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Die „Oberhessische Zeitung- erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis W<tSgi vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgelds, bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2.00 «Ml. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
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ng und Kirchhain
und.Landwirtschaftliche Beilage/
Marburg
Sonntag, 21. August 1910.
Die Znserttonsgebübr betragt für Inserenten aus dem engeren Berbreitungsgebier des Blattes für die 7geivaltene Zeile oder deren Raum 16 g, für auswärtige Inserat« 20 4, für Reklamen O 4. — Druck und Verlag: Iah. Aua. Roch, Univerfitäts-Buchdruckerei, Inhaber Dr. C. hitzerorh, Marburg, Markt 21. — Televbon 55.
45. Jahrg.
Zweites Blatt.
Der nächste Tagungsabschnitt des Reict'stages.
Der Beiratungsstofs, der den Reichstag bet feinem Wiederzusammentritt erwartet, ist ebenso umfangreich wie gesetzgeberisch und politisch bedeutungsvoll. Aus finanziellem Gebiet steht an erster Stelle der Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1911. Da über die Notwendigkeit äußerster Sparsamkeit an keiner Stelle ein Zweifel obwaltet, muß sich in gemeinsamer Arbeit ein Weg finden lassen, der die Bestreitung der Ausgaben mit den vorhandenen Mitteln ermöglicht. Neue Einnahmen können vielleicht aus der Wertzuwachssteuer und der neuen Fernsprech-Gebührenordnung gewonnen werden. Auch die Frage des Besteuerungsrechts fiskalischer Betriebe fällt in das finanzpolitische Gebiet.
t eDr Etat wird sicher die programmäßigen Ncuforderunycn für die Flotte und wahrscheinlich auch die ersten Raten für den Mehrbedarf der Heeresverwaltung enthalten, wie er sich auf Grund eines neuen FriedenSprä.senzgefetzeS er* giebt, das an die Stelle des alten, am 31. März 1911 ablaufenden treten muß. Beide Forde- ningen dürften ie nach dem Parteistandpunkt Punkt sehr verschieden kommentiert, aber von den bürgerlichen Parteien doch nicht ernstlich bestritten werden, denn die eine ist nur eine Konsequenz des Flottengesetzes ,dte andere wird leicht als unbedingt nötig nachzuweisen fein. Mit einem erheblich größeren Geldbedarf muß auf dem sozialpolitischen Gebiete gerechnet werden. vorausgesetzt, daß es gelingt, die Reichs- Versicherungsordnung mit Einschluß der völlig neuen Hinterblicbenenversicherung und die für den Spätherbst des laufenden Jahres ange- kündigte Vorlage über die Privatbeamtenver- sichenmg zu verabschieden. Allerdings wird der Reichstag gerade bei diesen Aufgaben Besonnenheit und Augenmaß zu zeigen haben, denn angesichts der Neuwahlen liegt die Gefahr nahe, daß der Industrie und der Landwirtschaft und ebenso dem Reiche neue Opfer und Kosten zu- gemutet werden, die sich späterhin als unerträglich erweisen. Andere sozialpolitische Vorlagen, die den Reichstag erwarten, sind Gesetze über Hilfskassen, Arbeitskammern, Hausarbeit und die Gewerbeordnungsnovelle zur Lohnbücher- fragc. Damit ist aber die Zahl der großen und schwierigen Gesetze noch nicht erschöpft. Nicht nur wird das neue reichsländische Verfassungsgesetz in den nächsten Monaten soweit gefördert
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fein, daß der Reichstag diese seit langem ersehnte Materie aufarbeiten tarnt; auch das Schiffahrtsabgabengesetz, für das sich der vormals preußische Staatsminister Frhr. v. Rhein- baben in seinem letzten Finanzexpos6 sehr entschieden eingesetzt hat, ist mit Sicherheit zu erwarten, wenn die Verhandlungen mit Oesterreich und Holland von Erfolg begleitet sind. Außerdem stehen, da das Ende der Handelsverträge mit Schweden, Japan und Guatein^im Laufe des Jahres 1911 eintritt, handelspolitische Vorlagen und soweit ein Vorspiel der ü. die
nächste Legislaturperiode fallenden umfang reichen Handelsverttagsverhandlungen, ferner die in der Sommer-Kommisston vorbereitete Vorlage zur Strafprozeßordnung, die kleine Novelle zum Strafgesetzbuch und, wicherum mit Rücksicht auf die Nähe der Neuwahlen noch mehr als sonst zahlreiche Interpellationen und Initiativanträge in Aussicht.
Möge die Beratung dieser mannigfachen Aufgaben die bürgerlichen Parteien Wicker mehr ptsammenführen und sie ihrer gemeinsamen Ausgaben bewußt werden lassen.
Aus den Schlachtfeldern um Mensch 40 Jahren.
Metz, 18. Aug. Der heutige fünfte und letzte Gedenktag galt dem Andenken der wackeren Kttr- gcr, die bei Gravelotte und Saint Privat für das Vaterland ihr Leben ließen. Die Zahl derer, die sich dort eingefunden hatte, übertraf die bei alle« dcrhergegangenen Gckenkfetern. Außer de« Grafen Haefeler und den Spitzen der Zivil- und Militärbehörden waren auch der Generaladjutartt des Kaisers, Exzellenz von Plessen, und der Bor-
65 (Nachdruck verboten.)
Kantate.
Von Annv Wothe.
(Schluß.)
»Er lebt sehr vergnügt in Rumänien und hält nach wie vor ein Haus, wo man der Liebe seinen Tribut bezahlt und wo Du auch einst heimisch warst Aber Du hast mich nicht allein mtt der Verheimlichung dieser Tatsachen betrogt«, daß Deine Ehe mit ihm noch zu Recht bestand, sondern Du hast in der ganzen Zeit n-'-v-. f he, di« also nichtig war, mich mit an:--c änntrx hintergangen. Daß Dein Verhält»!io mit Herrn Hauptmann Keßler nicht ein harmloses gewesen, so wenig Wie das neueste mit Bankier Landheim, dafür trage ich die Beweise in der Tasche. Daß Du den jungen Grasen v. d. Gröben in Ostend« um fein Hab und Gut gebracht, ist mir ebenfalls bekannt, aber das sind Kleinigkeiten gegenüber den Beschuldigungen, die eine Frau gegen Dich vorbringt, die auch bereit ist, diese vor dem Richter zu beeidigen, die Frau, der Du einst den Mann ihres Herzens mit hohnlachender Grausamkeit nahmst. Aurora Pfeilschnell, die Dich fett Deiner Jugend kennt, ist in Leipzig. Run leugn« noch, Wenn Du kannst."
Sorka war ganz vernichtet in einen Stuhl gesunken.
»Das Kind," ächzte sie tonlos, »das Kind mußt Du mir lassen, es ist das einzig«, was ich liebe."
»Du?" lachte er verächtlich auf. »Du Dein Kind lieben? Eine Waffe sollte es Dir gegen mich sein. Du liebst nur Dick. Auch mich haft Du nie geliebt. Ich war Dir nur eine unvermeidliche Zugab: bei Deinen Berechnungen und Deiner Sucht nach Geld und Gut. Willst Du in dem Prozeß, dem ich nicht entgehen kann, als Zeugin fegen mich auftreten, so magst Du es wagen. Du darfst Dir aber nicht verhehlen, daß man bann Deine, sofortige Verhaftung veranlasien wird, da ich sofort die nötigen Schritte einleite, das un- wückige Band, welches uns fesselt, zu lösen. Deine Absicht, Bankier Landheim z« heiraten,
wirst Du allerdings aufgeben müssen, denn Leipzig ist kein Feld für Deine Gelüste. Du wirst heute nacht, wie Du es ohnehin vorbattest, Leipzig verlassen und es nie Wied riehen."
»Und wenn ich nicht will? Und wenn ich mich weigere?'
»So hast Du Dir alle Folgen selber zuzu- schreiben. Hier," sagte er, seine Brieftasche öffnend und ihr einige braune Scheine entgegen- holtend, »sind die Mittel, die Dein« Steife ermöglichen. Mein Bankier hat Anweisung. Dir jedes Jahr, solange Du im Auslande lebst, die gleiche Summe auszuzahlen. Ich will nicht, das Jelas Mutter Not leidet."
»Rolf, Rolf, sei doch barmherzig, laß mir das Kindl"
Sorka sah ihm tote betäubt nach, dann brach sie ohnmächtig zusammen.
Roff aber führte Jela zu feiner Mutter, die mtt Karleen und Rickle in banger Sorge feiner darrte.
Da ging es tote ein Heller Glücksjubel durch das stille Saus, und Jela lachte und plauderte von der Mama, die nun doch goldene Flügel bekäme und in den Himmel ging.
Golden brach der Kantate-Sonntag heran. Zum erstenmale seit vierzig Jahren ging Alexander Bermann zur Kirche. Richt zu Wagen, sondern zu Fuß schritt er mit seiner Gattin und Etta, das Haupt ttes gesenkt, dahin.
Ringsumher duftete der Frühling und die aften Linden auf der Promenade zeigten schon schwellende Knospen.
Die ganze Seele des alten Bermann war erfüllt von unaussprechlichem Dank gegen eine höhere Macht. Wenn auch Rolf noch gestern von ihnen gegangen war, den schweren Weg der Pfticht anzutreten, so wußte er doch, daß seine Buße keine schwere sein würde, und daß, wenn wieder Kantate kam, Karleen nicht mehr wie jetzt allein an Rickles und Hans Jürgens Seite in die Tbomaskirche zur Andacht wandern würde, sondern daß Rolf bei ihr sein würde, im reinsten Glück
Und er saß still in der Kirche «nd hielt bemütige Einkehr bei sich. Morgen, Kantate- Montag, wenn die Börsenzahlungen beginnen, dann würde er wieder stolz und sicher sein Haupt erheben, aber heute, da war eg ganz still in seiner Seele, da hielt et strenges Gericht mtt seinem welttichen Hochmut, da wußte er, daß et nur ein Atem im Weltall war, das ein Hanch vcrwehte.
Otgelklang durchbrauste das Gotteshaus. Die Kantate Domine begann.
Das Rezitativ »Singet dem Herrn" schallte vom hohen Chor wie Himmelsgruß hernieder.
Erschüttert lauschten die Hörer der Atte »Der Herr läßt fein Heil verkünden", und mäch- tig erklang der Jubelruf im Wechfelgesang des Chores »Jauchzet dem Herrn alle Welt, singet, rühmet und liebet" und pochte an alle Herzen.
Rickle faß Hand in Hand mtt Hans Jürgen, und Karleens Augen leuchteten in stummer Seligkeit.
»Lobet den Herrn mit Harfen", setzt« der Chor ein.
»Mit Trompeten und Posaunen jauchzet dem Herrn, dem Könige", stimmte der Alf in den Jubelgesang ein und singend schwebte der Sopran darüber, »die Wassersttöme frohlocken", um geheimnisvoll im Alt zu verklingen, »das Meer brause".
Stumm und erschüttert saßen die Hörer. Hell leuchtete das Licht, das siegende Licht des Kantate-Sonntages in aller Herzen.
Als der Gottesdienst beendet, da schritt Alexander Bermann allein die Promenade entlang, dem alten Hause der Professorin Mehner! zu.
Sein Gang war müde, als schlepp« er an einer schweren Last, aber ht seinen dunklen Augen da glomm ein eigenes Licht. Roch nie hatte sich ihm jede Knospe, jede Blüte am Sttauch als göttliches Wunder geoffenbart, wie eben jetzt.
Still zog er die Glocke am eisernen Tor. Wie vor langen Jahren sprang die Pforte auf und der Kommerzienrat schritt hinein in die blühende Wildnis des alten Gattens mit dem Sonnen
tempel. Die Aepselbäume an der Giebelseite streuten ihren rostgen Blütenffor wie im Lenz- übermut in die schimmernd« Wellen der Pleiße, die vorschlafen, wie in: Traum am Hause votübet- gtttten. Die steinernen Sphinxen waren ganz von wilder Kle»atiS Überranft, große, dunktt- 6iaue Blüten hatten ihnen die Räffelangen geschlossen. 1
In dem altmodischen wtttumsponnenen Hanse ober streckte eine weißhaarige alte Frau dem Kemmerzienrat die dürren Hände in frohem Willkommen entgegen und eine liebe Stimme traf tote ein Klang aus goldenen Jugendtagen mit weichem Wohllaut fein Ohr.
»Dein Eingang sei gefegnet, Alexander."
»Ja," sprach er bewegt, die welken Hände an seine Lippen pressend, »der Herr hat Großes an mir getan und Du, Fttckericke, Du." >
Da lächelte sie mtt den gütigen blauen Augen.
»Unsere Kinder, Alexander, unsere Kinder," sagte ste leise und dann trat sie hin an den Flü-, gel, auf dem die alte Kantate ausgsschlagen lag. und mächtig erklang unter ihren lieben zitternden Händen, wie einst in der Jugend^tt, der alte «t- alte Psalm: »Singet dem Herrn ein neues Lick."
Alexander Bermann saß da und lauschte, bis der letzte Ton verhallte. Sonnengold lachte bran* ßen um das blühende Gesträuch und lebensittm- ken« Schmetterlinge wiegten sich in den Blumenkelchen. In seiner Seel« erklang erschauernd nur das eine Wott »Kantate*, das heißt .finget".
Denn sein Herz war voll Dankes an diese« heiligen Tag, wo zum ersten Mal im Jahr der Gatten draußen voll junget Stofe# stand.
Hebet Nacht waren sie erblüht, wie sein und der Seinen Glück.
Draußen koste schmeichelnd der Maiwind um die verwittitten Marmotteiber. Kantate! Kan-' täte!
Utto die Vögel stiegen hoch ins Blaue übet das Häusermeer der alten Lindenstadt «M Sonntag. • -'—«-ui
Kantate!