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45. Jahr-.

Io 211 jährlich durch

*'=- unteren Keitu

Marburg

Freüag, 9. September 1910.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain^

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage.

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2,25 <4( (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Die Jnserttonagebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Berbreitungsgebtet des Blattes für di« 7gelnaltene Zeile oder deren Raum 15 s. für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 '4. Druck und Berlag: Ioh. Aua. Koch, Universttäts-Buchdruckerei, Inhaber Dr. L. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Teleohon 55.

Die Sorge für die Kriegsteilnehmer.

Zum vierzigsten Male jährt sich der Tag, an dem in der Schlacht von Sedan eine der glänzend­sten Waffentat'n aller Zeiten von den Deutschen vollbracht und über den Ausgang eines Kampfes entschieden wurde, von dem eine neue welt- und wirtschaftspolitisch? Epoche datiert. Den Tausenden, die auf dem Felde der Ehre gefallen und ihr Leben Hingaben für die Größe und Wohl­fahrt der Ueberlcbendcn und Nachkmmenden. wird ehrendes, dankbares Gedächtnis zu teil. Aber ebenso wenig könnnr und dürfen Erinner­ung und Anerkennung an den Mitkämpfern aus jener großen Zeit der nationalen Erhebung und Einigung Vorbeigehen, die noch unter uns weilen.

Der deutsch - Reichstag hat im vorigen Jahre einstimmig einen Gesetzentwurf zur besseren Für­sorge für die Kriegsteilnehmer in drei Lesungen verabschiedet, hat seine Beschlüsse im Frühjahr des laufenden Jahres bestätigt und hat endlich ans seiner Mitte heraus die Anregung gegeben zu den beiden Konferenzen zur Frage der Beteranenfürforge, die im Monat Juni im Reichsschatzamt unter dem Vorsitz des Reichs!- schatzsekretärs stattgefunden und die Aufgabe ge­habt haben, einen gangbaren Weg zur Deckung der entstehenden Mehrkosten zu finden.

Die Tatsache, daß hier noch etwas zu tun übrig bleibt und daß das Versämnte schnell nach­geholt werden muß, wenn es nicht für immer zu spät sein soll, ist in der sozialdemokratischen Presse in agitatorischer Absicht benutzt worden, um auch in die Kreise der ehemaligen Kriegsteil­nehmer Unzufriedenheit zu tragen. Gegenüber diesen Hetzereien ist fsstzustellen, daß seit der Be­gründung des Reichsinvalidenfonds im Jahre 1873 bereits über 2000 Millionen Mark an Unterstützungen für Veteranen verausgabt sind, und daß die Fürsorgeleistungen bald nicht bloß die nachweisbar verwundeten, sondern auch die nichtinvalidri Kriegsteilnehmer umfaßt«. Diese letztere Gruppe ist seit dem Jahre 1895 im Ge­nuß von Unterstützungen; im Etat für 1910 be­ziffert sich die Ausgabe für diesen Zweck auf 23,6 Mill. Mark, und sie wird im Jahre 1911' wiederum erhöht werden. Dazu kommen 3.6 Millionen Mark aus dem Dispositionsfonds gleichfalls an Kriegsteilnehmer, bei denen die Invalidität nicht nachgewiesen ist; im Verglich zu den 19,4 Millionen Mark, die aus dem Reichsinvalidenfonds an invalide Mannschaften gezahlt werden, überwiegt also die Ausgabe für die nichtinvaliden Kriegsteilnehmer ganz erheb- Uck. Erweiterungen der Fürsorge sind ferner Mlgetreten durch wesentliche Erhöhungen b.'t Beträge für die Kriegs und Verstümmelungs­folgen. durch Einführung der Alterszulage u. a. m. Von dieser Fürsorge, die gegenwärtig insge­samt eine jährliche Ausgabe von rund 60 Mill. Mark erfordert, werden unter den 197 000 Kriegs­teilnehmern, die auf Grund des Gesetzes vom 22. Mai 1895 die Reichsbeihilfe von 120 Mark er­halten, weitaus überwiegend die wirklich Bedürf­

tigen betroffen. Schon jetzt steht somit Deuffch- land, wie in einem neuen Reichslags-Petitions­bericht vom Jahre 1908 nachgewiesen ist, in der Fürsorge sür seine Kriegsteilnehmer unter allen europäischen Rationen voran.

Trotzdem ist zu beklagen, daß der gegen­wärtige Zustand die Möglichkeit läßt, daß ehe­malige Krieger, die in bedürftiger Lage befind­lich, um Gewährung der Unterstützung einkom­men, abgewiesen werden müssen. Gegenwärtig muß der Veteran 60 Jahre alt sein, tomißet als 600 Mark Einkommen haben und die Erwerbs­fähigkeit muß infolge von Alter, schwerem Siech­tum, unheilbarer Krankheit oder anderen Ge­brechen dauernd unter ein Drittel des orts­üblichen Tagelohnes herabgmindert sein. Rach dem Beschluß des Reichstages, der mit dem Ge­setzentwurf vom 13. Juli v. I. (der wegen eines Formfehlers nicht ausgsführt ist) übereinstimmt sollen die Reichsbeihilfe diejenigen erhalten, die sich aus einer nicht vorübergehenden Ursache in unterstützungsbedürstiger Lage befinden, oder die das 60. Lebensjahr vollendet haben und ein Einkommen von 600 Mark nicht erreichen. Die Kosten einer so erweiterten Fürsorge werdm nach den Berechnungen des Reichsschatzsekretärs 1723 Millionen Mark einschließlich aller sich argebenden Konsequenzen betragen.

Selbstverständlich könnte darüber sind Bundesrat und Reichstag einig eine solche Ausgabe nicht bewilligt werden, ohne daß volle Deckung beschafft ist. Die Hoffnung des Reichs­schahsekretärs, ein Rüchgesetz über die Zuwachs­steuer zu stände zu bringen, und aus dem Ertrag einer solchen Steuer die Mittel zu gewinnen, mag sich verwirklichen oder nicht; eine Summe von 1723 Millionen wird diese Steuer, die doch nach dem letzten Finanzgesetz an die Stelle der lOOprozentigen. Erhöhung . des Grundstücksüber­tragungsstempels treten soll, ui.ter keinen Um­ständen für die Zwecke der Veteranenfürsorgr ab­werfen können. Auch aus anderen Quellen müs­sen Mittel gewonnen werden. In dieser Zwangs­lage ist das Problem der Wehrsteuer in greifbare Nähe gerückt. Es war in der Hauptsache der Gegenstand der Verhandlungen in den vom Reichsschatzami einberufenen Konferenzen. Die Darlegungen und Vorschläge eines nationallibe­ralen Abgeordneten haben damals in hohem Grade das Interesse der maßgebenden Stelle ge­funden. Im Reichstag ist, nach dem Ergebnis der Vechandlungen im April ds. Js. zu urteilen, ein sichere Mehrheit für eine Wehrsteuer vor­handen. Auch Fürst Bismarck hat seinerzeit die Wehrsteuer befürwortet, und seitdem hat sie sicher­lich nicht an Berechtigung verloren, nachdem in- solge der starken Volksvermehrung der Begriff der allgemeinen Wehrpflicht ganz wesentlich ver­schoben ist. An dieser Ausgabe mitzuarbeiten, ist ein dringendes nationales Erfordernis gewor­den; seine Befriedigung sollte die erste Tat sein, die der Reichstag im Herbste ds. Js. vollbringt.

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Unser Wahlkreis.

ist wieder einmal Objekt der Diskussion in Berlin Herr v. Gerlach einerseits, Forffchrittspartei und Herr Dr. Böhme andererseits, machen An­sprüche an uns. Es war ja längst bekannt, daß die Fortschrittliche Volkspariei sich die Art und Weise, in der ihre Führer Kopsch, Wtemer usw. von v. Gerlach mit Schmutz beworfen wurden, nicht gefallen lassen werde. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Herrn v. Gerlach aus diesen und anderen Gründen ein fortschrittlicher Gegen­kandidat gestellt werden soll. Wir find auf diese uns längst bekannte Lage nicht Wetter ein­gegangen, da ja bis zur ^Zahl noch recht lange Zeit ist. Angesichts der Streiter i um unfern Wahlkreis in Berliner Blättern möchten wir doch aber auch einiges sagen. Vor allem, daß wir diesmal hoffentlich einen Kandidaten finden werden, dessen Interessen bei uns und nicht bei Berliner Parteigrüppchm oder Gruppell und ihrem Drum und Dran liegen. Wir sind es wirklich satt, als polittsche Merk­würdigkeit in aller Munde zu sein, und das Operationsfeld für Berliner Parteigründer und Volksredner abzugeben. Das werden die Wähler diesmal hoffentllch endgiltig zum Ausdruck bringen. Wir Hessen sollten Manns genug fein, nicht jeder neuen Parteigruppierung den ersten Sitz im Reichstage zu verschaffen. Sonst lacht ganz Deuffchland über unseren sagen wirEn- thusiasmus" sür Parteigebilde, die sonst nir­gends aufkommen können. Diese Zeiten sind wohl nun auch vorbei.

Zu dem edlen Wettstreit zwischen Freisinn und v. Gerlach wollen wir uns nicht Wetter äußern. Dr. Böhme tritt in einer Erklärung derKorre­spondenz des Deutschen Bauernbundes" aus sel­ten des Freisinns gegen von Garlach. Bor allem betont er. daß er entgegen bet Ansicht v. G.'s wledsrhler kandidieren wer de. Er streitet sich dann mit Herrn v. Gerlach über das vieler Varianten fähige ThemaGesinnungs­wechsel", das bereits öfters behandelt ist. Herr v. Gerlach sei doch mich als Rationalsozialer gewählt und habe sein Mandat nach dem Zusammenbruch dieser Partei doch auch nicht niedergelegt. Mit Verlaub, jetzt hat Herr von Gerlach recht, die ehemaligen Nationalsozialen haben das von v. Gerlach nicht verlangt, und außerdem ist es ein Irrtum, wenn man glaubt, Herr v. Gerlach sei von den Anhängern seiner Partei gewählt. Er zog bekanntlich auf den Krack des Zen­trums und der Sozialdemokratie in den Reichs­tag, Im wesentlichen WÄl er für Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes war, wozu sich der konservative Kandidat damals nickt entschließen konnte. Interessant ist übrigens, daß Dr. Böhme ans die Wahlhilfe des F r e i s i n n s zu hoffen scheint, desselben Freisinns, bet bekanntlich der antisemitischen Pattei als bas Grundübel er­scheint und auch Dr. Böhme erschien. Was wer­den seine ehemaligen Freunde, die doch auch jetzt seine Wähler werden sollen, dazu sagen?

So werden wir diesmal nicht weniger als

6 bis 7 Kandidaten haben, ein Zeichen, daß bei uns jeder polittsche Geschäfte machen zu können glaubt, wenn er nur über die nötige Agitatlons- kunsi verfügt. Da kann es aber auch zu den in­teressantesten Sttchwahlkonstellationen komme«. Aufs Prophezeien verlegen wir uns nicht, und es amüsiett immer wieder, zu "eben, wie Herr v. Gerlach seine Wahl als etwas fichetes aus- posaunt. Er hat offenbar keine Ahnung, daß seine« wilde Agitation, die es mit demVorwärts" aufnimmt, ja ihn übertrifft, ihm in städtischen Kreisen geschadet und auf dem Lande nicht genutzt hat, dort wählen sie dann ganz einfach gleich den Genossen, bas ist wenigstens das einzig Kon- fequente, wenn gleich zwischen ihm und v. G. doch in Wirklichkeit faum ein Unterschied besteht. Doch Watten wir's ab.

Deutsches Reich.

vom Kaiser. Prökelwitz, 7. Sept. Der Kaiser unternahm vormittags und nachmittags Jagdaus- flüge. Er verbleibt im fürstlichen Jagdschloß bis morgen früh. Fünfkirchen, 7. Sept. Kaiser Wil­helm trifft mit großer Begleitung am 16. September nachmittags über Wien und Eroßkanesfa im Bahn­hof Fünfttrchen ein und setzt von hier die Reise nach Mohacs fort, wo er am Bahnhof von Erzherzog Franz Ferdinand und Erzherzog Friedrich sowie den Behörden empfangen wird. Offizieller Empfang findet nicht statt. Rach der Ankunft besteigt der Kaiser das Schiff und begibt sich dann ins Kata- pancsaet Jagdschloß und abends sofort auf die erste Putsche. Am 19. September abends reist Kaiser Wilhelm nach Wien ab.

Zu den Kaisertagen in Posen. Köln, 7. Sept. DieKölnische Volkszeitung" meldet einen recht merkwürdigen Zwischenfall bei der Posener Schloß- einweihung. Der Präsident der Ansiedlungskommis­sion soll nämlich im Laufe eines Gesprächs dem Kaiser gesagt haben, es mangle in Posen an Land, so daß man zur Enteignung schreiten müsse. Der Kaiser habe die Unterhaltung sofort abgebrochen. Es gehört wohl kein besonderer Aufwand an In­telligenz dazu, um die ganze Nachricht als Erfindung zu erkennen.

Kein Prinz im Posener Kaiserschloß. Auf eine Anfrage nns Posen an das Ober-Hofmarschall-Amt in Berlin, ob es sich bestätige, daß ein Prinz das Schloß bewohnen werde, lief nachstehende Antwort ein:Auf Ihr Schreiben vom 30. v. M. erwidert das Ober-Hofmarschall-Amt ergebenst, daß demselben von einer Bewohnung des Königlichen Schlosses in Po­fen durch einen Prinzlichen Hofhalt nichts bekannt ist. Berlin, 3. September, gez. Eulenburg."

Reichskanzler v. Bethmann Hollweg hat, wie aus München gemeldet wird, die Absicht, auch in die­sem Herbst wieder einige Zeit int bayerischen Hoch­gebirge im Iagdoergnügen zuzubringen, wegen un­aufschiebbarer und dringender Geschäfte aufgeben müssen.

(Nachdruck verboten."!

Srelerrkarnpfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)

Sie weinte nicht, aber Tränen hingen ihr noch an den Wangen. Armes Kind. Es über­kam ihn unendliches Mitleid mit ihr und mit sich selbst, die, beide betrogen, unter diesem Verhäng­nisse aufzuckten.

_ Er schritt näher. Wenn sie nur nicht so schön wäre, es würde Ihm leichter sein, künftig mit ihr zu Verkehren!

Genia hörte die nahenden Schritte und blickte auf, bis ins innerste Herz hinein er­schreckend bei seinem Anblick Wo war et ge­wesen? Wo konnten seine Züge so schlaff und fahl, feine Augen fo nnstät geworden fein? War er heute Nacht bei den Irrlichtern draußen gewesen? Und so weit hatte sie hn gebracht, sie, die ihm den einsamen Lebensweg hatte er­heitern wollen! War das die Frucht der Opfer, die sie hatte bringen wollen, um ihn glücklich zu machen? Und doch der gestrige Abend trat ihr noch einmal vor die Seele, und sie schauerte zusammen.

Ist es t>ir nicht zu kühl hier unten? Eugenie? Wie unvorsichtig, dich so leicht ge­kleidet der Morgenluft auszusetzen!"

Norring war langsam auf sie zugetreten, seine Stimme klang ruhig, aber kühl und fremd, Sie fröstelte.

Du hast recht, mich friert, ich will hinauf­gehen." Sie erhob sich, das dichte Haar fiel Ifr bei der Bewegung nach vom über die Schul­tern.Ich muß dich um Entschuldigung bitten, daß du mich so findest," bat sie verlegen,ich will mich gleich ordentlich anziehen."

Tue das. Wir wollen dann, wie wir uns borgenommeii, die Sehenswürdigkeiten von Lai­bach bei Tage betrachten. Du läßt es mir wohl fagen, wenn du fertig bist."

Et sah sie nicht an, während er sprach, fein überwachter Blick ruhte seitwätts aus den Knospenbüscheln des Fliedersttauckes. Die Tränen traten ihr in die Augen, sie legte, leise auffchluchzend, ihre Hand aus seinen Arm. Herbett?"

Nun? Oder weißt du eine bessere Tages­einteilung?"

Herbett, können wir uns nicht gern haben und und* das Wort wollte ihr doch nicht recht über die Lippen, glücklich fein, trotz alle dem? Willst du mich nicht freundlich anfehen undGenia" nennen wie gestern?"

Norring löste leicht ilyre Hand von seinem Arme.Wir müssen eben versuchen, es mitein­ander auszuhalten, Kind. Komm' ich führe dich hinaus."

*

Es war Mittag Das junge Paar stand auf dem Perron des Bahnhofes vor dem eben heran ps-isenden Zuge.

Habe die Ehre, Herr Norring, guten Morgen, gnädige Frau! Das weiße Haar des alten Arztes vom Schloßberge verschwand in dem Innern eines der Coupes.

Bollen wir nicht zu ihm einfteigeu, Herbett?"

Warum nicht?"---

Genia hatte sich hastig bm alten Herrn gegenüber gesetzt, ihr Gatte lehnte sich, wie körperlich und geistig erschöpft, in die entgegen­gesetzte Ecke und siAoß die Augen.

Voll Interesse und wohl auch, um dir müde zusamemngesunkene Gestalt Norrings nicht sehen zu müssen, blickte Genia In die Gegend hinaus.

während sie dankbar den ettlärenden Bemer­kungen des Doftors lauschte. Durch schroffe Felseneinschnitte über riesige Aufdämmungen keuchte die Maschine den Parst hinan, der Höhe von Loitsch entgegen, und ließ sich pnistend und stöhnend frisch speisen aus dem Vorräte des dottigen Wasserturmes.

Sie ahnen wahrscheinlich nicht, gnädige Frau, von welcher Wichtigkeit diese Wasser­türme für den Bahnbetrieb sind?"

Hat denn der Karst keine Quellen?"

Doch, es fehlt ihm nicht daran. Oft hött man das Wasser in feinen Schlüffen plätschern und lachen, und durchbohrt man die Felswände oder zersprengt sie, um es zu finden, so versteckt es sich koboldartig in d u Spalten und ver­schwindet auf immer, noch ehe man es über­haupt recht gesehen."

Tas klingt ja fast märchenhaft!"

Und ist doch so! Der Karst ist eines von den Nawrwundern, die nicht recht hineinpaflen in die nüchterne, heutige Welt!"

Der alte Herr hatte sich ordentlich in Eifer geredet. Seine klugen, grauen Augen hatten mehr gesehen, als jene glaubten. Sollte er es nicht versuchen, dem jungen Paare hinwegzu­helfen über diese jedenfalls doch nur momentane Verstimmung? Er ahnte nicht das hatte Ringen hinter der Stirn des Mannes, der sogleichgültig kalt zu fein schien.

War es nicht ehrlos, Genia, wenn auch nur äußerlich, die Seine zu nennen, während sie nicht wußte, daß es ein einstiger Jrrenhauszögling war, der ihr seinen Namen gegeben, einer von denen, bei deren bloßer Nennung sie gestern abend erbebt? War es nicht seine Pflicht, sie davon zu unterrichten, sobald er mit ihr allein sein würde.? Und er sollte sich dadurch selbst jede Möglichkeit benehmen, doch noch ihre Liebe

zu erringen ? Er zwang gewaltsam das Stöhnen nieder, das dieser Gedanke in ihm aufsteigen ließ. Vorher hätte sie es erfahren müssen, vor dem enffcheidenden Schritte, Blanche hatte ge- fchwiegen, was follte Genia jetzt noch die Auf­klärung? Wenn sie ihn lieben lernte, würde die unheimliche Krankheit nicht mieWfebren, das fühlte er, sie hatte dann nichts zu fürchten. Lernte sie es nicht, und dieselbe kam, es war ihm, als sei sie sckon da und hänge drohend übet ihm nun, bann würde sie hoffentlich unheil­bar fein, und der jungen Frau gerade dadurch die Freiheit toiebergegeben werden. Mußte denn aber dieses Aeußerste eintreten? Wat es nicht möglich, daß sie schon in diesem Augenblick feine Gefühle, wenn auch nur leise, erwiderte?

Sie waren über die unzähligen Querriegel des Kalkgebirges dahingefahren, das Kesseltal von Planina öffnete sich. Doktor Helmroth lehnte sich lebhaft zum Fenster hinaus.

Sehen Sie, Herr Norring, sehen Sie! Noch vorgestern, als ich hier vorüberfuhr, war alles grün, heute ist es eine weite Wasserfläche!"

Norring sah empor; Genias Auge batte auf ihm geruht voll zättlichen Erbarmens. War das nicht Liebe? Er sprang auf und schlang seinen Arm um ihre Taille, anscheinend aufmertfam den Worten des Arztes lauschend. Der garte, Leib bog sich nicht ausweichend zurück wie gestern uni) früher, er duldete die Umarmung. Nörtings Augen leuchteten vor freudiger Hebet« raschung, er beugte sich hastig vor, um ihr ins abgewendete Gesicht zu sehen; ihre Lippen waren fest aufeinander gepreßt, die feinen Rüstem ge­spannt, die Augenbrauen scharf in die Höhe ge­zogen, es war das Antlitz jemandes, der sich zwingt, ruhig einen Schmerz zu ertragen. Sei» Arm löste sich langsam, er trat zurück: vorbei,' vorbeik (Fortsetzung folgt.)