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45. Jahrg«

M131

Erstes Blatt

Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gehaltene Seile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen SO Pfennige. Druck und «erlag: Joh. «lug. Koch, UniversitätS-Buchdruckere, Inhaber Dr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Vieh, 1,43 Millionen Kälber und 27,4 Millionen Schafe und Lämmer. Die englische Landwirtschasl hat im vergangene« Jahre fast durchgehends gut« Preise erzielt, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Schafpreise, deren niedriger Stand jedoch teilweise durch die guten Wollpreise ausgeglichen wurde.

Der heutigen Nummer liegt bet Kreisblalt Nr. 46.

TieObrrheffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt öiertd« jährlich durch di: Post bezogen 2 25 JH (ohne Bestellgeld) , bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 <X.

Von unseren Neichseinahrnen.

Die Reichseinnahmen im Rechnungsjahre H909, die, abgesehen von den Einnahmen der Gieichspost und der Reichseisenbahnen, aus 16, »der, wenn man die Gruppen der Branntwein­steuer und der Reichsstempelabgaben einzeln zählt, pus 27 verschiedenen Quellen fließen, haben ein Ist von 1360,5 Millionen Mark ergeben und da­mit die Vereinschlagte Einnahme um rund 72,2 Millionen Mark Übertrossen. Gegenüber dem vorläufigen Ende April ermittelten Ergebnis hat sich also die Jsteinnahme um 10,2 Millionen Mark niedriger gestellt; demgemäß verringert sich der Ueberschuß, den die wirkliche Einnahme ergeben hat, auf 72,2 Millionen Mark. Mit größeren Beträgen erscheinen unter den Einnahmen die Zölle mit 666,6 Millionen, die Salzsteuer mit 57,2 Millionen, die Zuckersteuer mit 141,5 Millionen, die Branntweinverbrauchsabgabe und Zuschlag aus der Zeit vor dem 1. Oktober 1909 mit 109,1 Millionen, die Brausteuer mit 60,2 Millionen, bie Reichsstempelabgabe mit insgesamt 142,4 Millionen, die Erbschaftssteuer mit 30 Millionen Mark. Es ist jetzt auch möglich, die auf die ein­zelnen Einnahmezweige entfallenden Ueberschüsse anzugeben. Das Etatssoll des Rechnungsjahres 1909 ist bekanntlich durch einen Rachtragsctat um die Gesamtsumme von 85 Millionen vermehrt worden, die auf Grund der neuen Steuergesetze veranschlagt wurde. Von dieser Summe sind ein­gestellt bei den Zöllen 37 Rtillionen, bei der Tabaksteuer 0,2 Millionen, bei der Zigarettensteuer 2,6 Millionen, bei der Essigsäureverbrauchsabgabe 0,2 Millionen, bei der Schaumweinsteuer 3,6 Mil­lionen, bei der Leuchtmittelstcuer 4,7 Millionen, bei der Zündwarensteuer 4,1 Millionen, bei der Brausteuer 5 Millionen, bei der Wechselstempel­steuer 2,6 Millionen, bei dem Wertpapierstempel 3 Millionen, bei der Gewinnanteil und Zins­bogensteuer 2 Millionen, bei dem Scheckstempel 4 Millionen und bei dem Stempel von Grund- stücksübertragungen 16 Millionen Mark. Die be­treffenden Einnahmezweige haben sich verschieden entwickelt. Hinter dem durch den Nachtragsetat erhöhten Voranschlag sind zurückgeblieben die Zölle um 6,5 Millionen, die Essicfäureverbrauchs- abgabe um 43 000 Mark, die Schaumweinsteuer um 75 000 Mark, die Wechselstemj elsteuer um 1,05 Millionen Mark und der Scheckstempel um rund 1 Million Mark. Ueber den Voranschlag haben erbracht von diesen Einnahmzweigen die Tabaksteuer 0,6 Millionen, die Zigarettensteuer 1,4 Millionen, die Leuchtmistelsteuer 1,7 Milli­onen, die Zündwarensteuer 0,2 Millionen, die Brausteuer 5,8 Millionen, der Wertpapierstempel 9,1 Millionen, der Gewinnanteilschein- und Zins­bogenstempel 1,03 Millionen und der Stempel von Grundstücksübertragungen 9,7 Millionen Mark. Die Bemessung der Nachtragsquoten hat

Marburg

Mittwoch, 8. Juni 1910

Deutsches Reich.

Kaiser Wilhelm und die Brüsseler Weitaus, stellung. Berlin, 6. Juni. In einzelnen Blätter« wurde gesagt, daß der Kaiser den geplanten Be- such der 93rüffelet Weltausstellung im Oktober abstatten werde. Diese Meldung ist versrüht. Allerdings wird der Besuch erst im Herbste mög- lich sein; aber feste Bestimmungen über seine« Termin sind noch nicht getroffen. Die Kaiserin wird sicherem Vernehmen nach den Kaiser nach Brüssel begleiten.

Die Prinz Heinrich-Fahrt. Straßburg L E., 6. Juni. Bon einem zahlreichen Publikum seit Stunden erwartet, traf von der Prinz - Heinrich-Fahrt der erste Wagen, vom Prinzen Heinrich selbst gesteuert, hier am Ziel der Kleine« Rheinbrücke um 5 Uhr 5 Mn. ein. Hinter dem Wagen der Oberleitung passierten als erste btt Kontrolle bie Wagen Nr. 72 Leuschner-Charlot- tenburg, Nr. 2 Flinsch-Frankfurt, Nr. 3 Forch­heimer-Nürnberg, Nr. 5 Ninaud-Mannherm, Nr. 9 Frankl-Wien. Ohne Aufenthalt fuhren bte Wagen zur Garage, wo sie bis morgen früh eine Stunde vor der Abfahrt unter Verschluß bleiben. Bei der Fahrt durch die vielsach beflaggten Straßen wurden die Fahrtteilnehmer durch 3untfe Tücherschwenlen und Blumenwerfen lebhaft be- grüßt Dem Prinzen Heinrich wurden, wo er ge­rade erkannt wurde, Ovattonen bargebracht. Prinz Heinrich ist im Statthalterpalais beim Gra- fen von Wedel abgestiegen. Der Start für di« morgige vorletzte Strecke Straßburg Kolrnar-Za- bern-Metz, 334,8 Kilom., ist morgen früh 6 Uhr ab auf der Kolmarer Landstraße in Neudorf. Ueber die auf der heuttgen Fahrtstrecke vorge­kommenen Unfälle sind beim fliegenden 93ureau bis abends 8 Uhr 20 Min. folgende Meldungen eingelaufen: Rr. 19 O. Buchloh Berlin mit den Vorderrädern in einen Steinhaufen geraten. Ein- trefsen zweifelhaft; Nr. 53 Robert Voigt-Düssel­dorf Wetterfahrt aufgegeben, Federbruch bei Nuß­bach; Rr. 97 Natzmer Gahrh bei Simmersdorf, Wechsel der Zündkerzen; Rr. 99 W. Reichstein- Brandenburq a. H., Wagen abgebrannt; Nr. 117 Berrchard Stöwer-Stettin, .Ventile ausgewechselt Ankunft vor Zielschlutz zweifelhaft. Außerdem fehlen zur Zett noch 116 und Nr. 118.

Tritt Dornburg zurück? München, 6. Juni., Nach Meldungen derMünchener Neuesten Nach­richten" ist die Nachricht aufgetteten, daß der Ko- lonialminister Dernburg fein Abschiedsgesuch ein- gereicht habe und in nächster Zeit aus dem Ko- lonialdienst ausscheide, um eine andere Stellung einzunehmen. Auch dieFrankfurter Zeitung bestätigt diese Meldung. Das Wolflche Telegr.- Bureau konnte bis jetzt eigene zuverlässige Infor- mattonen nicht erlangen. Hierzu melden btt Morgenblätter aus Berlin: Obgleich über das Abschiedsgesuch Dernburgs noch nichts entschiede«

Politische Umschau.

Die Landwirtschaft in Großbritannien ist auch im vergangenen Jahre wieder zu- rückgegang««.- Der Ackerbau hat rund 26 000 Hektar verloren, wovon etwa 14 600 Hektar bet Weidewirtschaft zugeführt oder zu Gras­land umgewandelt sind. Die landwirtschaft­liche Kutturfläche hat als» im Vereinig­

ten Königreich um 11400 Hektar abgenommen. Innerhalb des letzten Menschenalters ist die unter dem Pfluge befindliche Bodenfläche um fast eint Mllion Hektar Keiner geworden, während Me­sen und Weiden ungefähr in gleichem Maße an Fläche gewonnen haben. Die gesamte Kulttrr- fläche beträgt gegenwärttg annähernd 10 Million. Hektar. Davon sind etwa 40 v. H. Ackerland, etwa 55 v. H. dauerndes Grasland, der Rest ist mtt verschiedenen Früchten und Grasarten bestanden. Für die Landwirtschaft in England ist also nach wie vor das Charakteristische, daß von Wiesen und Weiden mehr als die Hälfte der gesamten Kutturfläche in Anspruch genommen wird und daß dieses Grasland sich dauernd vermehrt, während daS Ackerland ebenso stettg zurückgeht. Diese Zunahme des Graslandes kommt augen­scheinlich der Viehzucht zugute. Der Bestand an Pferden, Rindern und Schafen ist bettächtlich ge­stiegen; nur der Schweinebestand hat sich vermin­dert. Der Viehbestand Großbritanniens wird vielfach unterschätzt. Es waren im Jahre 1909 vorhanden 1,13 Millionen Arbeitspferde, 2,23 Millionen Milchkühe und 1,31 Millionen andere«

sich im großen und ganzen als gutreffenb erwiesen, ba Mehr- und Mindereinnahmen einander an­nähernd ausgleichen. In drei Fällen hat sich aller- bin(3 bie Wirklichkeit anders gestaltet. Das Mehr von 37 Millionen bei den Zöllen ist nur nicht er­reicht, vielmehr ist die Jsteinnahme um 6,5 Mil­lionen dahinter zurückgeblieben. Dagegen hat der Wertpapierstempel über die um 3 Millionen erhöhte Anschlagssumme hinaus eine Mehrein­nahme von 9,1 Millionen und der Stempel von Grundstücksüberttagungen über die durch die Nachttagsquote um 16 Millionen Mark erhöhte Anschlagssumme hinaus eine Mehreinnahme von 9,7 Millionen Mark ergeben.

Der Gesamtüberschuß des Rechnungsjahres 1909, der durch die berichttgte Jsteim.ahme eine Herabminderung von 82,4 Millionen auf 72,2 Millionen Mark erfahren hat, vermindert sich noch weiter um ben bisher bekannt gewordenen Fehl­betrag von 4,2 Millionen Mark, mit dem die Be­triebsverwaltungen der Reichspost und >cr Reichs - eisenbahnen im Rechnungsjabre 1909 abgeschlos­sen haben. Der Gesamtüberschuß stellt sich hier nach auf 68 Millionen Mark. Er mag noch die eine oder andere geringfügige Berichttgung er­fahren, aber eine beträchtliche Ueberschreitung der Etatsanschläge ist in jedem Falle sicher. Da an­dererseits mit Minderausgaben in Höhe von 40 Millionen Mark zu rechnen ist, darf angenommen werden, daß die Einnahmeverhältnisse in der Wirklichkeit sich besser gestatten werden, als der Etat vorgesehen hat. Allerdings ist bei der Be­urteilung des Jahresabschlusses nicht außer acht zu lassen, daß in den Reichshaushausetat für 1909 eine ungedeckte Mattikularumlage von 288% Mil­lionen Mark eingestellt ist, von der die Einzel­staaten nur 48% Millionen Mark übernommen haben.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: .Mach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."

Aus den Parlamenten.

Im Abgeordnetenhause

lag am Montag ein Antrag Aronfohn (fortschr. 85p.) vor bett, die Sicherung des Vertraqsverkältniffes für die Mitglieder Arbeitsausschüsse in staatlichen Be­trieben, der vom Abg. Flesch (fortschr. Vp.) ein­gehend begründet wurde. Regierungsseitig, wie auch von den Abg. Dr. Röchling (natl.) unb Frhr. v. Zed­litz (freik.) wurde der Antrag bekämpft. Dem Ar- beitg -er muffe freie Disposition über seine Arbeiter und auch über seine Arbeiten gewahrt werden. Abg. Gronowski (Ztr.) wollte, daß Arbeiter nur au» glei­chen Veranlassungen entlassen werden dürsten, wie die Beamten. Abg. Seiner! (Coz.) trat für den An­trag ein, der allerdings feiner Fraktion im Jntereffe noch lange nicht weit genug ginge. Der Anttag wurde abgelehnt. Abg. Delius (fortschr. Vp.) be­gründete einen zweiten Antrag Aronsohn (fortschr. Vp.) bett, die gesetzliche Neuregelung des gesamten Veamtenrechts. Abg. Wollkowski (kons.) beantragte namens feiner polittschen Freunde, den Anttag we­gen seiner unbestimmten Umgrenzung zur Vorbera­tung an die Eemeindekommission zu verweisen. Die Abg. Ecker-Winsen (natl.) und Klocke (Ztr.) stimm­ten der Kommiffionsberatung zu. Der Antrag ging an die Eemeindekommission. Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) begründete einen Antrag Borgmann (Soz.) I'etr. Vorlegung eines Gesetzentwurfes über den Er­laß von Verwaltungsverfüaungen. Die heutigen Be­stimmungen bezüglich der Verwaltung- und polizei­lichen Erlasse wären derart, daß der betroffene aufs schwerste geschädigt werden könnte, ohne sich dagegen

immer schützen zu können. Deshalb sei eine gesetz­liche Neuregelung durchaus nötig. Nachdem Aba. Lusensky (natl.) geäußert hatte, daß man doch erst die Vorschläge der Immediatkommrffion abwarten müßte, die sich zur Zett mit dieser Materie beschäf­tigt, wurde der Anttag Borgmann abgelehni. Abg. Klußmann (nal.) befürwortete seinen Anttag, wo­nach es den hannoverschen Landgemeinden gestattet werden soll, sich in Sparkaffen angelegenbeiten rechts- S vor Gericht durch ihre berufenen Organe, ohne

Hine eines Syndikats, vertreten zu lassen. Der Antrag wurde nach kurzer Debatte angenommen. Abg. v. Schmeling (kons.) befürwortete namens der Kommission und seiner Parteifreunde die Petition des Magistrats Breslau um Abänderung des Ge­setzes bett, die Verpflichtung der Gemeinden zum Er­satz des bei öffentlichen Aufläufen verursachten Scha­dens, durch motivierte Tagesordnung zu erledigen, während Abg. Ecker-Winsen (natl.) die Aeberwei- fung als Material verlangte. Der Kommiffions- antrag wurde angenommen. Die Petition des Bür- Servereins in Aschersleben um Einführung der ge­einten Stbftimmung bei Stadtverordnentenwahlen wurde zur Berücksichtigung überwiesen. Die Petition des Bundes Deutscher Militäranwärter (unkündbare Anstellung und Anrechnung der Militärdienstzeit auf da» Besoldungsdienstalter) wurde bezüglich des Staatsdienstes auf Anttag des Abg. Straffer (kons.) zur Berücksichtigung, bezüglich des Kommunaldienstes zur Erwägung überwiesen. Die Petition des Schle­sischen Frauenverbandes um Einführung des kommu­nalen Stimmrechts für Frauen wurde als Material, die Petition des Schlesischen Vereins für Frauen­stimmrecht und des Allgemeinen Deutschen Frauen­vereins um selbständige Ausübung des Eemeinde- wahlrechts durch die grundbesttzenden Frauen zur Berück! lytigung überwiesen. Das Haus vertagte sich auf Dienstag: Krondotation, Eisenbahnanleihegeseh, Rest der heutigen Tagesordnung.

2 ...Jjj,..,. . (Nachdruck verboten.)

Kantate.

rxrr:"' von Anny Mothe, (Fortsetzung.)

Da hatte sie nun wirttich ein Abenteuer, ein ganz richtiges Abenteuer und von München aus, wo sie eine Freundin besucht, hatte sie noch gestern nach Hause geschrieben:

»Nun ist die Reise zu Ende und ich habe nichts, rein garnichts erlebt. Und ich habe doch immer gedacht, daß sich mir ein Wunderland austun mußte unterwegs, das Land meiner Träume."

Die blauen Augen Karleens irrten sehnsüchtig über die Promenade, die jetzt leuchtend im bun­ten Herbstschmuck prankte.

Nie hatte sie ihre Vaterstadt so schön gesehen wie heute an dem herbstlichen Spätnachmittag im gleißenden Sonnengold. Stolz und mächttg hob sich die Fassade des neuen Rathauses mit dem gewaltigen Turm aus den Gruildpscilern der alten ehemaligen Pleißenburg empor und die weitästigen Linden streuten ihren rot und gelb flammenden Blattschmuck lau'los zur Erde. Wie Vergehen und Sterben lag es über der alten Lin­denstadt trotz aller prangenden Herbstschönc und es war, als niüßte man die goldenen Tage fest hatten, die scheiden wollten.

Der Wagen fuhr über die Brücke in die Karl Tauchnitzstraße ein.

Als Karleen klein war, dai bette hier noch hie alte Noitnenmühle gestanden und dahinter sich Schimmels Teich ausgedehnt, Ivo man Scklitt- Ichuh lief. Sie brtie als Kind ost den weiten Tiergarten, den jetzigen Johannopark mit ihrer blten Kinderfrau durchwandert und die hatte ihre Itftiame Saaen erzählt von den frommen Bedu­

inen, die vor Jahrhunderten hier gehaust und die jetzt nachts, wenn das Mondlicht fiel, durch dieNonne" wandelten, den Teil des Waldes, der noch heute nach den frommen Frauen ge­nannt wird. Und ihre feinen Schleier sollten im Winde wehe«, wenn ihnen ein Sonntagskind be­gegnete.

Und als Karleens Eltern dann fast an der Stelle, wo sie ihre bunten phantastifchen Kinder­träume gesponnen, ein großes glänzendes Haus erstehen ließen und sich hier und da andere herr­liche Villen zu einer vornehmen Straße einten, da stand Karleen oft des Abends in ihrem Turmge­mach, und schaute weit hinüber nach dem Nonnen­weg, ob nicht die weißen Zauberschleier der from­men Frauen zu ihr herüber wehten, zu ihr, dem Sonntagskind. Und heute besonders, während sie so versonnen nach dem seltsamen Erlebnis dahin­fuhr, war es Karleen, als rauschte der alte Mär­chenglaube auf; als müßten von da drüben die Schleier der Nonnen sie grüßen und durch das herbstliche Sonncngold des Tages das jetzt lang­sam verblich, zu ihr herüber flottem.

Karleen lächelte leise vor sich hin und sie lächelte noch, als der Wagen vor der stattlichen Villa ihrer Ettern hielt und Puschke, den Hut in der Hand, am Wagenschlag stand und, sich den borstigen Kopf ttatzend, sagte:

Gott verdimm mich, nun sei'n se och schon da, die jenädige Frau Mama, ich seh fe uss'n Balkone."

Und Karleen wintte wie im Traum zu ihrer Mutter hinauf und Puschke lachte über das ganze rote schrumpelige alte .Gesicht und wintte mit denn er fühlte sich sehr zugehörig zur Familie Bermanu, der er schon ein halbes Menschenalter hindurch seine Dienste weihet.

Ueber sich selbst erschrocken, stülpte et den

feinen betreßten Hut wieder über den dicken Kops und wartete in tadelloser Haltung bis seine junge Herrin die Stufen der breite« Freitreppe hinan schritt.

Dann erst nahm er mtt einem hochmütigen Blick auf den Kutscher das Handgepäck und folgte Karleen in's Haus.

August, Friedrich, Wilhelm Puschke, lang­jähriger Markthelfer und jetziger Diener des Hauses Bermanu u. Ko. in Leipzig, wußte wohl, was sich gehörte, o, ja, er wußte es.

Vom Johanna- und Albertpark da drüben zog leiser herber Erdgemch herüber und langsam verglomm das letzte Sonnengold.

Ein kalter Lufthauch kam vom Walde her und graue Nebel zogen heraus. Karleen fröstelte, als sie in die große Halle des Hauses trat. Der Herbst war da und auf die letzten Rosen fiel der erste Reis. -

Nicht all zu wett ab von der prächttgen Villa Alexander Bermanns, ganz in dem Gewirr alter Häuser und Gärten versteckt, unweit der Prome­nade lag ein seltsames, altes Haus.

Ein großer halb verwilderter Garten schloß es ein, den wohl selten fremder Mensch Fuß be­trat. Hundertjähriger Epheu säumte die Wege und ranfte sich hoch hinauf bis in die Krone der dunklen Bäume, die flüsternd erzähltt« von ver­gangenen Sagen.

Durch die dicht verwachsenen Büsche und Laubengänge schimmerten die verwitterten Marmorleiber anttker Gestatten und das hohe eiserne Schmiedetor, das den Garten von der Straße trennte, hob sich abwehrend empor wie eine verwunschene Pforte.

Wenn man vom Tor ben stillen Gartenweg abwärts schritt, sah man bas eite langgestreckte

weinmnrantte Haus mtt seinem verwitterte« Ziegeldach und grünen Fensterladen geheimnis­voll und tief verträumt liegen.

Dann ging es an einem achteckigen fogenannten Sonnentempel vorüber, ben im Sommer bunteb blaue Klematis wild umwucherten. Jetzt llet- terten nur noch mühsam dürre Ranken Boran empor.

Vor dem Hause blieb ein weiter Platz frei, dem zur Seite ebenfalls ein großes schmiede­eisernes Tor, bewacht von zwei steinernen Sphin- xen, abschloß. Mächtige Kandelaber tagten dar­über empor und zu Zeiten, da das alte Haus noch eine Stätte der Freude und Lust war, mochten sie wohl in strahlender Helle ausgeflammt sein, schö« neu Frauen die Wege zu zeigen ttt dem jetzt bet« geffenen alten Gatten.

Der breite Weg vor dem Hause führte hinunter bis zur Pleiße. Hier gediehen Obstbäume und Flieder und wenn der Frühling kam, dann war die Ostseite des alten Hauses ein einziges Blüten- meer und der Duft des Flieders zog über bie alte hölzerne Brücke, die über das schmale Waffel führte und verflog in ben engen Straßen mtt de» bunten Häusergewirr.

Jetzt aber war es Herbst und bie kahlen Aesd der Obstbäume ragten gespenstisch in bie Lus und die grüne» Fensterläden waren fest ge­schloffen.

Wie ein schweigendes Geheimnis lag es uv« dem alten, verwitterten Patrizierhaus.

In einem weiten Gemach zur ebenen Er» das eine Lampe nur matt erleuchtete, sah an einer alten Spinett eine Frau. Sie hatte ben weiß haarigen Kopf mit ben dicken Lockenpuffen übd die dürren Hände gebeugt, die gefaltet auf K Tasten ruhte«.

Jetzt hob bk Fra» daS Haar und ihr«