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mit dem Kreisblatt für Vie Kreise Marburg und Kirchhain

«nd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage."

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TieOberheffische Z<-itung' erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch di: Post bezogen 2 25 JC (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstcllen uub der Expedition (Markt 21), 2 r<jt.

Marburg

Frettag, 17. Juni 1910.

Die JnsertronSgebühr betrügt für die 7zcjpalrene Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

45. Jahrg«

Ter Niedergang des Bürgertums.

In Friedberg-Büdingen ist vorgestern der libe­rale Kandidat für die Stichwahl ausgefallen. Da sich nicht feststellen läßt, wieviele von den ehemaligen Wählern des Grafen Ortola Bündler, wieviele Na­tionalliberale waren, kann man auch nicht zen, ob der Kandidat des Bundes oder der Ratio!., liberale em meisten verloren hat. Fest steht nur, daß der Ge­nosse gewaltig an Stimmenzahl gewonnen hat. Die Genossen sind von 7200 Stimmen im Jahre 1907 auf 9700 Stimmen gestiegen, haben also 2500 Stimmen gewonnen. Dies ist eine Zunahme um 33 pCt., also genau soviel, wie die Sozialdemokratie nach einer letzthin von derKölnischen Volkszeitung" aufge­machten Statistik bei den letzten neun Reichstagser­satzwahlen gewonnen hat. Würde die Sozialdemo­kratie bei den im nächsten Jahre bevorstehenden all­gemeinen Wahlen in demselben Verhältnisse zuneh- wen, so würde sie auf Millionen Stimmen und auf mindestens 100 Mandate kommen. Deutschland wäre dann der erste europäische Eroßstaat, in dessen Parlament die Sozialdemokratie die stärkste Partei wäre.

Das sind Ziffern und Tatsachen, die denn doch einigermaßen zum Nachdenken anregen sollten. In früheren Zeiten konnte die Verstimmung der Wähler­schaft über liberale Fehler den Konservativen (1878) und über konservative Fehler oder über eine mißlie­bige Politik der Regierung (1881 und 1890) den Li­beralen zugute kommen. Nach dem gewaltigen Auf­schwünge, den die Sozialdemokratie seit dem Jahre 1890 genommen hat, haben die Konservativen keinen Nutzen mehr von liberalen und die Liberalen keinen mehr von konservativen Fehlern, sondern die Unzu­friedenheit der Wählerschaft mit der einen oder der anderen Gruppe und der Streit der Gruppen mit­einander kommt ausschließlich der Sozialdemokratie zugute.

Die jetzigen Nachwahlen zeigen, daß weite Kreise der früher konservativen Wählerschaft nicht mehr so unbedingt dieser Fahne folgen, aber ebenso wenig haben (außer in Lyk-Johannisburg) die Liberalen bis jetzt Lorbeeren gepflückt. Ob bei den nächsten Wahlen die liberalen oder die konservativen Par­teien die stärksten Verluste erleiden, läßt sich heute noch nicht absehen. Sicher ist nur das eine, daß sie beide Verluste davontragen werden. Da nun so­wohl die konservativen wie die liberalen Gruppen schon heute nur je etwa ein Viertel der Reichstags­mandate besitzen, so können sie eigentlich beide eine Schwächung nicht recht vertragen. Es würde also im beiderseitigen Interesse liegen, darüber nachzudenken, ob nicht schon vor den nächsten Wahlen jene Ver­ständigung zwischen ihnen erzielt werden kann, die nach den Wahlen doch wird unter allen Umständen hergestellt werden müssen, wofern nicht das Reich in die schwer st en Krisen hineingetrieben werden soll.

Freilich wird man auch hier konsequet und ent­schlossen die äußer st eLinke abstoßen müssen. Sie hat sich in letzter Zeit klar als Schutztruppe der Genossen gezeigt und wird so leicht nicht davon abzu­bringen sein. DieFrkf. Ztg." bringt es ja ange­sichts des Wahlergebnisses in Friedberg fertig, für die Sozialdemokratie folgende Töne anzuschlagen:

10 (Nachdruck verboten.)

Kantate.

von Anny Wothe^ '

(Fortsetzung.)

Ra, ich bitte schön," rief Etta etwas unbe­haglich das tief erregte Antlitz des Bruders scheu .streifend.Ihr tut immer als wären wir kleine Könige und als wäre unser Haus das erste der Welt, und wenn ich die Hand aufhalte, daß Du sie mal füllen sollst, weil der Kuchen und die Schlagsahne schon wieder teurer geworden sind, dann zuckst Du die Achseln."

Sie wischte sich mit dem Taschentuch zornig über die Augen, während sich über Hans Jürgens ernste Züge ein leises Lächeln stahl.

Ja," schluchzte Etta dann laut.Und Papa, das ist erst einer. Weißt Du, was er mir sagte, als ich ihn heute morgen um ein neues Reitpferd bat, weißt Du, um eine braune Stute mit schlan­ken Beinen wie Grete Allmers ihre? Nein, Du .weißt es nicht. Er schlug es mir rundweg ab weil na, weil wir kein Geld hätten und ich kann nun auf meiner alten Schandmähre mich weiter im Tattersal vergnügen. Ist denn das wahr mit dem Geld?"

Die braunen Augen forschten erwartungsvoll In des Bruders Antlitz, das sich einen Augenblick nef auf die Brust senkte.

Ach Unsinn," wehrte er dann ab.Was sagte denn Papa?" fragte er leichthin.

Zu Kantate, wenn die Ostermeffe gut aus- tiele, sollte ich ein neues Pferd haben und auch

Der sozialdemokratische Kandidat Busold hat vor Hern von Helmolt zwar einen Vorsprung von mehr als 3000 Stimmen, und er würde auch bei einer Pa­role auf Stimmenfreigabe oder gar Stichwahlenthal­tung mit ziemlicher Sicherheit siegen (!!); aber an­gesichts der Möglichkeit, daß von rechts her noch Re­serven mobil gemacht werden könnten und nicht min­der unter dem Eesichtspuntte prinzipieller Stellung­nahme, ist es die unbedingie Pflicht aller Freisinni­gen im Wahlkreise in der Stichwahl Mann für Mann für den Kandidaten der Sozialdemokratie ein­zutreten. Der schwarz-blaue Block, der im Reiche und in Preußen die Stunde beherrscht, darf durch Friedberg-Büdingen nicht verstärkt werden."

Niedriger hängen genügt! Daß mit solche» Ver­tretern ein konservativ liberaler Block aus die Dauer nicht möglich war, wird jetzt immer klarer! Umso­mehr muß auf eine Koalition aller rechtsstehenden Parteien gedrängt werden.

Aus den Parlamenten.

Abgeordnetenhaus.

87. Plenarsitzung, Mittwoch, 15. Juni.

Am Ministertische: v. Moltke, v. Arnim, Frhr. v. Rheinbaben, v. Breitenbach.

Zur Beratung standen wiederum eine größere Anzahl Petitionen, von denen die meisten debatte­lose Erledigung durch Uebergang zur Tagesordnung fanden. Eine Petition des Kaufmännischen Verban­des für weibliche Angestellte und des Verbandes deutscher Gewerbegehilfinnen um Einführung der Fortbildungsschulpflicht für alle männlichen und weiblichen Personen wurde teils zur Berücksichtigung, teils als Material überwiesen.

Zu einer Petition um einheitliche gesetzliche Re­gelung der Besoldungsverhältnisse der Leiter, Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen mittleren Schu­len, die nach dem Anträge der Kommission der Re­gierung zur Erwägung überwiesen werden sollte, lag ein Antrag Dr. Hintzmann (natlib.) und Genossen vor, die Petition zur Berücksichtigung zu überweisen.

Abg. Graf Clairon d'Haussonville (kons.) erklärte, daß auch seine politischen Freunde für Regelung die­ser Frage wären, die Regierung aber nicht drängen wollten, schon jetzt wieder dafür neue Mittel einzu­stellen und auch die Kommunen nicht zwingen woll­ten, wieder neue Lasten zu übernehmen. Deshalb würden seine politischen Freunde fürErwägung" stimmen. Die Petitionen wurden zur Berücksich­tigung überwiesen.

Betreffend die Erhebung der kommunalen Umsatz­steuern hatte der Abg. Hamer (kons.) den Antrag ge­stellt, daß in Fällen, in denen einem der Steuer­pflichtigen ein Anspruch auf Steuerbefreiung auf Grund der Steuerordnung zusteht, die Umsatzsteuer von dem andern voll zu entrichten ist. Dieser Antrag war von der Kommission zu dem ihrigen gemacht worden. Die Annahme des Kommisflonsantrages erfolgte mit sehr großer Mehrheit.

Der Abg. Engelsmann (natlib.) begründete einen Antrag, der die Regierung ersucht, schleunigst Maß­regeln in Aussicht zu nehmen, durch welche den durch schwere Naturereignisse geschädigten Bewohnern des Ahrtales staatliche Unterstützung zuteil wird. Mi­nister v. Moltke erwiderte, daß er sofort eine Unter­suchung über den Umfang des Unglücks angeordnet habe und versicherte, daß die Regierung unverzüglich helfend eingreisen werde. Der Antrag Engelsmann wurde einstimmig angenommen.

Ein Antrag Beyer (Dortmund. Ztr.) u. Een. for­dert die Regierung auf, jährlich statistische Nachweise über die Löhne der in der Staatseisenbahnverwal­tung beschäftigten Handwerker und Arbeiter heraus- zugeben. Ein Regierungskommissar erwiderte, daß die Herausgabe solcher Nachweise mit übergroßen Schwierigkeiten verknüpft sein würde. Nach kurzer Debatte wurde der Antrag Beyer angenommen.

einen neuen Sattel. Ms ob ich solange ohne Sattel reiten kann. Ich bitte Dich, um eine solche Lappalie. Für 500 Mark gibt es alle Tage einen anständigen Sattel."

»Zu Kantate?" fragte der Bruder grübelnd und strich sich leicht über die hohe schon etwas kahle Stirn.

Ja, wie ich das Wort hasse, durch mein gan­zes Leben hat es mich schon wie ein Gespenst be­gleitet. Alles wird hier nach Kantate berechnet und geregelt."

Zu Kantate," sagt Papa stets lächelnd, wenn er unsere Wünsche ablehnt,wollen wir weiter darüber reden" und je nachdem irgend ein Kom­mittent mehr oder weniger Veranlassung gegeben hat, einen Prozent Agio zu verdienen, finden unsere Wünsche zuKantate" 'Berücksichtigung.

Du vergißt, daß es sich bei Alexander Ber- mann u. Co. nicht um einen Kommittenten, son­dern um hunderte handelt, liebes Kind, und wen« ein Geschäftsmann feine Ausgaben vom Verdienst abhängig macht, was sich bei uns zur Ostermefle entscheidet, so ist das nur richtig, selbst wenn man über Millionen verfügt. Und nun, sei vernünftig, Kleine, und fchlag Dir das neue Reitpferd aus dem Sinn. Den Sattel, will ich mal sehen, ob ich ihn zu Weihnachten für Dich abknapse."

Goldner, süßer, einziger Hans Jürgen," un­gestüm fiel Etta dem Bruder um den Hals, der jetzt zärtlich de-» dunkelhaarigen Kopf der kleinen Schwester gegen seine Brust drückte ,als wollte er sie vor Unheil schützen.

Etta, was vollführst Du nur wieder für einen Lärm?" tief tadelnd eine Stimme von der Tür

Es folgte die gerneinfame Beratung aller der An­träge, die auf Zulassung fremder Sprachen in öffent­lichen Versammlungen abzielen. Abg. v. Branden­stein (kons.): Durch die erlassenen Verfügungen sei dem Bedürfnis auf Gebrauch fremder Sprachen aus­reichend Rechnung getragen worden. Er vergleiche nicht gern deutsche Verhältnisse mit ausländischen, aber das möchte er doch betonen, daß in einem anßer- deutschen Staate eine solche Diskussion wie heute hier, und das Verlangen, alle fremden Sprachen der einheimischen gleichzustellen, unmöglich wäre. Er bitte, alle Anträge abzulehnen. Abg. Kreth (kons.) meint, daß eine loyale Bevölkerung, wie die Lithauer und Wenden, wohl eine Ausnahniestelluna bezüglich des Gebrauchs ihrer eigenen Sprache in öffentlichen Versammlungen verdienten. Ein Reqierengskom- missar erklärte: Die polnischen und sozialdemokrati­schen Anträge auf allgemeine Zulassung fremder Sprachen in öffentlichen Versammlungen würde gleichbedeutend sein mit der Aushebung des § 12 des Reichsvereinsgesetzes. Der Anregung der Sozial­demokratie von dem Erfordernis der Genehmigung für öffentliche Versammlungen und Aufzüge Abstand zu nehmen, werde der Minister nicht folgen. Solange Ctraßendemonstrationen wie in der Vergangenheit stattfinden, dürfen keine Machtmittel des Gesetzes aus der Hand gegeben werden. (Lebhafter Beifall.)

Dann vertagte sich das Haus, nach persönlichen Bemerkungen wurde dem Präsidenten die Ermächtig­ung erteilt, die nächste Sitzung anzuberaumen, sofern Vorlagen aus dem Herrenhause zurückkämen. Der große Vorstoß gegen § 12 des Reichsvereinsgesetzes endigte daher wie das Hornberger Schießen.

Herrenhaus.

In der heutigen Sitzung, der vorletzten dieser Session, wurde eine umfangreiche Tagesordnung zur Erledigung gebracht. Die Verhandlungen nahmen einen sehr ruhigen und sachlichen Verlauf. Zunächst wurder der Gesetzentwurf betreffend die Deckung der Ausgaben des Rechnungsjabres 1908 unverändert an­genommen und sodann, ebenfalls obne Diskussion, eine Reihe von Rechnunqsscuben genehmigt. <-te Er­höhung der Krondotation und der Nachtragsetat passierten, ohne daß ein Redner das Wort nahm. Es folgte die gemeinschaftliche Beratung des Entwurfs betr. Abänderung des Preußischen Gerichtskoften- gesetzes und betr. Abänderung der Gebührenordnung für Notare. Die Entwürfe wurden en bloc ange­nommen. Zu dem Entwürfe betr. Wohnungsgeld­zuschüsse beantragte die Kommission Annahme der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung samt der Resolution, die eine Neuordnung der Ortsklassen verlangt, und Ileberweisung der Petitionen als Ma­terial. Nach kurzer Debatte wurde der Entwurf en bloc angenommen, ebenso die Resolution.

Der Entwurf betr. staatliche Arbeiterwohnungen wird nach dem Anträge der Kommission unverän­dert angenommen. Es folgte noch der Entwurf betr. Einführung der Provinzialordnung in der Provinz We^kalen: er wurde auf Antrag des Oberbürger­meisters Dr. Lentze-Magdeburg nach längerer Ee- schäftsordnungsdebatte abgefetzt, da er einer gründ­lichen Beratung in einer Kommission bedürfe. Es wurden noch Petitionen verhandelt und sodann die letzte Sitzung auf morgen vormittag %11 Uhr anbe­räumt.

Deutsches Reich.

Der Kaiser und Helgoland. Der Kaiser hat nach derFranks. Ztg." der Einwohnerschaft von Helgoland für den Bau eines neuen Ge­meindekrankenhauses die erforderlichen Geldmittel aus seiner Privatschatulle zum Geschenk gemacht. Das jetzige Krankenhaus ist baufällig und ent­spricht nicht mehr den Bedürfnissen. Geh. Ober« medizinälrat Prof. Dr. Dietrich aus Berlin weilte dieser Tage int Auftrage des Kaisers in Helgoland, um mit der Gemeindevertretung und der Bauabteilung über Lage und Einrichtung

her und in das dunkel getäfelte Zimmer trat läch­elnd die Herrin des Hausüs, gefolgt von ihren anderen beiden Töchtern Karlen und Ute, denen Puschke mit der Suppe folgte.

Fast gleichzeitig trat durch eine Seitentür auch der Herr des Hauses in den Eßsaal.

Seine kleinen, klugen, schwarzen Augen in dem von einem kurzen weißen Vollbart umrahmten Gesicht sahen durch das breite Erkerfenster über den Garten hinaus in den Albertpark. wo das Sonnengold in den Millionen Tautropfen auf den weiten Wiesenflächen sich spiegelte und wie leuch­tende Goldgeschmeide sich die letzte» fahlen Blät­ter an den kahle» Aeste» der Bäume wiegten.

Das sind die letzten schönen Herbsttage, Kin­der," sagte Kommerzienrat Bermann,bald kommt der Winter, Ihr solltet hinaus in die schöne Natur."

Die Umgebung Leipzigs ist so langweilig, Alexander," entgegnete Frau Theodora Bermann, die Suppe auffüllend, während Puschke die Sup­penteller hennnreichte,ich habe mir alles so über­gesehen."

Der Hausherr ließ die schon auseinander ge­faltete Serviette wieder sinken. Es war, als hätte er eine heftige Entgegnung auf den Lippen, er schwieg ober und tauchte mit einem unwillig her­vorgestoßenemMahlzeit" de» Löffel in die Suppe.

Aber Mama," rief Ute, die zweite Tochter deS Hauses, während Puschke auf ihre» Wink ver­schwand,wie kannst Du nur Leipzigs Umgebung langweilig finden. Du kommst eben zu selten heraus. Richt etwa, daß ich Karleens Schwärme»

des neuen Krankenhauses zu verhandel», das auch Badegäste» zur Verfügung stehen wird.

Kaiserlicher Dank an Engländer. Berlin, 1. Juni. Der deutsche Botschafter in London hat der englischen Presse unterer 11. Juni dieses Jahres folgendes Schreiben zugehen lassen:Ich bin von Sr. Majestät, dem Deutschen Kaiser, be­auftragt, Ihne» mitzuteilen, daß die zahlreichen Zeichen von Sympathie, die während seiner letz­ten Erkrankung aus England ihm zugegangen sind, Seine Majestät tief gerührt haben. Di« Kundgebungen der Teilnahme sind zu zahlreich, als daß es möglich wäre, sich für alle einzeln zu bedanken."

Zum Friedensschluss im Baugewerbe. Dresden, 15. Juni. Das Schiedsgericht im Bau­gewerbe fällte den Spruch, welcher lautet: Die gegenwärtigen tariflichen Löhne werden während der Vertragsdauer im allgemeinen um 5 Pfen­nige erhöht. In den Orten, die nach der letzten Volkszählung weniger als 5000 Einwohner ha­ben, wird der tarifliche Lohn um 4 Pfennige erhöht. Gehören solche Orte nach dem letzten Tarifvertrag zu dem Vertragsgebiet eines grö­ßeren Ortes, so tritt auch hier eine Lohnerhöhung um 5 Pfennige ein. Die Anrechnung bisher ge­währter Lohnerhöhungen ist technisch schwer möglich, würde zu Ungerechtigkeiten führen und den Abschluß der Bewegung stark verzögern und mußte daher abgelehnt werden. Die Lohner- höhnngen haben folgendermaßen stattzufinden: 1. Wo 5 Pfennige gewährt werden, sofort ein Pfennig, am 1. April 1911 zwei Pfennige und am 1. April 1912 zwei Pfennige. 2. Wo 4 Pfennige gewährt werden, sofort ein Pfennig, ab 1. April 1911 zwei Pfennige, am 1. April 1912 wieder ein Pfennig. Vollzogen von den Unparteiischen: Oberbürgermeister Dr. Beutler. Geh. Regierungs­rat Wiedseld, Regierungsrat Prenner. Die Be­schlüsse über die Abkürzung der Arbeitszeit werden den weiteren Verhandlungen überlassen, ebenso verschiedene andere Pnntte, wie die Frage des Teuerungszuschusses usw.

Elsass-Lothringen. Straßburg, 14. Juni. Jnc Landesausschusse wurde heute ein Gesetzent­wurf betreffend baupolizeiliche Vorschriften zum -Schutze des Ortsbildes und der Entwurf des Ge­setzes wegen Abänderung des Sparkassengesetzes an die Kommission verwiesen. Des weiteren wurde ein Antrag Titsch: Die Regiereng wolle sich für die Amnestierung derjenigen Elsaß-Lothringer verwenden, die bis zum Jahre x890 wegen Fahnenflucht und der Verletzung der Wehrpflicht bestraft worden sind, deren Strafe noch nicht ver­büßt oder erlassen worden ist, einstimmig ange­nommen. Die Regierung gab hierzu durch den Staatsftkretär Freiherr» Zorn v. Bulach die Er­klärung ab, daß ihre Bemühungen in dieser Hin­sicht bisher erfolglos geblieben seien, da sich die Bedenken gegenüber den militärischen Grundsätzen nicht beseitigen ließen, sie hoffe aber zu einem Ziele zu gelangen. Es entspann sich nunmehr eine sehr weitläufige Debatte über die Verfassungs­frage, wobei vom Abg. Wetter!^ vor allem gegen dieStraßburger Post' protestiert wurde, deren Redatteur, welcher erst vor kurzem eingewandert wäre, vom Staatssekretär Delbrück empfangen und zu den wichtigen Beratungen hinzugezogen worden wäre, während die mit den Verhältnissen vertrauten Politiker ausgeschlossen waren. Der Staatssekretär lehnte es ab, über die Bersaffungs- srage zu reden , bestritt aber die Wichtigkeit der Wetterl^schen Behauptungen. Betont wurde fer-

rei hier für all die neu entstandenen Anlagen teilte, deren Schönheiten wir nicht genug würdigen, weil wir sie täglich vor Augen haben, aber ich habe doch gefunden, daß unser Leipzig mit seinem herrlichen Wald in nächster Nähe wirklich viele malerische Reize hat, wie wir sie sonst bet großen Städten in der Ebene kaum finden."

Du hättest Prediger werden sollen, Ute," rief Etta lachend, denn Du verstehst das abkanzeln ausgezeichnet, ober bei Mama würdest Du doch nur tauben Ohren ptedigen. Sie glaubt nun einmal, daß Leipzig zwar die schönste Stadt der Welt ist, daß man aber, um Natur zu kneipen, eine ordentliche Reise machen muß, die auch waS kostet."

Halte gefälligst Deinen vorlauten Mund, Etta," gebot der Vater und schob den Suppenteller weit von sich, und bann sagte er freundlich und forschend in Utes zartes Gesicht bfickend:

Fühlst Du Dich heute Wohler, Ute? Du soll test mit Karleen eine kleine Spazierfahrt wagen, Ihr könntet mal hinaus fahren nach dem Völ- kerschlachwenkmal, um zu sehen wie weit die Ar­beiten schon gediehen sind. Wenn Ihr Euch nach Tisch eilt, kommt Ihr noch rechtzeitig genug bett von bet Höhe ben Sonnenuntergang zu sehen."

Hans Jürgens Augen waren bei Erwähnung des Völkerschlachtdenkmals unwillkürlich den Ste­gen Ettas begegnet. Wie lächelnder Mutwille blitzte es darin auf, bann aber legte Etta beten* emd ihre kleine Hanb auf die Brest als Zeichen ihres unverbrüchlichen Schweigens.

(Fortsetzung folgt)