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45. Jahrg.

i >0 17.Q jährlich durch

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Marburg

Mittwoch, 27. Juli 1910.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

»nd den Beilagen:Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage

DieOberhessische Zeitung« erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- cch die Post bezogen 2,25 lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition sMarkt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

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für die Monate A«g«st und September mtf dieOberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedi- ' tion (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain, Neustadt, Wetter, EbS- darf, Hachborn, Heskem-Mölln, Lei- Venhofen, Dreihaufen, Wittelsberg, Riederweimar, Riederwalgern, Damm und Lohra sowie von allen Post- nnstalten und SandbrieftrLgern entgegengenom­men.

Heber Schiffsbesatzungen.

Die Personalfrage spielte in den Kriegen der Segelschiffszelt eine wichtige Rolle, eine wichtigere Äls es vielleicht in einem modernen Seekriege der Fall sein wird. Denn erstens haften die S.gclschiffe viel mehr Menschen an Bord als die Kriegsschiffe unserer Zeit, und zweitens be­kämpfte man damals weniger das feindliche Schiff als dessen Besatzung. Gegenüber der Leistung der einzigen Angriffswaffe. des Gesckükes. besaß das hölzerne Linienschiff eine aroße Widerstands kraft, und über den Ausfall eines Gefechts ent­schieden meist nicht die Belckädiaung des Schiffs­körpers. sondern die Verluste der Besatzung freut,, wird es umgekehrt fein. Das moderne Kriegs­schiff ist trotz seines ausgedehnten Panzersthutzes relativ verwundbarer und außerdem infolge sei­ner kompliffer'en Einrichtungen mancherlei Zu­fälligkeiten und Beschädiaunaen ausgesetzt. Eine Grundberührung z. B. hat heute viel schwerere Folgen als in der Zeit der Holzschiffe: eine Maschinen- oder Kesselhavarie kann das stärkste Linienschiff, das schnellste Torpedoboot zu einer Fangen Werftliegezeit verurteilen, und insbeson­dere nach einer Seeschlacht werden voraussichtlich so viele Reparaturen auf den Schiffen auszu­führen sein, daß die Besatzungen nöttgenfalls an anderer Stelle verwendet werden könnten. Eine ,Reserve an Schiffen wird daher heute ebenso wichtig sein, wie früher eine Reserve an Mann­schaften.

Damit soll nun keineswegs gesagt sein, daß der Personalfrage heute keine besondere Bedeu­tung beizulegen ist. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Das alte Wort, daß es nickt die Schiffe sind, welche kämpfen, sondern die Menschen, die sie beseelen, gilt heute mehr denn je. Ganz ab­gesehen davon, daß infolge der verbefferten

Kriegstechnik und der komplizierteren Einrich­tungen der Schiffe an die Qualität des Personals, an die Durchbildung sowohl der ganzen Schiffs­besatzung wie des einzelnen Mannes sehr viel höhere Anforderungen gestellt werden als früher, erfordert auch die Quantität, die Bemessung der zahlenmäßigen Stärke eine ganz besondere Sorg­falt. Für jeden einzelnen Posten im täglichen Dienstbetrieb wie ein Gefecht muß genügendes Personal vorgesehen sein R-ck dieser Richtung hin sparen zu wollen, würde sich auf jed n Fall bitter rachen.

Wenn, wie schon erwähnt, gegenüber der Segelschiffszeit eine Verminderung der Be­satzungen eingetreten ist. so hänat das in erster Linie mit der viel geringeren Zabl der Ges-ftütte, in zweiter Linie mi+ deren verbesserter Konstruk­tion sowie mit der Verwendung von MaiDinen aller Art für Schiffs zwecke zusammen. Früher rechnete ntait in der französischen Marine, die ihre Schiffe am stärfften besetzte, durcktchnfttt'ck zehn Mann auf jedes Geschütz, in der englischen und holländischen Marine 2 bis 16 Mann, je nach dem Kaliber. Ein einmastiaer Kutter von 20 acht- pfündigen (etwa 10 Zentimeter) Kanonen hafte eine Besatzung von 150 Mann, die englischen und holländischen Segelschiffe ersten Ranges 850 bis 900 Mann, die französischen Linienschiffe des 17. Jahrhunderts mit 100 und mehr Geschützen soaar bi? zu 1200 Mann. Das ist eine Zabl die selbst von den allerarößten modernen Linienschiffen noch nicht wieder erreicht ist. Die ersten Panzerschiffe mit Breitseitmifstellung der Gflckütze batten noch eine Resatznnasstärke von etwa 700 Köpfen, z. B. ..König Wilhelm" MRRR vom Stave!) 720 Köpke Mit Einftibrun« der Tunnaitfftellunq gingen die Zahlen iveiter herunter (Preußen",Friedrich der Große" 501 Käufe). um mit zunehmender Schiffsgröße und Maschin-'-leistnna wieder zu steigen:Brandenbura" 579, . Wittelsbach" 660, Deutschland" 729, ..Lord Nellon" 800,Ka- sckima" (japanisch) 9R0 Köpke. Ein neuer Rück­schritt, als eine Folae der einfacheren Armierung, erfolgte mit derDreadnought", für die nur 7c,0 Köpke angegeben werden Doch haben schon die nächsten englischen Vertte'er dieses Tuns Be- satnlngen von 750 und Roo Kövfen Die deutschen Sckiffe derRaffmt"-Klakke die im Gegensatz zur Dreadnought" noch eine starke M'ttesi?r'itterie haben sind mit 961 Memn besetz. die neuen französischen Schiffe derFean Bart"- Klaffe er­halten eine Besatzung von 99R. die der amerikani- sckenFlorida"- Klaffe von 1014 Köpfen ^amit dürste die obere Grenze ab"r noch keineswegs er­reicht sein. Im Gegenteil der Bedarf an see­männischem, d. h. Gekch'-tzbedingunaspersonal. wird voraussichtlich tvetter steigen. Dasselbe gilt für das Maschinenpersonal Hier wird sich eine Verringerung erst ermöglichen lasten, wenn ein­

mal die reine Oelfeuerung eingeführt ist ober wenn der Verbrennungsmotor so weit ist, daß et auch für große Schiffe Verwendung finden kann. Die Dampfturbine hat jedenfalls die von vielen Setten vorausgesagte Personalersparnis noch nicht gebracht; infolge der größeren Wellenzahl und der dadurch bedingten Unterteilung der Maschinenräume beansprucht die Dampfturbine ebensoviel wenn nicht mehr Bedienungspersonal als die Kolbezrmaschine.

Politische Umschau.

Beter die Lage des Herrn Martin Biedermann schreibt die Korrespondenz für die deuffche Ost­markDer Osten":Die KrakauerRowa Re- forma" feierte (Nr. vom 3. Mai 1910) vor kurzem den bekannten Güteragenten Martin Biedermann in Posen, alsverdienstvollen Kämpfer um den polnischen Gmnd und Boden, der im Laufe einiger Jahre den deuffchen Krallen mehr Land entrissen oder vor dem Verlust an Deutsche ge­rettet habe, als die polnischen Parzellierungs- banken". Sie wünschte daher, daß eine zu seinen Gunsten von Posener Polen angebahnte Rett- ungsattion ihn aus seiner jetzigen schwierigen Lage befreien möchte. Diese Rettungsaktion ist aber, wie vorauszusehen war, im Scmde ver­lausen, weil einem kaum nennenswerten Aktivbe- stande eine Schuldenlast von annähernd einer Million Mark gegenüberstand, und der Patriotts- mus der polnischen Banken und Geldleute trotz dergroßen Verdienste" Biedermanns doch nicht soweit reicht«, um diese ungeheizte Summe ein­fach wegzuwerfen.

Um aber die Gefchäfte in der bisherigen Weife nach Möglichkeit weiter betreiben zu können, ist Biedermann, nachdem er am 18. März dieses Jahres mit seiner Ehefrau die Gütertrennung vereinbart hatte, formell als Inhaber der Firma von Drwenski und Langner" ausgeschieden, und an feine Stelle ist feine Ehefrau Marya Bieder­mann, geb. von Drwenska, getreten.

Danach dürften die Hoffnungen der Gläubiger, noch irgmd etwas herauszubckommen, auf im­mer begraben fein. Und doch hielt noch am 28. August 1909 dieGazeta Gdanska" die Anlegung von Kapitalien in den von Biedermann ange­botenen Gütern für am sichersten und vorteil­haftesten!

Biedermane hat am 21. Juni dieses Jahres fodann vor dem Posener Amtsgericht ben Offen« barungseib geleistet unb erklärt, daß er nichts mehr besitze, vielmehr nur als Angestellter feiner Ehefrau, welche Firmeninhaberin fei, ein monat­liches Gehalt von 125 M beziehe. Es hat alfo

45 lRachdruck verboten)

Kantate.

Von Anny Wothe.

(Fortsetzung.)

Es war Hans Jürgen »ermann. Er hatte He Snrn büster gefaltet unb feine Augen schwels- ten abwesend hinaus ins Blaue. Jetzt wandte er sich langsam zurück in das Zimmer. Sein Blick streifte die dicken Kontobücher, die vor ihm auf dem Schreibtifch lagen. Was nützte es ihm, daß der Frühling einzog? Sein Schicksal war besiegelt. Hans Jürgen fchlug mit der Faust auf die dicken Bücher, daß es wie ein Aechzen durch bas Gemach flog, bann stand er auf und schritt hinaus.

Er ging durch die weiten Hallen unb Korri­dore, durch die Pack- und Lagerräume und durch Komtoiere, Trepp auf, Trepp ab. Uebetall spähte ifein wachsames Auge umher. Die kleinste Unge­hörigkeit in dem Riesenbetrieb des Hauses Bet­mann u. Co. bemerkte und rügte er.

Uebetall wo er erschien, neigten sich die Köpfe der Angestellten eifriger über ihre Pulte. Lautet kritzelten die Federn und die Butterbrotpapiere, die hier und da Zeuge einer ungehörig ausge­dehnten Frühstückspause warm, verschwanden knisternd in den Tafchen der Schreibenden.

Unten in den weitläufigen Packräumen herrschte eine fast fieberhafte Tätigkeit. Bor dem Hause standen die zweirädrigen Buchhändler- Wagen, mit den viereckigen Körben aus Weiden­geflecht. in die ein ganzes Heer von Markthelfern unausgesetzt die sorgsam verscknürtm Pakete schasste, die zur Post mußten, oder an andere fKonimisioitare in der Stadt ausgefahren wurden. . Ein Durcheinander von Markchelfem und Laufburschen aller Betriebe, alle mit handfesten Dederfchürzen und dunklen Ballonmützen ange« Mn, ergoß sich durch das große untere Stockwerk, M» sich auch die Ausliefemngslager befanden.

Mit heimlichem Unwillen und Sorge fah Nm» Jürgen mißvergnügte Gesichter unter der

Schar von Marfibelfem unb Lausburscken, die schweigend ihre Arbeit verickttttn, unb biet unb da wurde sogar ein verstecktes Tuscheln und Flüstem hörbar.

Hans Jürgen kniff die Augen ein wenig zu­sammen, ohne anscheinend Notiz davon zu nehmen, bann schritt et, ben Fahrstuhl ver- schmähenb, langsam wieber die Treppe zum ersten Stockwerk hinan.

Die Ostermeffe war vor der Tür, und es gärte und kriselte überall unter den Markchelsern des Buchhandels. Wenn noch ein Streik aus­brach, dann waren alle Hoffnungen Hans Jürgens vernichtet.

Bis in die Nacht hinein hafte er schon gestern mit den Vertretern verschiedener anderen großen Buchhandlungsfirmen konferiert. Erst vor einer kleinen Weile hatte man ihm telephoniert, daß ein Teil der Markthelfer bei Köhler und auch bei Valkmar bereits die Arbeit eingestellt.

Der Streik muß verhindert werden mit allen Mitteln.

Wohin Hans Jürgen auch blickte, überall Widerwärtigkeiten und Mißhelligkeiten.

Und draußm lachte der Frühling.

Schwer aufatmend trat er bei feinem Vater ein, der mit bleichem Überwachtem Anflitz vor einem großen Haufen von Papieren aller Art faß und nickte, als der Sohn nur krtrzen Bericht über die Sachlage gab.

Handle fo, wie Du cs für gut hältst. Hans Jürgen," sagte der Kommerzienrat, und seine Stimme flang schleppend.Im übrigen, wenn Du Zeit hast, möchte ich Dich nachher gern ein­mal sprechen."

In einer Stunde vielleicht, Papa?" Der Alte nickte und Hans Jürgen ging wieder hinaus.

Wie bleich und abgearbeitet bet Vater aussah. Und nichts, nichts gab es, was Hans Jürgen Trost gebracht hätte, wenn er di« Verhältnisse überdachte.

Schnell trat er jetzt, sich innerlich und äußer­lich aufraffenb in ein. Arbeitszimmer, das neben feinem Privat-Kontot lag. Hohe Bücherregale

an den Wänden gaben ihm etwas abgeschlossenes, düsteres, trotzdem durch die großen Fenster hell die Frühlingssonne herein flutete, bi« draußen soeben blendend durch Regenwolken brach.

Roch hingen Tropfen blitzend an den Scheiben.

Bei seinem Elnttltt glaubte Hans Jürgen deutlich den NamenRickle" zu vernehmen. Dunkel stieg ibm das Blut ins Gesicht. Es war kein Zweifel, Dr. Eisele, der an einem der großen Stehpulte am Fenster stand, hatte den Namen gegen seinen alten Buchhalter Günther ausge­sprochen, der ganz vergraben in seinen Ostermeß- abrecknungen saß.

Eine wilde Angst krampfte plötzlich Hans Jürgens Her, zusammen. Es war ibm. als raube ein onfftetgenber Gedanke ihm die Besinnung.

Bengel," herrschte «r seinen kleinen Lehr­buben an. der an einer der großen Tafel stand und eifrigst Verlangzettel forderte, kennst Du noch nicht mal das ABC.? Kommt erst H. ober P ?"

Hartes B.", gab der Stift mit großen, ver­ängstigten Augen.

Marsch raus," gebot Hans Jürgen, dem Jungen die Obren ziehend,erst lernst Du das Alphabet. Verstanden?"

Aufheulend verschwand der Kleine. Hans Jürgen stand einen Augenblick mit hochrotem Ge­sicht unschlüssig mitten im Zimmer. Er schämte sich vor sich selber. Wie konnte er nur seine Heftigkeit an diesem Knirps auslassen.

Eisele unb der Buchhalter Günther ignorier­ten ben Vorfall.

Eifrigst waren beide über ihre Arbeit gebeugt.

Darf ich dann bitten, Herr Güncher?" kam «8 endlich etwas gepreßt mt8 Hans Jürgens Munde.

Sehr wohl, Herr Berrmann", gab der alte Buchhalter ehrerbietig zurück,ich stehe gleich zu Diensten."

Hans Jürgen trat in fein eigenes Arbeits- zimmer zurück. Dr. Eisele hatte er nicht weiter beachtet.

Gleich darauf trat der alte Günther, dicke Aktenbündel und Papiere unb» bew Arm, in Hans Jürgens Arbeitsraum,

auch fein zuletzt noch unternommener Versuch, mit Befürwortung polnischer Politiker und Bank- birettoren von ben amerikanischen Polen Geld zum Wieberflottwerben zu erhalten, nichts ge- fmchtet."

Angstprodutte der fianzöfifchrn Bevölkemngspslttik.

Die neue französische Bevölkerungsstatistik hat im Lande große Bestürzung hervorgerufm. Zu den höchst sonderbaren Heilmitteln, mit denen die Franzosen die fallende Geburtenziffer aufzuhalten suchen, muß man auch eine Vorlage rechnen, bet ber Senat bereits in erster Lesung zugestimmt hat unb die berüchtigte Verbot der recherche de tornit6* ausheben soll. Das Amüsanteste btt?, daß, selbst wenn die neue Vorlage einmal in absehbarer Zeit Gesetz werden sollte, auch dann noch Deuffchland das unerreichte Ideal der Franzosen bleiben wird, da die geplan- te.l neuen Bestimmungen noch lange nicht so weit in der Fürsorge für das uneheliche Kind und feine Mutter gehen, als die deuffcken. Die Vorlage bringt eine höchst seltsame, köstliche neue Methode, die die Bevölkerung Frankreichs vermehren helfen will: Franzofen, die 29 Jahre alt geworden sind, ohne geheiratet zu haben, fallen besonderen mitt« siirifchen Hebungen unterworfen werden. Nie­mand soll Staats- oder Gemeindebeamter wer» den dürfen, der mit 25 Jahren nicht verheiratet ist. Andererseits sind für Beamte, die mindestens drei Ktnder zu ernähren haben, besondere Ver-: gtinftigungen, wie schnellere Beförderung, Ge­haltsaufbesserung, Erhöhung der Pension usw. in, Aussicht genommen. Außerd m sollen bei der Erbverteilung verheiratete Kinder den anderen vorgezogen werden. Dies« Senatsvorlage geht aber manchen Franzosen noch nicht weit genug; nach ihnen sind militärisch« Hebungen k '.ne ge-; nügenb strenge Strafe für hartnäckige Jungge- fetten. Rach Bertitton und Lerov-Beaulieu soll überhaupt niemand Beamter werden, der nicht tnindestens drei Kinder hat, n.ck der bekannte General Soutfe will bei der Verteilung des Nach­lasses, wenn von zwei Söhnen der eine unver-' heirat 'mb ber andere verheiratet ist und vier Kinde? tt. dem einen nur ein Sechstel und dem andere?! fünf Sechstel geben. Heber die Hnhaft» barkeit und Hngerecktigkeit eines derartigen ver­allgemeinernden Gesetzes braucht man Wohl kein Wort zu verlieren, ober soll ewa der Staat her­vorragende Berwaltungsbeamte nur deshalb entlassen, weil sie nicht drei Kinder haben. Die vielbeflagte Entvölkerung Frankreichs liegt tiefer, als di« Herren Senatoren geneigt sind anzu­nehmen: sie ist ein Zeichen attaemeiner sittlicher Erschlaffung unb wirtschaftlicher Erstattung.

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Es War ein kleines, dürres Männchen mit spärlichem, weißem Haar, gebleichtem Bart und kurzsichtigen, hinter einer dunklen Brille versteck­ten Augen. Hebet die magere Stirn lief noch ein fchmaler blutroter Streifen. Wenn Hans Jürgen die Narbe an des alten Mannes Stirn sah, dann packte ihn jedesmal eine fo sinnlose Wut, eine so verzweifelte Sucht, alles in Grund und Boden zu schlagen, daß et sich nur mühsam wieder zu-; recht fand.

Zuweilen war ihm selbst schon der Gedanke aufgestiegen, daß es besser wäre, wenn Günther feine Stellung im Hause »ermann u. Co. auf­geben würde, aber Hans Jürgen hatte sich noch immer dieses Gedankens geschämt. Weil ihm bet alte Mann eine lebendige Mahnung war an eine Sünde, die er selbst nicht vergeben konnte, wollt; er ben alten Mann und Rickle vielleicht 9lot unb Entbehrung pteisgeben?

Rein, Rein", schrie es in seiner Seele. Aber immer Nieder bohrte der Gedanke in feiner Brust. Vielleicht konnte man den alten Günther fort­loben? Hans Jürgen hatte fo viele Geschäfts­freunde, die gern einen fo gewissenhaften Arbeiter bei sich aufnahmen. Die Kollegen würden ihm noch dankbar für diese Empfehlung fein, und doch hatte Hans Jürgen nicht den Mut, den Alten zu entfernen, fo feht feine tägliche Gegenwart ihn auch bedrückte und peinigte. Unb bann, Hans Jürgen wußte, daß der Alte nur ans Pflichtge­fühl blieb, daß er vielleicht die Krisis ahnte, di« für das Haus ©ermann u. Co fo verhängnisvoll werden konnte, ja, baß er wohl mehr wußte, als er zeigte. Unter anderen Verhältnissen wäre ihm in feiner gegenwärtigen Lage der Rot das Wissen des alten Getreuen ein großer Trost gewesen, seit­dem sich aber durch eigene Schuld eine so tief« Kluft zwischen ihm unb Günther aufgetan, em­pfand et den Alten nur wie eine ständige Folter.

HanS Jürgen fah garnicht auf, als der oft* Mann ins Zimmer trat J

(Foryetztm- W«)