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WchM Jeilung

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

«nd den Beilagen:Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftlich« Beilage.«

45. Jahrg

Körperschaften, es folgten die Kriegervereine und dann ein besonders prächtige» Bild je drei Chargierte der hiestgen Verbindungen in Wichs mit Fahnen. Den Schluß bildeten Schulen und Vereine. Auf dem Kämpfrasen war ein Altar errichtet, um den sich die zahlreiche Menschenmenge zum Feld­gottesdienst scharte. Nachdem die Veteranen unter Vorantritt der Iägerkapelle eingezogen waren, be­gann der Gottesdienst. Prof. Bornhäuser hielt eine an tiefen Gedanken reich« formvollendete Predigt; man kann nur wünschen, daß Prof. Bornhäuser sich entschließt, sie durch den Druck weiteren Kreisen zu­gänglich zu machen, damit die warm empfundenen, zu Herzen geheicken Worte auch mancher noch liest, der gestern trotz des klaren Organs de» Redners bei der weiten Entfernung wenig oder nichts hören konnte. An den Feldgottesdienst schloß sich ein Früh­stück für die Veteranen in den Stadtsälen, das gleich­falls gut besucht war. Der Stadtverordnete Zustiz- rat Rohde gab seiner Freude Ausdruck, so viele Veteranen als Gäste der Stadt begrüßen zu können und wünschte ihnen, daß sie noch recht oft den Sedan­tag in Gesundheit und Frische feiern möchten. Ex­zellenz v. Vartenwerffer dankte im Namen der Ve­teranen, für die e» zuviel Ehre sei. Er erinnerte an die große Zeit, in der damals jeder freudig seine Pflicht für König und Vaterland getan habe. Ge­heimrat Mannkopff verbreitete sich in interessanten Ausführungen über die Tätigkeit Marburgs wäh­rend des Kriegs durch Erquickung der in den Krieg ziehenden Soldaten, Pflege der Verwundeten usw. Er schloß mit einem Hoch auf Marburg, das freudig ausgenommen wurde. Beigeordneter Schimpf knüpfte an die Rede des Geh. Rat Mannkopff über die Tätig­keit der Frauen im Kriege an und brachte ihnen ein Hoch. Zum Schluß sprach Seh. Rat Friedrich, der aus einer Reihe persönlicher Erlebnisie den Schluß zog, daß wir noch immer dem Auslande gegenüber ruhig Blut haben könnten im Vertrauen auf unsere Armee. Ihr galt sein Hoch.

Hatte der Himmel morgens nur ganz wenig durch kleine Regenschauer gestört, so goß es nachmittags, als es zum Volksfest auf Spiegelslust gehen sollte, in Strömen. Aber sobald der starke Regen nachließ, entwickelte sich trotzdem oben am Kaiser Wilhelms- Turm eia lebhaftes Treiben, in dem besonders die Kinderwelt ihr Vergnügen fand. Um 7 Uhr begann der Zug mit Lampions nach der Stadt, der auf dem Marktplatz endete. Hier mochten wohl um 8 Uhr einge tausend Menschen anwesend sein. Es wurde unter Borantritt der Iägerkapelle eine Lampion­polonaise inszeniert, die einen prächtigen Anblick ge­währte. Zum Schluß erfolgte eine Illumination des Rathauses und nach einer Ansprache des Rektors Hentze, die mit einem Kaiserhoch und dem Lied« Deutschland über alles« endete, ging man ausein­ander. Die Beleuchtung des Kaiser Wilhelmsturms und des Schlosies, die zugleich stattfand, kann als äußerst gelungen bezeichnet werden. Rach den vor­liegenden Meldungen sind in vielen Städten Deusch- lands die diesjährigen Sedanfeiern zu Ehrungen für

die Veteranen benutzt worden. Wir feiern ja nicht Sedan, um über einen niedergeworfenen Gegner zu triumphieren, wenn derselbe auch in der Vergangen­heit Deutschland eine bitterböse Rolle gespielt hat. Das wäre nicht deutsch und nicht christlich. Wir feiern Sedan, um uns der Errungenschaften zu freuen, welche die große Zeit uns damals gebracht hat und um dankbar derer zu gedenken, di« draußen im Feld« für uns gestritten und gelitten haben. Alledem, däch­ten wir, hat auch die Marburger Sedanfeier einen beredten Ausdruck gegeben.

Marburg

Dienstag, 6. September 1910

durch königliche Galawagen abgeholt. Roberts, gckettet vom Generaladjutanten und dem kom­mandierenden General v. Löwenfeld, der zum Ehrendienst befohlen war, trug die englische Fe5d- marschallsuniform mit dem Stabe und dem Band des Schwarzen Adlerordens. Tee Audienz fand in Gegenwart des Staatssekretärs v. Kiderlen- Wächter und des Einführers des diplomatischen Korps, Vizeoberzeremonienmrister v. d. Knesebeck statt. Heute fand zu Ehren Lord Roberts im königl. Schloß Tafel statt, zu der geladen waren der Reichskanzler, der Staatssekretär des Aeu- ßern, Botschafter Graf i'olff-Mettemich, der großbritannische Geschäftsträger Graf Salis, der großbritannische Militärattache, MarineattachK tt. a. Bei der Tafel saß die Kaiserin zwischen Lord Roberts und dem Reichskanzler, gegenüber der Kaiser zwischen Agmiral Sir Gerard Noel und General Sir I. Hamilton. Lord Roberts gab um lA/ö Uhr im Hotel ein Dejuner, zu dem außerden Herren der Botschaft geladen waren, der Staatssekretär des Aeußeren, der G neral- adjutant des Kaisers, General Löwenfeld, der Gouverneur von Berlin, General v. Kessel und der Komamndant von Berlin, General v. Boehn. Um 3^2 Uhr unternahm Lord Roberts eine Aus­fahrt durch den Tiergarten und die Hmtpistraßen Berlins und kehrte um 5 Uhr ins Hotel zurück.

Volkszählung. Berlin, 3. Sept. D«r Reichsanzeiger schreibt: Auf Grund des Be­schlusses vom 10. Februar 1910 findet am 1. De­zember wiederum eine allgemeine Volkszählung im Deutschen Reiche statt, welche ähnlich wie in früheren Jahren ausgeführt werden wird.

Diegeistigen Waffen" der Sozialdemo­kratie" kennzeichnet folgende Mitteilung der Re« daftion desGewerkvereins*:Als der Vev- ittauensmann der Hirsch-Dunckerschen Gewerk- vereine im Betriebe der Steinwah u. Sons in Hamburg, Oehlke ,am 29. August früh zur Arbett gehen wollte, wurde er von drei gedungenen Individuen überfallen und mit einem sogenann­ten Totschläger (Gummischlauch mit Blei) arg zugerichtet. Sie nahmen ihm auch zwei Pakete, die Flugblätter enthielten, fort. Anzeige ist erstatttt. Zur Aufklärung sei hinzugefüg!, daß ein er« heblicherTeil der sozialdemokratischen Holzarbeiter dieses Betriebes in den Streik geraten ist, um die Firma zu zwingen, keine Hirsch-Dunckerschen Holzarbeiter einzustellen. Oehlke hatte eine Kan­didatur zur letzten Bürgerschaftswahl angenom­men und sich dadurch den tödlichen Haß der sozial­demokratisch organisierten Holzarbeiter zugezogen, die ihn' und die anderen Gewerkvereine aus dem Betriebe entfernen wollten. Die Firma, die ver- ständigerweise diesen Fanatikern nicht zu Willen war und d shalb bestreift wurde, besetzte die durch den Streik freigewordenen Plätze mit Ge- toerfocrainern. Hiernach ist unschwer zu erraten, daß dem Ueberfall politische Motive zugrunde liegen."

Deutsches Reich.

- - Die Steife des Kaiserpaares in das Manö- vrrgelände. Berlin, 4. Sept. Das Kaiserpaar gedenft morgen früh nach Stolp zu reifen. Während der Feldmanöver vom 7. bis 10. Sept, wird der Kaiser, welcher den 6. Oktober auf dem fürstlich Dohnaschen Schlosse zu Schlobitten Woh­nung nehmen und mit ihm das allerhöchste Haupt quariier. Die Manöverleitung wird sich in Preußisch-Holland befinden. Die allerhöchsten Gäste nehmen in Elbing Wohnung.

Eine Depefche des Zaren an Kaffer Wil­helm. Der Zar hat aus Anlaß feiner Durchreise durch preußisches Gebiet auf der Fahrt nach Friedberg dem deutschen Kaiser von Halle a. S. aus, nach denKieler R. Rachr." einBegrüßungs- telegrautm gesandt, in dem er die guten Bezieh­ungen zwischen der deutschen Regierung und dem russischen Staate als traditionell und unwandel­bar bezeichnet und den Wunsch einer Zusammen? kunst mit dem Kaiser ausspricht.

Die Ostasienfahri des .Kronprinzen. Berlin, 3. Sept Wie dieRordd. Allg. Ztg." Höri, wird die Kronprinzessin ihren Gemahl nach Ostasten vis nach Ceylon begletten. Der Kronprinz wird dann die Reife über Indien, Siam. Tschingtau nach Peking und Tokio forffetzen. Für die Rück­reise ist der Weg über Sibirien in Aussicht ge­nommen.

Antwort d:S Reichskanzlers. Berlin, 3. September. Der Reichskanzler von Bethmann hat auf das ihm aus Bad Ischl zug-gangene Be­grüßungstelegramm des Grafen von Aehrenthal und des Marchese di San Giuliano in herzlichst, r Weise geantwortet.

Die englische Sondergesandschast in Berlin. Berlin, 4. Sept. Die englische Sondergefandt- schast mit Lord Roberts ist um 8.45 Uhr, von Wien kommend, hier eingetroffen; sie wurde vom Generaladjuianten v. Löwenftld empsang'N. Auf dem Bahnsteig war eine Ehrerkompagnie der Gardefüsiliere mit Fahnen und Musik aufgestellt. Auch die Herren der englischen Botschaft waren anwesend. Die Sonderqesandtschaft hat sich im Hotel Adlon als Gäste des Kaisers einquarttert. Heute Mittag um 12s4 Uhr empfing der Kaiser im Pfeilersaale des königlichen Schlosses Lord Roberts und die anderen Herren der englischen Sondergesandtschast zur Entgegennahme der No­tifizierung der Thronbesteigung des Königs Georg von England. Lord Roberts und seine Begleitung "wurden vom Hotel nach dem Schlosse

Sedanfeier in Marburg.

Die 40jährige Sedanfeier fand bei uns gerechter- weise ganz unter dem Zeichen der Ehrung unserer Veteranen, die auch in einer stattlichen Anzahl von weit über 100 der Einladung des Magisttats gefolgt waren. Man kann dem Magistrat nur Dank wissen, daß er einer Anregung aus der Bürgerschaft nach- egbend, den Veteranen und allen patriotisch empfin­denden Marburger diese schön« Feier gegeben hat. Eine Stadtverwaltung ist eben nicht eine Summe von einzelnen Menschen, sondern ein Ganzes, das Pflichten auch gegen das hat, was die Mehrheit al- recht und billig empfindet. Der Verlauf der Feier fand übrigens einen so großen Anklang in allen Kreisen der Marburger Bevölkerung, daß damit all­ein schon die Handlung des Magistrats gerechtfertigt war. Die Feierlichkeitne wurden eingeleitet durch einen imposanten Fackelzug der hiestgen Vereine, den die Herren Veteranen von der Terrasse des Garten» der Stadtsäle dankend entgegennahmen. Ihm folgte ein Kommers in den Stadtsälen, der von zirka 1500 bis 1600 Personen besucht war. Biele, die gern dem Kommers beigewohnt hätten, konnten leider keinen Platz finden und mußten roiebet umkehren. Man sah die Vertreter der Universität, der Behörden, de» Jägerbataillons, die städtischen Körperschaften, Ver­treter der Studentenschaft und viel« Bürger und An­gehörige der Vereine. Die harmonische Feier wurde eingeleitet durch eine Begrüßungsansprache des Ober­bürgermeisters, der die Erschienenen im Namen der Magistrats herzlich willkommen hieß. Das Hoch auf den Kaiser brachte der Kommandeur unseres Iäger- chataillons, S. Durchlaucht Prinz Friedrich Wilhelm .sgät Lippe aus. In längerer formvollendeter Red« h»ach Oberbürgermeister Troje auf die Beteranen; es würde zu weit führen, wollten wir hier auf den Inhalt der Reden weiter eingehen. Den Dank der Veteranen sprach Exzellenz Beß au», der betonte, daß die schöne Art, wie Marburg jetzt seinen Veteranen entgegen gekommen sei, diese nur noch fester an die alte, liebe Stadt fessele. In zündender Rede toastete dann Oberrealschuldirettor Dr. Knabe auf da» deutsche Baterland. Die Reihe der Reden beschloß Herr Robert Becker, der ein anschauliches Bild von der Zeit vor 40 Jahren entwickelte. Das Programm des Abends war in seiner Abwechslung von Reden, allgemeinen Gesängen und Gesangsvorirägen sehr schön zusammengestellt. Die Gesangsvoriräge wur­den zum allgemeinen Beifall von der hiestgen Lieder­tafel ausgeführt, die bekanntlich ihre Kräfte gern in den Dienst der Allgemeinheit stellt. Die Sänger mußten sich bei dem großen Beifall sogar zu einer Zugabe entschließen.

Der gestrige Sonntag wurde früh um 7 Uhr durch einen Weckruf der Iägerkapelle ein­geleitet. Um 894 Uhr begann die Aufstellung de» Festzuges auf der Bahnhofsbrücke und kurz nach 9 Uhr bewegte sich der nicht endenwollende Zug durch di« Stadt. Boran gingen die Vertreter der städtischen

Die Jnsertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Berbreitungsgebier des Blattes für die 7geV«aItene Zeile ober bereit Raum 15 4, für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 404. Druck unb Verlag: Ioh. Aug. Koch, llniverfitäts-Buchbruckerei. Inhaber Dr. E. f>itzero<5. Marburg, Markt 21. Televbon 55.

Internationaler Sozialistenkongreß.

Kopenhagen, 2. Sept.

Am heutigen Sebantage beriet bet International« Sozialistenkongreß ben. Hauptpunkt seiner Tages­

DteOberhessische Zeitung« erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn- unb Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- B» jährlich durch bie Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei

v*=. ÄVO unseren Zeitungsstellen und der Spedition (Markt 21), 2,00 X. . , . (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt bie Redak­

tion keinerlei Verantwortung.)

18 (Nachdruck verboten.)

SeelerrkLmpfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)

7. "

ES war kurz nach Ostern. Blendend ruhte die Frühsonne auf dem Scheffel des Semme­rings, zu dem sich soeben der die Reustädter Ebene verlassende Eilzug auf steilem Schienenwege em­por wand. Die Morgensomte küßte die Tränen von den Augen der jungen Frau und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Das ernste Gesicht­chen tief in ein Bukett von Schneerosen versenkt, saß sie ihrem Gatten gegenüber, während der Zug schon wieder abwärts dem steundlichen Mürztale zueffte.

Mit heißer Zärtlichkeit ruhte Rotrings Auge auf der schlanken Gestalt seiner jungen Gattin, die in dem lichtgrauen Reifekleide und dem gleichfarbigen Schleierhütchen auf dem braunen Scheitel nachdenlftch zu dem Manne hinblickte, mit dem fie hinausreffen sollte ins Weite, und der ihr noch so fremd war, fremdet als je!

Sie hatten ihn den Tag zuvor von dem Neu- städter Bahnhof abgeholt und sie fühlte jetzt noch einmal ben jähen Schmerz der Enttäuschung, als nicht Herbert, an den ihre Briefe gerichtet ge­wesen, sondern Herr Rorring, derselbe Herr Nör­ting, benHerbert" zu nennen ihr unmöglich er­schienen, auf sie zugeeilt war und sie in ihre Arme geschlossen, hatte.

Plötzlich war eS ihr klar geworden, wessen Bild es gewesen, das sich, ihr selber unbewußt, tu ihre Phantasie gedrängt, und sie hatte sich recht sehr ausgefcholten, wie sie nur so unbegreiflicher­weise Percys Gestatt und Züge mit denen Nör­

tings hatte verwechseln können! Sie war nun schon achtzehn Jahre alt unb noch so töricht. Der arme Herr Rorring aber sollte gewiß nicht borunter l iden. Sie wiederholte es sich auch heute, es war ja so gleichgültig, tote der aussah, dessen Frau sie geworden, wenn er sie nur lieb hatte und sie ihn glücklich machen konnte. Sein guter Engel, wie er sie nannte, wollte sie bleiben, ihm Licht und Trost auf seinem Weg« wollte sie sein. Ein wenig sicherer freilich wäre ihr die Reife erfchienen, hätte die schon tagelang mit rotgeweinten Augen und finsterer Stirn umh:v- schlrichende Frieder! gleich mitfahren dürfen! Es war recht fchage, daß er nicht darauf einaing.

Du bist so still geworden, Genia: woran denkst du, süßes Lieb?"

O, ich dachte mir nur aus, wie bald du wovl Frieda nachholen würdest."

Bald, Herz, fobald du es wünschest!" Wamrn nehmen wir sie nicht gleich mit?" Genia!" Er hatte sich erhoben und sah sie fcerebt bittend an

Verzeih! Ich bin wirklich recht kindisch."

Sie fühlte, tote fein Blick glühend auf ihr ruhte und fein Arm sich leicht um ihre Schultern legte. Sein dunller Bart fchattete ihr dicht vor den Augen. Sie beugte sich hastig nieder, der Kuß, der für ihren Mund bestimmt gewesen, brannte ihr auf der Stirn.

Er wich beftembet zurück.

Ist es dir unangenehm, wenn ich dich küsse, Genia"

Auf den Mund? Ja!"

Weshalb?"

Ich weiß selbst nicht ... es berührt mich säst wie Schmerz. Ich küsse nicht gern."

Ist mein Bari dir unangenehm? Ich werde ihn abnehmen lassen!" '

O nein! Aber bitte, bitte, Herr Rorring. küssen Sie mich immer auf die Stirn. Papa tat es auch?" Sie sah. wie ein Schatten über fein Gesicht zog.Sind Sie mir böfe, Herr Rorring? Ich will ja nicht eigensinnig fein! Ihr Mund näherte sich zaghaft dem feinen.

Er faßte das lieblich.' Köpfchen mit beiden Händen und fah ihr forschend in die Augen, wäh­rend seine Lippen leise die irrigen berührten. Kind, Kind, was soll das werden!

Er war nicht mehr böfe, sie sah es.

Und nun, Herbert sie blickte munter an ihr : vorbei ins Freiefreue dich mit mir! Bin ich doch nach Süden hin noch nie weiter ge­kommen als bis Mürzzuschlag, und heute gcht es weit, weit hinaus in die Welt, ich möchte laut aufjauchzen vor Lust!"

Warum tust du es nicht? Mr sind ja allein, ich jauchze mit!

Er wollte sie an sich ziehen; sie aber hatte sich während der letzten Worte zum Fenster hlncms- gclehnt und lachte jetzt hell auf.Da ist fie schon wieder, die Mur, und da, und da?"

Sie waren in das engere, ernstere Tal der Mur flngebogm, die oft wildschäumend so hart an dem Schiefer- und Urgebirge dahindrängt, daß die alte Postkuffche nicht wußte, wohin fie ausweichen sollt', als das Dampfroß auch noch Platz forderte zum Wettlaufe.

Nach und nach wurde Genias Sttrn schwer, die Augen schmerzten ihr von all dem Sehen und Ausschauhalten, sie lehnte sich in ihre Ecks zurück und schloß müde die Lider. Der grauseidene Hut itoar ihr in den Schoß geglitten, der feine Kopf mit den reichen, halb sich lösenden Flechten «schwankte haltlos auf den Polstern umher.

| Leise rückte Rorring näher, die scheue Taube, di: toachmd jede Annäherung floh, im Schlafe an

feine Brust zu betten. Seine Lippen preßten sich aus das wellige Haar und die reine Stirn feiner jungen Frau, eine heiße Träne fiel darauf. War sie nicht fein angettautes Weib? Und doch wagte . er <§ kaum, sich zu regen, damit sie nicht erwache. Sie würde sich ihm dann fchnell genug wieder entziehen, er wußte es.

Auch feine Gchanken wurden unklar, di« Sonne brannte, kein Lüftchen zog durch die ge­öffneten Fenster, er träumte, träumte halb- wach end von dem Glücke, das feiner harrte und das vor ihm herfioh, toeitn er es ergreifen wollte. Jetzt hielt er es in feinen Armen . . . und mor­gen?! Ihm bangte

Ueber dem Toll der Save, in das der Zug pfeifend einlentte, brauten fchwere Wetter, die ersten verfrühten dieses Jahres. In schweflichem Gelb hingen sie über den zerrissenen Felswänden, too tief unten der Fluß dahinbraust. Schon lange hatte der Donner in der Ferne gegrollt, jetzt. krachte knatternd der erste Schlag, in vielfachem Widerhalle sich in den Bergen und Schlüsten brechend.

Genia fchreckte auf und blickte furchtsam um sich.Habe ich geschlafen?" Ein eigentümlich! beängstigendes Gefühl schlich ihr durch die Gllr- ; der, sie machte sich hastig frei von den sie um­strickenden Armen. Dieselben widerstrebten leicht. O, bitte ... es war so schwül ... ich kann kaum atmen!"

Genia eilte jum Fenster, das Tuch vor bat erhitzte Gesicht drückend.

Eine einsame FelsenwÜste zog an ihrem Auge . vorüber. Reißende Gebirgsbäche Mrzten durch, die Schluchten, sich wild ihren Weg brechend z» . dem tief unten gähnenden Felsspalt, durch deu i sich di« Save hindurchzwäugi. *

(Fortsetzung folgt.)