GßechWe jtetta
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) «nd.Landwirtschaftliche Beilage."
45. Jahrg.
JVi Ul
Die Jnsertrondgebühr beträgt für die 7zespalteue Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. E. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Tie -„OI>erl,rffische Zeitung" erscheint täglich mit Aufnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch di: Post bezogen 2 25 Jt lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 «ff.
Marburg
Sonntag, 19. Juni 1910.
Erktes Blatt.
Dir heutigen Auflage für den Kreis Kirchham liegt KreiSblalt Nr. 49» bei.
Rückblick.
Recht ruhig ist in dieser Woche der Landtag Zeschlossen worden, dessen Beratungen in der verflossenen Session die politischen Gemüter so sehr erregte. Man kann, abgesehen von der Erledigung de» Staatshaushaltsetats, nicht gerade sagen, daß die eben geschlossene Session besonders produktiv gewesen wäre. Wir erblicken indessen darin nicht absolut ein Unglück, wenn einmal in der Gesetzgebung eine kleine Pause eintritt. Der Staatsbürger ist ohnehin im all- .gemeinen etwas übersättigt von immer neuen Gesetzen und würde gewiß nicht traurig darüber sein, wenn einmal eine Sesiion ganz ohne solche verliefe.
Schon eher kann man bedauern, daß die Reform des preußischen Landtagswahlrechtes nicht zum Abschluß gekommen ist. Es zeigte sich, daß Kritisieren leichter ist als Beffermachen. Fragen, in denen die Ansichten so verschieden sind, werden freilich nicht im ersten Gange erledigt, wie die Wahlrechtsverhand- . langen in anderen Staaten gezeigt haben. Je länger es dauert, um so eher darf man auch erwarten, daß die wichtige Frage ohne die gröbsten Auswüchse der Leidenschaftlichkeit, wie sie bisher üblich waren, er« -rtert wird.
Wir betonten bereits, daß wir die Lösung des Konfliktes mit dem Vatikan wegen der Borromäus- Enzyklika für befriedigend halten. Gerade auch im Interesse der evangelischen Kirche muß man möglichst einen Kulturkampf zu vermeiden suchen, hierbei sucht der Atheismus feine Erfolge. Wie man ja Lberhaupt die Beobachtung machen kann, daß religiöse Kämpfe und Zwistigkeiten besonder« gern von Leuten ausgebeutet werden, deren eignes religiöse« Leben dieses „zarte" Interesse an sich nicht vermuten ließe. Man hat ja auch gesehen, wie im preußischen Landtag die Linke die Angelegenheit im wesentlichen zur politischen Hetze benutzte. Weltanschauungsfragen werden so nicht entschieden, und die wahrhaft Evangelischen werden sich für solche Bundesgenossenschast bedanken. Die evangelische Kirch« ist auf innere Fundamente gegründet, sie gilt es zu stärken zugleich den Mut und das Bewußtsein de« evangelischen Glaubens. Die Erklärung der Kurie wird übrigens nicht überall als ein Erfolg der preußischen Regierung angesehen. Demgegenüber gibt der Ber- finer Kirchenrechtslehrer Geheimrat Kahl in der „T. R." seiner Meinung dahin Ausdruck: Der Inhalt der Antwortnote enttäuscht ihn, aber außer diesen nichtssagenden Ausflüchten der Höflichkeit liege noch ein anderer, nämlich ein päpstlicher Befehl der Nichtveröffentlichung an die deutschen Bischöfe vor. Das sei die entscheidende Tatsache. Die Unterdrückung der amtlichen Publikation der Enzyklika sei
zweifellos ein großer Erfolg der preußischen Staatsregierung, ja ein einzigartiges Ereignis. Daß die preußische Regierung zu weitergehenden Mitteln nicht gegriffen hat, ist zu billigen. Indem sie ihren Anspruch mit einer geschichtlich unerhörten Schnelligkeit durchgesetzt hat und im Bewußtsein ihrer Kraft auf das Aeußerste maßvoll verzichtete, habe sie sich um das Vaterland und den konfessionellen Frieden verdient gemacht.
Alle weiteren Erörterungen halten wir für den konfessionellen Frieden nicht dienlich, den man doch wünschen muß. Das evangelische Volk hat gezeigt, daß es Angriffe würdig zurückzuweisen versteht.
Im Auslande interessiert zur Zeit die Kretafrage am meisten: Die Engländer möchten hier mal wieder int Trüben fischen, und wünschen deshalb den bestehenden Zustand aufrecht erhalten, obwohl auch ihnen nicht unbekannt ist, daß er angesichts des „feurigen Temperamentes" der Kreter eine ständige allgemeine Kriegsgefahr bedeutet. Europa aber ist es müde, durch das kretische Reich jahraus jahrein in Unruhe versetzt zu werden und deshalb trat man in Frankreich, sowohl wie in Deutschland und Oesterreich dafür ein, daß die Kretafrage diesmal ein für allemal erledigt werde. Allein aus diesem Grund« richtete sich die Kritik der Festlandspresse gegen Eng- land, das darüber nicht erfreut ist und über deutsche Ränke schimpft. Das alte Lied! Auch der englische Staatssekretär des Aeußern hat sich dies zu eigen gemacht, obwohl er doch wissen mußte, daß man gerade in Frankreich das verbündete England jetzt nicht lobt. In der „Revue de deux Monde«" wirft Herr Pinon den Engländern ziemlich unverblümt vor, in Kreta selbstsüchtige Absichten zu verfolgen. Pinon erklärte, daß die Schutzmächte nicht daran denken dürfen, die dreiste Anmaßung der Griechen und der Kreter zu unterstützen, sondern daß sie Griechenland im Falle eines von diesem Staate provozierten Krieges mit der Türkei seinem Schicksale überlassen müssen. Daß die Anmaßung der Griechen und Kretenser zu einer derartigen Gefahr für den Frieden geworden sei, führte Pinon auf zwei Fehler der Schutzmächte zurück, nämlich erstens auf die voreilige Räumung Kretas durch die Truppen der Schutzmächte im vorigen Sommer und zweitens auf die den Griechen wie den Kretern wohlbekannte Uneinigkeit der Schutz- mächte. Wenn die dadurch geschaffene unhaltbare Lag« noch längere Zeit fortdauern sollte, so würde Frankreich aus dem Verbände der Schutzmächte austreten. Schließlich machte Pinon noch daraus aufmerksam, daß ein siegreicher Krieg der Türkei gegen Griechenland eine panislamitische Bewegung Hervorrufen könnte, die zu einer großen Gefahr für Englands Stellung in Aegypten und Indien werden könnte. — Das hätte einmal ein deutscher Politiker sagen sollen. Sofort wäre dann die englische Presse über ihn hergefallen, weil et di« mohammedanische Bevölkerung in den englischen Besitzungen aufhetzen wolle. Uns kann das freilich nicht kümmern. Aber daß angesichts dieser Zustände bei uns besonders freundschaftliche Gefühle gegen England ausgelöst werden, kann man nicht erwarten. In den letzten Tagen haben sich hohe englische geistliche
12 (Nachdruck verboten.)
Kantate.
von Anny Wo 1 h «. \:':v r~~"; "
" (Fortsetzung.) T, -
r Sie hatten beide die gleichen hohen biegsamen Gestalten mit den weichen Bewegungen und dem graziösen Gang. Karleens ganze Haltung war mit viel selbstbewußter als die der jüngeren Schwester, die etwas sanft Leidendes, Zurückhaltendes in ihrem Spesen zur Schau trug. Das dicht« kastanienbraune Haar war schlicht gescheitelt und umrahmte in weichen Wellen die etwas niedere Stirn. Zwei schwere Flechten zum Kranz verschlungen thronten darüber. Im Gegensatz zu Karleen, die sich in einem vorzüglich sitzenden Dreß von dunkelblauer Farbe mehr sportmäßig kostümiert hatte, trug Ute ein lose herabfallendes weiches Voilekleid vom zartesten Grau, das über der Brust von leichten Seidenbändern gehalten war, die bis auf den Saum des Kleides herniederfielen.
„Wie ein Bild", dachte Papa Bermann weh- mütig, Ute betrachtend, und ein weicher Ausdruck huschte über sein ernstes, verschlossenes Gesicht. Dann aber schritt er in das Nebenzimmer, wo Puschke soeben den Rauchtisch herrichtete und sagte, indem er seiner Gattin flüchtig die Hand küßte, zu seinem Sohne herüber:
„Ich möchte noch mit Dir reden, Hans Jürgen, bevor Du ins Geschäft gehst."
- „Jetzt komutts", flüsterte Etta den Schwestern gtt. „Der arme Hans Jürgen kriegt sicher sein Fett".
; Wenn Du Dir nur die schrecklichen Ausdrücke ffbgewöhnen wolltest, Etta," mahnte die Sommer« Htenrätin, die Hand Hans Jürgens, die er chr
bittend entgegenstreckte, geflissentlich übersehend, und ein paar große Stücke Zucker umständlich in ihr Taffe tuend, die ihr Etta jetzt reichte. „Du hast eine ganz schreckliche Art, Etta, Dich auszudrücken', wiederholte sie, „und ich denke mit Schaudern daran, Dich dieses Jahr in die Gesellschaft einzuführen. Mir wird immer ganz schwindelig, wenn ich mir vorstelle, wie Du Dich neulich, als der junge Herr von Laffow hier war, benommen hast. Der kommt gewiß nicht wieder."
Etta lachte lustig auf und sah der Mutter in das hochrote erregte Gesicht, das mit seiner breiten Rase, den dicken Lippen und dem glattgescheiteltem Haar nichts von der Anmut ihr>.r Tochter zeigte. Nur die Augen waren schön wie die Karleens. Groß und dunkelblau sahen sie aus schwarzen Wimpern, die zu dem blondem Haar einen eigentümlichen Kontrast bildeten.
„Denke nur, Mama, er hat sogar versprochen, daß er wiederkommt, bald sogar, und daß er uns auch feinen besten Freund Graf v. d. Gröben mitbriugeu will," sprudelte Etta hervor, „und heute auf der „Grimmschen", da habe ich sogar, wie ich glaube, den Grasen gesehen. Einfach himmlisch, sage ich Euch," wandte sie sich an die Schwestern. „Groß, schneidig, breitschulterig, mit blitzenden blauen Augen, und einen Schnurrbart hat er, der Graf nämlich, einfach zum küssen."
„Run aber höre auf," zürnte die Mutter, „mach, daß Du au Deine Ausgaben kommst, und wenn Ihr noch fahren wollt," bemerfte sie zu Karleen und Ute gewandt, „so ist es die höchste Zeit. Ich umß auch fort," seufzte sie „wir haben heut« Versammlung im Frauen-Klub. Zwei müssen auch ins Theater", schloß sie kläglich, „wir haben doch heute das Abonnement."
Die Mädchen sahen sich ratlos an.
„Es ist niemand frei, Mama," rief Karleen
Würdenträger verschiedener Bekenntnisse zusammengetan, um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen England und Deutschland zu fördern. Eie könnten zu diesem Zweck nicht« bessere» tun, als wenn sie auf die englische Presse beruhigend einroirften.
Die böse Sonne!
Wahlkommentare find an stch schon etwas Amüsantes, da eben keine Partei ihre Schlappe gern eingesteht aus mancherlei Gründen. Zum ständigen Repertoir derartiger die übrige Wählerschaft außerhalb de» Kreise» aufklärender Artikel gehört die Behauptung, daß der Gegner — ausgerechnet der Gegner — mit den Mitteln wüstester Agitation gearbeitet habe. Die eigenen Agitawren waren Muster der Milde und Sachlichkeit. Da» glaubt zwar heute kein Mensch mehr, da jedermann weiß, daß in diesem Puntte bei allen Parteien schwer gesündigt wird. Aber mit derselben Regelmäßigkeit erscheinen derartige Behauptungen selbst in Blättern wieder, di« durch ihren Übrigen Inhalt schon anzeigen, daß ihnen da» Mittel der Verhetzung wohl bekannt ist. Nun find in llsedom-Wollin die Freisinnigen, wie wir feststellten, böse hineingefallen, wollen das aber natürlich nicht zugeben. Und es ist nun äußerst interessant, di« KunststLckchen eines geistigen Schlangenmenschen zu beobachten, mit denen sich die fteifinnige Presse um die Sache herumdrückt. Der Börsenkourier gibt gläubig eine Zuschrift aus dem Wahlkreise wieder, die auch in die Übrige fteifinnige Presse Eingang findet, in der — man höre und staune — die S o n n e für den Wahlausfall verantwortlich gemacht wird. Es ist da zu lesen „Der Wahltag war ein drückend heißer Junitag. In den Städten scheuten die Wähler am meisten den Gang zur Wahl im heißen Sonnenbrände, während der Landmann dagegen weniger empfindlich ist." Die liberale Parteileitung hätte für alle „städtischen" Wähler vier Wochen lang Sonnenbäder verschreiben sollens dann wären fie vielleicht den „Landleuten" in Ertragfähigkeit der Sonnenhitze gleich gewesen. Die liberale Presse muß ja wissen, ros für „Schäflein" fie eine derartige Erklärung biten kann. (Ein Reinfall bleibt ein Reinfall, da kann auch die Junisonne nicht» daran ändern.
Deutsches Reich.
— Das Befinden b«8 Kaisers gibt Berliner Blättern zufolge weiterhin zu keinerlei Besorgnis Anlaß, wenn auch vielleicht mit ber Möglichkeit gerechnet werden muß, daß auch die Fahtt zur Kieler Woche am nächsten Dienstag nicht angetreten werden kann. Bis jetzt ist diese Fahrt jedenfalls noch nicht abgesagt.
— Vom Kaiserhost. Berlin, 17. Juni. Die Kaiserin wird stch am Sonntag nach Hamburg begeben, um dem Horner Rennen beizuwohnen.— Das „Militürwocheublatt" meldet: v. CheiliuS, Oberst-Flügeladjutant undKommandeur des Leib- gardehusaren-Regirnents wurde zum diensttuenden Flügeladjutanten des Kaisers und Freiherr von Senden, Oberstleutnant, unter Belassung seiner
vom Fenster her, wir müssen die BilletE wieder verschenken."
„Ja, wo soll man nur gleich jemand hemeh- meu, der die Billetts absitzt. Ihr hättet doch auch früher daran denken können," bemerfte die Mutter tadelnd. „Run kann man erst wieder einen Boten durch die ganze Stadt reifen lassen, um die Billetts los zu werden."
„Ich werde sie dem jungen Dichter schicken, Mama, deffen Versen Dich neulich zu Tränen rührten, und dessen Geschichte jetzt bet Papa erscheinen soll," riet Ute scheu, mit halb abgewandtem Antlitz. „Ich glaube, er würde gern einmal mit seiner Schwester ins Theater gehen."
„Wenn Ihr Euch doch nur immer gleich mit ftreti und Pleti so gemein machen wolltet. Gleich dem jungen Menschen, den wir kaum kenun, Theater-Billetts aufdrängen l Er muß ja denken, wir reißen uns um ihn.. Etta kann bet Lindners telephonisch anfragen, ob sie die Billetts haben wollen. Lehnen di« ab, bei Georgis oder Meyers."
„Und wenn alle verzichten, Mama?"
„Ra, dann meinetwegen an den Dichter. Me heißt doch der Mensch, ich habe es total vergessen."
„Erik Lundgreen, Mama,"
„Richttg. Und wie nur der Titel der Geschichte? Er hörte stch ja ganz verrückt an."
„Von den Tagen des Glückes und der Sonne" enteignete Ute leise, und wie ein stiller Glanz legte es sich über ihre weichen Züge.
„Du lieber Gott, bei dem Hungerleben, das der Mensch wobl immer geführt hat, noch von den Tagen des Glückes zu reden. Ra, Kinder, besorgt das mit den Billets, und im schfinunsten Fall schreibst Du, Ute, wohl eine Karte dazu für ben Dichter, ich muß jetzt for.t Der Vater scheint Hans Jürgens da drinnen ja ordenlltch die Levi-
Stellung als Flügeladjutant zum flommanbem bes Leibgardehusaren-Regiments ernannt.— SM, 17. Juni. Der Kronprinz unb bie Kronprinzessin stnb heule nachmittag hier eingetroffen unb haben beim Prinzen Adalbert Wohnung genommen.
— Aus ber Rattonalliberalen Partei. Fügende Mahnung richtet die „Dorttnunber Zeitung" an bie Partei aus Anlaß bet Wahl in Friedberg- Bübingen: „Die Dinge nahmen nun ben Verlauf, ben wir mit leibet gutem Grund geahnt hatten. Der Rest: Friedberg-Bübingen für ben Nationalliberalismus verloren! Ein Landwirffchafts« bündlet unb ein Sozialbemokrat werden am Sttchwahltage ums Los werfen. Mr aber ttchten im Hinblick aus Friedberg-Büdingen, aus Koburg aus Eisenach, aus Lanbau Edenkoben-Neustabt unb aus andere Wahlen ber jüngsten Zeit an unsere nattonalliberale Parteileitung bie ernste, mahnende Frage: Soll das so weitergehen? Soll Nattonalliberalismus auch semerhin — in Frankfurt a. O.-Lebus scheint man ja auch schon Wiede« drauf und dran zu sein — stch in doktrinärer Sen- ttmentalität der linksliberalen Anmaßung beugen zu eigenem Schaben? Wird man endlich an maßgebender Parteistelle ben immer wieder eindringlich tönenden Wamungen vor der Linkenhosgän- gcret Gehör schenken? Den Linksabruffch leugnen, hat keine praktische Bedeutung, nein, man muß bit Ableugnung beweisen durch bie Tat!"
— Die Reichstagsstichwahl in Usedom-Wollin. Swinemünde, 17. Juni. Bei der Reichstagsstichwahl im Wahlfteise Stettin 2 (Ueckermünde-Use- dom-Wollin) wurden bis 10 Uhr abends gezählt: für v. Böhlendorfs (kons.) 9456 und für Kuntz« (Soz.) 10158 Stimmen. Die Ergebnisse aus einigen Ortschaften stehen noch aus. sie dürften jedoch an dem Resultat nichts ändem. Bei der Hauptwahl am 9. Juni wurden abgegeben für v. Böhlendorfs 60*5, Herrendörser (Forffchr. Vp.) 4229 und Su*nge 7737 Stimmen. Die „Frkf. Ztg." bemerkt sehr richttg- „Seine Wahl verdanft Herr Kuntze ber Unterstützung derjenigen Freisinnigen, die ben Kampf geen bie Reaktion für wichtiger halten, als die Sorge um bas Anwachfen ber So- zialdemoftatte."
— Eine Erinnerung an die Takuforts. Kiel, 17. Juni. Zur Erinnerung an bie vor zehn Jahren erfolgte Niedeikämpsung ber Takuforts wurde heute ein Appell der damaligen „Jltts"- Besatzung abgehalten. 70 Mitglieder, größtenteils mit ihren Damen, waren eingetroffen. Außer bem bamaligen Kommandanten des „Jl- tts", jetzigen Kontteadmiral Laus, wohnte bei Feier auch Prinz Heinrich von Prmßen bei.
— Aus Deutsch-Ostaftika berichtet der stellvertretende Gouverneur, daß bie anfangs Mai gemeldeten Unruhen in der Landschaft Süd- Ujungu infolge des Erscheinens ber Truppe unter Hauptmann Brentzel auf ein fleines Gebiet beschränkt geblieben sind. Die Großsultane Reben treu zur Verwaltung. Auf die Einlieferung bet bis jetzt noch nicht gefaßten Rädelsführer stnb Preise ausgesetzt worden. — Die halbe 6. Kompagnie ist nach Udjidji zurückgekehrt. Die weiteren Operattonen werden von der 10. Kompagnie allein durchgeführt. •. ।
L____________ i - -— '
ten zu lesen. Ra, verdient hat sie ja der Jung« für sein unverantwortliches Benehmen mir gegenüber gründlich.
Sie nickte ihren Töchiem flüchttg zu und rauschte in höchster Eile aus dem Zimmer.
Etta machte respektlos drei Kreuze hinter dem Rücken ber Mutter.
„Pfui, Ettal" riefen bie Schwestern wie aus einem Munde.
„Habt Euch man nicht so, Ihr seid ja auch froh, daß Mama in den Frauen-Klub geht," rief Etta den Schwestem, eine lange Nase drehend, zu, „denn ba kommt Ihr heute um das Vergnügen, beu guten Peter und seinem Bruder zu begegnen. Me werdet Ihr bas tragen, Ihr Mädchen?"
Karleen unb Ute lachten.
„Ich geh' später auch in den Frauen-Klub", gelobte Etta Wit einer großartigen Handbeweg- ung. „Ra, Mama soll stch wundem, wenn ich erst da auf dem Katheder stehe und meine Weisheiten loslaffe. Ellen Key und Gabriele Reuter können bann nichts weiter ausrichten, wenn ich mal erst dazwischen fahre."
„Ich glaube Du leidest an Größenwahn, Etta," lehnte Karleen unwMg ab.
„Das wird stch zeigen," entgegnete die Kleine! selbstbewußt. „Mßt Ihr von was ich reden werbe. Von ber Unterdrückung ber Jndividuali-। tat. Das ist ein Verbrechen, jawohl, ein Verbrechen. Alle werden wir in eine Form gepreßt, nach einer Schablone erzogen, nach ganz bestimmten Satzungen gedrillt. Eine höhere Tochter ist eigentlich nichts weiter als ein rausgeputzter Hk» benstock. Innen hohl unb nach außen mit Tand unb Flitter bedangen. Ich habe es satt, nichts weiter als ein Haubenstock zu sein. Ich will mich auch ausleben nach meinen Veranlagungen. Ich