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45. Jahr«.

Jts. 40

Aweites Blatt

: Schulgeld etwas erhöht würde.

Wenn so

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(Nachdruck verboten.)

ten zu wohnen. Meistens handelt es sich um solche kaufkräftige Familien, die ohne große Töne zu re­den, ihr ganzes Einkommen auch am Orte ver­zehren.

Hessen-Nassau und Nachbargebiete.

Cassel, 15. Febr. In einer der vergangenen Nächte übernachteten in einem Restaurant der Altstadt zwei Handwerksgesellen aus Marburg. Der ein« von den Burschen hatte unter seinem Kopfkiffen ein gut gefülltes Portemonnaie ver­borgen. Das wußte der ander«. Er schlich sich, als dieser eingeschlafen war, an das Bett seines Kumpanen, stahl diesem das Portemonnaie und verschwand. Der Bestohlene wurde aber bald danach munter. Er schlug Lärm und unter­richtete schließlich einen herbeigerufenen Schutz­mann, der den Dieb in einer nahegelegenen Wirtschaft fistierte, wo er von dem stibitzten Gelbe tüchtig pokulierte.

Wiesbaden, 11. Febr. Um dem starken Abzug besserer Mieter in die Vororte Einhalt zu tun, hat der Haus- und Grundbesitzer-Verein an den Magi­strat eine Petition gerichtet, das zur Zeit noch mäßig billige Baugelände in der Umgebung z. B. auf der Bterstadter Höhe, nach Biebrich zu, auf dem Leberberg und dem Atzelberg städtischerseits un­verzüglich zu erschließ«» und auf jede Art den An­bau von Landhausquartieren zu fördern. In der Stadt selbst und ihrer nächsten Umgebung mangelt es so stark an billigen Landhäusern, besonders Einfamilien-Villcn, daß die begüterten Familien zu Hunderten in die Vororte ziehen, die durch den leicht ermöglichten Anbau derartiger Kolonien ihre Vorteile zu wahren wissen. Diese Erscheinung macht sich nicht nur in Wiesbaden geltend. Auch in anderen Städten, in denen es an sog. Mittelwoh­nungen fehlt, ziehen es viele vor, in den Ortschaf-

DieOberhessische Zeit«««" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugsprei» fefragtbietttl* jährlich durch die Post bezogen 2 25 Jt (ohr^Best^geld). bet unseren Zeitungsstcllen und der Expedition (Markt 21), 2 Jt.

Kunst und Wissenschaft.

# Das Deutsche Reich hat eine Größe von 542 520 Quadratkiüimetern, die Deutschen Ko­lonien in Afrika sind dagegen 2 352 200 Quad­ratkilometer groß, also üb«r das vierfache des Mutterlandes. Bon den englischen Besitzungen in Afrika hat Natal 93 676 Quadratkilometer, die Orangekolonie 130 510 Quadratkilometer, Transvaal 304 900 Quadratkilometer und die Kapkokonie mit Eriqua und Pondoland 717 400 Quadratkilometer. Von unseren Kolonien ist Ostafrika mit 946 500 Quadratkilometer die größte.

# Paris, 12. Febr. Der Südpolarforschcr Eharcot richtet aus Punta Arenas an feine Gattin ein Telegramm, in welchem er unter anderem mitteilt: Er habe südlich van der, Adelaide-Insel einen ausgedehnten Golf ent­deckt, etwa 120 Meilen neuen Gebietes aufae- nommen und sodann bei der Beterland-Insel überwintert. Sein Schiff habe wiederholt Havarien erlitten. Während einer zweiten süd­lichen Fahrt zwischen dem 69. und 71. Grad südlicher Breite habe er ein neues Land entdeckt und die Insel Peter T. miederaefun^en. Die Depesche schließt mit den Warten:Wir haben mehr erhofft, aber unter Möglichstes getan."

ein Junge bis zum 16. Jahre eine höhere Lehr- : anstatt besucht habe, hatte er sich für zu gut, um . ein Handwerk zu erlernen und trage so zur Ueber- süllung anderer Berufe bet. Stadw. Engel war für Erhöhung der Schulgelder nur für Auswär­tige. In den unteren Klassen der höheren Mäd­chenschule könne ebenfalls dasselbe höhere Schul- i geld für alle Schüler erhoben werden, wie bei der

Vorschule. Stadtv. Rohde erinnerte daran, daß tm Gymnasium keine Schulgeld-Erhöhung etn- Irete. Stadw. Storck trat ebenfalls für Schulgeld- Erhöhung ein; er erinnerte dabei auch an die großen Zuschüsse, z. B. 60 000 Jt, die bei der Oberrealschule von der Stadt geleistet werden müssen. Es würden auch wieder 30 000 Jt für einen Anbau verlangt. In demselben Sinne sprach sich auch der Abg. Schäfer aus; die Ober­realschule reiche für Marburaer Verhättnifle aus. Stadtv. Dr. Maurmann stellte den Antrag, di« Sache an die Etats-Kommiffion zu verweisen, während Stadw. Engel nochmals seinen Vor­schlag warm befiirwortete; ebenso trat auch der Stadw. Dr. Wallenfels nochmals gegen die Er­

höhung auf. Die zwei ausstehenden Klassen kämen ja doch, wenn sie auch vielleicht nur schwach besucht würden. Stadw. Schollmeyer wie« darauf hin, daß man das ungesunde Strebe« nach der höheren Bildung verteuern müsse. Er glaubte übrigens kaum, daß die Anstatt dadurch geschädigt wüwe. Sämtttche Anträge, auch derjenige des Magistrats, fielen. Der Stadwerordnetenvorsteher teilte mit, daß der Antrag wohl nochmals einge­bracht werden könne.

Ueber das Abkomme« mit dem Maurermeister Groth wegen eines Anbaues an der Capplerstraße referierte der Stadw. Volland. Dem Vertrag wurde zugestimrnt.

An Stelle des Rentners Jakob Dörr, der ab­gelehnt hatte, wurde der Stadw. Weintraui in die EinquartterungS Kommission gewähtt.

Stadw. Sartorius gab dann ein Referat über den Erlaß eines Nachtrags zur Ordnung bett, die Benutzung der städtischen Wasserleitung für den Prwatgebrauch. Vorgeschlagen ist eine Erhöhung der Wassergelder von 20 auf 25 Prozent. Er trat diesem Vorschlag entgegen. Beig. Schimpfs em­pfahl den Antrag der Kommission und gab hierzu Erläuterungen. Es soll jetzt in jedes Haus ein Wassermeffer kommen. Das Wassergeld wird auf 25 Pfg. pro Kubikmeter erhöht. Stadtv. Engel sprach gegen die Verteuerung des Wassers. Durch die Wassermeffer würden die kleinen Leute jetzt natürlich billiger wegkommen, weil sie weniger Wasser verbrauchten, tote sie bezahlten. Er glaube aber, daß weniger gebadet würde wie seither. Stadw. Rohde beantragte, die Vorlage an die Etat-Kommiffion zurückzuverweisen, man müsse auch den hygienischen Standpuntt ins Auge fassen. Auch der Stadtv. Dr. Maurmann war der Ansicht. Dieser Antrag fand Annahme.

Betreffs der Verlegung einer Kanals hinter den Häusern der Universitätsstraße vom Grund­stück des Bauunternehmers Reifing bis zur Bis- marckftraße, worüber Stadw. Eichelberg referierte, wurde beschlossen, die Vorlage zwecks Vornahme weiterer Erhebungen zurückzugeben.

Weiter besprach man den Antrag zu der Ord­nung betr. die Erhebung eines Zuschlags zur Brausteuer für die hiesige Stadt. Der Stadwer- ordneten-Vorsteher brachte die seitherigen Sätze zur Verlesung. Es soll anstatt der Malzsteuer für das Hettoliter hiesigen und auswärttgen Bieres eine Steuer von 65 Pfg. erhoben werden. Stadw. Zeiß hielt es nicht für richttg, daß man das fremde Bier nicht höher besteuere. Man möge wie seicher eine Malzsteuer erheben, das sei einfacher. Auch bet Stadw. Dietrich war dieser Ansicht. Die Ma­gistratsvorlage wurde angenommen.

Nachdem man noch die Stadw. Dr. Maur­mann, Engel, Eichelberg, Estor, Rohde, Scholl­meyer, Bang, Stumpf und Klee in die Etats-Kom­mission gewähtt hatte, setzte man einige Puntte wegen vorgeschrittener Zeit von der Tagesord- mmg ab.

Beigeordneter Schimpff legte dann den Ver-

toaltungSbertcht 1908/09 vor. Er beschränkte sich aus die Mitteilung der Jnhaltsmbriken und einen kurzen Rückblick über die Steuern und ander« Kassenverhälwiffe. Oberbürgermeister Troje er­stattete ebenfalls einen kurzen kommunalen Rück­blick. Unter anderem erwähnte er auch He Feier des 2000sten Studenten. Die Einwohnerschaft habe sich von 21207 auf 21 723 vermehrt. Die Regelung des Finanzwesens sei schwierig ge­wesen, man habe sich aber in entsprechender Weise geholfen. Die Jnspektton des Schulwesens sei an dm Regiemngs- und Baurat Quehl über­gegangen. Im letztm Jahre seien der Stadt auch verschiedene Sttfttrngen zugefallen. Er kam zum Schluffe auch auf den Etat zu sprechen und et klärte, wie sich die 85 225 Jt Mehrausgabe zusam­mensetzen. Vorwiegend beständen diese aus 34272 Jt Mehrausgaben für die Schulen, 47 000 Jt ausfallenden Steuern, z. B. 24 600 Jt Fleisch­heller usw. Es würden jedensalls 200 Prozent Real- und 175 Prozmt Einkommensteuer erhoben werden müssen. Vergleiche man die Entwick- lungsziffem der Stadt Marburg, die Bautättgkeit usw., so ergebe sich, daß unsere kommunalen Ver- hälwisse keineswegs ungesunde seien. (Wegen der im Saale herrschendm Kälte mußte die Sitzung gegen 8 Uhr schleunigst abgebrochen werden, be­sonders da schon während des letzten Punttes eine Anzahl Stadtverordnete weggegangen waren.)

Stadtoerordneteu-Sitzung.

1 )( Marburg, 15. Febr.

Unter Mitteilung«« zur Kenntnisnahme ge- ' langten die Kasseuübersi^ten vom Monat Januar gut Verlesung. Ferner kam eine Einladung der Freien Studenteuschaft zu einem Vortrag über die Bodensrage zur Kenntnis. Da der projektierte, viel besprochene W«g nach Spiegelslust einen Kostenaufwand von 36 000 Jt verursacht und der Fiskus nur 18 000 Jt beisteuern will, hat man das Projekt aufgegeben. Stadw. Geßner wies darauf hin, daß toegen . der Holzabfuhr der Forstfiskus zu große Ansprüche gestellt und sich deshalb die Sache so verteuert habe. Hofferttlich finde sich später einmal Gelegenheit, dem Plane gum Bau eines Weges unter günsttgere« Verhält­nissen näher zu treten.

Die beiden folgenden Puntte, welche Erhöhung des Schulgeldes der Oberrealschule und der hö­heren Mädchenschule betrafen, wurden zusammen verhandelt. Die Stadwerordneten haben sich be­kanntlich schon einmal mit dieser Frage beschäftigt. Stadw. Dr. Maurmann sprach sich gegen die Er­höhung aus, ebenfo auch Stadw. Dr. Wallenfels, bet eine Statistik zur Verlesung brachte, nach welcher eine Erhöhung des Schulgeldes die An­stalt schädigen würde. Ter Stadwerordnetmvo r. steher glaubte, eine etwaige verminderte Frequenz der Oberrealschule sei auch auf die Entstehung neuer Anstalten In den kleinen Städten zurückzu- ; führen. Stadw. Bang wies darauf hin, daß es den prakttschm Berufen jetzt schon sehr schwer falle, paffenden Nachwuchs zu finbcn. Aus diesem Grunde könne es gar nicht schaden, wenn das

Marburg

Donnerstag, 17. Februar 1910

Die Tocbter des Abgeordneten.

Von Georges Ohnet.

, lfiorttetzung.i

Ich müßt« mich sehr tauschen, wenn mar. ihn nicht einen glänzenden nennen dürste. Nun Denn, mein Kind, ein sorgsamer und zärtlicher Vater hat ja doch sicher den Wunsch, sein Kind glücklich zu sehen, und falls er nicht den Triumph seiner Gtunbsätze und die Befriedigung seiner Rachegelüste höher stellt, als das Glück seines Kindes so möchte es ihm schwer werden, eine Verbindung für Sie auszuschlagen, die den meisten Eltern seht begehrenswert erscheinen würde. . .

Zch will es hoffen, gnädige Frau."

Vis jetzt hat Ihr Herr Vater niemals Zwang auf Sie ausgeübt? Er hat Ihnen seine Anschauungen nicht aufgedrängt?"

Niemals, gnädige Frau. Er hat mir ttnunu schränkte Freiheit gelassen, hat nie weder über Politik, noch über Religion mit mir gesprochen, sondern immer gesagt:Wenn du erwachsen bist, sollst du frei entscheiden können, was dei­nem Wesen zusagt."

Diese Worte schienen Frau von Tresorier nicht sehr beruhigend zu klingen, ja etwas Be- ingstigendes für sie zu haben. Sie machte ein wenig nervös:Hm? hm:" und ihr Lächeln war nicht mehr ganz so sonnig. Ein« gewiss« Spannung zeigte sich auf ihren Zügen; sie schien mit sich selbst zu kämpfen und sich nicht recht ent­schließen zu können, den Gedanken, die sie beweg­ten, Worte zu leihen. Endlich begann sie mit gedämpfter Stimme, in beklommenem Ton:Er hat Sie doch auch in Stand gesetzt, Ihre Pflich­ten gegen Gott i« erfüllen?" -

Wenn mein« arm« Mutter am Leben ge­blieben wäre, so würde ich sicher ihre Religion angenommen haben, ohne daß mein Vater et­was dagegen eingewendet hätte, gnädige Frau. Sie war fromm, und der Vater hat sie nie darin gestört und beschräntt. Um meinetwillen aber hätte er aus seiner Neutralität heraus­treten müssen, und das wollte er nicht."

Und Sie, mein liebes Kind, haben nie da­nach verlangt. Religionsunterricht zu ermatten, zur ersten Kommunion zu gehen, wie Ihre Freundinnen?"

Ich hatte keine Freundinnen, gnädige Frau; meine Kindheit, mein ganzes Leben war sehr «infam. Mein Vater, der in der Provinz lebte, knüpfte nur polittsche oder geschäftliche Beziehungen an. Erst mit fünfzehn Jahren habe ich gleichalterige Mädchen kennen gelernt, als ich zur Vollendung meiner Studien ein Gymnasium besuchte."

Ein Gymnasium!" wiederholte die Baronin das junge Mädchen ganz erschrocken anstarrend. Natürlich, das hätte ich mit ja denken können! Ein Mädchengymnasium! Und was wurde denn in dieser Anstalt gelehrt, mein Kind?"

Ach, die Damen waren sehr gut und nett und der Unterricht ganz vorzüglich," erwiderte Gilberte.Es wäre reiner Undank, wollte ich ihnen nicht das höchste Lob spenden."

Aber was für Grundsätze hat man den Schülerinnnen beigebracht? Eine Schule ohne Gott! Mädchen ohne Religion! Ja, was für Frauen sollen denn daraus werden? Was für Mütter? Ach, diese Unglücklichen können Mutter werden, und sie werden ihre Kleinen nicht lehren, die Hände zu falten, ihr Eebetchen zu sagen, sie werden ihren Blick nicht zum Himmel emporlenken, ihnen nicht von der hei­ligen Jungfrau und dem Jesuskind erzählen....

Vermischtes.

Zur Königliche« Wildsau. Aus Rom wird geschrieben: In der römischen Kampagne, die noch immer als das reichste Jagdgebiet Europas für Wildschweine gilt, war der König von Italien auf der Jagd. Sein Kraftwagen erlitt dabei einen Unfall, zu dessen Ausbesserung bet König in einer armseligen, an der Magliana- (Nebenfluß des Tibers) Brücke gelegenen Schenke halten ließ. Die Jagdbeute, eine kapi­tale Wildsau, erregte bald die Bewunderung des Wirtes, der voll Staunen ausrief:Wenn ich doch zum Sonntag auch einmal eine solche Sau im Hause hätte, da wäre mein Glück ge­macht?" Der König nahm anscheinend keine Notiz davon. Am folgenden Montag aber er­schien Seine Majestät mH der Königin wieder an der Magliana-Brücke, einen gewaltigen Kei­ler tm Automobil Der Wirt vermutete einen neuen Unfall. Wie groß aber toat sein Er­staunen, als ihm der König zurief:Wenn Ihr Euer Sonntagsglück einmal probieren wollt:

Unpolittscke Taaesnachrichten.

Gräßlich oetbrannt. Kreuznach, 15.

Febr. Die Frau des Wirtes Woli in Ippen­schied füllte Naptha aus einer Kanne in eine Flasche. Dabei entwickelten stch Dämpfe, die sich an einem brennenden L'cht enzünbeten und die Kanne zur Explosion brachten. Di« Frau wurde gräßlich verbrannt und starb unter großen Schmerzen.

Die herrlichsten Beispiele der Selbstlosigkeit, des Opfermuts, der Nächstenliebe die wir kennen, werden ihnen verborgen bleiben . . . mein liebes Kind, das ist einfach ungeheuerlich? Nein, nein! Darüber mit Ruhe zu sprechen, ist mit rein unmöglich . . . Aus große Schwierig­keiten, auf peinliche Entdeckungen war ich ge­faßt, aber was Sie mir damit enthüllt haben, läßt alles hinter sich, was ich je hätte fürchten können. . . . Religionslos! . . . Aber, Kind, sagen Sie mir doch wenigstens das eine. Sie empfinden doch keinen Widerwillen gegen di« Religion?"

Frau von Tresorier war in ihrer Erregung aufgesprungen und im Zimmer umhergegangen, bann war sie vor Gilberte hingetreten und hatte sie bei dieser dringlich und flehentlich aus­gesprochenen Frage, in der schon bas Feuer des Bekehrungseifers leuchtete, fast in die Arme ge­schloffen.

Wie sollte ich einen Widerwillen dagegen haben?" gab das junge Mädchen zur Antwort. Auf dem Grab, worin meine Mutter schläft, erhebt sich ein Kreuz, und so oft ich ihr Blumen bringe, knie« ich davor. Als ich noch ein ganz kleines Kind war und eben zu sprechen anfing, lehrte mich die alt« Rosalie ein Eebetchen, das einzige, bas ich je gelernt habe, und mit diesem hab' ich um ewigen Frieden für die arme Ent­schwundene gebetet. . . . Die Worte wendeten sich zum Himmel an einen Gott, von dem ich nichts wußte, den ich aber um Gnade anflehte für die schmerzlich Vermißte. Wie sollte mir die Religion etwas Feindseliges bedeuten, ba sie ja eng verschmolzen ist mit meinen teuersten Erinnerungen, mit meinem heißesten naturge. mäßen Gefühl! Das wäre ja ganz unmöglich^ gnädige Frau?" . > .

__________(Fortsetzung folati

Gilberte sah der Fragerin mit ihren leuch­tenden. ehrlichen Augen voll ins Gesicht.

Gnädige Frau, ich war ein Jahr alt, als ich meine Mutter verlieren mußte, und was Re­ligion betrifft, bin ich vollständig unwiffend. Außer meiner alten Kinderfrau hat sich nie- mani) damit befaßt, mein Gewissen zu lenken, und ich bin in völliger Unkenntnis der Glau­benslehren aufgewachsen. Heute, in Ihrer Nähe, werde ich mit dieser Tatsache mit Beschämung bewußt, aber verhehlen will ich sie gerade Ihnen nicht."

,,®a5?" stieß die Baronin verblüfft heraus. Keine Religion, kein Glauben . . . vollständige Gleichgültigkeit! . . . Aber, mein liebes Kind, so verschlossen find ja höchstens die Seelen der kleinen Heiden, die von den Missionären in der Wüste aufgelesen werden. . . . Zivanzig Jahre alt! Ohne Religionsunterricht . . . wie ist es nur möglich? Das ist ja einfach ein Verbrechen!"

Gnädige Frau!" rief Eilbette flehend, in­dem ihr Tränen in die Augen traten.

Verzeihung, Verzeihung, mein armes Kind . . . ich rege mich auf . . . aber Sie ahnen nicht, wie groß, wie schmerzlich diese Ueber- raschung für mich ist! Fassen wir uns, meine Liebe . . . schließlich, daß Sie vollständig außer­halb der Kirche stünden, ist ja nicht denk­bar . . . Sie sind doch getau^?"

Ja, gnädige Frau."

Gott sei gelobt? Da hätten wir schon ein Sakrament, und Sie sind wenigstens etwas besser dran, als ein Kätzchen ober ein kleiner Hund! Aber bis ins zwanzigste Iaht bem Licht fern bleiben, glaubenslos, weder falscher noch wahrer Lehre folgenb . . . nicht einmal eine Ketzerei! . . . Doch am Ende läßt stch's noch nachholen. Erzählen und erklären Sie mir nut eUes, mein Kind!"

mit dem

und den Beilagen: Illach Feierabend"

Die Jnser tion-gebühr beträgt für die 7gespaliene Zc-.le oder beten Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universttats-Buchdruckere» Inhaber Dr. T. Hitzeroth, Marburg, Martt 21. Telephon 56.

rrg und Kirchhain ' ' und »Landwirtschaftliche Beilage."