WechM Jeilung
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhair?
Mnh den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."
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Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- jcihrlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Trvedition (Markt 21). 2,00 M. (Für unverlangt zugelandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
MUtwoch, 14. September 1910.
Die Jnsertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7oet"altene Zeile oder deren Raum 15 für auswärtige Inserate 20 L. für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, llniversitäts-Vuchdruckerei. Inhaber Dr. C. Hitzeroih, Rlgrburg, Markt 21. — Telephon 55.
45. Jahrg.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 74.
Die Fürsorgeerziehung in dem Regie- kMLMzirk Caffel im Rechnungsjahre E " - : 1909110.
' "Me Fürsorgeerziehung in dem Regierunos- bezirk Cassel, über die bereits ein Bericht für das Rechnunggsjahr 1909/10 vorliegt, entwickelt sich ziemlich gleichmäßig. Es sind fett dem Inkrafttreten des Fürsorgeerziehunggesetzes insgesamt 1855 Zöglinge überwiesen worden. In dem letzten Berichtsjahre vom 1. April 1909 bis 31. März 1910 wurden 213 Zöglinge neu in die Fürsorgeerziehung gebracht, von denen 139 schulpflichtig und 74 schulentlassen waren. Die Beteiligung an den Neuüberweisungen war in den einzelnen Teilen des Bezirks sehr verschieden. Während die Stadt Cassel 90, Stadt und Land Hanau 22, Marburg 16 Minderjährige lieferte, waren die Ueberweisungen aus anderen Kreisen sehe viel geringer; 4 Kreise lieferen nur je einen Zögling und 2 Kreise gar keinen. Da die sozialen und moralischen Verhältniffe in den einzelnen Kreisen nicht so sehr verschieden sind, werden die erwähnten Tatsachen wohl darauf zurückzuführen fein, daß ma>. in den b ergebenen Teilen des Bezirks der Fürsorgeerziehung nicht das gleiche Interesse entgegenbringt. In Fürsorgeerziehung waren am 1. April 1810 noch 1392 Zöglinge, von denen in Dienst, Lehre und Familiew- erziehung 978 — 69,86 Prozent, in Anstalten 414 — 30,14 Prozent untergebracht sind. Dieses Verhältnis ist recht günstig, und es Wird großes Gewicht darauf gelegt,, daß immer mehr Zöglinge in Familienpflege untergebrach^ werden. Die damit erzielten Erfolge sind so günstig, daß man auf diesem Wege immer weiter fortschreiten wird. Zur Unterbringung in Anstalten stehen etwa 40 Anstalten zur Verfügung, größtenteils außerhalb des Bezirks gelegen. Durch diese große Anzahl von Unterbringungsstätten wird eine größere Individualisierung der Erziehung und die Unterbringung des Zöglings in der Anstalt, die besonders für ihn paßt, ermöglicht.
Sowohl die in Anstalten wie die in Familien untergebrachten Zöglinge werden, soweit es irgend möglich ist, von dem Dezernenten in Fürsorgeangelegenheiten alljährlich besucht, wodurch sich Dezernent und Zögling kennen lernen; es wird hier ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen beiden hergestellt und dem Leiter der Fürsorgeerziehung ermöglicht, etwa vorhandene Mißstände und Unstimmigkiten, sowie falsche Erziehungsanschauungen, von denen et, wenn et nicht s-lbst kommt, Wohl nie etwas erfahren würde, abzuändern. Es konnten in dem verflossenen Jahre 833 Zöglinge, die in Familienpflege an 384 verschiedenen Orten untergebracht waren, uni 412 Zöglinge in 29 Anstalten, insgsamt also 1245 Zöglinge an Ort und Stelle aufgesucht und ihr- Unterbringung geprüft werden. — Zu be
merken ist noch, daß im Frühjahr 1910 in der Landesheilanstalt zu Marburg für Letter und Erziehet an Fütsorgeerziehungsanstalten ein be- sondetet, eine Woche dauernder psychiatrischer Jnformationskursys abgehalten wurde, an d m sich über 50 Teilnehmer beteiligten. Dieser Kursus war mit Vorführung von geeigneten Persönlichkeiten aus den Kreisen der Fürsorgezöglinge verbunden und wurde mit so großem Interesse ausgenommen, daß eine Wiederholung desselben in den folgenden Jahren beabsichtigt wird.
Was die erzielten Erfolge betrifft, fo ist bei 70 Prozent der im Berichtsjahre entlassenen Fürsorgezöglinge der Zweck der Fürsorgeerziehung vollständig erreicht worden. Es entspricht diese Ziffer den in den Vorjahren erreichten Prozentsätzen, deren Richtigkeit die kürzlich aufgenommene Statistik über Verhalten und Nachtleben der seit dem 1. April 1904 aus der Fürsorgeerziehung endgülüg Entlassenen voll bestätigt hat. — Die ausgewendeten Kosten bezifferten sich im Berichtsjahre auf durchschnittlich 174,04 M für den Zögling. Di- Kosten der in Anstalten untergebrachten schulpflichtigen und schulentlassenen Zöglinge beliefen sich ans durch schnittlich 273 und 557 'M, die der in Familien untergebrachten schulpflichtigen und schulentlassenen ans 120 und 70 M. — Die erreichten Erfolge sind so günstig, daß man das bisher eingeschlagene Verfahren beibehalten wird, d. h. der Familienerziehung der Zöglinge den Vorrang einräumen, Wetter die persönliche Verbindung mit den Zöglingen pflegen und nach Möglichkeit für eine individualisierte Erziehung sorgen wird.
Hauptversammlung des Alldeutschen Verbundes.
Karlsruhe, 11. Sept.
Unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Dr. Clsß (Mainz) fand am Sonnabend und Sonnto« Hierselbst die diesjährige Hauptversammlung des Alldeutschen Verbandes statt, die aus allen Teilen des Reiches von zahlreichen (Stiften und Delegierten besucht war. Von bekannteren Persönlichkeiten bemerkte man u. a. den früheren Gouverneur von Ostafrika, Reichsabgeordneten Generalleutnant v. Liebert, den Vorsitzenden des Evangelischen Bundes Frhrn. v. Stöffel (Potsdam), Graf Reventlow, General Keim und Profeffor Samaffa (Berlin).
Die Tagung begann mit einem bemerkenswerten Zwischenfall. Aus Bordeaux war eine Nummer der dort erscheinenden „La France" eingegangen, die in einem Leitartikel die Absicht des Alldeutschen Verbandes, am Montag nachmittag einen Ausflug auf das Schlachtfeld von Weißenburg zu unternehmen, als eine „Provokation" bezeichnet und davon spricht, daß die dort abzuhaltende Feierlichkeit eine Demonstration gegen die Feier des Vorjahres bei der Errichtung "des französischen Kriegerdenkmals in Weißenburg fein solle. Der Artikel meint zum Schluß, die Alldeutschen sollten den Weißenburger Sieg lieber bei Vier und Würsten feiern, als auf den Gräbern der französischen Helden. Unter dem Beifall der Versammlung forderte Reichstagsabqeordneter v. Liebert die gesamte Karlsruher Bürgerflbaft auf, diese französische Provokation mit einem Masienausflug nach Weißenburg zu beantworten, wo das Verbands-
20 ->■ . lNachdruck verboten.1
Seeleukämpfe.
Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.
(Sortsetzung.)'
Er verbeugte sich, durchschritt die nächsten Büsche und eilte auf ihm wohlbekannten, versteckten Fußpfaden den waldigen Hang hinunter. Die Fahrstraße rechtsliegen lassend, wanderte er der Leitha zu. Eine äußerst einfache, lange, dünne Brücke führte hier übsr daS Bett derselben. Man mußte das Balancieren gewohnt sein, um darauf vorwärts zu kommen; je ein einzelner Baumstamm bildete die Unterlage; je ett, Birkenstämmchrn das Geländer.
Den Arm um den Stamm eines Oelbaumcs geschlungen, lchnte um dieselbe Zeit Genia an der zerbröckelden Mauer, die den Garten ihres kleinen Besitztums nach Süden hin abschloß. Brennenden, tränenlosen Auges blickte sie hinab auf das herrliche Bild, das sich zu ihren Füßen ausbrettete
Und doch fah sie weder die Stadt dicht unter sich, noch das zauberhaft gleißende Meer, noch die in roter Abendglut verfchwindrnde italir nifche Küste, sie Hörle nicht den Klang der Abend glocken, der durch die stille Lust zu ihr herauf- hrang, ihre Lippen murmelten leife flehend die Worte des Dichters, bb sie heute gelesen:
„Die du über die Stern? weg
Mit der geleerten Schale
Aufschwebst, um sie am ewigen Born
Eilig wieder zu füllen:
Einmal schwenke sie noch, o Glück, Einmal, lächelnde Göttin!
Sieh, ein einziger Tropfen hängt
Noch verloren am Rande,
Und der einzige Tropfen genügt, Ein? himmlische Seele, Die hier unten im Schmerz erstarrt, ' Wieder in Wonne zu lösen ...
Laß ihn fallen, den Tropfen!"
10.
„Halt! Ho! Aufgepaßt — ein Thunfisch! — Sapperment, fort ist er! Warum zogst du nicht an, Percy, als er drin war?"
„Pst, Eugen! Eben kommt er wieder! W?nn du aber so kolossal schreist, muß er starke Nerven haben, um sich in trnsrer Nähe woblzufühlen. Jetzt, anziehen?"
„Fürwahr, ein Prachtkerl! Hoiho! Nummer sechs!"
Die beiden kräftigen Gestalten der Fischenden in den feintuchenen, kleidsamen Matrosenanzügen ttettetten geivandt auf den nächsten der mächtigen Felsblöcke, an denen d?r erste Anprall dec Wellen sich bricht, bevor er an die Steinquadern von Miramare schlägt. Sie zogen das Retz herauf, lebhaft den in einiger Entfernung vom Boote aus ungleich bequemer fischenden Kameraden zuwinkend.
„Avanti, Signori, Avanti!"
Das Boot kreuzte vorstchttg zwischen den zum Teil vom Wasser überspülten Blöcken dahin.
„Wahrhaftig, sie haben schon wieder einen!" tönte es den beidm Wartenden aus demselben entgegen. „Ihr habt Glück, Warren!"
„Weil wir uns unser Handwerk nicht ganz so bequem machen, wir ihr! Aber jetzt denke ich, ist es genug, meinst du nicht auch, Eugen?"
„Alle Wetter, ja? Ich fange an, zu spüren, daß die Felsen krumm waren, auf denen ich gesessen Ich habe keine Lust, mich noch länger spießen zit lassen, fürs allgemeine Wohl!"
engen Amberg sprang eilig von seinem
Mitglied Generalleutnant v. Wrochem (Berlin) eine Ansprache halten wird.
In Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten des Verbandstages referierte an erster Stelle Direktor Lutz-Korodi (Friedenau) über die Lage des Deutschtums in Ungarn nach den letzten Reichstagswahlen. Er teilte mit, daß die Siebenbürger Sachsen bei diesen Wahlen ihren bisherigen Besitzstand mit 13 Mandaten behauptet haben und daß durch die Teilnahme der Schwaben im Banat eine Aufwärtsbewegung des Deutschtums in Ungarn sich bemerkbar machte, die zu den besten Hoffnungen berechtigt — lieber völkische Gefahren der Reichsversickerungs- ordnung sprach Rechtsanwat Dr. Stade-Dresden. Er beschäftigte sich einleitend mit der Ausländer- ftage in Deutschland, das von allen europäischen Ländern infolge der raschen Industrialisierung des deutschen Volkes die meisten Ausländer beherberge. Auch die Landwirtschaft in Preußen arbeite, mit reichlich eineinviertel ausländischen Arbeitern. Hierzu treten auch noch die vielen Tausende von Ausländern auf unseren Hoch- und Fa^lchulen. Die Hauptgefahr dieser unausgesetzten Zunahme ausländischer Arbeiter liege neben der Lohndrückerei, der Unzuverlässigkeit und der Kriminalität der Ausländer in der fortschreitenden nationalen Zersetzung und Bastardisierung des deutschen Volkes. Weder die Arbeiter- Versicherungsgesetze noch der Entwurf bei Reichs- versicherungsordnung trage alledem Rücksicht. Vielmehr werde an dem Grundsatz der Gleichstellung ausländischer mit den inländischen Arbeitern auch in der Reichsversicherungsordnung festgebalten. Demgegenüber empfiehlt der Redner die Annahme folgender Resolution: „Der Alldeutsche Verband weist auf die ungeheure Vermehrung der ausländischen Arbeiter fremden Stammes — zumal Polen und Tschechen — hin und bedauert, daß der Entwurf der Reichsversicherungsordnung diese beklagenswerte Tatsache unberücksichtigt läßt. Er erachtet es für unbedingt geboten. daß diese Ausländer nicht deutschen Stammes, die oft genug zum Schaden der deutschen Arbeiter im Deutschen Reich ihr Brot erwerben, durch die neue Reichsversicherungsordnung nicht in einem solchen Maße begünstigt werden, wie es der vorliegende Entwurf leider vorsieht, daß ihnen vielmehr aus den Versicherungen nur das unerläßlich Notwendigste gewährt werde und daß die Vorteile des Gesetzes einer dauernden Festsetzung von Ausländern nicht deutschen Stammes tm Reiche nicht Vorschub leisten." Rach längerer Debatte wurde die Resolutton ein- sttmmig angenommen und ferner ein Antrag des Dr. Hänsch (Leipzig): „Die Hauptleitung wolle Schritte tun, daß in die Reichsversicherungsordnung eine Bestimmung aufgenommen werde, wonach bet Krankenkassen nur Aerzie deutscher Volksangehörigkeit zur Behandlung der Kranken zugelassen werden dürfen."
„Deutsche Forderungen in der Polenpolitik" begründete Prof. Samaffa (Halensee) unter Vorlegung folgender Refolutton: „Der Alldeutsche Verband bedauert den Rückgang der Anstedlungstätigkeit in Posen und Westpreüßen, der in diesem Jahre ftattfanb und zweifellos mit der Scheu der Regierung, vom Entewnunosgesetz Gebrauch zu machen, zusammenhängt. Der Verband bedauert dies um so mehr, als bei dem Mangel einer sachlichen Erklärung bet Anschein erweckt wird, daß sich die preußische Regierung von unangebrachten Rücksichten auf das Ausland bestimmen läßt. Der Verband spricht die Erwartung aus, daß mit der Ansiedlung deutscher Bauern in den Ostmarken mindestens im gleichen Maße wie im Iahte 1907 unter baldiger Anwendung des Enteignungsgesetzes fortgefahren wird. Da ferner bas Ansiedlung saesetz von 1904 nach dem Eingeständnis der Regierung die erhoffte Wirkung nicht gehabt hat, erscheint es nötig, daß die preußische Re
gierung in nächster Zeit ein Gesetz einbringt durch bas die Zerstückelung von Grundbesitz in den Ansiedlungsprovinzen von einer behördlichen Genehmigung abhängig gemacht wird." Der folgende Punkt der Tagesordnung betraf den „Ausbau bet deutschen Wehrmacht zu Lande". Hierüber referierte General Keim unter Vorlegung folgender Resolution: „Der Alldeutsche Verband hält es für nationale Pflicht, angesichts bet wachsenden militärischen Anstregungen seiner Nebenmächte darauf hinzuweisen, daß das Deutsche Reich nicht mehr die lückenlose Rüstung besitzt, die nötig erscheint, um. die Sicherheit des Reichs zu verbürgen. Der Alldeutsche Verband stellt habet lest, daß, entgegen dem Geiste der Reichsvetfaffung, gegenwärtig von einer wirklichen Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht nicht mehr die Rede sein kann. Der Alldeutsche Verband muß daher die Erwartung aussptechen, daß die Regierung bei der Erneuerung des Quinquenats tm Ausbau der Heeres- macht nichts versäumen wird, auch nicht ohne eine unter Umständen verhängnisvolle Sparsamkeit zu üben." — Superintendent Klingemann (Essen) behandelte die „klaß-lothringische Verfassunosfrage". Er legte folgende Leitsätze vor: „Da in der Entwicklung des Reichslandes keinerlei Anlaß zu einer anderen Stellungnahme gegeben ist. hält der Verband an den In Spanbau aufgestellten Grundsätzen über die Behandlung der elsaß-lothringischen Verfassungsfrage fest. Er kann eine Lösung der elsaß-lothringischen Verfaffungsfrage nur in solchen Maßnahmen erkennen, die deutsche Sprache und Kultur sicher stellen, während von derSchaffung eines neuen Kleinstaates voraussichtlich nur eine Heimstätte des Son- dergelstes und unter Umständen eine Gefahr für die westliche Sicherheit des Reiches zu erwarten fein würde. Nicht nur in der Richtung der kleinstaatlichen Forderung Elsaß-Lothrinaen den Elsaß-Loth- ringern kann die ersprießliche Losung der Frage erfolgen, sondern allein in dem bewußten Anschluß des Reichslandes an die gesamte deutsche Art, die den S-Lothringern das Reich und dem Deutschen
e Elsaß-Lothrlngen eröffnet.“ — Schließlich begründete Graf Reventlow eine Resolution, die sich gegen die Abrüstungsbestrebungen wendet und zum Ausdruck bringt, baß bei Deutschland bas Maß der Rüstungen ausschließlich von dem militärischen und politischen Bedürfnis bestimmt werden müsse, namentlich im Hinblick auf die Würde des Reiches als unbesiegte Großmacht.
Die Resolutionen wurden alle angenommen. Rach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde der Verbandstag geschloffen.
Christlich-sozialer Parteitag.
Siegen, 11. Sept
Unter Teilnahme von Delegierten aus dem ganzen Reiche trat heute hier im Kaisergarten der 14. Christlich-Soziale Parteitag zu seinen Beratungen zusammen. Eingeleitet wurde et mit einer allgemeinen Begrüßungsversammlung .in der über das Thema „Unser Programm" gesprochen wurde. Unter den Anwesenden befanden sich die christlich-sozialen Abgeordneten Dr. Vurckhardt und Behrens, ferner Lic. Mumm, Lic. Weber lM.-Gladbach) und andere Vorkämpfer der Partei. Abg. Behrens gab ein längeres Referat über die politische Lage. Wenn unsere Gegner auf eine Spaltung in unserer Partei spekulieren, so werden sie sich verspekulieren. Wir Christlich-Sozialen sind einig in allen großen Fragen und würden es für vaterlandsfeindlich gehalten haben,, wenn wir bei der Reichsfinanzreform unsere Mitarbeit verweigert hätten. (Lebhafter Beifall.) Wenn unser Kaiser sich als Instrument des Herrn betrachtet und erklärt, daß er unbekümmert um die
Felsen Über den Rand des Bootes, um den Fang zu bergen.
„Potz Blitz — bsr Wirt der Osten« wird Augen machen, wenn wir ihm das Matettal zum Abendessen selbst in die Küche liefern!"
Er schloß sogleich den Fischkasten und blickte auf. Warten stand noch immer auf der Spitz' des Blockes, die Augen mit der Hand beschattend, scharf hinüberspähend nach dem eben borbei pustenden Danrpfer „Miramare", der dicht an ihnen hinfahrend, die W'llen so wild gegen das Gestein trieb, daß das kleine Boot heftig auf und niederschwankte.
„Percy, bist du verhext? Hast du die Lorelei gesehen?"
Der Angerufene schien nicht zu hören, sein Auge folgte noch immer dem Schisse, über dessen BrüsMng eine junge Dame lehnte, den Blick ebenfalls forschend zu ihm niedergesenft.
In bet Mitte des schwankenden Uebergangcs, da wo das Wasser in tiefem Bette schnell dahinschoß, saß Frieda, mit den nackten Füßchen tm Wasser spielend, mit den Hän en sich an dem Geländer über ihrem Kopfe festhaltend. Sie sprang auf, als sie Percy kommen sah.
„Halt, ich muß erst zurück — vorüber können Sie nicht!" Sie lief schnellfüßig auf ihn zu. „Ich habe auf Sie gewartet!"
„Woher wußten Sie, Frieda, daß ich nicht im Schlosse bleiben würde?"
„Ich dachte cs mir, daß Sie es nicht lange bei ihr aushalten würden!"
„Sie lieben Ihre jetzige Mama nicht?"
„Nein. Gute Nacht, Percy!"
Sie hob sich auf die Fußspitzen, küßte ihn auf den Mund und verschivand ir- Weidengebüsch I des Ufers. — Unter dem Buchengeäste oben auf I dem vorspringenden Walbrande stand Blanche •
und blickte dem über den Steg Dahinschreite«-. den und die jenseitige Uferebene Durchwandernden nach, so lange noch der tteine, schwarze Punkt erkennbar war für ihr scharfes Auge. Ein häßliches Lächeln entstellte ihre Züge, wie sie so hinausstarrte, die lange Girlande aus Feldblumen zerreißend und mit den Keinen Atlas- schuhen zertretend.
„Also alles umsonst!" Sie lachte bitter aus und blickte erschreckt um sich, als die gegenüberliegende Berglehne die gellenden Töne zurücksandte. Es war ja prächtig, wie schnell alles gegang'n, er hatte sie nicht im Zweifel gelassen über die Meinung, die er von ihr hatte. Lüge und Verstellung ein langes Jahr hindurch für die Enttäuschung einer halben Stunde!--
Sie warf energisch den Kopf zurück, raffte die Schleppe ihres leichten Kleides zusammen und ging hoch aufgerichtet dem Schlosse zu. Auf dem Schreibtische von Rosenholz, der ihr Zimmer zierte, lagen zwei Briefe, der Bote war soeben hier gewesen. Sie trugen beide den Poststempel Triest. Blanche öffnete den ersten, die kräftigen Schriftzüge Rorrings leuchteten ihr entgegen: . *
„Wenn Sie ein Mann wären, gnädige Frau, würden Sie mir Rechenschaft abzulegen haben Über das Wohlwollen, mit dem Sie mich in eine Verbindung mit Engcnie hineinzwangen. Hätte ich irgend einen Anhaltspunkt, um den Beweggründen für Ihre Güte nachzusorschen, Sie würden mit der Zett doch vielleicht finben, baß Sie sich einen etwas lästige« Schwiegersohn gewählt So begnüge ich mich bamit, Ihnen die Verachtung auSzusprechm, die die Lüge verdient. Sterling."
(Fortsetzung folgt.)
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