unb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftliche Beilage."
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Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 ,M. (ohne Bestellgelds, bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
_ _. - „ für Reklamen 40 * *4. — Drück und Berlag: Ioh
15. SCttCtttuCt 1910. Unioerfitäts-Buchdruckeret, Inhaber Dr. C. Hitzero ° T Markt 21. — Telephon 55.
Die Jnsertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7ge^alten« Zette oder deren Raum 15 "4, für auswärtige Inserate 20 4, " Drück und Berlag: Ioh. Aug. Koch, ~ ~ ~ )>0, Ätarburg,
45. Jahrg.
Die Wahlparole des Reichskanzlers.
Die offiziöse „Berliner Pol. Nacht." schreiben: „Die Tagespresse beschäftigt sich mit der Wahlparole, di- der Reichskanzler für die nächsten Reichstagswahlen ausgeben werde oder, wie einzelne Blätter behaupten, schon cmsgegeben habe. Als diese Wahlparole wird der Schutz der gefährdeten nationalen Arbeit bezeichnet. Uns ist nichts davon bekannt, daß der Reichskanzler bisher eine Wahlparole ausgegeben habe. Wohl aber wird nicht viel Scharfsinn zu der Erkenntnis gehören, daß unsere Wirtschaftspolitik gerade im Hinblick auf die Aufgaben, welche den nächsten Reichstag beschäftigen werden, schon bei den Wahlen eine besondere Rolle spielen wird, ebenso, wie sie schon im gegenwärtigen Reichstage alljährlich zu mehr oder minder heftigen Redekämpfen zwischen den Anhängern und den Gegnern unseres Wirtschaftssystems geführt hat. Keiner Partei wird es bei beit Wahlen erspart bleiben, zu dieser Grundfrage unserer wirtschaftlichen Entwicklung Stellung zu nehmen. Ob man das als Sammlungspolitik bezeichnen will oder nicht, tut zur Sache herzlich wenig, denn allerdings werden diejenigen, welche die Grundlage» unserer Wirtschaftspolitik auch ferner verteidigen wollen, gegen ihre Gegner zusammenstchen müssen. Daß der Reichskanzler zu betten gehört, welche diese Grundlagen für etwas Notwendiges und Segensreiches ansehen, dürste für niemanden etwas Neues sein."
Die „Frkf. Ztg." hält ihre Behauptung in folgender etwas gewundener Form aufrecht. „Die Nachricht ist zutreffend, und daran ändern selbstverständlich die verschiedenen inspirierten Dementis nichts. Die erste Ableugung veröffentlichte der Berliner Vertreter der „Köln. Zig.". Was dementiert man denn MN einem solchen Dementi? Natürlich hat der Reichskanzler bisher keine Wahlparole „ausgegeben"; sonst wäre ja unsere ganze politische Diskusiion erlebigt; aber erörtert hat er in engem Kreise diese Parole, die er ausgeb m wolle, und über diese Erörtemngen haben wir uns zu berichten erlaubt."
Ein Streit um Worte? Die „Frkf. Ztg." scheint die frühere Vertrautheit ihres Vertreters, Herrn Stein, mit dem Fürsten Bülow schwer zu vermissen?
Tagung des Verbandes mittlerer Post- und Telegraphenbeamten.
Unter äußerst zahlreicher Beteiligung aus allen Bezirken des Reichs-Postgebiets ist der 20. BerbandStag des Verbandes mittlerer Reichs-Post- und Telegraphenbeamten gestern in Berlin im „LehreroereinShaus" zusammengetreten.
In seiner Begrüßungsansprache erwähnte der erfte Berbandstagsvorsitzende Gottschalk zunächst die in daS letzte Geschäftsjahr fallende disziplinarische Bestrafung des früheren Verbandsvorsitzenden Zollitsch, der am 1. Oktober von Berlin nach Rastenburg versetzt worden ist. Der Verbandstag habe das tiefste Mitgefühl mtt Zollitsch, dessen Name tief in die Geschichte der gesamten Beamtenbewegung eingegraben sei (Bravo.)
In der ersten Plenarsitzung gab der erste Verbands« Vorsitzende Stender eine Darstellung der Tätigkeit deS
Verbandsvorstandes in den Jahren 1909/10. Der Vorsitzende bespricht die im Anschluß an den Gauverbandstag in Stettin veranstaltete Gesellschaftsreise nach Dänemark und Schweden. Er ist des hohen Lobes voll über die äußerst gastfteie und höchst kameradschaftliche Aufnahme seitens der skandinavischen Kollegen und Kolleginnen. — In der Beamtenbewegung nimmt die Oberassistentenfrage eine hervorragende Stelle ein; die Frage hat jetzt den Charakter als Kampffrage verloren, sie ist eine Rechtsfrage geworden. Die Frage der Zivil- und Militäranwärterbewegung erfordert unsere ganze Ruhe und Besonnenheit; nur wenn beide dasselbe wollen, ist etwas zu erreichen. Ende 1909 hatte der Verband 38,486 Mitglieder, bis zum 8. September sind 1544 neu eingetreten, so daß jetzt 40,030 Mitglieder vorhanden sein müssen, hiervon sind 1203 Abgänge abzuziehen.
In der Diskussion sprachen alle Redner dem Verbandsvorstand und der Verwaltungsstelle Dank und Anerkennung für die überaus mühevollen Leistungen des letzten "Jahres aus. Die Absplitterung einzelner Gruppen fei' wohl zu beklagen, denn es würde ein Kampf aller \egen alle, falls die einzelnen Gruppen im Verbände sich bekämpften, nur in der Einigkeit liegen Zweck und Ziel unserer Organisation. Henkel (Berlin) beklagt, daß viele Unterstützungsgefuche durch den Verbandsvorstand nicht berücksichtigt werden konnten, trotz- dem mehr als 4000 Mark gezahlt worden sind, er Bt vor, in den Etat der Unterstützungskasse 5000 einzustellen und den Mindestsatz der Unterstützung von 200 auf 100 Mark herabzusehen. Die Angliederung an den Deutschen Beamtenverein lehnt er im Auftrage des Bezirksvereins Berlin ab. Engelke (Berlin) bespricht die wünschenswerte Anrechnung derjenigen Zeit, die das vierjährige Diätariat der Militäranwärter übersteigt; er erörtert die Alternatsfraqe und hält das Wirken des Militäranwärterbundes, soweit es die Einrichtungen des Verbandes betrifft, für unheilvoll.
Auf einige Anfragen der bisherigen Redner entgegnet der 1. Verbandsvorsitzende, wegen der Sterbekaffe habe der Vorstand auf die mathematischen Gutachten Rücksicht zu nehmen. Wegen der in den nächsten Jahren einttetenden Verpflichtung sei eine allzu schnelle Erhöhung der Sterbegelder nicht ratsam.
Nach einigen persvnltchen Bemerkungen wird die Sitzung geschlossen. Der Dienstag ist für die Sitzungen der Gruppenausschüsse und der Kommission bestimmt.
Deutsches Reich.
— Die brei jüngsten kaiserlichen Prinzen Prinz August Wilhelm, der anfänglich sein Referenbarexamen in biesem Herbst ablegen wollte, macht es im Laufe des nächsten Jahres. Er wirb ein weiteres Halbjahr an ber Berliner Universität studieren, wo Professor Stampo als Hauptleiter bes AusbUbungsganges tätig ist. Außer ihm üben bie Professoren Martin Wolff, Kahl unb Smend (Greifswald) eine Lehrtätigkeit bei dem Prinzen aus. Der letztgenannte Professor ist berufen, über Kirchenrecht vorzutragen. Prinz Oskar von Preußen, Oberleutnant beim 1. Garderegiment zu Fuß, wird vom 1. Oktober ab zur Dienstleistttng bei den Pasewalker Kürassieren kommandiert. Der jüngste Sohn des Kaiserpaares, Prinz Joachim von Preußen, macht in den nächsten Tagen seine Abiturientenprüfung in Plön und darauf seine Offiziersprüfung. Voraussichtlich wird er dann ein Jahr Dienst beim 1. Garderegiment tun und hierauf zum Universttätsstubium übergehen.
— Der Abschied des Fürsten Radolin von Paris. Paris, 13. Sept. Die deutsche Kolonie
21 (Nachdruck verboten.)
Seelerrlriirrrpfe.
Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.
'(Fortsetzung.)
Sie lächelte kalt und erbrach den zweiten Brief. Genta schrieb:
„Wir hatten verabredet, Frieda um diese Zeit zu uns zu nehmen und ich muß Dich nun doch bitten, meine Schwester einem Institut zu über- geben, da meine Häuslichkeit kein geeigneter Platz für ein lebenslustiges, heiteres Mädchen fein dürfte. Friedas Vormund wird sicher ein passendes Pensionat für sie zu finden suchen. Was immer Dich zu dem Einflüsse bewogen haben mag, den Du während des letzten Jahres auf mich ausgeübt, so will ich doch meine Schwester deinem Einflüsse entzogen totffett.*
Blanche zerknitterte das Papier und kauerte sich, leise zusammenschauernd und den Kopf in den Händen bergenb, in die Ecke des Sofas. Ihre Finger berühtten den Kranz, dar chr noch in den Locken hing. Sie löste ihn los und schleuderte ihn so heftig von sich, daß er wett- hin durch das Zimmer flog. Doch dann kam ermattenbr Müdigkeit über sie. Trübsinnig saß sie da, gebrochen einzelne Wort« murmelnd: „Ach, daß ich jung gestorben wäre. — Es ist alles zerstört in mir und außer mir, aber es ist »echt so, — ich war eine Närrin! — Der Arm, in den ich mich retten wollte, stößt mich von sich; ist es meine Schuld, wenn ich ihn aufs nme beginnen muß, den Kampf ums Glück, wenn ich wieder schwimmen lernen muß in den reißenden Wogen des Lebens? — Mögen sie über mir
zusammenschlagen, wenn sie mir nur Gemtß bringen und Vergessen!"
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Ambergs Augen waren denen des Freundes gefolgt, er lachte leise auf.
„Du! Percy, das hätte ick dir am wenigsten zu^traut; noch nicht drei Tage in Triest und schon Bekanntschaften! Richt übel, muß bei dir in die Lehre gehen!"
„Du irrst, ich kenne die Dame nicht. Eine leichte Aehnlichkeit frappiette mich, das ist alles!"
Warren schwang sich in das Boot. „Und nun vorwätts!"
Die zwölf Ruder senften sich in das Wasser, die Barke schoß ins offene Meer hinaus, bog um die Ecke des Mauerwerkes und landete in dem keinen Hafen von Miramare dicht unter den Augen der in die Flut hinausstarrenden Sphinx. Es waren prächttge Gestalten, bie dem Schiffchen entstiegen unb die Hellen zum Schlosse hinanf- führenbeu Steinstufen aufwärts eilten. Es schienen junge Seeleute zu sein, und doch hätten sie dem echten Triesttner keinen Augenblick für solche gegolten; unter ihnen spottluftige Söhne erster Tttesttner Handelshäuser erkannt und in den übttgen Offiziere der vor wenig Tagen eingerückten Garnison vermutet haben.
„Wffsen Sie, daß Sic Geschmack haben, Hauptmann von Warren?" Einer der jungen Patrizier berühtte leicht die Schulter des Ange- redtten.
„Das hoffe ich, Signor Donato! Was aber bringt Sie zu dieser erfreulichen Einsicht?"
„Die Frage klingt naiv, wenn man bedentt, daß Sie vor noch nicht fünf Minuten die an
gab gestern in Palais d'Orsay dem Fürsten von Radolin anläßlich seines Rücttttttes vom hiesigen Botschafterposten ein Abschiedsbankett, dem an 200 Gäste beiwohnten. Herr Andre, Obmann des hiesigen deuffchen Schulausschusses, gab in warmen Wottm den verehmngsvollen Sympathien der deutschen Kolonie für den scheidenben Botschafter Ausdruck, indem er hervorhob, daß Fürst Radolin für die Interessen der deutschen Landsleute aller Kreise sttts bie liebevollste und tatkräftigste Fürsorge gezeigt und trotz mancher Schwierigkeiten erfolgreich an der Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen mitgewirkt habe. Der Redner schloß mit einem Trinffpruch auf die Fürstin unb den Fürsten Radolin unb überreichte bent Botschafter sodann im Namen, ber Kolonie als Andenken eine prachtvolle Bronzegruppe. Fürst Radolin, der zunächst einen begeistert aufgenommenen Trinkspruch auf den Kaiser und ein Hoch auf den Präsideten Fälliges ausbrachte, dankte tiefgerühtt für die ihm zuteil gewordene Ehrung. Er versicherte, daß ihm die Jahre seiner hiesigen Tätigkeit bank ber herzlichen Gesinnung ber deutschen Kolonie und seiner vortrefflichen Beziehungen zu den ftanzösischen Regierungsmännern unvergeßlich bleiben würden und leerte sein Glas aus das weitere Blühen und Gedeihen der deutschen Kolonie.
— Die Flcischteuerung. Berlin, 3. Sept. Eine Abordmmg des brutschen Fleischer-Verbandes wurde, wie die „Allg. Fleifchetztg." meldet, heute vom Landwittschastsminister in einer 2V2 stündigen Audienz empfangen. Der Minister erkannte die bedenfliche Höhe der Viehpreise an, meinte jedoch, eine weitere Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr von lebendem Vieh werde zur Zeit wohl nicht in Frage kommen, weil dies dem Notstand nicht abhelsen würde. Die Abordnung wird Morgen vom Handelsminister empfange«.
— Der Monistenbund gegen den Kaiser und den Prinzen Ludwig von Bayern. Dresden, 13. Sept. Der Deutsche Monfftenbund Hal sich veranlaßt gefühlt, zur Königsberger Kaifenede und zu der Rede des Pttnzen Ludwig von Bayern Stellung zu nehmen. Er hat geglaubt, beide Kundgebungen aufs tiefste bedauern zu sollen, well sie auf „überlebten Anschauungen" beruhten. Der Monistenbund sieht in den Bekenntnissen der beiden Fürsten einen Beweis der verhängnisvollen Erstarrung unseres geistigen Lebens und fordett dazu ans, diese Bekenntnisse durch den Austritt aus der Landeskirche zu be- antwotten. — Sehr richtig bemerk dazu die „Dffch. Tgsztg.": „Ob überhaupt noch biete Monisten der Landeskirche angehören, ist ftag- lich: an denen, die der Forderung zum Austritte folgen werden, ist nicht viel zu verlieren. Im übttgen wird sich das deuffche Volk mtt seinen Fürsten wenig darum kümmern, was die deutschen Monisten sagen und beschließen."
Ausland.
** Der russische Botschafter in Patts erkrantt. Paris, 13. Sept. In dem Befinden des schon vor einiger Zeit schwer erkrantten hiesigen russischen Botschafters Nelidow ist eine solche
Verschlimmerung eingetreten, daß die Aerzte jede Hoffnung aufgegeben haben.
** Die Türkei unb Griechenland. Athen, 13. Sept. Der griechische Gesandte in Konstantinopel, Gryparis wurde nach Athen berufen, um der Regierung einige Auskünfte zu erteilen. Er Wird sich von dort unverzüglich aus seinen Posten zurückbegeben. Es wird in Abrede gestellt, daß eine Spannung in den Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei eingetreten fei.
Oeffentliche Bürgerversammlung.
* Marburg, 13. Sept.
Daß untere Bürgerschaft den gegenwärtig schwebenden wichtigen kommunalen Fragen ein lebhaftes . Interesse entgegenbringt, zeigte der außerordentlich zahlreiche Besuch der auf beute abend vom Bürgerverein tn den großen Saal des Restaurants Lederer einberufenen öffentlichen Vüraeroersammlung. Am der Tagesordnung standen drei Punkte, nämlich Rathaus-Umbau, Ortenberg-Projekt und Verschieden es. Hinter dem Vorstandsttsch an der Wand befanden sich eine Anzahl Zeichnungen, aus denen ersichtlich war, wie der Um- bezw. Erweiterungsbau unseres Rathauses gedacht ist.
Der Vorsitzende des Bürgerveretns. Stadtv. Dietrich, eröffnete die Versammlung kurz vor 9 Uhr Er gab seiner Befriedigung über den zahlrerchen Besuch, den man sonst bei Bürgerversammlungen nicht gewöhnt sei, Ausdruck. Der Vürgerverein habe es für seine Pflicht gehalten, bei den wichtigen kommunalen Fragen die Ansicht der Bürger zu böten.
Stadtbaurat Bewig verbreitete sich dann zunächst über bas
Rathaus-Projett.
Er wies in feiner Einleitung daraus hin, daß alle in der Entwicklung begriffenen Städte auch auf die Schaffung geeigneter Verwaltungsgebäude Bedacht nähmen. Auch'in Marburg sei das der Fall; arbeite man doch schon seit 12 Jahren an dem Projekt, das Rathaus zu erweitern. Er brachte im Anschluß an diese Mitteilungen den Entwurf unseres früheren Oberbürgermeisters samt der Begründung zur Verlesung. Der Redner führte die Bedürfnisse, welche eine moderne Verwaltung erfordere vor und verband bamit auch den Hinweis, daß heute noch immer,das vor Jahrhunderten erbaute Rathaus, allerdings unter Zuhilfenahme des Kilians, genügen müsse. Ein wichtiges Moment bedeute auch die Fsuers- gefahr, der das mittelalterlich eingerichtete Rathaus ausgesetzt sei. Eine durchgreifende Reparatur sei nicht möglich, so lange nicht durch einen westlichen Anbau Räume für die Unterbringung der notwendigen Verwaltungszweige geschaffen würden. Der Redner wies auch darauf hin, daß viele Räume im Rathaus einen ungesunden Aufenthalt böten; manche seien geradezu skandalös unwürdig, besonders für eine Stadt von der Große Marburgs. Hier sowohl, wie auch im Kilian fehlten Räume für die mancherlei vertraulich zu führenden Verhandlungen der Bürger, die irgend ein Anliegen hätten. Bevor er bann auf das Erweiterungsprojekt einging, wies er auf bie eingezogenen Gutachten von Prof. Thierjch usw. hin, die bahin gehen, daß das alte Rathaus wegen ber Erhaltung des historischen Bildes des Marktplatzes in seinem Aeußeren keine Veränderung erfahren dürfe. Der Redner gab bann an bet Hand bet Karten ein Bild, wie bie Erweiterungsbauten gebacht sind. Man habe-alle Gesichtspunkte, auch für bie Zukunft, im Auge gehabt, bamit bet in Marburg beliebte Vorwurf, daß alles zweimal gemacht werden müsse, diesmal erspart würde. Nachdem der Vor- tragende beschrieben, rote bie neuen Einrichtungen bet einzelnen Räume im alten Rathaus unb bent ersten Anbau gedacht sind, gab er auch Auskunft, wie
mutigste Frau Triests fast mtt den Blicken verschlangen!"
„Die anmutigste Frau Triests?" mischte sich Amberg lebhaft ein. „Wenn man das Glück hat. eine Schwester zu besitzen wie die Ihre, Donato, sollte man Ttidrt so leichtsinnig mit derattigen Superlattven um sich werfen Ich lege Protest ein gegen den Ihrigen im Namen Ihrer Schwester Lucitttas!"
„Und ich versichere nochmals, daß ich die besprochene Dame nicht kenne," meinte Warten entft. „Ich wurde erst auf dieselbe aufmerksam, als ich zu bemerken glaubte, daß sie anhaltend zu mir heruntersah."
„Es war die junge Frau Rorttng, von der wir sprechen, ihre Billa liegt der unseren gegenüber. Als Nachbarn haben wir uns gegenseitig Anstandsvistten gemacht, als vor etwa einem Jahre das neuvermählte Paar seine Villa bezog. Die junge Frau soll a>ts gutadeligem Hause stammen!"
„Wissen Sie nicht den Namen ihrer Familie?"
„Tut mir leid, nein."
„Und was ist ihr Mann?"
„Zunächst und vor allem ein widerwärttger knurriger Griesgram, der unter Kuratel gefetzt zu werden verdiente wegen bet Art und Weise, in der er seine Frau behandelt, außerdem aber, glaube ich, ist er auch Ober-Ingenieur beim Hafenbau."
j „Sie scheinen die Verhälnisse näher zu kennen!" , „ ,
Die Wahrheit zu sagen, nein, aber —• ein seichtes Erröten flog Über die noch sehr jugendlichen Züge des Sprechers, „ich habe mit an
unserer Gattenmauer eine Att Observatorium errietet. Von dort aus Übersehe ich die gegen- überliegende Grenzmauer und vermittelst eines Opernguckers auch einzelne Teile des Nachbargattens. Ich beziehe dasselbe zuweilen, wenn die junge Frau in Sicht ist —"
Er stockte. Ein zu weiteren Mitteilungen wenig aufmunternder Blick Wartens traf ihn.
„Sie meinen, ich sei indiskret? Ich würde von meinen Beobachtungen nicht gesprocheu haben, dürste ich nicht hinzufügen, daß grau Rorttng ein Wesen ist, das mein ttefftes Mitlttd erregt."
„Weshalb?"
„Ich schildette Ihnen schon Ihren Mann. Sie schrickt zusammen, wenn sie ihn nur von ferne sieht, zudem — wenn man sich unbeobachtet glaubt, hat man seine Gesichtszüge nicht immer in der Gewalt — weiß ich, daß die junge Frau sehr unglücklich ist?"
Sie waten den schmalen Gang entlang geschritten, der zu dem sölleratttgen Vorbau des Schlosses führt, von dem aus die lichtglänzendeu Mauern senkrecht hinabfallen zur brandende, Tiefe.
Warren kannte Mramare, er hatte frühe» fchon oft an dieser Stelle gestanden und doch bet- senkte er sich jebesmal wieder träumerisch in die Vergangenhett des Schlosses, ob deren Scheide« jeder Baum und jede, Busch des feenhaften Parkes zu klagen scheint. jeder Stein des ragenden Baues und jeder Lufthauch, der um die weiß- leuchtenden Zinnen weht.
(Fortsetzung folgt!