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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
»nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."
45. Jahrg.1
J2197
Der heutige» Nummer liegt bet Krcisblatt Nr. 68.
Marburg
Mittwoch, 24. August 1910.
deutsche Presse begeisterte Artikel sür Sattar Chan geschrieben habe, die verdächtig seien. Der Sommer scheint in Paris fühlbarer zu sein, als hier.
Die Sach« hat aber doch einen politischen Hintergrund. Die Kölnische Zeitung" schrieb in ihrer letzten Entgegnung sehr richtig: „Die Angriffe der „Rowoje Wremja" entspringen dem Glauben, daß Persien eine russische Provinz sei." Wir freuen uns dieser erfreulichen deutlichen Sprache in einem offiziösen Berliner Telegramm. Man ist also in Berlin nicht gewillt, diese in der Redaktion der „Rowoje Wremja" herrschend« Auffassung ohne weiteres zu teilen. Wenn man in England aus Grund des englisch-russischen Vertrages Nordpersien in russischen Händen zu sehen sich schon gewöhnt hat, so ist daß für uns kein Grund, ein gleiches zu tun. Der englisch russische Vertrag ist für uns nicht bindend. Ueber früher oder später werden die Rusten wohl in Persien einmal mit den Waffen in der Hand vorgehen. Dann werden wir nicht daran denken, unsere durch unseren Handelsvertrag mit Persien garan- tftiir rttrtfttnottttxA Bewegungsfreiheit ohne weiteres aufzugeben, zumal sowohl Rußland «L England ihre bet dem Abschluß des englisch-russischen Abkommens in dieser Richtung abgegebe- nenErklärungen noch mehrmals wiederholt haben. Die russische Diplomatie ist noch nicht ganz so well wie die Phantasie der nisstschcn Prefle.
Ausland.
** Die Lage iw Nicaragua. Washington, 22. Aug. Meldungen, welche beim Staatsdepartement eingegangen sind, bestätigen, daß Madriz und seine Anhänger fich auf die Flucht vorbereiten. Eine aufgeregte Menge dränge sich durch die Straßen unter dem Rufe: „Tod den Pankees!" Di« Gesandtschaft und das Konsulat seien bewacht. — Aus Bluefields wird gemeldet, daß Madriz Bluefields geräumt habe, das Eftrada sofort besetzte. — New Orleans, 22. Aug. Nach einer Meldung aus Managua erließ Jose Estrada eine Proklamation, durch die den Aufständischen die Regierung übertragen wurde. Zn Managua sollen schwere Ausschreitungen oorgekommen sein. Die amerikanischen Einwohner fühlen sich sehr beunruhigt. Die Aufftändischen stehen etwa 12 Meilen vor der Stadt. — Washington, 21. Aug. Da» Staatsdepartement bestätigt den Sieg der Truppen Estradas. Zn Managua herrscht Panik. Madriz ist im Begriff, das Land zu verlosten.
•* Frankreichs Marokkapolitik. Ehalon für Saone, 21. Aug. Bei der Einweihung des Denkmal,
Deutsches Reich.
— Di« Ueberreichun, des Orden» »•* Goldene« »ließ an de« Großherzag von Hesse«. Darmstadt, 22. Aug. Heute nachmittag traf der Znfant Ferdinand von Spanien hier ein, um dem Großherzog den ihm vom Könige von Spanien verliehenen Orden vom Goldenen Vließ zu überreichen. Auf dem Bahnhofe waren zum Empfange anwesend: der Groß- Herzog, Staatsminister Ewald, der Divisionskommandeur Generalleutnant v. Strantz, der Stadtkommandant Oberst v. Randow, die obersten Hoschargen und die Adjutanten des Großherzogs. als Vertreter der Stadt Beigeordneter Müller und der spanische Gesandte. Der Großherzog fuhr mit dem Znfanten nach dem Refidenzschloß, wo letzterer Wohnung genommen hat. Die lleberreichung des Ordens findet morgen in besonderer Audienz statt.
— Der Kommandant der Festung Metz verunglückt. Metz, 22. Aug. Als der Kommandant der Festung Metz, v. Puttkamer, von einem Besuch beim Grafen Häseler in Plappeville zurückkehrte, scheute das Pferd- de" W-"»ens. der stürzte. Dabei erlitt v. Puttkamer einen Bruch des link-n Oberarmes und Verletzungen an beiden Schienbeinen.
— Besuch des Staatssekretärs v. Kiderlen-Michter beim japanischen Botschaftrr. Berlin, 22. Aug. Die „Rordd. Allg. Ztg." meldet. Zm Allerhöchsten Auftrage machte am Sonntag Staatssekretär v. Ktderlen- Wächter dem japanischen Botschafter einen Besuch, um die Teilnahme de» Kaiser» anläßlich der Ueber- schwemmungen in Japan auszusprechen. — Zu Ehren des serbischen Ministers des Aeußern gab am Montag v. Kiderlen-Michter ein Frühstück, an dem der serbische Geschäftsträger und eine Reihe polittscher Beamten teilnahmen.
— Beschießung ehte» Ballon» au der rustischeu Grenze. Warschau, 22. Aug. Der Berliner Ballon .Hildebrandt", Führer Ingenieur Berliner, Mitfahrer Schonkletbt, wurde beim Paffieren der russischen Grenze wiederholt beschossen. Die Landung erfolgte glatt bei Warschau.
Die Kaiserliche Familie in Posen.
Posen, 22. Aug. Heute vormittag wurde auf dem Truppenübungsplatz Posen eine größere Gefechtsübung abgehalten. Der Kaiser begab sich im Automobil hinaus und stieg um sieben Uhr in der Nähe des Barackenlagers zu Pferde. Anwesend waren: der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich, Prinz August Wilhelm und Prinz Oskar, sowie der kommandierende Generalmajor Graf Kirchbach. Die Leitung der llebung hatte Generalleutnant Schack. Rach der Kritik nahm der Kaiser den zweimaligen Vorbeimarsch der Truppen unter sttömendem Regen, der inzwischen eingesetzt hatte, ab. Der Kaiser, von dem anwesenden Publikum und den zahlreichen Schulen stürmisch begrüßt, ritt zum Barackenlager, nahm an der Frühstückstafel in der Offiziersspeiseanstalt des Lagers teil und kehrte hierauf um 12% Uhr mittels Automobils nach Posen zurück.
Posen, 22. Aug. Die Kaiserin besuchte heute vormittag das Diakoniffenhaus, das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern und das städtische Bürgersttft. Prinzessin Eitel Friedrich von Preußen besuchte das evangelische Bereinshau».
E n «s e n, 22. Aug. Die Kronprinzessin traf im Automobil von Posen kommend heute vormittag um 11 Uhr vor Bethesda ein, begleitet von der Oberhofmeisterin Freifrau v. Tiele-Winckler und dem Regierungspräsidenten Dr. v. Günther. Sie wurde von den städtischen Behörden empfangen. Die Begrüßungsansprache hielt der erste Bürgermeister Schoppen. Nach der Besichtigung der Anstalt erfolgte um 12% Uhr die Rückfahrt nach Posen.
Zwischen deutschen Blättern auf der einen, russischen und französischen Blättern auf der anderen Seite wird zurzeit eine Polemik über Persien geführt, die, wenn sie auch nur durch einen bestimmten Vorfall von unpolitischer Bedeutung veranlaßt wurde, doch eines allgemeine« Interesses nicht entbehtt.
Der deutsche Gesandte in Teheran, Graf Quadt, hatte sich bei den Kämpfen, die sich in Teheran zwischen der Regierung und den Reformern ab- fpielten, bemüht, zwischen der Regierung und Sattar Khan zu vermitteln. Er war der Ansicht, daß ein Blutvergießen unnötig, der eigentlichen Absicht beider Teile nicht entspräche, also zu verhüten gewesen wäre, und unternahm einige Schritte in dieser Richtung, die anfangs von Erfolg begleitet waren; schließlich aber, wie eS scheint, durch einen Zufall, kam es doch zu dem Blutvergießen.
Dieser Schritt des deutschen Gesandten, bei dem übrigens auch die türkische Botschaft und die italienische Gesandtschaft sich beteiligten, scheint den Rusten in Teheran sehr auf die Nerven gefallen zu fein. Warum, ist nicht ganz ersichtlich. Tie deutsche Politik in Persien bat sich immer bestrebt, jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten zu vermeiden. Es ist gar nicht abzu- febcn, welche Hintergedanken sie bei dieser polttt- schen Einmischung baben sollte. Trotzdem greift die „Rowoje Wremja" den Vorfall auf und beschuldigt den deutschen Gesandten der Rücksichtslosigkeit gegen russische Interesse« und eines taktlosen Eingriffs. Diese Angriffe wurden von der .Kölnischen Zeitung" energisch zurückgewiesen und festgestellt, daß der Aktion des deutschen Ke sandten jede politische Absicht ferngelegen hat. Die russische Presse will aber an die Humanität dieser Absicht nicht glauben. Freilich haben die Mächte der Tripelentente in Mazedonien. Marokko und anderswo einen so ausgiebigen Gebrauch von dem schönen Worte Humanität gemacht, daß die ruf* fische Presse, wie es scheint, den Klauben daran verloren bat. daß ein Schritt eines Diplomaten einmal wirklich aus Humanitätsrücksichten dikttert sein kann. Cbcr Ist man etwa, wie dies die .Kölnische Zeitung" andeutete, in Rußland darüber ärgerlich, daß die Sache beinabe ohne Blutvergießen abgeaangen wäre? Es scheint doch so. als wäre das russische Interesse daraq, daß die Dinge in Presien nicht zur Ruhe kommen, recht erheblich.
Der „Temps" sekundiert der .Rowoje Wremja". Wir glauben indes nicht, daß er dies in Neber zeugung tut; er schreibt wobl in der an und für sich begreiffichen taktischen Absicht, ein« russischdeutsche Polemik nicht einschlafen zu lassen und sich dem russischen Bundegenossen als wackeren Sekundanten zu empfehlen. Dabei ist er aber gar noch aus die Entdeckung gekommen, daß die
horsam versprochen wird, an den Kaiser, dem tiefst« Ehrfurcht mit besonderem Dank für seine Anerken- nuna der Bedeutung de» christlichen Glaubens in herzlicher Weise ausgesprochen wird, an den Priiu- regenten von Bayern, dem man kindliche Liebe entgegenbringt. Auch der Bischofskon^renz in Fuld« wird ein Telegramm gesandt.
Nachdem Graf Droste den Bericht de» Zentralkomitees erstattet hat, aus dem erwähnenswert ist, daß die Mitgliederzahl sich um 1000 vermehrt hat und daß die Geschichte des Kulturkampfes bald al» Buch herausgegeben werden wird, wird ihm eine begeisterte Ovation dargebracht.
Gleich der erste Punkt der sachlichen Beratung tst sehr interessant: Eine Resolution zu der „Römischen Frage" wird von Justizrat Back em begründet. I« dieser wird volle und wirklicke Freiheit und Unab- bänqiokeit für den Papst gefordert. Unter stürmischen Beifallskundgebungen führt Backem aus. die deutschen Katholiken würden ihren innigen Anschluß an das Papsttum festhalten und nach allen Seiten verteidigen. Petris Stuhl steht fester als alle Stühle weltlicher Dynastien. Wir stehen zum Papsttum in guten wie in sckleckten Zeiten. Frankreich und das offizielle Spanien haben mit dem Papst qebrocken; wir werden uns nie vom Papst trennen lassen und die Pflicht, ihn mit Mitteln zu versorgen, freudig erfüllen. "
Mit der Verlesung einer großen Zahl von Telegrammen wird die Versammlung geschlossen.
Unter den besonderen Veranstaltungen des heutigen Tag-s habe» Auffahrt von 26 Chargierten der katholischen Studentenverbindungen in 26 Gala- waqen unter Vorantritt mehrerer Reatmentskapell,..« und die Versammlung der katholischen Lehrer und Lehrerinnen unter Vorsitz des Augsburger Bischofs — das Referat hält Professor Spahn — besonderes Interesse.
Die Schulfrage wird heute abend in der ersten öffentlichen Versammlung Gegenstand eines besonderen Dorttages des Augsburger Pfarrers Magner sein. Der ehemalige Ackerbauminifter Ebenhoch ans Wien fprickt »uvor über: „Wie kann mau die gebildeten Katholiken gewinnen?" Die einleitende programmattscke Rede des erden Präsidenten wird auch zur Borromäus - Enznklika S^Nnng nehmen.
Bom deutschen Katholikentag.
Augsburg, 22. August.
In der Konzetthalle des Stadtgartens findet heute mittag die erste geschlossene Versammlung statt. Auf der Tribüne find fast sämtliche Reichstagsabgeordnete des Zentrums anwesend. Auch Erz- beraer hat sich eingefunden.
Es wird sofort zur Präsidentenwahl geschritten. Oberlandesgettchtsrat Reichs- und Landtagsabgeord- neter Dr. Marx wird 1. Präsident. Er nimmt in der lleberzeugung, daß diese Ehrung der herrlichen Rheinprovinz gelte, die Wahl mit Dank an. Zum zweiten Präsidenten wird der säcksiscke Magnat St. Erlaucht Graf v. Schönburg-Glauchau, zum dritten Reichstagsabgeordneter Reg.-Rat Speck gewählt. In wenigen Minuten hat sich das Bureau konstituiert.
Der jugendliche, rednerisch gewandte Präsident Marx schlagt vor, drei Huldigungstelegramme ab- zuschicken, an den Papst, dem unwandelbarer Ge-
Die Insertion,gebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7pe^nltene Zeile oder deren Raum 15 4, für auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 4 — Druck und «erlag: Joh. Aug. Koch, llniversitSts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. C. 'm'., . - Verbürg, Markt 21. — Telephon 55.
Die „Oberhessisch« Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugsprei» betragt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 M. (ohne Bestellgeld), bei unseren Zettungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2.00 JL. (Für unverlangt zugesandte Manustttpte übernimmt die Reaktion keinerlei Verantwortung.)
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...L •• Seelenkampfe.
Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.
(Fortsetzung.)
„Dank, Blanche! Du weißt nicht, wie petn- lick ich es empfinde, dich auch nur für eine Stunde hier ans Krankenzimmer gefesselt zu wissen; flber-#- Kenia Hal schon so lange ununterbrochen bei mir ausgehalten, ich mußte sie ein wenig in die Luft schicken. Sie ist noch m Wachsen, ich kann es kaum verantwotten, sie so sehr anzustrengen."
„Ja, Eugenie ist fast etgensimiig in ihrer Liebe zu dir, und doch — ich bin nicht eifersüchtig!"
„Du bist gut, Blanche, du liebst meine Kinder. Uebrigens wäre es selbst beut unmöglich gewesen, sie von hier zu vertreiben, hätt.> ich nicht den klugen Einfall gehabt, sie unter dem Vorwande in den Wald zu schicken, daß ich die Aussicht ins Tal hinab — ich werde dieselbe in Wirklichkeit kaum mehr Wiedersehen — von ihr gezeichnet wünsche." — Die Wotte wurden leichthin gesproch.n, in heiterem Tone, als freue sich der Kranke der gelungenen kleinen Lfft. Die bloße Erwähnung seines möglichen Endes aber erschütterte sichtlich die anmutige Gestalt, auf der der Blick des Freiherrn ruhte.
„O Egbert, wenn du doch nicht so sprechen wolltest, ich kann alles ertragen, nur das nicht!"
„Und doch wirst du dich an den Gedanken gewöhnen müssen, armes Kind. Gott weiß, daß tch meinte dtt ein freundliches Leben zu sichern, Als ich dich in dieses Haus führte. Vergib mir, daß ich selbstsüchtig das Opfer deiner Jugend
und Schönheit angenommen — ich selbst kann es mir kaum verzeihen."
„Du hast mich so überreich versorgt!"
„Ja, ich bin ruhiger über deine Zukunft fett gestern, seit ich dich als künftige Herrin von Waldhühl weiß."
„Und deine Kinder? Du haft nicht recht daran getan." Ihre blaugrauen Augen senkten sich mit sanftem Borwurfe in die feinen.
„Die Mädchen sind genügend bedacht, du weißt es. Sie werden keine reichen Erbinnen fein, aber immerhin gute Pattien. Ihr Leben liegt lachend vor ihnen, was soll ihnen Reich- tum? Das deine habe ich leichtsinnig an mich alten Mann gefesselt — laß mich dir wenigstens äußetttch wieder erstatten, was ich dir an Lebensglück genommen. Zudem — werden nicht Genia und die kleine Ftteda stets ein Heim in deinem Hause haben?"
Das seine Batisttuch lag längst fest an die Augen der Dame gepreßt. „Egbett, schone mich?"
„Gut, Kind, wir wollen dies traurige Thema fallen lassen, da es dich so erregt! Und doch möchte ich etwas mit dir hesprechen, das damit zusammenbänat. Es betrifft Genius Zukunft. Möchtest du mich wohl einige Augenblicke recht aufmerksam anhören, liebe Blanche?"
Das Tuch wurde langsam von den Augen entfernt. Die Angeredete neigte zustimmend den Kops und blieb fitzen mit leicht gesenktem Ant litz. Der Schatten des Betthimmels fiel aus ihre Züge und die halbverschleierten Augen, nur in den lichtgoldenen Haarfluten spielten noch im- mer die gtt nlichen Lichter — sie horchte.
„Weißt du, was Jugendfreundschast ist, Blanche, beiße, echte Jugendfreundschaft? Sie verband mich und einen meiner Mitstudenten in der Residenz. Wir tranken Brüderschaft in
unfertn eigenen, warmen Blute, halfen einander durch alle Mihrlichketten und wurden erst aus einandergettssen, als er sich der militärischen, ich mich der diplomatischen Laufbahn zuwandte. — Wir hörten wenig voneinander — ernstes Streben drängt Jugendeindrücke rasch in den Hintergrund, verlöschen freilich kann es dieselben nicht. Du magst dir daher meine freudige Ueber* raschung vorstellen, als ich vor zehn Jahren — mich als Witwer mit meinen beiden kleinen Mädchen von dem Gesandtschaftsposten, den ich inne gehabt, zurückziehend — unten im Städtchen meinen Wackern Studiengenossen und in der Militär-Akademie feinen schon fast erwachsenen Sohn antraf!"
„Gewiß, ich kann es mir denken." Die duftenden Perlen des vom Güttel hinabhängenden Rosenkranzes glitten schläfrig durch die schlanken Finger der jungen Schloßherttn.
„Mein Freund hatte jung geheiratet; mehrere Feldzüge hatten ihn vor der Zeit alt und mürbe gemacht, aber das lustige Studentenblut wallte auch in ihm noch einmal aus, die alte Freundschaft erneute sich, besonders da seine Gattin, eine hochgebildete, feinfühlende Dame, sich mütterlich meiner Kleinen annahm. Dieser Verkehr dauerte mehrere Jahre lang, bis der junge Herr Kadett die Anstalt verließ, um als Artillerie-Offizier nach Wien zu gehen und fast gleichzeitig sein Vater, der alte General, versetzt wurde. — Vorher aber, Blanche, begingen wir einen Streich, de., verzweifelte Aehnlichkeit hatte mit dem Trinken der Blntsbrüderschast und wegen dessen ich dich bitten muß, mich nicht auszulachen, selbst wenn er dir etwas überspanr: Vorkommen sollte!"
„Ich dich auslachen? Wie wenig du mich kennst!"
„Meine damals zehnjähttge Genia und der hübsche, aufgeweckte Perch hatten auch ihrerseits lebhafte Freundschaft geschlossen —"
„Pereh?" ES zuckte leicht auf in den grauen Augen und die schläfrige Mattigkeit war plötzlich aus ihnen gewichen.
„Ja, so heißt der Sohn meines Freunde». Ein ungewöhnlicher Name, nicht wahr? Aber so ganz passend für den hochsttebenden, talentvollen jungen Mann. — Es war an einem milden Sommerabend. Du hättest ihn sehen sollen, wie er mit zum Kinde wurde, während er mit ihr spielte und ste scherzend feine kleine Braut nannte. Der General sah ihnen aufmerksam zu und meinte dann nachdenklich:
„Weißt du. daß ich die Verlobungen in den Windeln, über die wir als junge 8"trte so sehr gelacht, durchaus nicht mehr lächerlich finde, fett ich unsere Kinder wie für einander geschaffen sehe und ihnen die Wahrscheinlichkeit biete« möchte, sich im Leben anzugehören?"
„Ich wollte," so fuhr der Kranke in seiner Erzählung fort, „die Sache ins Scherzhafte ziehen, mein Freund aber war tief ernst geworden.
„Ich könnte mir kein gesicherteres Glück für Percv denken als die Anwartschaft auf eine einstige Verbindung mit Genia," versetzte er. „Es würde vor manchen Gefahren schützen, die seinem Alter drohen, wenn er wüßte, daß ein, edles, weibliches Wesen seiner hartt, um ihm fürs Leben anzugehören. Aber auch darin sähe ich ein Glück, wenn zwei Abkömmlinge aus edlen Familien, beide in Lebensanschauung und Glauben übereinstimmend, sich miteinander verbänden."
,Fortsetzung folgt.)