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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain"

und den Beilagen: .Jach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage.

JV» 142

TieObcrl,essifche Zeitung« erscheint' täglich mit Slit?ra6me der Sonn« und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch di: Post bezogen 2 25 JK (ohne Bestellgeld), bei unseren Zcitungsstcllen und der Expedition (Markt 21), 2 X.

Marburg

Dienstag, 21. Juni 1910.

Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7zespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. Druck und Verlag: Joh. Aug. Roch, Unibersitäts-Buchdruckcrei Inhaber Tr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

45» Jahrg

Mmisterwechsel in Preußen,

Am vergangenen Samstag erfolgte, wie wir bereits durch Extrablatt bekannt gaben, ein Wech­sel in zwei Ministerien Preußens. Es liegt darüber folgende Meldung vor:

Berlin, 18. Juni. Dem preußischen Land­wirtschaftsminister v. Arnim, wie dem Minister des Innern v. Moltke ist die nachgesuchte Dienst­entlassung aus den Aemtern unter Verleihung der Krone zum Roten Adlcrorden 1. Klasse mit Eichenlaub erteilt worden. Der Oberpräsident der Rhcinprovinz Freiherr v. Schorlemer ist zum Landwirtschaftsminister und der Oberpräsident von Schlesien v. Dallwitz zum Minister des Jnnem ernannt worden.

Man wußte seit längerem, daß die Tage der Ministerherrlichkeit des Herrn von Moltke gezählt waren, aus vielen Gründen, namentlich seit den Verhandlungen über die Wahlreform, in denen er bereits beträchtlich in den Hintergrund trat. Bei dem Rücktritt des Herrn v. Arnim werden da­gegen politische Gründe nicht vorliegen, er ist ja immer weniger bervorgetreten. Es scheint aber, als ob der Reichskanzler den Wunsch gehabt hat, in die Ministerien Männer zu berufen, die ihm

in gewisiem Sinne nahe stehen. Bon Herrn v. Dallwitz ist bekannt, daß er sogar ein persönlicher Freund Herm v. Bethmann Hollweg ist. Dieser hat ihn in diesem Jahre aus dem anhaltischen Staatsdienst wieder in die preußische Verwaltung gezogen. Als nicht uninteressant mag ferner er­wähnt werden, daß Herr v. Dallwitz einst zu den Landräten gehörte, die gegen die Kanalvorlage stemmten und deshalb unter dem Ministerium Hohenlohe z. D. gestellt wurden. Politisch ist er weiter noch nicht hervorgetreten.

Anders der zweite neue Mann, den man eher an der Spitze des Ministeriums des Innern als des mehr unpolitischen Landwirtfchastsministeri- ums sehen könnte. In letzter Zeit ist er durch seine Vcrmittlungsantrag zur Wahlreform im Herren­hause bekannt geworden, der dann im Abge­ordnetenhause fiel. Seine Ernennung zum Mini­ster kommt nicht überraschend. Er stammt aus einer streng katholischen Familie; sein Vater war einer der bekanntesten Zentrumsführer. Seine eigene Stellung zum Zentmm ist weniger freund­lich, da er einer der Gründer der gegen das Zen­trum gerichtetenDeutschen Vereinigung" ist.

Der neue Minister des Innern, Exzellenz von Dallwitz steht gegenwärtig im 55. Lebensjahre. Er ist am 25. September 1855 in Breslau ge­boren, studierte au den Uiniversitäten von Bonn, Straßburg und Leipzig und war dann als Reg. Assessor in Königsberg und Lugnit tätig. Von 18871899 war er Landrat des Kreises Lüben, dann Reg.-Rat in Posen und von 19001902 im Ministerium des Jnnem tätig. 1902 schied er aus dem preußischen Staatsdienst und tourbe 1903 Anhaltischer Staatsminister. Sein Amt als Oberprästdent Schlestms trat er erst im

Anfang dieses Jahres als Nachfolger des Grasen v. Zedlitz-Trützschler.

Freiherr von Schorlemer-Lieser, der neue Landwirtschatsminister ist am 29. September 1856 in Alst, Kr. Steinurt i. W. geboren. Er besuchte die Universitäten in Würzburg und Göttingen 1877 macht er sein Referendar, 1884 sein Afsessor- Etamen, wurde 1888 Landrat 1898 Oberpräsident in Breslau und 1899 Vorsitzender der neu errichte­ten Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz. Seit 1905 war er Oberpräsident der Rheinprovinz.

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VIII. Kurhessischer Handwerkertag.

Kirchhain, 19. Juni.

Unter zahlreicher Beteiligung von Handwerks­meistern aus vielen Orten Kurheffens wurde heute in unserem freundlichen Obmtalstädtchen der 8. Ver­tretertag der Innungen, Handwerker- und Gewerbe- Vereine Kurheffens abgehalten. Rach einer Begrü­ßung im Bahnhofshotel wurden die fremden Dele­gierten und Gäste unter Vorantritt einer Musik­kapelle durch die festlich geschmückten Straßen nach

der städtischen Festhalle geleitet, wo gegen 2 Uhr die Verhandlungen ihren Anfang nahmen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Handwerks­kammer. Herr Zimmermann-Cassel, verband mit seinen Begrüßungsworten den Wunsch, daß die heu­tigen Beratungen dem Handwerkerstand zum Segen gereichen möchten. Er wies auch auf das zehn- whrige Bestehen der Kammer hin; es .fei schon manches erreicht worden, aber es gelte noch große Arbeit zu verrichten. Die Kammer fei angewiesen auf d'L eifrige Unterstützung der Innungen und Ee- werbeoereine, dann würde auch die Gesetzgebung sich

immer mehr dem Handwerk annehmen. Ständen doch die Fürsten an der Spitze, wenn es heiße, dem Handwerk zu helfen. Der Redner schloß mit einem begeistert auf genommenen Hoch auf Kaiser Wilhelm und den Fürsten Friedrich von Waldeck.

Ihm schloß sich Herr Regierungsaffeffor Dr. Bredt aus Marburg an. Er habe keinen Auftrag, namens der Staatsregierung zu reden, er sei aber der Ueber- ,Zeugung, daß auch jeder Privatmann am Fort­bestände und an der Weiterentwicklung des Hand­werks das allergrößte Jntereffe habe. Unsere deutsche Politik stehe heute im Zeichen der sozialen Gesetz­gebung. Wir sehen unsere große soziale Versicherung und müssen uns vergegenwärtigen, daß diese nicht nur erhebliche Lasten für die selbständigen Gewerbe­treibenden mit sich bringt, sondern letzteren auch große Kräfte durch den sich ständig vermehrenden Beamtenapparat entzieht. Weiter sehen wir. daß unsere deutschen Städte unter der Flagge des Muni­zipalsozialismus immer größere Aufgaben an sich nehmen und damit den gewerblichen Ständen ent­ziehen. Wenn wir nun auch alle diese Erscheinungen als unumgänglich anerkennen muffen, so kommen wir doch damit schließlich vor die Frage: Wie er­halten wir uns den notwendigen starken Unterbau für die Sozialfürsorge? Wo sollen auf die Dauer die Mittel hergenommen werden? Die Antwort kann nur lauten: Es muß mit allen Mitteln auf eine Stärkung und Vermehrung aller selbständig Er­werbstätigen bingearbeitet werden. Sie allein bie­ten den notwendigen Unterbau für die soziale Gesetz­gebung und sind das Rückgrat des ganzen Volkes. Richt nur die Landwirtschaft bedarf starken Schutzes, sondern auch die Industrie. Diese bat zwar guten Aufschwung genommen, aber auch hier muß darauf Bedacht genommen werden, neben den an sich not­wendigen Aktienaefellschaften neue Einzelunterneh­mer zu erhalten und ihnen ein Emvorarbeiten nach Kräften zu erleichtern. Dieser Kreis könne sich am leichtesten ergänzen aus dem Handwerk, das daher mit allen Mitteln ausgerüstet werden müsse, den Kampf mit der Konkurrenz aufnehmen zu können. Redner schloß mit den Worten:Gott schütze das ehrsame 5>andwerk!"

Herr Bürgermeister Prediger begrüßte die Ver­sammlung namens der Stadt Kirchhain, Herr Kreis­sekretär Relle namens des Landrats, der Direktor der gewerbl. Fortbildungsschule, Lehrer Römer, na­mens seiner Anstalt und Herr Schmiedeobermeister Lauer namens der Kirchhainer Gewerbetreibenden.

Er wurde nunmehr in die Erledigung der Tages­ordnung eingetreten. Der Snndikus der Handwerks­kammer, Herr Thanheifer-Cassel, hielt zunächst einen Vortrag überDie Tätiakeit der Handwerkskammer in den ersten 10 Jahren ihres Bestehens". Er führte eingangs aus, daß man vor 10 Jahren, als die Kammer in Tätigkeit getreten, ihr vielfach nicht viel Zutrauen geschenkt hätte. Rach und nach sei dies bester geworden und jetzt wiste man wohl überall, daß das Wirken der Kammer dem Hand­werkerstand viel Vorteil bringe und noch bringen würde. Aus den höchsten Kreise bringe man jetzt den Handwerkskammern Vertrauen entgegen. Auch die Casseler Handwerkskammer habe stets die ihr zu­gewiesene Aufgabe nach besten Kräften erfüllt. Die Kammer sei die gesetzliche Vertreterin der Hand­werker und vertrete die Rechte und Wünsche der­selben bei der Regierung. Der Redner kam dann auf die einzelnen Aufgaben, welche die Kammer be­reits erfüllt, zu sprechen. In erster Linie sei da zu nennen die Regelung des Lehrlinaswesens. das bis­her sehr schlecht gewesen sei. In die Lehrlingsrollen seien rund 25 000 Lehrlinge und Lehrmädchen ein­getragen worden. Durchschnittlich seien 9000 Lehr­linge in Kurbessen vorbanden, das wisse man jetzt. Durch die Prüfungen würde dafür gesorgt, daß der Handwerkerstand einen guten Nachwuchs bekomme. Das Lehrlings- und Gesellenwesen sei jetzt in ganz Deutschland einheitlich geregelt. Auch die Meister­prüfungen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunehme, gereiche dem Handwerk zum Segen. Eine Hauptauf­gabe der Kammer sei die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Handwerker durch gute Ausbildung, Ver­

anstaltung von Lehrlingsarbeiten-Ausstellungen usw. Jedenfalls seien die Bestrebungen, die Lehrlinge in staatlichen Werkstätten auszubilden, «u bekämpfen. Die beste Ausbildung erfahre der Lehrling wohl noch immer bei seinem Meister. Auch die theoretisch« Ausbildung der Lehrlinge durch Fortbildungsschulen würde durch die Kammer gefördert und unterstützt. Es machten sich auch wieder Bestrebungen geltend, wieder mehr Lehrlinge dem Handwerk' zuziiführen, das sei auch ein erfreuliches Zeichen. Hm die sittlich« Förderung der Lehrlinge zu heben, würden Lehr­lingsheime errichtet, oft würden auch den Gesellen Beihilfen für den Besuch einer Fachschule bewilligt und besondere Fachschulen unterstützt. Dasselbe sei auch von den Meisterkursen zu sagen. Jedenfalls könne sich heute jeder Handwerker aufs beste aus­bilden. Die sog. Buchführungskurfe habe die Kam­mer in den letzten Jahren auch auf die Frauen und Töchter der Handwerker ausgedehnt. Seit Bestehen der Kammer habe sich die Zahl der Innungen und Gewerbevereine mehr als verdoppelt. Das fei auch ein Erfolg. Die Kammer habe auch auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege für die Handwerker viel ge­leistet, so z. B. durch die Versicherungsverträge, die Auskunftsstelle usw. Um das gute Einvernehmen zwischen Meistern und Gesellen zu heben, bewillige die Kammer den letzteren, wenn sie länger als 25 Jahre in einer Stelle seien, Ehrendiplöme. Bei allen Gesetzentwürfen würden jetzt auch möglichst di« Handwerkskammern zu Rate gezogen. Der Redner führte einige Beispiele an, aus denen ersichtlich war, daß auf Anregung der Kammer wünschenswerte Verbesserungen getroffen und schädliche Entwürfe ausgefchaltei wurden. Im ganzen feien es 30 Ge­setze, zu denen die Kammer Stellung genommen habe. Aehnliche Erfolge habe die Kammer bei den Berwaltungsbestimmungen, von denen der Redner einioe erläuterte, gehabt. Auch bei der Regelung des Submissionswesens seien gute Erfolge erzielt worden. Die Kammer habe auch bei der Einführung neuer Bestimmungen, welche das Handwerk »rflifeit, stets feine Schuldigkeit getan, wie st« auch die Ge­werbesteuer als eine Sondersteuer betrachte. Alles ließe sich zwar in der kurzen Zeit nicht machen, aber jedenfalls fei viel erreicht worden. Das Handwerk fei jetzt wieder angesehen und seine Forderungen würden beachtet. Eine tüchtige Weiterarbeit sei aber geboten, dann könne das Handwerk ruhig kn dk« Zukunft blicken. (Lebhafter Beifall.)

Nachdem Herr Martin-Alsfeld im Namen des Landesverbandes des Bundes der Handwerker im Großherzogtum Hessen dessen Grüße überbracht hatte, betrat wohl zum erftenmale bei einem kurhessi­schen Handwerkertag eine Dame, die Damen­schneiderin, Frau Holzapfel aus Cassel, das Podium In fließender Rede wies sie darauf hin, daß di« weiblichen Handwerker in dem Handwerker-Gesetz nut Pflichten, aber keine Rechte hätten. Die von der Kammer angesetzte Lehrzeit sei jedenfalls zu kurz. Die Frauen gehörten wohl zur Handwerkskammer, hatten aber kein Stimmrecht. Die Männer hätten die Pflicht, den weiblichen Handwerkern zu ihrem Rechte zu verhelfen. Sie schloß unter lebhaftem Bei­fall mit dem Wunsche, daß das Handwerk wieder so gehoben würde, wie dasselbe es verdiene.

Herr Syndikus Thanheifer-Cassel wies darauf hin, daß alles nach und nach geregelt werden müsse. Man habe damals bei den Schneiderinnen Erkun­digungen eingezogen und sich danach gerichtet. Je­denfalls müsse man die Bestrebungen und Wünsche, welche die Rednerin vorgebracht, an geeigneter Stelle vertreten.

Herr Bäckermeister Bilstng-Cassel hielt bann einen längeren Vortrag über die Abänderung des 8 100 g der Reichsgewerbeordnung. Er gab ein Bild der Entwicklung des Handwerks vom Mittel­alter bis jetzt und bezeichnete es als ein großes Hn« recht, daß man den Innungen die Festsetzung der Mindestpreise nicht zuoestehe. Alle Stände hätten dies Recht, von allen Seiten würde auf den Hand­werker gedrückt und in dieser Beziehung fei er ge­bunden. Dieser ungerechte Paragraph müsse ver­schwinden. (Beifall.)

12 (Nachdruck verboten.)

Kantate.

von Anny Wothe.

(Fortsetzung.)

In dem neben dem Speisezimmer gelegenen mit gediegener Pracht ausgestattetem Rauchsalon saß der Kommerzienrat Alexander Bermann sei­nem Sohne Hans Jürgen gegenüber.

Langsam blies er den Rauch seiner schweren Havanna in die Lust.

Du hast vorhin so merkwürdige Ansichten ge­äußert, Hans Jürgen", begann der Kommerzien­rat nach einem unbehaglichen Schweigen, die Asche seiner Zigarre an dem stlbemen Aschebecher ab- streisend,die ich in Gegenwart Deiner Mutter und Schwestern, die Du ganz unveramwortlich be­handelt hast, nicht näher erörtern wollte. Willst Du mir vielleicht jetzt sagen, was das eigentlich alles bedeutet? Du kennst doch meine Zwecke und Ziele."

Gewiß, Vater, und weil ich sie kenne, wollt« ich auch mal meiner Ansicht Ausdmck geben".

Mein lieber Junge," bemertte Alexander Bermann mit überlegener Ruhe,Du weißt, daß uns nicht immer unsere Gefühle, sondern die Ver­hältnisse treiben. Die unsrigen liegen so, daß Du kvohl ober übel wirst eine reiche Frau nehmen müssen."

Das werde ich nicht tun, Vater, verlaß Dich darauf, am wenigsten aber eine dieser Zierpuppen «e Du für mich im Aug hast. Ich bin 26 Jahre «t, und ich weiß, was ich will. Umsonst hat

Alexander Bermann seinen Sohn nicht zur Selb­ständigkeit erzogen."

Der Kommerzienrat sah mit heimlichem Stolz den tiefen Emst und die Festigkeit in des Sohnes Antlitz, des Sohnes, um den er immer gebangt hatte, ob er auch die Kraft haben würde, dereinst das Getriebe seines weit verzweigten Hauses in die Hände zu nehmen, und der ihm wiederholt schon eine Zähigkeit und Ausdauer in seinen Maßnahmen gezeigt hatte, die fast seine Energie überragte.

Du vergißt, Hans Jürgen," sagte er, hastig ein paar tiefe Züge tuend und bann die Zigarre halb ärgerlich in den Aschenbecher werfend,daß nicht ich, sondem das unerbittliche Muß Dir Dei­nen Willen dikttert. Du kennst unsere Lage. Du weist, daß, wenn nicht ganz unerwartete Dinge eintreten, die Firma Alexander Bermann zu Kantate" aufgehört hat zu existieren."

Das wird und soll nie geschehen, Vater, ver­laß Dich darauf. Ich weiß nicht genau, welche außerordentliche Verpflichtungen Du übernom­men hat, die zu Kantate erledigt sein müssen. Aber ich weiß, daß unser Haus fest gefügt steht. Der Prachtbau da draußm mit feiner inneren und äußeren Ausstattung hat zwar Millionen ver-- schlungm, die neue illustrierte Zeitschrift, die noch täglich neue Opfer erfordert, ist auch wie ein Sieb, durch welches unaufhörlich der Sand läuft, das neue große illustrierte Lieferungswerk, aus wel­ches Du so glänzende Hoffnungen setztest, ist trotz seiner erstklassigen Mitarbeiter und feiner pom­pösen Ausstattung ein wies Kind, aber, wenn auch mal ein paar Verlagsartikel nicht einschlage»,

so hat das doch für uns bei unferem ausgedehnten Kommissionsgeschäft weit weniger zu bedeuten als bei jedem anderen Verleger. Diese Mißlichkeiten können uns doch in keiner Weise Einschränkungen auferlegen. Wenn ich mrch gewiß nicht dafür eintrete, dem Kinde alle Wünsche zu erfüllen, und wenn ich auch daran gewöhnt bin, daß Du im­mer große Wünsche aus lieber alter Gewohnheit bis zu Kantate aufzuschieben liebst, so scheint mir doch dieses Mal wirklich mehr dahinter zu stecken, wenn ich auch in keiner Weise Deine Besorgnisse teile. Es wäre doch geradezu lächerlich, wenn ein Welthaus wie das unsere, träten wirklich einmal Zahlungsschwierigkeiten ein, an einer sol­chen Lappalie zugrunde gehen sollte."

Aelxander Bermann lächelte melanchonisch vor sich hin,Du hättest ganz recht, Haus Jürgen, wenn unser Verlags- und Kommissionesgeschäst allein in Frage kämen."

»Ja, was kann denn aber sonst noch in Frage kommen, Papa? Ich habe mich genau auf gründ der Bücher über den Stand des Geschäftes in­formiert. Ich finde nichts, was zu Besorgnissen Veranlassung gäbe. Die allerdings großen Ver­luste dieses Jahres kommen doch bei unserem Ver­mögen überhaupt nicht inbetracht, und der Ver­dienst im nächsten Jahre gleicht sicherlich spielend die Geschichte wieder aus."

Bei unserem Vermögen." lächelte der Kom­merzienrat bitter.

Hans Jürgen sprang enffetzt auf.Vater," schrie er heiser, Vater. . . Ich weiß, daß Du von Großpapa rund fünf Millionen bares Geld ohne Haus und Geschäft geerbt hast, unb das Geschäft

hat alle Jahre einen ganz bedeutenden Gewinn abgeworfen, den wir lange nicht verbrauchten."

Verbraucht nicht, mein Sohn, aber," der Kommerzienrat zögerte auch sein Antlitz war jetzt leichenblaß, und die dunflm Augen glühten unheimlich in ihren Höhlenaber verspe­kuliert."

Hans Jürgen sprang enffetzt auf.Vater," schrie er heißer,Vater, sage, daß es nicht wahr ist. Es kann ja nicht sein. Du kannst uns all« doch nicht Deiner Spekulationssucht zum Opfer bringen."

Das Haupt des Kommerzienrates sank tief auf die Brust. Wie ein Stöhnen drängte es sich über seine Lippe».

Vater," bat Hans Jürgens mit nervös zitt­ernden, ausgehobenen Händen,ich bitte Dich, nur das Eine. Wie konnte das alles geschehen?"

Mühselig erhob sich Alexander Bermann von dem roten Ledersessel unb sah feinem Sohne fest in bas hagere Gesicht.

Frage nicht," versetzte er streng.Es ist ge­nug, baß es geschehen ist. Ich habe immer speku, fiert," fügte er hinzu,zuerst mit fabelhaftem Glück in Kohlenbergwerken, so daß ich bald mein Vermögen vervierfachte, dann aber abwärts geh­end in afrikanischen Goldminen und zuletzt im tollen Wirbel alles durcheinander immer bemüht, den Verlust auszuwetzen unb neue Werte zu er-! ringen. Ich habe jetzt bas Letzte versucht; wen» ber Coup mißlingt, so bin ich trotz der Riesenein» nahmen, die wir zu Kantate zu erwarten haben, außer stände, zur Ostennesse meine Verpflich­tungen zu erfüllen, und ich werd« mein« Zah-

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