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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) «nd.Landwirtschaftliche Beilage."

45. Jahrg.

Marburg

Sonntag, 17. Juli 1910

Die Jnsertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7gewaltene Zette oder deren Raum 15 A, für auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 4- Druck und Verlag: Iah. Aug. Koch, Universitats-Buchdruckerei, Inhaber Dr. T. Hiyeroth. Aiarburg, Markt 21. Televbon 55.

DieOberhessifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- H'n jährlich durch die Post bezogen 2,25 (ohne Bestellgeld), bei

- e/f=. IV'J unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2,00 =*. j (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­

tion keinerlei Verantwortung.)

Zweites Blatt.

Das ländliche Bauwesen in Kurhessen.

Wer durch Süddeutschland reist, durch Würt­temberg bei Stuttgart, Ulm, Pforzheim, durch den .Schwarzwald, das Neckartal bei Heidelberg, und vollends die Bergstraße entlang in ihrer Ver- ltängcrung bis Frankfurt, und wer dabei ein Auge hat für Schönheit in Natur und Kunst, für dm gibt es genug zu sehen und sich zu freuen. Lange .bekannt und gerühmt sind die schönen Berge, die tiefer. Täler und prächtigen Wälder in jenen Landen. Eins aber was nicht minder sehenswert ist. ist hinzugekommen im letzten Jahrzehnt, und das sind die Bauten. Wer sich für modernes Bauwesen interessiert, wer die neuen Linim und Motive, mit denen die Architektur sich bereichert hat, kennen lernen will, der braucht nur hinaus­zuschauen aus dem Eisenbahnzuge, wenn er jene Gegenden durchsaust. Eine unendlich mannig­fache, immer reizvolle Linienführung in den Dach- konstruktionen, abwechselnde Verwendung von farbig.m Stein und Verputz mit buntem Fach­werk kurz, wenn auch natürlich mit Aus­nahmen, durchweg eine hübsche Anwendung aller modernen Errungenschaften der Archtteftur.

Fährt man von Frankfurt aus weiter nach Norden bleibt das Bild. Nauheim mit seiner neuen Fabrikanlage bietet direkt ein architekto- misches Ereignis, und noch in der Gießener Gegend stehen die Neubauten meist auf der Höhe der Zeit. Dann aber ist Schluß. Das Bauwesen versinkt in die Zeit vor dem Neuerwachen der Architektur. Wir sind in Preußen.

Man kann ruhig sagen, daß zwischen der Grenze und unserer Stadt in den letzten 20 Fah­ren kein moderner Neubau entstanden ist, welcher einer milden Kritik standhalten könnte. Und die öffentlichen Gebäude Bahnhöfe, Schulen usw. > sind die schlimmsten. Hinter Marburg von der Stadt selbst rede ich nicht kommen einige Lichtpunkte. Die Bahnhöfe von Cölbe, Allen- dorf und Treysa sind entschiedne Fortschritte, auch sonst mag es noch einige Neubauten geben, die das Auge nicht verletzen der Rest ist Schweigen.

Alle alten hessischen Fachwerkbauten in ihrer unendlichen Einfachheit, deren ganzer Schmuck in Ehrern organischen Aufbau besteht, zieren die Gegend, passen zu Land und Leuten und sind in ihr-, Art etwas vollenttes. Rebe.: ihnen aber, und, was das Schlimmste, ist, gerade außerhalb der Ortschaften, entsteht ein neuer Typ von Bau­ten: rote unverputzte Ziegelhäuser ohne jeden ländlichen Charakter, nackt in ihrer ganzen Häß­lichkeit. just aus dem Kohlenrevier von Bochum und Gelsenkirchen kopiert. Jedermann steht diese Bauten, jedermann tadelt ste, aber Niemand kann helfen.

Nun kann man einwenden: wir haben doch bas neue Verunstaltungsgesetz vom 15. Juli 1907, warum wendet man das nicht an? Ja, wenn

85 lNachdruck verboten.)

Kantate.

: v Von Anny Wothe. (Fortsetzung.)

Was hatten sie dagegen für eine Plunderwirt- schaft. Um ein einziges Reitpferd wurde ein Um­stand gemacht, als gälte cs ein Staatsereignis. Na ,den Sattel, den hatte ihr wenigstens Hans Jürgen geschenkt.

Frau Theorda Bermann präsidierte am obe­ren Ende der Tafel mit einem Zug stolzer Siegesfreude als Brautmutter. Ute saß still und versonnen. Ihre Gedanken waren weit ab. Nie hätte sie in dieser Art ihre eigene Verlobung feiern mögens

Und wie alles endlos scheinende Verlobungs­mahl ein Ende.

Es war die Rede davon, gemeinsam ins neue Theater zu fahren, um die Götterdämmerung zu hören. Frau Bermann aber mußte zu einer Sitz­ung des Wöchnerinnen Vereins und Karleen er­klärte, ste hätte Kopfschmerzen, sie wollte sich gleich niederlegen, damit sie morgen wieder frisch wäre. Peter küßte ihr die Hände und vertröstete sie und sich gefühlvoll auf morgen. Im Geheimen überlegte er sich, ob er mit feiner Kleinen von der Operette nicht in Aekerleins Keller oder sonst wo eine fröhliche Kiste aufmachen könnte. Er wollte mal sofort, wenn et nach Hause kam, telephonieren.

Eine Viertelstunde später, nachdem die Gäste alle gegangen, lag die Bermannsche Villa in lie­ßet Ruhe. Die Mutter wat in ihrem Verein, der Vater und Hans Jürgen im Geschäft, Ute in ihrer italienischen Stunde und Etta strolchte mit ihren Freundinnen durch dieGrimmsche* und bann aßen ste bei Seyssert auf bem Neumarkt Eis und

das so ginge! In diesem Gesetze ist das meiste, was geschehen kann, ortsstatutarischer Beschluß­fassung der Gemeinden überlassen. Die Gemein­den sollen sich ihre Schutzbestimmungen selbst schaffet. Davon aber ist unsere Landbevölkerung weit entfernt. Aesthetische Rücksichten liegen ihr durchweg fern und keine Gemeinde denkt nicht da­ran, durch Ortsstatuten ihren Bauluftigen immer­hin unvermeidliche Kosten und Beschränkungen aufzuerlegen. Also damit ist auf dem Lande nichts zu errreichen. Bleibt der 8 1 d. G., laut welchem die baupolizeiliche Genehmigung versagt toerbm kann, wenn der Bau das Ortsbild gröblich verun­stalten würde.

Von diesem Paragraphen macht die Baupolizei denn auch Gebrauch, aber unter welchem Wider­stand. Da kommt ein Baulustiger, der sich von irgend einem, der den nötigen Mut besitzt, für 78 M einenBauplan" hat anfertigen lassen, und hört zu feinem maßlosen Staunen, sein Bau werde als Ortsbildverunstalten". Dem Manne steht einfach der Verstand still. Er toi* lolif bauen, trocken und fest auf feinem eigenen Boden, als- was will man von ihm? Daß er auf Ver­langen keinen besseren Bauplan vorlegen wird, ist bald klar. Man hat daher auf dem hiesigen Land­ratsamte zu dem Mittel gegriffen, den Leuten eine unentgeltliche Umarbeitung ihrer Plane ihr.n Wünschen gemäß anzubieten. Weit entfernt aber, auf solches Anerbieten einzugehen, ertoibert der Mann, das habe keinen Zweck, zu einem Verputze habe er kein Geld, Fachwerk erfordere zu vi.le Reparaturen, und irgendwelche Architektur ja davon sei überhaupt nicht zu redens Kurz dem Manne fehlt jedes Verständnis und er verläßt die Behörde in der Empfindung, maßlos chikaniert zu werden. Er setzt einflußreiche Leute für sich in Bewegung und fchließlich beschwert er sich bei der Regierung. Letzteres bat nun allmählich eine gute Folge gezeitigt! die Situation ist geklärt. Auch bei der Regierung ist für unverputzte Ziegelbauten auf bem Lande kein Entgegenkommen mehr zu finden.

Welche Schwierigkeiten aber, welche endlos.n Verhandlungen und Schreibereien hat es gekostet, ehe es soweit war! Jetzt heißt es durch konse- guente Anwendung solcher Praxis wenigstens diese Errungenschaft bewahren! Aber mit solcher Praxis allein ist auch noch nichts geschärft. Es muß noch mit einem zweiten Mittel operiert w r- ben; unb das ist der Baubispens. Es ist in ber Bauordnung die Möglichkeit vorgesehen, daß von. gewissen Ansorbemngen. namentlich Branb- mauem, durch den Kreisausschuß Dispens erteilt werden kann. Die technische und polizeiliche Möglichkeit dafür ist in außerordentlich vielen Fällen gegeben; außerdem sind gewisse technische Mittel herausgearbeitet worden, die es im Verein mit einigen juristischen Maßnahmen ermöglichen, einen Bau so aufzuführen, daß im Bedarfsfälle eine Fachwerkwand in eine Brandmauer nach­träglich verwandelt werden kann. Und daß solche Dispense für jeden Bauenden eine sehr merk­bare Erleichterung bedeuten, ist klar. Sie sparen ihm nicht nur Kosten sondern erhöhen auch den

Schlagsahne und besprachen eingehend die Ver­lobung und wie es sein würde, wenn sie auch erst einen" hätten.

Karleen aber saß in ihrem Zimmer, die Augen groß und verloren in die Ferne gerichtet.

Draußen ging bald der Wintertag zur Rüste. Blutrot versank dann die Sonne über der Weißen Pracht und länger wurden die Schatten.

Das junge Mädchen stöhnte leise. So wie das Verlobungsmahl, da sollte nun ihr ganzes Leben fein? Wie war sie nur dazu aefommen, diesem unerträglichen Hohlkopf, dem Peter, ihr Wort zu geben? Richtig, Milla hatte sie in sei­nen Armen gefunden, in die sie in lächerlicher Furcht vor dem Fremden geflüchtet war.

Da gab es denn keine andere Erklärung als die Verlobung. Unb ber Vater? Was hatte der Vater nur? Sie verstand feine Andeutungen nicht, aber wie ein Alp hatte sich bie Ahnung von etwas Schrecklichem ihr auf bie Brust gelegt unb bie nahm ihr ben Mut bem Vater alles zu beichten.

Karleen brückte bie heißen Hänbe gegen bie pochenbe Schläfe. Warum fchloß ihr jebesmal. wenn sie ihrem Vater von bem merftoürbigen Fremben erzählen wollte, ein geheimnisvolles Etwas ben Mund? Warum hatte sie damals, als der alte Polizeirat auf dem Bahnhof Aus­kunft von ihr verlangte, geschwiegen? Warum hatte sie zu Haufe nickt ein einziges Wort von ihrem Abenteuer erwähnt, nicht mal zu Ute, ber ste doch sonst alles vertraute? Auch damals noch nicht, als sie mit Ute gemeinsam ben Fremden da oben auf der Höhe wieder gesehen!

Und nun kam der Fremde und übte weiter feine unheimliche Macht auf sie aus. War es nicht I genug, daß ste wußte, er war ein Verfemter? Mußte er, da sie aus unerklärlichen Gründen be­harrlich schwieg, sie auch noch bis in bas eigene

Schutz gegen Feuchtigkeit u. a. m. Wenn nun bie Behörbe in ber Sage ist solche greifbaren, in Zah­len ausbrückbaren Vorteile zu bieten dann läßt auch ber bauluftige Banbtnann mit sich teben, unb wenn ihm bann mitgeteilt wird, baß grund­sätzlich nur berjenige Dispens bekommt, der zum mindesten den oberen Teil seines Hauses in Fach­werke ausführt und bie Fächer zwischen den Bal­ken weiß verputzt dann erwacht auch in seiner Brust ein Gefühl für Aestbetik unb Architektur.

Tatsächlich ist es gelungen, schon in einer sehr erheblichen Zahl von Fällen hiermit etwas zu er­reichen. Wer heute burch bie Dörfer geht, ahnt gar nicht, wieviel häßliche Bauten unb Mauern auf biefe Weise schon vermieden worben sinb unb merk: es kaum, wieviel nackte Mauern mit aller­hand künstlichen Maßnahmen unb Schiebungen burch neue Bauten toieber zugedeckt worben sind. Jedenfalls bietet sich hier ein außerordentlich prak­tisches Mittel für ästhetische Erfolge und es bleibt nur zu wünschen, daß die Praxis auch in der Zu­kunft aufrecht erhalten werde.

Nun ist es aber überhaupt verfehlt, zu denken, mit behördlichen Maßnahmen und Paragraph n lassen sich bestehende Zustände und Anschauungen ändern. Solange die Bevölkerung getrieben wer­den muß, solange ist von einem wirklichen Erfolge kein: Rede. Dieser kommt vielmehr erst dann, wenn sich weitere Kreise der Erkenntnis öffnen, daß es so wie bisher mit unserem ländlichen Bau­wesen nicht weiter geht. Die Parole muß lauten: entweder die alte einfache Fachwerk-Bauart nach ber Väter Weise ober hübsche, mobeme, wenn au j noch so einfache Architektur. Unb einstweilen wollen wir noch nicht verzweifeln, daß diese Er­kenntnis kommt. Noch ist der Sinn für althessische Bauweise nicht ganz erstorben Gott sei Dank. Es entstehen zuweilen noch hübsche Neubauten in alter Weise. Ein geradezu klassisches Beispiel bietet ein Hans in Dreihaulsen, mit prächtigem Fachwerk, geschnitzten Eckbalken und allem, was Herz und Auge sonst nur an alten Bauten erfreut. Und wer sehen will, wie ein altes, unscheinbar scheinendes Haus, sich in pietätvoller Weise re­staurieren läßt, der gehe nach Dagobertshausen und freue sich über das dortige Bürgermeister- Haus.

Unb auch die moderne Architektonik fcheint nicht mehr ganz fremd. Unterrosphe, Hermershausen, Bauerbach und hofimtlich auch Marbach werben bald schöne Schulen besitzen. Auch haben sich schon Leute gefunben, bie bereit waren, für einen ge­planten Neubau hübsche Zeichnungen von einem gelernten Architekten anfertigen zu lassen kurz, ein Anfang ist gemacht.

Unenblicher Mühe unb Kleinarbeit aber bebarf es noch, ehe unser Kuthessen sich neben fortge­schritteneren, namentlich süddeutschen Gegenden sehen lasten kann. Jeder, der Interesse hat für diese Dinge, der mit Freude unsere schöne Gegend durchwandert, jeder muß daran mitarbeiten, daß der Sinn für hübsche Bauweise allmählich geweckt werde. Nicht teuer und mit unnötigen Zierraten, aber einfach-harmonisch und ber Gegend ange­paßt so soll gebaut werden. B.

Haus verfolgen? War sie denn nirgends sicher vor dem Verbrecher? Verbrecher? Karleen at­mete schwer. Hatte er nicht versprochen, ihr Aufllärung zu geben, wenn sie ihm Gelegenheit zu einer Unterredung bot? Harrte er nicht viel­leicht jetzt schon ihrer auf bem alten Friebhof, ben fo fetten eines Menschen Fuß betrat? Die ganze Nackt, hatte er gesagt, wollte er ihrer harren.

Karleen lächelte mit leisem Spott. Wenn es dunkelte wurde der Friedhof geschlossen, daran hatte er wohl nicht gedacht.

Erleichtert atmete sie auf. Noch stand die Sonne am Himmel, die Nacht war fern. Wie lautete doch ber Brief des Fremden? Karleen fab sick tote hilfesuchend in ihrem Zimmer um. Den Brief hatte sie ja vernichtet, indes war ihr immer gegenwärtig, er vertraute ihr bedingungs­los, er glaubte nicht, daß sie imstande sei, ihn zu verraten.

Und wenn ste es tat. bann würben bie Häsch r kommen, kaltherzig, mitleidslos unb würden ben Geflüchteten mit fortnehmen. Sie brauchte ihn bann nie, nie mehr zu sehen unb er würbe bann einsam hinter büfteren Mauern feine Schuld büßen. Er würbe gewiß in langen einsamen Stunben, in dunklen Nächten der Verräterin fluchen, die ihn ins Elend gebrackt und ste sie würde immer an die dunklen herrschsüchtigen Augen denken müssen, die fo verzweiflungsvoll bittendnd dock fo befehlend die ihren such sirr. Sie würbe baran benken müssen unb nie, nie wie­der froh werden können. Wollte sie denn nicht grausam einen Mord begehen? Wollte sie nicht helfen, daß man einem Menschen Ehre, Leben unb Freiheit nahm?

Vielleicht hat er das alles anderen unbedenk­lich angetan," reflektierte sie weiter. Dann aber lächelte sie ein wehes Lächeln. Nein, er war wohl mehr unglücklich als schuldig. Wie aber kam

Ausland.

** Die Borbereitungen zum fianzösischen Eisenbahnerstreik. Paris, 15. Juli. Das nation­ale Syndikat der Eisenbahner veröffentlicht heute einen Aufruf, in bem es heißt: Unser» Maß­nahmen sind bereits getroffen; ein umfassender Kriegsplan, wo jeder seinen Platz haben wird, ist von «ns sorgfälttg ausgearbeitet worden. Wir werden ihn unerschütterlich ausführen. Auf das vom Etreikausfchuß gegebene Signal, wird jede Arbeit, jeder Verkehr auf allen Linien eingestellt werden. Wenn die Eisenbahnzr^e nicht mehr verkehren, ist Alles lahm gelegt; keine Industrie, kein Handel mehr; der Postdienst wird nicht mehr versehen werden können, man wird sich der Brief­tauben bedienen müffen. Der Dienst der Überfeet« fchen Postdampfer wird gleichfalls aufhören, da die Passagiere nicht mehr ankommen können. In den Hallen und auf ben Märkten werden Waren verderben. Wie wird man das Schlachtvieh transportieren? Vielleicht 'n Lenkballons uni Flugmaschinen. Und bann wird zweifellos bet Allgemeine Arbeiterverbanb an bem Spiel teil- nehmen wollen. Die Gelegenheit ist für alle anbe> ren Syndikate, bie eine Verbesserung ihrer Lag, erreichen wollen, zu günstig. Das wird bann, ob man will ober nicht, bet große, ber wahre &i famtausstanb werben.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Oriatnalartikel ist gemäß § 18 t / Urheberrechts nur mtt der deutlichen Quellenangc ä Oberheff. Ztg." gestattet.)

Marburg, 16. Jul-.

* Ferien! Dies Wort ist ein Zauberwor'.; e- bringt eine wahre Völkerwanderung zustande. Nachdem bie Herrschaften schon längst die staubigen Städte verlassen haben, werden nun auch verhüllende Jalousien in tun Wohnu . ge t *)ei Mittelstände für ein paar Wochen herunter elassen, als ein Zeichen des jetzt verödeten Heims. Da­gegen bevölkern sich die fonst wenig geachtet n Ortschaften in den entlegenen Landge. :d:n mit städtischen Besuchern, die zur Verwunderung det ländlichen Jugend in der größten Somm chitz» Handschuhe anziehen und ihre Füße mtt Strümpfen und Schuhe bekleiden. D r Städte» freilich, dem es die Mittel irgendwie gestatten, sucht einen renomierten Ort als So....- erfrisch auf, weil er die angemessene Gesestsch ft und die Vergnügen nicht entbehren kann. Wenic-er Be­mittelte nehmen jedoch mehr bie Güte ber Ton . um Schwägerinnen in Anspruch. Die Kinber gehen natürlich zur Großmama ober irgenb einem Mitgliebe ber Berwanbschaft aufs Dorf. Man trifft zur Ferienzeit fo viele stödsische r it.ber au! bem Laube, baß man sich wirklich wundert, ir bet ©tubt selbst noch fo viele zu fhibcn. Jubel er­füllt alle. Denn ber Lanbaufenthalt ist dem Kinde eine Lust. Das unverwähnle Kind denkt, fühlt u.ib lebt noch natürlich und ist anspruchslos Sokatt richtet es sich ein in den Verkehr mit Mensch und Tier in freier Natur. Ja, bie Ferien sind »a,

er zu ihrem Vater ins Geschäft ? Sie hätte ia Hans Jürgen banach fragen können, aber sie wagte es nicht. Sie burfte natürlich nicht bulben, baß ex dort blieb. Er mußte fort, freiwillig mußte er gehen. Karleen suchte mit zitternden Händen nach ihrem Hut. Sie mußte ihn sprechen, sie mußte bem Fremden sagen, daß er nur auf ihre Nachsicht unb Schonung rechnen dürfe, wenn er sich ber« pfl-chtet, ihren Weg nicht mehr zu kreu.en. Er würde auf dem alten Johannisfriedhof auf sie warten. Im Geiste fühlte sie feine zwingenden Augen auf sich ruhen unb es war ihr. als müsie sie ihm entgegen schreien: Ich komme, ich komme.' Nicht eine Minute würbe ihr bas Jn- konseauente ihrer Handlungsweise klar.

Zitternd zog sie ihre schwarze Sealskiniacke über bie bebenben ©fieber. Einen dichten Schleier band sie um ben großen Hut mit ber. nickenden schwarzen Federn. Dann stand sie einen Augen­blick lauschend. Das Haus lag in schweigendem Dunkel. Nur unten im Souterrain hausierten und schwatzte» die Mädchen und im Eßzimmer flirre bas Silber leise unter Paschkes orbnenbeit Händen.

Niemand würde sie jetzt vermissen, wenn eS ihr gelang unbemerkt das Haus zu verlassen.

Es mußte sein. Riesengroß wuchs dieses Muß" vor ihr empor, wenn auch daneben eine Stimme raunte, daß es ungeheuerlich sei, bet Aufforderung des fremden Mannes zu folgen. Wenn jemand von dieser Zusammenkunft Kennt­nis erhielt war sie verloren. Niemand würde ihr glauben, man würde sie als leichtfertige Aben­teuerin ansehen unb richten. Niemand würde zu ihr stehen. Verfemt und verlassen, würde sie die Strafe für ihren bodenlosen Leichtsinn tragen, müssen.

Jetzt war Karleen schon aif? ber Treppe. Mit fliegende« Hänbe« hielt sie sich w.?> Seiender.