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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und»Landwirtschaftliche Beilage."
Tie „DOctkenhujt Zerrung" criajemt täglich mit Ausnahme dec Sonn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierte!» jährlich durch die Post bezogen 2 25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2 A.
Marburg
Sonntag, 30. Januar 1910.
I Die Jnsertionsgebühr beträgt für die 7gcspalteue Zeile oder deren Raum 15 Pfennige, für Reklamen 30 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
45. Jahrg.
Drittes Blatt.
UneiMMtzigkeitsvellräge.
Es ist erfreulich, daß in der putschen Oeffent- lichieit die Erkenntnis immer mehr Platz greift, daß es nicht nur ein Fehler, sondern vom nationalen vom militärischen und vom politischen Gesichtspunkte betrachtet, eine Unmöglichkeit bedeutet, auf dem Wege der Nachgiebigkeit ausländischen Wünschen gegenüber die deutsche See- rüstung zu beschränken. Dagegen wird noch immer mit einem gewissen Zutrauen zum Ausgange die Frage erörtert, ob Deutschland und England nicht auf Grund eines schriftlichen Eegenseitig- keitsvertrages, er wird auch Uneigennützigkeitsvertrag genannt, zu einer Herabsetzung der Seerüstungen gelangen könnten. Die beiden Machte würden sich dann zu verpflichten haben, daß keine von beiden in der Entfaltung der wirtschaftlichen Mächte des andern eine Gefahr für sich jelksst sähe, und daß jede Absicht fehle, sich Irgendeinen Teil von Territorium des anderen anzueignen. Handelte es sich um einen Streit von Privatpersonen, die beide unter dem Gesetz «nd dem Recht ihres Landes ständen, so liehe sich wohl über derartiges reden. Bei zwei Großmächten fehlt aber bedauerlicherweise eine in den Wolken schwebende und mit allen nötigen Mitteln zur Exekutive ausgerüstet« Göttin, die in einem internationalen Strafrecht ebenso bewandert sein müßte, wie in zivilrechtlichen Fragen. Di« Kontrolle eines solchen Vertrages aber einem internationalen Schiedsgericht, etwa dem Haag, «nzuvertrauen, das werden auch die deutschen Befürworter eines Abkommens mit England kaum wünschen. Es ist sehr bezeichnend, daß man für das gewünschte Abkommen den Namen eines Uneigennütziakeitsvertrages erfunden hat. Uneigennützigkeit tm politischen Programm eines lebenskräftigen und unabhän- gigen Ktaatswefens ist von vornherein ein Unding. Eigennützigkeit und Egoismus ist ja die Wurzel des Wesens des Staates. Der Staat ist aus diesen Eigenschaften überhaupt entstanden vnd wird durch sie erhalten. Die Forderung Vollends, keiner der beiden vertraasmächte dürfe in der Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte des andern ein« Gefahr erblicken, ist ja hübsch ttnb edel gedacht, aber für die Praxis, gelinde iausgedrückt, nicht verwendbar. Seit anderthalb Jahrzehnten ist es gerade die Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands, in denen englischerseits, ein Gegenstand wachsender wirtschaftlicher Gefahr erblickt wird. Davon bringt feder Tag beinahe so gewichtige authentische Beweise, daß wir uns hier wohl ein Eingehen darauf erspare« könne«. Wenn nun andererseits es sicher richtig und notwendig ist. in der Behandlung ««d Erledigung einer schwebenden rein wirtschaftlichen Frage nur die Mittel und Wege der Wirtschaft anzuwenden, das heißt sie keine Einweudung aus die politischen Beziehungen «wische« den beiden Mächten gewinnen zu laf- fcn. so kann doch darüber nicht der geringste Zweifel abwalten, daß Wirtschaft und Politik gemeinsam verwurzelt find, und die heutige in- ternationale Politik zum weit überwiegenden Teile aus wirtschaftlichen Motiven entspringt. Am zu dem vorgeschlagenen Vertrage zurückzukehren. würde es ein bewußtes, politisch voll- lomir.e« Unfruchtbares Verstecktspielen bedeuten, wollte Deutschland einer Macht den Vorschlag machen, keine Gefahr in der Entfaltung unserer poirtsämftlichen Kräfte zu sehen, wo nachgerade zur geschichtlichen Tatsache geworden ist, daß die andere Mecht „bie Gefahr" eben darin erblickt, und die eine der beiden großen politischen Par- iean em der gleichen vermeintlichen Gefahr willen lieber heute als morgen das gesamte Wirtschaftssystem durch fein Gegenteil ersetzen möchte. Es will uns scheinen als ob solche Vorschläge eicht auf das Forum der öffentlichen Erörterung gehörten, auch nicht im eigenen Lande. Der zweite Teil des Vorschlages: die Machte sollten einander versichern, daß keine von ihnen bnibsichtise, sich irgendeinen Teil vom Territorium des anderen anzueignen, geht nicht minder weit tut Kernpunkte der Frage vorbei. Wie die cugl'.sche» „Times" vor kurzem erklärten, können in Zukunft koloniale Fragen ernsthafte Konflikte zwischen England und Deutschland erregen und deshalb, so meint das Londoner Blatt', müsse die englische Flotte immer auf einer solch überragenden Höhe gehalten werden, daß ein Konflikt der Waffen mit einer Seemacht oder zwo'- vereinten kein ernsthaftes Risiko für sie rinfchftetzt Selbstverständlich hat jedes Land da Recht die Grundsätze selbst zu wählen, nach denen er sein« Wehrkraft ausbauen will. Aber gerade im Hinblick auf jene utopischen deutschen Verstöndigungsvorschläge sollte es doch zum Nachdenken Anlaß geben, wenn ein führendes Auswärtiges Blatt in einem, übrigens besonders maßvoll gehaltenen, Artikel ganz trocken von dslovialer Konflikte, spricht, »• unseres Wissen
jedenfalls über den gegenseitigen Besitzstand keine Fragen bestehen. Aber abgesehen von der sich hiermit vielleicht eröffnenden Perspektive tut sich eine andere auf, nämlich auf die immer mög. licken Fälle, wo es sich um den wirtschaftlichen und in weiterer notwendiger Folge auch um den politischen Einfluß in einem Marktgebiete handelt. Die neueste Geschichte der internationalen Politik bietet hierfür eine Reihe recht eindrucksvoller Beispiele. Wollte man auch für solche Möglichkeiten eine Bestimmung in den llneigen- nützigkeitsvertrag aufnehmen, so wäre entweder die vorher schon'mit Bedauern als fehlend festgestellte Göttin notwendig, oder aber die Uneigennützigkeit müßte von vornherein auf die der beiden konkurrierenden Mächte beschränkt werden. welche am meisten Anlage und Willen zur Entsagung in sich fühlte.
Es ist ein Irrtum, wenn man bei uns in Deutschland hier und da meint, es handle sich nur um die Beseitigung eines zur Gewißheit gewordenen gegenseitigen Mißtrauens, und dieses Mißtrauen wiederum beruh« auf einer, nach dem Bismarckschen Ausdruck „falschen Jnstradie- rung" der Politik in den beiden Ländern. Es ist ohne weiteres zugegeben, daß. besonders in den neunziger Jahren, gegenseitiges Mißtrauen erregt worden ist durch Ursachen, welche an sich, politisch betrachtet, nicht zwischen den beiden Ländern sick zu erheben gebraucht hätten. Es heißt aber doch, die Geschichte der deutsch-englischen Beziehungen völlig verkennen, wenn es so dargestellt wird, als ob nur ein durch falsche Politik verursachtes und später nicht beseitigtes Mißtrauen die Ursache nicht nur den bestehenden Beziehungen, sondern vor allem auch der gegenseitigen Rüstungen bilde. Wir möchten darauf verzichten, zum tausendsten Male darzulegen, aus welchen Gründen Deutschland einer kräftigen Flotte bedarf. Diese Gründe sind bekannt und werden ja auch feit zehn Jahren von der überwiegenden Mehrheit des Reichstages mit erfreulicher und steigender Entschiedenheit geteilt. Richt anders steht es mit der Presse, und ein Ausspruch wie der folgende der „Kölnischen Volkszeitung" muß von uns mit besonderer Befriedigung registriert werden: „Denn darüber darf kein Zweifel sein, daß eine Politik nachgiebiger Schwäche gegen Auslandswünsche sich weder mit unserer nationalen Würde, noch mit unseren Interessen verträgt." — Auf diesem Standpunkte steht der weitaus größte Teil der Ration, und wenn ttotzdem Ansichten wie die angedeutetey und andere mehr laut werden, so beruht das auf der Tatsache nicht genügenden Eindringens in das Innere der Frage. Die deutsche Flottenrüstung ist seit zehn Jahren mit ebenso beispielsloser Offenheit wie Konsequenz betrieben worden, und die zu ihr führenden Gründe waren rein sacklicher Natur. Sie haben früher nicht immer bestanden, und ihr Gewicht wächst mit der Entfaltung unserer wirtschaftlichen Kräfte. Gerade das Gesetz der Entwicklung wird hier noch häufig verkannt, sonst könnte es nicht möglich fein, daß man den Ausspruch Bismarcks aus dem Jahre 1886 an* führte: „(Eine Festigung des Reiches suche ich in einem starken Kriegsherr«, in guten Finanzen und der Zufriedenheit der Reichsangehörigen." Beweiskräftig soll in diesem Satze fein das Fehlen eines Hinweises auf die Flotte. Wer di« Red« nachliest, wird finden, daß sie aus einem Anlaß gehalteft wurde, der mit dem maitimen Gebiet nichts zu tun hatte. Im übrigen aber könnte man nach jener Meth^e der Auslegung ebenso gut daraus folgern, daß wir beute keine Unterseeboote öder lenkbaren Luftschiffe bauen dürften. Annähernd zehn Jahre später erklärte Bismarck. Deutschland müße zur See stark genug fein, um sich von Mächten zweiten Ranges nicht die See verbieten lasten zu brauchen: es miifie ihnen also gewachsen sein. Mehr strebt ja auch da, jetzige Flottengesetz auch gar nickt an. Wenige Monate vor seinem Tode endlich wurde Bismarck durch einen ihm bekannten Engländer gefragt, ob es fein Mittel zur Besserung des deutsch-englischen Verhältnistes gebe. Bismarck ließ antwotten, er wiste bedauerlicherweise fein Mittel, da das einzige, ihm bekannte, daß wir nämlich unserer deutschen Industrie einen Zaum an^egt-n nicht gut verwendbar sei.
Die Stellungnahme Bismarcks zu diesen und ähnlichen Fragen wird vielfach zu äußerlich auf* gefaßt und deshalb mißverstanden, es würde aber an dieser Stelle zu weit führen, weiter hierauf einzngehen. Rur das fei gesagt, daß di« Eegne: einer deutschen Flotte auf ein bedenkliches Glatteis gehen, wenn sie Bismarck anführen. Das aber werden auch sie nicht glauben, daß der große Kanzler jemals auf „Uneigen, nützigkeitsverträge" und ähnliche Luftqebilde sich eingelasten haben würde: ebensowenig dürften ihn ausländische Wünsche hinsichtlich des Maßes unserer Rüstungen auch nut eine Minute lang beschäftigt haben.
Die Zentral-Auskunftsstelle für Auswanderer.
Dem. Reichstage ist unter dem 27. Dezember 1909 der Bericht über die Tätigkeit der „Zentral- Auskunftsstelle für Auswanderer" für die Zeit vom 1. Oktober 1908 bis zum 30. September 1909 zugegangen. Die Zentral-Auskunftsstelle ist zwar eine Einrichtung der Deutschen Kolonialgesellschaft, wird aber, da ihre Tätigkeit im öffentlichen Interesse liegt, vom Reiche unterstützt.
Der Bericht stellt zunäiUt eine erhebliche Vermehrung der bei der Auskunftsstelle eingelaufenen Anfragen von Auswandererlusttgen fest, die bien Grund neben der Tatsache, daß das Bestehen einer solchen Einttchtung allmählich in weiteren Kreisen bekannt wird, vor allem in dem Niedergang der wirtschaftlichen Konjunktur während des Berichtsjahres hat. Wenn demgegenüber eine Vermehrung der reichsdeutschen Auswanderung nicht festzustellen ist, so liegt dem der Umstand zugrunde, daß di« Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in einem großen WirMaftsgebiete heute in der Regel auch eine Verschlechterung der Weltkonjunktur bedeutet, sich also in allen Kulturländern bemerkbar macht und einer Auswanderung daher die Grundlagen entzieht.
Von wesentlicher Bedeutung ist im weiteren die Zusammenstellung über die Ziele der Auswanderung. Denn wenn auch die Vereinigten Staaten heute noch die Hauptmaste der deutschen Auswanderer aufnehmen, so beruht das doch zum kleinsten Teil« auf spontaner Entschließung; vielmehr machen sich hier in den meisten Fällen verwandtschaftliche Beziehungen zu Personen geltend, die dort bereits festen Fuß gefaßt haben. Die nordamerikantscken Verhältniste haben sich — daran ist kein Zweifel — nunmehr so gestaltet, daß die Vereinigten Staaten für eine Mästen-. einwanderung nicht mehr in Frage kommen. Vielmehr ist man berechtigt, anzunehmen, daß «in etwaiges starkes Anwachsen der deutschen Auswanderung in erster Linie den südamerikanischen Einwanderungsländern, in geringerem Maße vielleicht auch Kanada und Australien, zugute kommen würde. Auch untere Schutzgebiete beginnen mehr und mehr das Jntereste der Aus- wanderunaslustigen in Anspruch zu nehmen, wennoleich sie in der Mehrzahl für eine gröbere Ansiedlung Weißer infolge ihrer trovhiscken Lage nicht geeignet stnd. Vom deutschnationalen Standvunkt aus ist eine Auswanderung nach Ländern lateinischer Zunae wünschenswerter, als in nichtdeutsche, aber germanUch-svrackliche Bezirke, zeigen doch die blühenden deutschen Kolonien in Südamettka, daß eine Gefahr der Entnationalisierung dort viel weniger vohanden ist.
Die Auskunftsuchenden waren weit überwiegend Reichsanaehöriae, die Anfragen verteilten sich auf alle Teile des Reiches, kamen aber auch aus dem Auslande, vor allem aus Oesterreich-Ungarn, der Schweiz und Rußland. Daß auch reine Unternehmungslust, nicht nut wirtschaftliche Schwierigkeiten, für die Absickt einer Auswanderung maßgebend gewesen sind, läßt sich aus den zum Teil nickt unerheblichen. Mitteln erkennen, Über di« die Ansragenden verfügten (bis zu einer halben Millians).
Daß die Ausfunftsstelle selbst ein dringendes Erfordernis war. geht daraus hervor, daß sie in vielen Fällen Auswanderungslustiqe vor Nachteilen bewahren, oder ihnen günstigere Bedingungen zu schaffen in der Lage war. Auch die Uebermackuna von Vertonen, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gut Auswanderung zu verlocken suchen, fällt in ihren Wirkungsbereich.
Die Anskunttsstelle bat also ar4' im letzten ®eri(6tstobr« sehr segensreich gewirkt; jedem, der die Absicht einer Auswanderung bat. kann^ nut geraten werden, sich vorher eingehend bei ihr zu erkundigen. Sie charakteristert sick demnach als eine wicktioe gemeinnützige Einrichtung, für die eine Unterstüßung aus Reichsmitteln wohl angebracht erscheint.
Politische Umschau.
Rilitärtauglickkeit der Schüler höherer Lehranstalte«.
In den „Blättern für höheres Schulwesen" beschäftigt sich Profestor Lentz mit der Frage, inwieweit die Schüler höherer Lehranstalten militärtauglich sind. Er faßt das Ergebnis der Untersuchungen, die er angestellt bat, in folgenden Sätzen zusammen: 1. Die Schüler höherer Lehranstalten waten zum Milftätdienst taug, lichet als die übrigen Wehrpflichtigen (64,7 Prozent: 57,3 Prozent). — 2. Weitere 10,3 Prozent wurden nut wegen unzulänglicher Seh. kraft nicht eingestellt. — 3. Es wurden weniger Einjährig« wegen Unbrauchbarkeit entlasten als ander« Wehrpflichttge tm ersten Dienftja-re
(6 :6,3 Prozent). — 4. Schüler, die mit de» 19. Jahre abgingen, waren tauglicher als iolche, die di« Schule schon mit dem 16. Lebensjahre f verlassen hatten (65,5 Prozent : 62,8 Prozent). • — 5. Das Mißverhältnis der Körperlänge zu» Gewicht und zum Brustumfang war geringer bei längerem Schulbesuch. — 6. Die Untauglichkeit war größer, je länger die jungen Leute die Schule hinter sich hatten, sie kann also auch nach der Schulzeit erworben fein. Erwiesenermaßen toaren die Gymnasiasten am größten und allgemeine Körperschwäche bei ihnen am seltensten." Danach scheint also der Besuch der höheren Schulen doch nicht so ungesund zu fein, rote oft behauptet wird. i
Unordnungen in polnischen Banken.
Der Kastierer der polnischen Volksbank in Grätz, einer der Führer der dortigen polnischen Agitation, ist wegen schwerer Urkundenfälschung und Unterschlagung verhaftet worden. Der Fehlbetrag beläuft sich, soweit bisher bekannt geworden, auf 10 000 <4L Es sind Rückzahlugen auf Spareinlagen verbucht worden, die in Wirklichkeit nicht geleistet waren.
Nach der Bilanz 1908 hatte die Bank fast 400 000 cM. Spareinlagen. Schon früher sollen Unregelmäßigkeiten des Kastierers wahrgenommen sein. Die Unterschlagungen wäre« möglich, weil die einfachsten Kontrollvorschrrsten unbeachtet geblieben sind.
Wenn auch solche Mißstände int polnischen Genossenschaftswesen r.ur vereinzelt bekannt werden, z. B. die Unterschlagungen der Volk» bank in Er.-Listen, Rolnik-Gnesen, der völlig« Zusammenbruch der Parzellierungsbank Hohe«, salza, bei dem gegen 100 000 M Spareinlage« verloren gehen sollen, so wird angesichts d« rücksichtslosen Eingreifens der polnischen Gelb* institute in den Eütermarkt und den städtische« Hausbesitz doch sehr zweifelhaft, ob bei der steigenden Fundierung ihrer Wirtschaftsweise aus kündbaren Spareinlagen die Grenzen der Liquidität nicht überschritten werden. Betrüge« doch 1900 sämtliche Geschäftsanteile 7 Million. Mark, die Spareinlagen 38 Million. Dagegen waren 1908 gestiegen: die Geschäftsanteile nur auf 19 die Spareinlagen aber auf 148 Million. Mark!
Das Hochwasser in Paris.
Paris. 28. Jan. In der Umgebung der Bastille und der Notre-Dame Kirche ist das Wasser tm Steigen begriffen. Der Kreuzgang von Notre- Dame zeigte ihn 11 Uhr vormittags eine Bodensenkung. — Der Uniergrundbahnhof der Tutte- rien ist fast ganz unter Wasser: die Flut drang auch in die Keller der in der Rue de Rambuteau gelegenen Markthallen ein, sodaß die dort lagernden Waren heraufgebracht werden mußten. Der Tunnel zwischen Cöurcelles und Levalets ist überschwemmt. Der Zugverkehr zwischen Paris und Anteuil ist eingestellt worden. An der Plaee Pgreire ist ein Sammelkanal geborsten: die Wassermassen eraoffen sich so schnell in die Arbeitsstätten der im Bau gekniffenen Untergrundbahn, daß diese von den Arbeitern in aller Hast geräumt werden mußten. .
Paris, 28. Jan. Da aus dem untenrbtfcbcn Bahnhofe des Quai d'Ottav immer neue Wasser- massen hervordttngen, nimmt die Ueberfckwem- mung in der Rue de Lille und den benachbarten Straßen fortdauernd zu. Das Wasser steht daselbst bereits an zwei Meter hoch. Die deutsche Botschaft ist nunmehr von allen Seiten abgeschnitten und nur mittelst umständlicher Kahnfahrten zu erreichen. Der Verkehr zwischen den Kanzleiaebäu- den und den Botschaftsräumen ist nur über das Dach eines kleinen, ebenerdigen Verbindungsflü- gels möglich. Das deutsche Konsulat mußte beute geräumt werden. Die Beamten und das Dienst- perfonal tonnten das Haus nur mit Milbe verlassen. Auch das Magdalenenbeim in der Rue de Lille wurde heute Nacht geräumt Die Patterre- wobnunaen aller Straßen dieser Gegend sind vollständig überschwemmt. Unaufhörlich müssen Kähne aufaeboten werden, um schwer kranke Leute aus den gefährdeten Wohnungen zu bergen. Die Verproviantieruna ist daselbst mit großen Schwierigkeiten verbunden, sodaß die meisten Leute die überschwemmten Wohnungen verlasien. Die Lage in der Nähe des Saint Lazare Bahnhofs ist bedenklich, die Straßen zeichen hier einem reißenden Fluß. Die Gaskandelaber versinken allmählich tm Boden. Das mit dem Bahnhofsgebäude verbundene Hotel .Terminus* wurde auf polizeilichen Befehl geräumt. Heute Mittag stürzte et« Jnfanteriekorvoral. welcher einen Telegraphen- beamten nack dem überschwemmten Quai Debilly bringen wollte, aus dem Boot ins Wasser ui* wurde von der Strömuna in die Seine gerissen, wo er ertrunken ist, da jede Hilfeleistung unmöglich war. Viele Pattfer Zeitungen befürchten, daß ihnen das Weifererscheinen unmöglich gemacht wird, da sich starker Mangel an Papier fühlbar macht.
Paris. 28 Jan. Das anfangs als übertrieben angesehene Wort, daß Patts das Bild einer belagerten Stadt bietet, scheint sich allmählich be» Wahrheiten w wollen. Aus den Äorotten strömen massenhaft Menschen nach Patts, um hier Zuflucht w finden, während wieder zahlreiche toobfr habende Leute die Stadt zu verlassen beginne«.' RameWtlich die Fremden beschleunigen ihre Abreise. Im Geschäftsleben ist eine schwere 6<e*