mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«nd den Beilagen: „Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."
"Wl 109 Sonn« und Feiertage.
vi=- «ö jährlich durch dir Pos
Erstes Blatt
s
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 16 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, UniversitätS-Buchdruckerri Inhaber Dr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Au« »en SommifRoneit.
Berlin, 27. Mai. Die fiommifilon des Reichstags für die Reichsversicheruugsorbnung begann die Arbeiten und nahm u. a. gu § 14 einen Zentrum«' Antrag an, nach welchem die Vertreter der Arbeitgeber und der Berficherteg»nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt werden fallen.
Preußisches Herrenhaus.
Sitzung vom 27. Mai.
Am Minister tische: Frhr. v. Rheinbaben und von Trott zu Solz.
Auf der Tagesordnung stand die Etatsberatung.
Graf v. Seidlitz (Sanbeerfi) erstattete den Eene- ralbericht der Finanzkommission.
Herr v. ©»inner meinte, man sollte, um ein Defizit zu vermeiden, lieber die Eisenbahnschuld statt
Politische Umschau.
Zum Kamp, tut Baugewerbe.
Berlin, 27. Mai. Im Reichstagsgebäude begannen heute nachnli'.lag die vom Reichsamt bei Innern neuerdings eingeleiteten Eingitngsver- handlllngen im Bangewerbe. Die Verband- lungen wurden von drei Unparteiische«: ffiebetmei Regieniugsrat Dr. Wiedseldt im Reichsamt bei Innen», Oberbürgermeister Dr. Beutter-DreSden und Gerichfsdirektor Dr. Brenner-München geleitet. Von Selten der Arbeitgeber »Daren zelm Vertreter, von Seilen der Arbeitnehmer 24 Bei tretet anwesend. Geheimrat Wiedseldt eröffne^, die Bersamtnlnng mit einer Begrünung der Bet- tretet und Barlegung der Gründe, welche das Neichsamt des Innern zu den» neuerlichen Eingreifen veranlaßten. Zugleich tonftntiertc die Nr» parteiischen aus Wunsch der Parteien, daß ihre bisher unternommenen Schritte von keiner bet in
Tie „Oberhestifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der 3______ ____ — Der Bezugspreis beträgt viertel
jährlich durch dir Post bezogen 2 25 <Ä (ohne Bestellgeld). bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 ».
Die Wahlrechtsvorlage gefallen.
Abgeordnetenh««».
Sitzung vom 27. Mai.
Die Tribüne sind voll besetzt.
Am Ministertisch: v. Bethmann-Hollweg und 1. Mntthk, _
Präsident o. Kröchet eröffnet die Sitzung um 11 llhr 20 Mtn. Auf der Tagesordnung steht die Beratung der vom Herrenhaus in abgeänderter Fassung zurückgelangten Mahlrechtsvorlage. Dazu liegt eine große Reihe Abänderungsanträge not; u. a. bean- tragen die Konservativen (Antrag Richthofen), daß die Dritteluugsbezirke nicht mehr als 5000 Ein-
Marburg
Sonntaa, 29. Mai 1910
auch die Eemeindesteuerzuschläge nicht angerechnet werden. Schließlich beantragen die Konservativen, die vom Herrenhaus eingeführten Bestimmungen Iber die Kulturträger zu streichen.
Das Zentrum beantragt (Antrag Porsch). den Gesetzentwurf in allen Teilen nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses wiederherzustellen.
Die Rationalliberalen beantragen (Antrag Hob- recht) die Wiederherstellung der direkten Wahl, sowie die Einführung der Fristwahl. Ein weiterer Antrag der Nationalliberalen verlangt, daß jeder der 2700 M Steuer zahlt, und 30 Jahre alte ist, in die zweite Klasse kommen soll.
Sodann gab Ministerpräsident o. Bethmann-Hollweg folgende Erklärung ab: Es mag auffallend erscheinen, daß ich zu den vorliegenden Anträgen bas Wort ergreife, bevor die Redner der Fraktionen Gelegenheit gehabt haben, diese Anträge zu begründen. Nachdem indessen die Materie hier im Abgeordnetenhause und im Herrenhause wiederholt eingehend und Vielfach behandelt worden ist, möchte ich glauben daß es einem Wunsche der Parteien entspricht, roenn Ich die Stellungnahme der Königlichen Staats« regieruna in dieser Angelegenheit ganz kurz prä- Sfiere. Was zunächst die konservativen Anträge von ichthosen anbetrifft, so hat die Regier»»ng die darin vorgeschlagene Vöiung bereits in den Verhandlungen des Herrenhauses al» nicht genügend be- «eichnet. Die Königliche Staatsregierüng bleibt bei dieser Stellung bestehen. (Bravo!) Dasfelbe gilt natürlich auch gegenüber dem Zenirumsantrage Dt. Porsch auf Wiederherstellung der Beschlüsse des Ab- tzeordnetenhauses in allen ihren Teilen. Ich glaube mich einer näheren Ausführung hierüber enthalten zu können. Zu dem Vorschläge, die direkte und geheime Wahl gleichzeitig einzitfiihren, den die Ra- ticnaltiberafen machen, habe »ch mich bereits am 10. März in diesem Hohen Hause abschlägig geäußert. Die Regierung kann die Stellung, die sie zu dieser Frage genommen, und namentlich auch im Herren- Hause mit Nachdruck vertreten bat, nicht verlassen Wenn daher eine Mehrheit dieses hohen Hauses außerstande sein sollte, die Herrenhausbeschlüsse zur Grundlage der Entscheidung zu machen, so sehe ich allerdings keine Aussicht, mit der Vorlage zu einem positiven Ergebnis zu kommen. (Bewegung. Lachen links.)
Anschließend an den Reichskanzler erklärte Abg. e. Heybebrantz (kons.): Dem Zentrumsantrage, die SeiU'.^ic des Abgeordnetenhauses durchaus wiederherzustellen, können wir nicht zustimmen. Wir wollen dem .Herrenhause entgegenkommen und stimmen deshalb gegen das Zentrum, ober auch gegen die nationalliberalen Anträge. Die Beschlüsse bes Herrenhauses in der Drittelungsfrage lasten die nötige Rücksicht auf die Entwicklung dieser Frage in ihrer ganzen Entstehung vermiste». Bei der Steuer« teforn: und bei allen damit zusammenhängenden Fragen war man von der Rücksicht geleitet, beii Einfluß von ganz großen Vermöoen auszuschalten ober wemartens zu beschränken. (Sehr richtig! rechts. Widerfvruch links.) Diese Entwickelung können wir
nicht verlassen. Die Herrenhausbeschlüste Haden aber einen ganz anderen Zweck. Wir können diese nicht zulasten im Interesse des Mittelstandes. (Sehr richtig! rechte) Ich bebaure, daß durch die Erklärung des Ministerpräsidenten uns geroiffermaffen eine gebundene Marschroute gegeben wird. (Lebh Zustimmung rechts. Unruhe links.) Niemand wird uns absprechen können, daß wir bestrebt waren, unsere eigenen Ideen und Wünsche in erheblichster Weise zurückzustellen (Sehr richtig! rechts) und zwar mit allen bürgerlichen Parteien das Gesetz zustande zu bringen. Wir find überzeugt, daß wir bei dieser Gesetzgebung unsere Pflicht anderen Parteien und dem Lande gegenüber taten; allerdings haben auch diese Pflichten ihre Grenzen. (Lebhaftes Bravo! rechts. Lachen links.)
Ministerpräsident v. Bethmann-Hollweg: Ich erkenne es dankbar an. daß die Konservativen und in gewissem Sinne auch bas Zentrum auf eine Reihe von Wünschen verzichtet zu haben, um ein positives Ergebnis zu ermöglichen: aber auch die Regierung hat großes Entgegenkommen gezeigt, unb roenn zur Sicherung bcs Prinzips des abgestuften Wahlrechts nun eine anbere Regelung der Drittelungsfrage notwendig ist und roenn die Regierung in dieser Richtung im Herrenhause ausdrücklich ihre Stellung bezeichnet hat. kann sie von dieser Position nicht mehr weichen. Sie wird an ihrer Stellung festhalten selbst auf die Gefahr hin, daß eine Mehrheit für ein positives Zustandekommen des Gesetzes sich in diesem Hause nicht finden sollte.
Abg. Herold (Ztr.): Es war von vornherein klar daß die geheime Wahl in Verbindung mit der direkten Wahl nicht zu erreichen wär. Wenn jetzt wieder in Verbindung mit der geheimen Wahl die direkte Wahl beantragt wird, so kommt man zu der Vermutung, daß ein solcher Antrag nicht ernst gemeint ist und daß man damit auch die geheime Wahl zu Fall bringen will. (Widerspruch links.) Die Drittelung in Urwahlbezirke soll jetzt beseitigt werden, nachdem sie sich seit 20 Jahren bewährte. Bon der Maximierung blieb im Herrenhause wenig übrig (Sehr richtig! im Zentrum.) Die Polemik der Herrenhausmitglieder in hervorragender sozialer Stellung gegen das Zentrum ist von Vorurteilen getragen, die eines gebildeten Mannes unwürdig sind Solche Reden sind im Jntereste des Baterlanbes be- tiaflensroert. Wir werden trotzdem auch zukünftig in nationalem Sinne im Jntereste des Vaterlandes weiterarbeiten. Wir beklagen es, roenn aus der Vorlage nichts wirb, weil wir ernstlich bemüht waren, bas bestehenbe Wahlrecht zu verbestern; unseren guten Willen wird man anerkennen inüsten.
Abg. Friedberg (natl.): Nur das geheime unb direkte Wahlrecht gibt eine endgültige Lösung Trotzdem find wir zu Kompromisten geneigt. Fret- lich muß man uns auch entgegenkommen. Besonderes Gewicht legten wir auf die Dritteilung in den Urwahlbezirken. Dein Mittelstände nützte ‘bas bestehende System wenig. Das Herrenhaus verdiente stch mit seinen Beschlüssen den Dank des Vaterlandes Die Haltung des Ministerpräsidenten muß anerkannt werden. Die Stellung der Konservativen ist nicht von prinzipiellen, sondern von politischen Gründen diktiert. Die Veschküste brauchen nur ihres pluto- tratischen Charakters entkleidet zu werden, um eine brauchbare Grundlage abzugeben. Ohne Erfüllung unserer Mindefrsorberungen kann für uns von einer Reform überhaupt nicht gesprochen werben. Wir wollen mitarbeiten, aber die geheime unb direkte Wahl ist bas Endziel. (Beifall bei den Nottonal- Hberaten.) Die Magdeburger Beschlüsse sind untere Zielpunkte, nicht aber die Mindestforderung unserer Partei. Der Drittelungsantrag v. Richthosen übt seine Wirkung lediglich auf den industriellen Westen aus, nicht aber auf die konservativen Wahlkreise.
Abg. Frhr. e. Zedlitz (freikons.): Die Nationalliberalen stellen Forderungen, die weder für den Landtag noch für die Regierung annehmbar sind. Die Nationalliberalen find allzu nervös gegenüber den Wählern, welche nur den Wahlkampf unb nicht die bauernben Bedürfnisse bes Landes im Auge haben. Wenn sie so sortsahren, werden die Natio- nahiberalen schwerlich ihre bisherige mittelpartei-
ber Staatsschuld vermehren. Ferner müffe man fist Käufer unterer Staatspapiere sorgen. Am Kur» unserer Anleihen sei schon mehr verloren worden eis die sranzWsche Kriegsentschädigung betragen habe.
Minister v. Rheinbaben erklärte, daß »nan du Defizit nicht verschleiern dürfe. Der Weg, den bet Vorredner gehen will, sei verderblich. Allerdings komme es darauf ci», Käufer für unsere Werte je tchaffen, deshalb müßten dir gesetzlichen Maßnahmen hingco-tich der Sparkasten, Depositenbanken usw. unterstützt werden. Die vorgeschlagene Eisenbahnpolitik würde die ganzen Ueberschüste der Eisen, bahnen für den Schuldenbienst in Anspruch nehmen.
Minister v. Breitenbach entrollte ein Bild bet finanziellen Ergebnisse der Eiseubahnverwaltung die sich günstig gestaltet hätten, ohne daß notwendige Bedürfnisse vernachlässigt worden wären.
Professor Hillebrandt (Breslau) berichtete über den Kultusetat. Rumens der Kommission sprach sich der Redner gegen die Erünc düng einer Universität in Frankfurt a. M. aus. Es sei der letzte Platz in Deutschland, wo eine Universität nö tig sei.
Overbürgermeister Dr. Adickes (Frankfurt a. M.) meinte, es sei zu erroäaen. ob die Mittel bes Staate» noch ausreichten, um sein Monopol bezüglich bet Universitäten aufrecht zu erhalten unb ob cs nid), angezeigt sei, auch die reichen Mittel des Bürgertums für tie Universitäten dienstbar zu machen Die vielbesprochene Frankfurter Universität sei bisher nichts als ein Projekt, dessen Grundzüge nock nicht einmal dem Mi niste: vorgelegen hätten. Es handelte sich zunächst nur um eine Zulainmenfaffung der zahlreichen auf Privatinitiative zurückgehende: wissenfchaftlichen Jnstttute. Bei dem Steigen alle Staatsausgaben sollte ein lolches privates Vorgehen begrüßt werden.
Prof. Dr. Küster-Marburg forderte im Unterricht probeweise den Vortrag sozialer und hygienische» Ideen und Anregungen.
Pros Dr Klein-Göttingen führte aus, er sei ein Freund der akademischen Freiheit, sie habe aber mk Vorausletmng eine bestimmte Vorbildung unb tnbt viduelle Reife bes Studierenden. Für solche, die die Gymnasien nicht obioloiert hätten, empfehlen sich Vorkurse. Das fy ort bi loungsfihul mojen sei weiter zr entwickeln. Im oügemcinci könne die Unterrichte Verwaltung au ihren bisherigen bewährten Grunb sätzen sesshaften.
liche Stellung beibehalten. Der Antrag v. Schor- lemct ist durchaus konservativ unb dazu bestimmt die Grundlage des Dreiklassenwahlrechts wieder voll zu Geltung zu bringen. Die Stellung der Konservativen zu den Kulturträgern schließt ein Zustandekommen des Gesetzes aus. Auch die Beseitigung der öffentlichen Wahl fällt auf die konservative Partei zurück Im nächsten Herbst ist wegen der bevorstehenden Reichstagswablen eine neue Vorlage un- erroortbar. Vor Schluß bet nächsten Legislaturperiode wirb indessen die Frage der Wahlreforrn erneut hervortreten. Ihre Erledigung im Sinne der Herrenhausbeschlüste ist dann nicht mehr möglich Dadurch, daß die Rechte und die Linke sich nicht einigten, wurde nur Unheil unb Verwirrung hervorgerufen. (Beifall.)
Abg. Fischbeck (fortschr. Dp.): Wir lehnen die Vorlage äb. Der ganze Kampf um die Drittelung ist nichts anderes als ein elender Streit um ein halbes Dutzend Mandate. Wir lehnen es ab, uns auf diesem Wege Mandate zu verschaffen.
Abg. Jagbzewski (Pole): Die Wahlrechtsreform ist für uns nur annehmbar, roenn sie bas geheime unb direkte Wahlrecht enthält. (Beifall bei den Polen.)
Aog. Ströbel (Sog.): Das Kulturträgerprivileg ist für uns unannehmbar. Wir müssen an der Forderung des Reichstagswahlrechts für Preußen festhalten.
Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.): Unsere Anträge entsprechen der Auffassung, wie sie in der zweiten Lesung der Kommission hervortrat. Wenn jetzt kein greifbares Resultat aus den Verhandlungen hervoraeht, wird die Regierung mit uns bet Ansicht fein, baß es gefährlich ist, an den Grundlagen eines bewährten Wahlrechts zu rütteln. (Beifall rechts und WiderGruch links.)
Abg. Schiffer (natl.): Wir wollen durch die Drittelung in den größeren Bezirken einen gerechteren Ausgleich der Interessen im ganzen Lande erreichen.
Damit wird die Generaldebatte geschlossen. Die §§ 1—5 weichen unter Ablehnung aller Abänderungs- anträge angenommen. Zn § 4 wurde u. a. ein Antrag bet Nationalliberalen auf direkte Wahl abgelehnt. Zu § 6. der die Bestimmungen Über die Drittelung und Marimierung festfetzt. befürwortete Frhr. v. Zedlitz (freikons.) die Herrenhausauffassung Mögen sich die Nationalliberalen mit uns verbinden, um ein Zustandekommen der Vorlage zu ermöglichen.
Rach weiteren Bemerkungen der Abg. Borgmann (Sog), Jderhoff (freikons.) wurden die gu § 6 gestellten Abänberungsanträge abgelehnt.
Ministerpräsident Frhr. v. Bethmann-Hollweg: Durch die Beschlüsse, die das Haus jetzt faßte, ist eine Lücke in dem Gesetz entstanden. Es gibt noch Ihren Beschlüssen keine Besttmmung darüber, in weichet Weise die Abteilungsbildung erfolgen soll. Rach der Stelluna. die die verschiedenen Parteien des Hauses zu der Frage einnahmen und in diesen Beschlüssen bekundeten, ist nach Aufiasjung der Staatsteaietung Aussicht auf eine Verständigung über dielen Bestandteil der Vorlage ausgeschlossen. Ich erkläre infolgedessen im Namen der Staatsregierung, daß sie auf die Weiterberatung bes Gesetzes keinen Wert mehr lege. (Lebhafter Beifall links.)
Vizepräsident Dr. Porsch: Wir haben nunmehr nut noch abzustimmen übet die Resolutionen bett, die Neueinteilung bet Wahlkreise und die Vermehrung der Zahl der Abgeordneten. Die Resolutionen wurden von den Antragstellern zurückgezogen.
Der Präsident schloß darauf die Sitzung.
3ur Geschichte der Armenanstaltcn imb milden Stiftungen in Marburg.
Von L. Müller.
^Fortsetzung.) .. .
Bon den Ar menkom misst ouen, die in Marlmra ebenfalls ein bedeutendes Vermögen hatten, erfährt man folgendes:
Im Jahre 1772 erläßt der Landgraf eine Armen unb Bettelordnung, nach der jeder Ort angewiesen würbe, seine Armen selbst zu ernähren. Es würbe nun für das Annenwefen eine befonbere Komission gebildet, welche die Hebet« wachung der Annen hatte. Einheimische Arme, welche arbeitsfähig Ware», wurden nun zur Arbeit angehalten, es wurde ein Verzeichnis der zu unterstützenden Armen angelegt und das Kollegium hielt regelmäßige Zusa»nme»»künfte ab. Außer der Zentral Annentommifsion bildete sich in Marburg noch ein Kollegium für die Stadt- armen, das Unterstützung fammeltc und zu der ungefähr 800 Einwohner wöchentlich besteuerten.
Die eingeaangenen Gelder wurden an die Armen verteilt und zwar klassenweise. So erhielt die erfte 10, die zweite 15, die dritte 20, die Vierte 25, die fünfte 30 und die sechste Klasse 40 Kreuzer jede Woche. Die Gekdvetteilung fand wöchentlich statt, fo empfingen um 1803 151 Anne Unterstützungen. Ein königlich westfälisches Dekret vom 24. März 1809 bringt die Landgraf Achc Ordnung in Erinnerung, »nacht aber auch rugleich bekannt, daß die Beträge der ehemaligen
Deutsch Ordens-Commende und die vom hiesigeit Tribunal erster Instanz gezahlt wurden, in Wegfall kommen. Die Zentral Wohltätigkeits Kommission bestand damals aus dem Regierungsrat von Hanstein, Scheffer, Wagner, Schlarvaum und Creuzer.
In manchen anderen wurden die Unterstütz ungen berminbett, so wurde den Handwerks- burschen kein Zehrgeld mehr gegeben. Die Reu jahrsgeschenke, welche bisher jedesmal gleich verteilt wurden, wurden jetzt zum Ankauf von Holz genommen, das bei den verschiedenen Armenvätern niedergelegt wurden und so an Bedürftige Verteilt wurde. Die Armenväter im 1. Quartier von Haus 1—127 waren Kaufmann Heckmann und Schwauer in der Barfüßerstraße und Schreiner Hesselbein in der Untergaffe, von Rr. 228—403 Kriminalrichter Scheffer, Bäcker Keßler, Hofstadt, und Matthäi auf der Neustadt, im 3. Quartier von Nr 404—582 Kreuier und Schmidt am Steinweg und Hertzhäuser auf der Ketzerbach, im 4. Quartier Verwalter K. Hesse am Grim, C. H. Eberhard und Sauer in Weiden hausen. Es wird geklagt, daß manche Bürger den Gelderhebern ihr Amt erschweren bei dem Einsammeln der Skiträge, sogar ost beleidigen und sie in die Notwendigkeit versetzen, mehrere Monate, ja das ganze Jahr das Geld vorzulegen, da sie doch die zu erhebende Summe ganz abliefern müssen. Manche Bürger hätten die irrige Meinung, als hänge es von ihrem freien Willen ab, Geld unb Beiträge in die Armeiwüchse zu geben. An Wochenveiträgen Würben ungefähr 68 Gulden und an Quartalbeiträgen ebensoviel ein .
genommen. Die ordinären Armen erhielten 36 Gulden, die Gelderheber jeder 3 Gulden 40 Kr., die beiden Armenvögte und Polizeibieiter 3 Gulden. Für Rumfordsche Suppe wurden 9 Gulden 20 Kr., war 52 Gulden, unb für Lehrknaben 195 Gulben 52 Kr. ausgegeben. Mit der Rumford- sch n Sltppe würbe folgenderweise Verfahren: Ausgegeben wurde,» täglich 80 Porttonen. 31 Portionen erhielten die Armen erster unb zweiter Klasse umsonst, für 26 Portionen bezahlten die Armen dritter Klasse für die Portton 2 Heller. Die übrigen Portionen wurden für 1 Kreuzer für je eine Portton abgegeben. Ein Gulden hatte 60 Kreuzer und dieser hatte 4 Heller.
Bis zum Jahre 1810 War das Sttftungsver- mög t der Marburger Armenanstalten in 13 verschiedene Kassen verteilt, Welche von 13 verschiedenen Rechnungsführern administriert Wurden. Di Verwaltung der Armenversorgungsanftalten War acht verschiedenen Behörden unterstellt, von denen vier untereinander ganz unabhäng'g Waren. Was die eine tat, erfuhr die andere nicht, so bekamen die einen doppelt und andere Be- Mirftigc nichts. Durch eine solche Verwaltung wurden die Administrationskosten vermehrt und die Aufsicht über 13 Kassenbeamte war doppelt schwer. Daher kam es bann, daß die Rechnungen über diese frommen Stiftungen jahrelang nicht aufgeftettt wurden, daß die Rückstände von den Rechmtngsführern nicht beigetrieben wurden, son dern zum Verderb der Kasse zu großen Summen anwuchsen unb endlich, daß treulose Rechmmgs- sührer starben unb verdarben, ohne der Kasse ihren bedeutenden Verlust zu begehken. Zu alle«
diesetn Schaden gesellte sich bet, welcher, wo er. stch befindet, krebsartig Wirb, nämlich die Sport« sucht der Behörden. Unter dem Namen der Hülfe-' leistung ivurbeu bei Verteilung der Spenden Per-' sotten mit ausgenommen, die weder als besoldete Diener, noch soitst unter die in der Stifttmg ge«; nannten Hausarmen gehörten. Zur Ausnahme in die Sieche und das Hospitals St. Jakob wurden, bxspektanzen verteilt unb diese gut bezahlt. Rach 1806 trat eine Zeit ein. Wo der Krieg mit dem
-französischen Requisittonssystem und seinen Krank-. betten anfing, und was fehlte, ersetzten bte< Steuern unb Zwangsanleihen. In der ersten Verwirrrung griff man sogar bei dem dringenden Gelbbedürfnis in die heilige Armenkasse. 1807 verwandte die damalige Kriegskommission eine namhafte Summe zur Anschaffung von Lazarett- gegenpänben und 1808 der damalige Maire eine größere Summe zur Errichtung von Ehren-, Pforten. Aber noch drückender als dies alles War die erwähnte Entziehung der Einkünfte aus der herrschaftlichen Renterei, welche bisher das. Gotteshaus, die Waisenhäuser, die Siechenhöse au Geld, Holz und Arüchten, wovon manche <m4 testamentarischen Stiftungen hessischer Fürst«, stammten, entzogen Wurden. Wie aus Rechnungen ersichtt'ch, wurden im Jahre 1811 au» früheren Recessen und Liquidationen die bedeutende Summe von 8973 Gulden beigetrieben, von zwei Rechnungsführern, die in Konkurs gerat'« Waren standen die Gelder noch teilweise aus. ,
(Fortsetzung folgt.)