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1912

Erstes Blatt

Gwßvezier KiauMIaicha.

Der lürki

mit

Marburg

Dienstag, 10. Dezember

Die Balkanstaatrn rüsten sich unerbe6 ihrerseits um die am 13. d. Mts. in London beginnende Friedensverhandlungen zu beschiSen. lieber die künftigen Berbanvlungen tauchen l - und da in der Presse Einzelheiten auf. die jedoch allinsgesam auf Ver­mutung und Kombination beruhen. Nicht unerwähnt sei aber, daß das offiziöse Organ der Bulgarischen RegierungMir" in die­sem Zeitpunkt einen Artikel rerössentlicht, der-offenbar an die Adresse der Friedensunterhändl-'r gerichtet ist. Das Blatt verweist auf die besondere Lage im nahen Osten, wo sich die Interessen für sicher Mächte begegnen und erinnert daran, b ' die Alliierten aus Achtung vor diesem dem Verlangen der Türkei nach Abschlie- tzung eines Waffenstillstandes noch vor bet Einnahme bet Datba- nellen uitb Konstantinopels entsprachen, damit die Balkanfrage ihren lokalen Charakter bewahre und nicht zu tinet europäischen Frage werde, die die Mächte in einen Krieg verwickeln könne. Das Blatt druckt schließlich die Hoffnung aus, daß diese Haltung der Verbündeten in gebührender Weise von Europa gewürdigt werde, das die Pflicht habe, bei der endgiltigen und billigen Rege­lung aller Fragen mitzuwirken, die geeignet seien, in Zukunft eine Quelle von Beunruhigungen für den Frieden Europas zu werden, welcher von der endgiltigen Herstellung des Friedens auf dem Bal­kan abhänge. "V

Im übrigen liegen über die internationale Lage noch folgende Meldungen vor:

W i e n. 7. De. Wie aus Orsova gemeldet wird, errichten bi< Serben gegenüber dem österreichischen Ufer, auf dem serbische» Donauufer, allseitig Batterien.

Konstantinopel, 8 Dez. Wie dem Vertreter des Wolff« bureaus im Ministerium des Aeußern mitgeteilt wird beabsichtigt die Pforte Protest einzulegen, weil die Bulgaren ner bis fünf Stunden nach Abschluß des Waffenstillstandes Adrian opel i achts nochmals angegriffen hätten.

London, 7. Dez. Der Daily Telegraph i-elbet aus Buka­rest vom 6. Dezember: Der rumänische Gesandte in Athen hat ge­gen die angeblichen Ausschreitungen griechische' Truppen in Maze­donien Vorstellungen erhoben. Veniselos antwortete, er babe keine Kenntnis von den Tatsachen, werde aber sofort eine Unter­suchung anstellen lasten und die Schuldigen exemplarisch bestrafen. Ein spezieller Beamter ist zur Untersuchung nach Mazedonien ge­sandt worden.

Rom, 7. Dez. (Kammer.) Der Minister des Aeußern er­klärte auf Anfragen der Abgeordneten Salandra und Galli wegen der Beschießung von Valona und der Besetzung der Insel Solleno durch die Griechen, daß die italienische Regierung der griechischen freundschaftlich aber bestimmt erklärte, daß, wenngleich sie die Freiheit der militärischen Operationen der Kriegfübrenden achten wolle, siedennoch niemals ihre Zustimmung gebe, daß die Bucht von Valona und die den integrierenden Teil beriet bildende Insel Sasseno zu Griechenland gehören und daß sie in einen mili­tärischen oder Flottenstützpunkt umgewandelt werden. (Beifall.) Ein gleicher Schritt sei von der österreichisch-ungarischen Regie­rung, mit der sich Italien in einer innigen Ucbereinstimmung be­fände, unternommen worden. (Beifall.) Der Miv'ller fügte hin­zu: Wir haben Grund anzunebmen, d»ß unsere Beziehungen zu Griechenland sich immer mehr festigen und entwickeln werden.

K u l d s ch a , 8. Dez. Unter den hiesigen Mohammedanern sind für die Verwundeten der türkischen Armee Sammlungen ver­anstaltet worden, die größere Beträge ergaben. Mädchen opfern ibre Zöpfe, lasten sie öffentlich versteigern und geben den Erlös für die verwundeten türkischen Elaubensgenosten hin.

Bremerhaven, 7. Dez. Krieg und Kriegsgeschrei begin­nen fetzt ihre Wirkung auch auf die Auswanderung nach Nord­amerika auszuüben. Der Andrang von Zwischendeckspastagieren ill um diese Jahreszeit noch nie so stark gewesen, wie setzt. Weil die Auswandererhäuser in Bremen überfüllt sind, werden die an- komenden Zwischendeckspastagiere in der diesigen Lloydkantine und auf Lloyddampfern, die in den Häfen liegen, untergebracht. Am 3. Dezember muß als Ertraschiff bet LloyddampferGroßer Kur­fürst" nach Baltimore expediert werden. Die Auswanderer stam­men fast alle aus den vom Kriege überzogenen ober bebrohten Länbern Osteuropas.

allein wäre, wenn es die Unversehrtheit seiner Gebiete verteidigen | müßte, über die seine Fahne weht. Der Dreibund hatte also nicht nötig, eine Veränderung zu erfahren, und wird, wie bisher, fort­fahren, friedliche defensive Ziele zu verfolgen, welche gute und herzliche Beziehungen mit den dem Bündnis fernstehenden Mäch­ten nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar mitumfasten."

Die Pariser Blätter tragen in ihren Erörterungen über die Erneuerung des Dreibundes die größte Ruhe zur Schau und be­tonen dabei insbesondere, daß nach der von DelcastL im Zähre 1902 in der Kammer gegebenen Erklärung über die französisch-italie­nische AnnäherungItalien in keinem Fall-das Werkzeug oder der Gehilfe eines Angriffs gegen Frankreich werden kann." Der Temps" sagt, durch die Erneuerung des Dreibundes werde nicht die geringste Aenderung herbeigeführt. Sicher fei nur das eine, daß die Dreibundmächte durch die vorzeitige Erneuerung des Ver­trages ihre Solidarität in der gegenwärtigen Krise hekräftigen wollten. Der Dreibund sei übrigens von Anfang an friedlich ge­wesen und nichts bestätige die Annahme, daß et diesen Charakter verlieren könnte, besonders, da durch das Gegengewicht des fran­zösisch-russischen Bündnisses und der Triple-Entente ein dauerndes Gleichgewicht gesichert fei.

Bei den jetzt einfetzcnden Friedensverhandlungen der Türkei. dem Balkanbunde wendet sich das Hauptinteresse dem Leiter des türki­schen Staatswesens zu. Kiamil Pascha, der im 84. Lebensjahre steht, wurbe erst vor einigen Monaten an die Spitze des türkischen Staats­rates berufen und ist einer der befähigsten Staatsmänner der Türkei, der in den wechselvollen Geschicken der Türkei sich schon oft als der starke Mann erwiesen hat. Wenn überhaupt einer, so ist jedenfalls der alte intrigante Kiamil Pascha am berufensten, für die Türkei aus dem Zusammenbruche zu retten, was >och zu retten ist.

Politische Umschau.

DieRordd. Allg. Ztg." zu der Zentrumserklärung über die rs Jesuitrnfrage.

Berlin,?. Dez. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Durch die vom Abgeordneten Spahn verlesene Erklärung des Zentrums ist die Jesuitenfrage in den Mittelpunkt des zweiten Teils der Etats­debatte gerückt. Der Reichskanzler legte eingehend dar, daß der von, Spahn angegriffene Bundesratsbeschluß vom 28. November keinen Kul­turkampf bedeutet, weil er lediglich die Handhabung des bestehenden Gesetzes nach Maßgabe der bisherigen Praxis, allerdings unter Ab­lehnung der von Bayern gewünschten Neuerungen regelt. An dem seit Jahrzehnten belleheckdcn Zustand wird also tatsächlich nichts geändert. Daher war der Bundesratsberchluß vom 28. November ein ungeeigneter Anlaß, dem Bundesrat das Vertrauen zu kündigen. Niemand verdenkt es einem Katholiken wenn er die Beseitigung des Iefuitengesetzes herbei­sehnt. Das erkannte auch der Reichskanzler an. Auf der anderen Seite brachte er aber auch Argumente zur Geltung, die gegen die Entfesselung eines Kulturkampfes wegen der Jesuitenrrage ins Gewicht fallen. In diesem Sinne sprach der Reichskanzler auch von dem evangelischen Volks­empfinden, das sich in Erinnerung an die geschichtliche Rolle des Jesuiten­ordens gegen ihn wendet. Gaben doch auch hervorragende Katholiken; in neueren Zeiten zu, daß der Nutzen, den man sich aus dem Jesuiten-«1 erben für die katholische Kirche Deutschlands versprechen könnte, in gar' keinem Verhältnis zu den tiefen Störungen und Gefahren stehen würbe,*

Die Erneuerung Dreibundes.

Berlin, 7. Dez. Der zwischen den Souveränen und. den Regierungen von-Deutschland, Oester­reich-Ungarn undItalien b est e h e n b e V u n d es- vertrag ist ohne jede Aenberung erneuert wor­ben. Dazu schreibt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung:Der Dreibund hat sich seit seiner Errichtung als ein dauernder Faktor in der Gruppierung der europäischen Mächte eingelebt und sich durch seine Festigkeit als ein entschiedenes Friedenselement be­währt. Seine Erneuerung dürfte nirgends eine Ueberraschung bieten. Immerhin können wir es als ein erfreuliches Anzeichen betrachten, doß seine formelle Erneuerung gerade jetzt erfolgt ist. Es ist dies ein Beweis, daß die drei Verbündeten von seiner Wirk­samkeit befriedigt waren." *

Weiter schreibt bas Blatt in feiner Wochenrundschau: Auch sonst haben die Hoffnungen auf einen schließlichen Erfolg der diplomatischen Friedensarbeit trotz der Fortdauer mancher noch ungelöster Schwierigkeiten auch in der letzten Woche neue Nahrung erhalten. In der Erklärung, die der Reichskanzler am 27; Dezbr. vor dem Reichstage über Deutschlands Stellung zu den Orientfra­gen gegeben hat, und in der Rede des französischen Ministerpräsi­denten Poincarä am 5. November vor dem Kammerausschuß für die auswärtigen Angelegenheiten begegnen wir dem gleichen Aus­druck des Vertrauens auf günstige Wirkungen eines weiteren Mei­nungsaustausches der Mächte, wie er bisher ohne Störung und unter guten Vorzeichen durchgeführt worden ist. Die beruhigende und ausgleichende Hervorhebung europäische' "'sichtspunfte wirb dadurch noch gefördert werden, daß eine ' nigung von Bot­schaftern damit betraut wird, ein einhelliges jtreten der Mächte in den einzelnen noch strittigen Fragen vorzubereifen. Mit dem Zusammentritt einer solchen Versammlung und der angedeuteten Begrenzung ihrer Tätigkeit haben sich, wie verlautet, sämtliche - Großmächte bereits einverstanden erklärt. Sollte die Versamm­lung der Botschafter in London tagen, so würden ihre Arbeiten zeitlich und örtlich mit den in der britischen Hauptstadt zwischen der Pforte und den Balkanstaaten geplanten Friedensverhandlun­gen zusammenfallen, die, wie man annimmt, noch vor Ablauf die­ser Woche beginnen werden.

Die österreichischen Blätter besprechen mit großer Genugtuung die unveränderte Erneuerung des Dreibundes, der im gegenwär­tigen Augenblick erhöhte Bedeutung zukomme. DasFremden- chlatt" schreibt, der hervorragend friedliche Charakter des Drei­bundes laste die Verlängerung dieses Vertrages als ein für die Aufrechterhaltung der Ruhe in Europa außerordentlich wichtiges und erfreuliches Ereignis erscheinen. Wenn der Dreibund eine Lebensdauer erreichte, wie sie keiner derartigen politischen Kon­stellation bisher beschieden war, so sei dies ein Beweis dafür, daß 'die Staaten der Tripleallianz in diesem Bundesverbältnis den wirksamsten Schutz ihrer Interesten und die sicherste Gewähr für .eine ungestörte wirtschaftliche Friedensarbeit erblicken. Die Kon- tinuität des Dreibundes fei die wertvollste Garantie für die Kon­tinuität des Friedens.

In demselben Sinne schreibt dieTribuna" in Rom über die Erneuerung des Bündnistes. Sie führt aus:Die Nachricht von bet Erneuerung des Dreibundes wird niemanden überraschen. Ey ist die Garantie für alle unsere Intereestn, und wegen seiner Na­tur als Defensivbündnis eine Friedensgarantie für Europa. Ita­lien weiß, daß niemand gewillt ist, es anzugreifen, aber es bildet Miner einen großen Sicherheitsfaktor, zu wissen, daß Italien nicht

Die internationale Lage.

Die Lage auf dem Balkan sowohl als im übrigen Europa befindet sich zur Zeit in einem latenten Zustand. Kein Mensch kann auch nur annähernd mit einiger Berechtigung sagen, wie sich die schwebenden Fragen weiter entwickeln werden. Zwar sind die Stimmen in der Mehrzahl, die für bas kommenbe Weihnachtsfest denFrieden auf Erden" für sicher halten, andernteils aber fehlt es nicht an Pessimisten, die die Lage für noch immer recht bedroh­lich halten. So veröffentlicht dieWiener Allg. Ztg." ein Gespräch mit einer Persönlichkeit, die dem Auswärtigen Amte nahestehen soll. Darin wird gesagt, daß alles zum Kriege dränge, zwar sei Oesterreich militärisch glänzend vorbereitet, doch sei politisch die Sache noch nicht reif. Rußland wolle wohl keinen Krieg. Die rr Reibung liege bei Serbien.Heute", so führt die Zeitung -..«nch aus,handelt es sich für uns nicht mehr um den Adria- Hafen allein. Die sogenannteserbische Frage", die uns fortwäh­rend in Atem hält, muß endgültig geregelt werden, und dazu be­darf es noch gewißer diplomatischer Vorbereitungen, die mit den Friedensverhanblungen in Zusammenhang stehen. Wie stehen wir also heute? Stationär. Die Situation ist äußerst ernst: wir sind auf bas Aeußerste gefaßt unb zum Aeußersten entschlossen. Die Krise zu lösen vermögen heute nur bie anderen."

Auch andere Kreise halten die Lage noch immer für bedrohlich, besonders seit der Rückkehr des österreichischen Landesverteidi­gungsministers Hazay von der Audienz bei Kaiser Franz Joseph. Hazay hatte bisher immer zu denen gehört, die an bie Möglichkeit eines ernsten Konfliktes nicht glauben wollten. Er hatte sich auch in biefem Sinne schon mehrfach geäußert. Nach ber Aubienz aber still bei ihm ein Stimmungsumschwung ftattgefunben haben, ben er seinen Vertrauten gegenüber auch nicht verheimlicht hat. Dazu kommt noch, baß bie Haltung Rußlanbs noch immer sehr zweifel­haft aussieht und baß von unverantwortlichen Stellen immer wie- ber Alarmnachrichten in die Welt posaunt werden, die erkennen laßen, daß noch immer starke Kräfte, sonderlich in Rußland, am Werke sind, bie eine friedliche Beilegung der schwebenden Fragen verhindern möchten. Zu diesen Kräften scheint auch der russische Gesandte in Belgrad Hartwig zu gehören, auf deßen Zntriguen vielfach die gesamten unerfreulichen unb gefährlichen Verwick­lungen ber letzten Zeit zurückgeführt werden, und der ja anerkann­termaßen auch als geistiger Urheber des Balkanvierbundes gilt. Jetzt hat dieser Herr wieder einmal Gelegenheit genommen etwas Del ins Feuer zu gießen. Er empfing einen Redakteur des serbi­schen BlattesPravba", zu dem er folgendes sagte:Rußland wirddasVerlangenSerbiens Sie können es in alle Welt yinauspofaunen! nach einem wirtschaftlichen Hafen an der Adria mit allen Mitteln unter­stütze n!" Auf die Frage, ob jetzt in dem Wortewirtschaftlicher" Hafen nicht eine Aenderung in der russischen Politik zu erkennen sei, antwortete Herr von Hartwig, daß er sich darüber nicht äußern könne.Allein jedenfalls sei es eine Tatsache, hier spricht Hart­wig natürlich in seinem eigenen Namen daß Oesterreich-Ungarn in der Adria-Frage viel, aber auch sehr viel werbe nachgeben müs­sen, wenn es nicht den Waffen bie Entscheibung anheimstellen wolle!" Zu bieser Auslaßung paßt eine Erklärung ber Moskauer ZeitungSolos Moskwy", bie schreibt:Aus autorisierter Quelle tönen wir im Gegensatz zu anberen Nachrichten mitteilen, baß man jetzt bie Unmöglichkeit eingesehen hat, gegen bie einmütige russische Meinung zu regieren, unb nach einigem Schwanken hat sich Ruß - land jetzt entschlossen, bem Siegeswagen ber Balkan st aaten z u folgen." Man muß hoffen, baß alle berartige Kunbgebungen auf beschränkt einflußreiche russische Kreise zurückzuführen finb; benn im gegenteiligen Falle würben sie doch allzusehr mit bem Bestreben ber Mächte, ben Frieden zu er­halten. kollidieren.

Diese Bestrebungen werden unterstützt von allen Mächten. Auch Oesterreich-Ungarn hat nunmehr dem englischen Vorschläge auf Veranstaltung einer Botschafterkonferenz zugestimmt. Damit ist die Zustimmung des Dreibundes vollständig. Da auch der Drei­vertrag einverstanden ist, so ist das Zustandekommen dieser Bot­schafterkonferenz oder Votschafterversammlung gesichert, wobei allerdings betont werben muß, daß diese Konferenz lediglich vor­bereitende Arbeiten für spätere Verhandlungen verrichten soll.

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