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45. Jahrg.

OOQ jährlich durch die

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Zweites Blatt.

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Niederweimar.

Niederwalgern.

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einem gewissen Teile bedenklichen Umsang Feindschaften, schwere Verdimstverluste usw. Regel stets dieselben.

nuf-«^ ..Oberhessische Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedi­tion (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain. Neustadt, Wetter, Ebs­dorf, Hachborn, HeSkem-Mölln, Lei­denhofen, Dreihausen, Wittelsberg,

wegen Beleidigungen und men in letzter Zeit unter der Einwohnerschaft einen an. Die Folgen find bittere Opfer an Kosten Zahlungen, Die Ursachen sind in der

Damm und Lohra sowie von allen Post­anstalten und Landbrirfträgern entgcgengenom- men.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungslkilage) undLandwirtschaftliche Beilage.

Marburg

Freitag, 23. September 1910

Politische Umschau.

Zur wirtschaftlichen Organisation bet Polen

Von dem Grundsätze ausgehend, daß der Sa.werpunkte des Kampfes um die Vorherrschaft in der Ostmark mehr und mehr auf das wirt­schaftliche Gebiet hinübergeleitet wird, sind die Polen bemüht, ihre wirtschaftliche Organisation zu bessern und zu stärken. Prälat Wawrzhniak, der eigentlich nur dem Rainen nach Ortspfarrer in Mogilno ist sucht als Patron des Verbandes der polnischen Genossenschaften mit allen Mifteln die noch immer nicht zufriedenstellend« Verhält Nisse derGenossenschaften zu bessern, aber darüber hinaus wendet er der Förderung der polnischen Industrie, b§ polnischen Gewerbes besondere Auf­merksamkeit zu. Er zählt denn auch zu den Gründern des Verbandes polnischer Fabrikanten für das Deutsche Reich, der nach langen Vor­arbeiten setzt ins Leben getreten ist. Die Polen wiffen sehr wohl, daß sie auf industriellem Ge­biete den Wettbewerb mit uns Deutsch« nicht aushalten können. Sie richten daher ihr Augen­merk auf den Erwerb deutscher G-schäfte deren Firmen und Personal sie übernehmen, wie sie überhaupt sich nicht scheuen, deutsche Betriebs­leiter solange zu beüaltcu, als ihnen das not­wendig zu sein scheint. Ferner wird unermiidlich dasiir gewirkt, daß befähigte junge Polen tech nische Berufe erlernen nnd schließlich wird os als nationale Pflicht* bezeichnet polnische Erzeug­nisse, auch wenn sie weniger aut sind den deut scheu vorzuziehen. Dazu kommt die l eitherzige finanzielle Unterstützung polnischer Industrieller durch die polnischen Banken. So kann es denn nicht überrasch«, daß sich die polnische Industrie langsam, aber stetig entwickelt, zumal ihre Er Zeugnisse selbst von Deutschender Kuriosität wegen* oder nm darzntun, daß man kein Haka- tist ist, aekanft werd n. Hier entsteht eine neue Gefahr für das (städtische) Deutschtum in der Os mark, die man nicht unterschätzen soll. Jeden­falls ist es leichter, ihr jetzt zu begegnen als später.

Während die Männer tagsüber austvärts schwer arbeiten, verschivenden die Frauen die Zeit zum Klatschen und zu Zänkerüen. Die Kinderzucht ist eine durchaus verkehrte, die Haushaltung aber leidet Rot. Dem müde heimkehrenden Mannc wird das Tageserlebnis falsch dargestellt. uni nun muß der Mann die verärgerte Frau schützen indem er zur Polizei, zum Schiedsgericht oder zum Rechtsanwalt läuft. Das ist des Mannes Familienleben, in welchem er angeblich wahr« Häuslichkeit sucht! Alle Belehrung«: die Frau möge in ihrem Haushalt bleiben, dort tätig sein und die Klatschweiber aus dem Hause jagen, dem Manne aber und den Kindern ein gemütliches H üm verschaffen, sind bei solchen Leuten vergeb­lich. Armutsatteste werden deshalb in solchen heraufbeschworenen Klagesachen nur in ganz be­sonderen Fällen noch erteilt. Die Polizeibe­amten sind angewiesen Word«, solche pro^ st­und streitsüchtige Personen hier namhaft Ji machen, um sie in einer Liste zu vermerk« unl Hausbesitzer und Mieter vor srlchen Leuten zr warnen. Die von den Streitstift rn gewöhnlick noch verlangt werdendenFübrungsreugnisie' werden dann demgemäß eingerichtet w-rden.

llmal.

Hattersheim, 17. Sept. Gegen die Klatsch­sucht der Frauen hat Bürgermeister Keßler fol­gend« kräftigen Erlaß veröffentlicht: Die Klagen ' Verleumdungen neh-

Die Jnfertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Vlaties für die 7gri"oltene Zeile oder deren Raum 15 J>, für auswärtig« Inserate 20 A, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Ioh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei. I«hab-»r Dr. C. Hitzeroth. Marburg, Markt 21. Teler-fvm 55.

Wechselmann, Losser usw. Diese haben sich unter, Mitwirkung einer großen Reihe von Fachmännern i mit großer Bereitwilligkeit dem unterzogen. Ichl habö'jetzt 4000 Berichte erhalten. Daraus ersehe ich,, daß die Gefahren geringer geworden sind. Nur we-, nige Personen sind an der Behandlung ^gestorben.1 Meistens waren es Fälle sehr schwerer Störungen des Nervensystems. Ich bin nicht dagegen, im In-' teresie der Heilung auch verlorene Fälle mit 606 zu behandeln, aber ich bin der Ansicht, daß man schlimme Folgen dann nicht dem Mittel in die Schube schieben soll. Freilich können solche Fälle auch glücklich ausgehen. Z. B. ist ein ganz verblödeter Syphilitischer, der zwei Jahre in einer Irrenanstalt war. in 5Taaen ganz hervorragend gebessert worden. Aber bei schwerer Varalyse ist davon abzuraten. Ebenso ist bei Herzerkrankungen das Mittel nicht zu empfehlen, man muß fiter auf schwere Vorfälle gefaßt fein. Das wichtigste ist die Technik des Mittels. Bei Neuralgien ist die neutrale Emnlion, bei weniger fchmerzempsindlichen Versonen die alkalische Injek­tion vorzuziehen: bofsentlich findet sich in Zukunft eine Kombination.' Was die Dosis anbetrifft, so darf man Schwerkranken nicht mehr geben als 0,4, gesunden Personen 0,81,0. Das Mittel kann

außerdem eine Reihe anderer Krankheiten darunter Malaria, beeinflussen.

Dem Vortrage folgte stürmischer Beifall der Zu­hörer.

schriftlich bestätigt, daß sie durch das Spiel de» Grammophons in keiner Weise in ihrer Nachtruhe gestört würden, und da keine. Bestimmung besteht, die das Spielen eines Musikinstruments nach 11 Uhr abends verbietet, so mußte der beklagte Wirt frei- gesprochen werden. Er zog denn auch sehr vergnügt mit seinem Grammophon ab. Die Kosten der Ver­handlungen fallen der Staatskasse zur Last.

G. Hanau, 22. Sept. Das städtische Gaswerk er­zielte im Betriebsjahr 1909 einen der Stadtkasse zu­fließenden Reingewinn von 193 357 oder 9481 mehr als im vorhergebenden Jahre 1908.

Hann. Münden, 18. Sept, lieber die Ruf­namen der Schulmädchen veröffentlicht Professor Dr. Cascarbi einen interessanten Auffatz. Im August 1910 hatte Münd« 1038 Schulmädchen, die 115 verschiedene Namen aufwiesen. Davon kamen nur 39 je einmal vor. Es mußten sich also 999 Mädchen mit nur 76 Namen begnügen. Die meisten vorkommendcn Namen sind: Miria (99), Anna (7.3), Luise (72), Frieda (42), Auguste (41), Elisabeth, Els- und Minna (je 38), Lina (34) und Dora (33). Der Unterschied zwischen der höheren Schule und der Volksschule ist auf­fallend. Bei den 194 Mädchen der höheren Schule kamen 66 verschiedene Nam.« vor, darunter 31 nur je einmal. Nach ihrer Häufigkeit geordnet, haben dort die Namen folgende Reihenfolge: Gertrud, Elisabeth, Maria, Else, Luise, Anna, Grete, Käthe, Martha, Hildegard, Irmgard, Johanna. Der Name Äuguste ist in den höheren Kreisen in Mißkredit gekommen! Er findet sich in der höheren Schule nur noch zweimal. Ver­gleicht man diese Namen mit den vor 20 Jahren vorkommenden, fo bemerkt man, daß auch die Vornamen sehr stark der Mode unterworfen sind. Der damals noch häufig.' Name Rieke ist völlig verschlvmtden. Eine Gertrud gab es 1890 in der Volksschule nicht, jetzt aber schon 11. Hedwig war 1890 nur einmal vertreten, jetzt auch schon

lich kandidieren . . . (Große Heiterkeit.) An der Mißwirtschaft im Reiche find btt Einzelregierungen allesamt schuld. Die Erbitterung ist der Widerhall der Erregung in den Massen. Kein Mensch denkt an eine Spaltung. Mir wird niemand zutrauen, daß ich auf meine alten Tage etwas tun würde, was die Partei spaltet. Ich weiß, die Spaltung kommt nicht, die Massen machen nicht mit. Ich mache mich an­heischig, droht Bebel versteckt, wenn es dazu kommt, auch nach Baden andere Stimmung zu bringen. Würde der Antrag auf Einsetzung einer Studienkom­mission angenommen, die ganze Welt lachte darüber. Wenn Genosse David studieren will, dann hat er keine Zeit, andere Dinge zu machen. Den Ausschluß­antrag bitte ich abzulehnen. Dieser Staatsstreich ist verwerflich. Man darf die Möglichkeit der Vertei­digung nicht abschneiden. Ein bürgerliches Gericht wurde diese Zusatzresolution nicht anerkennen. Be­bel schließt:Hoffentlich werden wir tit alter Freundschaft nach Haus gehen." Kaum hat Bebel geschlossen, da wird unter dem ironischen Gelächter der Revisionisten der Ausschlußantrag zurückgezogen. Frank hat das Schlußwort. Er lege weniger Wert auf neue als auf wichtige Dinge. Mit beißender Satyre erzählt er zur Beleuchtung der Unhaltbarkeit des kategorischen Gebotes der Büogetafilehnung, daß Genossen in einer Gemeindevertretung eine neue Hose " im Betrage von 6 M bewilligt haben. In der Parteiversammlung hätten die Genossen dann Rechenschaft gefordert, da diese Bewilligung gegen die Nürnberger Resolution verstoßen habe. Nicht an den Personen, sondern an den Verhältnissen liege es, daß die süddeutsche Arbeiterschaft hinter ihren Füh­rern stehe. Schließlich fragt er:Was soll ge­schehen?" Der Vorschlag mit der Studienkommisston hätte den Waffenstillstand in der Vudgetsrage garan­tiert. Der Antrag auf Ausschluß ist zurückgezogen worden. Als Frank diesen Antrag mit Hohn und Spott überaießt, lärmt die Mehrheit andau-rnd. llnbeschreiblicher Tumult setzt ein, als Frank schließt: Keiner von uns kann erklären, was geschehen wird. Wie wir abstimmen, werden wir sehen, je nach den Verhältnissen. Eine scharfe Geschäftsordnungsdebatte verschärft die Situation. Die verhöhnten Radikalen : verlangen nach Sturmszenen, die jeder Beschreibung spotten. Vertagung auf % Stunde zur Abfassung einer Erklärung. In wüstem Lärm wird die Ver­tagung beschlossen.

Um 8 Uhr abends wird die Sitzung wieder er­öffnet. Spannung auf allen Gesichtern. Unter un­geheurer Spannung gehen vier namentliche Abstim- mungen vor sich. Die Nürnberger Resolution, die die Zustimmung zu dem Budget verbietet, wird mit 266 gegen 106 revisionistische Stimmen angenom­men. Die scharfe Mißbilligung für die badüchen Budgetbewilliger wird mit 90 gegen 302 Stimmen ausgesprochen. Dadurch wird dokumentiert, daß die Badenser einen Disziplinbruch begangen haben. Der Antrag auf Einsetzung einer Studienkommission wird abgelehnt. Erst gegen %11 Uhr ist die Sitzung beendet.

Deutscher Naturforscher- uud Aerztetag.

Geheimrat Ehrlich über Ehrlich-Hata 606.

Königsberg, 19. Sept.

Die heutige Versammlung der 24. Abteilung für Dermatologie und Syphilidölogie in der Aula der Universität gestaltete sich zu einer großartigen Hul­digung für den Entdecker des neuen Syphilisfieil- mittels, des Professors Ehrlich (Frankfurt a. M ). Der große Festsaal war von Hörern und Diskussions­rednern überfüllt, die dem Gelehrten bei feinem Er­scheinen große Ovationen bereiteten, für die er in schlichten Worten dankte. Er nahm sofort das Wort zu den Ausführungen über fein MittelEhrlich-Hata 606. Der Redner erklärte, er wolle gleich in Me- dias res eintreten und über die spezifische Wirkung des Mittels sprechen, die an Tierversuchen erprobt­ist. Seine erste Eigenschaft ist der schnelle Reaktion, die zweite der Nachweis spezifischer Antikörper, durch Ehrlich-Hata 606, die geeignet sind, die Heilung ein­zuleiten. Die Serumbehandlung genüge bei Kindern nicht immer, denn selbst wenn nur wenige Spiro- chaeten vorhanden sind, treten immer wieder Rück­fälle ein. Hier kann 606 mit großem Erfolge ein­greifen. Ferner handelt es sich um die spezifische Serum-Reaktion (Wassermann), hier kann die nega­tive Reaktion durch Injektion von Ehrlich-Hata 606 positiv werden. Es kann sicher gesagt werden, daß ein Fall, der trotz der Behandlung mit 606 die Reak­tion behält, ungeheilt ist. Das ist sehr wichtig. Die Behandlung mit 606 ist aber nicht so einfach, man darf die Patienten nicht einfach injezieren und bann aus der Hand lassen, sondern es ist eine Beobachtung von Monaten und Jahren nötig. Eine andere schwer erklärliche Wirkung sei folgende: Es wird von der wunderbar schnellen Wirkung der Injektion berichtet. Z. B. konnte eine Frau, der der Daumen zwei Mo­nate lang mit Quecksilber vergeblich behandelt wor­den war, in 5 Wochen schon ein Butterbrot mit Wurst essen. (Heiterkeit.) Anatomische Veränderungen können natürlich nickt in wenigen Stunden ver­schwinden. Wohl aber muß eine große schmerz­lindernde Wirkung von 606 vorliegen, das nach Art eines Antotoxins wirkt. Auf der anderen Seite ist aber auch eine schmerz- und reizungserhöhende Wir­kung beobachtet worden. Nach der Meinung des Re­ferenten hat das an den zu geringen Dosen der Ein­spritzungen gelegen. Ich habe das Mittel immer als sehr gefährlich angesehen, aber dieser Begriff ist ja ein relativer. Ebenso ist es beim Chloroform, je nach dem Gesundheitszustände der Pattenten. Daher ist auch bei 606 eine Nachprüfung des Mittels not­wendig. Professor Alt und Professor Ueterfen haben hier mit dem Referenten zusammen gearbeitet. Es mußten nun erst an 1020 000 Patienten Prüfungen der Gefahrchancen vorgenommen werden, <he man da» Mittel in die Praxi» geben konnte. Ich habe sehr viele Herren damit beauftragt, j. B. Reißer,

Unpolitische Tatzesnachrichten.

Znm Dortmunder Bankkrach. Dortmund, 21. 'Sept. In der heutigen Gläubigerversamm- lung der infolge des Zusammenbruches der Niederdeutschen Bank in Konkurs geraten« Aktiengesellschaft Poester u. Co.-Dortmnnd teilte der Konkursverwalter mit, daß die Akttven nach Abzug der uneinbringlichen Forderungen in Höhe von 888 299 J im ganzen 316 616 M be­tragen ; die Passiven belaufen sich auf 1 042 479«, die Unterbilanz beträgt 799 379 M. Es liegen 23 Prozent in der Masse. Die Ursache des Kon­kurses liegt darin, daß die N-ederdeutsche Baak die Gesellschaft durch Hera lsgabe von Gefällig­keitsakzepten ausnutzte.

Bcttügerische Unternehmer. Berlin, 21. September Unter Hinterlassung bedeutender Schulden sind zwei Berliner Unternehmer namens Otto Gabriel und Franz Miccicki, die vertrauensfelige Leute um große Geldfummen gebracht haben sollen, verschwunden.

Einbruch bei einem Antiquitätenhändler. Ber­lin, 21. Sept. Bei dem Anttquitätenbändler Zlankewitz raubten Diebe in der vergangen.« Nacht eine große Menge alter Gold- und Silber- fachen, Uhren, Ring.- usw., insgesamt weit über 300 Gegenstände im Werte von mehreren tausend Mark. Von den Tätern fehlt jede Spur.

Streikunruhe«. Berlin, 21. Sept. Aus der Spandauer Chaussee wurde« zwei Fuhrwerke

Sozialdemokratischer Parteitag.

(Eigener Bericht unseres Sch. Korrespondenten.) Magdeburg, 21. Sept.

Das sensationelle Interesse an der Vudgetdiskus- fion dauert heute ungefchwächt fort. Bebel nimmt alle seine Kraft zusammen, um der Diskussion bei­wohnen zu können, damit er das Schlußwort halten kann. Die kleine schmächtige Rosa Luxemburg sorgt für neuen Sturm. Spricht 15 Minuten gegen die Badenser und höhnt über ihre erreichten Lappa­lien. Ihre Redezeit ist abgelaufen. llnd ob die Re- vtstontsten auch Schluß! Schluß! lärmen, sie fängt ein neues Thema an. Zehn Minuten tobt der Kamps um.Rosa Luxemburg. Stadthagen und Liebknecht erreichen es nicht, daß ihr mehr Redefreiheit gegeben wird. Sie muß unter dem ironischen Gelächter der Revisionisten abtreten. Als Heilmann - Chemnitz in der Taktik der Partei Rücksicht auf die Linke ge­nommen wissen will, meint Quark- Frankfurt, das wäre eine traurige Taktik. Heute, wo das Gottes- gnabentum auch durck den badischen Thron gestützt würde, hätte män nie und nimmer das Budget be­willigen dürfen. Der bekannte lebhafte Abgeordnete Ulrich, derhessische Hofgänger", warnt vor An­nahme der scharfen Resolution, die eine Gefahr für die Partei sei. Die Norddeutschen könnten sich in die badischen Verhältnisse gar nicht hineinversetzen. Klara Zetkin rechnet mit den Hofgängern ab. Die monarchistische Institution fei die stärkste Festung der reaktionären Parteien. Die badischen Genossen hätten in deut Augenblick das Budget bewilligt, wo seigenblattlose Proklamation des Eotiesgnadentums zur Sammlung aller Bürgerlichen rufe. Die Frage fei, ob man einen Schritt rechts in den Flugsand der Konzessionspolitik treten wolle, ober sich bekennen wolle zum Staitdpunkt der revolutionären Arbeiter- klasse. Unter stürmischem Hört! bekennt Dr. Wes- Te; - Darmstadt, die Macht der Verhältnisse werde dazu zwingen, die Bebelsche Resolution zu brechen. Kaum hat Ledebour die Rednertribüne betreten, da ist auch schon die Versammlung in lebhafter Auf­regung. Die badischen Genossen hätten fo wenig pro­letarisches Selbstbewußtsein, daß sie dem jämmer­lichen deutschen Bureaukratismus die Existenz weiter ermöglicht hätten. Ob der Mann Bodmann ober Vetbmann oder ein anderer unmännlicher Mann sst sie sind doch nur Handlanger des verschleierten Ab­solutismus., Die Badenser wollten sich herausschwin- deln. Es ist charakteristisch, mit welcher Frivolität sie die Frage behandeln. Genosse Frank lacht! . . . Frank ruft:Ueber Sie! Der Revisionist Dr. Da- v i- betont, nicht die Resolution Behel, sondern die Einsetzung der Studienkommission kann Frieden schassen. Der Ausschließungsantrag müßte paten­tiert werden. Er ist ein automatisches Selbst­hinrichtungsinstrument, eine Art beschleunigtes standrecktliches Verfahren. Großen Eindruck macht er mit der Erklärung, daß, wenn man die Führer ausschließe, auch die hinter ihnen stehenden Organi­sationen ausschließe. Ein jugendlicher Stürmer, Grohles -Elberfeld, verlangt unter dem Lärm der Revisionisten kategorisch: Ausschluß! Müller- München meint, zu viel Gemüt haben sei kein Fehler, Wenn Rosa Luxemburg zu ihrem scharfen Verstand nur ein bischen Gemüt hätte, sie wäre ein vollkommenes Frauenzimmer. In Bayern könne die Regierung, wenn das Budget abgelehnt werde, machen was sie wolle. Arbeiterlöhne zur Erhöhung der Zioilliste benutzen. Mit einer Flut persönlicher Bemerkungen schließt die Vormittagssttzung.

Nachmittags hat als erster Liebknecht das Wort. Vor überfülltem Haus fing et ein Loblied auf die Disziplin, die fein Vater fest hat in ihm ein­wurzeln lassen. Unter jubelndem Beifall ruft Lieb­knecht, dem man schon äußerlich den Fanatiker an- sieht:.Vergeßt nicht die Quelle der Macht: die Massen draußen!" Eindringlich warnt Südekum, lärmumtobt, Katastrophenpolittk zu treiben.Was Sie wollen ist nicht Einheit, sondern Kleinheit." Für die Radikalen sprickt Westmeier. Die Ma­jorität der Arbeiter stände hinter den Gegnern bet Budgetbewilligung. Ein Schlußantrag wirb ange­nommen und Bebel erhält unter allgemeiner Spannung das Wort. Er spricht ruhig und zeit­weilig humorvoll. Die Budgetbewilliger hätten nicht Beweis erbracht, daß fie großen Schaden gehabt hät­ten, wenn sie nicht für das Budget gestimmt hätten. So lange ich atme, werde ich dafür kämpfen, daß wir «ns tückenstark zeigen. Ein Intermezzo gibt es, als Bebel auf eine Aeußerung übet den Prinzen Ludwig prrückkommt. Et würde ihn auch nach feinet Rebe Reber zum König wählen al» einen Hohenzollern, Wenn es nicht ein Fürst fein mich, würbe ich natflt»

Hessen-Nassau und Nachbargebiete.

§§ Cassel, 21. Sept. Eine für Gastwirte grund­sätzlich wichtige Entscheidung fällte heute die hiesige Strafkammer in der Berufungsinstanz. Ein Gast­wirt aus Spangenfierg (Kt. Melsungen) hatte im Juni d. I. ein Grammophon bei offenen Fenstern bis gegen Mitternacht spielen lassen. Ein Polizei­beamter wurde durch einen anderen Gastwirt auf dentuhestörenden Lärm" aufmerksam gemacht, der hierdurch verübt würde und es fanden sich auch Nach­barn, die auf Befragen dem Polizeibeamien er­klärten, daß sie durch das Spiel belästigt würden, ja vielfach in ihrer Nachtruhe gestört worden feien. Der Polizeibeamte verwarnte daher den Gastwirt und machte ihn auf die Folgen der Zuwiderhandlung aufmerksam, indem et ihm mitteilte, daß er ihn dann zur Anzeige bringen müsse. Als der Gastwirt bald daraus, dem Drängen seiner Gäste nachgebend, wie­der bis 11 Uhr abends spielte, wurde er zur Anzeige gebracht und besttast. Gegen diese polizeiliche Be- fttasung legte er Beschwerde beim Schöffengericht ein, das zu der Ansicht kam, daß ein ruhestörender Lärm nicht vorliege, da das Grammophon nicht etwa einen Lärm verursache, der die Nachtruhe der benach­barten Bewohner stören könnte, selbst wenn das Fenster geöffnet sei. Gegen diese Entscheidung des Schöffengerichts legte der Amtsanwalt Berufung bet der Strafkammer ein, die sich von der Tatsache, ob ein ruhestörender Lärm in Frage kommenkonnte ober nicht, dadurch überzeugen ließ, daß fie im Gerichts­saal sich einige Stücke auf dem Grammophon Vor­spielen ließ: die Weisen derMühle im Schwarz­wald" verklangen und schon war da» Gericht bet Ueberjeugung, daß von einer Störung bet Ruhe auch bann nicht gesprochen werden könnte, wenn das (5remmopfion bei Offenen Fenstern Wiele. Dem be» Hegten Wirt hatten übrigens 20 Nachbarn unter«

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