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zwei Vorbeimärsche entgegen. Der Kronprinz führte sein Bataillon. An die Parade schloß sich ein Frühstück im Marmorsaal des Stadtschlosses an. Der Kronprinz führte die Königin, der König die Kaiserin zur Tafel. — Der Kaifer ver­lieh dem König die Kette des Schwarzen Adler- * Ordens, der Königin den Lnisenorden mit der Jahreszahl 1813/14, dem Prinzen Tsai Tao das Großkreuz des Rote« Adler-Ord««s mit Kette. — Der Kaiser, welcher heut- Vormittag im Reue« Palais verblieb, nahm dort um 12% Uhr eine Reihe militärischer Meldungen entgegen und hörte de» Vortrag des Chefs des Rilitärlabinelts. — Neues Palais, 31. Mai. Heute Abend fand im Nene« Palais zu Ehren der belgischen Maje­stäten eine Abendtafel in der Jaspisgallerie statt. Der König der Belgier führte die Kaiserin, der Kronprinz die Königin jui Tafel. An der Tafel nahmen weiter teil: die Kronprinzessin und die sämtlichen hier anwesenden Prinzen und Prin­zessinnen des königlichen Hauses. Unter anderen waren geladen: der Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg, Staatssekretär Frhr. v. Schoen mit Ge­mahlin, der belgische Gesandte Baron Greindl mit Gemabli«.

— Verleihung. Berlin, 31. Mai. Dcm vom Amt zurückgetretenen Unterstaatssekretär Weder NN Kultusministerium wurden die Brillanten zum des Kronenordens erster Klaffe verliehe«.

An seiner Stelle wurde Ministerialdirektor Schwartzkopff zum Unterstaatssekretär ernannt. In die St-lle SchwarHkopffs rückt Wirst. Geh. Ober-Reg-Rat Bremen.

— Zum Kampf im Baugewerbe. Berlin, 31. Mai. Die Einigungsverhandlungen im Bauge­werbe wurden in der heutigen Sitzung zu Ende geführt. Ein positives Ergebnis wurde nicht er­zielt. Er wurde jedoch ein Hauptvertrag aufge­setzt, zu dem beide Parteien sich bis zum 6. Juni beim Reichsamt des Innern zu äußern haben. Im Falle der Annahme haben sofort die örtlichen Verhandlungen zu beginnen, die bis zum 13. Juni abzuschließen sind. Soweit örtlich keine Einigung zustande kommt, sollen die Verträge durch ein Schiedsgericht, welches ebenfalls am 13. Juni in Dresden zusammentreten würde, end­gültig erledigt werden unter Ausschluß der Be­rufung. Die Aussperrung ist spätestens am 15. Juni aufzuheben. Die heute getroffenen SchiedS- fprüche bewegen sich in mittlerer Linie und es ist zu erwarten, daß beide Parteien den Vertragsent­wurf annehmen.

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Ausland.

♦♦ Kaiser Franz Joses in Bosnien. Sera- sewo, 31. Mai. Heute Vormittag empfing der Kaiser im Palais die Landesregierung und den Bürgermeister Serajewos mit dem Gemeinderat, ferner Abordnungen aller Riten, eine ferbisch- orchodore, ein« moslemische und ein« katholische Laiendeputation, eine Abordnung der Landesbe­amten, ein« Deputation der Handelskammer und der Advokatenkammer, deren Füherer an den Kaiser Huldigungsansprachen hielten. In seiner Erwideruneg danste der Kaifer für die Versiche­rung der Treue und Ergebenheit und versicherte, seine Bestrebungen seien auf den Schutz und das Wohlergehen der Bevölkerung gerichtet, die seines Wohlwollens sicher sein können. Ferner empfing der Kaiser die frenidländischen Konsuln, das Offizierkorps» Vertreter der Bank-, der Großindu­strie- und der Finanzwelt. Mittags kehrte Ser Kaiser nach Konak zurück, von einer große« Messchenmenge stürmisch begrüßt.

•• Ungarische «Zahlen! Budapest, 31. Mai. Anläßlich der bevorstehenden Parlamentswahlen kam es in mehreren Ortschaften zu arge« Exzessen und förmliche« Schlachten zwischen den verschie­denen Parteien. Mehrere Personen find tot, vieke verwundet. In einem Dorfe wurde ein Haus in Brand gesteckt, ht dem sich eine HochzeftSgesellschaft befand. Eine Person kam dabei in den Flammen «m. Biel« Dörfer wurden mit Militär besetzt. Gegen 200 000 Mann und 20000 Gendarmen wurden mobil gemacht.

♦* Gesunkenes Unterseeboot. Wladiwostok, 31. Mai. Das Unterseeboot .Forel' ist gestern Abend, als es bugsiert wurde, gesunken. In der Rocht gelang es, das Boot zu heben und in den Hafen zu bringen; von der Besatzung ist niemand ertrunken.

** Südafrika. Kapstadt, 31. Mai. Wegen der Trauer um den dahingeschiedenen König Edu­ard verlief der allgemeine Feiertag, der aus An­laß der formellen Proklamierung der Union von SüdafiAd für heute angeorduet war, in aller etile. Die kirchlichen Feier in Kapstadt, Johannesburg und Pretoria waren stark besucht. Der Generalgouverneur Lord Gladstone und die Mitglieder des Kabinetts bet neuen Union wur­den in Pretoria vereidigt. Die Verlesung der Er- nennvng des Generalgouverneurs erfolgte in englischer und holländischer Sprache.

Hauptversammlung der Zentralstelle für »das Gefangenen-Fürsorgewesen in der

Provinz Hessen-Nassau.

)( Marburg, 3L Mai.

3m Anschluß an eine geschäftliche Sitzung, die be­reits oeftetn abend stattgefunden hatte, begann heute früh um 10 Uhr im kleinen Stadtsaale die Hauptversammlung der Zentralstelle für das Für- sorgewesen in der Provinz Hessen-Nassau. Es waren hierzu zahlreiche Teilnehmer aus Marburg sowohl, wie aus vielen Orten Hessen-Nassaus, insbesondere Juristen, Geistliche und höhere Strafanstaltsbeamt« I strßhienen. Der Vorsitzende, Generalleutnant z. D. I Leo-Cassel wies in seiner Eröffnungsansprache auf I die humanen Ziele des Vereins, den entlassenen I Strafgefangenen den Weg zum Wiedereintritt in die I ^uenfchliche Gesellschaft zu ebne« und ihnen Arbeit I 6i verschaffen, hi«. Persönliche Fürsprache bei bew I rbeitgebern zerstreue oft viele Bedenke«, denn ma« I Bekämpfe wohl am meisten die Zunahme des Der- I brechertums dadurch, wenn man den Entlassene« ! Möglichst helfe, wieder in geordnete Verhältnisse zu I gelangen. Tatkräftige« Beistand fänden zwar jetzt I /iefe Bestrebungen durch die Frauenvereine, die sich I vuptsächlich den betreffenden Familienangehörige« I »ibmeten. Das Retz der Gefangenen-Fürsoraeoererne I «strecke sich jetzt schon über ganz Hessen-Nassau. Er I Beständen größere Verein« in Frankfurt und Wies- I «oben und Zweiggruppen in Hanau, Ziegenhain und I JaJTel; auch Marburg besitze jetzt eine wirksame I Hilfsstelle. An der Hmw non ziffernmäßigen An- |

gaben wies der Redner nach, daß die Vereine schon viel für die entlassenen Gefangenen getan habe«. Er schloß mit dem Wmsche, daß auch di« heutige Tagung dazu beitrage« möge, der Gesangenen-FÄ- sorge weitere Mitglieder und Mittel zu zu führe«.

Oberbürgermeister Troje begrüßte mit herzliche« Watten die Versammlung namens der Stadt Mar- Imig. Geh. Konsiftottalrat Prof. D. Mirbt über­brachte im Auftrage des verhindetten Rektors die Elizstwünfche der Ünwerfität, die diesem Arbeits­gebrete lebhafte Sympathien entgegenbringe. Die Gesellschaft trage oft mit Schuld, wenn ein entlas­sener Strafgefangener rückfällig würde. Eie steigere die Schuld, wen« sie ihm, gerade wen« er Mill« nötig hätte, mit Hochmut entgegenträte. Die Für­sorge für entlassene Befangene sei ein Fortschritt. Christliche Liebe verbinde sich hier mit der Sach­kunde der Fachmänner. Eine derartige Arbeit fände starken Widerhall bei der Universität. Superinten­dent Happich beglückwünschte die Versammlung na» mens der lutherische« und reformierten Gemeinde Marburg, Staatsanwaltschaftsrat Ziegner sprach im Name« der Gerichtsbehörden, während Pfarrer Dr. Weber als Vertreter des Bischofs von Fulda die Bestrebunoen, den entlassenen Gefangenen zu helfen willkommen hieß.

Prof. Dr. Träger-Marburg hielt nunmehr einen längeren Vortrag über „Die Ergebnisse der Krimi- «asstatistik bezüglich der ab- und aufsteigenden Be­wegung der Rückfälligkeit i« der Kriminalität und wahrscheinliche Ursachen derselben". Der Redner «ahm in seiner Einleitung Bezug auf die Veroffent- lichuiwen des Statistischen Amtes, nach welchen im Jahre 1907 in Deutschland 525 587 Vergehen gegen die Reichsgesetze zur Bestrafung gelangten. Auf 83 Sttafmünbige kommt demnach 1 Verurteilter, und dann muß man auch berücksichtigen, daß wohl die meisten Vergehen nicht ermittelt und auch viele nicht zur Anzeige kommen. Es ist eine betrübende Er­scheinung, daß von 1882 bis 1895 die Zahl der Ver­gehen um 20 Prozent stieg, trotz aller Kultursott- schritte und Wohlfahrtseinrichtungen. Die Zahl der Rückfälligen betrug im Jahre 1882 Lei 234 000 Be­straften 82 000, im Jahre 1907 bei 286 000 Bestraften 235 000. Jeder fünfmal Vorbestrafte wird rückfällig dies lehrt die Stattstik. Wie der Redner weiter ausführte, muß man im Zweifel sein, ob die Be­strafungen nicht zu human find. Für solche Ver­brecher, welche die Gelegenheit aufsuchen, Schand­taten zu begehen, ist «ine harte Strafe am Platze; für schwache Naturen wird sie zum Verhängnis, Denn sie werden immer unfähiger, sich ehrlich durchs Leben zu schlagen. Betreffs der Frage der Be­kämpfung der Ursachen der Rü^älligkeit erblickt der Redner diese in dem steigenden Alkoholgenuß. Er fühtte weiter aus, daß die falsche Behandlung der jugendlichen Verbrecher, deren Zahl im Jahre 1907 45 906 mit 9571 vorbestraften betrug, wohl auch Schuld sei. Geistige Minderwertigkeit ist oft auch «in Grund zum Verbrechen, besonders zum Diebstahl Gegen die Ausschreitungen bei Jugend helfe viel­leicht das Fürsorgegesetz.

Strafanstaltsdirektor Hülsberg-Cassel-Wehlheiden sprach über die Frage: ».Welche Aenderungen im ge­setzlichen Strafvollzug find zugunsten der Vermin- berung der Rückfälligkett im Verbrechen anzu­streben ?" Der Redner schilderte seine bezüglichen Erlebnisse als Fachmann, wenn die alten bekannten Kunden kämen, mit Lächeln ins Gefängnis einzögen und dann jeden Tag andere Wünsche und Beschwer­den hätten. Das seien di« gewerbsmäßigen Ver­brecher, zum Unterschied von den gewohnheits­mäßigen, denen die Willenskraft fehl« und die so lange die besten Menschen seien, so lange sie unter Zucht ständen. Eine dritte Grupve seien die erblich belasteten Verbrecher, die meistens eine fremde Schuld büßten. Rach diesem kurzen SNmmungsbild aus dem Gefängnis kam der Redner darauf zu spreche«, welche Schwierigkeiten es macht, diese Cha- raktere zu behandeln, zu verstehen und zu bessern. Bielfach würde Prügefftrase anempfohlen, für diese grausame Justiz des Mittelalters fei er nicht; er halte Hausarrest für gut. wenn auch ganz jungen Gefangenen eine Tracht Prügel vielleicht nicht scha­den würde. Die angesagte Aenderung des Straf­rechts sei fteudig zu begrüßen. Mächttg« Angst hätten viele Verbrecher vor dem Arbeitshaus, das ei ein Fingerzeig, den man beachten müsse. Jeden- alls sei es ein« edl« Aufgabe, so schloß der Redner eine fachmännisch wohldurchdachten Ausführungen, de Menschen, die den Weg verloren hätten, zu retten.

Der letzte Redner, Pfarrer Philippi-Wiesbaden. verbreitete fich über die Frag«: Inwiefern kann die Gefangenen-Fürsorge zur Berminderuna der Rück- fälligkeit beittagen? Welche Hindernisse stelle« fich dem entgegen?" Er führte eingangs aus. daß wohl alle das Bewußtsein haben, daß der Strafvollzug vielfach versage. Rückfällige Verbrecher und die menschliche Gesellschaft ständen Auge in Auge gegen­über. Die Fürsorge müsse allen gelten, trotzdem wohl vielen nicht mehr zu helfen sei. Biele RSck- Sttige seien geistig minderwertig, vor ihnen mache i Strafvollzug völlig bankerott, denn sie erblickten in dem Gefängnis eine gute Unterkunftsstätte. Gerade so. wie es viele Leute gebe, welche die Wohlfahtts- Linrichtungen als ihr gutes Recht betrachteten, alle Zuwendungen mit Behagen als selbstverständlich annehmen und sogar noch die Jahrestage der ihnen «gewendeten Unterstützunaen feierten. Seiner An­sicht nach müßten die Besirebnngen des Vereins mehr bekannt werden. Jetzt könne ein Mensch noch so schlecht sein, wenn er noch nicht gesessen habe, sei er immer noch angesehen. Es müsse für die ent­lassenen Gefangene« gewissermaßen eine liebet» gangs-Arbeitsstelle, wo sie al» freie Arbeiter gegen ortsüblichen Lohn Beschäftigung finden, geschaffen werden.

An die verschiedenen beifällig aufgenommenen Botttäge schloß fich ein« reg« Diskussion, in welcher die gegebenen Anregungen eifrig erörtert wurden. Auch die Deportationsfrage nach den Kolonien, die Ueberlassung bet Gefangenen in den Dienst bet Lanbwirtfchast unb andere Vorschläge sanden ein« gehende Erörterung. Mit dem Wunsche, baß die Be­strebungen des Vereins immer weiteren Kreisen be­kannt würden, schloß Generalleutnant z. D. Leo gegen 143 Uhr mittags die Versammlung.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Criginalorttlel ist gemäß § 18 bei Urheberrechts nur mit ber deutlichen Quellenangabe

.Oberheff. Ltg." gestattet.) _

Marburg, L Juni."

* Für Militärpflichtig«. Es wird nochmals da­rauf aufmerksam gemacht, daß die Milttärpflich. ttgen umgehend ihre Losungsscheine bei der Polizei, Zimmer Rr. 1, abholen müssen.

• Gewerbe Verein. Gestern Abend fand im bordeten Boppschen Lokale «ine gutbesuchte außer­ordentliche Generaldersammkung des Gewerbe- Vereins statt. Rach Eröffnung derselben durch den Vorsitzenden, Herr« Karl Heuser, beschloß man zum ersten Punkt der Tagesordnung, Satzungs­änderung betteffend, den Gewerbeverein auf den ganzen Kreis auszudehnen, dmntt auch den länd- fichen Gewerbetreibende« die Vorteile, welche der Verein durch die Vereinfachung der Anmeldung der Lehrlinge bei der Handwerkskammer bietet, g» gute kommen. Ein Antrag, daß auch selbständige weibliche Gewerbetreibende fich km Verein a»

schließen können, wurde als hinfällig bezeichnet, weil dies ja selbswerständlich sei. Wie schon mehr­fach mitgeteilt, findet am Sonntag, de« 19. Juni, h Kirchhai« der 8. Vettretettag der Innungen, Handwerker- mck Gewerbevereine des Kammer- bezirS statt. Als offizielle- Vertreter des Ge- werbevereins wurden 12 Mitglieder gewählt und zugleich dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß sich möglichst viele Handwerker an der Tagung betei­ligen. Die Abfahrt erfolgt mit dem Zuge 12 Uhr 52 Minuten mittags. Unter Verfchiedenem wurde erwähnt, daß die Handwerkskammer Mitteilungen darüber wünscht, wie sich der Verkehr der Ge­werbetreibenden mit den Korpsbekleidungsämtern entwickelt hat. Weiter wurde auf die Vergün­stigung, welche den Mttgliedern bei der Versiche­rung gegen Haftpflicht bei der Allgemeinen Ver­sicherungsgesellschaft in Stuttgart erwächst, auf- merffam gemacht. Ein Vertreter der Gesellschaft soll die Vorteile dieser Versicherung gelegentlich in einem Vortrag erffären. Weiter beschloß man, an einem noch zu bestimmenden Tage das Gaswerk und später auch das Elekttizftiätswerk zu besich­tigen.

♦ Akademische Festspiele. Am Montag, den 13. Juni, beginnen die akademischen Festspiele mit Hebbels fünfaktiger Tragödie „Gyges und sein Ring". Für dieses erste akademische Festspiel sind als Guste die erste Heroine und der erste jugendfiche Held des großherzoglichen Hof- und Rationalcheaters in Mannheim, Frl. Ullettch und Herr Köhler, gewonnen. Der Vorverkauf beginnt am 9. Juni; am 8. Juni nachmittags wird das Abonnement geschlossen. Die verehrlichen Abon­nenten werden höflichst gebeten, sich der großen Rachftage Wege« rechtzeftig ihre Abonnements­plätze zu sichern, da für das zweite akademische Festspiel — Irene Triesch — bereits heute schon eine große Anzahl Vorbestellungen gemacht worden sind.

* Abonnements-Konzert. Morgen, Donnerstag abend, von 8 llhr ab, findet im Stadtgarten das erste diesjähttge Sommer - Abonnements - Konzert statt. Es sei nochmals darauf aufmerffam gemacht, daß im Vorverkauf in den Etadtfälen fich die Preise billiger stelle«.

* Sommertheater Marbach. Erster« abend «mrde vor sehr gut besuchtem Hause Ludwig Fulda'» vier- aktiges Lustspiel „Jugendfreunde" gegeben. Das Stück hat bis jetzt überall, wo es gegeben wurde, freundlichsten Beifall gefunden, und man hat es für die liebenswürdigste Bühnendichtung erklärt, die uns die launige Muse Ludwig Fulda's bis jetzt ge­spendet hat. lleberall erkennt man den witzigen Plauderstil des genauen, scharfsichtigen Beobachters menschlicher Verhältnisse, der in „Jugendfreunde" ein Unterhaltendes Ehelustspiel geschaffen hat. Das ist bisher noch wenigen gelungen. Wie da» ftoh- launige Stück, bot auch die ftijche und humorvolle Aufführung reichen Genuß. Ganz besonder» wohl­tuend fiel uns das vorzügliche Zusammenspiel des Etegerfchen Ensembles auf. Die Darsteller, die gestern samt und sonders an wertvollere Rollen als am Sonntag ihr Können setzen dursten, mögen fich mit einem Kollektivlob begnügen. Frl. Jacobi, welche als Gast auf Engagement die Rolle der Dora Lenz spielte, erledigte sich mit sichtlichem Fleiß« ihrer Aufgabe, nur ließ sie cs an dem gerade für diese Rolle nöttgen Charme fthlen. Das Publikum applaudierte lebhaft und anhaltend.

* Tommertheater Marbach. Für Donnerstag, den 2. Juni, steht ein reizende- französisches Lustspiel auf dem Repertoire, das immer und überall eine« glänzenden, volle« Lacherfolg er- zieft. Das Stück stammt von Lson Hanrof und R. Ehanceuil, und betitelt sich „Der Prinz­gemahl". Es zeigt echt ftanzöflsche Art — ei« bißchen frivol, ein bißchen sentimental, ein wenig Moral, ei« wenig Anständigkeit; eine hübsche Dosis Witz und kein Mangel an Geist; allerlei kleine Boshaftigkeiten über Liebe, Ehe, Frau, Ast­werden und Jungbleiben und Aehnfiches. Auf des Messers Schneide zwischen heiterem Minnenspiel und feiner Pikanterie balanziert das Stück. Aber di« Tutoren behalten die Balanze und behandeln das Thema graziös und vornehm. In der Rolle -es Conseikprästdenten wird Herr Paul Bohne vom Hoftheater ht Darmstadt, in der des Prinzen Cyrill Herr Adalbert Kricat vom Schauspielhaus in Düsseldorf zum ersten Male austreten.

* Xurngemeinbe. Am nächsten Sonntag begeht die hiesige Turngemeinde das Fest ihres 25jährigen Bestehens. Da auch zugleich eine neue Fahne ihre Weih« erhalten soll, hat die Turngemeinde einmal ihren bescheidenen Standpunkt, den sie sonst in Be­zug auf festliche Veranstaltungen einnimmt, zurück- gestellt. Sie gedenkt das Fest in einem etwas grö­ßeren Matzstabe zu feiern und ihm dadurch, daß auch die zum Bezirk Marburg gehörigen Turnvereine eingeladen find, den Charatter eines kleinen Turn­festes zu geben. Es ist gewissermaßen das erste Mal, daß die Turner des 1. Bezirks des Gaues Hessen — das find, wenn ste alle kommen, rund 30 Vereine — fich zusammen an einem Feste beteiligen. Wie aus dem Programm ersichtlich ist, findet zur Vorfeier am Sonnabend im Schloßgarten ein Kommers mit Ge- sangsvorträgen und turnerische« Aufführungen statt. Am Sonntag früh um 7 Uhr beginnt das Wetturne« unb um 3 Uhr bewegt sich von ber Bahnhofstraße aus ein Festzug nach ben Stadtsälen, wo die weitere Feier fich anschlietzt. Mit der üblichen Faßpartte findet das Fest am Montag seinen Schluß. Bemerkt sei noch, daß die Marburger Gesangvereine, wie Liedertafel, Liederkranz und Liederverein ihre Mit­wirkung zugesagt haben. Eine kleine Festbroschüre, die der Lorstaud herausgegeben hat, enthält u. a. das Festprogramm unb eine kurzgefaßte Geschichte bes Vereins.

* Eiu mächtiger Koruhakm, der wett über zwei Steter Länge verfügt, wurde uns heute von einem Freunde unseres Blattes zugesandt.

* Familienubeud. Am vergangenen Sonntag abend veranstaltete der hiesige katholisch« Gefell«tt- vereiu einen Familienabend, der fich eines sehr zahl­reichen Besuche» zu erfreuen hatte. Herr Curatus Brann-Frankenberg hielt eine« sehr instruttiven Lichtbilder-Vortrag über da» Missionswesen. — Am kommende« Sonntag veranstaltet der Verein einen eemetnfmnen Ausflug nach dem Christeuberg.

* Unfug. In her vorletzten Nacht wurden tue Kalbstor aus einem Haufe Möbelstücke verjchiepps und zum Teil an einem Baum aufgehängt. Du Täter, welche gesehen worden sind, sollten wegen Einbruchsdiebstahls belangt werden. In ber letzt«« Nacht verübten etwa 30 junge Leute in der Ober» ftobt, besonders am Bärenbrunnen, einen Höllern lärm.

* Sch»« wieder eine Roheit. Die neue Bank unter der großen Linde an dem „schwarzen Brück­chen", die vom Verschönerungsverein an Stelle der gestohlenen wieder hingesetzt war, ist abetmate mit Stumpf unb Stiel aus ber Erbe gerissen worben unb verschwunben. Sie sollte ben alten Leuten im bor» ttgen Stabtviertel, bie nicht mehr bie Höhen von Augustenruhe, Kirchfpietze unb Spiegelslust erreichen können unb sich hoch auch bes Frühlings erfreuen wollen, als Ruheplatz bienen, aber rohe unb gemeine Burschen haben es nicht dazu kommen lassen. Die neue Bank war übrigens besonders fest in ber Erbe verankert worben unb bas Herausreitzen kann gar nicht geräuschlos vor sich gegangen sein. Für solche Roheiten wäre bie Prügelstrafe bas einzig richtige. Don nun an wirb keine Bank mehr unter ber großen Linbe aufgestellt werben.

* Gladenbach, 31. Mai. Dem Kutscher Ludwig Reuter mürbe bas Allgemeine Ehrenzeichen ver­liehen.

:/: Kirchhai«, 3r Mai. Der heute hier abgehal­tene Rindviehmarkt war mit 165 Stück Großvieh unb 65 Kälbern beschickt. Auf ben Schweinemarkt waren 720 Läufer und Ferkel zugefahren. Der Han­del ging bei hohen Preisen flott. Auf dem Schweinemartt wurde ausverkauft.

(:) T««qs-. 31. Mai. In der gestern abend statt- gefunbenen Stadtverordnetenversammlung wurden die Magisttatsmitglieder Gimpel und Henkel, deren Amtsdauer abgelaufen war, wiedergewählt.

Schrecksbach (Kreis Ziegenhain), 31. Mai. Am Sonnabend wurde das erste Fuder Heu auf einem mit Kränzen geschmückten und von 4 Pfer­den gezogenen Wagen in die Scheune des Oeko- nomen Gildner eingefahren. Eine derartig frühe Heuernte ist in unserer Gegend ein kaum je dage­wesenes Ereignis.

LaaSphe,Zl. Mai. In Kirchen ertrank bei ben' Reparaturarbeiten an der Eisenbahnbrücke der 24 Jahre alt« Maurerpolier Georg Brötz von Nieder- setters, und in Wehbach wurden auf dem dar- tigen Walzwerk dem Arbeiter W. Steiger durch glühendes Eefen beide Beine bis zum Leib schrecklich verbrannt; außerdem wurde ihm noch ein Bein gebrochen.

Berleburg, 31. Mai. Dem evangelischen Leh­rer und Organisten Reinhold Wiggermann z« Elsoff wurde aus Anlaß seines UebertritteS i« den Ruhestand am 1. April d. I. den Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohen» zollern verliehen.

Hessen-Nassau und Nachbargebiete.

Cassel, 31. Mai. Eine Arbeiterrevolte bat laut ,Eafl. Allg. Ztg." Sonntag ht Niederwellmar in einer dortigen Dampsziegelei stattgefunden. Eine Arbeiterschar, die sich offenbar in angetrun­kenem Zustande befand, suchte Differenzen, die st« mtt bem Ziegelmeister Nitzsche hatte, tätlich auszu- trogen. Die Leute drangen mit Gewalt in di« Wohnnng des R. und bedrohten diesen und seine Famflie in solcher Art, daß der Meister sich ge- »öttgt sah, zur Waffe zu greisen. Erst nachdem er mehrere Revolverschüsse abgegeben hatte und zwei von ihnen schwer verletzt am Platze liegen geblieben waren, gelang es, die Angreifer zu ver­scheuchen. Die R.'sche Wohnung war von de« Angreifern arg demoliert worden. Bon den bei­den Verwundeten ist einer im Krankenhause nach einer Operation, durch welche die Kugel entfernt wurde, verstorben. Die an der Revolte Beteiligten, etwa 20 Arbeiter aus Schlesien, sind gestern im Lause des Tages verhaftet worden. Sie werden fich wegen Landfriedensbruchs «sw. zu verant­worten haben.

Butzbach, 31. Mai. Aus der Zellenstrafanstalt entflohen ist vorgestern ein 21 Jahre alter Sträf­ling aus Pfiffligheim bei Worms, wo sein Vater Bahnwärter ist. Er hatte nur noch einen Monat zu verbüßen. Trotz seiner Verfolgung konnte er noch nicht gefaßt werden.

Frankfurt a. M., 31. Mai. Die Polizei ver­haftete eine« internationalen Einbrecher, den 36- jätzrigen Italiener August Modelle, welcher in der Zeil einen Einbruch verübt hatte. Bei dem Dieb« wurden für 3000 M Goldwaren gesunden. Einen Koffer, in welchem er für 15 000 M Goldwaren eingepackt hatte, mußte er wegen Störung durch bie Polizei stehen lassen.

G. Schlüchtern» 31. Mai. In der Nähe des Wein­bergs wurde auf dem Eisenbahngleise die verstüm- mefte Leiche des Taglöhners Wirt aus Schlüchtern aufgefunden. Die Hälfte des Kopfes war abgefahren. Ob Selbstmord ober llnglücksfall vorliegt, ist noch nicht festgestellt. — Heute ist hier in Anwesenheit des Regierungspräsidenten aus Cassel das neue Sreisbaus feierlich eingeweiht worden.

Wiesbaden, 31. Mai. Unter Beteiligung von etwa 375 Oberlehrern, Direktoren, Universitäts- Professoren usw. fand hier am 27. und 28. Mai die 35. Hauptversammlung des Philologen Ver­eins für Hessen-Nassau und Waldeck statt. Am 1. Tage »^sammelten sich in der Aula des huma- nistifchen Gymnasiums die evangelischen Reli­gionslehrer an den höheren Schulen der Provinz Hessen-Nassau zu ihrer 17. Jahrestagung, in deren Verlauf Professor Pagenstecher Wiesbaden über „Reformation und Gegenreformation in den Nassau oranischen Landen" und Professor Schnei­der-Wiesbaden über „Logoslehre und Christen­tum" sprach, und nachmittags 5y2 Uhr fand in der Aula des Reformgymnafiums die 12. Hauptver­sammlung des Neuphilologischen Provinzialver­bandes von Hessen-Rassau statt. Abends ver­einigte man sich im großen Saal der Wartburg zu einem Begrüßungskommers, zu welchem der Verein der Akademisch gebildeten Lehrer zu Wies­baden (Ortsverein) eingeladen hatte. Am 2. Tage begannen um 10 Uhr vormittags im großen Saale der.„Wartburg" die Verhandlungen der Haupwersammlung des Philologen Vereins für Nassau und Waldeck. Der Vorsitzende des Orts- ausschusses, Geheimrat Direftor Breuer, begrüßte dem „Wiesb. Tagebl." zufolge die Erfchienenen, bie den großen Saal bis zum letzten Platz füllten, mit herzlichen Berte«. Sm Namen - bet Mile*