Erstes Blatt.
Der französische Ministerpräsident zur Lage.
'■ Paris, 5. Dez. Ministerpräsident Poincarä erklärte in der Kammerkommission für auswärtige Angelegenheiten, er sei gezwungen, sich große Zurückhaltung aufzuerlegen, denn die Physiognomie der Ereignisie, die sich beerits mehrfach sehr schnell ge- 'llndert hätte, sei weit von der endgültigen Festlegung entfernt. Frankreich tat alles, was in seinen Kräften stand, um den Konflikt der Balkanstaaten vor dem Ausbruch zu beschwören. Als er dann unvermeidlich war, widmete Fruankreich alle Anstrengungen der Lokalisierung des Streites. Die Regierung halte die Kontinuität ihrer äußeren Politik für unerläßlich und wolle, daß ihre Bündnisse und Freundschaften bei der Regelung der gegenwärtigen Zwischenfälle neuerlich Kraft und Wirksamkeit beweisen.
Frankreich vergewisierte sich bei den gepflogenen diplomatischen Besprechungen stets zuerst über die Gefühle Englands und Rußlands. Seit langer Zeit befürchtete Frankreich ernste Schwierigkeiten auf dem Balkan,' schon seit dem vergangenen Januar verhandelte Rußland wegen der verschiedenen Eventualitäten, in denen sich Europa früher oder später dem Orient gegenüber befinden könnte. Rußland gab Frankreich freiwillig die seitdem veröffentlichte Zusicherung, daß es der Idee des territorialen Statusquo auf dem Balkan treu bleiben würde. Die Verlängerung des italienisch- türkischen Krieges und die an der montenegrinischen Grenze sowie ln Mazedonien und Albanien vorgekommenen Ausschreitungen, welche eine Verzögerung in der Realisierung der Reformen eintreten ließen, machten jedoch den Frieden immer unsicherer. Die lm April abgeschlosiene serbisch-bulgarische und griechisch-bulgarische Konvention seien der französischen Regierung für neue Krisen, Gefahren und Konfliktsmöglichkeiten geeignet erschienen. Im aufrichtigen Geiste des Wohlwollens für die Türken fuhr Poincar6 fort, wiesen wir sie mehrfach auf die Gefahren der Lage hin und rieten ihr, den Friedensschluß mit Italien zu beschleunigen und Reformen auf dem Balkan ins Werk zu sehen, aber die Verwicklungen wurden immer bedrohlicher. Poincarä erinnerte an die Initiative des Grafen Berchtold im letzten August. Briand, der ihn damals während seiner Reise nach Rußland vertreten habe, habe die Anregung Berchtolds mit Interesse ausgenommen und erklärt, die Politik Frankreichs sei vor allem bestrebt, den allgemeinen Frieden zu bewahren und den Statusquo auf dem Balkan aufrechtzuerhalten. Er sei glücklich, darin mit dem Wiener Kabinett sich eins zu wissen. Poincars erklärte telegraphisch seine Uebereinstimmung mit der Antwort Vriands. Rußland gab Uebereinstimmung mit PoincarS eine Antwort gleichen Sinnes. Bevor die Mächte sich jedoch über das Reformprogramm einigen konnten, sei die Bewegung auf dem Balkan beunruhigend geworden. Angesichts der nahenden Gefahr habe Frankreich es für wünschenswert gehalten, daß Europa, während es in Sofia, Belgrad, Athen und Cetinje friedliche Ratschläge erteilt habe, der Pforte die Ausführung von Reformen auf dem Balkan empfehle. Frankreich hatte im September mit seinen Freunden und Verbündeten über die Mittel beraten, durch welche die allgemeine Uebereinstimmung gesichert werden konnte, aber in Bulgarien, Serbien und Griechenland sei am 30. September und 1. Oktober mobil gemuckt worden. Poincar6 sei darauf mit Sasonow, der damals sich in Paris aufhielt, Lbereingekommen, der Erhaltung des Friedens die größte Anstrengung zu widmen. Wir haben, sagte der Ministerpräsident, den Mächten dann den Vorschlag unterbreitet, der von mehreren von ihnen Aenderungen erfuhr. Der Vorschlag hatte schließlich zur Folge, daß Oesterreich und Rußland das Mandat erhielten, ln dem bekannten Sinne bei den Balkanstaaten Schritte zu unternehmen, während die Mächte bei der Pforte Schritte unternahmen. Die Formel des Statusquo, die heute etwas überlebt erscheint, schloß damals die Vereinigung der Machte zu demselben friedlichen Willen zusammen, llnglücklicheweise erklärte an demselben Tage, wo der österreichisch-russische Schritt erfolgte, Montenegro der Türkei den Krieg. Es blieb nun weiter keine Hoffnung, als den Krieg zeitlich und räumlich zu begrenzen.
Vom Balkankrieg. _
• Aje Sonderaktion Griechenland«.
In Konstantinopel ist man gegen Griechenland naturgemäß sehr aufgebracht, daß es den Waffenstillstand nicht unterzeichnete und in amtlichen Kreisen soll sogar die Ausweisung der Griechen geplant sein. Ueber die Ursache der Haltung Griechenlands ist man sich nicht recht klar. Die einen nehmen mit lebhafter Genugtuung an, daß zwischen Bulgarien und Griechenland ein tiefgehendes Zerwürfnis herrsche, andere wieder glauben, daß das getrennte Vorgehen Griechenlands auf einem Einvernehmen mit den Balkanstaaten beruhe und den Zweck habe, während der Friedensver« Handlungen die Dardanellen-Blockade aufrechterhalten zu können. Letztere Annahme deckt sich zum Teil mit einer Ausführung der offiziösen „Agence d'Athen". Diese erklärt, die Tatsache, daß Griechenland den Waffenstillstand nicht unterzeichnete, darf nicht als ein Beweis für die Uneinigkeit unter den Verbündeten ausgelegt werden. Griechenland legte besonderen Wert darauf, daß die Unternehmungen der Flotte nicht unterbrochen werden und zwar auf dem Ionischen Meer, damit nicht der türkischen Armee in Epirus die Verproviantierung ermöglicht werde, auf dem Aegäi- schen Meere, damit die Türken keine Truppen nach Thracien transportieren könnten. Indem sich Griechenland auf diesen Standpunkt stellt, hatte es mehr das Intereffe aller Verbündeten im Auge als die eigenen, denn sämtliche Verbündeten würden durch die Verstärkungen der Garnisonen in den Dardanellen und von Tschataldscha geschädigt sein. Auch im Einvernehmen mit den Ver- bllndeten konnte Griechenland keine andere Haltung einnehmen als diese. Was die jetzigen Friedensverhandlungen anlange, wiffe man, daß der letzte italienisch-türkische Vertrag ein genügender Beweis dafür sei, daß solchen Verhandlungen kein Waffenstillstand voranzugehen brauche Amtlichen Meldungen zufolge werden griechische Bevollmächtigte in London an den dort stattfindenden Ver- Handlungen teilnehmen.
Die Beschießung von Valona.
V a l o n a , 5. Dez. (Agenzia Stefani.) Zwei griechische Kanonenboote beschoßen gestern die unbefestigte Stadt. Eine Granate schlug zwischen dem italienischen und österreichisch-ungarischen Konsulat ein. Ismail Kemal Bey sckickte durch die Panik der Bevölkerung hierzu bestimmt, zu den Schiffen Parlamentäre, denen der Kommandant erklärte, er hätte den Befehl erhalten, die alba- nesische Küste zu blockieren, da es türkisches Gebiet fei. Er glaube daher, rechtmäßig gehandelt zu haben und erklärte weiter, daß die Stadt sich Griechenland ergeben müffe, das die Albanesen stets wie Brüder behandelt. Hierauf entfernten sich die Kanonenboote. Ismail Kemal Bey legte sofort telegraphisch bei den Großmächten und der griechischen Regierung Protest ein.
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Cetinje, 5. Dez. Der Königliche Befehl zur Einstellung der militärischen Operationen in allen Eefechtslinien wird im Laufe des Tages den Truppenkommandanten zur weiteren Verlautbarung mitgeteilt. In der Hauvtstadt und auf dem Lande erweckte die Mitteilung von der vorläufigen Waffenruhe Befriedigung. Der König ernannte drei Delegierte für die Londoner Friedenskonferenz, die morgen abreisen.
Belgrad, 5. Dez. Kronprinz Alexander ist aus Saloniki in Uesküb eingetroffen. In seiner Begleitung befand sich das ganze Armeestabsquartier.
Politische Umschau.
Preßstimmen zum Konflikt zwischen Regierung und Zentrum.
Berlin. 5 Dez. Die Berliner Blätter äußern sich heute morgen über den Bruch zwischen Zentrum und Kanzler und kommen dabei vielfach zu dem Resultat, daß der Kanzler nicht mehr tat aber auch nicht weniger als er tun mußte, und daß er dem Augenblick gewachsen gewesen sei. Im Einzelnen äußern sie sich wie folgt: „Die Post": Je ruhiger und fester die Regierung bleibt — und das scheint sie nach Herrn von Bethmanns Auftreten z» wollen — um so eher wird sich das Zentrum zur Zurücknahme seiner Kampfansage bequemen. — „Tägliche Rundschau": In alledem
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Der Waffenstillstand ohne Griechenland imieneichnet.
In Konstantinopel ist in der Nacht vom 4. Dezember der Waffenstillstand zwischen der Türkei und Bulgarien, Serbien und Montenegro abgeschloffen worden, während Griechenland Zhne den Besitzzuspruch der Stadt Janina keinen Waffenstillstand abschließen will und allein den Krieg gegen die Türkei fortsetzt! Der damit offenkundig zutage tretende Zwist zwischen den Bulgaren und Griechen bedeutet das Ende des Balkanbundes. Uns in türkischen Militärkreisen geht man sogar soweit, zu behaupten, daß nunmehr eine gemeinsame Aktion der Türkei mit den drei Balkanstaaten gegen die „übermütigen" Griechen einsetzen werde! Mit dieser Möglichkeit sind neue Konflikte geschaffen, die alle Hypothesen über die Neueinteiluuq des Balkans völlig über den Haufen werten können, und es ist noch sehr fraglich, ob der Entschluß der griechischen Berantwortlichen nicht schwere Schicksalsschläge für Griechenland heraufbesckwört .... Unser Bild zeigt btt Hauptstadt Athen mit der Akropolis im Hintergründe und den drei Porträts der leitenden Persönlichketten: König Georg, der Kronprinz Konstantin und Lenizelos.
mtt oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftüche Beilage".
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M 287
Die „Lberheffischr Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 Jl lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <* frei In8 Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. E. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Sonnabend, 7. Dezember
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47. Jahrg.
1912.
sagt der Reichskanzler nicht mehr und nicht schärfer als was die Lage einfach gebieterisch von ihm forderte. — Die „National- Zeitung": Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen — ob daraus ein offener Kriegszustand werden wird, muß sich bald zeigen — zwischen dem Zentrum und dem Kanzler ist ein Ereignis von Bedeutung, das im Reichstage und allen Parteilagern groß« Bewegung hervorgerufen hat und deffen Folgen noch nicht zu übersehen sind. Die kurze Verteidigungsrede des Reichskanzlers macht« einen glänzenden Eindruck sowohl durch die Schlagfertigkeit der Argumente wie durch die Ruhe und Sicherheit, mit der er die Lage meisterte. Die übergroße Mehrheit des deutschen Volkes, di« von dem neuen Kulturkampf nichts wiffen will, wird ihm Pank wissen für die Entschlossenheit, mit der er die klerikalen Ansprüche abgewiesen hat. — „Vossische Zeitung": Das Tischtuch ist zerschnitten, der Krieg erklärt. Hie Schwert des Herrn, hie Gideon. Was wird nun geschehen, welche Entwickelung wird der Kampf nehmen. Sonderliches Vertrauen haben die Ultramontanen zu dem Nachfolger des Fürsten Bülow nie gehabt, denn er war der eigentliche Vlockminister. — „Berliner Tageblatt": Auch der Gegner von Bethmanns agrar- und klerikal-farbigen Politik muß gestehen, daß seine Verteidigung das geschickteste war, was der Kanzler seit Langem unternommen hat. — „Morgenpost": Eir.« nicht allzuferne Zukunft wird darüber entscheiden, ob der 4. Dez. 1912 ein Tag des Theaterdonners oder ein neuer Wendepunkt in der an Stimmungen reichen inneren Geschichte Deutschlands sein wird.
D-ichches Reich.
— Der Kaiser. Wildpark, 5. Dez. Der Kaiser begab sich heute nachmittag um 1.55 Uhr mittels Sonderzuges nach Bückeburg.
— Eine Rede des Königs von Sachsen. Dresden, 5. Dez. Bei der Feier des 50jährigen Bestehens der fünf sächsischen Handelskammern Dresden, Leipzig, Chemnitz, Zittau und Plauen ergriff der König das Wort zu einer Beglückwünschungsansprache, in der er ausführte: „Ich habe die feste Zuversicht, daß dem Deutschen Reiche unter der Führung seines Kaisers und unter dem Schutze seiner Land- und Seemacht die Segnungen des Friedens noch lange erhalten bleiben. Wir alle aber, die wir uns der Vorteile des Friedens erfreuen, wir wollen es uns in diesen ernsten Zeiten gesagt sein lassen, daß wir uns fernhalten von aller weichlichen Genußsucht und wenn wir gewillt find, nicht nur im gebotenen Augenblick Gut und Blut einzusetzen, sondern unser persönliches Wohl jederzeit dem Dienste des Vaterlandes unterzuordnen."
— Som Bundesrat. Berlin, 5. Dez. Zn der heutigen Sitzung des Bundesrates wurden den zuständigen Ausschüssen überwiesen: Der Entwurf einer deutschen Arzneitaxe für 1913, der Entwurf einer Bekanntmachung über die Berechnung des Kapitalwerts, der nach Maßgabe der Paragraphen 616 und 617 der Reichsverfiche- rungsordnung gewährten Abfindung für Unfallrenten, der Entwurf einer Bekanntmachung betr. Uebergangsbestimmungen zur Reichsversicherungsordnung. Dem Anträge betr. die Festsetzung des Eesamtkontingents der Brennereien für das Betriebsjahr 1912/13 wurde die Zustimmung erteilt.
— Aus der Budgetkommisfion. Berlin, 5. Dez. Die Budgetkommission des Reichstages begann und beendete heute die erste Lesung des Postscheckgesetzes. Die Geschäftsordnungskommission des Reichstages beriet heute den Antrag Albrecht und Genossen zu der Frage, ob auf Grund des § 33 a der Geschäftsordnung Anträge zulässig find, die spezialisieren, nach welcher Richtung die Behandlung der den Gegenstand der Interpellation bildenden An» gelegenheit durch den Reichskanzler der Anschauung des Reichstages entspricht oder nicht entspricht. Die Kommission gelangte nach eingehender Beratung zu dem Beschluß, die Entscheidung über diese Teilfrage heute zu vertagen und die Beschlußfassung bis zur Regelung der ganzen Geschäftsordnung zu verschieben.
— Die Freifahrkartsn und Anwesenheitsgelder der Abgeordneten. Berlin, 4. Dez. Die Anwesenheitsgelderkommission des Abgeordnetenhauses trat gestern abend in die zweite Lesung des Antrages v. Ditfurth ein, der das Gesetz betr. Reisekosten und Diäten der Abgeordneten vom 24. Juli 1876 aufheben und die Angelegenheit nach dem Grundsätze der Freifahrkarten und Anwesen- heitsqelder neuregeln will. Ein Kommissar des Ministeriums des Innern erklärte, die Staatsregierung beabsichtige nicht, in dieser Tagung einen entsprechenden Gesetzentwurf einzubringen. Ein Antrag aus der Kommission, daß der Gesetzentwurf noch in der laufenden Tagung von der Staatsregierung eingebracht werde, wurde mit 11 gegen 9 Stimmen angenommen. Der erste Absatz des Antrages Ditfurth auf Aufhebung des Gesetzes von 1Ö76 wurde mit 12 gegen 9 Stimmen angenommen, daß die Gewährung der Reisekosten und der Diäten neu zu regeln ist. Der Antrag, daß 1 die Freifabrkarten für die ganze Monarchie und die ganze Legis- • laturperiode gewährt werden sollen, wurde mit 12 gegen 9 Stirn- ; men angenommen, der auf gesetzliche Einsübrung von Anwesen- ; heitsgeldern mit 14 gegen 7 Stimmen abgelehnt.
Ausland.
** Das neue Militargejetz in Belgien. Brüssel, 5. Dez. Der Kriegsminister unterbreitete heute dem Parlament das neue Mi- litärgesetz. Danach wird das Zahreskontingent auf 230 000 Mann ’ gebrockt, das bedeutet im Prinzip die Einführung der ''gemeinen Wehrpflicht. Es wird ferner das Einjährig-Freiwillige-Inftitut nach deutschem System eingerichtet und es sollen etwa 2000 Mann jährlich freiwillig eingestellt werden. Die Ltnientruppen werde«