen und 11 Todesfälle an Cholera fest- gestellt worden, in der Provinz Neapel 9 Erkrankungen und 1 Todesfall, in der Provinz Casetta 2 Erkrankungen, in Apulien 4 Erkrankungen und 3 Todesfälle, in der Provinz Saffari auf Sardinien 4 Erkrankungen und den Tod einer aus Neapel zugereisten Person. — Konstantinopel, 30. Sept. Hier sind gestern 8, nach anderen Angaben 10 neue Erkrankung m und 4 Todesfälle an Cholera borgefotr.r.ien.
Vermischtes.
Die rote Rase. Wir lesen in der „Köln. Ztg.«: Daß ein gesunder Humor auch bei den Herren im geistlichen Gewand zu finden ist, kam
Hier in Orleans gab es ein buntes Treiben, mit unseren Waffenbrüdern, den Bayern, wurde feste Freundschaft geschloffen, hatten wir doch anscheinend auf einige Zett Waffenruhe. Die Zeit wurde in der mannigfaltigsten Weise ausgenützt Die Artillerie und Kavallerie hatten mit Geschütz und Pferden vorab voll: Arbeit. Die Infanterie ist in dieser Hinsicht besser daran, Mann und Gewehr finden sich bald zurecht, ihnen gehört der Löwenanteil bei der Waffenruhe. Jetzt hatten wir Zeit und Geld tot ; nie zuvor, der Brustbeutel war angeschwollen durch die doppelte Kriegslöhnung, w il wir bisher keine Gelegenheit zum Geldausgeben gehabt hatten. Dabei muß ich noch dankbar meines früheren Arbeitgebers gedenken, welcher mir dazu noch manche Zuwendung gemacht batte. Die einen vergnügten sich mft Kartenspiel, andere besahen sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt und dergleichen mehr. Den letzteren Zeiwertreib wählten mein Kamerad und Korporalschaftsführer, der Gefreite Heinrich Nobis ans Löhlbach in Heffen-Naffau und ich. Wir besucht m den Dom Hier beteten Geistliche für die Waffenehre Frankreichs. Vor dem Dome steht die Statue der Jungfrau von Orleans, an welcher noch mit Kreideschrift die Worte standen: „Vivat die Armee!« wie ich bsreits erwähnte. Bei diesen Streifzügen kamen wir auf den Gedanken, uns photographieren zu lassen. Wir zahlten dafür 6 Taler und ließen dem Photographen unser: Feldpostadreffe zurück. Um meine schöne Feldflasche aus dem Bilde bester zur Geltung zu bringen, hatte ich diese mehr nach vorne gezogen. Aus dem Rückweg zum Quartier bes- gegneten uns bayerische Offiziere. Nobis kommandierte: „Faßt das Gewehr an!« Ich setzte fest ein und o wch, meine Flasche war entzwei. Tags vorher hatte mir Herr Unteroffizier Zündler aus der Kompagnie 4 Taler dafür geboten; ich hatte nicht lange Freude daran gehabt. Eine schöne Feier wurde in Orleans abgehalten; ein Feldgottesdienst, der einzige, den ich in Feindesland erlebt habe. Auch für den Divisionspfarrer war es der letzte in seinem Dasein, berat er starb nach einigen Tagen am 18. Oktober bei Chateau«
unlängst bei einer Feier in der Pfalz beredt zmst Ausdruck. Dort saßen sich an gut besetzte» Tafel zwei geistliche Herren gegenüber. Der eine wat Pfarrer in der Stadt, der andere amtierte aus einem Nachbardorfe. Dieser hatte den Doktor/ titel, jener führte den eines geistlichen Rates. Ist den Pausen des leckeren Mahles unterhielt man sich, wie das so Üblich, Über dies und das. Und da man beim Wein saß, sprach man auch vom Wein. Und vom Wein kam man, was liegt den« näher, auch langsam auf die roten Rasen zu sprr. chen. Der Geistliche Rat wars, der diese Frage anschnitt. Dieweil er nun selbst ein Pracht- exemplar dieser Gattung sein eigen nennt, konnte er dies tun, ohne Gefahr zu laufen, damit jemandem zu nahe zu treten. Ich sah sie einmal — seine Nase nämlich —, sa schreibt der Gewährsmann, als der Prinzregent von Bayern zum letzten Male in der Pfalz weilte, wie et von dem Geistlichen Rat unterhalb der Maxburg feierlich begrüßt wurde. Und es schien mir, als hätte bei* Fürst ein besonderes Wohlgefallen an dem geistlichen Herrn. So häufig er auch bei seinen lieben Pfälzern gerötete Wangen und ebensolche Nasen gesehen haben mag. dieser alte ehrwürdige Herr itberlrcf sie sicherlich alle und der Prinzregent mochte wohl auch im Stillen geglaubt haben, das käme vom Weiu. Das ist aber eine irrige Ansicht, denn der joviale Geistliche Rat hat bei dem erwähnten Festmahl in humorvoller Weife des Rätsels Lösung selbst gegeben. „Sie denken, meine Herren,« so sprach er zu feinen Konfratres, „der Nase Röte verrate des WeineS Feuer, und die Bläue sei ein Zeichen der Treue, mit der ich am Rebcnblut hänge. Weit gefehlt, meine Herren! Dem Tabaffchnupsen. dieser Untugend, hab ichs zuzuschreiben« Die Nachbarn hörten es gläubig an, und keiner getraute sich a« dem Wort des ehrwürdigen Herrn irgendwie zu zweifeln. Nur der Doktor-Nachbar machte eine ungläubige Miene. Also vom Tabakschnupfen? Ja, ja, das leuchtete allen ein. Da mochte wohl manch einer, der zufällig in der Pfalz wohnte, unschuldig in Verdacht gekommen fein. So und ähnlich dachten die, die nun über die Herkunft der roten Nase des ehrwürdigen Herrn aufgeklärt waren. Da erhob auf einmal bet Herr Doktor-Pfarrer, dessen unverwüstlicher, aber gesunder Humor in der ganzen Gegend bekannt ist, sein Weinglas und mit einem Lächeln auf den Lippen sagt er: „Prosit. Herr Geistlicher Rat, wir wollen wieder eine Prise nehmen?« Sprach- und lachte. Und die anderen lachten mit, am herzlichsten aber der Herr Geistliche Rat selbst.
Verantwortlich i. V.: für den politischen Teil E. W e 0 e n e r, für den übrigen Teil M. W i ß n e t. ---♦---
dun den Heldentod. Der Gottesdienst wurde im Freien abgehalten. Dazu war ein Altar aus Trommeln und Gewehren errichtet, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz. Roch heute lebt der tief'- Eindruck, den diese Feier auf mich machte, in mir fort. Eine ganz besondere Ueberraschnng wurde uns beim nächsten Appell zu leit, nämlich die, daß der Kompagnie bas Eiserne Kreuz verliehen wurdc. Diese frohe Botschaft machte bet Kompagniech f mit dem Bemerken bekannt: „Füsiliere, es ist der Kor pagnie noch -in Eisernes Kreuz von der Schlacht bei Wörth verliehen; dasselbe soll aber diesmal kein Chargierter, sondern ein Füsilier haben, und damit Keinem Unrecht geschieht, soll die Kompagnie wählen. Weil aber Wörth schon weit zurückliegt, fönen auch die letzten Schlachten in Betracht kommen.« Leicht war die Auswahl W Würdigsten unter so vielen nicht. Es. entstand ein Gemurmel unter den Mannschaften und die Ansichten waren geteilt. Am linken Flügel nannte man meinen Namen wegen meines Verhaltens in der letzten Schlacht. Da trat bet Füsilier Schneider II, Butsche beim Herrn Feldwebel Hauschlib, mit bem Vorschlag vor, es habe bet Füsilier Demich bet Wörth ein Bein verloren. Ob bieset nicht mit Rücksicht hieraus bas Eiserne Kreuz für bie Kompgnie tragen solle. Diese Wort« fingen Feuer und einstimmig wurde dieser Vorschlag angenommen. Damit waten wir dem immerhin peinlichen Geschäfte des Wählens enthoben.
Wie aber alle Herrlichkckt von kurzer Dauer ist, so wat 's hier; es wurde Genetalmarsch geschlagen und wir, bie 22. preußische Division, mit Zugabe einer bayerischen Batterie rückten aus Orleans hinaus. Diesmal war unsere Aufgabe, bie feindlichen Truppen, welche in bet Richtung Chartres-Paris marschierten, zurückzuhalten und bas Stäbtchen Chartres Zn besetzen. Bevor wir bieses erreichte«, kam es am 18. Oktober bn Chateaubun zum Gefecht; hier würbe unser Divi sionspfarrer von einer Kugel butch de« Kopf getroffen, wie ich vorher erzählte.
(Fortsetzung folgt.)