Marburg
Sonnabend, 19. März 1910.
A mit -em Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain^
und den Beilagen: JRaty Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."
Tie „Oberheffischr Zeitan," erscheint täglich mit Ausnahme der J' ■ M RR Sonn, und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- 00 Zhrlich durch die Post bezogen * (ohne Bestellgeld) bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 ’M.
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Druck und Verlag: Joh. Äug. Koch, UnibersitätS-Duchdruckerei 49. xyuytg.
Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 66.
Der heutigen Nummer liegt bet Kretsblatt Nr. 22.
Die dritte Lesung.
Die Wahlrechtsvsrlage der Regiemng ist nun Iurch Annahme der Fassung der zweiten Lesung .|u einem gewissen Abschluß gekommen. Die vor- *" gestrige dritte Lesung hat gegenüber der zweiten rott eine kleine Aeuderung in Bezug auf die Maxi- roiemng, die in Städten mit mehr als 20000 Ein- wohnern ans 10 000 Mk. festgesetzt Wird, gebracht. Da die Vorlage eine Verfassungsänderung ist, fa wird nach Ostern eine zweite Abstimmunpottfinden müssen, außerdem hat der Entwurf dem Herrenhause vorzultegen. Die Annahme erfolgte mir 238 gegen 168 Stimmen. Dagegen stimmten die Freitonservativen bis auf 2 und die gesamt« Linke. Wir glauben, daß mit der Annahme der Kommiffiorksvorläge noch nicht das letzte Wort ge- ' fprochen ist, daß man im ,Gegenteil poch ein« - ..gönn finden wird, die auch den Freikonservativen ’ und Nattonailiberalen, wenigstens deren rechten Flügel, es ermöglichen wird, positiv mitzuarbeiten.
Die vorgestrigen Beschlüsse tverden n'rgendS befriedigen. Vor allen Dingen wird die Verbiw bung der indirekten Wahl mit der geheimen Wahl fo wie so nicht lange standhalten, da sie unserer Erachtens etwas Unnatürliches an sich hat. An eine Einführung des Reichstagswahlrechts In Preußen denkt sa nur die radikale Linke, deren . Bedeutung man nicht nach dem Radau ihrer Blätter imb ihrer Wanderredner einschätzen darf. Wenn «S in der Politik auf diese Herren ankäme, würden wir baMW einfach revolutionären Zu» l Minden kommen,. Sie haben nur eins für sich: I) die Macht der Phrase und der politischen Sen» Wstttion. D<i- 'Bürgertum akS solches denkt nicht .oberen, sich an diesen politischen ExzentritSten zu beteiligen und lehnt sie ab. Aber in wetten Kreisen unsere- Bürgertums ist doch die Empfindimg lebendig, daß das preußische Wahlrecht im eigentlichen Mittelstand auf eine wettere Basis gestellt werden müsse, wie auch wir des öfteren znm Ausdruck brachten. Man braucht dabei gar nicht zu verkennen, daß Preußen unter dem jetzigen Wahlrecht gut vorwärts gekommen ist. Die politische Phrase von den „Junkern" und dem „real- tionären" Preußen dient doch in Wirklichkeit nur der polittschen Verhetzung und wird von keinem Einsichtigen ernst genommen. Auch daß das Wahlrecht nicht immer eine Partei hat zur Majorität gelangen lassen, ist richtig. Aber daS Volk wünscht auch hier einen Fortschritt, mit besonnener Ruhe natürlich. Wenn der RadikaliS- mus das Heft in die Hand nimmt, kommt kaum etwas Ersprießliches für den Staat heraus. Rach den jetzigen Beschlüssen ist aber leider zu befürchten, daß die bereits begonnene Verhetzung des Volkes nur noch größeren Umfang annimmt j und weite Kreise, auf die das Schlagwort ge- aügcnd Einfluß hat, dem Radikalismus in die Arms treibt.
3 (Nachdruck verboten.)
Silvester Anni.
Erzählung aus dem Leben einer Diakonisse. Von P. Wilhelm-.
tForUipung.)
* Doktor Achingcr verkehrte mit keinem Menschen, kaum mit seiner Mutter, die doch ganz in seiner Rahe weilte. Sie war mit ihm zußimmen nach M. gekommen, die alte Frau, war aber zur Verwunderung aller nicht mit dem Sohn in die große Dienstwohnung im Krankenhaus gezogen, sondern hatte sich allein ein kleines Häuschen unweit des letzteren gemietet.
Wenn mein Sohn sich verheiratet, sagte sie zu mir, muß ich doch auswandern, im will ich mich lieber von vornherein gleich an das Alleinsein gewöhnen. Ich fühlte aber heraus, daß dies nicht der wahre Grund war. Zwischen diesen beiden Menschen, die sich doch die Nächsten auf der Welt sein sollte», mußte etwas stehen, ,n>i 5 sie trennte. Aeußerlich waren sie sich sehr .ähnlich. Dieselbe kraftvolle, große Gestalt, dasselbe schmale, feingeschnittene Gesicht und di« Spuren eines unausgesprochenen, tiefen Seelenschmerzes auch bei der Frau. Vielleicht stand sie in irgendeinem unheilvollen Zusammenhang mit dem Schatten, der über das junge Leben des Mannes geglitten war. Wir Menschen sind ja dazu bestimmt, einer des anderen Schicksal zu «erden. Wer kann die Rätsel des Lebens er- tzrunden? Wozu zerbrach ich mir aber schließkich *n Kopf über anderer Leute Vergangenheit?
Eine Sorge lag ja viel näher. Wie würde Ah Doktor Achinger bloß zu unserer Schwester ■nnt stellen? Rücksichten hatte sie von ttm nicht 1
Darum vor allem wünschten wir, daß eine Verständigung der Mehrheitspatteieu mit den Freikonservativen und Rattonalliberalen erfolgt wär« oder noch erfolgt.
*
Hebet die Aussichten bet Wahlrechtsvorlage Im Herrenhaus« will eine parlamentarische Korrespondenz schon jetzt wissen, daß der Gesetzentwurf im Herrenhause in seiner jetzigen Gestalt auf keine Hindernisse stoßen dürfte, vielmehr ohne große Aendetungen auf Annahme rechnen könne, wenn die Staatsregierung im Herrenhause die Annahme der Vorlage in der Fassung des Abgeordnetenhauses empfehlen sollte.
Hebet bi« weitete Verhandlung bet Frage wird bekannt, baß im Hetrenhause bet Wunsch besteht, die Wahlvorlage nach der Schlußabstimmung am 12. April im Abgeordnetenhause Mitte Apttl im Herrenhause zur ersten Lesung zu stellen und die zweite Lesung noch vor Pfingsten, in Gemeinschaft mtt der Etatsberatung, zu erledigen. Di« Schlußabstimmung könnte im Herrenhause alsdann Anfang Juni stattfinden
Aus den Parlamenten.
“ V Deutscher Reichstag. | Sitzung vom 17. März.
Das Haus ist stark besetzt, ebenso die Bnndes- ratsttfche. Nachdem das Besoldungsgesetz und das Rcichskonttollgesetz in dritter Lesung angenommen, trat man in die dritte Lesung des Etats ein, wobei zuerst Abg. Ftht. v. Gamp (Rp.) im Namen bet Kommission einige Erklärungen abgab. So wird gewünscht, daß die Matriknlarbei- träge für die nächsten 5 Iahte 80 Pfg auf den Kops betragen sollen. Ebenso sollen die lieber» schüft« nicht den Einzelftaaten zuflietzen, sondern dem Reiche. Ferner soll eine Statistik der Etots- überschreitnugen gemacht werden, damit man diesen um so wirksamer entgegentreten könne. Auch sei eine Reform des Rechnungshofes nötig. Redner wendet sich dann gegen die vielen Dienstreisen und verlangt Verminderung der Beamtenzahl. — Abg. Frht. v. Hertling (Zentr.) forbert, daß keine Ausgabe mehr beschlossen wird, die für keine Deckung da ist. — Abg. Frhr v. Richthofen (kons.) schließt sich namens seiner Freunde dem an. — Abg. Ledebour (Soz.) freut sich über die Annahme der sozialistischen Resolution auf Erweiterung des Verfassungsrechts. Die neue preußische Wahlrechtsvorlage gebäre in das Paritäten» kabinett staatsrechtlicher Mißgeburten. — Abg. Paasche (natl.) betont, daß seine Freunde keine gesetzliche Bindung der Matrikularbeiträge wünschen, dem stimmt auch der Abg. Wiemer (fortschr. Vp.) zu, ebenso der Abg. Frht. v. Hertling (Ztr.)
Beim Etat des Reichsamt des Innern wünscht Abg. Becker-Arnsberg (Ztr.) Veröffentlichung der Protokolle über die vertraulichen Verhandlungen des StaUwerksverbandes. Nachdem noch ver- schieder.e Wünsche geäußert sind, wird eine Resolution Graef zur Stiftung von Mitteln für ein iäbrNches Nationalfeftfviel der Budaetkommission überwiesen. — Staatssekretär Delbrück erklärt, daß das Hausarbeitsaesetz hoffentlich noch in btefer Session verabschiedet werden kann, ebenso werde ein Kurpfutcheraesetz borbereitet.
Beim Militäretat kommt Abg v. Oldenburg (kons.) auf die Aeußernngen des bavtischen Kttegsministets in der Kammer in München zurück, wozu der bavrische Bundesratsbevallmäch- ttgte erklärte, daß dem Minister jede beleidigende
zu erwarten. Ich hatte ihm einmal, gewissermaßen um das Terrain zu sondieren, von ihr gesprochen und meine Bedenken vorsichtig ge- äufcett; aber mit einer ungeduldigen Handbe- wegung schnitt er mir das Wort ab. Ausnahmen können hier nicht gemacht werden, Schwester Marie, das müßten Sie doch wissen, sagte er bart: ein Asyl für verwöhnte Dämchen haben wir hier nicht! Wenn sie eben nicht brauchbar ist. schicken wir sie zurück. Ich verließ etwas beleidigt das Zimmer unb nahm mir vor, die kleine Anni so viel wie möglich vor seiner Schroffheit zu schützen.
So kam der 30. September heran. Beim Morgenkaffee — wir nahmen unsere Mahlzeiten alle gemeinsam im Eßzimmer ein — schob mir Doktor Ackinqer ein Telegramm über den Tisch. Anita trifft heute abend 6 Uhr in M. auf dem Bahnhof ein: es wäre mir lieb, wenn sie dort von einer Schwester in Empfang genommen werden könnte, von Tiefenbach.
Bei Ihrem Interesse für die junge Dame, sagte der Dottor mit merklicher Ironie, werden Sie sich wahrscheinlich selber bemühen, Schwester Marie.
Allerdings, gab ich ruhig zurück und steckte das Telegramm, das er achtlos beiseite geschoben hatte, in die Tasche. Ich hattt furchttar viel zu tun den Tag über; ober ich wußte eg doch so einzurichten, daß ich mich wenige Minuten vor 6 Uhr auf dem Wege zum Bahnhof befand. Es dämmerte schon leicht, der Tag war ein wunderschöner Herbsttag gewesen, die Luft noch warm, erfüllt von dem Resedendust der Borstadt-- gärten. Am Himmel schwamm di« Mondsichel, hier unb ba flammte zwischen weißen Wolken ein mattes Sternchen auf.
Absicht femgelegen habe. Damtt war diese An- gelegenhett erledigt, nachdem sich noch die Abg. Müller-Meiningen (fortschr. Vp.), Haußmann und Roske (Soz.) dazu geäußert.
Beim Mattnetat protestiert Abg. Severin» (Soz.) dagegen, daß die Mattneverwaltuu« Arbeiterentlassungen mit der Motivierung vornehme, der Reichstag habe ihr nicht die genügenden Mittel bewilligt. — Staatssekretär v. Ttrpitz glaubt, daß eine Antwott auf btefe Behauptung, die Verwaltung wolle den Reichstag durch Arbeiterentlassun- fien gleichsam brüskieren, nicht erforderlich fei. Es knüpfen sich daran noch weitere Auseinander- setzimgen zwifchen Herrn v. Tirpitz und Sevettug, letzterer hält dem Staatssekretär vor, von den Arbeiterentlassungen vorher nichts gesagt zu haben. Das beweise, daß der Staatssettetör, wie Eugen Richter einmal gesagt habe, hinterhalttg fei. (Oho- rufe rechts.)
Eine Debatte «ntfpinnt sich bann erst wieder beim Kolonialetat. Abg. Arning (natl.) krittsiett die Zollverordnung für Südwestafrika und bedauert, daß der Gouverneur unter Umgehung des Kommandeurs eine Verringerung der Schutztruppe beantragt habe. — Aba. Erzberger (Ztt.): In der Sache der Kolonialgefellschaft bitte er den Staatssekretär, vor Reurraelung des Verhältnisses zu der Gesellschaft erst noch einmal den Reichstag und die Budaetkommission anzubören. — Staatssekretär Dernburg meint, daß. wer für geordnete Finanzen in Südweft verantwottlick ist. doch nicht so ohne weiteres auf 1 400 000 Mark verzichten kann. Mr wollen fa alle Vorsicht walten lassen, wir wollen die Ansiedler nickst ruinieren, aber wir haben doch mich di« großen Ausgaben zu bedenken, die das Reich für die Kolonie gehabt hm. Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Kolonialetat angenommen, ebenfo eine Reihe anderer.
Beim Poftetgt bringt Abg. Anbeil (Soz.) eine Reihe von Beschwerden vor. Abg. ®*eibtmann (Soz.) erhält, als er wiederholt das System der Vostverwaltugg ein erbärmliche- nennt, zwei Ordnungsrufe.
Nach einer Reibe von Abstimmungen wird der gesnmte Etat in dritter Lefung angenommen. Auch die übrig«» Punkte der Tagesordnnna fanden bef>a!tc*o< ihre Erledfm-ng Schluß ent»
. fpnyt sich noch eine längere GefchäftSordnungS- bebaltc, in der sich einzelne Mitglieder der Linken unb Herr v Oldenburg auselnauderfetzen. Darauf vettagt sich das Haus bis zum 12. April.
<■»., W.., - Preußischer Landtag. •' -'MWM ' ' Herrenhaus. -PWAWM
Sitzung vom 17. März.
Der Gesetzentwurf bett, das Ruhegehalt solcher Organisten, Kantoren und Küster, die nicht zugleich Lehrer sind, und die Fürsorge für ihre Hinterbliebenen in der evangelifchen Landeskirche der älteren Provinzen wurde debattelos angenommen. In gleicher Weise fnnb der Gesetzentwurf betr. Abänderung der Gebührenordnung bet Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher in der vom Ab- geordnetenhause beschlossenen Fassung feine Erledigung. Eine Reibe von Petitionen wurde durch Ueberganq zur Taaesordnimg erledigt. Die Petitionen betr. „Uebernahme der hierzu geeigneten landrätlichen Bureaugehilfen in den Staatsdienst und staatliche Fürforg« für die übrigen", sowie betr. .Anstellung der nicht der zwilversorgungs- berechtigten Iusttzkanzleigehilsen als etatsmäßige Kanzlisten" wurden der Regierung als Material überwiesen. Präsident Frhr. v. Manteuffel teilte mit, daß die nächste Sitzuna voraussichtlich in der ersten Hälft« des Monats Apttl stattfnden werde, um die Berattmg der Wahlrechtsvorlag« vorzunehmen.
Ich ging ziemlich schnell unb langte, wenn auch etwas atemlos, boch noch rechtzeitig au. Eben war der Zug eingefahren. In langer Reihe hielten bie Wagen auf ben Schienen. Die Lokomotive stöhnte mit rasselnben Lungen, pfeifend stieß st« den Überflüssigen Dampf aus, wie einer, der nach furchtbarer Anstrengung ein wenig verpustend Atem schöpft zu neuem, eiligem Laufe. Ich stand unb spähte nach allen Seiten. Der Perron war schon fast leer. Nirgends ein Wesen, das mit der von mir Erwarteten identisch sein könnte.
Doch dott, gar nicht weit von mir entfernt, stand ein junges Mädchen und guckte gleichfalls suchend um sich. Nein, «he ich sie erreicht hatte, trat ein junger Mann auf sie zu und gab ihr einen herzhaften Kuß; also »ieber nichts! Lang, sain wandte ich mich dem Ausgang zu.
Warum war Anita nicht eingetroffen? Es konnte ihr doch nichts passiert sein; oder hatten die Verwandten sich noch im letzten Augenblick anders besonnen? Ich mußte ordentlich ein Gefühl der Enttäuschung Niederkämpfen.
Ach. verzeihen Sie. bitte, mein Name ist Tiefenbach, sagte plötzlich jemand neben mir, irre ich mich, wenn ich annehme, daß Sie vom hiesigen Krankenhause abgesandt find, um Schwester Anita abzuholen? Neben mir stand in eleganter Reisetoilette ein alter Herr, dessen vornehme Erscheinung sofort auf den Aristokraten schließen ließ.
Schwester Marie, erwidert« ich seine Vorstellung; ja, ich bin allerdings zu diesem Zwecke hier, Anita ist aber wohl nicht —
Doch, unterbrach er mich, sie ist hier, ich habe sie geheißen, uns vor dem Bahnhofsgebäude zn
Politische Umschau.
Da« rot« Tuch.
Im Reichstage kam es gestern zu ehteie Zwischenfall. Die Abg. Müller (Meiningen), Haußmann (Fortschr. Vpt.) und Noske (So-.), hatten eine Erklärung des bayerischen Bund», bevollmächtigte» Frhrn. v. Eebsattel zum Anlaß genommen, um herausfordernde Wort« gegen de» Abg. v. Oldenburg zu richte». Dieser antwortet« gereizt, er müsse über eine solche Krtik lache», da die> drei Abgeordnettn Wit* sönlichen Sachen einen Ehrenstandpunkt überhaupt nicht hätten. Auf die stürmischen Entrüstungsrufe der gesamten Linken «rklätt« Vizepräsident Dr. Spahn, baß er dem Abg. e. Oldenburg gegenüber die von diesem gebrauchte Wendung als unzulässig bezeichnet habe. Al« die von dem Präsidenten ettekfte Rüge al« nicht genügend erachtet werde verstand sich Vize. Präsident Dr. Spahn dazu, dem Abgeordneten v. Oldenburg nachträglich einen Ordnungsruf zu erteilen. Die Etatsberatung wurde dann fortgesetzt unb zu End« geführt. Aber am Schlüsse der Sitzung brache Dr. Wiemer (Forffchr. Vpt.) den Vorfall nochmals zur Sprache, indem er air die konservativ« Fraktion, die jene Aeußerung des Abg. Dr. v. Oldenburg mit Beifall begleitet hatte, die Frage richtete, ob sie die Aeußcrung billige . Abg. v. Normann (kons.) erklärte dar« auf, daß die Fraktion den Ordnungsruf für durchaus berechtigt halte unb die Äeußerung mßbillige, aber auch ebenso sehr bie Aeußer. ungen der freisinnigen Abgeordneten mißbillige, die schwere Beleidigungen enthalten Hüften art daher die Gereiztheit de« Abgeordneten v. Oldenburg verständlich erscheinen ließen. Mit dieser loyalen Erklärung begnügte sich die Linke nicht. Die Abgg. Bebel, Müller (Mrininge-.)„ Hausmann und Dr. Wiemer richteten von neuem scharfe Invektiven gegen den Abg. ». Oldenburg und erklärten, ein persönlicher Verkehr mit diesem Abgeordneten, da ei ictne beleidigenden Aeußernngen nicht zurückgenommen habe fei nicht mehr zulässig. Abg. v. Oldenburg erwioerie darauf mit noch schärferen Worten unb erklärte, daß et sich den Herren von der Freisinnigen Partei zur Verfügung stelle, dkt ihn angegriffen hätten.
Die Herren haben offenbar kein Verständnis dafür, wie lächerlich ste sich durch diefort gesetzten , persönlichen Angriffe auf einen Abgeordneten machen.
Hebet die Sistierung bet Frau v. Griloch schreibt die „Freisinnige Zeitung": „Die Siftieruu* der Frau von Gerlach am vorigen Sonntag ua<$ der Versammlung im Feenpalast hat sich nach bet Aussage des betreffenden Omnibusschaffners folgendermaßen zugettagen: „Die Dame", so erzählt der Schaffner unserem Gewährsmann ir. Gegenwart mehrerer einwandsfreier Zeugen, „ist hinter der Schützmannskette auf meinen Wagen ausgestiegen und durch die Kette hindurchgekommen, ohne belästigt zu werden. Sowie aber die Schutz- mannskette paffiett war, sprang di« Dame vom Wagen und tief mit «inet bezeichnenden Geste: „So, nun bin ich doch durch." Hierauf befahl bet betreffende Polizeioffizier den Schutzleuten: „Ho-
erroarten, weil ich gern ein paar Worte mit Ihne» allein wechseln möchte.
Er sprach hastig, wie jemand, bet sich mit Gewalt von einer Verlegenheit losmachen will.
Cie haben wohl dort eine Hauptstimme? Ei« prüfender Blick glitt über mich hin.
Ich — es ist nicht gerade mein zpezieller Wunsch — ich wollt« eigentlich nicht, daß Anni hier — wie über sich selbst erschrocken, hielt et Inne, nahm de« grauen Zylinder vom Kops und strich nervös durch sein dichtes Haar — meine Frau wünscht, daß Anni etwas praktisch lernt, und ich bin ja im Prinzip auch dafür, aber unter uns gesprochen, ich möchte auf Anni keinen Zwang ausüben ste ist noch so jung und zart, Lberangestrengi soll ste auf keinen Fall werden, ihre Mutter starb auch sehr früh an einem Herzleiden — na, also, wie gesagt — zwingen will ich mein Pflegetöchterlein nicht, wenn fix gar zu viel Heimweh haben sollte, schicken Siebte nach kurzer Zeit zurück; aber nicht wahr. Sie find gut zu ihr, sie braucht so viel Liebe.
Der Ton und der bittende Blick, mehr aber noch der Seufzer, bet die letzten Worte begleitete, ließen mich zum Teil die Geschichte meinet Schutzbefohlenen ahnen. Also die Tante war di« Triebfeder, unb bet Onkcl nicht energisch genug, ihrem starken Willen einen stärkeren entgegenzusetzen; benn baß der Plaz^-Anni Diakonisse werden zu lassen, nicht kn seinem Kopfe entstanden war, merkte ein Blinder heraus.
Ich werde Schwester Anni sicher lieb habe«, sagte ich warm; aber ich mußte boch denken, rote wenig gefühlvoll es war, bie Sorge für das schuß- lose Kind mit, der Fremden anzuverttauen. Wae wußte «t von mit, konnte ich nicht rauh u«d lieblos fein? (Fortsetzung folgt)