MchM Mitng mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain und den Beilagen: »Fach Feierabend" lwöchentliche Unterhaltungsbeilage) nnd Landwirtschaftliche Beilage."
M 45
Tie „Obertzesjische Zeitung" eriqeint täglich mit Ausi-ahmc der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2 25 <* (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 "<K.
Marburg
Mittwoch, 23. Februar 1910.
Die Jnsertionegebühr beträgt für die 7gcspaltene Zeile oder deren Raum 16 Pfennig«, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
45. Jahrfl.
Zweites Blatt
Das Wahlrecht der deutschen Einzelstaaten.
„ In der Wahlrechtskommission des Abgeord- -Menhauses har der Berichterstatter eine gelangte Uebersicht gegeben über die Wahlrechte in den wichtigsten deutschen Bundesstaaten, welche in der „Kölnischen Volkszeitung" ver- öfftntlicht wird:
Preußen: Zwei Kammern. Zur Zweiten Kammer indirekte, öffentliche Wahlen mit einem lediglich auf der Steuerleistung beruhenden Dreiklassenwahlsystem. Alter 24 Jahre.
Bayern: Zwei Kammern. Zur Zweiten Kammer direktes, gleiches und geheimes Wahlrecht, das zur Voraussetzung hat ein Alter von 25 Jahren, bayerisches Staatsbürgerrecht und direkte Steuerzahlung während eines Jahres. Relative Eindrittelmehrheit .ist zur Wahl erforderlich und ausreichend.
Sachsen: Zwei Kammern. Zur Zweiten Kammer auf Grund des Wahlgesetzes von 1909 direktes, geheimes Pluralwahlrecht derart, daß je nach genauen bestimmten Einkommen. Grundbesitz. Amt oder wissenschaftlicher Bildung zwei, drei oder vier Stimmen gewährt werden. Ee» Lunder« ist das Wahlrecht an Vollendung des 25. Lebensjahres, Zahlung einer direktenStaats- steuer und Staatsangehörigkeit feit zwei Jahren.
Württemberg: Zwei Kammern. Zweite Kammer feit 1906 allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht. a .Für die 69 in Städten und Oberamtsbezirken zu wählenden Abgeordneten ist im ersten Wahlgange absolute Mehrheit, im zweiten Wahlgange relattveMehr. heit erforderlich, b. Die Wahl der 6 Abgeordneten für die Stadt Stuttgart, der 9 Abgeord- neten im Norden und der 8 Abgeordneten im Süden Württembergs erfolgt nach Listen- und Verhältniswahlen.
Baden: Zwei Kammern. Die Zweite Kammer hat feit 1904 allgemeines, gleiches, geheimes und direttes Wahlrecht für di« 49 Abgeordneten der ländlichen Kreise und di« 24 Abgeordneten der Städte. Im ersten Wahlgang absolute, im zweiten Wahlgang relattve Mehrheit. Beteiligt am zweiten Wahlgang sind die Kandidaten, welche die meisten Stimmen auf sich vereinigten, und außerdem die Kandidaten, di« im ersten Wahlgang mindestens 10 v. H. aller Stimmen erhielten.
Hesien: Zwei Kammern. Die zweite Kammer hat geheime und direkte Wahl durch alle Steuerzahler. Ein neues Wahlgesetz ist in Be- arbeitung.
Sachsen-Weimar: Eine Kammer, di« 33 Ab. geordnete hat. Davon werden gewählt a. fünf von den höchstversteuerten Grundbesitzern direkt, b. fünf von den übrigen höchstbesteuerten Staatsbürgern dirett, c. 23 durch alle Bürger über 21 Jahre in direkter, aber geheimer Wohl.
Oldenburg: Eine Kammer. Jndi-ekte, g«.
31 (Nachdruck verboten.)
Die Tochter des Abaeordneten.
Von George? Ohnet.
(Fortsetzung. >
Tresorier hatte die Bemerkung ohne alle Hintergedanken hingeworfen, Eourcier vernahm sie mit erdfahlem Gesicht. Er erblickte darin eine Anspielung auf die zwanzigtausmü, Franken. di« der „Revolutionären Pattei" geopfert worden waren, und fühlte sich in seinem Selbstgefühl verletzt, wie in seinen Jnteresien be» droht.
„Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß ich den Ankaufspreis der Zeitung bei Heller und Pfennig heimzahlen werd« und daß von dem Geld Ihres Herrn Sohns keine Nickelmünze in meiner Tasche bleiben wird."
..Geld? Was für ein Geld? Was für «ine Zeitung?"
,M« „Revolutionäre Pattei", die Ihr Sohn unter dem Namen Gervais redigierte . . .*
Bei dieser ungeheuerlichen Enthüllung stand ' dem Bankier fast der Verstand still. Mit auf- gerissenen Augen starrte er den Abgeordntten an, und sofort erinnerte er sich der mit „Gervais" unterzeichntten Brandattikel, di« ihn so maßlos empört hatten, llneingedenk des Ottes, wo er sich befand, und des Mannes, zu dem er 'h>rach, schlug er sich mit der geballten Faust auf, Knie und rief: „Da hött aber wirklich alle» Auf' Das ist denn doch zu stark! Unter di« (politischen Mordbrenner und blutdürstigen ! Schreier zu gehen ... er. mein Sohn! Und nach hirnverbranntem Beweis feiner Liebe machen « noch Umstände, ihm die Tochter $u geben?
„Mein« Tochter wird nie einet solchen Wtt-
Heime Wahl durch alle Steuerzahler mit einfacher Stimmenmehrheit.
Braunschweig: Eine Kammer mit 48 Abgeordneten. Davon werden 15 in den Städten, 15 in den Landgemeinden und 18 durch besondere Berufsstände in geheimer Abstimmung dirett gewählt.
Sachsen-Koburg-Eotha: Zwei Landtage,
aber gemeinschaftliche Verhandlung für gemeinsame Angelegercheiten. Geheimes, indirektes Wahlverfahren. Wahlberechtigt sind die
Steuerzahler.
Sachsen-Meiningen: Eine Kammer. Geheime direkte Wahl von 4 Abgeordneten durch die höchstbesteuerten Grundbesitzer, 4 durch die übrigen Höchstbesteuerten uiü> 16 durch sämtliche Bürger.
Sachsen-Altenburg: Eine Kammer. Direkte geheimeWahl von 9 Abgeordntten durch die Höchstbesteuerten, 21 durch die sonstigen nach dem steuerlichen Drttklaffensystem vettttl- ten Statsangehörigen.
Anhalt :Eine Kammer. Indirekte geheime Wahl von 8 Abgeordneten durch die höchstbesteuerten Grundbesitzer, 14 durch die städtischen Wahlbezirke, 10 durch die ländlichen Wahlbezirke. Außerdem Ernennung von 2 Abgeordneten durch den Herzog. *
In den sieben Fürstentümern erfolgt die Wähl der Landtagsabgeordneten nach den verschiedensten Wahlsystemen, und zwar meist geheim, im übrigen teils dirett, teils indireitt, teils allgemein, teils nach bestimmten Klassifizierungen.
In den drei Freien und Hansestädten erfol- gen di« Wahlen der „Bürgerschaften" dirett und geheim, in Bremen und Lübeck nach bestimmten Klasiensystemen, in Hamburg zur Hälft« (80) allgemein, 40 durch di« Eigentümer von in der Stadt belegenem Grundbesitz und 40 von den „Notabeln".
Man ersieht aus dieser zeitgemäßen Zusammenstellung, daß, von einigen Fürstentümern abgesehen, nur noch im Königrttch Preußen die Oeffentlichkeit der Stimmabgabe besteht. Das Reichswahlrecht besitzen von sämtlichen Bundesstaaten nur Württember und Badenin Bayern ist es durch die Vorschrift einjähriger, direkter Steuerzahlung „temperiert". Ein indirettes Wahlverfahren haben Preußen noch Sachsen- Weimar, Oldenburg, Sachsen-Kobura-Gotha, Anhalt und einige Fürstentümer. , An das Pluralwahlrecht hat sich bisher allein Sachsen herangewagt.
Hessen-Nassau und Nachbargebiete.
Oberliederbach, 19. Febr. Ein ganz bedeutender Schaden ist heute morgen einem auf der Durchreise sich befindlichen Schäfer aus dem Vogelsgebirge, der gegenwärtig seine Herde in hiesiger Gemarkung weidet. entstanden, indem seine Herde, angeblich durch Hunde veranlaßt, aus dem Pferch brach und auf die Eisenbahngleise der Bahn Höchst-Königstein geriet. Von dem ersten Zug wurden in der Dunkelheit acht Schafe überfahren und sofort getötet, während die Herde davonsauste, sodaß 54 Stück in den angeschwollenen Liederbach stürzten und ertran-
„Jhre Tochter wird heiraten, wen sie mag . . . sie wird nicht das Opfer Ihrer Herschsucht weichen. ... Es gibt auch noch Gesetze, Herr Abgeordneter, die von sinnlosen Vorurteilen ver- blendtten Vätern Schranken setzen."
„Es gibt feine, die eine Entführung recht- fettiaten, das werde ich Ihnen beweisen."
„Mein Herr, als ich mich entschloß, Sie aufzusuchen, war ich auch entschlosien, alles über mich ergeben zu lasten, aber schließlich gibt es doch gewiste Grenzen . . ."
„Aha!" kicherte Eourcier höhnisch. „Der Tresoriersche Kronprinz hat geruht, meine Familie durch sein Wohlgefallen auszuzeichnen, er erweist uns die Ehre, um unsertwillen auf eine adlige Partie zu verzichten, aber wird das gesittete, gottesfürchtige Knäblein auch so weit gehen, daß es sich mft einer Ziviltrauung begnügt? Meine Tochter ist nicht im Schoß der Kirche ausgewachsen, sie st vollständig unabhängigen, freien Ettstes!"
Mft wahrer Wonne gab Eourcier diese Erklärung ab, womit er den Bantter endgültig abzuschrecken wähnte, die Tresorier aber mit größter Eelastenheit anhörte.
„Dann werden wir sie eben bekehren, ein schöneres Dankopfer können wir Gott nicht dar- bringen!"
Diese höchlich unerwartete Auftastung brachte Eourcier um den letzten Rest von Selbstbeherrschung. Seine zornfunkelnden Augen traten fast aus ihren Höhlen, als er schnaubend vor Wut die Motte herauszischte: „Afto darauf ist's abgesehen! Mir mein Kind stehlen, um es den Pfaffen auszuliefern! Mich in den Augen meiner Patteigenosten dem Verdacht der Mitschuld preisgeben! Aber ich werde mich zu wehren wissen! Ein für allemal lassen (jie
fen. Außerdem fehlt noch ein« Anzahl Schafe, von denen man nicht weiß, ob sie ettrunken oder versprengt find. Der Unfall ist für den Schäfer um so bttmuerlicher, als ihm in voriger Woche bereits 15 Stück in der Gemarkung Sossenheim in einen ttefen Wassergraben stürze- ten und erttanken.
Biebrich, 19. Febr. Gegen die von der Stadt- veror^eten-Bersammlung beschlossene Aushebung der Mädchenmittelschule hatte die Bürgerschaft eine mit über 1000 Unterschriften bedeckte Eingabe bei der Regierung eingereicht. Die Regierung hat diese dem Magistrat zur Aeutzerung zugesandt, mit dem Anheimgeben, die Angelegenheit nochmals zu prüfen. In einer sehr bewegten Stadtverordnetenversammlung wurde von der Mehrheit dennoch beschlossen, di« Mädchenmittelschule eingehen zu lasten wegen der ungünstigen Finanzlage der Stadt, deren Etat mit einem Fehlbetrag von 140 000 cM abschließt und die eine erhebliche Erhöhung der Einkommensteuer (auf 165 Proz.) notwendig mache. Die Beibehaltung der höheren Mädchenschule, die von halb so viel Schülerinnen besucht wird wie die Mädchenmittelschule wurde aus sozialen Gründen für notwendig er. achtet.
Rüdesheinr, 20. Febr. Ein ehrsamer Rüdesheimer Bürger hatte vor längerer Zeit die Gemeinderäte seinerStadt „Esel" geschimpft. Er wurde damals verurteilt, im Inseratenteil des Lokalblattes die Beschimpfung zurückzunehmen. Er tat dies auch, fetzte aber unter das Inserat rin zweites, das in fettgedruckten Worten mit den Worten begann: „Esel zu kaufen gesucht usw." Die Sache erschien allen Rüdesheimern sofort klar, und neue Klage wurde erhoben. Unter stürmischer Heiterkeit vetteidigt« sich nun am Samstag der biedere Rüdesheimer damit, daß er tatsächlich Esel zu kaufen wünsche. Da jedoch ein Zeug« aussagte, daß er ausdrücklich das Inserat unmittelbar unter die Abbitte gedruckt haben wollte, so half ihm seine Verteidigungsrede wenig, und «r wurde verurteilt, 30 M an die Armen und die Proztzßkosten zu bezahlen.
Ans anderen Blättern.
Der „Figaro" und das preußische Wahlrecht. Herr Jules Roche äußert sich im „Figaro", einem "Blatte, das „reaktionärer" Tendenzen gewiß nicht verdächttg ist, über die preußischen Wahtto^>iskämpfe folaendermaßen:
„Auf den ersten Vlck sehen wir — so unangenehm es auch für unsre Eiaenliebe als Republikaner sein mag — die Preußen sind viel fteier als wir. Sie haben Rechte, die durch eine Verfassung garantiert sind. Persönliche Freiheit, Preßfreiheit, Eigentum, Briefgeheimnis, Kultusfreiheit. Lehrfreiheit, mit einem Wort, die „Menschenrechte" sind durch die Verfassung förmlich geheiligt und stnd somit in Preußen positive und gesicherte Tatsache. Unb wie steht es bei uns? Es ist zwecklos, auf diese Frag« zu antworten, nicht wahr? Die Verfassung gibt im allgemeinen dem Abgeordnetenhaus dieselben Rechte, die unsere Kammer bat und außerdem noch größere Rechte in den Budgetangelegenhei
sich's gesagt sein — meine Tochter wird weder Ihrem Sohn, noch Ihrem Gott anoehören!"
Er stampffe vor Wut und erhob di« geballten Fäuste drohend gegen den Baron, aber plötzlich hielt er inne. Eine Tut war aufge- aangen und Eilb-rte auf der Schwelle erschienen. Sie sab sebr blaß aus, dabei aber so schön, daß Heinrichs Vater ohne Gruß und ohne Worte bewundernd in ihren Anblick versunken blieb und seine Augen nicht abzuwenden vermochte van diesen kindlichen Zügen, die von hohem Mut leuchttten und zugleich das Gepräge tteftter Seelenqual trugen.
Sie ftat vor, bis sie zwischen den beiden Männern stand, dann begann sie zu sprechen, langsam, mit scharfer Betonung, als ob ste auf ihrer Hut sein müßte, nicht mehr zu sagen, als ihr Vorsatz war:
„Vater, das Geräusch dieses stürmischen Auftritts ist bis zu mir gebrungen und hat mich mit Angst erfüllt. Es war mein fester Wille, feinen Anteil an diesem Streit zu nehmen, aber deine letzten Worte, die ich leider mit an» hören mußte, haben mit in tiefstet Seele weh getan. Um deinem Etoll genug zu tun, hast du Mißbrauch gtttieben mit meinem Hetzen, meine Gefühle verfälscht, das ist ein Unrecht."
„Mein Kind!" rief Eourcier von Schreck ergriffen.
Sie haft« sich dem Baron zugewendet und fuhr mit einer unwiderstehlich wirkenden Entschiedenheit fort: „Mein Herr, Sie müssen Ihrem Sohn eine Antwort bringen. Sagen Sie ihrn daß mein Hetz sein eigen sei, und daß, wenn ich selbst ihm auch nicht angehöten dürfe, denn darüber hat mein Vater zu entscheiden, nichts mich abhalten werde, seinem Gott anzugehören, denn
ten. Das Herrenhaus kann in der Tat das Budget nicht ändern: es kann es rur im ganzen anehmen ober ablehnen. (Art. 62) Es ist demnach nur allzu wahr, daß die stolzen Citoyens der Französischen Republik sich nach einet solchen Freiheit, wie sie in Preußen herrscht, sehnen müssen. . . . Jedermann in Preußen hat also das Wahlrecht, aber mit mehr oder weniger Bedeutung, je nachdem er mehr ober weniger Lasten trägt; das Wahlrecht ist inbireft (in zwei Stufen) unb es ist öffentlich, weil das preußische Gesetz der Ueberzeugung ist, wie John Stuart Mill, wie Robespierre. wie die Pariser Kommune von 1792, wie die freiesten Bürger, die stolzesten Republikaner bet bemokratischsten Kanton« bet Schweiz, baß diejenigen nicht wert sind zu wählen, die nicht den Mut haben, ihr Stimmredjt' in aller Oeffentlichkeit — au grand jour — auszuüben. . . . Man weiß schon, einen, wie heftigen Kampf die Sozialdemokraten und' die Oppositionsparteien eingeleitet haben, einen Kampf, dessen wirkliche Bedeutung unb Trag-! weite niemanden entgehen kann — nirgends.; Sie wollen im Sturme das gleiche zinb geheime! Wahlrecht daoonttagen. Es handelt sich hierbeis kaum um etwas mehr ober weniger Freiheit ft nein, es hanbelt sich barum, .ob bie snstemati-' scheu Feinde des Eigentums unb ber Freiheit mehr Macht erringen können ober nicht. Da-, durch, daß ein solcher Kampf sich in Berlin ab-', spielt, verliert er keineswegs seinen allgemeinen, Charakter, und man darf wohl glauben, daßft wenn bie Sozialdemokratie in Preußen Ober-' wasser bekommen sollte, ihr Sieg nicht auf deutsche Verhältnisse beschränkt bleiben unb von! nicht zu unterschätzenber Bedeutung sein würde."
Vermischtes.
Carnegies erstes Geschäft. Andrew Carnegie der bis jetzt insgesamt über 600 Millionen Mark für gemeinnützige Zwecke gestiftet hat, erzählt, selbst wie er fein Geschäft machte. Es brachte ihm 10 000 Doll, auf einen Hieb, und das Interessanteste war, daß Carnegie das Kapital zu. diesem Unternehmen sich erst borgen mußte. „Ich erinnere mich," so erzählt er, „wie ich noch ein simpler Angestellter ber Pennsylvania-Eisenbahn war. Ein Arbeitskollege namens Woodruff hatte einen Schlafwagen erfunden unb ging mit einem paar kleiner Schlafwagenmobelle hausieren. Lieber Freunb, sagte ich ihm, ich glaube, wir werden diese Dinger eines Tages im Eisenbahngeschäft brauchen. Und richtig, die Pennsylvania-Gesellschaft bestellte ein paar Schlafwagen dieser Konstruktion. Später, als ich Woodruff «legentlich wfedersah. sprach er zu mir, Cie scheinen ein Heller junger Mann zu sein, Carnegie. Ich glaube, Sie könnten mit mir zusammen ein Geschäft machen. All right, war mein« Antwort, ich bin bereit. Ich gebe Ihnen einen Anteil von einem Achtel, sagte Woodruff und nannte mir bie Summe, einige Jjrnbert Dollars, die ich zu zahlen hatte. Run hatte ich keinen Cent, aber ich ging zu einem meiner Kollegen und bat ihn, mir das Geld zu leihen. Der gab es mir, als ich versprach, ihm 5 Dollars bi« Woche zurückzuzahlen. Mein Gehalt betrug da
darüber bat einzig unb allein mein Gewissen zu enftcbeiden "
„Gilberte!" stöhnte ber Vater. „Du wendest dich von mir, du verrätst mich..."
Sie gab ihm keine Antwort. Hoch aufge« richtet stand sie in der Mitte des Zimmers, bas hübsche, btonbe Köpfchen kühn zurückgeworfen, feber Zoll eine große Dame, vom Wirbel bis zur Zehe in Stolz gewappnet. Wie geMenbel starrte Heinrichs Vater auf diese Erscheinung, dann raffte et sich aus seiner Versunkenheit auf., nickte dem Abgeordneten hochmütig zu unb verbeugt« sich vor Gilberte so rief, wie er sich noch nie vor einer Prinzessin von Geblüt verbeugt hatte.
10. Kapitel.
Herr von Brossard, der zweite bischöflich« Eroß-Vikar, war in seinem Arbeitszimmer im erzbischöflichen Palast mit Durchsicht der Abdrücke einer an die Geistlichen der Diözese gt* richteten Anleitung beschäftigt. Ohne anzuklopfen, trat ein jüngerer Geistlicher bei ihm rin. ging mit leisen Schritten bis zum Schreibtisch, beugte sich über bie Schulter seines Vorgesetzten unb flüsterte ihm mit klangloser Stimm« zu: „Ist es Ihnen gefällig, Herr Abb^, ein junges Mädchen zu empfangen, das ohne schriftliche Zulassung zur Audienz kam, um Seine Eminenz zu sprechen?"
„Ein junge» Mädchen . . . allein?" fragt») der Geistliche, ohne den Blick von seiner Hrbrif zu erheben.
„Nein, Herr Abb6, in Begleitung einer alten Dienerin. Sie machen einen sehr anständtzeM Eindruck."
(Fortsetzung fotzt.)