MchM Jeilung
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."
45. Jahrg.
M 43
Erstes Blatt
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversitätS-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Aus den Parlamenten.
Deutscher Reichstag.
Zuerst Wird in namentlicher Abstimmung der Toleranzantrag des Zentrums mtt 160 gegen 150 Stimmen abgelehnt. Der weitergebend« sozia- listische Antrag sand nur 89 zustimmende und 233 ablehnende Stimmen. Dann stand aus der Tagesordnung die Interpellation Albrecht u. Genossen: „was den Reichskanzler zu seinen Aeutzerungen im Abgeordnetenhause am 10. Februar veranlagt habe, die das in der Versassung des Reiches und mehreren Bundesstaaten gewährleistete allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht herabzusetzen und zu begrohen geeignet seien?"
Staatssekretär Delbrück erklärt auf Anfragen, daß der Reichskanzler die Interpellation morgen beantworten werde
Das Haus tritt darauf in die Beratung d«S Etats des ReichsamtS de« Innern ein, wozu nicht weniger als 38 Resolutionen vor» liegen.
Aba. Mever Kaufbeuren sZtr.) weist zuerst auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands bin. Die Börse sei wieder einmal >u einem überhitzten Dampfkessel geworden. Das Kartellwesen bedürfe einer Beaufsichtigung und Regelung. Redner wendet stch dann aeaen den fr-nnfabunb. in den Handwerker und Kleingewerbetreibende nicht hineingehörten. — Staatssekretär Delbrück: Ein Zug des Sozialismus, der Konzentration sei fett 25 Jahren durch das Reich gegangen. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Auch die landwirtschaftliche Frage ftebe seit 25 Jahren im
Die heutige Nummer umfaßt 3 Blätter.
Vordergründe. Sie ist jetzt zu einem gewissen Abschluß gekommen. Am verderblichsten war bte Entwicklung für den Mittel st anb, den selb« ständigen Handwerker und Gewerbetreibenden. Die Sorge um ihn werde noch viele schwer lös» bare Fragen austauchen lassen. Deutschland habe auf solchem Gebiete mehr als jeder andere Staat geleistet. Trotzdem ist es uns nicht gelungen, die weite Klust zu überbrücken, die das deutsche Volk in zwei Teile reißt. Neben den sozialpolitische« fragen haben wir aber noch andere unvergängliche Besitztümer, um die sich das ganze Volk scharen muß. (Lebhafter Beifall.) — Äbg. Pauli- Potsdam (kons.) meint, wir könnten wirklich stolz auf die Sozialpolitik unseres monarchischen Staates sein. Hauptsache ist sorgfältige Trennung zwischen Großindustrie und Handwerk, zwischen Fabrik und Handwerk. ES muß immer wieder die alte Forderung erhoben werden, daß die Industrie zu den Kosten der Handwerker-Ausbildung beizutraaen habe. Die 9stündiae Arbeitszeit sei in Betrieben, die nicht gesundheitsgefährltch sind, nicht zu lang. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit würde di«. Konkurrenzfähigkeit schädigen. — Abg. Fischer (Soz) behauptet, die ganze bisherige Sozialpolitik sei rein kapitalistisch. — Abg. Linck (natl.) erklärt sich mit den Ausführungen des Staatssekretärs einverstanden.
Im Abgeordnetenhause
wurde am Freitag die zweite Berasttng des Jasti zetatS fortaesetzt. Ab«. Frhr. v. Maltzabn (kons.) meinte, daß durch Streichung von 139 Gerichtsvollzieherstellen den kleineren Städten teile erwachsen könnten. Regierungsseitig wurde erwidert, daß die Stellen gestrichen worden wären, da die Gerichtsvollzieher nicht genügend zu tun batten. Dem Abg. v. Böhlendorf Kölpin wurde auf seine Anfrage geantwortet, daß ble ^'reaubedürfnisie auch in den Kleinstädten möglichst am Ort gekauft werden sollten Abg. von Pappenheim (kons) erkannte an. daß die heutigen Irrenanstalten, namentlich in den letzten zwei Jahren, eine erbebftche Verbesieruna bezüglich der Aufnahme und Behandlung der armen unglücklichen Irren erfahren hätten Ans Anardmmg des Oberverwaltungsaerichts sollen aber auch die irren Verbrecher die meist den Abschmrm der Menschheit repräsentieren diesen Anstalten über Wielen werden. Das bedeute ober eine direkte Gefährdung der anderen, unschuldigen irren In- lallen dieser Däuser Abg Stroder lkons) betonte, daß namentlich Frmien in den Irrenanstalten Bf-ffprfSTTen durch irre Verhr^er fnt8"efebt hiSren. Das Bnchdrnckereiaewerbe beklage sich über die Konkurrenz der Gefängnisarbeit. Der Redner fragte ob eS wahr sei daß eine Vergrößerung der Buchdruckerei in Teael beabsichtigt sei. Ein Regierunaskommisiar verneinte diese Araae. Abg. Mever-Tilsit (kons.) forderte für TiMt ein neue» Gerichtsaebäude. Aba Hammer (kons) wünschte eine Erweiterimg deS Amtsaerichtsgebäudes in. Grob-Lichterselde. . •
Rach Erledigung des Iickiizetats wurde nach firner Debatte in der alle Redner aünstiae Stel- ftma zur Vorlage nahmen, der Gesetzentwurf betreffend Gewäbrrma von ZwisDentredifen bei Ventenmltsgründimaen der Aararkommisiion überwiesen. Es wurde uoch in die Beratzma de« Gesetzes betr. die Reisekosten der Staatsbeamten einaetreten. DaS Hmts vertagte die Weiter- beratzma auf Sonnabend: Fortsetzung des Etat« des Finanzministeriums
laden und anlegen. Erst jetzt floh wild erregt die Volksmenge. Das Militär gab keinen Schuß ab/
Das sind seltsame Demonstrationen, und es gehört in der Tat eine gute Portton „Mut' dazu, unter diesen Umständen die Polizei, die gegenüber einer wütenden Rotte — Gott weiß, welcher Elemente meistens — die Bürgerschaft schützt, noch obendrein anzugreifen, als sei sie eigentliche Schuld an den Exzessen. Wer derarttge Tinge auch nur indirett unterstützt, muß mitverantwortlich gemacht werden für das, was nachfolgt. Die Führer Hetzen zunächst in den Versammlungen auf die bluttgste Weise, zum Schlüsse fordern sie natürlich auf, ruhig zu bleiben und — gehen nach Hause, die durch aufteizende Arttkel und Reden verhetzte Menge aber beginnt einst- toetlen auf der Straße die Vorübungen für Putsche und Krawalle. Die letzten Vorkomm- niffe, vor allem in Frankfurt, über die wir an anderer Stelle berichten, zeigen klar, welche Gefahren im Anschluß an diese von der Sozialdemo- kratte und ihren bürgerlichen Steigbügelhaltern empfohlenen „Spaziergänge" entstehen. Vor dem Terror der Sttaßen zu schützen, ist aber die Pflicht des Staates.
Daß diese Uebungen auf der Straße außerdem irgend welche BedeuMng für den Ausgang der parlamentarischen Verhandlungen haben, glaubt selbst der sozialdemokrattsche Abaeordnete Heine nicht, der hierin noch weiter „rechts' steht wie Herr v. Gerlach. Und in der Tat, eine Regierung und ein Parlament, das sich durch derarttge Krawalle einschüchtern ließe, verdiente in keiner Weise da« Vertrauen der ruhigen Bürger, die doch Gott sei Dank noch stark in der Mehrheit sind.
Marburg
onntac, 20. Februar 1910
dem völligen Mangel einer großen und neue« Idee. ES ist zu hoffen, daß Sudermann von de» hier eingeschlagenen Wege umkehre, wie einst von den „Drei Reihersedern' und „Johannes' zu« Gesellschaftsstück der Gegenwart, das da» eigentliche Gebiet seine« Können» ist.
Die Direktton hatte das Stück in wirklich <m- erkennenswerter Weise ausgestattet und war bemüht, die technischen und säuischen Mängel unserer Bühne nach besten Kräften zu verdecken. Die beste schauspielerische Leistung war der Kasper des Herrn Gühne. Herr Bakof, der ebenfalls eine feine Leistung bot, hätte dem Comtur, „diesem stahlharten Mann voll strenger Güte', noch um einen Zug mehr Würde leihen können. Frau Ban- meister brachte das wilde Weit und die elementare Leidenschaft BrizollaS herrlich $um Ausdruck. Daß die Rolle der Melide durch einen Gast besetzt werden mußte, will un» nicht recht etnleuchien. Herr Marx war anscheinend nicht disponiert. Sr hätte doch sonst wohl seinem Heimeringk mehr Männlichkett und Kraft gebe« könne«. Herr Daubhal ließ e» an Kraft im Ausdruck nicht fehle« und stellte sich seiner Partnerin nach besten Kräfte» zur Seite.
Welche» Interesse da» Publikum dramatische« Novitäten entgegenbringt, zeigte der Besuch der gestrigen Vorstellung. Der Beifall de« völlig au8» verkauften Hauses galt jedoch wohl mehr de« Bemühungen der Darsteller al» der Novität.
geschleudert worden, und in der Nähe des verräterischen Leuchtfeuers hat ihn Gregor erschlagen. Denn die Helasischer lasten heimlich ein zweites Feuer brennen, da» die sttirmbedrohten Schiffe an da» klippenreiche User lockt, ihre Insasten den goldgierigen Helaftschern in die Hände liefert. DeS Falkners kriegerische Tochler Brizolla hat beretts Klage bei dem Comtur in Danzig geführt, und im Gefolge der Ordensritter erscheint sie auf dem Hofe der Rynkesöhne, um sich ihr Recht zu holen. Trotzdem Melide unter« Kreuz gesteht, daß sie In der Sturmnacht einen Leichnam hat trage« sehe«, verhindert Kasper durch einen schlauen Betrug die Aufdeckung der Tat. Das salomonische Urteil des Comturs entfcbeibet, daß einer der Rynkesöhne Brizolla heiraten soll. Gregor ist in wilder Leidenschaft ju Brizolla entbrannt, aber zwischen der Falknerstochier und ihm steht das Bild des erschlagenen Vaters; deS- halb bestimntt et seinen Bruder, dem geliebte« und gehaßten Weibe die Hand zu reichen. Heimeringk lebt ftemd neben der von ihm gehaßten Frau dahin, die ihm zum Spott und Schmerz sein Braunkind Melide an seinen brutalen Bruder Gregor verschenkt. Währenddesten erstickt die wilde Leidenschaft in Brizolla und Gregor das Gefühl der Rache und des Hastes. Sie finden sich gerade, als Heimeringk vor den Comwr nach Danzig beschieden wird. Brizolla erzwingt von Gregor das Versprechen, den zurückkehrenden Bruder zu töten. Die rasende Leidenschaft hat in ihm die Bruderliebe ertötet, und er will durch ein falsches Leuchtfeuer den heimkehrenden Heime-
Wahlrechtskrawalle.
Ein Bild von den Krawallen in Neumünster gibt folgender Bericht eines Augenzeugen in der „Köln. Zig.': „Die Schutzleute wurden nicht nur mit Steinen und Knöppel« bombardiert, sondern auch von mehreren Seiten beschossen. Ein Geschoß hätte um ein Haar den Polizeikommistar Gutmann getroffen. Der Polizeisergeant Kaehler wurde durch einen Stein aus dem dritten Swck eines Hauses schwer verletzt. Erst als die Schutzleute die mtt Waffen vordringende Menge nicht abwehre« konnten, ging eine Kompagnie des 163. Regiments vor. Der Hauptmann ließ scharf
Politische Umschau.
El« Ketzer aus beet sozialdemokratische« Lager.
Al, ein rechte, „Ketzer" hat stch inneihalb bet sozialdemokratischen Partei jetzt bet Schrift»
Stadltheater.
r Strandlinder.
Schauspiel in 4 Akten von Herrn. Sudermann. In Szene gesetzt von Direttor Herm. Steingoetter.
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Die Strandkinder sich auf einem Kriegszuge her Helasischer erbeutet worden und unter ihrer i Knechtschaft heimatlos und rechtlos ausgewachsen. -Unter Aufsicht des alten Knechtes Kasper, der auch sthr Leidensgefährte ist, müsten sie die Holzstöße -schichten, die nachts an der Küste brennen. Unter * ihnen nimmt die goldbraune Melide eine bevorzugte Stellung ein, die sie ihrem Herrn Heime- i ringt, dem Jüngeren der beiden Rynkesöhne, der Beherrscher Helas verdanft. Sie wird nacht» nickt ringeschlosien wie die anderen Sttandkindet, deren Guter Geist fie ist. Sie bringt ihnen Speise, und damit sie ihr hartes, hoffnungsloses Schicksal bet« Lessen, singt sie ihnen Lieder von der schwer- »ifitigen Sehnsucht einer Mignon nach ihrem verlorenen Heimatland e, bas nur zuweilen im ßkraum vor ihren Seelen aufsteigt: „Steinerne -Hünen, wie von zackigem Gold und Bäume, die schmal und hoch wie Ältarkerzen sind.'
Ihre Herren, die Rynkesöhne, Heimeringk, der fünfte, gutherzige, und Gregor, der harte, rauhe, Siegen im erbitterten Streit mit den Falkners, den Herrschern des benachbart Putzig. Ihr Vater einst von dem alten Falkner erschlagen worden, t> die Rynkesöhne haben nicht eher geruht, bi»
i dem Falkner den Tod ihres Vaters gerächt . In der letzten Sturmnacht ist er ans User
ment stark find, den Rat gegeben, in die Regierungspartei einzutrete«.. Es ist anzunehmen, baß diese neu zu bildende Partei auch von anderer Seite her noch Zuzug erhält. Auch Mitglieder der klerikalen Volkspartei und der äußersten Linken werben bte Regierung unterstützen. Die Vertreter bet nichtmagyarischen Nationalitäten hat Graf Khnen für sich gewonnen, indem er ihre monarchische und dynastische Gesinnung, die von bet Unabhängigkeitspartei immer bestritten worben war, ostentativ anerkannte. Auch aus bet Unabhängigkeitspartei selbst ist unter Umstände« Zuzug zu erwarten, da Franz Koffuth nichts inniger wünscht, als einen Anteil an bet Macht, und auch Wekerle schließlich nachgeben wird. Damit ist die Möglichkeit geschaffen. die vor 14 Tagen noch ganz unwahrscheinlich war, daß nämlich Graf Khue« schließlich doch eine Mehrheit im Reichstag erhält.
Etwas Bedenklichers hat freilich diese Entwicklung. Was die wilden Magyaren zum Nachgeben veranlaßt hat, war lediglich die Furcht vor dem gleichen unb geheimen Wahlrecht, das einzuführen die Krone sich seinerzeit verpflichtet hat. Die Drohung mit diesem Wahlrecht ist heute der stärffte Trumpf in der Stephanskrone. Seine Einführung würde die Alleinherrschaft des nationalistischen Adels für alle Zeiten brechen. Nun ist anzunehmen, daß, wenn die jetzigen Parteien den Grafen Khnen unterstützen, die Bedingung dafür sein wird, daß die Wahlrechtsfrage In einer dem Adel genehmen Weise gelöst wird. Tatsächlich scheint sich auch die neue Re- gierungsmajorität im wesentlichen aus Gegnern des allgemeinen Wahlrechts zu rekrutieren. Darin liegt die Gefahr für die Krone, daß fie wohl jetzt für einige Jahre Ruhe erhält, und der ungarische Reichstag sich zur Bewilligung der Forderungen für Armee und Flotte versteht, sie aber für diese« Preis sich ihres wichtigste« Trumpfes, nämlich des allgemeinen Wahlrechts, begeben muß, der ja auch in spätere« Jahre« «och ausgezeichnete Dienste leiste« kann. Außerdem wird die Autorität bet Krone, die sich In der Frage des allgemeine« Wahlrechts ja gebunden hat, durch eine« Verzicht auf dieses entschieden leiden. Ob die Krone schließlich die näherliegenden Vorteile so hoch einschätzt, daß fie nm ihretwillen ihre Machtpositionen für später antastet, läßt fich heute noch nicht absehen. Jedenfalls beweist die Entwicklung, daß die Drohung der Krone mit Einführung des allgemeinen Wahlrechts abermals gewirkt hat, und daß ihre Macht viel fester ist, als den Anschein hat.
Tie „OberheiNiche deuung“ eriqeutt täglich mit Ausnahme der Sonn- unb Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 JC (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 «X.
- Die Lage in Ungarn.
Die politische Situation in Ungarn bessert sich allmählich. Vor einigen Wochen war' sie noch völlig undurchsichtbar. Wenn sie auch heute noch nicht klar ist, so ist fie doch im Begriff sich zu entwirren. Diese Entwicklung ist um so interessanter, als sie beweist, baß die Macht der Krone doch viel stärker ist, als ma« nach dem Eindruck, den das Geschrei der Nationalisten macht, bei oberflächlicher Beurteilung annehmen muß. Mit der Verwirklichung der Unabhängigkeitsbestrebungen, die auf eine Erschütterung der Monarchie, eine Lösung des gemeinsamen Zollgebietes und der gemeinsamen Armee hinarbei- ten, hat es gut: Wege. Insofern müsien die letzten Wochen ungarischer Geschichte allen denen, die ein starkes Oesterreich-Ungar« wünschen, zur Freude gereichen. Man erinnert sich, wie die Berufung des Ministeriums Graf Khue« In den Kreise« des ungarische« Parlaments ausgenommen wurde. Ma« hatte die Absicht, den neuen Ministerpräsidenten im Reichstag mit Hohn und Beschimpfungen zu empfangen. Die Wirklichkeit war etwa-- besser, immerhin aber noch schlimm genug. Das Mißtrauensvotum, das ihm das Abgeordnetenhaus aussprach, war so gut wie einstimmig. Das königliche Handschreiben, in welchem daranshin die Vertagung des Parlaments saugc'prock^cn wurde, wurde mit der Erklärung beantwortet, daß die Vertagung gegen die Verfassung. die Regierung ungesetzlich sei, und daher die Steuern nicht gezahlt werden dürften. Das Oberhaus schlug ähnliche Töne an. Die Bedeutung dieser Haltung der beiden Parlamente ist außerhalb der Grenzen der Donaumonarchie beträchtlich überschätzt worden. I« der Tat war es viel Lärm um nichts unb eigentlich nur die Absicht, die Krone einzuschüchtern. Gott sei Dank ist dieser Versuch fehlgeschlagen. Kaiser Franz Josef ließ sich ganz einfach de« Präsidenten des Oberhauses kommen, um ihm Vorhaltungen darüber zu mache«, daß das Oberhaus sei« Kronrecht auf Vertagung und Schließung des Reichstags habe in Zweifel ziehen können. Daraufhin legte der Prästant des Oberhauses feine Stelle nieder. NachWn es so mit dem Einschüchterungsversuch nichts geworden war. begann man allmählich kleiner unb vernünftiger zu werden«. Die Angst, bei einer Auflösung des Abgeordnetenhauses nicht mehr wiebergewählt zu werden, veranlaßte die mutigen Parlamentarier, etwas einzuschwenke«. So zeige« sich nun, kaum 14 Tage nach dem lärmenden Empfange des neuernannten Ministeriums unb bet Aufforderung zur Steueroerweigerung, bereits die Symptome, daß eine neue Partei, die i'ie Regierung stützen will, i« der Bildung begriffen eist. Graf Julius Andrasiy will sich ins Privatleben zurückziehen, hat aber seinen Anhängern, die ungefähr 90 Mann im Paria-
ringt in den Tob locken. Sie selbst schichte« de« Holzstoß. Aber Melide, die sich auf das Geheiß Heirneringks Im Sttanbsande verborgen gehalten, hat den brudermörderffchen Plan entdeckt, und mit Hilfe der Strandkinder, die Gregor hassen, bringt sie Heimeringk durch ein zweites Leuchtfeuer Kunde von der drohenden Gefahr und Rettung.
Als Ordensritter kehrt Heimeringk heim, der Comtur hat an dem Amulet Melidens festgestellt, daß sie ein Fürstenkind Ist und Heimeringk zu ihrem Befckützer bestellt. De« Strandkindern aber bringt er die Freiheit und den Schutz des Ordens. Sie dürfen ht ihre Heimat zurückkehren. Aber, die sich so oft die Augen nach der ftemben Heimat wund geschaut, sie könne« stch nun nicht einmal recht chres Glückes freuen. Heimeringk aber deutet ihnen den Weg zu Ihrem Glück, er will mit ihnen ziehen und für stch und MeLde und die Strandkinder eine neue Heimat bauen. Diese neuerwachende Hoffnung spricht aus feinen Worten: „Wohl dem, der ein Schwert trägt! Er baut stch die Welt. Ich will uns die Heimat wieder- bauen!*
Die Sudermannsche Novität ist ein erneuter, abermals gescheiterter Versuch, über die lauten Tageserfolge seiner Gesellschaftsstücke zu einem dauernde«, anerkannte« Erfolge zu gelangen, durch ein historisches oder phantastisches Drama großen Sttls. Einige pc' de Szenen zeugen von dem starken cheattalische« Talent Sudermanns, aber tat Gegensatz zu manchen feiner anderen Schöpfungen leiden die „Strandkinder' ( an einer gewissen Unklarheit im Ausbau und an ff