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Marburg

45, Jahrg.

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Sonnabend 10. September 1910. Univerfitäts-Buchdruckerei, Inhab-r Dr. G. »ifivtod), Wuinrntfl, z T Markt 21. TelevKon 5;>.

Ordnungsparteien znm Nmsturzbestrebungen der welchem unser in Gott so oft und so dringend

Volkes, die über kurz oder lang die traurigsten Folgen für ein geordnetes Staatswesen zeitigen muß. Wir betrachten es nicht nur als unser gutes Recht, sondern als unsere ernste Pflicht gegen alles, was die monarchischen Grundfesten unseres Staates zu unterminieren droht, in klarer Weise Front zu machen.

Mr bitten darum in dieser hochernsten Zeit die Großherzogl. Regierung auf das dringendste, endlich mit aller Entschiedenheit der Verdemo- krat'.stemng unseres Staatswesens entgegen'u- trtten und den Zusammenschluß aller streng monarchisch gesinnten Ordnungsparteien behufs Eindämmung der auf den Umsturz zielenden Be­strebungen zu fördern."--

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der ' ~ Der Bezugspreis betragt viertel- ~ ~ ~ bet

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 73.

Ausland.

** Der englische Werstarbeiterstreik. Car­diff, 8. Sept. Die hiesigen Koblenarbeiter hiel­ten gestern eine Massenversammlung ab, in der i iH

1200 Angestellte der Vereinigten Cambrian- Kohlengruben beschlossen, in en Sympathie­streik mit den anderen Arbeitern der Mine zn treten, die auf ihre Forderung von einer L^n- erhöhung hin entlassen worden waren.

** Präsident FallitzreS. Paris, 8. Sept. Präsident Fälliges ist hierher znrückgekehrt.

♦♦ Roosevelt beim deutschen Klub. Mil­waukee, 8. Sept. Theodore R-wsAelt stattet« heute dem hiesigen deutichm Klub einen Besuch ab, bei dem er in deutscher Sprache begrüßt wurde. Roosevelt überbrachte dem Klub Grüßt des deutschen Kaisers, dem er von dem Klub er. zählt hatte.

** Ein Borschußgeschäst der Türkei. Kon­stantinopel, 8. Sept. Den Blättern zufolge schloß das Finanzministerium ein Vorschußgeschäft in Höhe von 500 000 Pfund mit der unter englischem Einfluß stehenden türkisch n Rationalbank ab.

** Wer zahlt Roosevelts Agitationsreisei Rewhork, 7. Sept. Am Schluß von Roosevelts Rede im Island Park in Fargo über die Lage des nordamerikanischen Arbeiters und die sozialen Forderungen seines Programms, er­eignete sich derPost" zufolge, ein unliebsamer Zwischenfall. Roosevelt hatte gerade unter dem Beifall der Menge geschlossen und wollte sich niedersetzen, als ein würdig aussehender Arbei­ter auf das Rednerpodlum stieg, dicht an Roose­velt herantrat und ihn fragte:Sagen Sie mal, wer bezahlt denn eigentlich die Kosten für Ihre Agitationsreise?" Roosevelt war im Augen­blick von der Frage so überrascht, daß er einen Augenblick keine Worte fand und wie abwehrend dem Arbeiter seine Hände entaegenhielt. Dann erwiderte er:Ich wußte nicht, daß es Leute gibt, die sich um d rartige Privatangelegenheiten bekümmern Da Sie sich iedoch dafür w in­teressieren scheinen, will ick Ihnen mitteilen, daß der V rlag des ..On'lok" die Kosten der Reise bestreitet.Sie lügen, das Volk muß die Reise bezahlen". entacanete der Fraaer. Rooft- vctts Antlitz rötete fi» vor Zorn während Bit beiden anwesenden Verlagsmitglieder des ..Out­lok", Mr Abott und Mr. Rowlands, erbleih- ten.'Werft ibn hinaus", riefen einige d"r Ilm­sitzenden. Dock« der unbekannte Gegner Roose­velts hatte sich bereits ntm Geben gewandt. Ibr braucht mich nicht berausruwerlen". ries er beim Verlassen des Podiums der M-nae ut. Ich aebe schon Fch habe nur Roosevelt ein­mal die Wahrheit saaen wollen Denn viele der Arbeiter, den-n Roosevelt ein- glückliche Zukunft in seinen Reden verlvrlcbt sind neuaieria zu wissen, wo er selbst das Geld zu seinm großen Retten und Fahrten hernimmt."

** Verhaftung russischer Anarchisten Peters­burg 8. Sept. Die Verhaftung von 12 Anar­chisten in Moskau batten zu weiteren 30 Verhaf­tungen Anlaß gegeben, nachdem damit ein gan­zer Verband Komministen ausgedeckt wordm war. In Brsansk wurde eine Bon.bensabrik ent­deckt, die Geschosse von ungeheurer Sprengkraft herstellte. Grobe Mißbräuche wurden neuerdings in der Kanalverwaltung in Iekaterinoslaw fest­gestellt. Die Krone wurde systematisch bestohlen.

Die badischen Konservativen gegen den badischen Minister des Innern Herrn Frhru. v. Bodmann.

In einer sehr zahlreich besuchten Versamm­lung der Vertrauensleute und Mitglieder der konservative-. Partei ,W Bezirkes Karlsruhe: welche vergangenen Sonntag (4. Sept.) in Linkenheim stattfand, wurde v ic6 einem Vor­trage des konservativen Generalsekretärs Schmidt-Heidelberg nachfolgende Entschließung einstimmig angenommen:Wir Vertrauenst- männer und Mitglieder der konservativen Partei des Bezirkes Karlsruhe sprechen unser aus der Tieft, des Herzens kommendes Bedauern darüber aus, daß der Großh. Minister des Innern Herr Frhr. von Bodmann in der Sitzung der 1. Kammer der badischen Landstände vom 13. Juli die bekannte Aeußerung von der Sozialdemo­kratie als einergroßartigen Arbeiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes" und von dem nötigenEntgegenkommen" getan und daß diese bis zud heutigen Stunde noch keinerlei Ein­schränkung von Regierungsseite erfahren hat. Durch diese Aeußerung wird tatsächlich unser Volk in weiten Kreisen über den wahren Charak­ter der Sozialdemokratie, insbesondere über ihre Eigenschaft als einer durchaus demokratisch revo­lutionären Partei getäuscht und so den Zu-

Deutsches Reich.

3um Besuche Kaiser Wilhelm» iw Wien. Der Kaiser trifft am 20. September in den Morgenstun­den in Wien ein, er steigt auf dem Stadtbahnhosr Penzii^ aus, wo ihn Kaiser Franz Josef, umgeben votz den Mitgliedern seines Hauses, erwartet. Die beiden Monarchen fahren dann zusammen in das kai­serliche Lustschloß Schönbrunn, wo Kaiser Wilhelm einen zweitägigen Aufenthalt nehmen wird. Das Programm umfaßt u. a. eine Familientafel und eine Hoftafel. Bekanntlich wird Kaiser Wilhelm bei die­ser Gelegenheit auch eine Abordnung seines K. u. K. östereichisch-ungarischen Husarenregiments empfan­gen, die ihm das vom Offizierskorps dieses Regi­mentes gestifteten Ehrensäbel überreichen wird. Fer­ner wird der Kaiser der Jagdausstellung einen zwei­maligen Besuch abftatten. Auch eine Feierlichkeit ihm zu Ehren ist auf der deutschen Botschaft vorge­sehen, wahrscheinlich ein Frühstück. Die Abreise er­folgt am 21. September abends, voraussichtlich vom Penzinger Bahnhofe au».

Die Kaisermanöver. Preußisch-Holland, 8 Sept. Bei den diesjährigen Kaisermanövern wird ein Kampf um eine mit allen Mitteln der Technik be­festigte Stellung zur Darstellung gebracht, ohne dabei die Entschlutzsreiheit der Führer wesentlich zu be­schränken. Aus Ersparnisrücksichten wurden nur zwei Armeekorps herangezogen. Die Manöver werden so kriegsmäßig wir möglich durchgeführt. Dir Kämpfe werden auch des Nachts fortgesetzt, wie auch der Kaiser als oberster Schiedsrichter sich bereit er­klärt, jederzeit Mitarbeiten zu wollen. Die allgemeine Lage ist folgende: Eine rote Armee ist vor der blauen über die Weichsel zurückgegangen. Die blaue Armee ist ihr über die Weichsel gefolgt und zieht in einer Hinte vorwärts auf Marienburg-Riesenburg. Die rote Armee hat Verstärkungen zu erwarten und will - nach deren Eintreffen erneut Widerstand leisten, wo­zu die Gegend des oberländischen Kanals und die anschließenden Seen einladen. Das rote erste Armee­korps ging zwischen Elbing und Drausensee und die feite find nur nördliche Flügel von den nach Süden sich beiderseits anschließenden größeren Truppen­massen, die angenommen find. Von Neuerungen seien erwähnt: lieber die Abtransporte sind noch keine Be­stimmungen getroffen. Verluste werden durch Ent­fernung aus der Eefechtslinie praktisch dargestellt. Die gesamte Bagage nebst Begleitmannschaften wird

anfaesordert hat, verhindert.

Es ist eine verhängnisvolle Verkennung der Bestrebungen und Ziele der Sozialdemokratie, wenn die Regierung mit der Möglichkeit einer Versöhnung dieser staatsumwälzenden Partei mi. der Monarchie rechnet. Weiter ist es unbe­greiflich, wie ein Minister von einer nötigen Befreiung" des Arbeiterstandes durch die Sozialdemokratie reden kann, liegen doch umge- kchrt die Verhältnisse so, daß große Kreise der Arbeitgeber, der mittleren und Reinen Gewerbe­treibenden, des Kleinkaufmannsstandes u. der nicht-sozialdemokratisck gerichteten Arbeiterschaft (christlich-nationale Arbeiterbewegung) unter den Bedrückungen nnd dem oft brutalengewalt­tätigen Terrorismus der Sozialdemokratie zu leiden haben. Richt versöhnender Ausgleich, sondern rücksichtslose Diktatur des Proletariats im Wirtschafts- und Staatsleben steht auf der Fabne der Sozialdemokratie. Alles, was auf dem Wege sozialer Gesetzgebung, wie sie erst­mals durch die soziale Botschaft Kaiser Wilhelms 7. eingeleitet, erreicht worden ist, wurde von der Sozialdemokratie auf das schärfste bekämpft und wird heute noch von derselben mit Hohn und Spott überschüttet.

Wir Konservativen halten eine Uebernahme sozialdemokratischer Schlagworte in den Sprach­gebrauch leitender Staatsmänner für eine Ver­wüstung des monarchischen Gewissens unseres

sammenschlutz aller Kampfe gegen die Sozialdemokratie, zu ruhend? Großherzog

Die Jnsertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7g^altene Zeile oder deren Raum 15 A>, für auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 A. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch,

nicht mehr als neutral betrachtet. Beim ersten Korps wirdP. 2, beim 17.M. 3" arbeiten, beide Lenk­ballons mit drahtloser Telegraphie. Die blaue Ka- valleriedivision hat leichte drahtlose Stationen, Licht­signale und Lastkraft-Kolonnen, die Infanterie hat Scheinwerfer, die Pioniere haben einen neuen leich­ten Divifions-Brückrntrain. Christenburg, 8. Sept. Die blaue Armee gedachte auf der ganzen Linie ge­gen Osten vorzugehen und Rot Überall da anzugrei­fen, wo fie auf Rot stoßen würde. Das 17. Armee­korps ging zwischen Ewing und Drausensee und die ihm unterstellte Kavalleriedivifion gegen den Elbing- fluß vor. Die Kavallerie erzwang sich den Ueberganz über den Elbingfluß bei Elbing gegen schwache rote Truppen. In der Gegend nördlich von Christburg entwickelte sich ein größeres Gefecht, indem das blaue 17. Korps hier gegen die westliche Sorge vorging. Die Artillerie trat auf beiden Seiten in lebhafte Tätig­keit.P. 2 operierte den ganzen Vormittag. Das Wetter ist regnerisch. Die Wege find aufgeweicht. Der Kaiser hatte morgens Prökelwih verlassen und war bei Pachollen zu Pferde gestiegen. Graf Häseler und die anderen Manövergäste beobachteten die Kavalle­riedivisionen. Preußisch-Holland, 8. Sept. 'Das blaue Armeekorps scheint auch die westliche Sorge ge­wonnen zu haben. Rot ist nordöstlich zurückgegangen und hat Stellungen etwa in der Linie von Hirschfeld und Erllnhagen eingenommen.M. 3" operierte nachrnitags Über Rot.

Der Grotzherzog von Baden. Karlsruhe, 8. Sept. Der Erotzherzog ist aus Metz zurückgekehrt und hat sich um 11 Uhr nach Schloß Mainau begeben.

Die Stellung der bayerischen Rational­liberalen zu den nächsten Reichstagswahlen. München, 8. Sept. Der g-schästssührende A-ts- schuß der nationalliberalen Partei in Bayern hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, auf dem be­vorstehenden nationalliberalen Parteitag in Cassel mit bazng auf die Reichslagswahlen fol­genden Standpuntt zu vertreten: Es sei wünschenswert, wenn in Cassel eine Großblock­politik mit der Sozialdemokratie abgelehnt würde. In erster Linie möchten Wahlbündnisse mit der Fortschrittlichen Volkspartei angestrebt worden, aber daneben, wenn möglich, auch mit den rechtsstehenden Parteien. Nach rechts wie nach links soll jede Wahlunterstützung nur ge­fördert werden, wenn der betreffende Kandidat die Gewähr dafür bietet, daß er weder eine efn- seittge Agrarpolitik noch eine Politik des Frei­handels vertritt, sondern sich verpflicht«!, für die Interessen aller Stände, insbesondere auch für die von Industrie, Handel und Gewerbe, einzu- freien. In Bayern rechts des Rheins könne mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse auf diese Wahltaktik nicht verzichtet werden.

Die Sperre des berliner Biehhofes. Berlin, 8. Sept. Die Sperre des berliner Biehhofes bleibt der Allgemeinen Fleischer-Zeitung" zufolge auch für den Samstagsabendmarkt bestehen.

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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."

Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis betragt No 919 jährlich durch die Post bezogen 2,25 Jl (ohne Bestelle

e/wS. äU unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 21)0 M.

(Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

** (Nachdruck verboten.)

Seelenkämpfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)'

Nun, was sagen Sie, gnädige Frau?" Der Doftor hielt noch immer den Kopf zum Fenster hinaus.Paßt nicht dieser See von heute auf morgen prächtig in die Märchenwelt des Karst?"

Gewiß?" . O daß sie nicht hätte antworten müssen, daß sie hätte tochten dürfen!

Der Zug donnette über den Viadnft von Sc.nta Croce, hohe Felsenwände zu beiden Seiten benahmen für einen Augenblick jede Aussicht. Plötzlich ward rechts der Blick frei und breitete sich tief unter ihnen der Riesenspiegel der Adria aus, da wo die schräg einfallenden Sttahlen der Abendsonne ihn trafen, anflenchtend wie flüssiges Gold. Im Westen die Küste von Aqnileja, gegenüber die istrtsche Halbinsel, steil anffteigend aus den Uferwellen, und da, da tauchte es auf aus dem flimmernden Abendhauche, Tttest mit seinen Kuppeln und Türmen, dem vorgelagetten Mastenwalde und den kahlen Höhen des Karst im Hintergründe.

Genia hatte wottlos die Hände gefaltet und sah mit feuchten Augen nieder auf diesen An­blick, der, so viel großattiger als fie ihn ge­träumt, doch ihr Herz Msanunenschnürte in leisem Weh. Wohl war es schön, dies Meer, dies Triest und doch wie anders hatte sie sich ihren Einzug gedacht! Sie blickte scheu hinüber | M ihrem Gatten, der teilnahmslos auf He nack- I ttn Felswände der gegenüberliegenden Berg- I

lehne starrte; sie hatte sich noch nie so verein­samt gefühlt, so allein, weit fort von der Heimat, unter einun Volke, dessen fremdartig,-' Sprache so­eben in den ersten Tönen beängstigend an ihr Ohr schlug!---

Durch das Straßengewirre Triests gehl es hindurch, immer aufwätts, immer höher, bis man, die Stadt tief unten lassend, den freien Blick hinausschweifen läßt über Meer und Land. Hie und da eine vereinzelte Villa, dazwischen Gärtner- und Winzerhäuschen, der Wagen hält vor dem grünumsponnenen Gittertore eines Landhauses.

Vor den Augen der jungen Frau aber dreht sich alles in wildem Wirbel, Felsen und Meer, Paläste und Gärten, sie alle tanzen in höllischem Reigen um eine schlaff in sich zu­sammengesunkene Männergestalt, deren Augen Mißtrauen und kalten Stolz sprühen, so ost sie auf ihr ruhen.

Genia hat sich zurückgezogen in einem der Räume, dessen Türe sie hiitter sich geschlossen. Gott schütze sie vor diesen Augen!

In dem Zimmer nebenan hört sie eine gleichgültig kühle Stimme den Dienstleuten An­ordnungen geben, die eilig an den Möbeln zerren und schieben.

Tragt nur das alles hinüber in mein Studierzimmer! Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich oft bis in die Rächte hinein aufbleibe, um zu arbeiten und zuweilen früh vor Tage aufstehen muß, ich würde meine Fran stören."

ES durchzuckt sie wie Erleichterung, und doch ist es keine. Wer wird ihr helfen auS diesem

Wirrsaal, in das sie sich blind und unverständig gestürzt?--

Wochen sind vergangen,> sie hat noch im­mer dieselbe Frage. Wer soll ihr auch helfen* Gewiß gab es der zagenden und verzagenden Menschenherzen genug, eins mehr, eins weniger, es war ja so gleistgültig! Genia hat nie geahnt, daß man so viel weinen könne, wie fie es tut. ohne davon blind zu werden. Sie sind so eintönig, ihre Tage, an denen sie sich den Kopf zermartert, um etwas ausfindig zu machen, was Norrtng erfreuen könnte, wobei er sie nicht rauh abweisen würde, wie er es immer tat, wenn sie sich ihm nahte, herzlich und gut und sich bemühend, ihn zu erheitern. Sie sind eintönig, ihre Nächte, in denen sie die Kissen mit ihren Tränen feuchtet, während vor ihrem geistigen Auge die Welt des Schönen und Ide­alen, an die sie geglaubt, zusammenbricht Stück für Stück.

Sie ist sehr klug geworden in den wenigen Wochen, in denen sie die Augen offen hielt für die Vorgänge des Lebens. Sie ist klug gewor­den, aber sft schaudert vor dieser Klugheit! Dieselbe reißt alles nieder, was ihr heilig er­schienen. In finstere Schatten gehüllt, liegt die Welt vor ihr. aus der jene ideale Liebe ge­schwunden, für die sie geschwärmt in dm Werken der Dichter.

i Während so für Genia das Reich der Ideale in Trümmer M, ging ihr Gatte einsam und (wortkarg seinen Weg. Er hatte ihr schon wider- Iholt angebeutet, daß er sie freigeben würde, so bald sie es wünsche, und segnete doch die Scheu, mtt der sie vor einem solch gewaltsamen

Schritte zurückwich. Er fühlte es Wohl, daß et die Abwesenheit der lichten, anmutigen Gestalt, die in den Räumen seines Hauses waltete, nicht ertragen würde, er hoffte noch immer, hoffte, trotzdem er sich sagen mußte, daß sein gereiztes, rauhes Wesen feiner jungen Fran gegen­über diese täglich weiter von ihm entfernte. Und sanft und schmeichelnd ihre Liebe zu erwer­ben suchen? Sein Stolz verbot es ihm! Liebte sie nicht, so sollte sie auch nicht ahnen, daß et liebte. Dunkel war das Schicksal gewesen, dar von seinen frühesten Kindertagen an über ihm geschwebt; mochte es seinen Lauf nehmen, so lange es konnte, ein Ende müßte ja doch einmal für alles kommen.

9.

Der letzte Mai des Jahres war angebrochen Aus dem altertümlichen Tore der Militär- Akademle von Wlener-Reustadt trat in später Vonnittagsstunde ein kräftiger, hochgewachsener, junger Mann in der kleidsamen Uniform eines Artillerie-Hallptmanns. Er war ein interessan­ter Kopf mit feingeschwungenen Linien, den der etwa Dreißigjährige stolz und frei auf den Schul­tern trug. Dicht-s, blondes Haar lockte sich Über den leichtgebräunten Zügen, sinnender Ernst lag auf der hohen, jetzt von dem Käppi verdeckten Stirne, ein jugendfrtsches Lächeln, wie von glücklicher Erinnerung wachgerufen, um He edel- aeformten Lippen.

Hauptmann von Warten hatte soeben ange­nehme Stunden durchlebt in dem Wiedersehen der Lehrer, He ihn unterrichtet, der Offiziere, Me zu der Anstalt gehörten und der jungen Eleven, die hier ihre Studien machte«. (Forts, folgt.)