mit dem Kreisblatt kür die Kreise Marburg und Kirchhain *
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und,Fandwirt>chastliche Beilage." -
J2 10
Die „Oberbeffische Leitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 8 26 * (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitung-steil« und der Expedition (Markt 21), 2 rX.
Marburg
Donnerstag, 13. Januar 1910.
Die Jnsertionsgebühr beträgt für di« ^gespaltene Zeile oder deren Rau» 16 Pfennige, für Reklamen 80 Pfennige. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerei Inhaber Dr. 6. Hitzcroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 66.
45. Jahrg.
Erstes Blatt
her haben die Engländer kaltblütig die Forderung erhoben, daß der Ausländer dien die englische Sprache zu verstehen hab«. Da» Verhalten der „Times“ bedeutet einen Bruch mit dieser von Zeballo» gegeißelten, hochmütigen Tradition. Nach dem bekannten Spricheoort«: „Es ist nur der erst« Schritt, der Mühe macht“, ist zu erwarten, daß die Engländer speziell in publizistischer Hinficht, auf dem von der,Aimes“ gewiesenen Wege fortschreiten werden. Es wird notwendig sein, diese englischen Bemüh- ungen sorgfältig zu verfolgen und auch unsererseits Anstrengungen zu machen, um nicht das gewonnen« Terrain wieder zu »«rlieren. Besonders auch in publizistischer Hinsicht werden von uns aus Anstrengungen zu machen sein, denn die „Times“ hat richtig erkannt, daß die Presse das beste Mittel ist, nm engere Beziehungen zu fremden Ländern herzustellen.
Äiifter Zeballos Liber den deutsch englischen Wettbewerb.
' j Man schreibt uns
Wir haben letzthin ben Mut anerkannt, ntkt dem der frühere argentinische Minister bes Ueußeren, Dr. Zeballos, in der deutschfeind^ ‘ kichen „Times“ dem Gerede von der „deutschen Gefahr“ für Süd-r-a.rika entgegengetreten ist. Mit noch größerem Mute hält er, ebenfalls in der „Times", den Engländern ihr« Fehler vor, durch die fie bei dem wirtschaftlich« Wettbewerb mit Deutschland in das Hintertreffen geraten sind.
Mit einer gewissen Ironie, ja fast mit Verachtung, zieht Dr. Zeballos gegen das unmännliche Alarm- und Angstgeschrei der englischen Presse über den wirtschaftlichen Vormarsch Deutschlands los. Er meint, daß man, statt zu schreien, bester daran täte, die Gründe des eng« fischen Rückschritts zu studieren und dann die Mißstände zu beseitigen. Um den Engländern dieses Studium zu erleichtern, führt er selbst di« Beobachtungen an die er über das Verhalten der englischen Kaufleute im Ausland hat mache;« können. Es kommt dabei freilich kein ftt die Engländer sehr schmeichelhaftes Bild hcr«---^. Zeballos sagt: „Die englischen Kaufleute im Auslande leben behaglich und teuer und warten ab, daß das Geschäft zu ihnen kommen soll. Ein Teil ihrer Zeit wird in Klubs oder mit Besuchen von Freunden auf dem Lande hingebracht. Sodann g-nießen fie ausgiebig den „Wochen- schluß“, der jetzt noch länger ausgedehnt ist, als er es früher war. Sie unterbrechen niemals ihr Vergnügen, um ans Geschäft zu denken. Ferner zeigt sich England in industrieller Hinsicht konservativ, während seine Rivalen rapide vor- wärtsschreiten. Es erhebt den Anspruch, seinen Abnehmern in der ganzen Welt di« alten englischen Methoden und den englischen Geschmack aufzuzwingen, und es kommt so in die Hinterhand gegenüber seinen Gegnern. Der wirtschaftliche Wettbewerb heutzutage ist da» Produkt starknerviger Energie und rascher Intelligenz. England aber weigett sich mit einer gemisten Wurschtigkeit, diese Methoden anzunehmen. Selbst in der Schiffahrt und im Schiffsbau hat sich bereits, wie ich von hervorragenden arg«, ttnischen Seeoffizieren gehört habe, Deutschland in mancherlei Hinsicht England überlegen ge- S. Die schönen englischen Schiffe fahren noch er gemütlich in 22 Tagen zwischen der englischen Küste und Buenos Aires, genau so, wie sie es vor 20 Jahren getan haben. Deutsche und italienische Schiffe legen di« Strecke in 15 Tagen zurück, und sie werden es sogar noch so weit bringen, es in 12 Tagen tun zu können.
Dazu kommt, daß die englischen Kaufleute in fremden Ländern isoliert von der Gesellschaft
er wollte nur prüfen, ob unsere Liebe auch fest Vater?“ W wahr, lieber
Georg fiel erschöpft in einen Sestel, und vergrub ims Gesicht tn den Händen. Er wußte ja 2Jgl £me- fte. Ihre Worte
Anrtten ihm ins Herz. Er hatte endlich Paulas Brief erhalten, der ihm Renates wahren Seelen- zustand verriet, und sobald er Urlaub bekam war er nach Dresden gereist, um mit Paula di« Angelegenheit zu beraten. Statt ihrer fand er 5s5uate und Coulmann hier und dieses plötzliche gemacht^" 9?enate hatte ihn fassungslos ... ^kumpfet Qual saß er da, ohne di« Augen M^ben. Coulmann strich sanft über Renates
„Ich war hart und streng mit Dir, mein
Trra^r "ur, weil ich Dein Elück^ wollte, b"" will ich gut machen, was ich gefehlt habe. Komm — laß mich eine Weile mit Georg allein. Wrr zwei haben uns etwas zu sagen.“
"Tt ?eJn früheren vertrauenden »litt zu ihm auf, so daß es warm in seinem Her- Zen wurde.
„Du schickst rhn nicht wieder fort? — versprich es mir.“ bat er leise.
es. E«h und ruhe Dich im SXr V1? wenig aus. Wenn wir zu Ende sind, rufe ich Dich. Du sollst mit Deinem Vater zufrieden sein.“
®,r führte sie hinüber und half ihr in einen Sessel. Zärtlich küßte et ihre Stirn und flüsterte ihr zu: '
„Ruhe Dich gut au» — eine »raut muß rote Wangen haben.“
Sie zog seine Hand mit Inbrunst an ihre , ''Batet, ich wußte ja, daß D« nicht immer hart bleiben fonnteft“ sagt« fie leise, glückstrahlend tn fern Gesicht sehend.
Er nickte ihr zu und zog die Tür hinter fich
62 (Nachdruck verboten.)
Mas Gott zufammengefiigt —.
Roman von H. Conrths-Mahler.
k Fortsetzung.)
Renate sah zitternd zu ihm hinüber, sie lehnte halb ohnmächttg an einem Tisch. Und pann fiel ihr Blick plötzlich auf den Vater, der im starren Schrecken emporgefahren war ’ und die offne erschüttert betrachtete.
Mit wankenden Schritten ging sie zu ihm hin und fiel vor ihm nieder.
„Vater — Vater — siehst Du nun, wie er mich liebt, siehst Du, wie er leidet? — und ich — Dein Kind — erbarme Dich doch unser — erbarme Dich! Vater, ich ertrüge es nicht ihn so leiden zu sehen."
Sie vergrub faffungslos das Gesicht in den Höiiden. Georg machte eine verzweifelte Gebärde und wollte hinausstürzen. Da kam Leben in Coulmanns starre Gestalt.
„Halt!" rief er wie außer fich und streckte die Haird nach Georg aus Dieser blieb stehen und sah mit erloschenen, tiefliegenden Augen zurück.
„Ich ertrage es nicht,“ murmelte et.
Coulmann beugte sich erschüttert zu Renate herab. „Mein armes Kind — mein armes, Uebcs Kind,“ sagte er leise, voll heißen Erbarmens.
Sie sah zu ihm auf One emtt zum Tode Ser« fieber $ateie!“"Uj ^"^igung hofft. „Vater, Derzw»flung und heißes Flehen lag in diesem Ruf. t. hob sie zärtlich empor.
mein Kind, es soll alles gut werden Mm — hab« wieder Vertrauen zu
^Sir »mW« ng ihn, von neuer Hoffnung be- W voll heißer Lieb« zu Georg hin-
Eieorg, es soll alles gut werden? ettfc Erbarmen mit uns habe» - ach.
„Mann — Mann — wenn das Wahrheit ist — dann haben sie ein Verbrechen an uns begangen!“ knirscht« er zwischen den Zähnet hervor.
Coulmann faßt« seine Hände und zwang ihn wieder in seinen Sessel zurück.
„Ruhe, junger Mann. Ehe Sie verurteilet hören Sie mich an. Ihr Vater wurde zum Schurken an meiner Schwester. Ich hielt S'e für sein Ebenbild und wollte mein Kind vrc dem gleichen Schicksal bewahren, unter dem S e wohl Ihre Mutter leiden sahen. An Ihre Lieb« zu Renate glaubte ich nicht und hielt Ihr« Y := Werbung für schlaue Berechnung. Um Sie gcej unschädlich zu machen, belog ich Sie und falte Ihnen. Renate sei Ihre Schwester. Ich hoffte, mein Kind würde Sie bald vergessen. Das geschah aber nicht. Nichts vermochte sie in ihrer Liebe wankend zu machen. Sie ahnte, daß ich einen starken Zwang auf Sie ausgeübt hatte, um Sie von ihr fern zu halten, wenn sie auch nicht wußte, worin er bestand. Und ich sah, wie sie litt und sich im Herzen immer mehr von mit abwandte. Frau Professor Hardenberg quälte mich, ich sollte Renate sagen, daß fie Ihre Schwester sei. Aber ihr gegenüber wollte die Lüge nicht über meine Lippen. Sollte ich mich selbst meiner Tochter berauben? Und dann kamen mir Zweifel, ob ich Sie nicht falsch beurteilt hätte, ob mein Haß mich nicht blind machte. Schon längst hätte ich gern eingelenkt und, meinen Haß begrabend, Ihre und Renates Hand in einander gelegt. Aber ich schämte mich meiner Lüge und verhärtete mich immer wieder. Erst diese martervolle Stund« hat diese Furcht von mir abfallen lassen — Ihr habt mich besiegt — beide. Und wenn Sie nun noch mein Schwiegersohn werden wollen — gehen Sie hin. über zu Ihrer Braut. Sagen Sie ihr alle», schonen Sie mich nicht. Renate wird mit »et« r«ihen. fie ist großherzig und gut. Und ich fehlte aus Lieb« zu ihr.“ (Fortsetzung folgt.)
des betreffenden Landes leben, und daß fi« nut miteinander verkehren. Sie verbinden sich nicht mit den eingeborenen Familien und sie bleiben sozial und wirtschaftlich vereinsamt. Sie sondern sich ab, wie es nur die allerexklufivsten Aristokraten tun können, obwohl doch di« englischen Kaufleute in der Regel dem unteren Mittelstand« entstammen!“
Rach dieser scharfen, aber gerechten Charak- tenfierung der englischen Kaufleute im Auslande stellt Zeballos einen Vergleich zwischen rpnen und ihren deutschen, amerikanischen und italienischen Kollegen an, die sich ganz anders benahmen. Et sagt: „Die Amerikaner, die Deutschen, die Italiener und andere senden ihre energischsten und gescheitesten jungen Leute
?^land, um die geschäftlichen Beziehungen zu fordern. Diese Leute find für das kaufmännische Leben auf ihren wundervollen technischen und kaufmännischen Schulen sotg- ftilttg vorgebildet- sie leben gut, aber einfach- pe besuchen nicht fortwährend Freunde auf dem ^.ande. und sie widmen sich dem Sport nur am Sonntag. Sie beginnen frühmorgens mit der Arbeit und arbeiten bis Abends durch und wenn es sem muß, so arbeiten fie auch am Sonntag. Sie scheinen das Sprichwott: time »s money“ besser zu würdigen, als es d:_- Ratlon tut, von der das Sprichwort flamm ? „ freunden sich nicht nur mit der einheimisch' Bevölkerung ihrer neuen Heimat an, sondern sie betraten auch in gute Familien hinein und be- ^mmen dadurch wertvollen Familienanschluß. Geschmack, Bedürsniss» und Ansprüche ihrer fremden Abnehmer werden liebevoll berücksichtigt und erfüllt, mögen sie selbst auch «inen anderen Geschmack haben. Diese Leute lassen es sich auch nicht verdrießen, die Sprache des fremden Landes zu erlernen und zu sprechen und die Handelsstattsttk zeigt den Erfolg all dieser Bemühungen.“
Z^allos schließt diese gründlich« und Ort- bie " den Engländern frteUt, mttden Worten: „Diese Betrachtungen sollten jedem guten Engländer die Heilmittel und den neuen Weg anzeigen.“ Die Siid- amerika-Nummer der „Times“ selbst in der fich l b^indet, spricht dafür, daß man sich “lesen Betrachtungen in England doch nicht mehr ganz erschließt. Denn di« Nummer ist wie die Times“ ausdrücklich hervorhebt zu dem Zweck geschaffen worden, die Beziehungen zwischen England und den südamerikanischen Staaten wieder zu befestigen. Das Blatt hebt nachdem England in früheren
J*n Außenhandel Südamerikas übet» Aupt erst geschaffen und darin ein Monopol b^esse" hatte, es aufs tiefste zu bedauern wäre, wenn England anderen Völkern gestatten eAen, was es selbst gesäet habe. Es
M die Siidamerika- Rummer auch in spanischer und portugiesischer erschienen ist, um den Südamerikanern bas Studium der Nummer zu erleichtern. Bis-
Aus den Parlamenten.
Deutscher Reichstag. . —
13. Sitzung, 11. Januar, 2 Uhr nach«.
In Vertretung des erkrankten Präsidenten Graf zu Stolberg begrüßte Vizepräsident Dr. Spahn die Mitglieder des Hauses und wünschte einen erfreulich« Fortgang der Geschäfte. Zuerst auf der Tagesordnung steht die Interpellation einiger freisinniger Abgeordneten über dir mecklenburgische Verfassungsfrage. Abg. Linck sucht ihre Berechtigung dadurch zu beweisen, daß die Regierung beim Scheitern der letzten Verhandlungen drohte, die Hilfe des Reiches anrufen zu wollen. Redner geht dann auf die mecklenburgischen Verhältnisse näher ein und versucht an der H<md einzelner Paragraphen der Bundesverfassung nachzruveisen, daß das Reich eine Pflicht zum Einschreiten habe. Staatssekretär Delbrück verliest im Namen de« Bundesrate» ene Erklärung, daß zwar durch daS Scheitern der Verhandlungen im mecklenburgschen Landtage eine Aende- rung der Lage eingetreten sei, der Bundesrat e» aber trotzdem nicht für angängnig erachte, einzuschreiten, weil dies mit den förderativen Grundsätzen deS Reiches unvereinbar sei. (Lebhafter Beifall recht,. Lärm« links.) Ebenso gibt der mecklenburgische Bundesratsbevollmächtigte Frhr. von Branb«ftei« je eine Erklärung der beiden mecklenburgisch« Regierungen wieder» wonach diese nicht beabsichtigen, ein Eingreifm des Reiches zu verlangen. Im Nam« der konservativen Partei lpricht der Abg. v. Tr«enfels dann die Zustimmung seiner politischen Freunde mit den Ausführungen bet Vertreters des Reichskanzlers aus. Abg. Pachnicke (frs. Vgg.) meint, daß die Interpellanten keine agitatorischen Zwecke mit Ihrem Vorgeh« beabsichtigt hätten. Er bedauert, daß die mecklenburgische Regierung Me geballte Faust wieder in die Tasche gesteckt hätte. Staatssekretär Delbrück führte deS längeren aus, daß die vom Abg. Linck angezog«« Paragraph« der Rcichsverfassung nicht anwendbar wären, da es sich ja hier mcht um einen Streit über die Auslegung der Verfassung eines Bundesstaates handele. Abg. GrSbe« (Ztr.) tritt dieser Auffassung im groß« und ganzen be,. insbesondere könne man dem von sozialdemokra. bischer Seite geäußerten Wunsche, die Verfassungsfta- gen der Bundesstaaten prinzipiell durch ReichstagSbe- schtusse zu regeln, nicht beitreten. Dann könnte man eS ebenso mit anderen Fragen tun, und eS wäre mit der Selbständigkeit der Bundesstaaten vorbei. Derselben Ansicht ist Abg. v. Oertz« (Rpt.), der hofft, daß es gelingen möge, den Streit in Mecklenburg zu schlich-
ins Schloß. Dann trat er zu Georg. Der sah mit verstörten Zügen zu ihm auf.
»Wozu das alles? Weshalb erwecken Sie ihr neue Hoffnung? — fie muß es ja doch erfahren, ich sehe es ein," sagte et heiser. Coulmann fühlte sich nach der Aufregung nicht mehr völlig Herr feiner Glieder und ließ sich ihm gegenüber in einen Sessel nieder. Dann sah er Georg lange an.
„Sie lieben Renate wirklich so über all« Maßen, daß Sie sich so vergessen konnten?“
Georg fuhr sich übers Haar. „Ich werde noch sinnlos darüber. Aber nein — von mir wollen wir nicht reden, nur von Renate. Wie soll fte es erfahren?“
Coulmann war tief bewegt. Zch habe mich in Ihnen getäuscht. Georg von Rodenfels. Sie find nicht Ihrem leichtfertigen Vater nachgeraten.“
Georg wehrte hastig ab. „Lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel. Ich kann seiner nicht gedenken, ohne mein Herz mit wilden Anklagen zu füllen. Zum Verbrecher hat et mich gemacht, denn ich liebe meine Schwester mit einet sündhaften, verlangenden Liebe und werde bann zu Grund« gehen. Aber das ist jetzt nicht wichtig — meine Sorge gilt Renate.“
Coulmanns Gesicht verzog sich wie im Schmerz. Dann sagte er leise, aber fest und klar:
„Ich habe Sie belogen, Herr von Rodenfels. Richt Renate, sondern Mary ist Ihre Schwester!“
Georg fuhr wild empor. Seine Züge strafften sich, seine Augen begannen zu funkeln. Er beugte fich weit vor und stützt« fich mit beiden Händen auf den Tisch.
»Was sagen Sie da?“ rief er wie außer fich.
Coulmann erbebte unter seinem Blick, aber et wiederholt« fest und ruhig: „Renat« ist Ihre Schwester nicht!“
Da sprang Georg auf, faßte ihn bei beiden
Preußische» Abgeorduetenhau».
Am Ministertisch« Ministerpräsidmt v. Bethmarm- tollweg, Frhr. v. Rheinbab«. Sydow und v. Arnim- riewen.
Präsid«t v. Kröcher erösftiet« die Sitzung mit einem Hoch auf den Kaiser. Darauf erklärte Ministerpräsident von Bethmnnn-Hollweg, er beabsichtige nicht heute politische Erörterungen anzustellen. Es wird hinnen kurzem Gelegenheit sein mich zu wichttgen Fra« 8«« eingehend zu äußern. Mehrjährige gemeinsame Arbeft tn den Staatsgeschäften hat mich mit dem Haus zusammengeführt. Ich habe in mein gegenwärtige» Amt da» Gefühl mitnehmen können, daß die Lösung der Aufgaben, an der ich bisher im Verein mit Ihn«» Mitwirken könnte, ein von mir mit Dank empfundene» geensettiges Bettrauen zugute kam. Dieses Bettrau« als un«tbehttiche Grundlage einer ersptteslich« Geschäftsführung zu pflegen, werde ich auch künftig bemüht sein. (Bravol)
Hierauf ergriff Finanzminister Frhr. v. Rheiu- baben daS Wott. Er gab zunächst einen Rückblick auf die Jahre 1908 und 1909. Bei der Finanzreform ist «» bedauerlicherweise nicht gelungen, eine rechtliche Bindung der Matrikularbeiträge zu erlangen. Hoffent. lich werden wir nicht soweit mit Matrikularbeiträgeu in Anspruch genommen, daß wir sie durch eine Anleihe deck« müßten. Für die Besoldungserhöhungen ergibt sich ein Mehrbedarf von 70 Millionen, für die nut eine teilweise Deckung durch höhere Steuern Vorhand« ist. Mr könn« hoffen, daß da» EtatSdesizit von 168 Million« auf 105 Millionen ermäßigt wird. Mit dem Jahre 1909 schließt das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts und damit die Periode die dem Staate außergewöhnliche große Aufgaben und Lasten brachte, ab. So mußt« wir, da die Eisenbahnen den Transpott in den Judustriebezirken ncht mehr bewältigen, große Wasserstraßenbauten vornehmen. Wenn der Staat s» große Aufwendungen macht, ist es nur billig, daß dm Benutzer der verbesserten Wasserstraßen eine ange- meffene Gebühr dafür zahlen. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Wir sind willens diesen von dem Hause durch Gesetz niedergelegt« Gedanken mit aller Energie zum Durchbruch zu bringen. Mr mußten ferner das Eisenbahnnetz ausdehnen und die Betriebsmittel vergrößern. Trotz dieser starken Belastung des Staates für die Verkehrsentwickelung hab« die kulturellen Aufgaben nicht gelitten. Der Etat des .Kultusministeriums, der 1899 mit 158 Million« abschloß, bzeifferte sich im Jahre 1909 auf 275 Millionen, während ferner die große Gehaltsaufbesserung in den letzten Jahren des vorigen JahrhundettS 92 Millionen erforderte, erfordert der jetzige einen Mehrbedarf von 100 Millionen. Darau» resultiert die Schwierigkeit unserer Finanzlage im we- s«tlichen. Wir wollen hoffen, daß das neubegonnene Jahrzehnt unS nicht gleich gewaltige Aufgaben stellt, fonbern daß wir Muße haben die großen Lasten bet letzt« Jahre innerlich auszugleichen. Die Hauptaufgabe liegt darin, die Ausgaben auf allen Gebieten ein« zuschränken. Dementsprechend ist auch der Etatsentwurf für 1910 aufgestellt. Bei größter Sparsamkeit war es möglich, das Defizit für 1910 auf 92 Millionen zu beschränken. Es läßt sich erwarten, daß die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse sich auch im Jahre 1910 fortpflanzt. Wir dürfen uns aber aucb nicht verhehlen, daß sich die fremden Staaten immer mehr abschließ« und es daher umso wichttger ist, un
ten, so daß diese» ju einer ihm angemessen« Verfassung gelange, «ach einer Rede des Abg. Frvhm» (Soz^, der die Regierungsform in Mecklenburg al» eine Schmach und Schande für die ganze Kation bezeichnete, trat nach einigen persönlichen Bemerkung« der Abg. von Treuenfel» und Dr. Pechnicke «erraguutz ein.