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Drittes Blatt

80

(Nachdruck oerbMen.)

sind

sein

daS

Leise Ab-

,Du bist nicht klug, Riccardo, wo

Frau Donato sah fragend

,3m Ballsaal, Mama, hörst du

Musik?

Kadetten

tanzen?' herüber.

nicht die

Marine-

willst du zu ihm

ration fürwahr es ist gut ruhen im Schatten der Villa Ferdinand!

Und ringsumher, welche Fülle von Anmut und Schönheit! Es sind verführerisch reizende Gestalten, die dem Felsboden Triests entsprießen.

Ziemlich weit entfernt vom Orchester, das so eben einen lebhaften Walzer intoniert, hat sich eine uns zum größten Teil bekannte Gesellschaft niedergelassen. Die Bewohner der beidm be nachbarten Villen, mit ihnen Warren und Am­berg Lucietta hat sich bisher so eifrig mit ihr'm militärischenGegenüber' unterhalten, als es die sttengblickende Mama nur irgend erlaubte. Bei den ersten Klängen des Walzers aber ist sie plötzlich merkwürdig still geworden und lugt an­gelegentlich nach den Saalsenstern hinüber, an denen man tanzende Paare 'vorüberschweben steht. Sie klatscht leise in die Hände.Gelungen, gelungen! Ich werde heute noch tanzen, und Sie, Herr Oberleutnant wollen Sie mein Tänze, sein?'

Santa Lucia ob ich will!'

Schwören Sie doch nicht so entsetzlich!'

Santa Lucia?' Antwortete «r schmachtend. Ah, da ist ja Riccardo!'

Ja, da war er! Glühend vor freudiger Er­regung stand er vor Genia, sich ehrfurchtsvoll verbeugend.

Würden Sie mich für sehr kühn halten, gnädige Frau, wenn ich Sie bäte, mir einen Tanz zu gewähren?'

Du hast recht, als junge Frau willst du dich schonen,' meinte Rorring mit einem eigentüm­lichen Blick, unL't dem Genia tief errötete. Sie allein wußte, daß auch diese Worte beißenden Spott enthielten. Und dazu dieser Blick Percvs, der angswoll forschend auf ihr ruhte sie hätte

daß Rorring ihr erschreckt nachblickte, wie ihre leicht vorgeneigte Gestalt in dem hellschimmern- den Schleppkleide zwischen den Bäumen bt« schwand. Zwei ernste Ange» trafen die seinen, als er sich zurückwandte, Augen in denen es lag wir stummer Vorwurf und zugleich wie unb> stimmte Angst vor et-vas bisher nicht Geahntem.

Eugenies Gatte fühlte unter diesem Blicke, daß er Warren haßte, ihn von Anfang an ge­haßt habe.

Einen schmalen Fußpfad verfolgend, der sich den Abhang des Berges hinunterschlängelt, stand Genia nach wenig Mnuten im frischgrünen Laubwalde. Niedrige, kurzknorrige Eichen über schatteten sie: vor ihr aber öffnete sich das Busch­werk, den Blick frei hinausschweifen lastend bis zum Meere und bet friaulischen Küste.

Genia hatte sich am Fuße einer Akazie nieder gelosten; aber die scheidenden Strahlen im West '» taten ihr weh, das Glänzen des Meeres blendet, sie, der lau um ihre Schläfe« streichende Abend- wind machte sie frösteln. Mit geschlostenen Augen saß sie da, den Kopf an den Stamm des Baumes gelehnt, es versuchend, der Welt zu vergesse« und ihres eigene« Jchs. Wie hatte sie noch vor kurzem gejubelt über die neu gewordene Erkennt­nis, wie hatte sie gemeint, fortan alles trag « und dulden zu können in dem verklärenden Lichte, das sich ihr über alles ergossen. Das Licht war noch da aber grell leuchtend fiel sein Schein auch auf die Unhaltbarkett ihrer eigenen Läget Wochen lagen zwischen jetzt und damals, aderet hatte sich stets wie ein Schleier über sie gesenkt, wenn Percy gekommen, und selbst der Blick heißer Liebe, den er zuweilen aus ihr ruhen ließ, hatte diesen Schleier nicht zu heben vermocht, t.

(Fortsetzung folgt.) \

bestochen. Anfangs wagten sie sich nur an die junge Generationen, jetzt eilt schon alles hinein! Darf ich bitten, Signora?'

Ich danke, Herr Donato, ich tanze nicht.'

Ueberhaupt nicht? Wie schade! Freilich, man sah Sie auch auf keinem unsren Winter- bälle--*

Rorring warf dem Sprechenden einen scharf spöttischen Blick zu.Ich bin ein so leidenschaft- lichn Tänzer, junger Mann, daß meine Frau fürchtete, ich würde sie aus denselben gänzlich für mich in Anspmch nehmen. Solche verliebte junge Ehepaare sind aber stets lächerlich wir zogen es vor, uns dem nicht auszusetzen!' Lucietta war neben ihn getreten.

Aber Sie werden doch Ausnahmen machen,

Herr Rorring? Richt wahr, Signora, Sie gut und lieb und kommen mit uns?'

Genia wußte, wie tief Rorring beleidigt würde, wenn sie nachgab.

Ich danke wirklich. Ich will doch lieber Tanzen den jungen Mädchen überlasten.'

Seelenkämpfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)'

Er stieß heftig den schweren Etchenholzseffel zurück und sprang auf, um das Fenster zu öffnen. Er bog sich weit hinaus, um nicht zu ersticken an der Scham und bin Zorn, die in ihm kochten. Schweigsam und düster nahm er seinen Platz wieder ein; hart an der Grenze der Höflich­keit standen die Antworten auf die freundlichen Fragen und Mitteilungen seines Gastes; beißend waren die Ausfälle, die er um des kleinsten Vor­sehens willen gegen Genia führte, so daß diese mehr als einmal zusammenzuckte untar dem kal­ten Sarkasmus seiner Worte und Blicke, die heute doppelt weh taten in Gegenwart Percys. Und das Mahl, das so heiter begonnen, schleppte sich mühsam hin, peinlich und erkältend für alle.

Warren empfahl sich bald nach dem Essen. Es war ihm unmöglich, es noch länger mit anzu­sehen, wie die zarte, bleiche, junge Frau an sei­ner Seite sich stumm leidend beugte unter den Angriffen des düsteren Mannes. Sein ritterliches Gefühl empörte sich dagegen, und doch mußte er sich sagen, daß er selbst nicht den Schatten eines Rechtes besitze, Genia zu verteidigen.

13.

Es war Himmelfahrtstag und herrlich sonnen- glänzendes Wetter. Auf dem Gesellschaftsplatz nächst bet Villa Ferdinand hatte sich alles ver­sammelt, was Triest an feiner Gesellschaft besaß. Uebrigens mußte man es den Repräsentanten derselben zugestehcn, daß sie gewußt wo es gut sei, Hütten zu bauen. Die reine Lust der Berge, vermischt mit dem weichen Atem des Meeres, die entzückende Fernsicht, die elegante Restau-

Marburg

Sonntag, 25. September 1910.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß § 18 Urheberrechts nur mit der deutlichen Cueüenangabe

Oberhess. Zig.' g-stttttt.)

Marburg, 24. Sept.

* Umgehung der Zündholzsteuer. Rach Mit­teilung einer Zündwarenfabrik werden unter dein NamenZündköpfchcn' Erzeugnisse in den Handel gebracht, die dazu bestimmt sind, unter Umgehung der Zündwarensteuer billige,. Ersatz für Zündhölzer zu bieten. Die Ware bestebt aus 4 mm dicken, mit einer b sonderen Zündmass« überzogenen Köpfen, deren Kern ans Holz, Sttoh, Pappe und gepreßten Pflanzenfasern

vergehen mögen!

Ich möchte ein wenig in den Anlagen spazieren gehen, Herbett, darf ich?' __

Gewiß, soll ich dich begleiten?' f ..

bitte klang in seiner Stimme, Genia hötte eS

Es, sind heute eine Menge heraufgekommen, ganz zufällig natür­lich' er warf seiner Schwester einen verständ­nisinnige« Blick zu.Sie haben di» Musiker

nicht.

Ich danke dir, ich habe schon feit heute, morgen hefttges Kopfweh, ich denke, es wird bester, wenn ich allein bin.'

Sie sah so leidend aus, als sie seitwätts ein- biegend, einen bat entlegeueten Wege dahinschritt.

«nb den Beilagen: .Flach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage

Sphäre lyrischer Eefühlsergüsse und gestaltete ihn zum leidenschaftsvollen und teidensreichen Dichter; [o prägte er Richard II., den typischen Vertreter de» Eottesgnabentums, zur dramatischen Gestalt fe wurde er schließlich zum Charakterspieler. Denn, wi« angedeutet, Charakterspieler war Kainz im Grund« immer gewesen, auch wenn er die Carlos und di« Romeo spielte, und es war nur eine konsequent« Entwicklung, die diese reiche Persönlichkeit zu Ri­chard IIL, zum Franz Moor und zum Mephistofelei führte. Gestalten von dieser Art und Klasse sind es, die die letzte reiche Schaffensperiode unseres Künsb lers charakterisieren die Periode seiner Wirksam feit am Burgtheater.

Bevor er dahin kam, hatte er wieder recht schwer« und stürmische Zeiten zu bestehen. Es war kein glücklicher Tag, als er sich im Jahre 1888 von Bar- nay für das Berliner Theater gewinnen ließ. Er ver­ließ das Theater, wurde trotz ärztlichen Zeugnisse« für kontraktbrüchig erklärt, und nun schweifte er, de, vergötterte Liebling der besten Berliner Gesellschaft, auf traurigen Prooinzbllhnen im Osten von Berlin herum. Ich habe ihn dort einmal gesehen, wie et die herrliche Rolle des Rustan imTraum ein Be­ben zum erstenmale spielte, und es war ein ergrei­fender Anblick, diesen König der Bühne in dieser Lumpenwelt, ein König ach noch hier, zu beobachten. Wanderschaft und Elend in Amerika folgten, bis end­lich das Deutsche Theater sich seines alten Stolzes wieder annahm und ihn, seinetwegen aus dem Büh- ncnvereine austretend, wieder er-erte. unter L'Arronge und Br ahm schuf er dann eine weiter« Reihe neuer glänzender Leistungen, langsam mit dem Tartuffe und dem Misanthropen in das Charakter- fach übertretend, bis er im Herbste 1899 in den Ver­band des Burgtheaters eintrat. Es ist dort gekom­men, wie es'seit 1883 überall gekommen ist. wo Kainz spielte; er wurde der Herrscher. Für seine Kollegen war das nicht immer leicht. Der beste Ka­merad, der gütigste Helfer, so recht, was man einen guten Kerl nennt, war doch dieser temperamentvolle Künstler nicht immer leicht zu berechnen. Er hatte seine guten und seine schlechten Tage. An den guten riß er alles, was neben ibm auf der Bühne stand, zur höchsten Vegeisteruna und Leiflnno-rmbiakeil mit, an den schlechten überrannte er die Mttstieler und kümmerte sich um das Publikum, man kann sagen, garnicht. Er gehörte eben nicht zu bet filasse bet er.indes utilites", sondern ausaesprochen in die de« Genies. Mas er anfaßte, erhielt geniales Gevräge. Genial war seine Leidenschaft, genial der strahlend« Adel, den er seinen Gestatten einzuimnfen wußte. Es war sein ciaener Adel. Denn in diesem Künstlet brannte die Flamme echtester Kurstriebe und ein un­erschütterlicher Idealismus. ein Glaube an Schönheit und Menschenwürde, der selbst bann noch aus seinen Gestalten hervorleuchtete. wenn er die düstersten Ab­gründe verbre-i>er!scher Seelen darzustellen hatte.

Wien (wohin die Familie Kainz übergesiedelt war) sitzen geblieben, weil es über den Deklamations­übungen im deutschen Unterrichte die anderen Lehr­fächer ungebührlich vernachlässigt hatte. Das hielt Vater Kainz für einen Wink des Schicksals: jetzt wat es entschieden, daß bet Pepi zum Theater mußte, und richtig trat er anno 1874, volle 16 Iahte alt, aus einem Theaterlein in Wien auf, das den Namen Sulkowsky-Theater führte und so eine Art Versuchs­buhne für die Genies von morgen und übermorgen bildete. Bei diesem Versuche stellte sich denn heraus, baß bet junge Herr noch wett bavon entfernt war, bie deutsche Sprache ausreichend zu beherrschen, und, so seht seine Ungeduld sich gegen bie Schulbank sträubte, so mußte er, der zuvor schon in noch jüngeren Iahten bei einigen dramatischen Lehr­meistern einen gewissen Unterricht empfangen hatte, jetzt doch erst noch zur Kupfer-Eomansky, bet Lehre­rin der Wolter, in die Lehrstunbe. Unb ein Viertel­jahr hat ets ertragen trüge nicht länget mehr, sprobtüiette sich vor bett Gewaltigen ber Burg, als wie Sonnenthal, Lewinsky unb Förster, ohne indes bei ihnen den bringenden Wunsch zu erregen, ben jungen Herrn für bie Burg zu gewinnen. Unb es begannen Wanderjahre, in denen Licht unb Schatten gar schnell miteinander wechselten. In Cassel erlebte et einen völligen Durchfall, in Marburg an bet Drau errang et Erfolge, in Leipzig hatte er schwere Zetten durchzumachen. Dorthin berief ihn 1876 Förster, ber das Probejpiel des jungen Mannes vor ber Burg­theaterkommission nicht vergessen hatte unb, von Kainzens Talent überzeugt, ihn durchaus beim Publikum durchsetzen wollte. Das gelang aber nur seht unvollkommen. Es folgten drei Jahre am Mei­ninger Hofiheater, mit dem Kainz ganz Deutschland die Kreuz und Quer durchzog unb wo er eigentlich bie ersten Etunbsteine zu seinem künftigen Ruhme legte. 1880 berief ihn bann Possart nach München, unb hier war König Lubwig II., ber nach August Förster das Genie des noch jungen Manne- ganz er­faßte. Es ist bekannt, daß Kainz in fo mancher Se­paratvorstellung vor dem kunstsinnigen Könige auf­getreten ist und baß et in ihm mehr als einen Gön­net, einen Fteunb gefunben hat.

Das war bie Vor- unb Lebensgeschichte bes Künst­lers, ber sich auf bem Deutschen Theater gleich mit seiner Eröffnungsrolle als Ferbinand eine einzige Position schuf. Worin aber lag nun bie eigentüm­liche unb ganz unwiderstehliche Gewalt unb Kraft, die von allen seinen Gestalten ausging? Wat es bet Reiz körperlicher Schönheit? mit Nichten. Kaiin war ungemein interessant, aber nicht schön. Die Gestalt knabenhaft, zuwe.ilen oft von eigentümlich schwanken­den Bewegungen, das Gesicht mit ben großen lebhaf­ten Augen ungemein geistvoll, aber unregelmäßig, immer wechselnd, ein Spiegel, auf dem auch im Pri­vatleben jede kleinste Regung feines Empfindens blitzschnell sichtbar wurde. Zweifellos ist Matkowskn. ber einige Iahte später als fein mächtiger Rivale im Berliner Theaterleben auftauchte, an körperlicher Schönheit, an Pracht ber männlichen Erscheinung ihm überlegen. Unb bennoch fehlte es Kainz in sei­ner Meise an Schönheit durchaus nicht nur war es eine Schönheit von ganz eigener, durchaus geisti­ger Art. Es war eine bis dahin noch nie beobachtete grazile Anmut, eine unbändige Elastizität, die an geschmeidige Schönheit blitzenden Stahles erinnerte, ein Feuer, das sich in allen feinen Zügen. Beweg­ungen. Gebärden. Worten äußerte, bald dunkel-prach- tig, wie eine dämonische Flamme, bald licht-heiter wie ein Ovferfeuer. Ging man aber bem Sßefen die­ser eigentümlichen kainzischen Schönheit tiefer nach, so erfand man schließlich als ben letzten Quell, aus bem feine Leistungen machtvoll hervordrangen, eine großarttae Vitalität, wie sie auf ben die Welt bedeu­tenden Brettern ungemein feiten ist.

(Nachdruck verboten.)

Josef Kainz.

Von C. H e y d e n.

Wir werden nimmer seinesgleichen sehen" das ist der schmerzensvolle Gedanke, der uns in bem Augenblicke erfüllt, ba Josef Kainzens herrliche Kraft von uns genommen ward. Wir haben nimmer seinesgleichen gesehen bas war die begeisterte Empfindung, die uns vor jenen 27 Jahren erfüllte, ba bies glänzende Gestirn In feiner ganzen Pracht vor uns aufging. Die jene Tage nicht miterlebt ha­ben, können sich ihren gewaltigen Eindruck und Nach­hall kaum vergegenwärtigen. Das Deutsche Theater in ber Entstehung bie Erwartungen aller Freunde ber deutschen Bühne auf das Höchste gespannt Künstler, rote Barnay, Haase,. Possart und August Förster in einzigem Vereine und zwischen unb neben ihnen als jugendlicher Held und Liebhaber dieser Koses Kainz, der trotz seiner Tätigkeit att dem berühmten Meininger Hoftheater und in München doch noch keineswegs zu denen gehörte, die über einen großen unb befestigten Theaterberuf in deutschen Landen verfügten. Da trat sein Ferdinand inKa­bale unb Liebe" ans Licht, unb halb darnach fein Carlos und fein Romeo und jetzt erst war Josef Kainz entdeckt, entdeckt für immer. Es bleibt ein Ruhmestitel der mit Beifall und Anerkennung oft recht sehr kargenden Reichshauptstadt, daß sie das Genie dieses aus den äußersten Marken südlichen Deutschtums stammenden Jünglings sogleich voll er­kannt und gewürdigt hat. Uns aber, die wir dazu­mal zu den Jüngeren gehörten, war zumute, als ob uns eine künstlerische Offenbarung zuteil geworden sei, als ob bie Klassiker, bie uns doch auch zuvor nicht unbekannt gewesen waren, völlig neu geschenkt wur­den. Auf die erwähnten Prachtrollen folgte bald eine lange Reihe anderer, in bet Meisterstück sich an Meisterstück reihte. Der visionäre Helbenjüngling Friedrich von Homburg, der spröd-ritterliche Tempel­herr Lessings, Shakespeares von Lebensfülle strotzen- der Prinz Heinz. Schillers leidenschaftlicher Melch- tbal' wieviel heißes Leben, wieviel Geist, Originali­tät, Witz und stählerne Kraft war nicht in jeder die- fer unvergeßlichen Gestalten zusammengefaßt! Nicht bet Figuren Grillparzers zu vergessen, benen Kainz eine unwandelbare künstlerische und landsmaniuchast- liche Liebe widmete, dessen Küchenjunge Leon um, dessen König in derJüdin" er gleichsam zum zwei- tenmale aus dem Dunkel des Ungeschaffenen tu das Lichtreich der Gestaltung führte.

25 Jahre war Kainz alt, als er bie Bühne bes .Deutschen Theaters" unb damit bie feines Ruhmes betrat. 25 Jahre unb schon lagen beinahe 10 Jahre theatralischer Laufbahn hinter ihm! Jahre, in denen es ihm sauer genug geworden ist; Iahte, in denen es galt *Biegen ober brechen'; Iahte,, in deren strenger Zucht ber bie deutsche Sprache nicht voll meifternbe Deutsch-Ungar unablässig an seiner künstlerischen Erziehung unb allgemeinen Bildung gearbeitet unb sich zu ber durch unb durch originellen unb interessanten Persönlichkeit entwickelt hat, als bie er dann in Berlin meteorgleich auftauchte. Das ungarische Stäbtchen Wieselburg ist feine Heimat, fein Vater wat ein Bahnbeamter, bem von kundiger Seite nachgesagt wird, er habe selbst bem Theater nicht ganz ferngeftanben. Gewiß ist. daß er selbst es gewesen ist, ber sein Söhnlein bem Theater zuführte. Selbiges Söhnlein war auf bem Realgymnasium zu

Es gibt Schauspieler, bie eben nichts als Schau­spieler unb unb es boch zu schönen Leistungen bringen können. Freilich nie zu ben größten. Dazu gehört mehr, als nur ein Schauspieler dazu gehört ein Mensch, eine ganze große Persönlichkeit. Und eben bas wat Kainz. Er, ber bte Schulbank und die dra­matische Lehrstunde ungeduldig vor der Zeit verlassen hatte, war von einem nie zu stillenden Wissensdurste erfüllt, horchte in alle Fächer der Wissenschaft hinein, studierte, sammelte, las. Ein starkes Fludium ging von ihm aus, wenn man sich mit ihm unterhielt. Jeder originelle Gedanke, jedes geistvolle Wort wurde von ihm im Augenblicke auf gefaßt unb ausge­nommen, unb Romeo erwies sich als ein scharfer und gewandter Dialektiker. Was tn bie Mühle feinet Persönlichkeit geriet, würbe Geist. Er verstaub es, feine Gewohnheiten, fein ganzes Leben zu vergeisti­gen; unb fo hat er auch feine Rollen immer unb ausschließlich vom geistigen Stanbpunkte erfaßt. An physischer Gewalt sinb ihm hunberte überlegen ge­wesen, an geistiger lleberzeugungskrast kam ihm nicht einer gleich. Es vereinigte sich tn feiner Per­sönlichkeit der schärfste Verstand mit der stärksten Phantasie. Es. ist mit Recht gesagt worden, daß man Kainz kaum ein größtes Unrecht antun könne, als ihm Originalitätshascherei vorzuwerfen. So wie seine Gestalten auf die Bühne traten, fo sind sie ihm, dem unermüdlichen Lefet, in ber ersten frischesten Jnstuition vor bie Seele getreten. Wenn er aber diese Jnstuition auf ber Bühne mit so unvergleich­licher Lebenskraft verwirklichen konnte, fo bankte er bas ber strengen Arbeit, bie er an sich, an ieber feiner Rollen vollbrachte. Der Laie, ber ihn so spielen sah und bet bie Leichtigkeit feines Spiels empfanb, ber mochte sich wohl verstellen, baß biefer Künstler gleich­sam im Spiele arbeite unb in bet Arbeit spiele. Das Gegenteil war ber Fall. Kainz versäumte nichts um sich seiner Rolle zu vergewissern. Eine große schöne Bibliothek leistete ihm dabei wertvolle Hilfe. Keine Nachforschung war ihm zu mühselig und dann kam das Feilen, das Ausarbeiten. Et war ein guter Lerner", ber freilich nicht bie Gewohnheit hatte, gleich auf ben ersten Proben mit fertig memorierter Rolle zu erscheinen, sondern gern erst noch von der Bühne selbst Anregung empfing. Dann aber, wenn bas Stück in ben Proben fortschritt, bemächtigte et sich feiner Rolle vollständig. Bei alledem kam ihm freilich jene oft gerühmte und bewunderte Natur- gabe entscheidend zu statten, bie sich in feinet Rebe äußerte. Die Virtuosität, mit ber er bie Rede Ge­meisterte, war zweifellos angeborene Naturgabe, aber ber Geist, mit dem er sie glieberte, aufbaute, erleuchtete, mit bem er bie schwierigste unb ver- wickelste Shakespeare-Periode kristallklar durchsichtig machte: das war freilich fein Verdienst unb seine Leistung.

Diese feine Behandlung bes Dichterwortes war wohl das erste, was feber bemerkte, ber ihn sah. Das war ein neues Tempo. Da war gebrochen mit bem alten Brauche, auf schönen Perioden schmalzig zu ver­weilen, mit ben Tenotallüren im T>r/na. Jeder Teil ber Rebe mußte bem Ganzen dienen; unb brauchte fein Helb in der Leidenschaft einen Ver­gleich, fo mußte auch dieser Vergleich heiß und leidenschaftlich seinem Munde entströmen, war es auch noch fo schwer, bie 20 Verszeilen dieses Ver­gleiches mit ber Glut bes Augenblickes zu erfüllen. Aber rote in biefem Punkte, so war es in allem Kainzens großer Vorzug, baß er iebe feiner Gestalten durchaus als etwas Ganzes auffaßte unb bilbete. Immer ging er daraus aus, die Erundzüge des Cha­rakters mit stählerner Schärfe zu zeichnen; immer zielte er dahin ab. die Gestalt, die er spielt«, vor allem in diesen ihren Grundzügen interessant zu machen. Und darin entwickelte er eine echt drama­tische Genialität. So entriß er Goethes Tasso der

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