mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
NN- den Beilagen: ,Mch Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage.
M 134
Die „Oberyeffische Z-itung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn« und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,95 'M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 'M.
Marburg
Sonnabend, 11. Juni 1910.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 16 Pfennige, für Reklamen 80 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Slug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 66.
45. Jahrg»
—-E
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 47.
Aus den Parlamenten.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 9. Juni.
Am Ministertische: von Vethmann-Hollweg, von Trott zu Solz, Frhr. von Rheioaben, von Moltke.
Auf der Tagesordnung standen die Interpellationen betr. die Borromäus-Enzvklika.
Abg. o. Pappenheim (kons.) begründete die Interpellation seiner Fraktion. Es herrsche nirgends Io sehr das Bedürfnis nach innerem, konfessionellem Frieden, wie in Deutschland, wo neben 37 Millionen Protestanten 22 Millionen Katholiken wohnen. Dieser Frieden müsse sich auf gegenseitiger Achtung Und Duldsamkeit gegen die Andersgläubigen gründen. Wenn behauptet werde, daß die Absicht zu beleidigen nicht vorgelegen habe, so stehe das mit den Tatsachen in kraffem Widerspruch. Es sei Tatsache, daß es sich um Beschimpfungen schlimmster Art gegen die evangelische Kirche handle. Tiefe Erregung und berechtigte Entrüstung über die Enzyklika sei durch ganz Deutschland gegangen. Er freue sich, feststellen zu können, daß sich auch zahlreiche katholische Stimmen erhoben hätten, um zu bezeugen, daß die En- zyklika das Empfinden der Evangelischen aufs schwerste verletzen mußte. Die konservative Partei sei keine konfessionelle, würde aber stets auf dem Posten sein, wenn die evangelische Kirche angegriffen würde, was sie der unerhörten Beschimpfung gegenüber zu tun habe. (Starker, anhaltender Beifall.)
Abg. Hackenberg (natl.): Die Enzyklika des Papstes überbietet alle früheren ähnlichen Kundgebungen des Papstes. Der konfesiionelle Friede ist der Grundpfeiler der Wohlfahrt des Landes. Die Enzyklika soll lediglich ein historisches Urteil ab- geben, braucht man dazu aber auf jenes Zeitalter zurückzugehen? Dann hätte man ganz andere Bei- wiele nehmen müssen. Luther gehört nicht einer Partei, sondern der deutschen Nation und dem gesamten Christentum. (Sehr richtig!) Die Reformatoren waren keine Heiligen und hatten ihre Fehler und Schwächen, aber ein Urteil über sie darf nicht kleinlich sein, sondern man muß sie als große historische Persönlichkeiten im ganzen nehmen. Zur Entschuldigung wird das Wort von der dogmatischen Intoleranz aüsgeführt. Diese Anschauung muß aber verbunden sein mit der Duldung der Ueberzeugung anderer. Wir f ttten uns hüten,ewig einen Zankapfel zwischen den Konfessionen zu werfen. (Bravo!) Es handelt sich hier nicht um ein Mönchsgezänk, es ist eine Frage, die uns alle angeht, weil sie den konfessionellen Frieden gefährdet. (Sehr richtig!). Man kann keine Gesandtschaft unterhalten bei einem Souverän. der die Beschimpfung des größten Teils unserer Landsleute als unveräußerliches Gewohnheitsrecht betrachtet und deshalb fragen wir, welche Maß- nahinen die Regierung zur Sicherung des bedrohten konfessionellen Friedens ergreifen will. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Graf ». Moltke (freikons.) begründete die Interpellation der Freikonservattven. Die mit leiser .Stimme vorgetraqenen Ausführungen des Redners blieben auf der Tribüne vollkommen unverständlich.
Ministerpräsident Dr. v. Bethmann-Hollweg gab dann die an anderer Stelle mitgeteilte Erklärung -ab.
Abg. ». Pappenheim (kons.): Ich beantrage die Besvrechung der Interpellation.
Die Besprechung wird gegen die Stimmen des Zentrums und der Polen beschlossen.
Abg. Herold (Ztr.): Die Zentrumsfraktion lehnt es ab, über die Kundgebung des Operhauptes der katholischen Kirche, welche kirchliche Angelegenheiten behandelt (Gelächter links), ein Urteil abzugeben r------ -" ■ 1 - -------
5 (Nachdruck verboten.)
Kantate.
v " von Anny W »the,
■' (Fortsetzung.)!
; «Sie irren,* wehrte Sorka, „dort jene Tür tst noch verschlossen.*
Gelassen schob die Frau Professor den Schlüssel in das Schloß, um die Tür zu öffnen.
Ein langer, kaum Schuh breiter Gang tat sich auf.
„Wohin führt dieser Gang?* fragte der Beamte mißtrauisch.
„Zu einem zweiten kleinen Korridor, von dem eine Treppe auf den Oberboden abgeht,* gab die kleine Frau zurück, „bitte, meine Herren.*
Sie schob Lina mit der Laterne in den Gang und schritt dann den Beamten voraus.
Wie rasend jetzt ihr Herz klopfte, sie sah, daß ihre alte Lina sich kaum noch auf den Füßen hielt. Nur noch wenige Schritte und der dunkle Gang war zu Ende und sie hatten den kleinen Korridor erreicht, von dem man gleich in das reizende Giebelstübchen trat, in dem sie ihre Mädchenjahre verträumt.
Da — jetzt hatte ihr Fuß den langen Gang glücklich durchschritten, schon wollte sie befreit auf- •hnen, da tönte ein scharfes „Halt!* an ihr Ohr.
Sorka hatte es ausgestoßen.
Nun begannen doch die alten Füße der kleinen Frau zu zittern.
„Bitte, leuchten Sie hierher,* befahl Sorka. „Ich erinnere mich jetzt der Sachlage ganz genau. Hier in dem schmalen Gang ist eine Tapetentür.*
Lina unterdrückte nur mit Mühe einen leisen Schrei. Frau Professor Mehnert wandte sich langsam zurück.
„Hier, hier, ich habe sie,* frohlockte der Beamte. „Die Tür ist verschlossen, was birgt sie?*
„Hole den Schlüssel, Lina,* gebot die Greisin, ohne die Frage zu beantworten.
Lina hob fast flehend die Hände.
„Hole den Schlüssel,* forderte Frau Mehnert noch einmal.
„Ist nicht nötig,* wehrte der Beamte, sein Federmesser in die ganz feine, fast unsichtbare Ritze schiebend und so die Tür mit einem sanften Druck öffnend, „wir werden den Weg auch so finden.*
Eine große, weite Bodenkammer mit allerlei Gerümpel gähnte ihnen entgegen.
Spärlich erhellte das Licht der Laterne den unwirtlichen Raum.
„Gefunden,* frohlockte Sorka, „daß ist das geheimnisvolle Versteck, von dem mir mein Mann gesprochen.*
Frau Professor Mehnert lehnte einen Augenblick ihren weißhaarigen Kopf gegen die Tapetenwand. Es war ihr, als tanzten lauter bunte Lichter vor ihren Augen.
„Es ist nichts, gab der Beamte zurück. „Um Sie aber von der Grundlosigkeit Ihres Verdachtes zu überzeugen, wollen wir auch noch den Boden untersuchen.*
Und sie stiegen hinein in den großen niederen Raum und schritten zwischen einer alten Kinderwiege und einem zerbrochenen Schaukelpferd suchend und forschend einher.
Plötzlich schrie Sorka gellend auf.
Drohend, unheimlich trat, wie aus der Erde gezaubert, eine riesengroße weibliche Gestalt, ganz in schwarze Trauerkleider gehüllt, einen Toten- kranz in der Hand, mit unheimlich glühenden Augen auf sie zu, und hob warnend die Hand, dann verschwand sie lautlos in dem schmalen Gang, durch welchen die anderen gekommen waren.
Auch die Beamten standen einen Augenblick
und auf politischem Boden des Abgeordnetenhauses in eine Diskussion einzutreten. Indem iwr uns eines Urteils enthalten, sprechen wir die Hoffnung aus, daß die Beziehungen der Katholiken zu den protestantischen Mitbürgern nicht leiden.
Abg. Gyßling (fortschr. Vp.) trat sehr scharf ge- ?en die in Rede stehenden Ausführungen der Enzyk- ika auf. Er suchte zunächst aber die ganze Ange- legenheit parteipolitisch gegen die Konservativen wegen ihrer nahen Stellung zum Zentrum auszubeuten.
Dann wurde gegen die Stimmen der Linken, bei Stimmenthaltung des Zentrums, die Debatte ge- schlossen, damit sie nicht durch den Abg. Hoffmann, der zum Wort gemeldet war, auf ein niedriges Ni- veau herabgedruckt würde.
Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Hoffmann (Soz.),: Durch Schluß der Debatte hat man mir die Vertretung unseres Parteistandpunktes unmöglich gemacht, und zwar aus Furcht. Ich verspreche Ihnen dafür 100 Austrittsversammlungen. (Lachen rechts. Beifall links.)
Abg. Winkler (kons.): Um die Würde zu wahren, stellten wir den Schlußantrag. Wir wollen, daß die Vorhand iungen nicht gestört werden durch einen Mißklang der Sozialdemokraten. (Beifall rechts.)
Nach einigen weiteren Bemerkungen wurde die Interpellation erledigt.
Es folgten die zrseite Lesung betr. Erhöhung der Zivilliste.
Abg. Jazdzrwski (Pole): Trotz der ungerechten Behandlung der polnischen Bevögkerung werden wir, wenn auch schweren Herzens, der Vorlage zustimmen.
Abg. Friedberg (natl.): Unsere Fragen über di« Notwendigkeit der geforderten Mittel sind in der Kommission von der Regierung ausführlich beantwortet worden. Der Vorlage stimmen wir zu.
Abg. Hoffmann (Soz.): Die Einigkeit unter den bürgerlichen Parteien ist wiederhergestellt. Der Finanzminister kam uns wieder mit dem Märchen von der sozialen Fürsorge. Lassen Sie uns zufrieden mit Wohltaten, die keine sind. Die Art der Bewilligung der Krondotation ist verfassungswidrig. Die Wahlen werden es zeigen, bei Phrlippi sehen wir uns wieder. (Schallende Heiterkeit.)
Finanzminister Frhr. e. Rheinbaben: Die Ab- tretung der Domänen an den Staat war zweifellos ein Akt der Selbstlosigkeit der Krone gegenüber dem Staate. Wer diese soziale Fürsorge der Krone bestreitet, kennt diese Geschichte nicht. Die Sozialreform durchgeführt und das Wort zur Tat gemacht hat niemand anders als Kaiser Wilhelm I. upb Bismarck. Die Schutzzölle bedeuten schließlich einen Schutz der nationalen Arbeit, deren Blüte gerade den Arbeitern zugute kommt. Die Löhne stiegen stärker als die Eetreidepreise. Das erkannte selbst der Sozialdemokrat Calwer an. Dabei find die indirekten Steuern anderswo höher als bei uns. Die Sozialreform bedingte höhere Löhne. Damit trägt der Arbeitgeber wieder einen Teil ihrer Lasten. (Abg. Leinert (Soz.) rief: Das ist zu toll! — Der Präsident rief den Abg. Leinert zur OrdnungZ Minister Frhr. v. Rheinbaben (fortfahrend): Diese Steigerung wird auch bewiesen durch die unerhörte Steigerung der Gewerkschaftsbeitriige. (Lärm links. Ruf: Unverschämtheit. — Der Präsident rügte den Ausdruck.) v. Rheinbabe« fährt fort: Nach Zahlen der Wahlstatistik zählen die Sozialdemokraten nur 7,69 Prozent der gesamten wahlfähigen Bevölkerung, sie haben also kein Recht, sich als Vertreter des arbeitenden Volkes hinzustellen. (Beifall rechts. Lärm links.)
Abg. e. Zedlitz (freit): Nachdem die Budgetkommission aus sachlichen Gründen die Vorlage einstimmig befürwortete, bewilligen wir die Forderung. "W Fischbeck (Volksp.): Wir stimmen für bie
Vorlage, die durch die Erhöhung der Beamtengehälter und der hohen Kosten für die Apanagierung der königlichen Prinzen begründet ist.
Abg. Herold (Ztr.): Wir stimmen einmütig für die Vorlage.
Darauf wurde der Gesetzentwurf in der zweiten Lesung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Es folgte die dritte Lesung und darauf die zweite Lesung des Gesetzentwurfes betr. die öffentlichen Feuerversicherungsanstalten.
Abg. Wendland (natl.) stimmte den Kommiflions- beschlüssen zu.
Minister des Innern v. Moltke: Wir bitten der Vorlage zuzustimmen.
Politische Umschau.
Der Reichskanzler zur Borromäus-Enzyklika.
Berlin, 9. Juni. Im Preußischen Abgeordnetenhause führte Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg in Beantragung der Interpellation der Konservativen, der Freikonservativen und der Nationalliberalen betreffend die Enzhkli'ka des Papstes folgendes aus: Die Enzyklika Editae Saepe bei, welche den Gegenstand der heutigen Interpellation bildet, enthält, ohne sich auf den dogmatischen und kirchenregimentlichen Gegensatz der Konfessionen zu beschränken, Urteile über die Reformatoren, die die Reformation und die ihr zugetanenen Fürsten und Völker, welche unsere evangelische Bevölkerung sowohl in ihren religiösen als auch in ihren staatlichen und sittlichen Empfindungen schwer verletzen. (Sehr wahr!) Diese auch in ihrer Form verletzenden Urteile erklären die tiefgehende Erregung weiter Kreise des Volkes und schließen in ihrer Wirkung eine ernste Gefährdung des konfessionellen Friedens in sich. (Lebhafte Zustimmung). Ich habe deshalb unmittelbar nachdem mir der offizielle lateinische Wortlaut der Enzpklika zugegangen war, unseren Gesandten beim Vatikan beauftragt, in amtlicher Form bei der päpstlichen Kurie Verwahrung einzulegen und der Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Kurie Mittel und Wege finden werde, die geeignet sind, die aus der Veröffentlichung der Enzyklika sich ergebenden Schäden zu beseitigen. (Lebhaftes Bravo.) Diese Erwartung ist umso berechtigter, als die Äurie nach der gestern im „Osservatore Romano* verösentlichten Mitteilung „nicht im entferntesten die Absicht gehabt hat (Heiterkeit links), die Nichtkatholiken in Deutschland sowie ihre Fürsten zu kränken* . Der Gesandte hat gestern seinen Auftrag ausgeführt. Eine abschließende Antwort der Kurie ist noch nicht erfolgt und hat bei der Kürze der Zeit auch noch nicht erfolgen können. Bei diesem Stande der Ange- legenheit muß ich mich heute weiterer Erklärungen enthalten. Es schien mir aber notwendig, die Interpellationen schon fetzt zu beantworten, weil angesichts der Beunruhigung, die sich im ganzen Land bemerkbar macht, das Verlangen berechtigt ist, ohne Verzug über die Stellung der Königlichen Staatsregierung unterrichtet zu werden. Das hohe Haus wolle aus meiner Erklärung entnehmen, daß die Königliche Staatsregierung im allgemeinen staatlichen Interesse entschlossen ist, das ihrige zu tun, um den konfessionellen Frieden im Lande zu wahren und zu schützen. (Lebhaftes Bravo.)
wie erstarrt, und ein Schauer rann ihnen eisig durch die Glieder.
Die rätselhafte Erscheinung wirft« wie eine Vision, dann aber schallt eine Stimme, wie von fernher, schauerlich herüber:
„Wer scheucht die Stille der Toten?* Sorka stürzte bewußtlos zusammen.
Ein höhnisches Lächeln huschte über die Züge der alten Frau, als sie, Lina die Laterne abnehmend, befahl: „Kümmere Dich um die Person da und sorge dafür, daß sie aus dem Hause kommt.*
„Wollen Sie mir vielleicht erklären, Frau Professor, was das alles bedeutet,* fragte der Beamte streng. „Spielt man hier Theater?*
„Das möchte ich Sie fragen, mein Herr,* gab Frau Mehnert mit ruhiger Würde und völliger Sicherheit zurück. „Erst kommen Sie am späten Abend in mein Haus, durchsuchen es vom Erdboden bis zum Giebel und wenn Ihre Begleiterin hier hysterische Zufälle bekommt, weil sie sich in dem alten Hause, von dem ihr wohl mein Sohn früher allerhand Spukgeschichten erzählte, grault, dann fragen Sie mich, was das alles hier bedeutet. Ich glaube, Sie haben sich nun genügend überzeugt, daß nichts Absonderliches in diesen Bodenkammern verborgen ist.*
„Und die schivarze Erscheinung, die so spurlos verschwand, weil sie unfcemerft gekommen,* warf der Beamte unsicher ein, „wie erklären Sie die, Frau Professor?*
„Erscheinung? Ich sah nichts,* gab Fran Mehnert unbefangen zurück. Dann aber lächelte sie mit einem überlegenen Blick auf die beiden Männer. „Es scheint so, als ob es hier noch immer sputt. In meinen Kindertagen wagten wir nicht hier auf den Boden zu gehen und die alt« Kinderfurcht war auch der Gmnd, weshalb ich vorhin zögerte, die Tür zu -ffnen.*
Zum Wechsel im Kolonialamt.
Berlin, 10. Juni. Wie der „Reichsanzeiger* meldet, hat der Kaiser die Genehmigung zur Dienstentlassung Dernburgs erteilt und ihn durch Verleihung der Brillanten zum Roten Adlerorden erster Klasse ausgezeichnet. Ferner wurde Unterstaatssekretär v. Lindequist unter Verleihung des Charal- ters eines Wirklichen Geheimen Rats mit Präsident und Exzellenz zum Staatssekretär des Reichskolonialamts ernannt.
Berlin, 9. Juni. Die „Rordd. Allgem. Ztg.* schreibt: Dem Staatssekretär Dernburg ging anläßlich seines Ausscheidens folgendes allerhöchstes Handschreiben zu: „Da Sie zu meinem Bedauern auf dem Wunsch bestanden haben, aus Ihrem Amte al» Staatssekretär des Reichskolonialamts entlassen zu werden, habe ich mich entschlossen, Ihnen durch Order vom heutigen Tage den erbetenen Abschied in Gnaden zu bewilligen. Ich spreche Ihnen hierbei meine vollste Anerkennung für die hervorragenden Dienste aus, die Sie sich in vierjähriger, an Erfolgen reicher Arbeit um die Entwicklung des deutschen Schutzgebiets erworben haben. Als Zeichen dieser meiner Anerkennung habe ich Ihnen die Brillanten zum Roten Adlerorden erster Klasse verliehen. Die Generalordenskommission ist beauftragt. Ihnen die Dekoration zugehen zu lassen. Ihr wohlgeneigter Kaiser und König Wilhelm I. R.“
Dazu bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.": Die Worte hoher Anerkennung, womit Se. Majestät dem Ent- lassungsgesuch entsprochen hat, werden überall Zustimmung finden. Tie Tatsachen, worauf sich die kaiserlichen Worte beziehen, bedürfen nicht der Auf. zählung im einzelnen. Sie füllen eine verhältnismäßig kurze Amtsperiode aus und find daher im frischen Gedächtnis. Wenn Staatssekretär Dernburg sich nicht hat entschließen können, sein Amt noch weiter forizusühren, so ist das Bedauern darüber nicht am wenigsten lebhaft bei dem Reichskanzler, der in ihm einen tatkräftigen, unermüdlichen, sachverständigen Mitarbeiter auf einem Gebiete geschätzt hat, das doch wesentlich erst durch Dernburgs Tätigkeit zu einem verheißungsvollen Fruchtfeld geworden ist. Es heißt nur der ausgezeichneten Arbeit des scheidenden Staatssekretärs gerecht werden, wenn wir feststellen, daß er dabei in jeder Beziehung sich des vollsten Vertrauens beim Reichskanzler erfreuen konnte, daß in keinem einzigen Fall eine fach- lihe oder persönliche Differenz sich zwischen ihnen einstellie. Der Staatssekretär war daher auch in allen sein Ressort angehenden Fragen des Rückhalt» bei dem Reichskanzler sicher; dieser hat auch die erfolgreiche Art, wie Dernburg seinen letzten parlamentarischen Tag durchgefochten hat, mit aufrichtiger Genugtuung begleitet. Bestätigen können wir freilich auch, daß die Rücktrittsausichten Dernburg» nicht aus jüngster Zeit stammen. Der Staatssekreiäi kündigte sie bereits vor Iahresftist dem damalige'. Reichskanzler an und wiederholte sie dann dem jetzigen Reichskanzler bei dessen Amtsantritt.
Der zweite Beamte hatte inzwischen nochmal» den langen Gang untersucht. Er mochte nicht zu- gestehen, daß auch er die schwarze Erscheinung gesehen. Es drängte ihn fort zu kommen von dem unheimlichen Ort, und doch zwang ihn feine Beamtenpflicht, sich nicht so leichten Kaufes zufrieden zu geben.
Er nahm Lina, die ihre Fassung etwas zurück- getoomten hatte, bei der Hand und fügte: „So und nun zeigen Sie mir mal die Gaststube, die Sie hier oben haben.*
Die alte Magd schrie vor Furcht leise auf. Ei» Blick und Wink ihrer Herrin aber trieb ein breftef Lächeln auf ihr runzelvolles Gesicht mit de< dunkel glühenden Keinen schwarzen Augen.
„Ei Herre je mersch,* grinste sie, „nee abei nu eemal, was de Herren ooch allens vorn In tereffe haben, ne, da guckens nein, Wenns & t Spaß macht.* Sie riß hastig eine bis dahin unsichtbare Tapetentür auf und die Beamten guckter bertounbert in einen engen Raum, in dem allerlei Bretter lagen und Gerümpel stand.
„Ra, nu sein Se so gut,* scherzte Sinn, die ihre ganze Sicherheit wieder fand, „das sind s< nämlich die Loschis, wo anno 13 die Freiheits, kärnpfer gehaust haben sollen. Gesehen hat se ja teener, aber mer sieht manches nid), und jloobt doch, daß es schiene war.*
Die Beamten lächelten. Sie fanden f,W) selb?, fast schon so komisch, wie die afte Mieterin, die jetzt die Tapetentür hörbar zuknallte. Es war doch eigentlich toll, daß man den Launen und dey Verdächtigungen einet hysterischen Frau — daß sie es war, hatte ja Frau Sorka Pewfi soeben bewiesen — solches Gewicht beflegten und sich beinahe noch lächerlich machte; indem man sich selbst schon Gespenster-Erscheinung«, einbilde«. ,
(Fortsetzung folgt.) ...