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Deutsches Reich.

Die Kommission für die ReichsversicherungS- ordnung. Berlin, 20. Sept. Die Komission des Reichstags für die Reichsvsrsicherungsordnuntz, und die Justizkommission haben heute ihre Be­ratungen wieder ausgenommen.

Auch dieFrankfurter Zeit ng" in Ruß­land verboten. Petersburg, 20. Sept. Gleich zeitig mit demBerliner Tageblatt" ist auch der Frankfurter Zeitung" das Postdebit entzogen worden.

Ausland.

** Die holländische Thronrede. Haag, 20. September. In der Thronrede wird erklärt, daß die Beziehungchl zu den anderen Mächten sehr freundschaftliche feien. Der Zustand der Ko-, lonien sei unter mehreren Gesichtspunkten befrie-

Sie nur tiefer verwirren. Aber, seien Sie ehr­lich, hängt Ihre gehobene Stimmung nicht viel-- leicht doch sehr nahe zusammen mit dem Wieden­sehen jenes Jugmdfreundes, den Sie mir ge» \ stern abend in so glühenden Farben schilderten?"

Meine Stimmung hän^t nicht nur damit zu­sammen, sie ist daraus hervorgewachsen. Ich halte eine ideale Welt wieder für möglich, seit ich Percy gesehen. Es ist bei seinem Anblick alles in mir ausgewacht, was von loben, heiligen Er­innerungen der Kindheit in mir geschlummert, ich sehe wieder das Auge meines Vaters auf mit. ruhen, nein, diese Liebe wenigstens war keine - Täuschung?"

Und Sie werden die Gesellschast des jungen Mannes suchen, um sich in Ihrer n.-ucn Lebens­anschauung zu befestigen?"

Suchen werde ich sie nicht, aber auch nicht zurückweisen. Mein ganzes Sein jubelt ihm dank­bar entgegen; ich fühle, daß von hmte an es möglich sein muß, selbst ein elendes Leben zu ertragen." , ,

Der alte Herr schüttelte ernst den Kops tote in zweifelnder Sorge.Ich habe mich nie i» Ihre Familienverhältniffe znr drängen gesucht, und doch ahn- ich, daß Ihre schwärmerische Phantasie Sie scko« einmal irre geführt; wollen Sie mir versprechen, vorsichtig zu sein?"

Ich will." Sie zog die welke Hand ihres Begleiters an die Lippen und schlüpfte flüchtige» Fußes zurück' in den eigenen Garten. Um ei« Gebüsch von blühendem Lorbeer biegend, stand sie dicht vor Percy. Hoch aufatmend blieb sie' stehen, ein Schleier legte sich ihr vor die Augen, sie fühlte ihr Blut jäh zum Herzen strömen. Aber sie bezwang sich schnell, und es lag mehr ruhig» Höftichk-it als Herzlichkeit in ihrer Stimme, eM sie ihn begrüßte.

(Fortsetzung folgt.)

Kaiser Wilhelm in Wien.

Wien, 20. Sept..

Fast alle Zeitungen bringen spaltenlange sehr freundlich gehaltene Artikel zu der Zusammenkunft. So schreibt dieReichspost": Mit Genugtuung können Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm die ve«änderte politische Lage besprechen, sind doch beide stets Schirmherren und Förderer des Friedens ge­wesen. Der Besuch Kaiser Wilhelms wird daher wohl auch unter den Völkern des Auslandes als eine neue Bürgschaft friedlicher Entwicklung angesehen »erden. Besonders herzlich aber wird der Empfang sein, den die Wiener Bürgerschaft Kaiser Wilhelm bereiten wird, einen Empfang im Zeichen des Frie­dens.

Wien, 20. Sept. Bei Ueberreichung des Ehren- siibels an Kaiser Wilhelm durch eine Deputation des 7. Husaren-Regiments hielt Oberst Frhr. v. Schoen- berger an den Kaiser eine Ansprache, in welcher er sagte: Der Tradition des Regiments gemäß, erhalte jeder Offizier, der 25 Jahre aktiv dem Regiment an­gehöre, einen Ehrensäbel nicht bloß als Erinnerung, sondern auch als eine Art Dank und Anerkennung dafür, daß er dem Regiment unter allen Verhältnissen treu geblieben fei. Der Oberst sprach den Wunsch und die Hoffnung aus, daß die gütige Vorsehung den Kaiser noch jahrzehntelang an der Spitze des Regi­ments belassen möge, sowie die Versicherung, daß jedes einzelne Mitglied des Regiments bemüht sein werde, dahin zu wirken, daß das Regiment sich des hohen Namens, den zu tragen es für eine hohe Ehre und ein Glück halte, bei allen Gelegenheiten, im Frieden und im Krieg, würdig erweise. Kaiser Wil­helm nahm den Ehrensäbel entgegen und dankte da­für. Er sagte, das Geschenk freue ihn nicht nur als Regimentsinhaber, sondern auch als Kameraden, als den er sich betrachte. Er fei dem Kaiser, dem aller­höchsten Kriegsherrn, dafür dankbar, daß er ihm spe­ziell dieses Regiment verliehen habe. Auch heute habe er Gelegenheit gehabt, von Kaiser Franz Josef dessen Zufriedenheit mit dem Regiment zu hören.

45. Jahrg^

Bestellungen

Er, Kaiser Wilhelm, sei überzeugt, daß das Regi­ment bei jeder Gelegenheit seine Pflicht erfüllen werde. Er ersuchte die Offiziere, Dolmetsch des auf­richtigen Dankes beim Regiment zu sein; er freue sich besonders über das Glück, daß er gerade in diesem Jahre, in dem Kaiser Franz Josef sein 80. Eeburts- fest feiere, und er ihm persönlich seine Gratulation ausdrücken konnte, das 25. Jahr als Inhaber des Re­giments vollende. Der Kaiser überreichte dann den Herren persönlich Dekorationen, sowie das bereits gemeldete Gegengeschenk an das Regiment.

Wien, 20. Sept. Um 3 Uhr fuhr Kaiser Wil­helm in der Uniform seines Husaren-Regiments Nr. 7 mit dem Gardekapitän Grafen v. Uxkull bei der Ka­puzinergruft vor; er wurde von dem zahlreich ver­sammelten Publikum sehr sympathisch begrüßt. Der Kaiser schmückte die Särge der Kaiserin Elisabeth und des Kronprinzen Rudolph mit prachtvollen Kränzen und verrichtete kurze Gebete an den Särgen. Kaiser Wilhelm hat in diesem Jahr am Sterbetage der Kaiserin Elisabeth keinen Kranz entsandt, son­dern sich vorbehalten, den Kranz, persönlich am Grabe niederzulegen. Nach einem Aufenthalt von 10 Mi­nuten fuhr der Kaiser, dem das Publikum abermals lebhafte Ovationen bereitete, zum äußeren Burgtor und stattete zunächst dem Erzherzog Peter Ferdinand und der Erzherzogin Marie Christine Besuche ab; sodann besuchte der Kaiser auch die anderen Mitglie­der des kaiserlichen Hauses.

Schönbrunn, 20. Sept. Im Maria Theresia- Zimmer empfing Kaiser Wilhelm u. a. den Minister des Aeußern Grafen v. Aehrenthal, die obersten Hofchargen, die Gardekapitäne, den Hofmarschall in Ungarn Fürsten Palffy, die Hofdienste, den Minister­präsidenten Bienerth und die gemeinsamen Minister. Kaiser Wilhelm verlieh einer Reihe von hohen Mi­litärs Ordensauszeichnungen; u. a. den Schwarzen Adlerorden dem General der Kavallerie Grafen Uexkuell-Gyllenband, das Eroßkreuz des Roten Ad­lerordens dem Korpskommandanten in Budapest, Feldzeugmeister Schreiber, den Roten Adlerorden erster Klasse dem Honvedminister Generalmajor Ha- zai. Kaiser Franz Josef verlieh Kaiser Wilhelm die von ihm zu seinem 80. Geburtstage gestiftete Plakette, welche er bisher nur an Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses vergeben hat, in Gold. Bor der Frühstückstafel empfing Kaiser Wilhelm den Minister des Aeußern Frhrn. v. Aehrenthal allein in besonderer längerer Audienz.

Wien, 20. Sept. Schon im vorigen Jahre brachte der Wiener Stadtrat Schwer eine Reihe von Anträgen tm Stadtrat ein, welche sich auf die Bun­destreue des Deutschen Reiches und feinen Kaiser be­zogen und eine bleibende Erinnerung an dieses hi­storische Moment bezweckten, darunter auch einen An­trag auf Benennung eines hervorragenden Straßen­zuges nach dem Deutschen Kaiser. Heute wurde nun der einstimmige Beschluß vom Stadtrat gefaßt, den Parkring mitKaiser Wilhelm-Ring" zu bezeichnen.

Marburg

Donnerstag, 22. September 1910

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage

«nf dieOberhessische Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedi­tion (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain, Reustadt, Wetter, Ebs­dorf, Hachborn, Heskem-Mölln, Lei­denhofen, Dreihaufen, Wittelsberg, Riederweimar, Niederwalgern, Damm und Lohra fowie von allen Post- anstalten und Landbriesträgern entgegengenom­men.

Die Jnserttonsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blastes für die 7oe^oltene Zeile oder deren Raum 15 4, für auswärtige Inserate 20 4, fite Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Unwersitäts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. C. Hitzero:1-, '.'.'tarlnirg, Markt 21. Televbon 55.

Sozialdemokratischer Parteitag.

Sch. Magdeburg, 20. Sept.

Das große Ereignis ist vorüber, das Rededuell Bebel- Frank ausgefochten. Man hat es dem immer noch nicht ganz genesenen, greisen Parteiführer, als er aktenbündelbewaffnet den Saal betrat, uicht zuge­traut, er werde zwei Stunden lang in der Stickluft des überfüllten Saales die bereits bekannte Resolu­tion des Porteivorstandes befürworten können. Wenn er auch ab und zu die Ermattung durch eine Effrisch- ung wett zu machen suchte, er hielt sich tapfer. Sprach durch und durch polemisch, tadelte, drohte, war aber niemals gehässig. Seine Rede war trotz aller Schar­fen durchhaucht von väterlichem Wohlwollen. Was Bebel gesagt hat, läßt sich in kurze Worte zusammen­fassen.Ich halte das Referat nicht gerne; wäre lie­ber fern von Madrid geblieben. Selbst wenn die Re­visionisten zehnmal soviel Gründe für ihre Rechffer- tigung gehabt hätten, sie hätten sich der Abstimmung mindestens enthalten mästen. Die Badenser, die ihre Taktik für den einzig richtigen Weg halten, haben die Taktik der Reichstagsfraktion angegriffen. Da­rüber wird noch zu reden sein, ob die Angriffe auf die 43jährige Tätigkeit bet Fraktion im Reichstage berechtigt sind." Dann kommt Bebel auf das , Ka­pitelBodmann". Der badische Minister habe von seinem Standpunkt aus ganz Recht gehabt, als et die Sozialdemokratie für nicht gleichberechtigt erklärt habe. Erregt tust Frank:Unerhört." Bodmann habe in seiner zweiten Erklärung von dergroß­artigen Bewegung" gesprochen und dadurch die Ba­denser Genossen gefangen. Frank, bet bie Bubget- bewilligung mit in Szene gesetzt hat, sei sein Lieb­ling gewesen, auf ben er große Hoffnung gesetzt habe Nun aber.... Der Eroßblock Bastetmann-Vebel! Bassermann habe ihm, Bebel, als er ihn als Block­bruder im Reichstagsfoyer anaerebet habe, gesagt: Blöbsinn, Unsinn." Daraus hätte er geantwortet: .Ganz einverstanden!" Und bann kommt bie Sensa­tion bet Rede:Ich hatte die Absicht, einen Antrag auf Ausschluß bet Budgetbewilliger zu stellen unb hatte ben Antrag bereits formuliert. Aber ich habe davon Abstand genommen." Von Verrat könne nicht hie Rebe sein. Er bitte ben Ausschlußantrag zurück­zuziehen. Und mit väterlichem Ernst fuhr Bebel fort:Wenn bas noch einmal passiert, bann gibt es kein Erbarmen." Zum Schluß spricht er geharnischt. Kein faules Bünbnis mit den Nationalliberalen, bie in Preußen für bas Reichstagswahlrecht nicht zu haben finb. Wir müssen kämpfen unb geschlossen marschieren, können Seitenspringer nicht vertragen Wenn Preußen unser ist, gehört uns bie Welt. Wer nicht mitmachen will, bet soll die Partei verlosten. Solche Momente hat es schon in der Partei gegeben, ohne daß bie Partei Schaben gelitten hat. Auf zum Sturm!"

Nachbem sich der stürmische Beifall ber Mehrheit gelegt hat, nimmt unter wachsenbet Spannung bet badische Budgetbewilliger Abgeordneter Frank bas Wort. Auch er spricht zwei Stunben. Der sehr ge­wandte Redner freut sich, aus Bebels Worten bie Zärtlichkeit bes Vaters zu seinem Sohn herausgehört zu haben. Die Babenser kommen in bem Bewußtsein, bas gute gewollt zu haben, sie wollen ben Parteitag nicht provozieren. Gegenüber ber Pflicht ber Diszi­plin gibt es eine Notwenbigkeit, bie Disziplin ver­nünftig auszulegen. Mit großer Wärme verteibigt er ben Beitritt ber Sozialdemokraten zum Eroßblock. Dadurch habe bie Sozialbemokratie viel erreicht. Und trotzig kommt er zu ber Aufforberung: Wenn Sie glauben, baß bewußt gegen einen Parteitagsbe- schluß verstoßen worben ist, bann braucht man nicht auf Wiederholung zu warten, bann schließen Sie

gleich aus!" Seit 16 Iahten streite man übet bie Budgetfrage. Es ist ein großer Unterschied zwischen. ben Budgets des Reiches unb bet süddeutschen Statt« ; ten. Die große Zahl der Eenosten würde aufatmen, wenn man aus dieser Sackgaste herauskommt. Auch, Frank hat starken Beifall. Zum Schluß bes Vormit­tags gibt es noch eine kleine Aufregung, als der. durch die Esperantoptopaganda bekannte Peus, ber ihn angegriffen hat, ungewöhnlich scharf bekämpft.

Am Nachmittag ist ber Zubtang noch beängstigen- ber. Die Luft im Saal ist bei bem schönen Wett« draußen unerträglich. Bebel erscheint pünktlich. Einige Sensation erregt ein Antrag ber Re­visionisten, von 100 Abgeordneten unb Gewerk-, schaftlern unterzeichnet, ber zur Vermeidung kom­mender Konflikte eine Kommission zum Studium bet budgetrechtlichen Verhältnisse bes Reichs unb bet Bunbesstaaten eingesetzt wissen will. Etwas ähnliches verlangen 15 wiirttembergische sozialistische Abgeord­nete. Die Debatte setzt gleich stürmisch ein, als bet Abgeordnete Hildenbrand für den Antrag ber Revisionisten eintrttt. Ihm tritt bet radikale Leipziger Lipinski entgegen. Zubeil wettert dagegen, daß in ber Partei große unb kleine mit zweierlei Maß behandelt werben. Die großen Stabte lieferten bie Munition für Baden. Empört erwidert Engler- Freiburg, durch Entziehung der Geldmit­tel könnten die Badenser nicht kurte gemacht werde«. Großen Beifall der Mehrheit hat bet tabifale Rechts­anwalt Haase, ber verlangt, bie Badenser sollen offen Farbe bekennen, ob sie sich später nach dem Parteitagsbeschluß richten werden. Diese Gewähr müsse man heute bekommen. Die Taktik der Ba­denser sei dieselbe, die bie Liberalen von Niederlage zu Niederlage geführt hätten. Riem- Dresden warnt davor, aus kleine Erfolge keinen Wert zu le- gen. Die positiven Erfolge solle man nicht unter­schätzen. Unter großem Lärm führt er aus, daß ein Parteitag keinen Wert habe, wo die Majorität von vornherein festgelegt ist. Der Delegierte Fleißner will ben guten Glauben nicht weiter als Entschul- bigungsgrunb gelten. Er bittet, nichtbas Gefühl" siegen zu lassen. Der Parteitag müsse seine Würbe wahren unb hanbeln. So geht ber Streit weiter, bis um 7 Uhr abends, nachdem alles völlig erschöpft ist, ber Kampf auf morgen vertagt wird. Nach bem Ergebnis ber heutigen Sitzung ist bie Niederlage bet ' Revisionisten sicher. Man ist gesvannt, was bie Da- , denser tun werden, wenn bie Vorstandsresolution an­genommen wird.

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn- unb Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- 909 jährlich durch bie Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei vl2. ä« unseren Zeitungsstellen unb bet Expedition (Markt 21), 2ch0-K. sFür unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt bie Retrak­tion keinerlei Verantwortung.)

27 (Nachdruck verboten.)

Seelenkampfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)

Und doch hatten in letzter Zeit selbst dieso streng toissenschaftlichen Unterhaltungen nickt selten dazu geführt, jenen Zug in seinem Antlitz: zu vertiefen. Es toar dann gewesen, wenn sie, ganz eingenommen von dem Gegenstände, des Gesprächs, sich über seine ausgezeichneten Notizen gebeugt, sodaß ihr Haar seine Wange streifte; oder toenn sie, des fremden Verhältnisses ver­gessend, das zwischen ihnen bestand, im Eifer der Beweisführung ihre lebenswarme Hand auf bi» seine gelegt.

Dann hatte er gewöhnlich schroff abgebrochen «nd war den Tag über noch verstimmter ge­wesen als sonst, und sie hatte ffarer denn je zu fühlen gemeint, daß sie ihm nicht nur gleich­gültig, nein, selbst widerwärtig war, daß er es nur auf Stunden vergessen, wer es gewesen, der mit ihm gesprochen, daß sie ihn zur Unzeit daran erinnert hatte. O, daß er sie hätte lieben können, ein wenig, ganz klein wenig, es hätte dann mög­lich sein müssen, ibn wieder zu Neben, es wäre bann Pflicht gewesen, es zu tun; sollte die Pflicht k unmöglich sein?--

Von den Türmen Triests ioogt« und flang es herauf in mächtigen Schwingungen, Gonia blickte auf. Ja, es war Sonntag. Feiertagsruhe lag Sb er der im Sonnenlicht glitzernden Meeresfläche, Fckrtagsruhe über dem hochaufragenden Küsten- gebirge, an dem die Glockentöne leise wieder- hallend erstarben. Sie schloß das Buch und er­hob sich. Norring war in aller Frühe zum Hafen Ergangen, um sich zu überzeugen, ob das Tief- Msser der Rächt kein« Verschiebungen zur Folge

j

gehabt; sie erwartete ihn erst gegen Mittag zurück.

Leichten, schnellen Schrittes durcheilt^ sie den Gatten bis zu der niederen Mauer, die denselben von dem Rachbargättchen rechts trennte. Durch ein kleines, von langrankigem Efeu über­wuchertes Mauerpföttchen schlüpfend, betrat sie denselben, dem alten Herrn, der, das Käppchen auf dem Weißen Scheitel, die Arme aus dem Rücken verschränkt, in demselben aufr und nieder­wanderte, herzlich die Hände entgegenstreckend.

Da bin ich schon wieder, lieber Dottor! Störe ich?"

Er strich ihr freundlich über den braunen Scheitel; sie schienen sich zu berfteben, ohne viele Worte. Dis junge Frau schritt neben ihm hin, in den saubergehaltenen Wegen, zwischen den Pfirsich- und Äprikosenspalieren, deren Früchte zur Zeit der Reife so viele kleine Liebhaber fanden in den barfüßigen Winzerkindern weiter aufwärts.

Ich war heute in der Kirche, Dottor Helm- roth, zum ersten Male feit mehreren Wochen." Es lag ein eigener Glanz in den Augen, die sie zu ihm erhob.

Der Angeredete vermied es, sie anzusehen, er fühlte, daß Tränen in ihrer Stimme zitterten. Ich weiß es, daß die Glocken bisher für Sie nicht tönten," sagte er mild.Wir haben nie übet diesen Punkt gesprochen und doch, ich würde meinet jungen Freundin dankbar sein, wenn sie mir sagen wollte, warum."

Genia hatte einen vollblühenden Myrten- zwttg von einem der Büsche gebrochen und blickte sinnend darauf, während zattes Rot ihr Sttrn und Wangen färbte.Weil ich bis gestern nicht an Liebe glaubte; weil ich das Sängen der Menschen nach mit enffchwundenen Idealen nicht mehr verstand. Glauben Sie an Liebe, an reine Liebe?"

Gewiß, ich habe sie selbst gefühlt."

Die Liebe von Herzen zu Herzen, die körper­lose Liebe?"

Sie machen da einen Unterschied, den die Wirklichkeit umstützt. Wenn es Sie ober trösten kann, junge Frau, so füge ich hinzu, meine Liebe war nicht abhängig von dem Irdischen. Ich hätte Bianca geliebt, auch wenn sie Plötzlich ebenso häßlich geworden wäre, toi? sie schön toar. Ich liebte ihre ewige Seele und doch liebte'ich auch glühend jedes der weißblonden, schimmernden Haare, die in lichten Massen ihre liebliche Gestalt umflossen."

Aber Sie Sie waren nie verheiratet, Doktor?"

Nein . . . nie."

Weil man ihre Liebe nicht erwiderte?"

Nicht deshalb."

Verzeihen Sie mein Fragen; ich bin unbe­scheiden, aber ich meine, wer selbst so vi l dutch- gemacht, könne andere stützen, die haltlos sind im Leben." Sie blickte zaghaft zu Boden.

Sie haben nicht unrecht. Man lernt an frem­dem Schmerz den eigenen messen und findet ihn dann felteh noch ebenso riesengroß und lichw r- dunkelnd wie vorher, und doch" sein Auge tauchte träumend in die duftige Fernewer greift gern in die Erinnerung zurück, wenn die­selbe nur Weh mit sich bringt? Ich habe meine Geliebte eine Verlorene tu d ihr Kind eine Aben teiicrin werden sehen und ich lebe noch und glaube noch an die Liebe."

Auch an die göttliche?"

1Ja! Allerdings, ich muß es gestehen, gab es eine Zeit, in der sie mir verhüllt war."

iSie wollen mir nicht sagen, wodurch und weshalb?"

jRein, Kind. Es gibt Tiefen des wahn- f witzigen Schmerzes, zu denen Sie nie hinab- fieigen werden mein« Erfahrungen würde»