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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain — knb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage." ___
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Marburg
Sonntag, 11. September 1910.
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45» Jahrg.
Drittes Blatt.
Marie von Ebner-Eschenbach.
Zu ihr-m 80. Geburtstage, 13. September.
Von Dr. S. Habermann.
Zlvei Frauen leben unter uns, denen nach der allgemeinen Meinung die höchsten literarischen Ehren gebühren: Selma Lagerlöf, die Schwedin, und die Deutsch Oesterreicherin Marie von Ebner-Eschenbach. Und die allgemeine Meinung, sonst so oft fehlgreifend und irreführend, deckt sich hier einmal ganz mit dem Urteile der Besten. In wie vielem sie auch voneinander verschieden sind, die Dichterin des Nordens, deren Welt die Sage bildet, und die mährische Komteß, die sich in den Wirklichkeiten des! Lebens zu Hause fühlt, — das ist ihnen gemeinsam, daß sie beide ganze Künstlerinnen und ganze Frauen sind. Die Vereinigung beider Eigenschaften, die in dor Literatur weit seltener ist, als man deinen möchte, bildet den charakteristischen Zug. Freilich, worin jenes echte Frauentum der Ebner liegen möge, das wir in allen ihren Werken tote die zarte Berührung einer seinen Hand empfinden, das läßt sich, tote schließlich alles, toas die letzten Eigenschaften des Menschen angcht, mehr fühlen, als in bestimmten Worten ausdrücken. Doch sehen toir jedenfalls eine Seite unserer Dichterin in all ihren Schöpfungen in einem so hellen inneren Lichte erglänzen, daß sie weit umher Helligkeit verbreitet — und das ist ihre Güte. Ihre grundlose, unerschöpfliche und darum eben so goldechte Güte. Ihre Güte, die Mensch und Tier, Hoch und Niedrig, Schön und Häßlich mit derselben liebevollen Wärme umfaßt und die nur aus einem Frauenherzen, aus seiner geheimnis- vollen Wundergabe zu verstehen, zu lieben, sich hinzugeben, entspringen kann. Diese Güte der Ebner ist aber keineswegs etwa simple Gutmütigkeit oder gar Sentimentalität. Sie zählt nicht zu denen, die tote man zu sagen pflegt, drei gerade sein lasten, sondern sie stellt strenge sitt- liche Forderungen, und das Vergehen ist ihr zw- weilen selbst dann, wenn die Schuldfrage doch noch sehr zweiselhast bleibt, „unsühnbar", tote der Fall ' er Gräfin in dem also genannten Romane bezeugt. Nein, sie ist ganz und gar keine Konpromißlernatur, und über den Mangel an Sinn für moralische Reinlichkeit, den toir bei so vielen neueren Autoren antreffen, hat man sich bei ihr nicht zu beklagen. Wahrhaftigkeit, Ernst, Treue im Leben und Schaffen: das sind ihr Forderungen, mit denen sie, tote man in älteren Tagen wohl zu sagen pflegte, nicht marchandieren läßt; und wenn sie der Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit ihrer Standesgenossen die Leviten liest, wie etwa in Wieder die Alte oder Er laßt di? Hand küsten, oder wenn sie leichtfertiges Dichtertum (in Lotti die Uhrmacherin) oder Richtertum (in Ein Spätgeborener) auf die Anklagebank setzt, dann möchte man fast an Ibsens berühmte „sittliche Forderung" denken. Aber — welch ein Gegensatz zwischen dem dramafischen Staatsanwalte aus Norwegen und der Ebner. Er führt einen Prozeß, den er erbarmungslos bis ans die letzten moralischen Grundsätze entwickelt; sie gibt lebend? Menschenwesen, die sie in der ganzen armen Bedingtheit und Unvollkommenheit unseres Geschlechtes schildert, denen sie nichts schenkt, aber die sie, wie sie auch immer seien, noch als ihre Brüder und Schwestern verstehend umfaßt. Selbst die Stumpfheit, Roheit und Grausamkeit der Bauern, di« dem „Gemeindekinde" den Weg zum Guten so bitter er- fchweren, selbst sie erscheinen am Ende mehr als ein Unglück als ein Verbrechen; und in «den diesem Metsterromane sagt Pawels Lehrer «In Wort, das uns noch oft in den Ohren flingt, tvmn toir die Werke der Ebner lesen: „O die Menschen, die Menschen! Man muß sie liebe«
— und will ja — aber manchmal graut einem; es graut einem sogar sehr ost."
Sie zählt nicht zu denen, die sich rosenrote Illusionen machen. Sie schildert in Nach dem Tode und im Chlodwig die weibliche Herzenskälte. in Jakob Szela den giftigen Undank, in Unsühnbar die gewistenlose Leidenschaft, im Spätgeborenen den großen Galeotto: den verleumderischen Klatsch. Oft ist wehmutsvolle Entsagung, oft ein unerbittliches „Zu spät" ihr letztes Wort. Der arme, für seine Zeit zu spät geborene Idealist muß in den Tod gehen, und die Gesellschafterin und Lehrerin Mademoiselle Dubois beginnt geduldig wieder ihre Stunden zu geben, nachdem ihr Liebestraum zerronnen ist und sie sich in ihrem Glücksrausche, wie ihre aristokratische Herrin meint, ine Zeitlang ein wenig hat gehen lassen. Aber das eben ist das köstlich-edle Menschentum der Ebner, daß unter all diesem ihr Glaube an das Menschentum, an fein? sittliche Kraft und seinen Adel keinen Augenblick ins Wanken gerät. Ihr armer Pawel, das Verbrecherkind, der Dorsparia, dringt eben schließlich doch zu Haus und Hof, zu Ehre und Geltung durch, indem er all? sich ihm entgegenstemmende Gemeinheit niederlebt. „Niederlebt" — den Haß, das Häßliche n-ederleben: das ist ihr großer, edler und gütiger Lebensrat: so erfahren toir von Bettslheim, ihrem Biographen, dessen ausgezeichnete, vor einem Jahrzehnt bei den Gebrüdern Paetel erschienene Schrift über di? Ebner keiner ihrer Verehrer ungelesen lasten sollte. Sie hat ja selbst so manches „niederleben" müssen, und mit welch stiller Tapferkeit hat sie es niedergckebt! 50 Jahre hat sie alt werden müssen, ehe Verstättdnis und Anerkennung ihr nahten. Fast ein ganzes Menschenalter dramatischen Schaffens hat sie auf die Fehlseite ihres Leben schreiben müssen, da sich ihr die Bühnen nicht öffneten oder in den seltenen Fällen, wo es doch einmal geschah, ihr nur Halberfolge oder Mißerfolge brachten. Und als sie dann zur erzählettden Kunst überging, da mußte sie wieder erst noch schwere Jahre durchmachen, in betten kein Echo zu ihr drang und ihr Schaffen in der dunklen Grabkammer der Verkennung, der Unbekanntheit begraben blieb. Kein Künstler ist von Anerkennung und Beifall unabhängig, aber diese starke Frau konnte doch in den schwersten Jahren schreiben: „Berühmt sein ist nichts, Schaffen ist alles". Als dann der Ruhm kam, konnte sie ibn mit dem stillen Lächeln der Dankbarkeit für ein kaum mehr erwartetes liebes Geschenk, ober auch mit der heiteren Ruhe der Wissend« aufnebmen. Es hat sie sicher tief bewegt und beglückt, als vor zehn Jahren zu ihrem 70. Gebuttstage die ganze deutsche Bildung, die Kunst und selbst die Wistenschaft (denn sie wurde damals Ehrendottor der philosophischen Fakultät in Wien) ihr mit Ehren und Wünschen nahten, aber der Quell ihres wahren und dauernden Glückes lag tiefer und war von Menschengunst und -Ungunst nicht zu erreichen obv zu berühren. Ihr Leben war ihr Schaffen.
Und, kann man hinzufiigen, ihr Schaffen war ihr Seben. Das alte Grundgesetz echter Poesie, das diese stets als erlebte Poesie, als Poesie ge wordenes Leben zeigt, bildet auch den Nerv ihrer Dichtung. Kasseehauspoeste, Literaten- literatur, ästhetisch-technische Kunstproduttion: damit ist der Gegenpol des Schaffens der Ebner bczckchnet. Wenn man die wundervollen biographischen Skizzen durchlieft, die sie vor fünf Jahren unter dem Titel Meine Kinderjahre (gleichfalls in dem erwähnten Verlage) ver- öffentfidrt bat, so erstaunt man, wie innig ihr Leben und ihre Kunst miteinander verwoben sind. Man sieht, wie sie ein ganz persönliches Erlebnis in der „Beichte" künstlerisch obie.-ttviert hat; und wenn sie bericht t, daß ihr Vater, der Graf Dubsky, in schwerer Zeit einmal gesagt habe: „Ja. der jüdische Doktor und der katholische Geistliche — allen Respekt, das sind zwei Helden!" so erkennt man das Samenkorn, aus dem ihre Meisternovelle Der Kreisphhsikus ent« sprossen ist. Nur daß sie darin den jüdischen Doftor nicht als fertigen Helden apotheosiert, sondern ihn, echt künstlertsch, aus Herzmshürtiq feit und Gewinnsucht zu reinem Menschentume sich durchringen läßt. Aber es sind nicht nur einzelne Motive, die sie jenen frühen Jahren verdau«, sondern man kann sagen, daß im ganzen ihre Jugend der fruchtbare Boden ihres gesamten Schaffens gewesen ist. Mähren, ihre Heimat, ist und blttbt bet bevorzugte, der klassische Schauplatz ihrer Erzählungen; dann hat sie ihn wohl nach und nach vorsichtig erweitert, aber eine Heimatkünstlerin im edelsten und höchsten Sinne ist sie immer geblieben. In dem Sinne, baß sie im Rahmen bet Heimat und ihrer Menschen mehr und mehr die Welt, das Menschentum überhaupt geschildert hat. Und welche Fülle von Gestalten und Problemen hat sie nicht der Heimat und ihrrm Leben abgewonnen! Sie zeigt den Bauern in seiner Arbett, seiner Beschränkung, seiner
Tüchtigkeit, seinem Leben, Leiden und Lieb u. 1 Sie zeigt den Adel in vielerlei Gestalt: den tüch- I tigen, tätigen, menschenfreundlichen Gutsherrn und die weltlich gedankenlosen „Komtesierln", den Adelsstolz und die echteBornehmhett, Rokoko- gräfinnen und modern? Naturen. Sie zeigt das stille segensreiche Walten des Geistlichen und des Lehrers, den Handwerker, die wunderlichen Originale, die Bauernmagd. Die Welt des noch unverbrauchten mährischen Tschech.miums und der Adel deutscher Kultur und Bildung berühren sich hier friedlich und durchdringen zuweilen einander; große geschichtliche Ereignisse, wie k'e polnische Revolution, spielen hinein. In imm.r wechselnden Farben erglänzt die Welt, die sie schildert. Jetzt zeichnet sie eine liebenswürdige Idyll-, jetzt rollt sie, wie in Jakob Szela, ein schicksalschwetes Drama auf. Wir hören die schwerfällige Sprache des Volkes und dann wieder (z. B. in Er läßt die Hand küssen) die etwas gezierte Konversation der Salons der alten Tage. Fast immer setzt ihr schalkhafter Humor die reizendsten Lichter auf. In den schrullig-drolligen Freiherrn von Gemperlein hat sie ein Kabinettsstück des feinsten Humors geschaffen, aber in der Unverstandenen auf dem Dorfe begegnen sich Humor und Tragik in jenir seltenen und ergreifenden Mischung, als deren Meister wir Shakespeare verehren.
Ihre Freundin Louise von Franyois hat sie einmal die geiswollste und gedankenklarste Fra« genannt, die je in Deutschland geschrieben, und sie hat mit dieser Charakteristik das Richtige getroffen. Klarheit ist der Vorzug, den sie vor der ander« großen Dichterin denffcher Ratton, der Droste-Hülshoff, voraus bat. Lag der Drang nach Klarheit schon tief in ihrer Natur, so wurde er in ihrer langen glücklichen Ehe mit ihrem Vrtter Moritz v. Ebner-Eschenbach noch besonders glücklich entwickelt. Ihr Gatte, ein hoher Offizier, war zugleich ein gründlicher Gelehrter auf dem Gebiete der Naturwissenschaft und der Tech- nik. eine durchaus reife, hochgebildete Persönlichkeit. Im innigen Zusammenleben mit diesem trefflichen Mann? gewann auch die Ebner unendlich an Einsicht, an Bildung, an Reise. Sie erl.rngte jene Ausgeglichenheit der Bildung und des Geistes, die selbst den begabtesten Frauen zu erreichen so schwer fällt. Und den vollsten Segen dieser Entwicklung erntete sie als Künstlerin. An Vollendung der Form ist sie schlechthin allen Frauen, die bisher gedichtet hab«, überlegen — man müßte bann das Wenige, was wir von der Sappho kennen, ausnehmen wollen. Aber die George Sand wirft, neben sie gehalten, oft barock, die Elliot weitschweifig, und der Lagerlöf fehlt der große Atem ihrer Erzählerkunst. Auch ihr sind die Lehrjahre nicht erspart g.blteben, und in ihren Frühwerken, auch in dein Romane Un- fübnbar noch, verrät sich gelegentlich eine gewisse Unsicherheit in der Verwendung der Kunstmittel. Aber allmählich ist sie zu einer Klarheit, Freiheit und Anmut in der Komposition, einer Feinheit und Schönheit bet Sprache gelangt, bie sie neben Meister tote Keller und Hehse stellt. Und die Meister haben sie in ihren Ring aufgenommen. Hehse gehört zu ihren ältesten Bewunderern:' und als ein Professor das Gemeindekind wohlwollend als „ganz nett" bezeichnete, fuhr Keller grimmig dazwischen: „Das Gemeindekind ischt nicht nett — das ischi gut!" Das hohe Formgefühl, die strenge Klarheit sind es vor allen Dingen, die die Ebner von der großen Masse der Frauenliteratur ganz ab- scheiden. Der alte Goethe bat einmal den Frauen das Verständnis für Poesie überhaupt absprechen wollen weil sie immer was fürs Gefühl haben wollten und keinen Sinn für das besäßen, was das Entscheidend? In aller Dichtungen ausmache: die Motive. An der Ebner batte er seine Freude gehabt. Ihre Kunst wendet sich nicht an die weicbcn Herzen und spekufiert nicht auf die Tränendrüsen. Auf einfachen, flaren, interffan ten, lebensvollen Motiven bauen sich alle ihre Erzählungen auf, entwickeln sie klar, geistvoll und wahr und schließen ab, wenn der Kreis erschöpft ist. Dann ist ein Stück Welt, 8 6en, Geist in anschaulicher Vollendung und reicherer innerer Fülle vor uns aufgebaut. Ihre Kunst ist eine Kunst des echten Lebens, eine Kunst für Reife mit reinen Herzen, eine Kunst, dir au8 Erleben gnillt und die Erleben schafft. Gesegnet seien ihre schönen Tage bis ans Ende.
Vor 40 Jahren.
Kriegserlebnisse geschildert vom ehemafigen Füsilier der 10. Komp, des 83. Hess. Infanterie- Regiments Chr. Schneider aus Dainrode, jetzt Gerichtsbeamter in Dortmund.
(Fortsetzung.)
Wir bezogen gegen Abend Biwak. Bisher waren unsere Biwaks fast immer still und ungestört getoefen und hatten uns bie nötige Stärk
ung für das rauhe Kriegsleben am andere« Tage gebracht. Hier ober stellten sich unvermutete Störenfriede ein. Ganze Scharen von herrenlosen Pferden rannten wie besessen kreuz und quer über das Schlachtfeld. Wir Ware« genötigt, Posten auszustellen, um diese eigenartigen Feinde ohne Gewehr abzuhalten. Ob die Franzosen ihnen irgend einen Begeisterungs- trank eingegeben hatten, konnte ich nicht feststellen. Die Tiere waren nach der schönen Musik der Kanonen und Gewehre rein wie toll. Mit französischen Leittüchern hatten wir uns ein ziemlich gutes Nachtlager bereitet und schliefen sonst fast ohne Störung.
Am Morgen des 2.- September regnete es sehr. Zwischen uns und dem 5. Korps befand sich ein durch ein kleines Tal sich hinziehender Fahrweg. Plötzlich geschah etwas, was ich noch heute mit meinen Ohren zu vernehmen meine. Ein Trubel, ein Jubel ringsum. Hurra! das schier kein Ende nehmen wollte. Der Kaiset Napoleon gefangen! Bei dieser Nachricht kannte die Freude keine Grenzen, alle Traurigkeit war wie weggeblasen.
König Wilhelm I. ritt mit seinem Gefolge das ganze Schlachtfeld ab und bei jedem Bataillon, bei jeder Schwadron fiel bei seiner Ankunft die Musik ein. Die Freude war so groß, daß vielen Kriegern die Tränen in die Augen traten und einet den andern umarmte mit dem Gedanken: Wir sind gesund geblieben und gehen jetzt wieder nach Hause! Es sollte aber ander- kommen. Als der König mit seinem Gefolge an uns vorbetritt, blieb der Kronprinz etwas zurück und neigte sich im Vorbeireiten zu unserem Herrn Major von Möge — cs war ein Kurheff- — hin und sagte ihm ins Ohr, doch so, daß Wir es hören konnten: „Napoleon ist gefangen, er komntt «adr Mlhelmshöhe." Kaum war das Hobe Gefolge einige hun^ rt Schritt weiter geritten, hieß es: „Napoleon kommt?" Wir mußten zwar an bie Gewehre treten, aber es wurde uns boch gestattet, uns umzudrehen und bis an den 30 bis 40 Schritt hinter uns gelegenen Weg zu laufen, um Napoleon mit seinem Gefolge zu schauen. Welches Gefiihl sich unser bemächtigte, als der einst so mächtige Kaiser jetzt als Gefangene. an uns vorüberzog? Die Gefangennahme Napoleons war der Höhepunft aller unserer Erfolge, die ich eingehend hier nicht wiedergeben kam: S8ut und Mitleid erfüllten zugleich unsere Brust.
Welche Wendung der Feldzug nun nehmen würde, wußten wir Soldaten nicht; doch kam für uns jetzt eine sehr angenehme Abwechselung Unter Aufsicht eines Sergeanten wurden zwei Kompagnien, bie 9. und 10 kommandiert, um die in Sedan in den Festunaswöllen umherliegenden Gewehre zu je 250 in Vierkant aufmstapeln. Daß wir diese Gelegenheit ausrnttzien, um das ganze Schlachtfeld so viel wie möglich anzu- febe.s, war selbstverständlich Es war uns öe- fohlen, jedes Gewehr zu prüfen, ob es gelabm war ober nicht. Das machte einen wahren Spaß. In die Gewehre, in ben« sich keine Kugel befand, wurde von bei, herumliegenden Patronen heimlich eine gesteckt, nm bann gegen ben Wall abgefeuert zu werden. Dieser Spaß sollt? uns nicht lanae vergönnt fein, denn nach einigen Tagen erhielten wir Befehl, nach Paris zu marschieen.
4. Auf nach Paris!
Als wir auf biefent Marsche bie Maas tote» ber berührten, würben wir gewahr, welch großes Pferbematerial zu Grunbe gegangen war, denn das Wasser der Maas staute sich wagen ber vielen Kabaver, bie barin lagen. Von ben Märschen ist nicht viel zu erzählen, mir will ich hervorheben, daß sie anstrengend waren. Nach 14 Tagen langten wir in einem Vorort von Paris, in Balenton. an. Von hier ans zogen wir ab wechselnd stets ein Bataillon auf Vorposten vor daö Fort Jffy an der Seine. Unsere Anftmft kam den Franzosen überraschend, denn in den erst« Tagen waren bie Fabriken noch in Beiried und man konnte bei Hellem Wetter bie Hebungen der Mobilgarben beutlich sehen. Wir hatten Beseht, niemanben ans Paris heraus zu lassen, Munition würbe nicht unnütz vergeudet. Anders verhielten sich die Franzosen, denn sie schossen oft mit Granat« auf einzelne Posten, sodaß diese unter dem Feuer nicht wenig zu leiden hatten. Unsere Vorposten waren eingegraben. Hier hatte ich Gelegenheit, bie schwere Garde-FestungsArtillerie mit ihr« großen Ge- schützen kennen zu lernen. Sie fuhr burch ben Ort Valenton, in bem wir lagen. Die Strafte waren ein wenig abschüssig; ba sah ich die schweren Artilleristen mit ihren breiten Schultern zu beiden Seiten der Geschütze sich anlehnend in die Speichen greifen und wie so der Transport glatt von statten ging. Ich hab- gestaunt über biefe Leistungen unb noch mehr über ben saft gleichmäßigen Körperbau bet Garbeartilleristen; es war eine wahre Lust, die Kraft der Männer