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45. Jahrg.
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Der heutiflen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 41.
seits gerade uns nicht immer von dieser Seite aus den Gedanken der Abrüstung suggerieren wollen, denn überall schaut aus der schönsten Verkleidung nur allzu deutlich der Pferdefuß heraus.
Tie „Oberbeffischr Zeitung" erscheint täglich mit NuSnaüme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt Mertel- jährlich durch di: Post bezogen 2,25 Jl (ohne Bestellgeld) bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (SRnrft 21), 2 <K.
Politische Umschau.
Rechtsanwalt Dr. Schücking
ist nicht nur aus der demokratischen Ver—uneinigung ausgetreten, er hat auch — schrecklich! — Klage gegen Herrn Eaedke angestrengt, weil ihm dieser sowohl „Disziplinlosigkeit", als auch eine „starke politische und moralisch« Direktionslosigkeit" vorgeworfen hatte. Herr Schücking scheint also sehr kitzlich zu sein, was man nach der Art, wie er seinerzeit z. B. mit der preußischen Regierung verfuhr, nicht erwarten konnte. Der Angelegenheit fehlt der Humor nicht, was als Grund dafür gelten mag, daß man sich mit den Herren weiter beschäftigt. Klastisch ist geradezu, wie Dr. Schücking jetzt von seinen früheren Parteigenossen charakterisiert wird. Im „Freien Volk" liest man da: „Dr. Schücking — drücken wir uns ganz gelinde aus — ein Mann von so ausgeprägtem Individualismus, daß es schon seit längerer Zeit zweifelhaft war, ob er sich aus die Dauer den Bedingungen unterwerfen würde, die jede Partei ihren Mitgliedern auferlegen muß, Zudem besitzt er offenbar nicht dasjenige Maß von Nervenkraft, dus Personen des öffentlichen Lebens nottut." Sehr treffend bemerkt dazu die „Tägl. Rundschau": „Etwas Aehnliches behauptete bekanntlich im vorigen Sommer auch die rückständige Schleswiger Regierung und wurde darob von der ganzen liberalen Presse in Grund und Boden verdammt. Jetzt gibt sie lehrreiche Erläuterungen zu dem Verhalten der Regierung gegenüber dem „gelinde gesagt", aus- gepräal idividualiftischen Husumer Bürgermeister." — Sehr richtig?
naught, der Prinzen Christian von Schleswig Holstein und Arthur von Connaught, sowie bei Herzogs von Cornwall und des Prinzen Alber auf den Bahnsteig. Dort nahm der Kaiser von den Anwesenden herzlich Abschied; er küßte dem König beide Wangen und schüttelte ihm herzlich die Hände. Sodann bestieg er in Begleitung von Lord Roberts und des Grafen von Wolff Metternich den Zug. — Der deutsche Kaiser ist heute Nachmittag 4 Uhr 50 Minuten unter dem Salnt der Kr'egsschiffe in Port Victoria eingetroffen und von dem Chef des Nord-Geschwaders Admiral Sir Charles Drnry empfangen worden.
— Die Nordlandreise des Kaisers. Wie die „3nf." erfährt, sind nunmehr die Dispositionen für die Nordlandreise des Kaisers in dies m Iabre getroffen worden. Der Monarch wird nach Beendigung der Kieler Woche usw. Anfang Juli zur Nordlandfahrt aufbrechen und wird am 31. Juli zurückerwartet.
— Der deutsche Kronprinz in Dresden. Dresden 23. Mai. Gestern Mittag stattete der Kronprinz und die Kronprinzessin des Deutschen Reiches dem König ftn Schlosse Sibyllenort einen Besuch ab und nahmen darauf an der königlichen Familientafel teil. Der König wird morgen au? Sibvllenort wieder hierher zurückkehren.
— Deutschland und Frankreich. Paris, 23. Mai. Der „Temps" bespricht die poNttsche Bedeutung der Entsendung Pickons zu der Leichenfeier nach London und erwähnt die Unterhalwng des Kaisers mit Pichon. Man verrate kein Ge- beimnis, wenn man sage, daß beide ihr Vertrauen aus die Zukunft des Friedens und der Eintracht ausgedrückt baden, Weiche sich aus ehrenvolle Ausaleiche stütze überall, wo solche Ausgleiche möalich seien. Frankreich und Deutschland ver- wirftichten seit einigen Monaten diese Eintracht auf gewissen Punkten, ohne ihrer WL>de oder ihrem Interesse etwas zu vergeben. Ilm in gutem Einvernehmen zu leben, genüge eS, wenn sie m«s diesem Wege ansbarren.
— Ein neuer Parseval VOkloN für Vie Heeresverwaltung? Wie die „Ins." erfährt, haben ble Verhandlungen der Heeresverwaltung nut der Luftsahrzeug-Bmlgesellschaft zu Bitterfeld wegen Lieferung eines neuen Lenkballons für militärische Zwecke zum Abschluß geführt. Bemcrkens- wert ist, daß der zu bauende neue Lenkballon nach dem System „Parseval" einen Rauminhalt von nur rund 5700 Kubikmeter besitzen soll, während der zuletzt von der Gesellschaft abgenommene Militärballon rund 1000 Kubikmeter mehr Inhalt faßt, also 6700 Kubikmeter groß ist Die Heeresverwaltung hat sich also diesmal für einen klei- neren Luftballon entschieden, und legt im übrigen größtes Gewicht auf eine möglichst große Eigen-, geschwindigkeit des Luftfahrzeuges. Die Liefe-; rung des neuen „Paresval" soll litt Herbst erfol-. gen Nach seiner Abnahme würde der Lenkballon die Bezeichnung ,P. 3" erhalten. Der zuletzt übernommene „Parseval", der in der Presse meist, mit „P. 2“ bezeichnet wurde, sührt bei der Mitt- > tärverwaltung die Bezeichnung „P. 3", da mit; zwei Parseval Ballons sich w. Besitze der Armee-; Verwaltung befinden. Bezüglich der Lieferung eines Lenkballons nach dem Svstem „Clonth" schweben noch Verhandlungen. Einem Ballon , dieser Art ist von der Heeresverwaltung die Kölner Luftschiffhalle zur Verfügung gestellt worden,
Deutsches Reich.
— Des Kaisers Heimreise. London, 23. Mai. Der Kaiser frühstückte heute im Buckingham- Palast mit dem König, der Königin, der Königin- Mutter und den übrigen Mitgliedern der königlichen Familie. — Der deutsche Kaiser trat am Nachmittag Uhr die Rückreise nach Deutschland an. — Das Reutersche Bureau hat auf seine, an den deutschen Kaiser gerichtete Bitte, dem eng- ttschen Volke ein Abschiedswort zu sagen, folgende Antwort erhalten: Sie sind ermächtigt, mitzuteilen, daß Seine kaiserliche Majestät die aufrichtige Sympathie, die ihm von der Stadt London und vom Publikum im allgemeinen in seiner tiefen Trauer, bezeugt worden ist, herzlich zu würdigen weiß." — Vor der Abfahrt des deutschen Kaiser« hatten sich in der Umgebung des Bahnhofes große Menschenmengen angesammelt. Bald nach 3 Ubr erschienen das Personal der gesamten hiesigen deutschen Botschaft, der Lordmayor, der ehemalige Lordmayor und andere offizielle Persönlichkeiten. Kurz vor 3% Uhr betraten der Kaiser und die königliche Familie den Warteraum. Der Kaiser ließ den Lordmayor zu sich entbieten und nn erhielt sich mit ihm; dann begab er sich in Begleitung des Königs, des Herzogs von Con-
Marburg
Mittwoch, 25. Mai 1910
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftliche Beilage
Phantasieen und Wirklichkeit.
Es gibt Leute, die sich in eine Idee förmlich verbeißen, sodaß sie sich von ihr und wenn noch so eindringlich über ihre Halikostgkeit belehrt, nicht loszumachen vermögen. In den stanzösisch- schreibenden Blättern ist die Teilnahme des Deutschen Kaisers an den Beisetzungsfeierlichkeiten in London henutzt worden, um wieder einmal die Abrüstungsfrage zur Erörterung zu stellen. Diese Erörterungen haben wenigstens das eine Gute, daß sie uns vor einer Ueberschätzung der Freundlichkeiten bewahren, die dem deutschen Kaiser bei seiner Ankunft in Loudon in der englischen Press« gesagt wurden. Man liest nämlich in dem Artikel eines Londoner Mitarbeiters der „Jnd^pendance belge": „Niemand teilt die Illusion gewisser Londoner Organe, wie etwa die der „Daily News", deren Berliner Korrespondent neulich der Hoffnung Ausdruck gab. daß, da der Kaiser gleichzeitig mit dem Vertreter Frankreichs an der Bohre Eduards VII., des großen Friedensstifters, gestanden habe, die Grundlagen für eine größere Entente gelegt werden könnten. Die Engländer, selbst diejenigen, die dem deutschen Kaiser di« größten Sympathien entgegenbringen, fragen sich unausgesetzt, zu welchem Zwecke Deutschland seine Flotte in so furchtbaren Dimensionen vermehrt, fragen sich, ob es nicht zu dem Zwecke geschieht, ihrem Lande eines Tages die Oberherrschaft über die Meere streitig zu machen. Solange Wilhelm II. nicht in diesem Punkte das Mißtrauen und den Argwohn Englands beseitigt hat, werden alle seine Bemühungen, sich vertrauensvolle Sympathien in England 31t gewinnen, nur oberflächliche Ergebnisse haben können." Hier wird also wiederum die alte Forderung erhoben, daß Deutschland auf das Recht verzichten solle, das Maß seiner Wehrkraft nach eigenem Ermessen zu bestimmen. Diese Hoffnung werden allerdings die Publizisten, die sich als Freunde des Friedens und als Freunde Deutschlands aufspielen, niemals in Erfüllung gehen sehen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß der Sache des Friedens sehr viel besser gedient wird, wenn beide Länder, wie ihre sonstigen Angelegenheiten, so
Bestellungen
für den Monat Juni 1910 auf die „Oberhessische Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedi- iion (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain, Neustadt, Wetter, EbS- v0rf, Hachborn, HeSkem-MSlln, Leidenhofen, Dreihausen, Wittelsberg, Riederweimar, Niederwalgern, Damm und Lohra sowie von allen Post- anstalten und Landbriefträgern entgegengenom- men.
auch dir Bedürfnisse ihrer militärifchen Stärke selbständig und eigenmächtig ordnen. Die beste Bürgschaft des europäischen Friedens ist, daß dieser bestens bewährte Zustand auch in Zukunft heb behalten wird.
Es klingt fast lächerlich, wollten wir immer Und immer wieder nachweisen, daß Deutschland ein friedferttges Volk hat und daß die Geschichte der letzten 30 Jahre zeigt, daß wir nur im friedlichen Wettbewerb mit anderen Völkern vorwärts kommen wollen. Dafiir sind wir freilich — Gott sei Dank — noch nicht „reif", daß wir selbst die Rüstung ablegen, wenn wir Tag für Tag sehen, daß man rings umher nur auf den Augenblick wartet wo man den lästtgen Konkur reuten oder den mächtigen Besieger von 1870 unterkriegen kann. Alle Phantasien vom ewigen Frieden schätzen wir jetzt noch als das ein, was sie sind -- Utopien für Phantasten — und haften uns an die gewiß harte Wirklichkeit. Daß wir d l e nicht vergessen, dafür sorgt allerdings mit großer Pünktlichkeit die fremde Presse. Wir haben die zwar unmottvierte, aber gut inszenierte und berechnete Hetze gegen Deutschland angesichts der Lage in Persien bereits beleuchtet. Es genügt hinzuzufügen, was die „Times" weiter zu sagen hat:
„Die deutschen Zeitungen können ihre Erklärungen über den deutschen Protest gegen dir britisch russische Politik in Persien l rehen, wie sie wollen, es kann doch immer an der Tatsache nichts geändert werden, daß ein solcher Protest gemacht worden ist. Wenn man sich gegenwärtig in Lon don und St. Petersburg so ruhig verbält, so ist das nur mit der Nattonafttauet zu erklären, in welcher die britische Nation gegenfaiiviig stebt, und mit dem Wunsch, di« Trauerseier für den König nicht zu stören."
Das ist dieselbe „Times", die, als unser Kaiser nach England kam. im Tone fteu> dschastlich- ften, etwas gönnerhaften „Wohlwollens", das dem Engländer eigen ist, zu uns sprach
Andererseits muß man lesen, wie die französische Presse sich mit Rußlands militari'chen Maßnahmen beschäftigt, um zu sehen, wie die friedlichen Gefühle unseres Nachbarn fensei s bet Vogesen uns gegenüber aussehen.
Der Pariser „Temps" kritisiert in lebhafter Weise die Verlegung des russischen fünften Armeekorps vom linken Weichselufer nach Perm- Wologda und erklärt, er müsse auch darüber sein Bedauern aussprechen, daß eine so beträchtliche Trupenverlegung erst durch di« Jndiskrtion der russischen Blätter in Frankreich bekannt geworden sei. Das französisch-russische Bündnis enthalte ein Militärabkommen. Die Verlegung des fünften russischen Armeekorps gehe das Abkommen in erster Linie an. Wenn wir, so schließt der „Temps", die Aufmerksamkeit auf diese Frage lenken, so geschieht dies nicht etwa, weil die europäische Lag« gegenwärtig irgendwelche Beunruhigung ein- flößt. Aber der Friede beruht auf dem Gleichgewicht und dieses auf Bündnissen, welche ihrerseits nur einen den militärischen Verhälnissen entsprechenden Wert haben. Deshalb ist es, so sehr man auch am Frieden hängt, int Interesse des Friedens notwendig, die Möglichkeit eines Krieges ins Auge zu fassen.
Auch unsere Ansicht! Nur soll man andercr-
Die Jnsertionlgebühr beträgt für die 7gespaltene Beliebet deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 80 Pkeeniqe. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Roch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. E. Hitzeroih, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
41 lNackdruck verboten.)
Um Ebre und Necht.
Roman von O. (EPtr.
l Fortsetzung.»
„Richt für Erika — ihr mußte man sonnenklar t fachen, daß sie ihre Neigung einem Un- toüii igen geschenkt hatte."
„Aber wenn Dorns Schuld nicht befaiesen wird?"
„Die ist doch sonnenklar nach all den Umständen! Sein anderer kann der Dieb gewesen sein wie er."
„Das ist doch nicht entschieden," entgegnete Stanislaus mürrisch. „Doch lassen wir diesen Gegenstand fallen — dieses Heiratsprojekt ist nicht der einzige Grund, weshalb ich von hier fort« möchie. Oder kannst du mir tausend Mark vorschießen?"
„Bist du toll? — Woher soll ich das Geld nehmen? Hast du denn noch immer Schulden?"
„Ja —" erwiderte er lakonisch.
„Aber du schriebst mir doch, daß du nach dem Tode des Barons in eine Vertrauensstellung bei der Baronin gerückt seiest, die es dir binnen kurzem ermöglichen würde, den Rest deiner Schulden «bzuiragen."
„Ja — das war damals . . ."
„Run, und jetzt ist es da anders geworden? Ich denke, deine Stellung bei der Baronin ist «ine noch bessere geworden."
„Persönlich wohl — aber nicht geschäftlich."
„Wie soll ich das verstehen?"
Stanislaus erhob sich und warf die kaum an- tebimmte Zigarette heftig zur (Erbe.
»Wenn du denn durchaus reinen Wein habe»
willst, so ivill ich ihn dir einschenken. Damals — nach dem Tode des Barons, überließ mir die Baronin die Rechnungsführung und die Wirt schajtskasie — da konnte ich mir helfen."
„Du hast doch nicht — ?" fragte Frau Sulie schreckensbleich.
„Gewiß ich habe aus der Kasse auch meine Bedürfnisse gedeckt . . .
„O. Stanislaus!"
„Fürchte nichts — die Baronin hat nichts be- merft. Aber seit der alte Grupe darauf bestanden hat. die Kasse wieder selbst zu führen, ist mir diese Quelle verschlossen."
„Entsetzlich — du hast fremdes Geld genommen?!"
„Nur auf Vorschuß — ich Habs zurückgezahlt, deshalb hab' ich gegen Wechsel eine Anleihe gemacht — und bann, wenn ich Erika heiratete, würde ja alles geregelt . . . jetzt ist der Wechsel fällig und ich muß das Geld haben . . ."
„Kannst du nicht prolongieren?" fragte feine Mutter scheu und ängstlich.
„Nein." versetzte er finster.
Er fuhr sich erregt mit den Händen durch fein schönes, gelocktes dunkles Haar.
„Schaff' mir das Geld." flüsterte er leidenschaftlich, „oder ich bin verloren!"
„Wann mußt du das Geld haben?" fragte sie zitternd.
„Der Wechsel ist in acht Tagen fällig . .
„So werd« ich versuchen, daS Geld aufzutrei- den — vielleicht könnt« man — |a, könntest du dich nicht selbst an di« Baronin wenden?"
„Sie hat mir schon einmal ausgeholfen — das zweitemal würde es Verdacht erregen."
„Las ist wahr. Aber dann kann auch ich mich nicht «9 Re wenden."
„Du kannst ja sagen, du gebrauchtest das Geld für dich und meine Schwester. Du willst Julie verheiraten — du hast das Geld zur Aussteuer nicht — mein Gott, du wirst schon einen Ausweg finden!"
„Ich muß darüber Nachdenken — so leicht geht e8 nicht — fair dürfen keinen Verdacht erwecken. Aber, nicht wahr, wenn ich dir noch einmal helfe, bann bleibst du hier?"
„Ich muß ja wohl," sagte et mit einem Seufzer.
„Noch ist nicht alle Hoffnung verloren," fuhr st« eifrig fort, „daß unsere Pläne gelingen. Warte nur erst den Ausgang des Prozesses ab . . ."
Schweig mir von diesem ekelhaften Prozeß!" stieß er heftig hervor.
„Werde nur nicht nervös. Ueberhaupt ist es hier lange nicht mehr so behaglich wie tu bet ersten Zeit meines Aufenthaltes," llagte Frau Julie mit weinerlicher Stimme. „Du bist nervös und mißgestimmt und wirst bei dem geringsten Wort heftig, die Baronin geht finster und schweigsam umher, so daß ich mich ihr kaum noch vertraulich zu nähern wage — wenn mich die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang unserer Pläne nicht hier festhielte, und wenn ich wüßte, wohin ich mich wenden könnte, ich wäre schon längst fort."
„Na, na." macht Stanislaus mit einem mali- ttösen Lächeln. „Das Essen und Trinken schmeckt dir hier auch ganz gut."
„Spotte nur noch öfter deine unglückliche Mutter," schluchzte Frau Jnfie auf und begann nun wirklich zu lochten.
„Spiel' mir doch keine Komödie vor." sagte Eianislau« barsch. „Spare deine Tränen für die Baronin auf."
Damit zündete er sich eine frische Zigarette an und schlenderte in den Park. ,
Er war noch nicht lange gegangen, als er am Tisch Fräulein Tina Gntpe stehen sah, die in, elegischer Haftung und scheinbar in süße Träume-, rei versunken den Schwänen von Zeit zu Zeit ein Stückchen Brot zuwars. . . . .
Seit Erika Hambach verlassen, war Frauletn Tina täglich im Park zu treffen. Ste schien sich in der Rolle eines verlassenen Schloßfräuleins außerordentlich interessant vorznkommen itnb trug trotz ihrer fünfunddreißig Jabre noch ganz jugendliche Kostüme, welche nur bis an die Knöchel reichten und ihren allerdings nicht sehr Reinen Fuß frei ließen. 1
Als Stanislaus sie erblickte, huschte em spöttisches Lächeln über sein Gesicht.
„Da ist sie schon wieder." flüsterte er. „Zum Kuckuck, die läßt nicht locker — na, wenn alle Stricke reißen, heirate ich Tina Stube — der Alte hat auf dem Gut sechzigtausend Mark stehen — und sie ist das einzige Liebespfand seiner Che...
Er näherte sich ihr leise, aber feine Schritt«, knirschten leicht auf dem Kies, so daß sie ihn hatte hören müssen. Aber sie rührte sich nicht, sondern nahm nur noch eine elegischere Haftung an.
Jetzt stand er unmittelbar hinter ihr, und plötzlich beugte et sich zu ihr nieder und küßte st«
Mit einem Schrei fuhr sie auf. Aber merkwürdig. sie errötete gar nicht und zeigte sich auch nicht zornigs Sie preßte nur di« Hand ans daß Herz und sagte verschämt:
„Oh. wie haben Sie mich erschreckt. Herr v»>^ Prokowsky!" ,. j
(Fortsetzung folgt.)