MchM Iälmg mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain wnb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
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Tie „Oberheflische Zeitung" erscheint täglich mit Rn?nabme der Sonn« und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch di: Post bezogen 2 25 JC (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 r<H.
Marburg
Sonntag, 5. Juni 1910.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 80 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversttätS-Buchdruckerei Inhaber Dr. Ci Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
45, Jahrg.
Erstes Blatt.
Die heutige Nummer umfaßt 3 Blätter.
Umschau im Auslande.
Der König der Belgier ud die sympathische Königin haben den ersten ihrer offiziellen Antrittsbesuche in Berlin abgestattet. Da» ist von symptomatischer Bedeutung, und ist ein Ausdruck für die guten Beziehungen, die zwischen uns seit einigen Jahren herrschen. Der junge König, dessen Thronbesteigung mit solchem Enthusiasmus von seinen Untertanen begrüßt worden ist und der sich seitdem aller Herzen erobert hat, verdient schon deshalb Bewunderung, weil er den festen Willen bekundet hat, die Mißbräuche im Kongo abzustellen.
C h i n a hat soeben durch die Entsendung der Mi- litärkommission, an deren Spitze Prinz Tsai-Tao steht, nach Deutschland bekundet, daß es dem türkischen Beispiel folgen und seine Armee ganz nach deutschem System reformieren will. Der Prinz, ein Bruder des hier als Sühneprinzen bekannten Prinzregenten Tschun-Tsai-Fong, macht durch sein elegantes und taktvolles Auftreten einen sehr günstigen Eindruck. Man sieht auf den ersten Blick, daß man das Mitglied eines alten Herrscherhauses vor sich hat, während die milden, weichen Züge seines Gesichts so frei von kriegerischem Ausdruck sind, daß man ohne weiteres die großen Schwierigkeiten begreift, die China zu überwinden haben wird, um sich ein modernes Heer zu schaffen.
Spanien lenkt durch neue Dynamitattentate die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. E» scheint, als ob das in den letzten Jahrzehnten so stark zurückgegangene Land seit den Revolutionstagen von Barcelona nicht mehr zur Ruhe kommen solle. Die letzten Wahlen haben eine so bedeutende Steigerung der republikanischen Stimmen gezeigt, daß die spanische Regierung gut täte, diesen inneren Gefahren und Schwierigkeiten eine größere Aufmerksamkeit zu widmen, anstatt sich in der Rolle einer Großmacht zu gefallen, die Spanien doch definitiv ausgespielt hat. Nur wenn Spanien bescheidener in der auswärtigen Politik wird und sich ausschließlich der Sanierung seiner inneren Zustände widmet, kann es hoffen, ohne Revolution die jetzige Krisis zu überwinden.
Griechenland kann ebenfalls seine« staatlichen Lebens nicht wieder froh werden. Die revolutionäre Krisis, in der der König der Hellenen eine über jedes Lob erhabene Mäßigung und Weisheit gezeigt hat, scheint überwunden zu sein, aber die Zukunft ist noch ungewiß, denn die Torheit der Kreter kann den Jungtürken ur zu leicht die ersehnte Gelegenheit bringen, ihre Waffen wiederum gegen Grie- chenland zu erproben. Es wäre geradezu unbegreiflich, wenn die Schutzmächte nicht mit allen Mitteln verhindern würden, daß es zum äußersten kommt. Das deutsche Reich ist glücklicherweise an diesen ganzen Händeln unbeteiligt.
Die Wiener „Reue Freie Presse" hat die Tatt- lofigkeit besessen, einen offenen Brief an den italienischen Ministerpräsidenten LuMtti zu veröffentlichen und ihn aufgefordert, zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn ein Einvernehmen über die Flottenrüstungen zustande zu bringen. Daß sich die ,Zreie Presse" eine entsprechende Ablehnung gefallen lassen mußte, war zu erwarten. Italien muß sich eine starke Flotte schaffen, um. im Mittelmeer gegenüber Egland und Frankreich gebührede Stellung zu erlangen. Auch vom Standpunkt der Verbündeten Italiens, also de, Deutschen Reiches ftnd der habsburgischen Monarchie, ist zu wünschen, daß Italiens maritime Stellung im Mittelmeer nte^r und mehr gekräftigt wird. Xie Apostrophe des Wiener Börsenblattes war überdies einigermaßen erheiternd deshalb, weil Oesterreich mit dem Bau pon großen Panzerschlachtschiffen noch gar nicht be- gönnen hat, von einem Wettrennen zwischen den beiden Staaten in bezug auf derartige Schiffe also noch gar nicht die Rede sein kann.
So oft gewiffe Kreise in Frankreich einmal besonders unzufrieden sind mit Tempo oder Richtung der offiziellen fianzösischen Marokkopoli,tik, wird die Presse mit sensationellen Nachrichten über an- «rchisttsche Zustände im Lande des Sultans Mulay Hafid überschwemmt, aus denen erfahrungsgemäß Mr das allein mit Bestimmtheit geschlossen werden Ian, daß jene Clique wieder einmal eifrig am Werk ist, die marokkanischen Verhältnisse so zu verwirren, haß irgendwelche Zwischenfälle für die marokkanische Vormacht eine geeignete Handhabe zur Intervention dieten können. Beliebte Werkzeuge für jene ftanzö- ßschen Politiker sind die verschiedenen marokkanischen
Thronprätendenteiu deren latenter Ehrgeiz sich leicht zu allerlei Putschen und Abenteuern verwerten läßt, die meist recht harmlos sind und erfolglos verlaufen. Diesmal sind es die Verhandlungen der internationalen Minenkommistion, welche die französischen Chauvinisten wieder auf den Plan rufen. Sie verhielten sich still, solange es den Anschein hatte, als ob eine Einigung über ein marokkanisches Minenreglement zwischen den Repräsentanten Deutschlands und Frankreichs ausgeschloffen schien. Kaum hat sich darin aber ein Wandel vollzogen, kaum ist das Zustandekommen einer Verständigung wahrscheinlich geworden, so lassen sich wieder ihre Minen sprengen. Wir oft z. B. bereits Meldungen aus Tanger die Proklamation Mulay Kebirs zum Sultan verkündet haben, vermag man nicht festzustellen. Ein halbes Dutzend mal war es aber bestimmt schon der Fall und stets waren es Enten. Die französische Regierung sollte es sich jedoch angelegen sein lassen, gegen derartige beunruhigende Meldungen Front zu machen.
Die Borromäus-EnzyMa.
Unter der lleberschrift „Eine Beschimpfung des evangelischen Glaubens" schreibt die „Cons. Äon.":
Durch die Tagespreise geht die Mitteilung van dem Erscheinen einer am 29. Mai d. I. erlassenen päpstlichen Enzyklika aus Anlaß der vor 300 Jahren erfolgten Heiligsprechung des Carl Borromeus, dessen höchstes Streben bekanntlich dahin ging, die ihm verhaßte Reformation im Keime zu ersticken. Die Richtigkeit der Uebersetzung vorausgesetzt, enthält diese Enzyklika eine ebenso unwahre wie unerhörte wegwerfende Beurteilung der Reformation und der evangelischen Kirche.
Die hierzu berufenen Organe der evangelischen Kirche werden sicherlich nicht verfehlen, diese von Haß gegen den Protestantismus, von einer krassen Unkenntnis der Geschichte und einer völligen Verkennung des Wesens der Reformation zeugenden Ausdrücke und Gedanken gebührend zurückzuweisen.
Wir sind geradezu empört über eine derartige Kundgebung und es soll daher auch an dieser Stelle betont werden, daß solche Worte das Empfinden weitester Kreise der evangelischen Staatsbürger auf das tiefste verletzen, sowie den konfessionellen Frieden direkt gefährden müssen und daß keine Zurückweisung gegen solche Angriffe scharf und nachdrücklich genug sein kann!
Die „Mitteilungen der Zentral-Auskunstsstelle der katholischen Presse" suchen die Wirkung der Enzyklika folgendermaßen abzuschwächen:
„Das päpstliche Rundschreiben, das in italienischer Sprache abgesaßt ist, wendet sich an das katholische Volk Italiens und hat in erster Linie die italienischen Reformatoren im Auge, denen Pius X. den heiligen Erzbischof von Mailand Karl Borromäus gegenüberstellt. Selbstverständlich find aber nicht ausschließlich die italienischen Reformatoren gemeint. Wenn man dies vor Augen behält und bedenkt, daß der Papst keine geschichtliche oder gar kirchenpolitische Abhandlung schreiben wollte, sondern als oberster Hfrte und Lehrer vom dogmatischen Standpunkte aus spricht, so erscheinen die Aeußerungen Pius X. über die Reformation und die Reformatoren in einem anderen Licht, als die Beleuchtung, die ihnen in einem großen Teile der akatholischen Presse zu teil wird. Es liegt bekanntlich im Wesen der katholischen Kirche, daß sie dogmatisch intolerant ist. Wenn sie also die Reformation dogmatisch betrachtet, wie das hier der Papst tut, so kann sie dieselbe nur eine Revolution gegen die katholische Glaubens- und Sittenlehre nennen."
Darauf gibt die „Kreuzzeitung" folgende scharfe Antwort:
„Das sind sehr schwache und üble Ausreden. Die dogmatische Verurteilung der Reformation durch den Papst würden die Evangelischen sich nur zur Ehre anrechnen, auch wenn die Ausdrücke noch schroffer wären. Dogmatisch intolerant ist die evangelische Kirche nämlich auch, und fie ist sich ihre« dogmatischen Gegensatzes gegen die katholische sehr wohl bewußt. Hier aber handelt es sich um moralische Verunglimpfungen. Will der Papst, daß ihm die evangelische Kirche durch ihre amtliche Vertretung mit einem Sündenregister der Päpste, des katholischen Klerus und der katholischen Fürsten und Völker antwortet? Oder welchen anderen Zweck haben seine Angriffe? Darauf möge die katholische Presse, die sich die Verbreitung der Enzyklika ange- legen sein läßt, eine klare und unzweideutige Antwort geben. Aber davon abgesehen: die ganze gesittete Welt, ob katholisch oder akatholisch, wird die Aeußerungen de« Papstes als höchst bedauerliche Verirrungen be« sittlichen Empfinden« auffassen."
E« soll Übrigen« nicht Vergessen werden, daß Me
katholische Presse Deutschlands mit großem Nachdruck betont, daß man mit den protestantischen Volksgenossen gern auch in religiösem Frieden lebt und wir geben der „Köln. Volksztg." völlig recht, wenn sie fiagt: „Wohin sollten wir auf diesem Wege kommen?" wenn man nämlich den Streit auf bas konfessionelle Gebiet hinüberzöge.
Alle biete Erwägungen können uns aber nicht abhalten auszubrücken, baß bie Protestanten bie Worte bet Enzyklika als eine Beschimpfung empfinben. Die nur größer wird durch bie Art wie die „Germania" sich zu der Sache äußert. Sie sagt: „Wer von solchen Gefühlen beseelt ist, sollte gegen die herben Vorwürfe gesichert fein, die jetzt in einem Teil der protestantischen Presse gegen Papst Pius X. erhoben werden, wenn er mit apostolischem Freimut Worte sagt, die den Protestanten als Anhängern der „Reformation" unangenehm in den Ohren klingen. Man beklage sich doch nicht über „Störung des konfessionellen Friedens", wenn die Wahrheit gesagt wird." — Heber bie wirkliche „Wahrheit" dürfte weitaus bet größte Teil bes Volkes anders denken!
Politische Umschau.
Die Erhöhung der preußischen Krondotation.
Berlin, 3. Infi. Die „Norddeutsche Allg. Zeitung" schreibt: Dem preußischen Landtage wird eine Vorlage über die Erhöhung der Kron- doiation zugehen.
Während sich in den meisten anderen Bundesstaaten zwischen Krone und Staat in der ganzen ersten Hälfte und in der Mitte des vorigen Jahr- hundetts Kämpfe um den Domänenbesth sich abspielten, überließ die Krone Preußens, indem sie immer die eigenen Interessen hinter denen deS Staates zurücktreten ließ, bereits durch eine königliche Verordnung vom 17. Januar 1820 sämtliche Domänen und Forsten gegen eine feste für den Unterhalt der königlichen und sämtlichen prinz- lichen Familien, Hofftaaten und Hofinstitute bestimmte Rente von 2% Millionen Talern ober mit Goldagio 7 719 296 M. Für diesen Akt der Selbstlosigkeit der Krone war die Absicht maßgebend, nach den napoleonischen Kriegen das wirtschaftlich tief darniederliegende Land wieder aufzurichten und durch regelmäßige Abtragung der schweren Kriegsschulden den Staatskredit zu heben. Die ungünstige Lage, in welche die Krone durch die Hingabe steigerungsfähiger Einnahmen gegen feste Bezüge gekommen ist, wurde in der Folgezeit durch das beständige Sinken des GeldwetteS noch verschärft, wogegen die mit der Zeit sich ein* stellende bedeutende Wert- und Ertragserhöhung der Domänen und Forsten aus diesem Abkommen allein dem Staate zugute kam. Gegenwärtig beläuft sich die Kronrente auf 15% Millionen, auf welchen Betrag sie nach und nach durch Gesetze von 1859, 1868 und 1889 gebracht wurde. Seit diesem letzten Zeitpuntt, also 21 Iahten, hat eine Erhöhung der Kronrenete nicht mehr stattgeftm- den, obwohl die an sie gestellten Ansprüche dieser Zeit bei der allgemeinen Steigerung der Kosten, die Vergrößerung der königlichen und pttnzlichen Familien, der steigende Bedarf für die Unterhaltung zahlreicher, in den neu erworbernen Landesteilen meist nur aus allgemein politischen Gesichtspunkten von der Krone übernommenen Schloßbesitzungen und die königlichen Kuust- inftitute eine andauernde Vermehrung erfahren haben. So erfordern z. B. allein die Hisstheater in Berlin, Cassel, Hannover und Wiesbaden einschließlich der Pensionslasten eine jährliche Aufwendung von 2% Millionen, das sind mehr al- 17 Prozent der gesamten Kronrente. Infolge dieser Umstände sirü» die Jahreslasten der Krone nach den von der Oberrechnungskammer geprüften Rechnungen von 1890 bis 1908 um mehrere Millionen gesttegen. Um diese Ausgaben zu decken, mußte etwa feit Mitte des letzten Jahrzehnts deS vorigen Jahrhundetts in immer steigendem Maße das Privawermögen der Krone beansprucht werden. Ferner war die Krone, dem Vorgehen deS Staates und der Gemeinden folgend, in jüngster Zeit genötigt, die Bezüge ihrer Beamten, und zwar vorzugsweise der mittleren und unteren, erheblich — zuletzt im Gesamtbeträge von rund einer Million — aufzubessern. Endlich , wird nicht außer Acht zu lassen fein, daß auch zukünftig mit der Zunahme der Kosten, insbesondere mit den erhöhten Aufwendungen für Apanagierung der Heranwachsenden Pttnzen des Königshauses zu rechnen ist.
Deutsches Reich.
Der Kronprinz begab sich gestern Morgen nach Fürstenstein in Schlesien. Die Rückkehr erfolgt am 5. Juni abends. — Daraus geht hervor, daß die Hand des Kaifers wieder soweit hergestellt sein muß, daß er die Hilfe des Kronprinzen entbehren kann.
— Ein reicher Fürst. Fürst Georg zu Schaum- bürg Lippe hat durch Erlaß mttgteilt, daß er, um die Aufbesserung der Beamte«* und Lehrerge
hälter zu ermöglichen, der Landeskasse aus seinem eigenen Vermögen die Summe von 100 000 JH zur Verfügung stelle mit der Bestimmung, daß diese Summe so lange in Anspruch genommen werden könne, bis die regelmäßigen Einnahmen wieder die zum Ausgleich des durch die Gehaltserhöhung entstehenden Mehrbedarfs erforderliche' Höhe erreicht haben. Der Fürst fügt hinzu, daß er mtt dieser Zuwendung feinem Lande und feiner Beamtenschaft einen erneuten Beweis seiner landesväterlichen Fürsorge und Zuneigung geben wolle.
— Geschäftsdispositionen des Abgeordneten- haufeS. Berlin, 8. Juni. Der Seniorenkonvent des preußischen Abgeordnetenhauses beschloß, aus die Beratung des noch vom Herrenhause zu erledigenden Wegegesetzes für Ostpreußen und des Gesetzes über die Reinigung öffentlicher Wege vor der Vettagung zu verzichten, dagegen das ®e- setz über das Fottbildungsschulwesen, da? Steife« kostengesetz, das Eisenbahnanleihegesetz, die Rogaworlage und mehrere andere kleinere Vorlagen, sowie Wahlprüfungen noch zu beraten. Dieser Arbeitsstoff dürfte bis Ende nächster, spätestens Anfang übernächster Woche bewältigt fein. Der Schluß des Landtages ist jedenfalls vor dem 20. Juni zu erwarten.
— Die chinesische Kommission in Berlin. Ser«, lin, 3. Juni. Dem Prinzen Tsai Tao und der chinesischen Militärstudienkommisston wurden heute Vormittag die Einrichtungen des Lustschifferbataillons, des Militärtelegraphenbataillon« und der Kavallerietelegraphenschule auf dem <3t*\ lände des Luftschifferbataillons bezw. auf dem Tegeler Schießplatz vorgeführt. Zunächst fand ein felddienstmüßiges Exerzieren mit einem Drachenballon statt. Der Ballon stieg an einem Seil unter der Führung eines Offiziers auf. Der Prinz nahm sodann an einer Fahtt mit dem Drachenballon teil und an einem Aufftteg des Luftkreuzers „P II*.
— Die Turiner Industriellen in Berlin. Berlin, 3. Juni. Den Abschluß der festlichen Veranstaltungen zu Ehren der Turiner Kaufleute und Jndustttellen bildete ein glänzendes Gattenfest, das der Reichskanzler gab. Mehr als 800 Per-, sonen hatten der Einladung des Reichskanzler- Folge geleistet. Unter den Gästen befanden sich' der italienische Boffchafter, das Personal der italienischen Botschaft, Staatssekretär Freiherr toon; Schoen, Staatssekretär Delbrück, Staatssekretär' Wermuth, Handelsminister Shdow, Polizeipräsident Jagow und Oberbürgermeister Kirschner. Ferner vom Deutschen Handelstag, von der Handelskammer Berlin und den Aeltesten der Kaufmannschaft eine große Anzahl Vettreter. Der Kanzler empfing die Gäste und zog einen nach dem anderen ins Gespräch. Im Saufe des Tages wurden verschiedene Besichtigungen von industriellen Etablissements vorgenommen. Der größte Teil der italienfchen Gäste tritt morgen die Rückreise an.
— Ein Friedhofsprozeß. Metz, 3. Juni. Vor der hiesigen Strafkammer begann heute Vormittag die Verhandlung in dem Gettinger FriedhofSpro- zeß. Angeklagt sind neun Mitglieder des Gemeinderates des lothringischen OrteS Gettingen, durch Drohungen den Königen Bürgermeister veranlaßt zu haben, feine bereits gegebene Zusage zur Beerdigung des protestantischen Försters Jl- hardt innerhalb der Reihengräber des Gettinger Friedhofes (Gettingen zählte damals außer einigen Mennoniien und einer protestantischen Försterfamilie nur Katholiken) zurückgezogen zu haben, ferner fallen sie durch Drohungen das Einverständnis des Sohnes des Försters mit der Beerdigung außerhalb der Reihe erlangt und den Sohn außerdem öffentlich wörtlich beleidigt zu haben. Die Verhandlung, zu der 31 Zeugen geladen waren, wurde heute noch nicht zu Ende geführt und auf morgen vertagt.
— Die Prozeßfucht in DeutschSüdwestasrika. Seitdem der Staatssekretär des Reichs Kolonialamtes den Südwestafrikanern znm Vorwurf ge-- macht hatte, daß bie Prozeßsucht in der Koloni, fehr ausgeprägt fei, ist ein Streit über dieses Thema entstanden, in dessen Verlauf u. a. der Vorwurf erhoben worden war, daß der FiskuS selber einer der größten Prozeßhansen sei und zumeist seine Sache verliere. Von amtlicher Seitr wird dagegen erwidert, daß in den vier Jahre« von 1906 bis 1909 der Fiskus bei den Windhuker Gerichten 350 Prozesse geführt habe, dabei nur 65 als Kläger. Verloren gegangen feien 45 Sachen. Daraus kann man natürlich niemandem einen Vorwurf machen, daß er beklagt wird, auch dem füdwestafttkanischen Fiskus nicht. Eher könnte man den gegenteiligen Schluß ziehen. ) — Die Ernteaussichten. Berlin, 3. Juni. Rach den bis zum 1. Juni bei der Preisberichtstelle des, Deuffcheu Landwittschastsrates eingelaufenen Berichten hat der am 11. Mai eingetretene Umschwung zu warmer Witterung bei häufigen Ge- witteregen das Wachstum günstig beeinflußt ,doch mehren stch in letzter Zeit die Klagen über Trockenheit in den von Niederschlägen weniger betroffenen Gegenden Nord- und Mitteldentsch- lands. Besonder- empfindlich beginnt stch der!