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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftliche Beilage."

45. Zayrg.

TieObertzessische Zeitung" ermjemt täglich mit Ausnahme der Sonn« und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2 25 <* (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2<H.

Die Jnsertionsgebühr beträgt für die Tgcfpallenc Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Dienstag, 22. Februar 1910.

hin di« Reise zu seinem Schaden geht. Es gibt eben z. Zt. viele Leut«, die sich freuen, wenn auf den Nachbarn die Pfeile sausen, ohne zu bedenken, daß dieselbenPfeile sich eines Tages auch gegen sie richten.

Erregte Situationen wie die jetzige werden von der Sozialdemokratie stets agitato­risch ausgenutzt werden. Unter dies Kapitel fiel auch die Interpellation am Samstag im Reichstage, die nur den Zweck hatte, die Frage der preußischen Wahlreform vor dem Reichstage zu verhandeln. Von der Absicht des Reichs­kanzlers, das Reichstagswahlrecht ändern zu wollen, war auch in dessen Abgeordnetenhaus­rede nicht im geringsten etwas zu merken. Einerlei, man wollte c-zitieren und der Abg. Frank mutzte dem Reichskanzler in allerhand Mätzchen zu leib« rücken. In seiner Erwiderung zeigte Herr v. Bethmann, daß er ein klarer Po­litiker ist. der vor allem auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes gegenüber radika­ler Rabulistik vertraut. Wer will das Reichstaaswahlrecht ändern? Niemand denkt daran, höchstens die Genossen selbst, die es auch Frauen und Jünglingen geben wollen. So fer­tigt« «r die Herren ab. Aber es ist die bekannte Geschichte vom zweierlei Matz. Der Radikal« darf sich erlauben, alles in Grund und Boden zu schimpfen, wer sich aber andrerseits erlaubt, an der geheiligten Majestät der Vernunft und Ein­sicht aller Massen zu zweifeln, der ist ein Volksverrater u. s. f. Datz die ruhigeren Ele­mente im Staate über diesen Geist Herr wer­den, mutz man bald wünscken. Die Versuche mit­telst der Stratze zu terrorisieren, haben nicht die geringste faktische Bedeutung für die Wahl­reform. wohl aber können sie mit allem, was dazu gebärt, den Mitläufern und Lauen ein klares Bill) von dem Geist einerFreiheit" geben, die das Bürgertum in seinem eigenstem Interesse nicht herbeiführe« kanp. Damit wäre schon viel gewonnen.

Aus den Parlamenten.

Deutscher Reichstag.

40. Sitzung vom 19. Februar.

Haus und Tribünen sind stark besetzt. Auf der Tagesordnung steht die Interpellation Albrecht «. Gen.: .Was hat den Herrn Reichskanzler veran­laßt, in der Sitzitng des preußischen Abgeordneten­hauses vom 10. Februar Ausführungen zu machen, die das in der Verfassung des Reiches und mehre­rer Bundesstaaten gewährleistete allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht herabzusetzen und zu bedrohen geeignet sind?' Abg. Frank-Mann­heim (Soz) begriindet die Interpellation. Redner versucht, den Kaiser in die Debaste zu ziehen und muß vom Präsidenten daran gebindert werden. Er ftagt dann den Kanzler, ob er dieses angeblich verrohende und verftachende Reichstagswahlrecht ändern will?

Reichskanzler v. Btthinainr Hollwe« führt aus. daß er sich über das preußische Wahlrecht nicht stier äußern wolle. Die Interpellation bebauvtet die Ansfübrunaen im Landtaae seien geeignet, das Reichstaaswablreck't herabricketzen und zu bekämp­fen. Die Fntervellanten sind doch eigentlich sonst nickst so. Sie veranstalten selber Demonstrationen, nm das preußische Wahlrecht zu bedrohen, ja so- aar z« beschimpfen. Er habe aber das Saeriaut- leaium begangen, nicht an die absolut« Richtigkeit des allaemeinen, oleichen, geheimen und direkten Wahlrechts kür alle Staaten »« glauben und ae- saat die demokratische Entwicklung des Parla- meutari2mi,s führe zu einer Verflachung der voli-

mitten im Zimmer stand. Ein« Sekund« lang kreuzten sich di« Blick« der beiden Gegner, ohn« datz einer ein Wort gesprochen hatte. Eourcier wies mit einer Handbewsgung dem Besucher «inen Lehnstuhl an und fragte steif und förm­lich:Was verschafft mir die Ehre. Sie in mei­nem Haus zu seben, Herr Baron?"

Tresorier verbeugt stch leicht und erwiderte mit einem nicht eben wohlwollenden Blick: Herr Eourcier, ich komme, um «ine Pflicht z« erfüllen, deren Andeutung weitere Erklärungen entbehrlich machen wird. Sie haben eine Toch­ter .. . eine reizende Tochter. Mein Sohn war so glücklich sie kennen zu lernen, und sie kennen, bebeutete so viel, als sie lieben ... Ich bin hier, um Sie zu bitten, datz Sie uns die Ehre er­weisen, meinem Sohn die Hand dieser Tochter zu gewähren."

llm Eourciers Lippen spiette ein Lächeln voll Bitterkeit. Er strich mtt der Hand über feinen Bart, pretzte diesen gegen die Brust und fixierte den Baron mit einem höhnischen Blick.

Auf einen so schmeichelhaften Antrag war ich wahrhaftig tricht vorbereitet," begann et. Ehe wir ihn aber eingehend besprechen, scheint es mir nötig, eine Frag« aufzuklären. Ist Ihr Herr Sohn identisch mit einem gewissen Ger­vais, der sich unter falschen Vorspiegelungen in Familien einführt und der eine Wohnung te diesem Haus inne hat?"

Tresorier war erst rot geworden, fetzt wurd« er blaß. Einer Aufwallung gehorchend, wollte er aufftehen, bezwang sich aber, und antwortete kattblütig: Mein Sohn ist allerdings derselbe

tischen Sitten. Wenn er das Ncichstagswahlrecht als eine Institutton des Reiches angegrisfen und angedeutet hätte, das Reichstagswahlrecht ändern zu wollen, daun könnte er begreifen, daß ängstliche Gemüter sich beunruhigt fühlen. Es sind aber ganz andere Kreise, die den Bestand des Reichs- tagswablrechts bedrohen. (Sehr richtig! rechts.) Das sind die Interpellanten, diese wollen das Reichstagswahlrecht durch Erteilung d Wahl­rechts an Frauen und Unmündige ändere.. Red­ner versichert, daß die Verbündeten Reaienmgen nicht daran denken, am Reichstagswahlrecht zu rütteln. Das Deutsche Reich hat sich mit diesem Wahlrecht eingerichtet, und trotz aller Mißstände des öfientlichen Lebens reicht sein Glaube an die Kraft und Zukunft des deutschen Volkes viel zu weit, als daß er nicht überzeugt wäre, dieser Bau werde sich auch unversehrt erhalten können. Wer es nicht versteht, weshalb er als Ministerpräsident das preußische Beamtentum gegen Verdächtig­ungen in Schutz genommen habe, der habe keinen Sinn für reale Notwendigkeiten. Er vertraue fest auf die ideale Kraft des gesamten Volkes, die un­ter dem realen Druck der nationalen Bedürft ,se steigen und das Feld behaupten werde. (Lebhafter Beifall rechts.)

Bei der Besprechung der Interpellatton führt Abg. Groeber (Ztr.) aus. daß die preußische Wahl­rechtsvorlage keine rein preußische Anoelegenheil mehr sei. Auch unter seinen Parteifreunden hätten die Aeußerungen des Reichskanzlers schwere Be­sorgnisse hervorgerufen. Er meine aber auch, datz nieinand den Parlamentarismus mehr schädige, als solche Parteien, die die parlamentarischen Ge­schäfte durch Obstruktton unmöglich macken. Abg. Dietrich (kons.) führt aus, daß die Möalickkeit einer Aenderung des Reickstaaswablreckts wohl von keiner Partei den verbündeten Regierungen umerstellt werde. Er halte den Versuch für miß­glückt. aus der prominenten Stellung Preußens im Reiche die Notwendigkeit herzuleiten. datz Preußen auch dieselben Einrichttmaen wie das Reich haben müsse. Wir müssen jede Einmisckuna der anderen Bundesstaaten in preußische Ange­legenheiten zurückweisen. Redner führt dann nock den Interpellanten zu Gemüte. daß dock gerade keine Partei wie die Sozialdemokraten die schärfste Krittk am Reichstagswahlrecht -»eübt hätten Rach dem Abg. Bassermann (nMlib.) droht dem Reichs­tagswahlrecht keine Gefahr, er hält jedoch die Kri- ttk an des Kanzlers Wort für bereckttgt, da sie zu vielen Mitzverständnissen Anlaß gegeben hätte« und glaubt, daß die heuttge Aussprache alle Be­denken zerstreut habe. Abg Meine« lfteis. Vv) bedauert die Worte des Reichskanrlers ni^al auch seine beuttgen Ausführungen keine Klarheit geschaffen hätten, worauf Reichskanzler v. Beth- mann-Kollweg fordert, ihm nickt Gesinmmaen unterzufckieben. die seiner Stellung unwürdig seien. Abg. Fürst Hatzfeld (Reicksp.) betont daß die ganze heuttge Debatte von der Sorigldemo- kratte nur aus aaitMorfscken Gründen bermifbe- sckworen sei, während Abg. Korfanttz (Pole) den Reickskanzler als Verächter des Zettaeistes be­zeichnet und Abg. Liebermann v. S"unenb-rq (wirtsck. Bgg.) di« sozialdemokrattfche IMerpella- tton als unbereckttche Anmaßung znrückweift. Zum Schlüsse spricht Aba. Ledebour (Soz.) über eine Stunde lang über alles Möalicke. erzählt be­sonders von den Straßendemonstrattonen in den einzelnen Städten und befckwört zum Schlüsse das Gespenst der Revolutton herauf Er reibt sich dann noch in seiner Weife am Abg. v. Oldenburg. Vizepräsident Spahn ^>ält dem Aba. Ledebour eine ganze Blutenlese unvarlamentarifcker Ausdrücke vor und ruft ibn deshalb zur Ordnung. Rack einigen persönlichen Bemerkungen der Abg. Fürst Hatzfeld Meiner. d. Oldenburg und Ledebour wird dieser Gegenstand verlassen und in der zwei­ten Lefung des EtMs des Reicksamts des Innern fortaefabren. Aba Kaempf (kreis. BP.) macht« einige bandelspolittsche Ausführungen, brach für den Hanfabund eine Lanze und verteidigte die Börse geaen einzelne Angrifte aus dem Hause.

junge Mann, den Sie da hn Aug« haben, und et wird sich persönlich bei Ihnen entschuldigen wegen seiner Winkelzüge. Als Milderungs­grund könnte man vielleicht gelten lassen, daß es in der Tat kein« anderen Mittel und Wege für ihn gab. . . . Unter allen Umständen aber hoffe ich, datz Sie in der Bitte um di« Hand Ihrer Tochter, di« Ihnen die Rechtlichkeit seiner Absichten klar beweist, eine reichliche Sühne diefet kleinen Sünden «kblicken werden."

Jetzt richtet« Eourcier feinen Oberkörper stramm auf und donnert«, in Ton und Gebärde ganz der Held einet Wähletvetsammlung:Was mutz ich hören? Bon einet Sühn« ist keine Rede? Haben wir etwa eine Wiederher­stellung unserer Ehre nötig? Soll eine Schmach von uns genommen werden? Ein Betrüger hat sich bei uns eingeschlichen, find wir etwa ver­antwortlich dafür? Heischt die Beleidigung, di« man uns angetan bat, etwa Schadenersatz? Wir verschmähen die Anerbietungen, die Sie uns machen! Wir haben Ihre Familie unter faftchem Namen in verächtlicher, widerlicher Weise kennen gelernt, und daran wollen wir uns genügen lassen!"

Tresorier hatte diesen vulkanischen Ausbruch unbewegt angehött. Um feine Lippen spielte ein Zug tiefster Verachtung, als er ttocken hin­warf:Mein Herr, ich fürchte. Eie find nicht bei Sinnen?"

,Zch von Sinnen?" schrie Eourcier.Wer find Sie denn, daß Sie sich mtt diesen erstaun- lichen Anträge, bei Mir dnbtihwaZ Wird

Danach trat Vertagung ein. Auf Antrag der bei­den Vizepräsidenten wird für den erkrankten Prd- sidenten Grafen Stolberg als AnstnlfspräsideM' Graf Schwerin-Löwitz (kons.) gewählt, der btt Wahl annimmt. Montag 1 Ubr: Reichskonttol-. qesetz und Etat des Reichsamts des Innern.

beim j«, kann denn je irgend etwas zwischen un$ gemeinsam sein?"

Ich fürchte, ja."

Sie gehören zu den Aristokraten, zu den Genußmenschen, zu den Prassern, 'und Sie wahnen, uns eine Gunst zu erweisen, indem Sie «ns zur Teilnahme an Ihrer Verderbtheit laden..."

Entschuldigen Sie," unterbrach ihn der Bankier kühl,es herrscht hier ein kleines Miß­verständnis. Nicht um Ihre Hand gebe ich mir die Ehre zu werbe«, sondern um die Hand Ihrer Tochter.»

Mein Herr!" .

Was und wie Sie denken, weiß ich langst, und der Inhalt Ihrer Volksreden ist mir nicht neu. Ich möchte Sie also daran erinnern, datz es stch für mich durchaus nicht um Ihre Ge­fühle handelt, sondern um die der Fräulein Eilbette. Ihnen find wir ein Gegenstand des Abscheus, darüber find wir längst im klaren, wissen Sie aber, ob Ihre Tochter diesen Abscheu tritt?"

Sie kann Ihren Sohn nur verachten.

Tresorier machte feinem Zeiget durch einige Zischlaute Lust. ,__

Pah! Frauen denken nicht immer logisch!"

Ich hoffe, datz ihr die Vorstellung, stch ue Millionen zu verkaufen, die Schamröte ins Er­ficht treiben wird."

^Immerhin besser, als um ein paar taJexP , (Fortsetzung folgt).

Deutsches Reich.

Reichstagspriisibent Eraf zu Stolberg- Wernigerode gestorben. Der Reichstagspräsident, der längere Zeit krank war, ist am Samstag Abend 7 Uhr gestorben, wie wir bereits gestern durch Ertrablatt bekannt gaben. Hebet die Todesursache ist folgendes bekannt: Anschließend an die Lungenentzündung entwickelte sich eine Rippenfellentzündung. In der Koertesche« Klinik in der Martin Lutherstraße, in welche Eraf zu Stolberg-Wernigerode heute Morgen überführt wurde, wurde eine Punktation vorge­nommen. um das Exsudat zu entfernen. Eeaen 7 Uhr nachmittags trat Herzschwäche ein. Un­mittelbare Todesursache war ein Lunoenichlag. In der heutigen Reichstagssitzung roi»-i) Vize­präsident Dr. Spahn Vorschlägen, nach einem Nachruf auf den verstorbenen Präsidenten sich zu

Im Abgeorduetenhause

wurde am Sonabend die Beratung des Gesetzent­wurfs beti. Reisekosten der Staatsbeamten fortge­setzt. Rach kurzer Diskussion wurde die Vorlage einer besonderen Kommission von 21 Mitglieder» überwiesen. Es folgte die zweite Etatsberamng der direften Steuern. Abg. Hirsch (Soz.) forderte die Einführung des Tcklaraüonszwanges auch für die Einkommen unter 3000 Jt. Abg. v. Hen­nigs (kons.) protestiert energisch gegen die in der Delbrückschen Staüstik enthaltene Verdächtigung' der Steuerehrlichkeit der Großgrundbesitzer. Es sei Ehrenpflicht aller besitzenden Klassen, der Steuerpflicht auf das Gewissenhafteste nachzukom­men. um auch den Schein zu meiden, als ob sich die Besitzenden in irgendwelcher Weise ihrer Steuer- pflicht entziehen wollten. Der Landrat sei der ge­gebene Vorsitzende der Veranlagungskommission. Es sei ein Uebelstand, daß in den Wählerlisten die Steuerbeträge jedes Wählers osfen daliegen. Hof-, fentlich werde die Einiommensteuergesetznovelle eine ausgedehntere Selbsteinschätzung undSchutz- den ehrlichen Leuten bringen. (Beisall) Minister Frhr. v. Rhcinbaben teilte die Bedenken bezüglich der Ersichtlichkeit der Steuerbeträge aus den Wäh­lerlisten. Pros. Delbrück habe die unversteuerten Vermögen nicht richttg geschätzt. Abg. Frhr. v. Zedlitz (fteikons.) meinte, es müßten bei der Re­vision des Einkommensteuergesetzes besondere Kontrollmaßnahmen geschasfen werden. Abg. v. Kessel (kons.) trat nochmals für Beibehaltung des Landrats als Vorsitzenden der VeranlamingS- kommission ein. Durch eine besondere Kommissiou ohne den Landrat könnte durch zuviel Bureau- krattsmus leicht eine Verscklechterung statt einet Verbesserung geschaffen werden. Nach Erledi­gung dieser Vorlage wurde noch in die zweite Be­ratung des Etats des Finanzministeriums einge- treten. Abg. Schmedding (Ztztt) begrüßte es, daß der Unterstützimasfonds für dieAftvensionäre" keine Herabsetzung erfahren habe. Abg. Queht (kons.) betonte, daß der Staat den alten Beamten großen Dank schulde und sie nicht in Not geraten dürsten. Seine politischen Freunde wären gern bereit für eine Aufböhung des Fonds einzutreten, wenn die Mittel nicht langen sollten. Die Etats­beratung wurde ohne wesentliche Debatte zu Ende gef'"brt. Damft war die Tagesordnung erledigt. R . "*e Sitzung: Montag vormittag 11 Ubr. An­trag Ahrens (kons.) bett. Verstärkung der Ge sckästsordnunasgarantten gegen Orduimgsstö- runaen und Dauerreden Etat der Zentralge- nollcnfckaftskasse. Verschiedene Anttäge.

Tie Temonftrationen.

Die Demonstrationen der Sozialdemokaten »erden noch immer lebhaft erörtert. Interessant en diesen Erörterungen ist aber vor allem di« Stellung des Linksliberalismus. Wohl wird von den Blättern dieser Richtung zugegeben, daß äSKttn z. B. in den Taschen der Verhafteten fast durchweg Steine und offen stehend« Messer fand, aber nicht alle schlingen sich wie zMleFreisinnige Zig." zu ei -t glatten Absage euf. Geradezu erheiternd lirft in dieser Bezieh­ung dieFrankfurter Zeitung", die ihre Sym­pathien mit den netten Frankfurtern Demon­stranten nur schlecht verhüllt. Ein Frankfutter nationalliberales WochenblattDie Main­brücke" schreibt sehr richtig:

Es ist doch recht bezeichnend, daß in den vielen Berichten, di« Augen- und Ohrenzeugen der Sonntags-Demonstrationen in Frankfurt dem Blat übergeben haben, von den maßlosen Beschimpfungen gegen di« Polizeimannschaften, von dem fortwährend vorgekommenen Anspeien der Schutzleute und tt ttf**- < nicht gesprochen wird, obsckon damit gewöhnlich das Zusammen­treffen von Polizei und Schutzmannschaft einge- feitet wurde, abgesehen noch von dem passiven, manchmal sogar attiven Widerstaiü», der allen Anordnungen der Polireileitunq entgegengestellt wurde. Es ist weiterhin bezeichnend, daß die Mehrzahl der Einsendungen an die Tageszeitun­gen. in denen von Ausschreitungen der Schutz­leute gegen angeblich unbeteiligte Passanten ge­sprochen wird, ohne Namensnennung erfolgte, so daß eine Prüfung der oft recht unwahrscheinlich klingenden Erzählungen nickt möglich ist. Daß angesichts dieser Umstände hier und da auch ein­mal ein Unschuldiger zu leiden hatte, daß dieser oder ienet Schutzmann nervös geworden war und fick Hebergrrffe zu Schulden kommen ließ, Saun gar nicht wunder nehmen. Angesichts der ernsten Vorkommnisse der vergangenen Nacht, bei denen im Zusammenhang mit den sozial- demokratiscken Umzügen es zu den wildesten Szenen kam, gehört wirklich eine eisern« Stirne dazu, zu schreiben:So sind die Einzigen, die sich nichts vorzuwerfen haben, die Wahlrechts- demonstranten"."

Das schreibt das Blatt, obschon man auf der Frankfurter Zeitung" wissen mußte, daß 20 und mehr Schüsse auf Seiten der Demonstrant»« ge­fallen waren. ehe der erste Schuß von drrTlchutz- mannschaft abgegeben war, obwohl ihr ferner nicht unbekannt sein kann, daß überhaupt nur zwei Schutzleute, beide in äußerster Notwehr ae- sckossen haben, von dem einen, nachdem et selbst hinterrücks" verletzt worden war, vom andere in dem Augenblick, als im just das Gleiche be­vorstand."

Wir meinen, das nationalliberale Organ sollt« sich nicht rounbetn, denn bi«s alles zeigt nur zu gut, daß bet heutige Linksliberalismus jfast nur noch ein Anhängsel bet Sozialdemokratie D, die auch nur mit einem Wort zu kritisieren, man sich ängstlich hütet. Alle rechtsstehenden Organ« aber haben die Pflicht, berattia« Aeuße- tunaen einer bemerkenswetten politischen Ent­wickelung festzunageln. In allem bläst man fast 'ohne eigene politische Stellungnahme ins Horn der Genossen, nur baß biese infolge ihrer noch -onseguenteren Verneinung boch schließlich den Vogel abschießen. Uns kann es recht fein, einmal wirb bas Bürgertum erkennen, wo-

80 (Nachdruck verboten.)

i Die Tockter des Abgeordneten.

' Von Georges Ohnet.

1 (Fortsetzung.)

Ms Eourcier am nächsten Tage gegen sechs tot abends die Zeitung lesend in feinem Ar- Wettszimmer saß, meldete die alte Rosalie, es sei pht Herr da, der ihren Gebieter zu sprechen Pünsche.

.Kennen Sie ihn?" fragte bet Abgeordnete, bet durch seine Erfahrungen mit dem Eindring- W«g Gervais noch migßtrauischer geworben

L Damit legte sie bie Karte auf den Schreib- Pch, und Eourtter les: ,

Baron Tresorier Bankier

' <kt las «s nicht nur ein-, sondern zweimal,

wim et wollte anfangs seinen Augen nicht Neuen.

5 ,4ßo hält stch diese Persönlichkeit euf?" »agte er dann in verändertem Ton.

fIm Vorplatz."

)Führen Sie diese Persönlichkttt ins Wohn- Dnnnet."

Er erhob sich, legte die Hausjoppe ab und ShlLpfte in seinen Gehrock. Mehr erregt, als er Ich selbst zugestehen mochte, trat et ans feinem Arbeitszimmer in das anstoßende Gemach.

Schritte vor stch erblickte er den Baron jfcferiet. der mtt ernster, feierlicher Haltung