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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

*nb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage.

M 94

Tie •„■ChertieflifAe Leitung" erscheint täglich mit R>-«n,Eme der I Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- I jährlich durch die Post bezogen 2,25 X (ohne Bestellgeld), bei I unseren Zeitungssteilen und der Expedition (Markt 21), 2 X. I

Marburg

Sonnabend, 23. April 1910.

Die JnsertionSgebühr betrügt für die 7gespal!ene Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Äug. Koch, llniverfitätS-Bnchdruckere, Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 66.

45. Jahrg.

Der heutigen Nummer liegt bet Kreisblatt Nr. 33.

Der Grundstücksübertragungsstewpel

In einigen Blättern wird der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß der Reichstag bei Erledig­ung des Gesetzentwurfs über die Reichswertzu- wachssteuer die Bestimmung beteiligen würde, wonach von der im § 90 des Reichsstempelge­setzes vorgesehenen Aufhebung des hundertpro­zentige!, Zuschlages zum Grundstücksübertrag ungsstempel bis zum 1. Juli 1914 überhaupt und später dis dahin abgesehen werde« soll, wenn der jährliche Anteil des Reiches am Ertrage der Zu­wachssteuer den Betrag von 25 Millionen Mark erreicht. Diese Befürchtung halten wir für unbe­gründet, weil ein derartiges Vorgehen des Reichstags sich mit seiner ganzen finanzpoli­tischen Haltung der letzten Zeit in Mderspnlch setzen würde. Der Reichstag ist mit den ver­bündeten Regierungen und der Rcichsverivaltung einig darin, daß die Reichsfinanzen noch lange nicht gesund find, daß vielmehr gerade erst in den nächsten Jahren es der größten Anstrengungen bedürfen wird, die Budgets zur Balance zu bringen. Die Verhältnisse, die hierbei mitwirken find ja bekannt. Heer und Marine erfordern Mehrausgaben, die Reichsschuldentilgung muß nach aem letzten Finanzgesetz« gesteigert werden, die bisher vom Jnvalidenfonds getragenen Aus­gaben fallen von 1911 ab dem allgemeinen Etat zur Last, die Hinterbliebenenversicherung wird Kosten verursachen, und schließlich wird eine starke Belastung aus der Abbürduug der unge­deckten Matrikularbetträge des Finanzjahres 1909 erwachsen. Der Reichstag hat, als in großen Zügen das Programui entwickelt wurde. diesem Ansturnr auf die Birdgets der nächsten Jahre zu begegnen, durchaus anerkannt, daß nur bei Auf­rechterhaltung der bisherigen Einnahmen ein Er­folg erzielt werden könnte. Dazu gehören mm nicht.bloß die Matrikularbetträge von 80 Pfg. auf den Kopf der Bevölkerung, die die Einzel- staaten auch in den nächsten Jahren zahlen sollen, es sind dazu naturgemäß in erster Reihe die Ein­nahmen zu rechnen, die aus der letzten Reichs­finanzreform stammen. Ettre dieser Einnahmen, die sich gut entwickelt hat, ist der Gmndstücks- . Lbertragunasstempel. Er wird jährlich 50. viel­leicht -60 Millionen Mark bringen. Würde der hundertprozentige Zuschlag fallen, so würde die Einnahme um 30 Millionen Mark verringert werden. An deren Stelle würde ein durchaus unsicherer Ertrag aus der Reichswertzuwachs­steuer treten. Auf einen derartigen unsicheren Posten kann sich die Reichsfinanzverwaltung nicht stützen. Sie muß namentlich bei den Aussichten, die sich für die Reichs Budgets der nächsten Jahre bieten, mit feste« Einnahmen rechnen können. Vom finanztechnischen Standpunkte würde es deshalb sogar besser gewesen sein, den Gesetzent­wurf über die Reichswertzuwachssteuer zum letzt möglichen Termin verschoben zu haben, wenn nicht wichtigere Gründe zu einer Beschleunigung der Einbringung bewogen hätten. Wenn die Reichsstnanzverwastung und die Verbündeten Re- gtenrngett ober feste Einnahmeposten nicht auf- geben wollen, so wird der R-ichstag. der sich zu ihrem künftigen Finanzprogramm im großen

16 (Nachdruck verboten.)

Um Mre und Necht.

Roman von. O. Elster.

iFortietznng.)

„Es ist schon recht," lallte Langner, der schon halb betrunken war. „Wir fürchte« uns nicht vor einem solchen Lappen. Richt wahr. Wielholz?'

„Ree," brummte dieser. „Wirhaben's ja da­zu ... ." Und sie setzten ihre Namen auf das ominöse Papier und erhielten das Geld.

Fritz hatte sich an dem Spiel, das jetzt einen immer wilderen Charakter annahm, nicht betei­ligt; auch dem Glase hatte er nur mäßig zuge­sprochen. so daß er einen klaren Kopf behalten hatte. Er wäre auch schon längst gegangen, wenn ihm nicht das Benehmen des Försters Rother und des Herrn Sommer aufgefallen wäre, die immer ungenierter Blicke wechselten und sich Zeichen, die von den halbtrunkenen Spielern nicht bemerkt wurden, zumachten.

Fritz glaubte deutlich wahrzunehmen, daß jene beiden in geheimer Verbindung standen, um die jungen Landleute auszubeuten.

Er nahm Langner auf die Seite und fragte Ibn. ob er auch gewiß fei, daß hier ehrliches Spiel getrieben werde

Der junge Mann sah ihn mit seinen halb- ttnnfenen Ange« stier an.

„Donnerwetter, Born', lallte er. während ihm bie Zornesröte in die Schläfen stieg, „Sie kön­nen recht haben. Der Kerl gewinnt ja fort­während! Tas kann nicht mit rechten Dingen zupehen . Ich iverde dem Kerl einmal mrs die Steuer paffen,

ganzen zustimmend erklärt hat, sie darin nicht stören wollen. Im Gegenteil, er wird gleich­falls dahin wirken, daß nicht an die Stelle von sicheren unsichere Einnahmeposten in den nächst jährigen Etats des Reichs treten. Deshalb kön­nen wir die oben erwähnten Befürchtungen ein jelner Blätter als berechtigt nicht anerkennen. Es ist vielmehr durchaus zu hoffen, daß mit dem Entwürfe über die Reichswertzuwachssteuer vom Reichstage auch die neue Fassung des § 90 des Reichsstempelgesetzes angenommen wird.

Aus den Parlamenten.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 21. April.

Zur Debatte stand heute zunächst der Gesekentwurf betreffend das Reichsschuldbuch. Staatssekretär Wer­muth hob hervor, daß es sich bei der Vorlage um ein analoges Vorgehen mit Preußen handele und daß von ihr die gleichen Vorteile zu erwarten seien wie von der preußischen. Da der Entwurf mit den An­regungen der Budgetkommission übereinstimmt, so fand er auf allen Seiten Zustimmung. In der kurzen Debatte hab Abg. Dr. Arendt (Reichs,'.) die Not­wendigkeit einer immer größeren Popularisierung des Reichsfchuldbuchs hervor und regte die Heraus­gabe von Merkblättern mit den hauptsächlichsten Bestimmungen und den Vorzügen, die die Eintra­gung in das Schuldbuch bietet, an. Die.Löschungsge- bühr sollte lieber fortfallen. Der Reichsschatzsekretär sagte die Verbreitung von Merkblättern zu und hielt vierteljährliche Veröffentlichunaen über die Eintra­gungen für angezeigt. — Auf Vorschlag Dr. Arendts wurde der Entwurf gleich darauf mit einer vom Abg. Dr. Vachnicke beantragten redaktionellen Aen- derung enbloe in zweiter Lesung angenommen.

Dann wurden Rechnunasübersichten erledigt. Hierbei wurde der Wunsch geäußert, daß die Rech­nungslegung beschlermigt werden möchte, da eine Prüfung von Rechnungen aus lange zurückliegenden Jahren keinen praktischen Wert mehr habe. An der Debatte beteiligte sich auch Abg. Schulz-Brom­berg. Der Entwurf wurde dann in zweiter Lesung angenommen. Nächste Sitzung morgen 1 Uhr: Inter­pellation betr. Eisenbahnunglück bei Mülheim und Veteranenbeihilfe.

Prenkttchcs Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 21. April.

In der heutigen Sitzung wurde die allgemeine Besprechung über das Volksschulwefen zu Ende ge­führt. Der Abg. v. Kardorfs (sreikons.) erkannte an, daß im deutschen Lehrerverein Entgleisungen vorge­kommen seien, diese feien aber dem Eros der Lehrer­schaft nicht zur Last zu legen. Dieses stehe vielmehr in christlicher Gesinnung durchaus auf der Höhe sei­ner Aufgabe Im übrigen verlangte er unter orasti- scker Schilderung der jetzigen Zustände kräftigere Fürsorge für die Volksschule in den zweisprachigen Landesteilen. Den Rest der Debatte nahm die Fort­setzung des Streits über den deutschen Lebrerverein ein. Gegen denselben traten die Abg. Heckenrath lkons.) und Dr. Heß (Ztr). für ihn die Äbg. Dr. Schepp ffreif. Vp.) und Dr. Fürberg (natlib.) ein. Die Debatte war sehr scharf und vielfach persönlich. Bei dem Titel „Seminare" sprach der Abg. Wentorp ffreikons.) für bessere Ausbildung der Seminaristen in der Gärtnerei. Eine längere Diskussion entsoann sich über Turnunterricht und Iugendfpiele Die Äbg. v. Schenkendorf (natlib.). Dr. Schepp (freis. Vn) und Schmedding (Ztr.) befiirworteten größere Für­sorge für diesen Zweig der Erziehung. Der Minister bekundete fein großes Interesse. Regierung und freie Vereinigung müßten Hand in Hand geben' der Turn­unterricht müsse modernisiert und lebendiger gestaltet werden, aber den Kindern solle man die freie Zeit nicht verkürzen. In der Volksschule werde wohl eine dritte Turnstunde eingerichtet werden. Aus die frei­willige Teilnahme an Taqessvielen werde auf den Seminarien erfolgreich hingewirkt.

Er pflanzte sich breit vor den Bankhalter hin. die Elsbogen auf den Tisch gestützt und mit seinen stieren Augen dessen Spiel verfolgend.

„Run, Herr Langner," sagte dieser lächelnd, „Sir spielen nicht mehr?"

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich mit euch Gaunern noch Weiterspiele!" rief Langner.

Herr Sommer machte ein ernstes Gesicht und legte die Karten auf den Tisch.

„Was soll das beißen, mein Herr?" fragte er.

„Daß Sie ein Spitzbube sind!* schrie der Trunkene

Der Fremde erhob sich.

„Rach diesen beleidigenden Worten werden es mir die Herren wohl nicht übel nehmen, wenn ich nicht weiterspiele. Ich habe die Ehre . . .*

Damit wollte er sich entfernen, aber Langner warf sich ihm entgegen.

„Zuerst gibst du meinen Wechsel wieder!" brüllte et, der jede Fassung und Ueberlegung bet loten hatte

Doch da stürzte sich der Förster Rother auf ihn.

„Sie sind verrückt geworden, Langner! Was verspielt ist, ist verspielt. .Zurück, oder ich schlage Sie zu Boden wie einen tollen Hund?"

Dock der Betrunkene ließ sich nicht abschrecken. Er griff den Förster vor die Brust, dieser gab ihm einen Faustschlag ins Gesicht, die Anwesen den warfen sich zwischen beide, es entstand eine Prügelei mit einem heillosen Lärm, daß der Wirt und seine beiden Auswättet erschreckt herbeieilten.

Man suchte Ruhe zu stiften — auch Fritz Born, der durch seine unvorsichtige Warnung den ganzen wüsten Auftritt hervorgerufen hatte, bemühte sich.

Beim Kapitel „Schulaufsicht" betonte der Abg. Kesternich (Ztr.), daß feine Partei an bet geistlichen Schulaufsicht festhalte. Dem Abg. Liebknecht (Soz) gegenüber, der ausgefiihtt hatte, daß gegen die sozial- demokraiischen Turnvereine eine Berfolgungspolitik getrieben werde, erklärte der Minister unter dem Beifall des Hauses, daß, wenn die Staaisregierung Vereine unterstützen solle, die Voraussetzung dafür sei, daß sie auf dem Boden der Vaterlandsliebe und Königstreue sich bewege: solange aber die sozial­demokratischen Turnvereine staatsfeindlichen Bestre­bungen huldigten, werde die Regierung gegen sie vorgehen. Im Verlauf der Debatte trat der Abg. Ramdohr (fteikons.) für die Förderung bet Turn- unb Iugendfpiele ein. Das politische Moment sollte bei derartigen Dingen ausgeschaltet werden. Die Abo. Heckenroth (kons.) und Schwabach (natlib.) sprächen sich für die Erteilung des Religionsunter­richts in litauischer Sprache in den litauischen Lan- desteilen aus. Hierauf wurde die Weiterberatung aus Freitag 11 Uhr vertagt.

Aus den Kommissionen.

Berlin, 21. April. Die Reichstagskommission für das Zuwachssteuergeseh beschloß einen nicht mehr als die Hälfte des Erwerbspreises betra­genden Wertzuwachs steuerfrei zu lassen, falls bet Veräußerungspreis bei bebauten Grundstücke« nicht mehr als 20 000 und bei unbebauten Grundstücken nicht mehr als 5000 X beträgt, und, falls bet Ver­äußerer weder geroerbsrnäma Grundstücksbandel treibt, «och ein Jahreseinkommen von mehr als 2000 =* hat.

Berlin, 21. April. Am Schluffe der heutigen Sitzung der Reichstagskommission für bas Kali- gesetz gab Handelsminister Sydow die Erklärung ab, es sei dringender Wunsch des Reichskanzlers und der verbündeten Regierungen, daß die Vorlage vor den Ferien in das Plenum zurückkehre. Der Reichs­kanzler lege Wert darauf, daß die Vertagung des Reichstages nicht früher erfolge, als bis die Kom­mission mit ihren Arbeiten fertig fei.

Berlin, 21. April. Die Eeschäftsordnungs- kommission des Reichstages bat heute bas Institut bet kurzen Anfragen in der Gesamtabstimmung mit 15 gegen IS Stimmen abgelehnt. >

Berlin, 21. April. Die Wahlrechtskom­mis s i o n des Herrenhauses beendete heute die zweite Lesung bei Vorlage. Der von der Regierung beanstandete Antrag, nach welchem bei künftigen Wahlrechtsänderungen die Zweidrittelmehrheit in beiden Säufern notwendig sein sollte, wurde abge­lehnt. Abgelehnt wurde auch bet Antrag, den bet Ministerpräsident am Dienstag in der Kommission als die allein annehmbare Grundlage für die Dritle- lung bezeichnete. Dagegen wurden für die Dritte­ln ng die neuen Bestimmungen angenommen. Be­züglich der sogenannten Kulturträger wurde die Re­gierungsvorlage im wesentlichen wiederhergestellt. Zn § 15 wurde der Antrag verworfen, die Wahlmän- net außerhalb der Stimm bezirke auswählen zu dür­fen. Die übrigen Paragraphen wurden in der Haupt­sache nach den Beschlüssen bet ersten Lesung ange­nommen. Die Beratung im Plenum bes Herren­hauses wird am 28. April erfolgen. Bezüglich bet Kulturträger lehnen sich die neuen Beschlüsse, soweit Parlamentarier, sowie die früheren Offiziere und Beamten der Selbstverwaltung in Betracht kommen, an die ursprüngliche Regierungsvorlage an, doch sind unter die allgemein privilegierten Wählet außer den daselbst namhaft gemachten Kategorien Handelsrichter, sowie Mitglieder bes Vorstanbes einet Hanbelskammet, Landwirtfchaftskammet, Handwerkskammer unb Atbeitskammer aufgenom­men. Aus bet dritten in die zweite Klassen sollen oufrücken die in der Regierungsvorlage erwähnten Selbswerwaltungsbeamten, außerdem Mitglieder einer Handelskammer, Landwirtschastskämmer, Handwerkskammer oder Atbeitskammer, eines In- nungsverbanbes ober bie Vorsteher einet Innung, sofern sie eine biefer Stellungen wenigstens 10 Jahre lang eingenommen haben, ferner Abiturienten, fo-

bie Streitenden anseianderzubringen, was denn auch nach einiger Mühe gelang.

Keuchend saß Langner in einem Winkel, von zwei Freunden sestgehalten.

_ „Laßt mich los," ftöbnter er. „Ich muß dem Schuft, dem Rother, den Schädel einschlagen. Was hat der Hallunke in unserer Gesellschaft zu tun?"

„Sie tun wobl am besten, Herr Förster," flü­sterte der SBirt diesem zu, wenn Sie sich ent­fernen. Wenn bet Gendarm den Lärm hört, be­komme,c wir alle- Unannehmlichkeiten.'

„Ich gehe schon ' bntntmte der Förster. „Aber dem Langner werd' ich's schon eintränten.*

Mit einer drohenden Handbewegung verließ et das Zimmer, in dem nun wieder einige Ruhe eintrat, die dadurch noch gefördert wurde, daß Langner schwer mit dem Kopf auf den Tisch fiel und in den Schlaf der Trunkenheit sank.

Die anderen berieten sich leise, wie man diesen unangenehmen Vorfall vor der Oessenttichkeit ge­heimhalten könne.

Fritz hatte kein Interesse mehr an der Gesell­schaft. Er bereute es, daß er sich hatte überreden lassen an derselben teilzunehmen; aber er hatte sich ja keinen Vorwurf zu machen, er hatte nicht gespielt und nicht getrunken, und den Strett hatte er unschuldigerweise und ohne daß er es wollte, hetvorgetufen.

Er entfernte sich, indem et den anderen Herren versprach, über den Vorfall nicht zu sprechen.

Auch der frembe Herr Sommer Haiti sich ent- fentt, als der Streit in Tätlichkeiten überging.

Fritz ging langsam, in Rachdenken versunken, die Dorfstraße tntlanß. Er mußte unwillkürlich

fern sie 30 Jahre alt sind und Rektoren mehrklassiger öffentlicher Schulen. Dagegen soll bie Privilegierung ber Militiiranwärtet wegsallen.

Politische Umschau.

Vermehrung der Fahrzeugbestände.

In der neuen Eisenbahnkteditvorlage werden bekanntlich Mittel in Höhe von 75 Millionen Mark zur Vermehrung der Fahrzeugbestände ver­langt. Hierfür sollen 412 Lokomotiven, 1224 Personenwagen und 9400 Gepäck- und Güter­wagen beschafft werben. Im Etat für 1910 ist die Anschaffung von 560 Lokomotiven, 750 Per sonenwagen und 7900 Gepäck- und Guterwagen vorgesehen. Insgesamt sollen also int laufenden Etatsjahre für die preußisch hessischen Eisen­bahnen 972 Lokomotiven, 1974 Personenwagen sowie 17 300 Gepäck und Güterwagen neu be­schafft werden. Die Gesamtsumme, die hierfür im neuen Gesetz und im Etat ansgeworsen ist, be­läuft sich auf 162,4 Millionen Mark.

Deutsches Reich.

— Bom Bundesrat. Berlin, 21. April. In ber Sitzung des Bundesrates wurde dem Ent­würfe eines Gesetzes betreffenb die Aufhebung des Hülsskassengesetzes die Zustimmung erteilt.

— Bom elsatz lothringischen Landesausschutz. Straßburg i. Els., 21 April Im Landesansschuß für Elsaß Lothringen wurde heute das La»erie- gefetz mit großer Mehrheit angenommeK. ourch das Elsaß Lothringen in die preußische Staats- lotteriegemeinsckaft eingezogen wird und nach dem Preußen bie ursprüngliche jährlich garan­tierte Mindestrente von 450 000 auf 550 000 X erhöht hat Diese sind auf fünf Jahre festgesetzt; später soll bas Land für jedes im Lande verkaufte Los 40 .N erhalten. Der Vertrag soll für 20 Jahre gelten. Die Regierung ist htbeffen beauf­tragt. zu versuchen, von Preußen die Garantie für die Mindestrente noch für eine längere Zett als fünf Jahre zu erhalten und die Zeitdauer des Vertrages von 20 auf 15 Jahre abzukürzen.

Ausland.

** Bom französischen Seemannsstreik. Dün- firchen, 21. April. Die Arbeiter vieler Verbände sind in den Ausstand getreten und haben auch Arbeitswillige zur Riederlegnug der Arbeit ver­leitet. In Dünkirchen am den benachbarten Ge- meirtben haben Ausständige Gerüste beschädigt. Gendarmerie zerstreme die Demonstranten.

** Der Fall Dnez. Paris, 21. April. Der mit der Angelegenbett ves betrügerischen Liqui- dators Dnez betraute Untersuchungsrichter Alba- nel, unterzog gestern b^n Generalsekretär bes In­stituts ber „Brüder bet christlichen Schule', Bru­der Jnstinus, einem längeren Verhör; dieser gab zu, daß er mit Dnez, ber mit ber Liauibation ber seinem Orden gehörigen Gebäude betraut war, in bet Tat in ständiger Verbindung geblieben sei, aber lediglich, um bie Interessen seiner Ordens­brüder unb deren 83$ -Itäter zu wahren. Betreffs ber auf Anregung des Ordens gegründeten M- tiengcsellschaften erklärt, Bruder Jnstinus, daß diese ber-i,s im Jahre 1898 ins Leben gerufen worden seien, also sechs Jahre vor dem Kongre­gationsgesetz, und lediglich den Zweck gehabt

an die Warnung denken, welche thm beute nach­mittag Baron Hambach gesagt hatte, und er mußte dem Baron recht geben.

Wie hatte er sich nur soweit vergessen können, in dieser ßtesellschaft seine Zerstreuung zu suchen? Wenn bas Erika erfuhr, hatte sie ba nicht t«hl, wenn sie ihn verachtete?

Bei dem Gebanken an Erika seufzte er tief auf. Gr liebte sie aus tiefstem Herzen — das wußte et fetzt —, aber das war die rechte Liebe gewesen, die er bei Kartenspiel unb Wein zu vergessen suchte? Hätte er biefe Liebe, auch wenn sie noch so hoffnungslos war, nicht wie ein Heiligtum hochhalten sollen, das seinem ganzen Leben eine weihevolle Würde verleihen mußte?

Wie konnte er in halbtrunkener Gesellschaft fitzen und an Erika denken?

Das war eine Versündigung, eine Entweih­ung seines Heiligtums.

Niemals sollte es wieder geschehen! Wenn er ar' nie daran denken konnte, daß seine Liebe Ge- tvährung fände, so wollte er sie doch still in sei­nem Herzen tragen und durch fein gebe;, bewei-; sen, daß er dieser Liebe würdig war...

Mit diesen Gedanken schritt er langsam die von dem hellen Mondschein erleuchtete Straße entlang, als ihm plötzlich zwei dunkle Gestalten auffiele*, die in einiger Entfernung vor ihm gingen.

An dem langfchößigen Rock und dem im Racken sitzenden Zhlinderhut erkannte er Herrn Sommer. Wer aber mochte der andere sein, der in einen langen Mantel gehüllt, nicht zu erlernten war. Doch die lange, schmalschultrige Gestalt, feer schlenkernde Gang unb bie Bewegung der Arme — das kam ihm f» bekannt vor. U*