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Marburg

45. Jahrg.

9H7 jährlich durch die

e/f=-V unseren Zeitungssi

Sonntag, 4. September 1910.

Erstes Blatt

täglich gesteigert. Wer sich hieraus ein Bild über unsere Lage machen wollte, mutzte annehmen, datz wir ein tief unglückliches, »en sozialen Gegensätzen zerfressenes, ausgepowertes, von gewissenlosen Men­schen tyrannisiertes Volk find. Ist dem wirklich so? Geht es wirklich dem Arbeiter, dem Beamten, dem Bürger bei uns schlechter als anderswo? Die Frage stellen, heiht ganz einfach sie verneinen. Für den Ar­beiter z. B. ist in Krankenversicherung, mit Alters­und Invalidenrenten bei uns wie in keinem anderen Staate gesorgt, und wer glaubt, datz im republikani­schen Frankreich weniger Steuern auch indirekte! erhoben würden, irrt sich. Es verlohnt sich nicht der Mühe, die Zahlen, die so oft gesprochen haben, wie­der anzuführen. Wir haben keinen Grund, beson­ders traurig zu sein, wir leben in denselben mensch­lichen Verhältnissen, die eben als menschliche nicht vollkommen sind, wie andere. Wir könnten sogar stolz sein, wenn wir nicht Leute hätten, die uns das eigene Haus ständig verekeln wollten!

Heute am Sedantage wird wohl bei allen Deutschen, die sich als Deutsche fühlen, der Blick in jene grotze Zeit der Begeisterung zurück- schwetfen, und alle Einzelheiten der Kapitulation von Sedan, der Gefangennahme des Kaisers, der Zusam­menkunft Napoleons mit Bismarck in Donchery, des Jubels in ganz Deutschland werden an ihrem gei­stigen Auge vorLberziehen. Und wenn sie dann auf das sehen, was sie heute mit Hatz und Verkleine­rungssucht umgibt, wo nichts, oder sagen wir kaum etwas geschieht, wovon man nicht erst einmal Über­legt, in welcher Weise es heruntergerifien «erden kann, dann werden sie verstehen, datz sich diejenigen, die das miterlebt haben, in dieser Zett noch schwer zurechtfinden, ja zweifeln, ob es noch möglich sei« «Ith, datz da» ganze deutsche Volk einmal so ein einig Bolk von Brüdern sei wie anno 1870.Frie- dens"gesellschaften, Dänen-, Polen- und Franzosen­beschützer erheben bei jeder nationalselbstbewutzten Politik ein großes Geschrei und bemühen sich, unsere Politik im Auslande möglichst zu diskreditieren, als ob w i r den Krieg wollten, als ob w t r andere unter­drücken wollten, wenn wir nur Ordnung im eigenen Hause halten.

Umsomehr wird man sich freuen, daß an der Spitze unseres konstitutionell monarchischen Staates ein Katfer steht, der von großem Gottvertrauen, von solchem Ernst und solcher Erkenntnis des deutschen Volkscharakters durchdrungen ist, wie er es in seiner zweiten Rede. zu Marienburg gezeigt hat. Diese klare Mahnung zum Frieden, zum Zusammenarbei­ten aller zum Besten de» Vaterlandes, die der Kaiser von dem Hochsitz der alten Deutschordensrttter- brüderschaft aus in die Lande gesandt hat, findet da­her auch überall Beifall. Man kann nur wünschen, daß sie befolgt wird und Segen stiftet. Gerade der Sedantag, dessen rechtes Gedenken uns hineinführt in die Gefahren, denen ein innerlich zerrissenes, den Nachbarn allzusehr vertrauendes Volk ausgesetzt ist, mahnt uns zufammenzuhalten und festzuhalten an den Errungenschaften der großen Zett, an Kaiser und Reich!

Rückblick.

/ Die Reden des Kaisers

in Königsberg und Marienburg finden noch hie und da Kritiker, die aber wohl als Agitatoren gegen das Königtum sachlich nicht ernst zu nehmen sind. Muß man auch zugestehen, daß die erste Königsberger Rede, in der der Kaiser so scharf seine Auffassung von Pflichten und Rechten des Königtumsvon Gottes Gnaden" betonte, zur Zeit besser nicht gesprochen wäre, so ist es gleichwohl Pflicht, gegen die verlogene Art Stellung zu nehmen, in der die Feinde der Mon­archie, offene und versteckte, die Rede des Kaisers verdreht zu ihrer Agitation mißbrauchten. Hier gilt es, den Kaiser gegen Anwürfe in Schutz zu nehmen. Gewiß, wir wollen keinen Kaiser, der sich bet allen Fragen in die Politik des Tages einmischt, wir wollen aber auch keinen, dem von einem Parlament, in dem vielleicht einmal Herr Singer oder Bebel herrscht, verboten wird, zu sagen wie er denkt und fühlt. Wir wollen einen lebendigen Monarchen, keinenRepräsentanten", der dem deutschen mon­archischen Gefühl nicht entspricht, blos den Demo­kraten in ihr unklares Rezept paßt. Wir wollen nicht, daß an der Verfassung gerütelt wird: das ist ja auch durch die Reden des Kaisers garnicht geschehen, vor allem soll sie aber nicht durch die demokratische Agitation gefährdet werden. Kürzlich hat imTag" ein Politiker einen sehr treffenden Artikel geschtte- ben, kn dem er auffordert, gegen diese hetzerische de­mokratische Demagogie mit allen Mitteln vorzu­gehen; sie versuch« ja nur, die öfentliche Meinung, als deren wahren Vertreter sie sich hinstelle, in ihrem Sinne zu machen. Wie wenig ste mit dem Volke fühlt und denkt, zeigt sie ja auch dadurch, daß sie z. Zt. am Werke ist, dem deutschen Volke den

Sedantag

zu verekeln. Leider ist es bekannt, daß Ange­hörige einer internationalen Partei am Sedan­tagekein Interesse" mehr haben. Die Herren mö­gen sich nur einmal die Frage vorlegen, wie es heute bei uns und bei ihnen selbst aussähe ohne Sedan! Dann mögen sie sich erinnern, daß es eine Pflicht der Dankbarkeit gibt und dann sich fragen, ob es nicht techt ist, gerade heute der Veteranen zu gedenken, die am 50. Erinnerungstage der Schlacht von Sedan vielleicht nicht mehr unter uns weiten. Mit Er­innerungsfesten allein ist es freilich nicht getan; da­neben mutz der Ruf immer lauter erhoben werden an Reichstag und Regierung:Sorgt für die Vete­ranen!" Es ist in der Tat ein Unrecht, daß es sich bis heute noch nicht hat ermöglichen lassen, Leute, die einst uns das Gut der Einheit errangen, durch einen Ehrensold oft der Not zu entheben. Wir wol­len nicht schwarz, aber auch nicht zu rosa in die Ver­hältnisse hineinschauen. Freilich ist der Grad der Verdrossenheit, wie er vielfach heute herrscht, groß, und er wird durch eine tendenziöse Agitation noch

mit dem KniMatt füt die Kreise Marburg und Kirchhai»

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage

Ausland.

* Aehrenthal und San Giuliano. Bad Ischl, 2. Sept. Marchese di San Giuliano und Graf Aehrenthal richteten an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg bei der gegenseitigen Verab­schiedung ein herzliches Begrützungstelegramm. Marchese di San Giuliano ist heute Rachmit- tag nach Rom zurückgereist. Graf von Aehren­thal gab ihm bis zum Bahnhof Geleit. Die Ver­abschiedung beider Minister, die vor der Abreise eine längere Besprechung gehabt haben, war überaus herzlich.

* * Die Lage in Spanien. Saragesia, 2. Sept Heute früh ist keine Zeitung erschienen. Gruppen

von Arbeitern durchzogen die Arbeitsstätten, verleiteten die Arbeiter zum Sreik und forderten die Kaufleute auf, ihe Läden zu schließen, was diese meist täte«; Die Straßenbahnen verkehren unter polizeilicher Bedeckung. Durch den Stteik ist alle Arbeit behindert. Die Ordnung wurde nirgends gestört. In Bllbao herrscht Ruhe. Die Lage ist ungefähr dieselbe tote gestern. Es ver­lautet, daß die Arbeit in einzelnen Betrieben wieder aufgenommen worden ist. Das Streik­komitee verteilt Brot unter die Ausständigen.

* * Der Hafen von Balparaifo. Santiago de Chile, 2. Sept. Die Kammern nahmen eine Ge setzesvorlage über Verbesserungsarbeiten in Val­paraiso an, es wird beabsichtigt, den Hafen von Valparaiso auf der Höhe der besten Häfen des Stillen Oezans zu bringen. Die Parlament- sestton wurde dann geschlossen.

* * Zwei Torpedoboote. Konstantinopel, 2 Sept. Das Marineministerium beabsichtigt, wir Tanin" meldet, zwei Unterseeboote anzukaufen. Zwölf Militärärzte werden nach Deutschland entsandt werden, um ihre Sttidien zu vervoll­kommnen.

** Türkisch - bulgarischer Grenzzwischenfa« Saloniki, 2. Sept. Das Kommando des dritte» Korps erhielt aus Dschimai Bala die Meldung, eine bulgarische Militärabteilung habe die tür­kische Grenze überschritten. Darauf gingen so­fort von Dschumai Bala Truppen ab, um den Bulgaren den Weg zu verlegen.

Deutsches Reich.

Die Einweihung des ReichsmilittrgerichtS. Charlottenburg, 2. Sept. Um 12y2 Uhr fand die feierliche Einweihung des neuen Dienstgebaudes des Reichsmilitärgerichts durch den Kaiser statt. Auch der Kronprinz, Bürgermeister Bnrchard- Hamburg und eine große Anzahl Generäle, Ver­treter der Städte Berlin und Charlottenburg, der Polizeipräsident von Jagow und Bildhauer Prof. Manzel waren erschienen. Rach der Be- stchttgung der Außenseite betrat der Kaiser den Plenarsitzungssaal und verlas selbst Kabinettsorder, in welcher er für die guten Dienste bantie, welche das Reichsmilitärgericht seit fast 10 Jahren seines Bestehens geleistet hat; in dem neuen Gebäude sei eine würdige Statte weiterer gedeihlicher Tätigkeit erstanden. Nach­dem noch der Chef des Militärkabinetts verschie­dene Auszeichnungen bekannt gegeben hatte, ver­las der Präsident des ReichsmMärgerlchtS die für den Schlußstein bestimmte Urkunde. Rach deren Einmauerung tat der Kaiser mit den Wor­ten Buum cuique drei Hammerschläge, ihm folgte der Kronprinz, sowie der preußische, der bayerische, der sächsische und der württembergische Kriegsminister. Präsident General Linde bantie bent Kaiser In einer Ansprache, die mit einem Hoch auf den Kaiser endete. Dann wurde noch ein Rundgang durch das Gelände unternommen. An dem darauf folgenden Frühstück nahm auch der Kronprinz teil. Der Kaiser stiftete für das Gebäude sein Bild, ebenso der Prinzregent von Bayern urtb die Könige von Sachsen und Württemberg.

Hermes da Fonseea. Dresden, 1. Sept. Marschall Hermes 1>a Fonseca ist mit Begleitung beute abend von Berlin kommend, hier einge-

Major v. Mutiu« Flügeladjutrntt de» Kaisers. Berlin, 2. Sept. Wie dasMilitär- Wochenblatt meldet, ist der Major im General- ftabe des 4. Armeekorps v Mutlus, zum dienst­tuenden Flügeladjutanten de« Kaisers ernannt worden.

- Dementi. Berlin, 2. Sept Wie wir er­fahren, sind entgegen verschiedenen Zeitungsnach­richten der lebten Tage, endgültige Bestimm­ungen Über die Teilnahme der Kronprinzessin an der Ostastenreise des Kronprinzen noch nicht ge­troffen. ________________

Marburg und Umgegend.

Knut aller Originalartikel ist gemäß 5 18 bei rrechtS nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberhefs. Ztg." gestattet.)

Marburg, 3. Sept.

Universität.

Bei der gestrigen Fette vor dem Dentinal bet Mitkämpfer im Jahre 1870/71, bie Mitglieder unserer Universität waren, hielt Se. Magnificenz der Rektor Prof. Dr. Maas folgende Ansprache:

Kollegen, Kommilitonen!

Diese Stunde an diesem Tage, dem großen Kampf- und Siegestage in dem Volkskriege vor 40 Jahren, gehört ganz der Erinnerung. Ich habe Sie, Lehrende und Lernende, inmitten des Friedens der Ferien, geladen, gemeinsam zu voll­ziehen einen Akt der Pietät. Durch unser Volk, durch unser Land geht in diesen Wochen laut und leidenschaftlich der Wuftsch, die große Zeit des großen Krieges lebendig zu machen; und immer bezeichnend ist es für deutsche Sinnesart, daß das Volk dies tut, indem es seiner Toten still gedenkt, sie ehrt. Wir Deutsche haben zum Jubeln flbei unsere großen Siege kein Talent: uns hält ge bannt die Majestät der Toten.

Die Stelle, an der wir eben stehen, ist uns heiliges Land. Wie wohl die gute Mutter de- Hauses, grade eben immer bc"anders sie, darauf hält, die Bilder und die Ruhestätten lieber Toten zu schmücken, wie sie dies Tun begeht als eine gradezu heilige Handlung und nie vergißt; so hat unser aller gute Mutter, wie wir mit tiefem Sinn für ihre Art die Universität so gerne nennen, fo gleich damals, als sie diese stimmungsvoll«

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. - Der B e z u g s p r e i - betragt mertel- ------ y Host bezogen 2,25 ji (ohne Bestellgeld), bei jeten Zeitti nasstelle« und der Ervedition (Markt 21), 2M (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- twn keinerlei Verantwortung.) .

Die Fnsertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die

Zeile oder deren Raum 15 für auswärtige Inserate 20 A, füt Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Zoh Aug. Koch, llniverfitäts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. E. ."iitzeroth, Marburg, Markt 21. Televbon 55.

^ Nrbekstvkge» der Alpen im BallonTirol"

* rüttel'" Führung von August Wilhelm Andernach

in Beuel a. Rhein.

Der Verein für Luftfchiffahrt in Tirol hatte Einladungen an Führer des Deutschen Lust- schifferverbandc - geschickt mit dem BallonTirol» von Innsbruck aus, Älpenfahrten zu unterneh­men. Auch an mich war eint solche Einladung gelangt. Dies regte bei mir den Wunsch an, von Innsbruck aus, die Alpen zu überfliegen. Ich fragte deshalb zunächst nach den Mndverhält- niffen an. Bereitwillig wurde mir vorn Inns­brucker Vereine die auf Beobachtungen der meteorologischen Station auf der Zugspitze be­ruhenden Unterlagen zur Verfügung gestellt. Dar­nach sind bei Innsbruck in de« höheren In Frage kommenden Regionen Winde aus Rordwesten, die also über die Alpen führen müssen, ziemlich häu­fig. Allerdings bringen diese Winde gewöhnttch auch schlechtes Wetter.

Es kam also darauf an, Wind aus Rordwesten abzuwarten, der aber nicht mit der üblichen Be­gleiterscheinung schlechten Wetters behaftet war. Ich richtete deshalb meine diesjährigen Berg­fahrten so ein, baß ich nach ihrer Beenbigung in Innsbruck einige Zett auf gutes Wetter und go- etgiteten Wind warten konnte. Eine genügende Anzahl vo« Hilfsmannschaften würbe von bet JnnsbruckerGasanstalt bereit gehalten, um, wenn erforderlich, morgens um 4 Uhr mit dem Aus­legen und dem Füllen des Ballons beginnen zu können. Der 26. August schien mir als geeignet.

Der Himmel war vollkommen (tat. In bet Rächt sah ich eine kleine Wolke in seht hohen Re­gionen von Rordwesten noch Südosten ziehen.

Dies veranlaßte mich, obwohl am Abend zuvor von der Bozener Gasfabrik, also südlich der Alpen, Wind aus Süden gemeldet wat, ben Auf­stieg füt ben 26. August morgens bestimmt zu be­schließen.

Mit mir stiegen auf, Herr Albert, Ingenieur am Stabtbmlamt in Jnnnsbruck, und Herr Her mann Schwaighofer, Hüttenwart bei Sektion Innsbruck des Deutschen unb Oesterreichischen Alpen-Vereins. Beide Herren waren noch nie Ballon gefahren. Sie sind aber, was für mich ausschlaggebend war, hervorragend tüchtige Alpinisten.

Unsere Ausrüstung wat, da eine Landung in den Alpen auf Gletschern und hohen Bergen nicht ausgeschlossen war. selbstverständlich durchaus alpin. Eispickel, Sell, Steigeisen, Nagelschuhe, Schneebrillen und auch ein Verbandskasten wurde mitgenommen. Mit 2200 Kubikmeter Leuchtgas gefüllt, flieg bet BallonTirol" am 26. August 1910, morgens um 7 Uhr, von ber Gasanstalt Innsbruck auf. Wir fuhren zunächst nach Nord- often. also gegen Bahetn.

Je höher wir uns erhoben, umsomehr ent­wickelte sich das wundervolle Alpenpanorama. Besonders interessant erschienen bald die Firnen der Stubaier Alpen, gekrönt vom Zuckerhüt'l Aus dem linken Ufer des Inn sahen wir auf die sogenannte Mausefalle mit ihren Steilabstützen hinab, die schon manchen Bergsteiger, der sich in sie verstiegen, zu unfreiwilligem nächtlichen Frei­lager gezivungen hat. Sodann sahen wir die Zugspitze, das Karwendelgebirge und wettet die bayerische Ebene. Südlich des Inn tauchten all­mählich die Zillertaler Alpen auf. Wir hatten unseren Kurs noch immer nach Nord osten, also von den Alpen fort. Da Ich aber bestimmt an­

nahm, in den höheren Regionen, bie ersehnte Richtung nach Südosten anzutreften, so ließ ich langsam, aber beständig, Ballast auswerfen. Meine Erwartung wurde nicht getäuscht. Nach­dem wir allmählich 230 Kilogramm Sand ge­opfert hatten, meldet mein Bordbuch 7 Uhr 48 Minuten morgens:ben Inn vom linken auf das rechte Ufer bei Wehr gekreuzt". Wir waten also bereits in bie fo sehnlich gewünschte Richtung nach Südosten eingetreten und fuhren auf die Zillertaler Alpen zu. 8 Uhr 22 Minuten kreuzten wir in 3500 Meter Höhe bei Zell den Zillerbach. Der Himmel war vollkommen klar. Das sich ime mer großartiger entwickelnde und beständig wech­selnde Alpenpanorama gehört landschaftlich zu den ethabendsten Eindrücken, die ich je gehabt. Um 9 Uhr befanden wir uns bereits in einet Höhe von 4010 Meter über den Gipfeln bet Alpen. Im fernen Westen bie Bernina-, Ortler- und Adamellogtuppen, bie Oetztaler unb Stubaier nahe im Westen, bie Zillertaler und Rieserferner mit ihren Gipfeln und Gletschern unmittelbar unter uns, der Groß-Venediger und Groß-Glock- ner nahe im Osten, bie Ankogelgruppe im weite­ren Osten, süblich bas Spitzenmeer ber Dolo­miten, im Norden das Kaisergebirge, alles das lag unter uns ausgebreitet. Es war unbeschreib­lich schön Dabei war das Bild, wie dies bei Ballonfahrten über niedrige Berge oft der Fall ist, nickt etwa verflacht. Die Höhe der Alpen- riefen war im Verhältnis zur Höhe des Ballons doch noch recht beträchtlich, sodaß das Bild dutch- au§ nicht verflachend wirkte. 9 Uhr 22 Minui-n kreuzten wir zwischen Kasern und der Birnlücke (das obere Tauferstal, also ein bereits auf dem Südabhange der Alpen befindliches Tal.

Unser Zweck, bie Zentralalpen zu überfliegen,

war also erreicht. Da ich aber noch über reich­lichen Ballast verfügte unb es zu wunderherrlich in der freien Lust über ben Mpen war, beschloß ich, bie Fahrt fortzusetzen. Um 9 Uhr 58 Min waren wir in 4300 Meter Höhe übet St. Jakob im Defreggertal. Rückwärts sahen wir jetzt tounberbat schön in bet Nähe die Hohen Taue« unb namentlich ben Groß-Vendiger.

Um 10 Uhr 43 Minuten überflogen wir bii Eisenbahnlinie FranzensfesteLienz bei bei Abfaltersbach unb flogen nunmehr auf bie wild« bizarre Welt der Dolomiten zu. Links von un3 hatten wir bie Lienzer Dolomiten, rechts bie Sel­tener unb bie Ampezzanet Dolomiten mit ihre« berühmten Bergen unb Spitzen, wie Haunolb, Dteizlnnen, Schusterspitze, Ctistallo, Popena unb andere mehr. Wie leicht flogen wir über manch« bergsteige risch fo schwierige Spitze hinweg. In» mer noch ivar es schönes klares Wetter. Meine Mitfahrer, tüchtige Amateur-Photographen, hat ten fchon manchmal geknippst. Da wir uns aber nunmehr ber italienischen Grenze näherten, mußte weiteres Photographieren unterbleiben, um bei etwaiger Sanbung in Italien keine Un­annehmlichkeiten burch bie Militärbehörden zu bekommen. Die italienische Grenze wurde bald überfolgen. Mittags um 12 Uhr 17 Minuten be- fanden wir uns 4330 Meter hoch in ber Nähe de» Tagliamentotales. Da bie beiben mitfahrende» Herren österreichische Reserveoffilzere sind unb glaubten, als solche bei einer Landung in Italien verschiedene Formalitäten erfüllen zu müffen, b» ferner in Italien bie Cholera auf getreten toa< unb wir deshalb bei der Rückreise aus Italien unter Umständen einer Quarantäne ausgesetzt gfr wesen wären, fo beschloß Ich, wenn Irgend moy lich, nicht In Italien zu landen. Da zudem In frei