45. Jahr«.
M 11
Marburg
Freitag, 14. Januar 1910.
23 695 515 -41. Bei der allgemeinen Finanzver» waltung ergibt sich ein Mehrbedarf von 13 740135 -4t. Die Einnahme bei den eigentlichen Staatsverwaltungen stellt sich bei der Ausscheidung der vom Finanzministerium auf die Verwaltung der direkten Steuern übertragenen Einnahme von 55 000 000 -4t Sollaufb)armen an neuen direkten Steuern um 11 061 864-4t hoher als im laufenden Etatsjahr. Das Finanz- ministeriunr erfordert an Ausgaben 117 337 883 -4t weniger. Von den einmaligen und auheror- dentlichen Ausgaben entfallen auf di« Betriebsverwaltungen 146 005 460 -4t, darunter
darunter 120 000 000 -4t <rif die Eisenbahnverwaltung und auf die eigentlichen Staatsverwaltungen 58 837 861 -4t.
Im Kultusetat sind für das Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt an dauernden Ausgaben eingestellt 81714 -4t und an einmaligen Ausgaben zur Erforschung der Krebskrankheit die dritte und letzte Rate von 25 000cK.
Die Eisenbahnverwaltung weist zwar einen Minderüberschuss von 8 879 666 -4t auf, der sich aber in einen Mehrüberschuh von 40120 334 -4t verwandelt, wenn von den Mehrausgaben von 92190 666 -4t der auf Vesoldungsverbesierungen entsallende Anteil von 50 000 000 -4t abgezogen wird. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr find um 37 987 000 -4l, diejenigen aus dem Güterverkehr um 48 276 000 -4t höher veranschlagt. Von Mehrausgaben sind hervorzuheben: 11 301 600 -4t für persönliche Ausgaben, 10 983 000 -4t für Betriebsmaterialien, 3184 000 M zur Unterhaltung der Bahnanlagen, 11 979 000 -4t zur Unterhaltung der Fahrzeuge und 10 889 386 -4t zur Verzinsung und Tilgung der Eisenbahnschulden. .
Der Etat des Landwirtschastsministenums für 1910 sieht an einmaligen und ausserordent- lichen Ausgaben vor: für Förderung der Forst- und Landwirtschaft der westlichen Provinzen 985 000 -4t, der östlichen Provinzen 1 245 000 -4t, für Förderung der inneren Kolonisation in Ost- preuhen, Pommern und den Regierungsbezirk Frankfurt a, d. Oder 1 500 000 -4t.
Berlin, 11. Jan. Im Etat des Ministeriums des Jnnnern werden für den Ankauf eines Bauplatzes für eine neues Polizeidienst- gebäude in Frankfurt a. M. 300 000 -4t gefordert.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 16 Pfennige, für Reklamen 80 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, llniversitätS-Buchdruckerei Inhaber Dr. 6. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Aus dem preußischen StaalShanßhalts- Etat für 1910.
Der preußische Haushaltungs-Etat für 1910 beziffert die Einnahmen auf 3 837 412 963 -4t, tzje Ausgaben auf 3 725 019 542 -4t im Ordi- narium und auf 204 393 421 -4t im Extra-Ordi- «flstMtrium, zusammen auf 3 929 412 963 -4t. Mit- ki»d di« Ausgaben um 92 Millionen Mark als die Einnahmen. Der Fehlbetrag werde ^.bsrch Aufnahme einer Anleihe zu decken sein.
Gegenüber den Veranschlagungen für das laufende Etatsjahr zeigen die Schlutzsummen des Etats für 1910 eine Erhöhung von 102 058 278 Mark. Bei den staatlichen Betriebsverwaltungen sind di« Einnahmen um 204 207 780 -4t höher angesetzt, die Ausgaben im Ordinarium um 122 026 406 -tt höher, im Extra-Ordinarium um 20 929 690 -4t niedriger, bei den Dotationen und der allgemeinen Finanzverwaltung der Einnahmen um 5 668 634 -4t und die Ausgaben im Ordinarium um 32 302 172 -4t höher, bei den eigentlichen Staatsverwaltungen die Einnahmen um 43 938 136 -4t, die Ausgaben im Ordinarium um 25 832 956 -4l und im Extraordi- «arium um 5 507 654 -4t ntebitgei. Hierbei wie bei allen sonstigen Vergleichungen mit den Veranschlagungen für das laufende Jahr ist zu berücksichtigen, daß im Etat für 1909 die beim Finanzministerium ausgebrachten Mehrausgaben für Besoldungsverbesserungen von 126 000 000 -4t und die ebenda ausgebrachten Deckungsmittel aus neuen direkten Steuern von 55 000 000 -4t hier abgesetzt und zusammen mit ben darüber hinaus bewilligten Mehrausgaben für Vefoldungsoerbefieiungen und von Deckungsmitteln aus den neuen direkten Steuern nunmehr bei den einzelnen Verwaltungen alsMehr« ausgaben bezw. Mehreinnahmen in Ansatz gebracht find.
Der Etat der Eisenbahnverwaltung fieht als erste Rate für Bahnhofserweiterungen vor: in Meerholz 50 000 -4l, in Höchst a. M. 100 000-41, in Weilburg 50 000 -4t. Für das nächste Anleihegesetz ist in Aussicht genommen die Herstellung eines zweiten Geleises auf der Strecke Höchst a. M.-Niedernhausen.
Bei den staatlichen Betriebsverwaltungen tft im Ordinarium ein Mehrüberschuß von überhaupt 82181 374 -4t veranschlagt. Die Vermal, tung der diretten Steuern weist einen Mehrüberschuß von 59 308 600 -4t auf, der nur deshalb so hoch ist, weil unter den Mehreinnahmen von 61 481 800.-4t 5 500 000 -4t enthalten find, die im vorigen Etat beim Finanzministerium als Sollaufiommen aus den neuen diretten Steuern vorgesehen waren. Die Verwaltung der Zölle und indirekten Steuern bringt scheinbar , einen Mehrüberschuß von 6 390 430 -4t, indem den Mehreinnahmen von 11 535 000 -4t Mehr- misgaben von 5 144 570 -4l gegenüberstehen. Die Eisenbahnverwaltung weist zwar einen Minderüberschuß von 9 879 666 -4t auf. der fich aber in einen Mehrüberschuß von 40120 334 -4t verwandelt, wenn von den Mehrausgaben von 92 190 666 -4t der auf die Besoldungsverbefierun- gen entfallende Anteil von 50 000 000 -4t abgezogen wird.
Die Dotationen und die allgemeine Finanz- ^verwaltung weisen einen Mehrbedarf von 26 633 538 -4t auf. Die Verwaltung der öffent- - licken Schrill) erfordert eine Mehrausgabe von
tung, so. auch hier. (Bravo rechts.) Staatssekretär Krütke: In entern Grenzorte wie Kattowitz dürfen Beamte keine Bestrebungen unterstützen, bi« direkt gegen die Regierung gerichtet find. Wir sind nur gegen solche Bamte vorgegangen, die großkapitalistisch Welten und dazu waren wir verpflichtet. Zweifellos find den kommunalen Körperschaften wichtige staatliche Jntereffen anvertraut, daher müssen ihre Mitglieder von deutsch-nationalem Sinne durchdrungen sein. Staatssekretär Dr. Delbrück: Kein Recht ist nnbe« C, somit hat auch das staatsbürgerliche Recht der en seine Grenzen.
Darauf vertagt sich das Haus auf Donnerstag 1 Uhr. Fortsetzung der heutigen Beratung.
~<te „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vtertel- iährlich durch die Post bezogen 2 25 * (ohne Bestellgeld), bet unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2
Politische Umschau.
Bon den deutsch-südwestafrikenischen Diamant- gebieten.
Berlin, 11. Jan. In einer dem Reichstage zugegangenen Denkschrift betreffend die Per. hciltnisfe in dem deutsch-südwestafrikanischen Diamantengebiete heißt es u. a.: Diamanten finden sich in der Dünenformation der Nameb in bisher noch nicht bekannter Ausdehnung von der Gegend Oranje bis in die Nähe des Kuistb. Die Diamanten lagern nur stellenweise und sind von guter regelmäßiger Beschaffenheit. Anfangs zeigten sie meist nur geringes Gewicht, doch haben sich in der Folgezeit die Funde von schweren Steinen gemehrt. Eine größere Anzahl von Steinen bis zu 10 Karat auch solche von 17 Karat find gefunden worden. Das ganze Fundgebiet ist eine Vegetation — und wasser» lose Wüste, häufigen Sandverwehungen ausgesetzt und ohne Verkehrswege. Die rarionelle Förderung muß den größten Schwierigkeiten begegnen, soweit fich nicht die Felder in Bahn- nahe befinden. Es steht heute bereits fest, daß die Diamantförderung in rationeller Weise nur im Großbetrieb erfolgen kann. Gegenwärtig beträgt die Monatsförderung etwa 70 000 Karat mit einem Gesamtwerte von etwa 2 Million.
Aus den Parlamenten.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 12. Januar 1010.
Am Bundesratstische: Staatssekretäre Dr. Delbrück, Krätke und Dr. SBermuti).
Buf der Tagesordnung stehen zunächst die Interpellationen Horn-Neitze und BranoiS (Pole) betreffend die Maßregelung von ReichSbeamten toegen Ausübung ihres kommunalen Wahlrechtes.
Staatssekretär Dr. Delbrück erklärt sich zur sofortigen Beantwortung der Interpellationen bereit.
v. OpperSdorff (Ztr.) führt aus: Die Gcmeinde- ratswahlen von Kattowitz vom vorigen Jahre haben zur Maßregelung von Reichsbeamten geführt. Wir bedauern die Vorkommnisse und verlangen Maßnahmen, die die Wiederkehr solcher bedauerlicher Dinge verhindern. Korfantv (Pole) begründet die Interpellation seiner Partei, schildert den Hintergrund, aus dem heraus sich diese Maßregelungen vollzogen haben. Der Redner schließt: Wir klagen die Regierung an, daß sie im Kampf des Mittel- und Arbeiterstandes gegen das Großkavital, das diese auSgeplündert hat,
Preußisches Herenhan».
Bor Eintritt in die Tagesordnung nahm Minister- S'sident v. Bethmann-Hollweg das Wort. Redner
rte aus: Seit dem Abschluß der letzten Session ist in der Führung der preußischen Geschäfte die Aende- rung eingetreten, daß der König mich zu den Aemtern erhoben hat, in denen Fürst Bülow neun, Jahre hindurch Reich und Staat gedient hat. Ich bitt« Sie versichert zu sein, daß ich nichts unterlassen werde, um die engen Beziehungen fortzuführen, die zwischen diesem Hause und dem Präsidenten des StaatSministe- riumS stets bestanden. Ich bitte Sie, mir in diesem Ihre Unterstützung nicht fehlen zu lassen. (Lebhafter Beifall.)
DaS Haus trat darauf in die Tagesordnung ein. Nach Entgegennahme geschäftlicher Mitteilungen und Vereidigung der neu eingetretenen Mitglieder folgte die Beratung des Gesetzentwurfes betr. Vermeidung kommunaler Doppelbesteuerung. Der Minister des Innern v. M»ltk« erklärte, das ReichSgesctz gebe keinen Schutz gegen die Doppelbesteuerung, dagegen sei die kommunale Doppelbesteuerung nach dem Staatsgesetz möglich. Dies zu verhindern bezwecke die Vorlage Sehr zu hoffen sei, daß auch alle anderen Bundesstaaten zu einem gleicharttgen Vorgehen veranlaßt wurden. Er bitte um wohlwollende Prüfung de» Vorlage. — Die Vorlage wurde an die Finanzkommission überwiesen. Der Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Besuch ländlicher Fortbildungsschulen in der Provinz Schlesien wurde, nachdem Landwirtschaftsminister v. Arnim dieselben empfohlen hatte, der Agrarkommission überwiesen. Die Novelle zum Staatsschuldengesetz ging auch an die Finanz» kommission. Nächste Sitzung unbesttmmt.
offen für da» Großkapital Stellung genommen hat; totr klagen die Regierung an, daß sie mit diesem Maßregeln gegen die Verfassung verstoßen hat. (Beifall bei den Polen und im Zentrum). Staatssekretär Dr. Delbrück: Beide Interpellationen enthalten die gleichen Fragen, namentlich hinsichtlich dessen, was geschehen soll, um betartigen Vorgängen, wie sich jungst au? Anlaß der Stadtverordnetenwahlen in Kattowitz ereignet haben, vorzubeugen. Der Tatbestand ist folgender: Bei der Wahl haten Zentrum und Polen ein Kompromiß geschlossen, nachdem drei Zentrumsleute und zwei Polen gewählt werden sollten. ES war eine Stichwahl nötig geworden. Eine große Anzahl Beamtet hatte für die beiden polnischen Kandidaten gestimmt (Unruhe links). Davon stimmten bei der Stichwahl 14 Postbeamte und ein Beamter der ReichS- bank wiederum für die Polen. Diese und ein noch nicht wahlberechtigter Postbeamter, der aber in der Agitation tätig gewesen war, wurden dann versetzt. Diese? Verfahren der Neichsbchörden deckt sich mit dem der preußischen Verwaltung und ist auch vom Reichskanzler gebilligt worden. (Hört, Höck.) Die Beamten waren vorher über ihre Pflichten mündlich belehrt worden. (Lärm links und Zurufe.) Sie wurden darauf aufmerffam gemacht, daß eS mit den Pflichten eines Beamten unvereinbar sei, die Bestrebungen der großpolnischen Partei zu unterstützen. (Lärm link« und Zustimmung rechts.) Diese Versetzungen waren keine Strafversetzungen, sie erfolgten im Interesse des Dienstes (Gelächter) links und Zurufe). Ich kann verlangen, daß man mich ruhig anhött. (Sehr richtig rechts.) Diese Beamten wurden versetzt nach Orten, wo sie nicht Gefahr liefen, mit der Be- amiendisziplin in Konflikt zu kommen. (Gelächter links, Beifall rechts). Diese sämtlichen Beamten sind nach dem Reichsbeamtengeseh auch Landesbeamte, die nach dem preußischen Gesetz dem Könige Treue und Georsam geschworen haben. Schon aus diesem „einfachen" Grunde mußte man die Reichsbeamten wie preußische Beamte behandeln. Die Beamten stehen grundsätzlich in Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte allen Staatsbürgern gleich. Ihre politische Betätigung ist aber durch ihre Stellung zu ihrem Staate eingeschränkt. (Widerspruch links und Beifall rechts). Ueber die Grenze entscheidet der Takt und da» Pflichtgefühl: diese sind aber unschwer zu erkennen. Jedenfalls ist es mit der Stellung der Beamten unvereinbar, wenn sie Bestrebungen unterstützen, die in ihren letzten Zielen gegen den Bestand des Staates gerichtet find, dem sie dienen. (Sehr richtig rechts, Lärm links und bei den Polen). Bei dem schweren Standpunkte, den Preußen zur Zeit in den Ostmarken hat, handelt e» sich darum, diese Landesteile die in harter Arbeit vieler Menschenalter zu kulturell ebenbürtigen Gliedern eines deutschen Staates geworden sind der pol- nisch-slavischen Kultur nicht anheim fallen zu lassen und damit auch schließlich ihrer äußeren Loslösung vom preußischen Staate entgegen zu wirken. (Sehr richtig rechts und links.) Wenn Preußen in die Fall« nationaler Notwehr von seinen Beamten unbedingt di« Heeresfolg« verlangt, so ist das sein gutes Recht und ein Akt dieser Selbstverwaltung. (Sehr richtig rechts.) Wer diesen Boden verläßt, verläßt den Boden bet Verfassung. (Andauernder und wiederholter Beifall recht? und links, Lärm und Pfeifen im Zentrum und bei den Polen.) Horn-Reiße (Ztr.) und v. Chla- powski (Polet beantragen Besprechung der Interpellation. Gröber (Ztr.): Dafür, daß es sich um eine großpolnische Agitation handelt, verlange ich vom Staatssekretär noch den Beweis. Es handelt sich um die Ausübung des Staatsbürgerrechtes und da hat ein Vorgesetzter nicht die Befugnis in die Ausübung dieses Rechtes etngugreifen. Der Reichskanzler war schlecht beraten, als er diese Maßregelung anordnete, er möge das geschehene Unrecht bald wieder gut machen. (Betfall tm Zentrum und bei den Polen.) Heinz« (nat.- lib.): Die polnische Frage berührt das ganze deutsche Reich und die Regierung muß hier energisch vorgehen, unbekümmert um das Verhalten des Zentrums. Dabei werden wir sie gerne stets unterstützen. (Beifall rechts und bei den Nationalliberalen. Zischen im Zentrum und bei den Polen.) Henning (kons.): In Fragen der staatserhaltenden und vaterländischen Pflichten stehen wir immer an der Seite der Regie-
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain *
unb ben Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) unb „Landwirlschaftliche Beilage."
62 (Nachdruck verboten.)
Mas Gott zusarnrrrengefugt —.
Roman von H. Tonrths-Mahler.
! Fortsetzung, i
Georg hatte voll Spannung zugehört. Als Coulmann zu Ende war, hatte er endlich alles begriffen. Ohne ein Wort zu erwidern, eilte er ins Nebenzimmer. Neben Renates Sessel brach er in die Knie und umfahte fie mit zitternder Wonne.
„Du bist mein — Du bist mein!" rief er wie außer sich und drückte sie fest an seine Brust.
Sie fasste seinen Kopf in beide Hände und sah glückselig in seine Augen,
„Mein Geliebter, mein Georg, nun hat alle Not ein Ende," sagte sie innig und wie erlöst von namenloser Pein.
Coulmann hatte mit feuchten Augen auf die beiden glücklichen Menschen gesehen. Er zog die Tur hinter sich zu und setzte sich ruhig auf fernen Platz, um hier Paula Hättlenberg zu erwarten. Dieser klugen, gütigen Frau gegenüber musste er eine Beichte ablegen — acet er fürchtete sich nicht mehr davor.
Als sie wenige Minuten später mit Eva ins Zimmer trat, erhob er fich und ihr die Hand Essend, bar er leise: „Bitte, entfernen Sie das Ki!^, ich habe Ernstes mit Ihnen zu reden."
Paula hatte mit heimlichem Schreck von der Dienerschaft gehört, dass erst Coulmann mit feixet Tochter und dann Georg von Rodenfels ge- “2**” feien. Boll Unruhe schickte fie Eva
„Ist etwas geschehen, lieber Herr Coulmann?" fragte fie hastig.
Coulmann zeigte nach der Tür. „Dort drüben — Renate und Herr von Rodenfels — bitte, stören Sie die beiden nicht."
Paula presste die Handflächen gegeneinander und sah bang in das Ee^cht des alten Herrn. „Er faat ihr die Wahrheit, nicht wahr?"
„Die Wahrheit — ja, meine gnädige Frau, aber eine andere Wahrheit, als Sie kennen. Dort drüben fitzt ein seliges Brautpaar und vor Ihnen steht ein alter Tor, der das Gluck seines Kindes mit einer Lüg« aufbauen wollte und der sich sehnt, auch Ihnen eine umfassende Beichte abzulegen."
Paula nötigte ihn auf seinen Lieblingsplatz im Erker und setzte sich ihm gegenüber. Gespannt sah sie ihn an.
„Run reden Sie — ich bin so überrascht, aber trotzdem — fast ahne ich, was ich hören soll. Wenn da drinnen «in Brautpaar fitzt, dann —“
„Dann kann Renate unmöglich Georg von Rodenfels' Schwester sein. Schr richtig, liebe Frau Professor."
Er erzählte ihr in gedrängter Kurze alles, was er auf dem Herzen hatte.
„Nun begreifen Sie wohl, liebe gnädige Frau, dass ich Ihren Bitten gegenüber so starrköpfig war. Ich sah ein, daß ich mich in eine Sackgasse verrannt hatte und fand d^r Ausweg nicht mehr. In meinem Alter ist es schwer, einen Irrtum einzugestehen und fich selbst anzuttagen. Aber al, ich vorhin die beiden jungen Menschen in ihrem ganzen grossen Leid vor mir sah, da hat
es mich gepackt. „Was Gott zusammenfiigt, das soll der Mensch nicht scheiden," rief ich mir zu und wahrlich — wenn die beiden nicht von Gott zusammengefügt sind — dann kenne ich mich nicht mehr aus in der Welt. Nun haben Sie meine Beichte, gnädig« Frau, und ich bitte um ein mildes Urteil," so schloss er seine Rede.
Und Paula Hardenberg, die Gütige, Kluge, Verständnisvolle, fie verurteilte ihn nicht. Mit feuchtem Schimmer in den Augen reichte sie ihm die Hand.
„Irrtümern sind wir alle unterworfen, mein lieber Herr Coulmann. Schuldig werden wir nur, wenn wir diese Irrtümer erkennen, ohne sie gut zu machen. Und gottlob, Sie haben, gut machen können, ehe es zu spät geworden ist. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass die beiden sich angehören dürfen. Sie scheinen mir wirttich von Gott für einander geschaffen."--
Es dauerte sehr lange, bis das Brautpaar endlich zu den beiden ins Zimmer trat. Beide waren wie verttärt vom Glück.
Renate flog auf den Vater zu und umfasste ihn zärtlich.
„Muss ich um Verzeihung bitten, Renate?" Sie schloss ihm den Mund mit der Hand. „Du wolltest ja mein Bestes, Papa."
Er lieh fie aus feinen Armen und fie umfasste Paula und küsste fie.
.Liebe, Gute, Sie haben recht gehabt, als Sie mir sagten : Wo Sehen ist, ist Hoffnung," sagte st« glücklich.
Paula nickte versonnen. „Ja Kind, das ist wahrhaftig ein guter Spruch, obwohl ich ganz ohne Hoffnung für Sie war und mir keinen Trost für Sie wusste. Aber nun ist ja alles gut."
Coulmann war inzwifch-n auf Georg zuge» treten und reichte ihm die Hand.
„Mein lieber Sohn. Du hast mich vorhin in wildem Grimm gefchüttett, dass mir fast die Sinn« vergingen — Du hast starke Arme — halte damit mein Kind recht fest, dass es vor aller Unbill geschützt ist. Unb wenn Du es über Dich gewinnen kannst, so zürne mir nicht."
Georg war viel zu glücklich, um ihm etwas nachzutragen. Er fasst« die Hand des alten Herrn mit festem Griff.
,Zch will an Renate gut zu machen suchen, was mein Vater Ihnen an Leid zugefügt bat.“
„Sag „Du" zu mir — ich will Dein Vater sein. Und damit meine Renate nicht immer nach ihrem Zukünftigen hangen und bangen muss/ versprich mir, so schnell als möglich den Abschied zu nehmen und Rodenfels selbst zu bewirtschaften. Die paar Jahre, die Gott mir noch lässt, bleibe ich bei Euch, in Rodenfels ist viel Platz — und ich will endlich wieder Liebe und Ruhe« und Frieden um mich sehen."-----«
Mary war mit hochroten Wangen immer" wieder um die festlich gedeckte Tafel in ihre« Speisezimmer gelaufen und hatte ungeduldiU nach der Uhr gesehen. Wo blieben nur der Later und Rennte? t
(Schluss folgt.) '