mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: ,Iach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
M 25
Die „ObertzttMchc öetlung" erjajemt täghd, mit Aue-iiaüme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2 25 <* (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition stärkt 21), 2 <X.
Marburg
Sonntag, 30. Januar 1910.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die Tgcfpnttcne Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Sug. Koch, UniversitätS-Buchdruckerei Inhaber Dr. €. Hiheroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
45. Jahrg,
Zweites Blatt.
Die heutiae Nummer umfaßt 3 Blätter.
Nach den englischen Wahlen.
Man schreibt uns aus Berlin vom 27. Jan.: Als die Engländer im Burenkriege die ersten Niederlagen erlitten, mutzte der unbefangene Beobachter die Mannhaftigkeit, mit der sich das englische Volt benahm, bewundern.
Dieselbe mannhafte Ruhe zeichnete während der vierzehntägigen Dauer der Wahlschlacht die liberalen Führer aus. Sie hörten nicht aus, ermutigende Ansprachen an ihre Anhängerschaft zu richten, obwohl jeder Tag neue Niederlagen brachte, so datz schon nach den ersten Wahltagen die Unmöglichkeit, eine reinliberale Mehrheit zu erhalten, offensichtlich wurde.
Denn einsVkiederlage find diese Wahlen für den englischen Liberalismus gewesen. Nach den Wahlen von 1906 sahen die Liberalen ohne Hinzurechnung der Arbeiterpartei weit über doppelt soviel Sitze, als die Unionisten: sie waren dieser Partei um gut 200 Sitze überlegen. Dieser gewaltige Ueberschuh ist durch 'ne jetzigen Wahlen wehr als ausgeglichen worden: die Unionisten find zur stärksten Partei geworden. Es ist auch kein Trost, wenn herausgerechnet wird, datz die „Regierungsparteien" wenige hunderttausend Stimmen mehr erhalten haben, als die Unionisten. Dafür bilden die Unionisten eine in sich geschlossene Partei, während die Arbeiterpartei schon eine nicht ganz sichere Regierungspartei find, die Iren aber noch viel weniger.
Der Mitzerfolg der Liberalen konnte freilich dem aufmerksamen Beobachter nicht unerwartet kommen^ Ersatzwahlen geben meist eine ziemlich sichere Prognose für die nächstfolgenden allgemeinen Wahlen. Wir haben dies in Deutsch, land schon wiederholt erlebt und In England ist es eben so. In den Jahren 1904 und 1905 hatten die Liberalen bei den Ersatzwahlen zum Unterhause Erfolg auf Erfolg zu verzeichnen, in den Jahren 1908 und 1909 die Unionisten. Den Ersatzwahlen von 1904/05 folgte der liberale Wahlsieg von 1906, den Ersatzwahlen von 1908/09 der unionistische Erfolg von 1910.
Freilich war der damalige liberale Wahlsieg sehr viel größer und entscheidender, als der gegenwärtige unionistische. Die Liberalen hatten für sich allein auch ohne Arbeiterpartei und Iren die Mehrheit, die Unionisten würden jetzt die Unterstützung der Ire. brauchen um eine, beiläufig auch ziemlich knappe, Mehrheit zu besitzen Da nun die Iren einstweilen den Liberalen näher stehen als den Unionisten, so ist zur Zeit an eine konservative Regierung nicht zu denken.
Freilich steht auch die Fortdauer der liberalen Herrschaft auf sehr schwachen Fützen, weil die Liberalen immerfort auf ihre arbeiterparteilichen und irischen Freunde und Verbündeten werden Rücksicht nehmen müsien. Diese Freund- schait aber ist gefährlich, denn das englische Volk licht weder den Radikalismus noch wünscht es den Iren allzuqrotze Zugeständntsie gemacht zu sehen. Wenn aso das liberale Ministerium sich von Llond Georae und Burns allzuweit nach links drängen lätzt ober wenn es sich von Red- wend zu horte Bedingungen diktieren lätzt, so wird es infolge noch mehr an Boden verlieren, als bei den gegenwärtigen Wahlen. Wenn gesagt wird, daß die Regierung besonders in den „Grafschaften" Terrain verloren hat. weil man dort die Kornzölle wünscht so halten wir das kaum für zutreffend. Rach den „Statesman's Yec'- Book""' beträgt in England die Zahl der in bet Landwirtschaft beschäftigten Personen kaum eine Million unter mehr als 12 Millionen männlicher Bevölkerung, während allein in der Industrie über 6 Millionen beschäftigt sind. Die : mit Getreide bebaute Bodenfläche ist in Grotz- Brirannien von 9'/> Millionen Acres im Jahre 1875 auf nicht ganz 7 Millionen im Jahre 1907 herunterqegangen. Englaich mutz so unendlich viel mehr Getreide einführen als es selbst herstellt, datz die Kornzölle viel mehr Leute belasten würden, als davon Nutzen hatten. Wir glauben deshalb, datz nickt sowohl die Aussicht auf die Kornzölle die Wähler in den Grafschaften auf die Seite der Unionisten geführt bat, als die Abneigung gegen den von einigen Mitgliedern der Regierung zur Schau getragene« Radikalismus.
. Wenn die Unionisten klug find, so suchen sie nicht das Ministerium in der nächsten Zeit zu .stürzen, sondern sie gehen darauf aus, die Regierung in immer tiefere Abhängikeit von den Radikalen und Iren gelangen zu lasten. Wenn ^schon nach kurzer Zeit wiedergewählt werden müßte, etwa im Laufe dieses Jahres, so würde kes Wahlergebnis kaum wesentlich anders sei«, al, es jetzt gewesen ist. Die Unionisten waren
dann ebensowenig regierungsfähig, wie zur Zeit. Wollen andererseits die Liberalen die jetzt erlittene Schlappe bei den nächsten Wahlen wieder gut machen, so müsten sie einmal nicht eine so reichliche Zahl von Fehlern begehen, wie nach 1906, und sie mästen zweitens die Arbeiterpartei und die Iren in einer gewisten Distanz halten. Wir wüste« allerdings zugeben, datz bei der gegenwärtigen Situation die letzterwähnte Forderung leichter gestellt als erfüllt werden kann.
Einseitige Jnterriationalitlit.
An dem richtigen Abwägen des Könnens und Nichtkönnens fehlt es bei der modernen Arbeiterbewegung überall da, wo die Sozialdemokraten mit ihren parteipolitischen Nebenzwecken und ihren Phrasen von der „internationaler Solidarität usw. den Ausschlag geben. Wie es damit aber in Wirklichkeit steht, wenn von einer Seite materielle Unterstützung erbeten und die Jnternationalität durch die Tat bekräftigt werden soll, zeigte sich recht deutlich in dem Riesenstreik, den im vergangenen Sommer die 300 000 Arbeiter Schwedens gegen die Unternehmer führten. Erreicht wurde gar nichts. Die internationale Sozialdemokratie stand dem Streik kalt und mit zugeknöpften Taschen gegenüber. Nur die deutsche Arbeiter schäft, die in der sozialdemokratischen Partei und den freien Gewerkschaften organisiert ist, hat in einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs Mittel von ungeheurem Umfange nach Schweden gesandt. In ein und derselben Nummer sprach der „Vorwärts" von den „hungernden" deutschen Arbeitern, forderte sie aber zugleich zu reichlicher Spende für die schwedischen Genosten auf: in demselben Atemzuge, mit dem er über Tausende aus den Tascken der vom Reicke unterstützten Tabakarbeiter dankend auittierte, schilderte er ihre elende Lage und höhnte et über das Mjllionengeschenk der Volksvertreter.
Zu der Unterstützung der Ausständigen, die auf Wunsch der schwedischen Landeszentrale von der ausländiscken Arbeitersckaft einqeleitet worden war, wurden von auslöickischen Arbeitern insgesamt 2 085 000 Kr. (1 Krone gleich 112,5 JJ) aufgebracht. Wäre die Beteiligung an diesem Unterstützungswerke in den einzelnen Ländern gleichmäßig erfolgt, so hätten Erotz- brilannien und Frankreich mit 80 Millionen Einwohnern mehr aufbringen muffen, als Deutschland mit 61 Millionen. In Wirklichkeit brachten aber die deutschen Arbeiter 1 030 000 Kr., also fast ebenso viel auf. wie die Arbeiter aller anderer Länder zusammen. Das kleine Dänemark mit 2.5 Millionen Einwohnern steuerte 432 000 Kr. bei, Norwegen mit 2 Mill. Einwohnern 348 000 Kr. Dagegen zeigten die Spenden der Vereinigten Staaten von Nordamerika (107 000 ftr.), Großbritannien (36 000 Kr), Frankreich (5000 Kr), Italien (1000 Kr.) Oesterreich-Ungarn (50 000 Kr). datz diese Länder weit weniger opferwillige Vertreter der internationalen Arbeiterbeweaung besitze« als Deutschland. Norwegen und Dänemark.
Also über 1 600 000 M haben fick die deutschen Arbeiter den schwedischen Mastenstreik kosten lasten. Als einzigen greifbaren Erfolg konnte der „Borwärts" nur angeben, „datz die Auflage des Stockholmer Parteiorgans eine Steigerung von- über 20 000 Abonnenten erfahren hat" — d. h. die deutsche Arbeiterschaft hat für jeden Abonnenten 80 <M aufgebracht? — Während demnach die Gewerkschaften bet übrigen Länder in der Hauptsache Heimatpolitik treiben und sich an der Notwendigkeit de? internationalen Sozialismus höchstens durch Phrasen berauschen und Symvathieerklärungen bescklietzen, wurden die deutschen Arbeiter geschröpft. — Wenn man in den liberalen Blättern viel von bewunderder Anerkennung lieft dafür, datz in Schweden auf Seiten der Arbeitnehmer mit „heldenhafter" Zähigkeit und Entsagung gestritten worden ist, so ist das doch ein herzlich schmales und käralickes Pflaster für die Wunden, die Schweden geschlagen sind und am nachhaltigsten von den schwedischen Arbeitern empfunden werden wüsten, nachdem Handel und Industrie Verluste erlitten haben, die in Jahren nicht überwunden sein werden.
Für die Arbeitnehmer schafft jeder Streik ein Heer von Elementen, die auf einmal ihre Arbeitsfreudigkeit entdecken und wohlgefüllte Streikkassen im Handumdrehen leeren. Der Generalstreik ist und bleibt das Lberzeuqenste Plaidoyer für die Derfehltheit des sozialdemokratischen Klastenkampfes.
Aus den Parlamenten.
Deutscher Reichstag.
Auch heute herrschte auf der Bundesratstribüne die Uniform vor; denn der Militäretat wurde weiter beraten. Die Buftbauertribünen waren
heute sehr voll, selbst Herr Ben Asus, der zurzeit hier weilende Bevollmächtigte des Sultans vo« Marokko, ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, sich eine Zeitlang das Getriebe im Reichstage an- zufehen. Das Hauptthema war auch heute wieder Wie können wir am Militäretat sparen? Abg. v. Bvern (kons.) forbert baldige Erhöhung der Mannschaftslöhne und freie Fahrt bei Urlaubsreisen. Eine zweijährige Dienstzeit für die Ka- vallette sei unmöglich, dagegen sei die Heranziehung von Soldaten zu Emtearbeiten im Notfälle unerläßlich. Redner tritt dann dafür ein. daß den Kriegervereinen Waffen gegeben werden, hält es für selbstverständlich, daß diese Vereine keine Sozialdemokraten aufnehmen und bittet, daß die Reserveübungen nicht in der Erntezeit stattsinden. Ebenso tritt er für vermehrte Belegung kleinerer Garnisonen ein und tadelt den Lums unter den Einjähttg-Freiwilligen. Er forbert dann vermehrte Heranziehung kleinerer Lieferanten zu den Heeresliefemngen. Abg. Mugdan (fteif. Vp.) meint, gespart könne werden an Kommandanttl- ren. Adjutanten. Gouverneuren und an Musikkorps. Ab. Liebermann v. Sonnenberg swirtsch. Vg.) tritt für Abschaffung des Einjährig Frei- Willigen-Privilegs ein und schlägt vor. die Mann- schaftslöhmingserhöhung in Form eines Sparsoldes eintreten zu lasten, der erst nach der Entlastung in die Heimat auszuzahlen fei. damit die Entlassenen nicht in der Großstadt bleiben. Kriegsminister v. Heeringen: Es ist nicht richtig, daß Verabschiedungen in größerem Umfange stattaefunden haben, als früher. Man darf nicht den Wett der Tradition untettckätzen: es gibt Regimenter mit Offi- zicren, deren Väter, Urgroßväter, ja Umrgroß- väter fchon in demselben Regiment standen. In diesem Zusammenhänge des Offizierkorps, in die- fer Tradition vom Urgroßvater her liegt auch eine Stärke für das Offizierkorps. Eine Bevorzugung des Adels findet jedoch nicht statt. Ein Lums der Offtziere im großen und ganzen besteht nicht. Im einzelnen ganz gewiß. Ob unter Einjährigen solcher Lums herrscht. danach werde er sich erkundigen. Wird das Einjährigenwesen ganz abgeschafst, so muß man — es sind 12 000 im Jahre — dann doch der Präsenz halber für Ersatz sorgen. Das würde jährlich 24 Millionen kosten. Ein Aerztemangel fei vorhanden. Aber feine Hauptursache fei, weil die Militärärzte nicht so ausgiebig Zivilpraris treiben können, als sie es wünschen. Das Verhältnis zwischen Sanitätsoffizieren und Offizieren ist jedenfalls nie Schuld daran, denn dies Verhältnis ist ausnahmslos gut. Abg. Kottanty (Pole) spricht über Soldatenmißhandlungen und meint, baß bie polnischen Soldaten besonders schatt aufs Kom genommen werden. Kriegsminister v. Heeringen weist bie gegen bie Kriegsgerichte erhobenen Beschwerden zurück. Im Heere treibe man keine Politik. Abg. Werner (Resormp.) tritt für bie Veteranen unb für Erhöhung ber Mannschastslöbnung ein, während Abg Lehmann (Jena, wild) bebauert, daß das Großherzogtum Weimar bei ber Vergebung von Garnisonen übergangen werbe. Abg. Erzberger (Ztt.) rät zur Sparsamkeit unb führt eine Reihe von Positionen an. wo biefe eintreten könne. Redner geht bann auf bie Duellfrage ein unb hat eine ganze Reihe von Wünschen, aus bie Kriegsminister v. Heeringen antwortete, so in Bezug aus bie Kon- trollvettammlunaen, Dienstwohnung unb Ber- binmmg. Ein Antrag auf Vertagung wirb abge- lehnt und es ergreift bas Wort ber Abg. Roste (Soz ). ber bie Rede seines Parteigenossen Stück- len im wesentlichen noch einmal hält unb sich be sonbers über bie Maschinengewehre in bem Marisfelder Streik anfregt. Krieasminister v. Heeringen: Gegen das Prügeln von Rekmten durch alte Soldaten kämpfen wir mit aller Macht an. ebenso wie wir allen Unterf<1>(aaunaen mit vollem Ester nachgehen. Die Selbstmorde in ber Armee sind nicht größer als im Zivil unb zeigen dieselben Maße wie bort im steiaen unb fallen. Die Sozialdemokraten können wir als Offiziere ollerdings nicht brauchen (Lacken links) weil bie Armee auf dem Standpunkte steht für König unb Vaterland, den sie gmndsätzlick bekämpfen (Bravo? rechts, Lärm und Lachen links.)
Im Abgeordnetenhause
wurde am Freitag bie zweite Beratung des Land- wittschastsetats fortgesetzt. — Abg. Dr. Müller (Sagan) (srs. Vp.) sprach über bie Mängel an der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin. Abg. v. Pappenheim (kons.) begrüßte das Interesse, das ber Vorredner für landwirtschaftliche Angelegenheiten gezeigt habe. Die Sperrmaßregeln gegen die Seuchengefahr müßten aufrecht erhalten bleiben, um nicht bie getroffenen Maßnahmen im Lande wirkungslos zu machen. Abg. Wittman« (natlib.) meinte, bie Förderung des Hauhaltungs- unterrichts auf bem Sanbe werde ein gutes Mittel egen bie Abwanbernng ber Mäbcken in bie Stabt fein. Beim Titel „Rebenveredelunasanstalten* teilte Minister v. Arnim mit, baß in Arsenprüpa- raten ein gutes Mittel gegen bie Reblaus gesuu- ben sei. bas aber ungern angewandt werbe, da es bie Felber schwer schädige. Abg. Freiherr v. Erffa (kons.) erllärie zum Titel .Fleischbeschau", baß namentlich bie Kosteuftage ber tierärztlichen Rach beschau brinaenb einer Neuregelung bebürfc. Es sei nicht angängig, baß bie Gemeiubeu für bie Kosten bet Nachbeschau verschieden veranlagt würben. Abg. Rogalla v. Bieberstein (kons.) trat für bessere Entschädigung ber Landwirte an ber Grenze ein, bie durch Viehtötungen bei Seuchen große Verluste erlitten. Abg. Knntte (kons.) bemängelte bie Schutzmaßregeln zur Verhütung ber Pserbebrustseuche. Durch unaenügenden Schutz habe eine Batterie eines Artillerieregiments bie Seuche in Sagan unb Sprottau weit verbreitet. Vettenckte Gehöfte müßten durch große Tafeln deutlich kenntlich gemacht werben. Vom Regie- rungstische würbe möglichste Berücksichtigung ber
vorgebrachten Klagen zugesagt. Beim Titel „Förderung der Viehzucht" begründete Abg. Schulz« (Pelkum) (kons.) einen Antrag, wonach eine Erhöhung ber Summe für Staatsprcise bei Renner um 23100 Jl gewünscht wird. Außerdem bemängelte der Redner bie hohe Totalisatotttener In Deutschland. Dadurch würden etwa 60 Millionen M ins Ausland verwettet und entgingen dem Staate große Einnahmen aus den Totalisatorwetten. Dem Anttage wurde allseittg zngestimmt: er wurde ber Budgetkommission überwiese«.
Politische Umschau.
Ci« Rachklang zur Suspension des Corps Borussia.
Berliner Blätter meldeten kürzlich, datz bei dem Bonner Rektoratsesten die Militärbehörden fern geblieben feien. Der Rektor Geh. Rat Loefchke sollte dazu einem Vertreter eines Berliner Blattes mitgeteilt haben, die Herren hätten versucht, ihn zu „brüskieren". Der Kommandeur der Königshusaren habe bereits zugesagt: aber nach ber Suspension der „Borussen" ihm geschrieben, ber Rektor werde unter den gegenwärtigen Umständen wohl verstehen, wenn er der Veranstaltung fernbleibe. Der Kon.man- deur der Husaren habe auch den Kommandeur des Infanterieregiments veranlaßt, abzusagen: im übrigen hätten sich die Herren nachher entschuldigt, und es sei gesellschaftlich alles wieder in Ordnung. Sie hätten den Rektor eben brüskieren wollen, aber einsehen müsten, daß sie an den Unrechten gekommen seien.
Geh. Rat Loeschke verwahrt fi 1 jetzt in ber „Köln. Ztg." gegen diese Darstellung:
„Es fei unverantwortlich, einen solchen Artikel in die Welt zu setzen. Die ganze Meldung sei aus einzelnen Aeutzerungen und Gerüchten zurechtgemacht, vru- et müsse es entschieden ab- lehnen, b«« zu was ihm da in den Mund gelegt rooiSr sei. Der Berichterstatter habe sich bei ihm als naher Verwandter eines hochgeschätzten Kollegen eingeführt unb habe sich Auskunft über die Angelegenheit des Korps „Pala- tia" erbeten, die ihm aber abgelehnt worden sei. Vern Fortgehen habe der Besucher auch über das Fernbleiben der Offiziere vom Rektoratsesten gesprochen, wor- uf Geheimrat Loeschke erwiderte, es fei unrichtig, wenn behauptet werd«, bie Herren seien nickt eingeladen ge» roefen. Sie seien ferngeblieben wegen bet Borustensache. Die ganze Angelegenheit sei längst aufs liebenswürdigste beigelegt. Davon, daß er den Ausdruck „brüskieren" gebraucht hab«, könne gar keine Rede sein. Jin übrigen habe er der Unterredung gar keine Bedeutung beigelegt. Sie sei ohne sein Wissen und gegen seinen Willen durch einen großen Vertrauens- bruch, dazu in durchaus verdrehter und gefärbter Weise, aüsgebeutet worden. Er lehne daher, wie gesagt, jede Verantwortung für die Mel- düng des Berliner Blattes ab."
Ein netter Berichterstatter! f
Aus bet Prüfungskommission für höhere Verwalt» ngsbrantte.
Der Priifungskommif ion waren im Jahn 1909 89 Examinanden überwiesen, jedoch ist di« Prüfung bei 13 Referendaren noch nicht erledigt. Von den der Prüfung unterzogenen 76 Kandidaten haben 11 nicht bestanden. Dagegen haben 10 Referendare mit dem Prädikate gut" 9 Referendare mit dem Prädikate „vollkommen befriedigend" und 46 Referendare mit bem Prädikate ^ausreichend" die Prüfung bestanden. Die Prüfung nicht bestanden haben: 1905 22,4 vH., 1906 14,91 vH., 1907 21,30 vH., 1908 22 22 vH. und 1909 14,47 vH. Wenn diese Uebersicht schon insofern ein erfreuliches Bild gewährt, als bet Prozentsatz der Durchge- fatlenen nicht erheblich geringer ist als in den beiden Vorjahren, so wird ber günstige Eindruck noch durch den Umstand verstärkt, datz einer be- trächtlicken Anzahl der Prüflinge ein Prädikat gegeben werden konnte. Demgemätz haben bte Mitglieder der Kommistion — weniger aus den Ergebnisten der Klausurarbeiten wie aus den Leistungen bei der mündlichen Prüfung — bi« Ansicht gewonnen, datz die Vor- und Durchbil^ unq der Referendare ein« bestere geworden ist, unb datz sich die Neuordnung des Vorbereitungs- dienstes zu bewähren scheint.
Invalide«- und Altersrente«.
Die Zahl der feit bem 1. Januar 1891 bis einschlietzsich Dezember 1909 von den 31 Der- stcherungsanstalten und den zehn vorhandenen Kasteneinrichtungen bewilligten Invalidenrenten betrug 1748137. Davon sind infolge Todes ober Auswanderung des Berechtigte«, Wiedererlangung bet Erwerbsfähigkeit Bezuges von Unfallrenten oder aus anderen Grün- den weggefallen 854 552 Renten, so datz am 1 Januar 1910 liefen 893 585 Renten (gegelt 885 950 am 1. Oktober 1909). Di« Zahl bet während desselben Zeitraums bewilligte« Altersrenten betrug 481 382. Davon sind infolge Todes ober Äuswanderung bes Berechtig, ten ober aus anderen Gründen weggefall«