mit dem Kreisblatt für ine Kreise Marburg Kirchhain
And den Beilagen: »Flach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftliche Beilage."
Marburg
Dienstag, 7. Juni 1910.
Die Jnfertion-gebühr beträgt für die ^gespaltene Zeile I oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — I ik Druck und Verlag: Iah. Aug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerei I 40. JuQlfl, Inhaber Dr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55. I
I Tie „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch die Post bezogen 2 25 Jt (ohne Bestellgelds. bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 vJt.
Roosevelts Heimkehr.
Die Vorbereitungen für die Begrüßung Mr. Roosevelts bei seiner Rückkehr nach New York, die fetzt beendet sind, haben gegen den ursprünglichen Plan insofern eine wesentliche Aenderung erfahren, als der große repräsentasive „Triumphzug", der von verschiedenen Seiten angeregt worden war, in Wegfall gekommen ist. Zur Teilnahme an diesem festlichen Zuge waren Gesuche aus allen Teilen der Unionstaaten eingegangen, und hätten alle Gesuche berücksichtigt werden können, so wäre eine Prozession zustande gekommen, die sicherlich alles bisher auf diesem Gebiete in den Vereinigten Staaten Dagewesene weit in den Schatten gestellt hätte. Theodore Roosevel selbst ist es ge- wesen, der gebeten hat. auf diese Veranstaltung zu verzichten, deren Aufwand, so erklärte er, zu der Ehrung eines Mannes, der zwar Präsident der Vereinigten Staaten gewesen, der ein Staats- mann und ein großer Jäger sei, jetzt aber wieder als einfacher Privatmann lebe, in gar keinem Ver- hälmis stehen würde. Bei der Ankunft des Prä- sidcnten, die etwa um die Mitte deS laufenden Monats erfolgen dürste, veranstaltet die Stadt New York einen offiziellen Empfang im Battery- Park, der den Vorzug besitzt, daß das Publikum von allen Seiten Zutritt hat. Der republikanische Klub wird dem deutschen Schnelldampfer .Kaiserin Auguste Viktoria", auf dem Roosevelt mit seiner Familie die Ueberfahrt macht, bis zur Landungsstelle des Dampfers cntgegenfahren Und an der dort stattfindenden Wasserparade teil« nehmen. Schon jetzt soll in New York festliche Stimmung herrschen. An der Begrüßung des Heimgekehrten werden sich nicht nur die staatlichen Gebäude und die privaten Häuser durch Beflagg- ung, sondern auch die Geschäftswelt und die In- dustrie beteiligen, letztere durch Roosevelt-Anden- ten und Roosevelt-,Schmuckgegenstände, die bereits jetzt käuflich find. Der Volksmund hat auch -bereits verschiedene Lieder entstehen lassen, in denen Roosevelt begrüßt und gefeiert wird. In einem dieser Lieder wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß Roosevelt in naher Zukunft wieder der leitende Staatsmann sein werde. Selbstver- stündlich werden bei dem festlichen Empfang auch die alten Kameraden Roosevelts aus seiner militärischen Dienstzeit nicht fehlen. DaS Regiment der Roughriders wird eine Abordnung zur Teilnahme an den Empfangsfeierlichkeiten entsenden und zugleich, wie aus Galveflon (TexaS) gemeldet wir-, dem früheren Oberst des Regiments ein weißes Roß und einen goldgeschmückten Sattel als Geschenk überreichen lassen. Bemerkenswert ist, daß Mr. Roosevelt, der auf einem deutschen Dampfer seine Reise angetreten und zur Ueberfahrt von Alexandrien nach Neapel einen deutschen Dampfer benutzt hat, auch jetzt wieder zu feiner Rückkehr einen deutschen Dampfer benutzt. Vor aller Welt ist damit wiederum bezeugt, daß die deutschen Ozeanschnelldampfer, was die Sicherheit und Bequemlichkeit der Ueberfahrt un- ganz allgemein ihre sonstigen Leistungen anlangt, im internationalen Reiseverkehr unbedingt den ersten Platz zu beanspruchen haben.
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.1 . •' (Nachdruck verboten.)
Kantate.
von Anny W o t> h e,
»Singet dem Herrn eine neues Lied.* Ps. 98, 1. Der Schnellzug von München nach Leipzig durchbrauste die weite Ebene
In einem Frauenabtcil weiter Klasse saßen zwei Damen gegenüber.
Die eine jung, blond, schlank, mit großen, dunkelumsäumten Blauaugen, in eleganter, grauer Reisetoilette, di« andere, augenscheinlich ältere, in tiefer Trauer.
Ein lang schleppendes, reich mit schwarzem Crepe garniertes Kleid umschloß in weichen Falten die hohe Gestalt und ein dichter schwarzer Schleier, der einen großen Hut umwalte, verhüllte vollständig die Gesichtszüge der Reisenden, die j»b und zu ihr feines Batisttaschentuch unter dem Vchleier an die weinenden Augen drückte. Ein jroßer Trauerkran; aus Lorbeeren mit einer fompösen Schleife war das einzige Reisegepäck -er Trauernden, die erst in Altenburg in den ßug gestiegen war.
»Die Arme", dachte das blonde Gegenüber, ,sie leidet. Wer weiß, wie viel Liebes sie verloren hat* und es war dem jungen Mädchen, als Ke es im warmen Mitempfinden ein paar idliche Worte zu der fremden Frau sagen, die 9t so schmerzvoller Trauer, in so Herzzerbrechen »er Weise ihr gegenüber saß. Wie froh konnte * sein, daß sie das Leid, die Trauer um einen ielleicht unersetzlichen Verlust noch nicht kannte.
Mt »armer Teilnahme ruhten ihre großen Sri!«" *"* Wütigen Augen auf dem trauerndem
Aus den Parlamenten.
| 3« Abgeordnetenhaus«
I wurde am Sonnabend der Gesetzentwurf betr. die I Schulversäumnisse im ehemaligen Herzogtum Porn- I mein und Fürstentum Rügen in dritter Lesung de- I battelos angenommen. Zum Anträge Biereck I (frelkons.)-Dr. v. Kries (kons.)-v. Wentzel (kons.) I betr. die Mehrbelastung bei Beamten, Geistlichen I 2efiter durch Abgaben für die Sozietätsschulen I in Westpreußen und Posen, wies Abg. v. Wentzel I (kons.) auf die unhaltbaren Zustände hin, die in d>e- I l£r Begehung fn Westpreußen und Posen herrschten. I Die Regierung habe bereits im Jahre 1907 Abhilfe I zugesagt, doch sei bis heute noch nichts geschehen. Der I Antrag wurde nach kurzer Besprechung angenommen. I Abg. Hammer (kons.) begründete einen Antrag betr I °en Schutz des Handwerks gegen die Konkurrenz der I Gefängnisarbeit und empfahl die Einsetzung eines I Beirats aus Sachverständigen der Handels-, Hand- I Werks- und Landwirtschaftskammern, um die er- I hobenen Beschwerden auf ihre Berechtigung zu prü- I fen und Mittel zu finden, um die Eefängnisarbeit I 1° zu gestalten, daß sie der freien Arbeit keine Äon« I kurrenz machen kann. Trotzdem in den Gefängnissen I nur Handarbeiten angefertigt werden sollen, würden I in einzelnen Anstalten Elektro- und Easmotore ver- I wandt. In der Gewinnbeteiligung der Eefängnis- I beamten an den Eefängnisarbeiten sei ein Antrieb zur Konkurrenz mit der freien Arbeit gegeben. Auch
I die Verwendung von Gefangenen in der Landwirt- I schäft sei nicht überall erwünscht. Der Redner bat I um Annahme seines Antrages ohne Kommissionsbe- I ratung. Die Vertreter der Ministerien des Innern und der Justiz erklärten, daß ihre Ressorts stets bemüht wären, den Anregungen aus dem hohen Hause zu folgen, um eine Konkurrenz der freien Arbeit zu vermeiden. Nachdem die Vertreter aller Parteien zum Anträge Hammer zusttmmende Erklärungen abgegeben hatten, wurde er ohne vorhergehende Kom- misstonsberatung angenommen. Abg. Dr. (Krüger (Hagen Loitsch. Vp) empfahl einen Antrag Aron-
I sohn u. Gen. (fortschr. Vp.) betr. Zulassung der fa- kultatioen Feuerbestattung. Abg. Dr. Schmitt (Düsseldorf, Ztr.) sprach gegen den Antrag. Abg. Dr Hintzmam, (natlib.) erklärte sich für die Feuerbestat- iy.nS- Die Verhältnisse der Großstädte zwängen zur Einführung der Einäscherung unserer Toten. Abg. Styczynski (Pole) sprach gegen die Feuerbestattung, die er ein Kind des Unglaubens nannte. Abg. Dr Gaigalat (kons.) erklärte, daß der größte Teil seiner Partei gegen den Antrag stimmen würde. Besonders dre ländliche Bevölkerung widerstrebe der Feuerbestattung. Die alte christliche Sitte der Erdbestattung müsse erhalten bleiben, man dürfe nicht einen Stein nach dem anderen vom Bau der christlichen Kirche abbröckeln lassen. Der Antrag Aronsohn wurde schließlich mit geringer Mehrheit angenommen. Das Haus vertagt« sich um 4% Uhr auf Montag vormittag 11 Uhr.
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Politische Umschau.
Interpellation im Abgeordnetenhause wegen der Borromäns-EnzyNika.
Die konservative Partei des preußischen Abgeordnetenhauses hat folgende Interpellation eingo- bracht: „Was gedenkt die Staatsregierung zu tun, um durch die Preußische Gesandtschaft beim Vatikan oder auf anderem Wege solchen Beschimpungen der evangelischen Kirche, wie sie in der Enzyklika des Papstes vom 26. Mai enthalten find und die den konfessionellen Frieden ernstlich gefährden, wirksam entgegenzutreten?"
Und plötzlich war es ihr, als treffe sie unter dem Schleier hervor aus dunklen Augen ein heißer flammender Blick, so seltsam, daß Karleens Seele tief erschauerte.
In demselben Augenblick fuhr der Zug in die Halle des Bayerischen Bahnhofes ein.
Fast verwirrt sprang Karlex» empor und griff nach ihrem Handgepäck.
Die Dame in Trauer hatte wieder weinend das Tuch gegen die Augen gedrückt.
Der Zug hielt. Die Koupeetüre wurde geöffnet und in dem Rahmen derselben standen zwei Männer, die mit scharfen Blicken die beiden Insassen musterten.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau", wandte sich der ältere der beiden Herren an die schwarze Dame, die den mächtigen Trauerkranz jetzt über den Arm hängte und sich anschickte auszusteigen. „Ist Ihnen vielleicht auf Ihrer Tour nach hier die Erscheinung eines jüngeren Mannes ausgefallen, groß und schlank, ohne Bart in Tiroler Tracht, der diesen Zug benutzt hat und jetzt spurlos verschwunden ist?"
„Um Gotteswillen" schluchzte die Dame mit gedämpfter Stimme in ihr Taschentuch. „Es wird doch nicht irgend ein Ueberfall in der Eisenbahn — Man liest so schreckliche Sachen."
Karleen zitterte an allen Gliedern. Sie wußte selbst nicht, warum plötzlich eine so entsetzliche Angst über sie kam.
„Haben Sie den Herrn auf irgend einer Sta- tton bemerft?" fragte der Beamte scharf, jetzt zu Karleen gewandt.
„Rein, Herr Polizeirat,' gab Karleen hastig zurück. „Mir ist niemand ausgefallen, die Dame hier stieg erst in Altenburg ein.*
»Ach, Fräulein Beryumu,* rief der alt« Herr. I
Auch die Freikonservativen brachten im Abge- ordneienhause eine Interpellation über die Enzyklika ein, welche fragt, was die Regierung zu tun gedenkt, um dem öffentlichen Aergernis zu steuern und für die Zukunft derartige Störungen des konfesstonellen Frieden innerhalb der preußischne Machtgrenzen vorzubeugen.
Die nationalliberale Fraktion hat folgend« Interpellation eingebracht: „Die in dem „Osserva- tore Romano" veröffentlichte Borromäns-Enzyklika enthält Schmähungen der evangelischen Kirche, ihrer Reformatoren und der der Reformation zugetanen deutschen Fürsten und Völker. Welche Maßnahmen gedenkt die Staatsregierung zu ergreifen, um den durch die Veröffentlichung bedrohten konfesfionellrn Frieden in Preußen zu sichern?"
Weiter schreibt die „Deutsch-Evang. Korr.": „Preußen unterhält eine Gesandtschaft am päpstlichen Hofe. Die diplomatischen Beziehungen sind nicht abgebrochen, wie in Frankreich. Im Gegenteil, unter peinlichster Innehaltung der kurialen Etikette hat erst neulich der deutsche Reichskanzler dem Papst seinen Besuch abgestattet. Als "am meisten verkommene Fürsten und Völker" werden nun die Vorfahren des Hohenzollernkaisers und der deutschen Stämme beschimpft, die die Reformation angenommen haben. — Da wird sich die preußische Regierung nicht mit der lahmen Stellungnahme in der halbamtlichen „Norddeutschen Allgem." begnügen können; sie wird handeln müssen. Hoffentlich erfährt man bald, was sie getan hat ober zu tun gedenkt." — Die Forderung, sofort die päpstliche Gesandtschaft am päpstlichen Hofe abzurufen, wird auch von anderen Blättern erhoben.
Deutsches Reich.
-- Papst und Kaiser. Die Mailänder „Perse- veranza" meldet, wie der Draht uns berichtet, daß der Papst sich beim Deutschen Kaiser drahtlich nach dessen Befinden erkundigt habe, indem er ihm seine besten Wünsche zur baldigen Genesung übermittelte. B
— Der Kaiser gegen die Borussen. Die Korrespondenz „Deutsche Preß-Nachrichten* erzählt, daß der Kaffer anläßlich seines letzten Aufenthaltes auf der Hohkönigsburg Veranlassung genommen habe, auch die Handlungsweise der Bonner Borussen im Gespräch zu erwähnen. Er sei über deren Benehmen sichffich empört gewesen und habe sie mit den allerschärfsten Worten als ein Schandfleck für die ganze deutsche Studentenschaft bezeichnet.
— Nordlandsreise des Kaisers. Berlin, 3. Juni. Der Kaiser tritt seine Rordlandsreise am 4. Juli von Kiel aus an.
— Die Einweihung des Hohenfriedberg-Denk- malS. Hohenftiedberg Schl., 4. Juni. In Gegenwart des Kronprinzen als Stellvertreters de« Kaisers, deS Prinzen Johann Georg von Sachsen und des Erzherzogs Karl Franz Josef von Oesterreich fand heute mittag die feierliche Einweihung des Denkmals statt, das vom Militär- verein ehemaliger Kamerad«» der Königlich sächsischen Armee unter Mitwirkung des Oester-
„Jetzt erkenne ich Sie efft. Verzeihen Sie die Belästigung, aber wir suchen einen Herrn, der sich I mit einer unglaublichen Gewandtheit immer wie
der den Händen der Polizei entzieht, trotzdem wir schon verschiedene Male nahe daran waren, ihn zu verhaften. Wenn die Dame efft in Altenburg eingestiegen ist," fügte er mit forschendem Blick auf die Trmiernde hinzu, „was ja Ihr Zeugnis, mein gnädiges Fräulein, zur Genüge beweist, so kann sie mit Ihnen ungehindert passieren. Müller", rief er dem andern Herrn zu, „geleiten Sie die beiden Damen bis zum Ausgange des Bahnhofes und geben Sie acht, datz niemand ohne Kontrolle der unserigen den Bahnsteig verläßt."
Er zog grüßend den Hut und schritt weiter und Karleen ging an der Seite der trauernden Frau mit dem Kriminalbeamten Möller als Geleit, eiligst dem Ausgange des Bahnhofsgebäudes zu.
Karleens Her; ttopste zum Zerspringen. Sie hatte ihre Aussage dem alten Polizeirat Weber j gegenüber, den sie gut kannte, plötzlich unter dem zwingendem Blick der dunklen Augen gemacht, die durch den Traueffchleier so gebietend zu ihr herüber blitzten und trotzdem Karleens Aussage keine Unwahrheit enthielt, kam es doch wie ein« heiße quälende Angst über sie.
Wie befreit atmet« fit auf, als sie endlich das Frei« gewann. Und da sah sie wieder in ein paar große flammende Augen und eine tiefe Stimme, di« völlig anders flang, wie die der schluchzenden Frau im Koupee, sagte leidenschaftlich erregt.
„Sie haben mir daS Leben, ja vielleicht mehr noch gerettet, gnädiges Fräulein, ich danke Ihnen."
Karleen schrie fast laut auf und sah tief erschreckt der dunklen Frauengestalt nach, die soeben im Innern einer Droschke verschwand. '
reichisch-Ungarischen Hilfsvereins „Austria* P» Breslau für die Gefallenen auf dem Schlachtfelde von Hohenfriedberg errichtet wurde. Z«r Feier waren auch der Füfft von Pleß, viele Gene- räle und Abordnungen veffchiedener Truppenteile effchienen.
— Die Beteranenbethtlfen. Berlin, 4. Juni. Wie nach einer Berliner Korrespondenz verlautet, will die Regierung im Herbste einen neuen Ent- wuff vorlegen, nach welchem allen KffegS- veteranen, die das Alter von 65 Jahren erreicht und ein Einkommen von nicht mehr als 900 rJt haben, Jahresbeihilfen von 120 JK zu gewähren sind. Voraussetzung dafür ist, daß das Wertzu- wachssteuergesetz in einer einigermaßen befriedigenden Form zur Erledigung gelangt. Einer Wehffteuervorlage ist die «Regierung nach der gleichen Quelle schon deshalb abgeneigt, weil sie überzeugt ist, daß die Erträge dieser Steuer bei der Kostspieligkeit ihrer Veranlagung nur gering sei« würden.
— Ahlwardt Reichskandidat? Ahlwardt, der „Rektor aller Deuffchen" der seit Monaten sich in Dresden häuslich niedergelassen hat und dort eine umfangreiche Tätigkeit für den Freidenkerbund enffaltet, hat anscheinend wieder Sehnsucht nach einem Reichstagsmandat. Er hat sich höchstselbst entschlossen, in dem durch den Tod Oswald Zimmermanns verwaisten 20. sächsischen Reichstags- Wahlkreise (Zschopau-Marienberg) aufstellen zu lassen. Es fehlt nur noch an den Leuten, die ihn aufftellen Und die dürften sich nicht ganz st leicht finden.
— Luftschisfahrt. Friedrichshafen, 4. Juni. Das Luftschiff „L Z 6* ist heute Nachmittag 4 Uhr aufgestiegen. Es machte eine Fahrt in der RichMng nach Konstanz. Um y2ß Uhr erfolgte eine glatte Landung vor der Luftschiffhalle im Riedle-Park. Um %6 Uhr stieg es zum zweiten Male auf und flog in der Richtung nach Lindau. Beide Fahrten wurden unter der Fühmng deS Grafen Zeppelin unternommen, der heute Vormittag mit den Herren des Aufstchtsrats der Deuffchen Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft beriet und sie zu den Fahrten eingeladen hatte. An jeder Fahrt nahmen 10 Gäste teil. Weiter wird gemeldet: Die zweite Fahri des „L Z 6" dauerte etwa eine halbe Stunde. Gegen 5 Uhr 15 Mn. erfolgte die Landung vor der Halle, in der das Luftschiff dann geborgen wurde.
Ausland.
** Unruhen in China? London, 4. Juni. Ein Telegramm der „Times* aus Shanghai sagt, daß Nanking der Ausbruch von Unruhen befürchtet werde. Der brittsche Konsul fordert all« britischen Untertanen auf, die Stadt zu verlassen und sich in die Vorstadt Hstakwan zwischen der Stadtmauer und dem Schlosse zu begeben, wo fit unter dem Schutze eines ausländischen Kriegsschiffes stehen werden. Der Korresponden fügt hinzu, daß der Haß gegen die Ausländer nicht die eigentliche Uffache der Unzufriedenheit ist, sondern daß die Bewegung in erster Linie sich gegen die Beamten richte. Die in Nanking erscheinende chinesische Zeitung wirst den Beamten vor, große Summen gelegentlich der Vorberrit- gjSg=SS====j==^ 1 - • ......i ■ — ----1
Wie angewurzelt stand das junge Mädchen in dem bunten Bahnhofsgewühl. Die Hülle der Frau dort, deren trauriges Geschick ihr ganzes Mitleid erweckt hatte, die barg den gesuchten Verbrecher. Mußte sie nicht umkehren und dem Polizeirat ihre Wahrnehmung mitteilen? Nein, sie hatte nicht die Kraft dazu. Die dunklen Frauenaugen bannten sie.
Worilos, ohne den ölten langjährigen Diener ihres Hauses, der jetzt am Wagenschlag stand und sie ganz blöde anstarrte, auch nur zu grüßen, stieg sie in den bereitstehenden Wagen.
Puschke, der Diener machte einen Kratzfuß und steckte dann seinen grauhaarigen boffttgen Kopf verttaulich durch di« Wagentür. „Die jenädige Frau Mamma lassen ooch noch eenen scheene« Gruß aufs jenädige Frcilein sagen, un de jenädige Frau Mamma hätte noch draußen zu tim. Uhre finfe aber wäre se da — ja, de wäre st da, un so.*
„Los, Puschke," bot Karleen ungeduldig. Wie dankte sie dem Himmel, daß niemand von den Ihrigen sie erwartet hatte. Jeder Nerv zitterte ihr noch, wenn sie an den Blick dachte, der sie getroffen.
„Mein Gott, wenn der ftembe Mann, mit dem sie eine ganze Stunde allein im Koupee gesessen, vielleicht ein Mörder war?*
Ein gefährlicher Verbrecher war er sicher. Welche Raffiniertheit und welche Schamlosigkeit gehörte dazu, sich in der Hülle einer tief Trauernden zu verbergen, um seinen Häschern zu entfliehen? :
Karleen seufzte ganz laut und drückte ihr blon- ’ des Haupt tiefer in die Polster des Wagens.
(Fortsetzung folgt.)
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