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mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: »Fach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."

Deutsches Reich.

Die Rotdseefahtt de« Kaisers. Bremer. Haven 10. März. Der Kaiser verließ kurz vor 10 Uhr das LinienschiffDeutschland- und be­gab sich an Bord des SchnelldampfersKaiser Wilhelm II.. Gleich darauf trat dieser, be­gleitet von dem Kreuzer ..Königsberg" und de» DepeschenbootenV. 150" undV. 181" bk Fahrt in See (bte Norlandsreisei an Die Seefahrt de» Kaisers an Bord des SchneNdomp. fersKaiser Wilhelm H von Bremer hatte« nordwärts wird sich nicht ganz auf 48 Srundeg, Es ist in Aussicht genommen worden, daß drr Lloyddampfsr wieder in Bremerhaven inner­halb der Nacht vom 11. bis 12. März einläuft.

neuem beginnen zu müssen, und feg*;:Ich lassen den Herrn bitten, hierher zu kommen, mein Kind. Er ist mir lieb, ihn persönlich zu sprechen."

Nachdem die Novize gegangen war, schloß st« mit so vollkommener Ruhe ihre Rechnung ab, als ob sie nicht die leiseste Ahnung davon hätte, daß ein Wolf in den Schafpferch eingebrungen sei und ihre Lämmer zu verschlingen drohe. Nach kurzer Frist nahte sich ein fester Tritt, die Täte ging auf und der Abgeordnete erschien. Sein Aeußeres war noch finsterer als sonst, der ganze Mann vom Wirbel bis zur Zehe Arg­wohn und Trotz. Die Oberin schob das Haupt­buch beiseite, stand auf, ließ ihren Schlüsselbund so lustig klirren wie je und begrüßte den Abge­ordneten mit lächelnder Miene.

Herr Abgeordneter . . . haben Sie doch di« Güte Platz zu nehmen!"

Er verbeugte sich obenhin, wie um ihr deutlich zu machen, daß ihre Zuvorkommenheit an ihm wirkungslos abpralle, und doch lichtete sich die Finsternis auf seinem Gesicht ein wenig. Immerhin schien man hier begriffen zu haben, daß man ein« Größe vor sich hatte, die zu achte« und zu fürchten war.

Frau Oberin," erklärte er in barschem Ton, ich bitte um Zuttitt bei meiner Tochter."

Da, klang genau, al, ob er gesagt hätte: -Ich verlange in ihren Kerker geführt zu wer, ben!" und di« Schwester versetzte denn auch lächelnd:Dem steht nicht, im Wege . . . ste muß jetzt wohl in der Kripp« sein. Wen« ich Sie bitten darf, mich zu begleiten." (Forts, f.)

Derheutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 20.

Die Mannesmann Angelegenheit in der Budgetkommisfion des Reichstages.

Am Mittwoch begannen bk Verhandlungen über diese Angelegenheit. Staatssekretär Frhr. v. Schoen erörterte zunächst bte Gründe, die die Veröffentlichung eines Weißbuchs nötig gemacht hätten. In der leidenschaftlichen Agitatton für di« ManneSnumnfchen Jnteresien fei der Regierung borgeworfen worden, ste hätte deuffche Rechte auS Nachgiebigkeit, Liebedienerei und Schwächlichkeit gegen das Ausland preiSgegeben. Der Staats- fekretär legte dar, in welcher irreführenden Weise die öffentliche Meinung gegen das Auswärtige Amt eingenommen worden sei. Dieser Bewegung habe man durch dk Herausgabe einer anttlichen Veröffenttichung entgegetttreten müflen. Die Ur­sache der unerfreulichen Wendung sei, daß die Her­ren Mannesman« eigenmächtig einen Weg etnge- schlagen hätten, der für die Regierung nicht gang­bar sei. Diese sei von Anfang an bemüht gewesen, die Mannesmannschen Ansprüche zu vertreten. Der Weg hierfür sei eine ihnen günstige Ausgestaltung deS Berggesetzes. Der Staatssekretär führte auS, daß man eS in dieser Bergwerksfrage keineswegs nur mit Frankreich, sondern mit allen in Marokko interessierten Mächten zu tun habe. Reben Frank­reich kämen vor allen Spanien und England, so­dann aber auch kleinere Mächte wie Portugal und Holland in Bettacht. Hätte Deutschland sich für die mit dem Verttagsrecht nicht vereinbarlichen Man- neSmannschen Ansprüche eingesetzt, so hätte es sich den Vorwurf einet unehrlichen Jnteressenpolitik und dem Widetfptuch aller beteiligten Regierungen auSgefetzt.

UnterstaatSfekretär Stemrich erörterte in ein­gehenden Ausführungen die rechlliche Sette der Angelegenhett. Das Reich sei nicht in der Lage die Auffaffung der Herten ManneSmann zu ver- tteten, weil vom Standpunkt deS rein marokkani­schen Rechts daS angebliche Berggesetz vom 7. Ok­tober 1908 als eine Urkunde vom zweifelhaften Wert« und jedenfalls nicht als ein allgemeines Berggefetz anzufehen fei, well ferner, selbst wenn letzteres der Fall wär«, das Gesetz doch keinesfalls daS ht Art. 112 der Algectrasakte vorgesehene Ge­setz darstelle und weil ohne das ht Rede stehend« Berggefetz die den Herten ManneSmann erteilten Mnenkonzefstonen keine rechtliche Wirffamkett hät­ten. Rach wie vor würde es daher daS Veste sein, wenn eine Verständigung unter allen Interessenten herbeigeführt werden könnte.

Am Donnerstag setzte die Aommisflon die Be­ratung fort Ein Mitglied der fortschrittlichen Bolkspartet etttärte, die Veröffentlichung des Weißbuches schädigte- die Mannesmannschen Inter­essen. Et hoff« auf Verständigung. Ein nationa- libetaler Abgeordneter erklärte, vor der Veröffent­lichung des Weißbuches hätte man sich an ein Schiedsgericht wenden sollen. Eine absolute Un­richtigkeit des marokkanischen Berggesetzes sei nicht

fällt fort, bi« Wahlmänner werden in jeder Abteilung au, bet Zahl bet stimmberechtigten Wähler des Stimmbezirk, ohne Rücksicht auf die Abteilung gewählt, bet Wahlmann muß bet Ge­meinde angeboren, in bet er aufgestellt ist.

nachgewiesen; di« Forderungen an den Sultan müßten aufrecht erhalten werden. Die Brüder Mannesmann hätten mtt den eigenen Interesse» die deutschen Interessen zu wahren gesucht. (tot Sozialdemokrat wie» den «ersuch einer national« liberalen BlatteS, den Staatssekretär bet Verkehr» mit sozialdemokratischen Abgeordneten zu denun­zieren zurück. Staatrsekretät Ftht. v. Schoen: DaS Weißbuch habe nicht die Mannesmannschen Interessen schädigen können, well sein Inhalt und noch weit mehr den Gegnern Mannesmanns und den fremden Regierungen bekannt gewesen sei. An dem Gerücht, bet brutsche Botschafter habe ptiva- tim erklärt, bk Sympathien ber deutschen Regie­rung ständen mehr auf Setten der Union de» Mines, sei kein wahrer Wort. Ebenso etttschieden müsse er gegen bk Vorwürfe gegen ben Konsul Bassel Verwahrung ein,egen, ber nur seine Pflicht tat als et auf den zweifelhaften Chataftet der An­gelegenheit aufmertfam machte. Gegen die von einem Mitglied« der Fotffchrittlichen Vollspartei borgetegte Resolution und einen Abänderungsan- ttag dazu von einem Mitglied« bet Wirtschaftlichen Vereinigung, wodurch die Regierung verpflichtet werden soll, die Mannesmannschen Interessen mtt allem Nachdruck wahrzunehmen, wendet sich ei» Mitglied der ReichSpartei. Die Resolution ber Wirtschaftlichen Vereinigung lautet:. Nachdem aber die Brüder ManneSmann sich bereit erttärt haben, die bindende Verpflichttlng zu Übernehmen, daß das Marokko-Mnen-Syndikat unter deutscher Füh­rung bleibt und seine Liefentngen sowie seine Auf­träge der deutschen Industrie zukommen läßt, spricht die Budgetkommisston die Erwartung au», daß die Regierung auf das kräftigste die Bestre­bungen unterstützen wird, die Bergwerkskonzessto- nen der Brüder Mannesmann zu sichern." Ein nationalliberaler Abgeordneter wünscht statt einer Resolution eine formulierte Erklärung deS Staats­sekretärs. Staatssekretär Frhr. v. Schoen erflärt, es sei zu befürchten, daß eine Resolution, wie ste auch lauten möge, die noch bevorstehenden Ver­handlungen zwischen den Regierungen und unter den Interessenten wesenllich erschweren, wenn nicht gar gefährden würde. Werd« nicht durch verstän- digung unter den Regierungen das Berggesetz er. reicht, fo trete wieder der alte Zustand der Gesetz- lostgkeit und deS Wirrwarrs in Marokko, ein Kampf aller gegen alle ein. Dabei würden di« deutschen Interesse« in schwer« Gefahr geraten, und das Ende vom Liede könnte schließlich fein, daß nicht eilte einzige Tonne Erz nach Deutschland kommt. Die von ber Fortschrittlichen Volkspartei einge­brachte Resolution wird hierauf zurückgezogen, ber Abänderungsanttag von der Wirtschaftlichen Ber­einigung aufrecht erhalten und begründet.

Marburg

Somiabmd, 12. März 1910.

Aus dem Reichstage.

Sitzung vom 10. März 1910.

Die zweite Beratung deS PoltetarS wird fort- gesetzt «bg. Zubeil (Soz.): Trotz deS erheblich vermehrten Verkehrs ist die Zahl der Beamten, namentlich ber Unterbeamten, noch verringert wor­den. Ungeheuerlich und brutal ist das Vorgehen der Postverwalttina gegen ben Postassistenten Zol- lltsch. ben Vorsitzenden des Poftassistentenverban- des. Unalanblich geradezu ist die Konttolle. bi« beim Televbonamt in Frankftirt a. M. und in ber Französischen Straße ht Berlin geübt wird Wenn

eine der angestellten Damen einen stillen Ort auf- suchen muß. so muß sie sich in ein Buch einttagen, um feststen«» zu können, wie lange ste dort geweilt hat. (Große Hetterkeit im ganzen Hause.s Abg. Dröscher (konf.s: Man braucht nicht zwei Stunde«, um einen solchen Brei hier breit zu treten. Dk fÄhere verfehlt« Beamtenpolitik hat durch die Ein- pellun« zu vieler Anwärter eine Stockung im Avancement hervorgerusen. Kaufmännischer Geist mit vollständiger Rücksicht auf bte Rentabilität läßt sich in einem staatlichen Betriebe nicht rein durch­führen. Den berechtigten Wünschen ber Beamten tft bk Verwaltung im allgemeinen entgegengekom­men, aber eS wäre zu wünschen, baß bte Beamten sich bielesEntgegenkommens bewußt werden, leben falls aber mtt unvermindertem Eifer ihren Dienst weiterversehen. Abg. Racke« (Ztt.s: Erfreulich ist die sparsame Ansetzung des Posktats. Die Post ist jedoch in erster Lime eine Verkehrseinrichtung. Wir werden verschiedene Wünsche aus früheren Jahren wiederholen, so z. B. die Reform der fürst­lichen Portofreiheit, die Sonntagsruhe, das Post- zettungswefen usw. detteffend. Staatssekretär Sröttt: Wir fördern den Verkehr nach Möglichkeit. Aber finanzielle Rücksichten fprechen auch mit. An­dere Länder denken auch nicht an eine Herabsetzung deS Portos. Ueber Brieftelegramme liegen noch nicht genügende Erfahrungen vor. Die Privattele- phonie verschwindet neben ber staatlichen, ohne daß wir ihr durch unsere Beamten Konkurrenz «t ma­chen brauchen. Das Postzeitungswesen wird burch eine Novelle zum Preßgesetz neu geregelt werden. Abg. Beck-Heidelberg (natilb.): Bel ber Neurege­lung ber Fernsprechgebührenorbnung ist darauf z« sehen, daß nicht so hohe Gebühren erhoben wer­ben. baß sie abschreckend wirken, andererseits aber, darf die Verwaltung nicht mit Verlust arbeiten. Für den Weltpoftverkehr sollte nach den Nachbar­ländern ein Zwischenporto einaeführt werden. Abg. Linz (Relchsp): Die Schaffung eines Poft- beirates würden wir begrüßen: dieser würde da» Vertrauen der Bevölkerung finden. Wir verlan­gen im Interesse der Sparsamen eine Neuregelung der Reife- und Tagegelder, fotote die Einschrän­kung ber Dienstreisen. Eine Differenzierung des Wohnungsgeldzuschusies für Reichs- und Staats­beamte ist eine politische und wirtschaftliche Un­möglichkeit. «BeifnL rechts.) Abg. Seyda (Polest Die Beamten müflen die Sprache ber Bevölkerung, mit der sie zu tun haben kennen, das ist aber in den polnischen Kreisen nicht der Fall. Für eine Ost- markcnzulage sind wir nicht zu hauen. Staats­sekretär Krätke: Ich halte meine vorjähra« Behaup­tung ausrecht, daß wir nach ber politischen Gesin­nung der Beamten nicht forschen. In K-tttowitz haben wir bte Beamten, die wir für ben Ort nicht für geeignet hielten, versetzt. Von einem flänblgnt Beirat verspreche ich mir nichts, «bg. Werner (Reformp.): Die Beförderung der mittleren Be­amten läßt sehr zu wünschen übrig. Für die Umn» beamten und Arbeiter ber Post muß viel meh. ge­tan werden als bisher. Ein Antrag auf Schluß bet Debatte wird angen mtnen. Ter Gedalt des Staatssekretärs wird bewilligt. Tie Resolution auf Anschaffung eines Postbeirats wird abgelehnt.

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Das Ergebnis der Kommissions-

Beratungen über die Wahlreform.

Der Kommisstonsbeticht über die preußische Wahlrechtsvorlage, der zugleich mit einem An. lagehest,'- das ein« recht übersichtliche Gegen- Überstellung der geltenden preußischen Wahl- rechtsbestimmungen, der Regierungsvorlagen. And der Kommijsionsbefchlüss« in beiden Lefun. Sen enthält, ist nunmehr herausgegeben worden. )ie Bestimmungen über da» aktive und passiv« Wahlrecht und über die Gründe zu dem Aus- Schluß beim Wahlrecht find im allgemeinen utu ^verändert geblieben. Der § 4 ber Vorlage über die direkte Wahl ist abgelehnt und dafür die Bestimmung eingesetzt worden:Die Abgeord- «tetcrt werden von Wahlmännern in Wahlbe­zirken, die Wahlmänner von den Wählern in Stimmbezirken gewählt. Die Wahl der Wahl. Hiänner erfolgt mittels verdecktet Stimmzettel." »(Also indirekte Wahl die Urwähler wählen tzeheim.) Dazu wird bestimmt, daß die Wahl, männer aus der ganzen Gemeinde, In Gemein­den, die in mehrere Wahlbezirke zerfallen, au» . den ganzen Wahlbezirk, ohne Rücksicht auf die Abteilung, der ste angehören, entnommen wer­den dürfen. Ferner sollen den zur Staatssteuer nicht veranlagten Wählern 4 M. statt 3 =* in» gerechnet werden. §§ 5 und 6 der Vorlage find abgelehnt worden. § 5 ber Kommissionsfassung bestimmt, daß auf jede Vollzahl von 250 Ein­wohnern ein Wahlmann zu wählen ist. Ge­meinden ober Gutsbezirke von weniger al» 750 Einwohnern werden von dem Landtat mit einer oder mehreren benachbarten Gemeinden zu einem Stimmbezirk vereinigt. § 6 der Kom­mt issionsfassung setzt fest, daß die Wähl«« in drei Abteilungen wählen, auf jede Abteilung fallt ein Drittel der Gesamtsumme der Steuerbeträg« aller Wähler. (Also Beibehaltung der bis­herigen DreiklasseneinteilungZ Gemeinden ober Gutsbezirke von 1750 oder mehr al« 1750 Ein­wohnern werben von bet Eemeindeverwaltungs- behörde in Stimmbezirke geteilt. Diese Stimm­bezirke müssen tunlichst räumlich zusammenhän­gen und abgerundet sein. Sie dürfen nicht weniger als 750 und nicht mehr als 1749 Ein. wohnet (die Regierungsvorlage verlangte 3500 Einwohner) nach der letzten allgemeinen Volk» zählung enthalten. Die §§ 8 bi» 10 mit den Privilegierungsbestimmungen der Vorlage über die Schaffunggehobener" Wähler sind sämtlich abgelehnt und kein Ersatz dafür eingestellt wor­den. Nach den Beschlüssen der Kommission 'st daber von der Vorlage im wesentlichen nur die Maximierung" übrig geblieben, d. h. bte Be­stimmung, daß bei der Bildung bet drei Abtei, jungen in den Stimmbezirken nach der Steuer­leistung Steuerbeträge von mehr al» 5000 M nicht mehr angerechnet werden sollen. Di« Übrigen Aenderungen der Regierungsvorlage find rein technischer und redaktioneller Natur; In jener Hinsicht handelt e» sich In der Haupt- »fache um die Folgerungen aus der Wiederein, fiibrung der indirekten Wahl. Die Wablmänner wählen die Abgeordneten öffentlich. Fristwabl ist allein nur noch zulässig, die Terminwahl

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ober deren Raum 15 Pfennig«, für Reklamen 80 Pfennig«. I J K Ltzgbxa Druck und «erlag: Jotz. An«. Koch, llmvetfitätt-Buchbruckerel I »v.

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Die Tochter des Abaeordneten.

Von Georges Oh «et.

kForttetzung.)

Mit einemmal kam eine seltsame Weichheit Über ihn. Was hatte denn das arme Kind im Grund« verbrochen? Einen Mann zu lieben, der ihrem Vater nicht zusagt« war dies« Schuld so unverzeihlich? Bis dahin hatte ste ihm ja niemals Kummer, kein« sorgenvolle Stunde bereitet. An seiner Seit« war ste her- augewachsen in herrlicher religiöser Unbe­fangenheit, nur das Bedürfnis, ihve sittliche Ausbildung mit den Forderungen der Welt, der Gesellschaft in Einklang zu bringen, hatte diese Ruhe gestört. Hatte er denn nicht wirklich seine Machtbefugnis überschritten, indem er ihren Entschluß bekämpfte? Ste hatte es ihm ja selbst 6i'icgt, er habe ihr volle Freiheit «ingeräumt, irgend eine ober gar keine Religion zu wählen. Und bann war et doch aus der Neutralität her- ausgetreten, die ihm fein« eigenen Grundsätze vorschrieben! Schließlich war ihm persönlich ja die Religion verpönt, weil et sie als der Menschheit schädlich betrachtete,' aber ob er dar­in recht hatte, dafür hätte er selbst nicht den Kopf auf den Block legen mögen. Die Ansichten /einer großen Vorgänger waren in diesem Punkt vete'lt. Robespierre hielt an einem höheren Wesen fest, und Camille Desmouli« schrieb in keinemAlten Cordelier"man hätte der lei- »enben Menschheit das Kopfkissen einer Hoff­nung aufs Jenseits nicht wegziehen sollen". Ja-

wohl, aber wenn'» bann an ben Erzieher, den Priester kam, war Courcier mit bet Du Dung einet andern Auffassung fertig. Da gewann sein Haß die Oberhand und er fühlt« sich zu jeder Gewalttat fähig. Die Lehre die er in den bekannten Schlachtruf:Nieder mit der Kleri­sei!" zusammengedrängt, sein Leben lang be. könnt und vertreten hatte, verlegte seinem Denken jeden andern Ausweg. Alle Weisheit, bk ihm kurz vorher aufgegangen war, verflog' er verfiel sofort wieder in die alte Einseitigkeit^

Ist es möglich, daß dieses Pfaffengelichter meine Tochter als Taglöhnerin behandelt!" dachte er.Ich hatte ihr ja mit dieser Möglich, keit gÄroht, aber dulden, daß sie wirklich ein­tritt, bas iH wieder ganz etwas andresi Ist meine Gilberte etwa dazu angetan, dem Klostervolk ben Hof zu kehren?"

Diese Vorstellung fachte seinen Zorn von neuem an, und er begann, Eilberk als Opfer- lamm di« Priester als ihre Folterknechte zu be­trachten. Immer wieder die Inquisition! Den Anteil, den et selbst an diesen Verhältnissen hatte, untersuchte «r nicht weiter; dafür gab es mildernde Umstände. Todmüde suchte er sein Lager auf, aber er fand keinen friedlichen Schlaf. Die ganze Nacht hindurch schreckten ihn unheimliche Traumgestchte, worin et sich selbst im bloßen Hemd mit einer zehn Pfund schweren Wachskerze in der Hand vor der Magdalenen- kirche stehen Buße tun sah, während seine Toch­ter an Heinrich Tresoriers Arm im Brautstaat die Stufen herunterkam. Dann roanbette sich die Szene. Gr befand sich in der Kammer, und

zwar al« Minister, und entwickelte von der Rednetbühne herab seine Gründe für einen Ge­setzesentwurf, der bk Befugnisse religiöser Gemeinschaften verzehnfachte. Einer von seinen früheren sozialistischen Genossen, ein schwul­stiger, unklarer Redner, unterbrach ihn mit Heftigkeit und sprach von demalten Ammen- lied, womit das menschliche Elend eingelullt werden soll." und et entgegnete ihm:(Eine sehr verbrauchte Wendung! Schon bei den Alten vom Konvent ein überwundener Stand­punkt!" Mit schmerzlichem Ton warf ihm Iacquinot ben Vorwurf hin:Während ich in Untersuchungshaft saß, ist tt Minister gewor­den? Er hat sich verkauft! Der Eisenkopf hat sich breitschlagen lassen." Er wollk erwidern, aufbrausen, aber bet Atem versagte ihm, und ring» um ihn her tanzten riesige Anschlagzettel, worauf in feuerroten Buchstaben zu lesen stand: Die revolutionäre Partei! Dreimalhundert- tausend Abonnenten!" Da versank et in tiefe Zerknirschung und wachte vor Tag in Schweiß gebadet auf.

14. Kapitel.

Es hatte eben zehn Uhr geschlagen. Die Schwester Therese saß in ihrem Arbeitszimmer über den umfangreichen Geschäftsbüchern der Anstalt, al» ein« Novize hereintrat.

Meine Mutter," meldete sie, Jb*tt Tovr- ciet ist im Sprechzimmer und wM fein« Tochter besuchen."

Die Oberin blickte mit klaren klug«« Augen auf, hielt den Finger auf di« Zahlenreihe, di« ste eben nachrechnete, um ihre Arbeit nicht von