Und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
Jf. 136
Tie „Overyrssische Z-ttung' erscheint täglich mit Aufnahme der Sonn« und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch di: Post bezogen 2,25 <* (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellcn und der Expedition (Markt 21), 2 TJt.
Marburg
Dienstag, 14. Juni 1910.
Die JnsertionSgebühr beträgt sür die 7zespaltcne Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 80 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Bug. Roch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 56.
45. Jahrg.
Umschau im Auslande.
Die englische Regierung hat sich entschlossen, den ersten Schritt zu einer Einigung in der Vetofrage zu tun und eine Konferenz zwischen den Führern der Liberalen und der Unionisten einzuberufen. Die Nationalisten und Arbeiter Partei sehen den Verhandlungen mit großer Spannung entgegen. Die Arbeiterpartei ist jedem Kompromiß abgeneigt. Die Einbringung einer Vorlage, die auf der Vetoresolution des Premierministers ruht, ist das Minimum, das die Sozialisten annchmen zu können erklären. Die irischen Nationalisten haben gegen eine Konferenz der Regierung mit den Unionisten nichts einzuwenden, solange in ihr nichts verhandelt wird, was gegen die Einführung von Home Rule ist. Im übrigen glauben die Iren Wohl, daß es zwischen Liberalen und der Opposition zu einer Einigimg kommen kann. Die Regierung läßt es am guten Willen nicht fehlen und die Opposition zeigt sich einem Frieden nicht abgeneigt, selbst wenn sie ein wenig nachgeben muß.
Das Komitee des amerikanischen Repräsentantenhauses für auswärtige Angelegenheiten hat einen günstigen Bericht über eine Gesetzvorlage erstattet, welche die Bildung eines Friedcnkomitees vorsteht. Das Komitee soll die fremden Hauptstädte besuchen im Interesse der Beschränkung der Rüstungen und der Erhalmng des internationalen Friedens. Dem Vernehmen hat Präsident Taft seine Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben, Roosevelt zum Vorsitzenden des Komittees zu ernennen, wenn beide Häuser der Gesetzvorlage zustimmen sollten. — Mr meinen: so lange die ultima ratio aller dieser Friedenskomitees darin besteht, durch Majoritätsbeschlüfle über das Schicksal ganzer Völker zu entscheiden und die majorisierten Staaten durch Waffengewalt zur Fügsamkeit zu zwingen, sind diese internationalen Friedensideen nicht anderes als gefährliche Spielereien, mit denen man nutzlos kostbare Zeit vergeudet und allgemeine Beunruhigung hervortust. Keine Großmacht kann sich einem solchen Verfahren unterwerfen, kann die Verfügung über ihr Schicksal dem Uebelwollen anderer Mächte anheimstellen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, zu verfallen. Der Geburtstag einer internationalen Friedenskonföderation, in deren Statute« ein Majorisierungsparagraph enthalten wäre, würde zugleich der Geburtstag blutigster Völkerkämpfe werden. Wenn schon die britisch« Regierung Roosevelt den Stuhl vor die Türe setzt, weil er sich als Privatmann mft ein paar Worten in die britische Politik in Aegypten einmischte und noch dazu zugunsten Englands, wie würde sie sich wohl dann erst wehren, wenn England durch einen Spruch einer Friedenskonföderation aufgefodert würde, sofort Aegypten und Zypern zu räumen?
In der Kretafrage zeigt sich noch immer kein Weg, der zu einer friedlichen Beilegung der leidlichen Angelegenheit führen könnte. Augenscheinlich ist sogar der Einfluß der jungtürkischen Kriegspartei auf die Regierung im Wachsen begriffen. Sie hat sich zur Trägerin einer nationalen Bewegung gemacht, der höchstens eine absolute Regierung widerstehen kann. Als ein Moment, das die Lage noch weiter verschlimmert, kommt hinzu die anscheinend ergebnislose Reise
7 (Nachdruck verboten.)
Kantate.
von Anny Wothe. " '
(Fortsetzung.)
„Benno lackte. Nee, das wird Dir schon vergehen, wenn Tu die Bermanns erst kknnst. Ich sage Dir, entzückend, alle drei. Die Kleine besonders."
„Das ist also Deine?"
Benno wurde ganz rot. „Laß doch die Scherze, die Mädchen sind wirklich zu gut dafür. Wenn ich Dich zu den Bermanns miMehme, so laße aber gefälligst Deinen Grafen zu Haus, und bringe nur den Menschen mit, der ist ja ganz leidlich, aber der Graf, weißt Du, der ist unausstehlich, arrogant unausstehlich."
Die Freunde lachten jetzt lustig über sich selbst, wie nur die Jugend lacht. Sie hatten das alte Rathaus erreicht und wollten gerade in die neu erstandenen traulichen Laubengänge einbiegen, als eine elegante Equipage über den Marftplatz fuhr.
Graf Borris v. d. Gröben stand wie festgewurzelt und jetzt war er es, der den Hut unsinnig vom Kopfe riß, ivährend seine blauen An^cn strahlend denen der Dame begegneten, die soeben grüßend vorüberft'hr.
„Donnerwerter," sagte Benno, der es verpaßt hatte mit zu grüßen. „Wie kommt denn dieser Glanz in Deine Hütte?"
„Das möchte ist auch fragen," stotterte Borris, seine hohe schneidige Gestalt noch höher reckend ttnb dem Wagen wie entgeistert nachstarrend, „und ich glaubte sie doch in Ostende." Und plötzlich Durchzuckte es ihn wir elektrischer Schlag.
des Königs Georg von Griechenland an die Höfe einiger Schutzmächte. Die britische Regierung und ihre alliierte Gefolgschaft in Paris denken nicht daran, der Bitte König Georgs nach der Vereinigung Kretas mit Griechenland zu willfahren, wenn sie auch von einer definitiven Regelung der Frage im Sinne der türkischen Forderungen im Interesse der griechischen Dynastie nichts wissen wolle. Und in Petersburg und Italien dürfte man ähnlicher Meinung sein. In dieser Halmng der Schutzmächte liegt der Keim zu Verwicklungen, die das Kretaproblem zum Mittel- puntt haben.
Zur Borromäus-Enzyklika.
Köln, 11. Juni. Die „Kölnische Volkszeitung" meldet aus Rom: Wie in gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, ist auch der bayerische Gesandte vom Heiligen Stuhl, Freiherr v. Ritter, beauftragt worden, im Namen seiner Regierung Vorstellungen wegen der Borromäus-Encyklika bei der ffurie zu erheben.
Berlin, 12. Juni. Aus Anlaß der Borromäus- Enchklika fand heute eine vom Vorstande des Evangelischen Bundes einberufene Volksversammlung im Zirkus Busch statt, die von mehr als 4000 Personen besucht war, barunter Professor Harnack, einer Reihe von Theologieprofessoren und Geistlichen. Es sprachen unter anderem unter großem Beifall der Anwesenden Landtagsabgeordneter ©troffer, Professor Hans Delbrück, Reichstagsabgeordneter Friedrich Naumann und Professor Kahl. Sämtliche Redner wiesen daraus hin, es fei höchst bedauerlich, daß, gerade in der jetzigen Zeit, wo das deutsche Volk des konfessionellen Friedens am meisten bedürfe, eine derartige Kundgebung zu erlassen. Es gelangte fchließlich eine Resolution zur Annahme, in der in scharfer Weife gegen die Angr fse des Papstes Stellung genommen wird. Es wurde be- fchlossen, die Kundgebung dem Ministerpräsidenten von Bethmann Hollweg zu übersenden. Die Versammlung sang alsdann den ersten Vers von: „Ein feste Burg ist unser Gott", worauf sie um 2% Uhr nachmittags geschlossen wurde.
Etwa 1000 Besucher der Versammlung geleiteten das Komitee nach dem Lutherdenkm l, wo ein Kranz nidergelegt wurde. Wieder tou be das Lutherlied und „Deutschland, Deutschland über alles" gesungen. Ein spontanes Kaiserhoch und die Nationalhymne beendeten diese Demonstration.
Eisenach, 11. Juni. Der aus Verttetern sämtlicher evangelischen Kirchenbehörden Deutschlands bestehende Deutsche Kirchenansschuß erließ gegen die Borromäus-Encyklika eine Kundgebung, nach der er es nicht nur für fein unveräußerliches Recht, sondern auch als seine unabweisbare Pflicht betrachtet, namens der deutschen evangelischen Landeskirchen den durch nichts begründeten Angriff gegen die evangelische Kirche mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen. Mit der vollen Wucht höchster kirchlicher Autorität würden hier Behauptungen ausgesprochen, die durch den auffallenden weitgehenden Mangel gefchichtlicher Einsicht Unkundige irre führen müßten. Durch die herabwürdigende Beurteilung der reformatori- fchen Großtaten und Würde der Kirche, die das Volk auf das Tiefste verletzt, würde das friedliche Einvernehmen der Konfessionen schwer gestört.
„Sollte sie Deinetwegen. Sollte sie Dir gefolgt fein? Ra, Du stehst ja da wie Lots Weib," ermunterte Benno, der den Freunnd beluftigt betrachtete. „Wer war sie denn, die Schmie? Von hier war die sicher nicht."
„Ich weiß es nicht," gab Gras Borris v. d. Gröben unsicher zurück, „ich kann mich ja auch täuschen, aber ich glaube eine Dame gesehen zu haben, die vorigen Sommer in Ostende durch ihre Schönheit und den Glanz ihrer Toiletten viel Aufsehen erregte und die mich — ich kann es ja gestehen, beinahe um den letzten Rest meines bißchen Verstandes gebracht hat."
„Und um Dein Geld," gab Benno sarkastisch zurück, „die also war's."
„Richt doch," wehrte der Graf, „Du hast eine ganz falsche Auffassung von der Sache. Ich gebe zu, daß die schöne Fran meine Spielleidenschaft anstachelte, aber sonst war sie wirklich über jeden Zweifel erhaben. Der Schlußeffekt in Ostende war der, daß ihr Mann einen ihrer Liebhaber, wie man sagte, über den Haufen schoß, und daß sie spurlos von dort verschwand. Du kannst Dir denken, wie es mich alteriert, die schöne Rumänin hier wieder auftauchen zu fehen."
Die jungen Männer bogen jetzt in die Peters- straße ein. Vom Rathausturm, in dem noch immer das arme Sündrrglöcklein hängt, das einst den Verbrechen zum letzten Wege geläutet, schlug es zwölf. Der langgeftredte Bau mit seinen altertümlichen Giebeln und Erkern lag ganz gebadet im Sonnenlicht.
„Ich wollte, sie wären nicht hier," murmelte »ernte, der gmq ht töevarrleu Hm Mr Leite fchrftt, 4
Der deutsche evangelische Kirchenansschuß trachte um des deutschen Volles, wie um des Evangeliums willen danach, daß der unvermeidliche Gegensatz der Konfessionen sich umwandle in einen heiligen Wettstreit des Ringens um di- ewige Wahrheit zur EntfalMng und Erweisung der in ihr beschlossenen Kräfte und Liebe.
Darin erblickt die evangelische Kirche den allein gewiesenen Weg zu dem für unser Vaterland unentbehrlichen Frieden der Konfessionen.
Eben darum tonnen wir nicht anders, als mit heiligstem Ernste der Wahrheit im Namen der in dem Deutschen Evangelischen Kirchenansschuß zu- sammengeschlosienen Landeskirchen Deutschlands aussprechen:
Wir weisen zurück die unt-egrün- deten Schmähungen unserer Reformatoren, deren hohe und geweihte Gestalten unser evangelisches Volk als Bahnbrecher und Väter seines Glaubens zu verehren und hochzuhalten niemals aufhören wird.
Wir weisen zurück die Verunglimpfung ihres Werkes, durch welches das evangelische Volk sich bewußt ist, den einigen Hohenpriester ChrisMs und den Weg zum Heil, die Freiheit von aller Menschensatzung und das allen zugängliche Wort Gottes gefunden zu haben.
Wir weisen endlich zurück die sittliche Herabwürdigung der Fürsten und Völker, die Träger der reformatorischen Bewegung geworden sind und deren Nachkommen bis heute den vollen Beweis geliefert haben, welche geistlichen, sittlichen, kuturellen Kräfte durch jene Bewegung entbunden und bei ihnen wirksam geworden sind.
Mit diesem Bekenntnis zum Werke der Reformation und ihren Trägern wiederholen wir in Einmütiakeit mit der gesamten evangelischen Kirche aufs neue das Bekenntnis zu dem biblischen Evangelium, das sie uns als ein unvergängliches Gut gerettet haben, und zu dem Heilande, von dem Luther singt: Das Feld muß er behalten!"
An dem gestrigen Sonntag ist in den meisten protestantischen Kirchen in der Predigt der evangelische Protest gegen die Borromäus-Encyklika zum Ausdruck gekommen, wie aus vielen größeren Städten gemeldet wird. Die Protestver- sammlungen mehren sich und von überall her kommen Nachrichten über scharfe Resolutionen, die die Beleidigungen der Resormatoren und der Reformation durch die Encyklika zurückweisen.
Aus den Parlamenten.
Abgeordnetenhaus.
In der Sonnabend-Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die zweite Lesung des Wohnungsgeld- zuschußaesetzes zu Ende geführt. In der allgemeinen Besprechung bei § 1 unb 2 kamen überwiegend die aus der Deklassierung von etwa 100 Städten herrüh- renden Bedenken zum Ausdruck, bet der Abstimmung wurden aber die auf Beseitigung dieser Deklassierung gerichteten Anträge abgelehnt. Zu dem entscheidenden § 4 (Uebergängsbeftimmungen) erklärte der Finanzminister nochmals, daß die Annahme bes tem« Missionsbeschlusses (Fortgewährung bes höheren Wohnungsgeldzuschusses bis 1918 auch bei Aufrücken in eine höhere Gehaltsstufe) aus den von ihm am Freitag entwickelten Gründen gleichbedeutend mit dem Scheitern des Gesetzes fein würde. Trotzdem
„Du meinst die Rumänin?"
„Ja, Borris, Du darfst nicht wieder in das alte Fahrwasser geraten. Du mußt Dich heraus- arbeiten aus dem Wust, der Dich umstrickt, und Dir eine Existenz gründen."
„Na, wenn Du meinst, daß ein sächsischer Referendar, der ich ja nun bald fein werde, eine Existenz hat, so ist die Sache ja sehr aussichtsreich," höhnte er.
„Immer noch aussichtsreicher als ei« Offizier mit Schulde« und tausend Ansprüchen."
„Wenn ich nicht hätte gehe« müssen," meinte Graf Gröben tonlos, „ich wäre nicht gegangen, Benno, das kannst Du mir glauben. Für unser- einen ist die Ofsizi eskortiere doch allein die einzig wahre. Wir taugen nicht zu anderen Dingen, und wer von uns nicht mehr dazu taugt, der sollte sich eine Kugel durch de« Kopf schießen, anstatt zu versuchen, sich ein neues und doch so elendes Leben zurecht zu zimmern. Wenn es auch heißt, ich hätte aus Gesundheitsrücksichten den Abschied genommen, es weiß doch ein jeder, daß es um das verfluchte Geld war. Aber freilich, Tante Regina würde ja nie und «immer meine Schulden bezahlt und mir die Mittel zum Sttldiurn gegeben haben, wen« ich nicht meinen Abschied genommen hätte. Sie kann unerbittlich sein, die einzige Schwester meines Vaters, ganz unerbittlich."
Die Freunde hatten das Ende der Petersstraße erreicht und waren soeben im Begriff, an den glänzend dekorierten Schaufenstern des Modenhauses Pölich vorbei zu gehen, wo sich eine schaulustige Menge drängte, als sich aus dem Gewühl zwei Mädchen löste«, die ihnen gerade entgegen
unb obwohl der Finanzminister biese Erklärung im Verlause ber Diskussion wieberholte, wurde ber Kommissionsbeschluß, wenn auch mit geringer Mehrheit, angenommen. Dann würben bie Petitionen «m Einreihung in höhere Klassen ber Regierung zur Erwägung überwiesen unb eine Resolution Lüdicke- Frhr. v. Zeblitz (freit.) einstimmig angenommen, wonach die Bezeichnung subalterne Beamte überall durch bie Bezeichnung „mittlere Beamte" ersetzt werben soll. In ber britten Lesung wurde zunächst in Konsequenz dieses Beschlusses auf Antrag bes Abg. Breitscheid (Ztr.) in bent Text bas Wort „Subalternbeamte" burch „mittlere Beamte" ersetzt. Bei § 4 erklärte der Finanzminister den Beschluß der zweiten Lesung gemäß Beschluß des Staatsministeriums für unannehmbar, sagte aber die sorgsam« Prüfung ber vorliegenden Beschwerden unb Befürwortung ber habet für begründet erachteten Anträge beim Vunbesrat zu. Er bat im Interesse bes Eros bet Beamten und ber Lehrerschaft um Wiederherstellung der Regierungsvorlage. Rach kurzen Erklä- rungen ber Parteien wurde bie Regierungsvorlage wiederhergestellt unb demnächst ber Gesetzentwurf im ganzen angenommen. Es folgte bie zweite Lesung ber Nogatvorlage. Namens ber Regierung würbe bie von ber Kommission beschlossene Herabsetzung be« Beitrages bes GHunger Deichverbandes um 334 000 .« für unannehmbar erklärt, ebenso ber Antrag be« Abg. Mayer-Rottmannsdorf (fretf.), bie Entschädigung für ben Danziger Deichverband um 150 000 <X zu erhöhen: man sagte aber zu, daß, wenn die Entschädigung nicht ausreiche, ein Ausgleich in Erwägung gezogen werden müsse. Dem Abg. Eyßling (fortfchr. Np.) sagte der Unterftaatssekretär vom At- beitsministerium zu, daß aus Anlaß der Nogatkupie- rung keine Erhöhung der Hasen- unb Schiffahrtsabgaben für Königsberg eintreten würde. Nach längerer, von Vertretern der beteiligten Wahlkreise geführten Debatte wurde ber beanftanbete Beschluß bet Kommission abgelehnt, bie Regierungsvorlage wiederhergestellt. Zu 8 3 wurde ber Antrag Mayer zurückgezogen, eine von der Regierung bewilligte an* derweite Fassung angenommen. In bet dritten Lesung wurde das Gesetz en bloc angenommen. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr. Sekundätbahnvorlage, Anträge und Petitionen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser in Schwerin. Schwerin, 11. Juni. Der Kaiser ist heute Nachmittag um 3 Uhr hier eingetrosscn. Er wurde am Bahnhof vom Großherzog empfangen. Beide Souveräne begaben sich in einem ä la Darmont gefahrenen Wagen zum Schluß zur Taufe des Etbgroßher- zogs. Der Kaiser war auf der ganzen Fahrt von dem Bahnhof bis zum Schloß Gegenstand herzlicher Ovaiionen. Im Schloß begrüßte der Kaiser die Großherzogin und die fürstlichen Gäste. In der Schloßkirche versammelten sich inzwischen di« zur Taufe des Erbgroßherzogs geladene« Damen und Herren. Die Fürstlichkeiten begaben sich vom Salon der Großherzogin Anastasia in feierlichem Zuge zur Kirche. Obethofprediger D. Wolfs vollzog die Taufe mit Jordanwasser, während ein Salut von 21 Schuß abgegeben wurde. Spater «ahm die hohe Wöchnerin im Salon der Großherzogin-Mutter die Glückwünsche der Fürstlichkeiten entgegen. — Der Kaiser empfing im groß- herzoglichen Schlosse den Prinzen und die Prinzessin Heinrich XVIII. von Neuß und nahm de« Tee bei der Großherzogin Mutter. Um 7 Uhi 30 Min. abends war Familieniafel und gleichzeitig im goldenen Saal Marschalltafel. Der Kaiser ist um 10 Uhr abends abgereift. Der Groß- Herzog geleitete ihn int Automobil zur Bahn.
Beide trugen kleine Herrenfilzhüte, mächtige hohe Stehkragen mit Herrenkravatten und lange, enge, sogenannte Herrenpaletots. Beide hattm die Hände in die Taschen versenkt und den Regenschirm unter den Arm geklemmt.
„Tag!" näselte Gras Borris und tippte mit dem Finger gegen feinen Hut. Eins der Mädchen, die grüßend vorübergehen wollten, blieb mit flammenden Augen vor ihm stehen und sagte, während ihr eine fliegende Röte über das sein« blasse Gesicht lief:
„Wenn Sie es nicht einmal für nötig halten, Graf, Ihren Eierdeckel da vom Kopfe zu nehmen, sobald Sie eine Dame grüßen, so können Sie sich überhaupt die ganze Komödie schenken. Verstanden?"
Der Graf stand jetzt, den Hut in der Hand, lächelnd vor dem zürnenden Mädchen. „Ich bin lotunglücklich, Baronesse," Nagte er scheinheilig, „daß ich schon wieder ihren Zorn errege. Erst gestern haben Sie mir in einer langen Rede auseinander gesetzt, daß Sie gleiches Recht mit den Männern wünschen, und daß Sie keine Bevorzugungen, die wir sonst gern Ihrem Geschlecht zuge- stehen, verlangen und heute stellen Sie mich, weil ich Sie ebenso grüße wie meine andere« mä««- lichen Freunde. Darf ich Sie übrigens bekannt mache«. Herr von Lassow, mein Getreuer, von dem ich Ihnen oft erzählt."
„Baronesse Magita von Diesterweg, meine Jugendgespielin und Kämpferin für Frauenrecht und ihre Freundin und Mitkämpferin Fräulet» Walter," schloß der Graf vorstellend. ; .
(Fortsetzung folgt.)