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Marburg
1912
Erstes Blatt
fliehen.
Di« Kämpfe um Skutari.
t foäter anmarschierte und als Waffen schloang, die die Naturwissenschaft und
zu lassen. Dabei kann dieser Dichter so wundervoll sprechen, ist er stark in inneren Situationen wie kein -weiter unter den Lebenden. Welch eine heitere Wonne liegt in dem abstrusen „Dor Sonnenaufgang" über der Liebesszene zwischen Loth und Helene; wie wundervoll öffnet sich dem sterbenden Hannele die Seligkeit des Himmels; welche Zartheit umwindet den armen Michael Kramer wie mit Rosen; wie schwer leidet der Dichter mit dem dumpfen Weh des Fuhrmanns Henschel! Man mag die Berechtigung des naturalistischen Dramas anfechten oder nicht. Nach dem kräftigen Aufschwung der „Weber", die als straff hingeworfenes ZustandsbiÜ) ooe Gerhart Hauptmanns Dramen am längsten dauer«
Perspettion vorgeschrieben, nach der diese Dichter ihr Leben lang unaufhörlich drängten. Bei Hauptmann hört man als einziges ein schönes Mitleiden aus den Dichtungen beraus, aber daneben gebt keine Tröstung, öffnet sich keine Richtung, um lächelnd und erlöst die Tränen abflietzen
Gegen di« ZungtLrken.
Konstantinopel, 14. Nov. Es scheint, daß die Neg^ - rung infolge des letzten Versuches des Komitees, wieder zur Macht zu gelangen, strenge Maßregeln gegen die ZungtLrken trifft. Der zweite Kammerherr des Sultans Tewfik Pascha, welcher verdächtig war, Schritte der Jungtürken bei dem Sultan begünstigt zu haben, wurde abgesetzt. Dem früheren Minister Schavid Pascha und dem Direktor des „Tanin", Dschahid, gegen welche Haftbefehle erlassen worden waren, gelang es über Constanza nach Europa zu ent-
(tierfiart Hauptmann.
Zu des Dichters 50. Geburtstage am 15. November.
Gerhart Hauptmanns 50. Geburtstag wird von der deutschen Publizistik in allen Tonarten gefeiert. Ob ihn auch das deutsche Volk begehen wird als einen nationalen Feiertag, wie es 1876 den 50. Geburtstag Scheffels einmütig und begeistert beging — dazu sind die Zeichen noch
DeuMss Reich-
— Sleichstagsabgeordneter Dr. Paasch«, der bekanntlich Ende Juni mit seiner Gattin eine Studienreise um die Erde angetreten hatte, ist, wie die „Natl. Korr." berichtet, am 10. Nov. glücklich in Neapel gelandet und wird in etwa 8 Tagen in Berlin einiresfen. Zur Eröffnung des Reichstages, die er als erster Vize-Präsident- des Hauses zu leiten baben wird, dürfte er also mit Sicherheit zur Stelle sein. Dr. Paasche hat, nach kurzem Aufenthalt in Newyork, Kanada durchreist, namentlich den zukunftsreichen Präriestaaten und Britisch-Columbien sein Interesse zuaewandt; war dann etwa I Z Wochen in Japan, wo er zu den maßgebenden politischen Per-
R j e k a, 14. Nov. Heber das heutige nächtliche Bombardement wird berichtet, daß es der montenegrinischen Artillerie gelungen sei, die Batterien auf dem Tarabosch und vor Skutari zum Schweigen zu bringen. In dem Gebiet der Stadt seien starke Beschädigungen angerichtet worden. Einzelne Werke auf dem Tarabosch sollen gänzlich zerstört und ihre Besatzungen zerstreut worden sein.
Die österreichische Armee wird ihre Pflicht tun.
Wien, 14. Nov. Der Heeresausschuß hat die Beratungen über das Heeresbudget begonnen. Im Laufe der Debatte protestierte Graf Clam-Martinic dagegen, daß von einem Teil der Presse in einem Tone geschrieben werde, der in diesem Augenblick nicht am Platze sei. Die Betonung von Sympathien für die Südslawen dürfe nicht so weit gehen, daß sich die Sympathien mit den vitalen Interessen der Monarchie kreuzten. Die Pflicht eines jeden. Politikers sei es, die ihm nahestehenden Kreise und die ihm nahestehende Presie auf die große Gefahr aufmerksam zu machen. Die österreichische Armee habe nie danach gefragt, ob ein Krieg populär sei oder nicht. Die Armee werde, wenn, was Gott verhüten möge, es zum Kriege käme, mit demselben Pflichteifer und mit derselben Begeisterung zu Selbe ziehen, wie sie dies immer getan habe.
Albanische« Einspruch gegen Serbiens Ansprüche.
Wien, 13. Nov. Die „Neue Freie Presie" erhält von der nationalen Organisation Albaniens aus Durazzo folgenden Drahtbericht: Im Namen Albaniens protestieren wir gegen die Beleidigungen und falschen Anschuldigungen, welche der serbische Minister Pasitsch gegen Albanien erhoben hat. Die Albanesen protestieren gegen die Einkerkerungen und gegen die Ausrottung der Albanesen in Kosiowo. Insgeheim wurden auch die albanestschen Kriegsgefangenen ermordet. Die Albanesen werden die Zerstückelung Albaniens niemals zugeben; sie werden eher den Tod erleiden. Drei Millionen Albaner rufen die Hilfe des zivilisierten Europas und der Diplomatie für die Integrität und Freiheit der Albanesen an.
mii oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und Landwirtschaftliche Beilaa«-.
Die Lage auf dem Balkan.
Schneller als man erwarten und hoffen konnte, scheint der Balkankrieg sich seinem Ende zuzuneigen. Die Türken sind entmutigt und des Kriegs müde und wagen nicht alles auf eine Karte zu setzen und in der Kataldschalinie den Feind zu einer letzten Entscheidungsschlacht zu zwingen. Angesichts der Jndisziplin ihres Heeres und der in ihm wütenden Eholera zieht es die Pforte vor, als Bittende den siegreichen Balkanmächten zu nahen, um wenigstens noch etwas aus dem Zusammenbruche zu retten und nicht ganz vom europäischen Boden verdrängt zu werden. Kiamil Pascha hat sich, wie amtlich bestätigt wird, wegen Abschlusses eines Waffenstillstandes und Einleitung von Friedensverhandlungen direkt an den König von Bulgarien gewandt.
Einem Gerücht zufolge trifft der türkische Postminister Mu- surus in Paris mit dem griechischen Gesandten zusammen. Die Blätter sprechen im Zusammenhang mit den direkten Verhandlungen über den Waffenstillstand von einem Gerücht, daß Musurus auch mit Dancw zusammentrifft. Wie weiter die „Daily News meldet, hat der Direktor des Transportwesens im Kriegsministerium erklärt, daß man bereits über die Einstellung der Feindseligkeiten übereingekommen sei. Zu gleicher Zeit erklärte ein anderer Beamter, daß die Feindseligkeiten heute abend eingestellt werden würden.
Daß die Mächte die Friedensbestrebungen nach bestem Können unterstützen, ist selbstverständlich. Sie haben der bulgarischen Reaierung, dem Wunsche der Pforte gemäß, ihre Vermittlung angeboten. Die „Aaence Bulgare" meldet dazu aus SofiLUUwl 14. November: Die Vertreter der Großmächte machten heute nachmittag einzeln dem Ministerpräsidenten folgende Mitteilung: Da sich die ottomanische Regierung an die Großmächte gewandt und um Vermittelung gebeten hat, sind wir beauftragt, Eure Exzellenz zu fragen, ob Bulgarien geneigt Ist, die Vermittelung anzunehmen, und bejahendenfalls uns nach den Bedingungen, denen die^e Annahme unterliegen würde, zu erkundigen. Der Ministerpräsident antwortete, die Regierung werde das Erfuchen der Türkei dem Hauptquartier zur Prüfung unterbreiten und sich mit den verbündeten Kabinetten ins Einvernehmen setzen.
Die Stellung Rußlands.
Wien, 14. Nov. Eine Petersburger Zuschrift der „Polit. Korr." stellt'fest, daß das Petersburger Kabinett nur der historischen Rolle des Zarenreiches treu bleibt, wenn es die Bestrebungen der orthodoxen Balkanvölker unterstütze. Dieser diplomatische Beistand so heißt es weiter, nimmt jedoch in keinem Punkte, auch nicht hinsichtlich der Wünsche Serbiens, einen Charakter an, der geeignet wäre, eine bedenkliche Spannung hervorzurufen. Die Minister Kokowzew und Sasonow sind lediglich im Dienst des Friedens und der Grundsätze ihres Kaisers tätig und von dem Wunsche geleitet, jede Verschärfung von Meinungsvetfch,eden- heiten zu vermeiden. Die Zuschrift erklärt schließlich, es lei daher äußerst wünschenswert, daß man im Auslande der von aufrichtiger Friedensliebe erfüllten russischen Politik eine gerechte Beurteilung nicht vorenthalte. ________
nicht vorhanden. ,
Aber deshalb bleibt Gerhart Hauptmann ein bedeutender Dichter, denn das Vorurteil Popularität ist nicht immer mit dem Begriffe Große oder national identisch. Der Dichter der „Weber" und der „Versunkenen Glocke" ist ja in einer sehr kritischen und von hundert Strömungen durchjagten Zeit zu seinem Dichterberuf gekommen. Es war nicht leicht, dem Materialismus der Zeit, wie er nach den Errungenschaften des grossen Krieges Anfang der 80er Jahre einsetzte, poetische Herzenstone oder gar Fanfaren abzugewinnen. Das bißchen Rousieauscher Sozialismus, der „Kabale und Liebe" erzeugt hat und der sich dann vom starrsten Despotismus einfangen ließ, war nicht zu vergleichen mit den Stoßen zenes Sozialismus, der ein Jahrhundert später anmarschierte und als Waffen die Geißeln über der Menschheit schwang, die die Naturwissenschaft und Technik ihr geschmiedet hatten. Gerhart Hauptmanns poetische Entwicklung fußt in der naturwisienschastlichen und technischen Umwälzung der neueren Zeit, deren Konsequenz der Sozialismus war. Das „Kunst- und Natur"-Prinzip wurde proklamiert, und je öfter das durch die . klassische Dichtung aristokratische erzogene Gefühl der Nation — und mit ihr der Dichter —, von den Auswüchsen der realistischen Kunstgesetze ab- ; gestoßen wurde, desto unsicherer schwankte die Poesie einher, daß Gerhart Hauptman bei aller hervorstechenden Begabung selber stlllos geblieben ist und uns im Hin- und Herpendeln zwischen Naturalismus und Ro- inantik kein bündiges modernes Kunstideal stabiliert hat.
Die Persönlichkeit Gerhart Hauptmanns gibt daher kein geschlosie- nes harmonisches Bild, sondern sie kann nur im einzelnen betrachtet «erden Von der ersten Dichtung, der in Zolafchen Realismus befange- i nen Novelle „Bahnwärter Thiel" bis zum letzten, wie ein keusches Gefühl bewahrten Drama „Gabriel Schillings Flucht" keine feste Linie, kein Standpunkt, ja keine Weltanschauung. Bei den großen dramatischen ! Reperes Ibsen, Björnson und Eirindberg ist doch immer btt bestimmte
sönlichkeiten in nähere Beziehungen trat. Mehr als 4 Woche» konnte er der Chinesischen Republik widmen, indem er nach lat» . gerem Aufenthalt in Tsingtau durch Scha-^'ang nach Tsinanfu, Tientsin und Peking reiste, dann in Hanka^ die aufblühenden Handelsbeziehungen des reichen Jangtse-Gebietes kennen lernt» Hebet Schanghai, Futschau und Hongkong reiste er nach Singa- pore, von wo er einen längeren Abstecher nach Java machte, uin dann über Colombo, Aden und Port Said nach Neapel zurück, zukehren.
— Die Mecklenburgische Verfasiungsfrage. Malchin, 14. Nov. Mehrere Mitglieder der Ritterschaft beantragten im Landtag in Diktamen die Ablehnung des neuen Verfasiungsentwurfes der Regierung, da nur die Fortentwicklung der jetzigen Verfassung und nicht die Zerstörung derselben in ihrer Grundlage als richtig anzuerkennen ist. Sie erbitten die Herausgabe einer abgeänderteu Verfasiungsvorlage, die dem Mangel der bestehenden Verfasiung abhilft, ohne einen Bruch mit der Geschichte uud dem Rechte des Landes. Die Ritterschaft beriet darauf als Stand für sich und nahm den Antrag des Diktamens mit 18 gegen 16 Stimmen an. Die Landschaft dagegen lehnte den Antrag durch Standesbeschlutz ab. Hiermit ist vorläufig der Verfasiungsentwurf abgelehnt, ohne daß es zu einer Komiteeberatung kommt.
— Zur Frage der Volksversicherung. Es ist bekannt, daß die Sozialdemokratie ein großes Versicherungsunternebmen plant, um mit Hilfe ihrer Gewerkschaften und Konsumvereine eine allgemeine Volksversicherung zu schaffen. Nach den Erfahrungen, die man bei den Krankenkasien gemacht hat, ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die Sozialdemokratie auch hier nicht bloß wirtschaftliche und sozialpolitische, sondern zugleich politisch-agitatorische Zwecke verfolgt. Um dieser Verquickung von gemeinnützigen Aufgaben und Parteibestrebungen entgegenzutreten, ist auf den 25. ds. Mts. eine Konferenz eiuberufen, die auf absolut neutraler Grundlage die Angelegenheit erörtern soll. Diese Motralitat erstreckt sich nicht bloß auf das politische, sondern auch^urf das wirtschaftliche Gebiet. Deshalb sind sowhl die Einladungen von Mit- .gliedern aller bürgerlichen Parteien unterzeichnet als auch Der- tretet und Kenner der privatrecbtlichen wie der öffentlich-rechtlichen Lebensversicherung zugezogen. - -
— Alarmierende Gerüchte. Wilhelmshaven, 14. Nov. Die gestern verbreiteten alarmierenden Nachrichten über eine Zusammenziehung der deutschen Hochseeflotte bei Helgoland sind, wie von zuverlässiger Seite gemeldet wird, frei erkunden. Es handelt sich um eine regelmäßige Uebung, die hier alle Jahre vorgenommen wird. Das Nordseegeschwadet ist nach Kiel abgegangen zur' Vereidigung der Rekruten. Augenblicklich befindet sich überhaupt kein Kriegsschiff in der Nordsee.
— Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Stettin,; 14. Nov. Unter dem Vorsitz Sr. Erzellenz v. Dirffen trat die 9. Deutsche Nationalkonferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels zusammen. In der Hauptversammlung überbrachte der Kabinettsrat Freiherr"v. Svitzenberg die Grüße und Segenswünsche der Kai- leiin, der Protektorin des Vereins.
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Die Anwesenheit von fünf Ministern mit einem starken Stabe von Räten kennzeichnete heute schon äußerlich die große Bedeutung der Der-, Handlungen des Abgeordnetenhauses. Das Haus selbst war nur lückenhaft besetzt. Bevor man an das Hauptstück, die Bestimmungen über di« Verleihung kam, gas es eine längere Debatte über die Befugnis der werden, erhoffte man vom Dichter das großzügige, den Kern der Zett erfaßende, historische Drama. Es kam nach mancherlei JrrgSngen der .Florian Gever" und die Hoffnung belebte üch aufs neue. „Die versunkene Glocke" läutete Sturm, und es schien entschieden, daß Hauptmann stch aus dem Naturalismus zwischen Geschichtlichen und Romanti- schen zurech^geftmden hohe. Da stieß der ..Fuhrmann fienWt“ alles wieder um, und seitdem sehen wir den Dichter im ewigen Hin- und Her- schwanken zwischen dem Ideal von einst und den weichen romantischen Stimmungen, aus denen auch auf der Bühne noch kein Held hervorgegangen ist. An der Schwelle der 50 Überraschte uns der Dichter mit feinem Gabriel Schilling, diesem weibchenaenarrten Weichling, den wir samt den anderen Halbcharakteren Hauptmann zurückgehen für einen Mann, an dellen Seelenkrätten die Nation sich selber hinanschwingen kann zu Tat. Tugend und Größe.
Gerbart Hauvtmonn ist geborener Schlesier. Er ist am 15. Novembei 1862 als der Sohn eines Gasthofsbestßers in Salzbrunn geboren. Gi zeigte auf der Schule gar keine Fortschritte und wollte Bilddaner werden. Er war in Breslau auf der Kunstschule, emvfing dort für einige oehmaene Arbeiten das Einiöbrige-Zeugnis und ging fväter mit feinem Bruder Karl nach Jena, um Vorlesungen zu hören. Er verheiratete stch sehr reich mit iunaen Jahren und schlug fein Heim in Erkner bei Berlin auf. Er konnte völlig forgenfrei der Schriftstellerei leben und hatte infolge seines stets gefüllten und stets offenen Portemonnaies bald die ganze Berliner Literaten-Bab^men bei stch zu Gaste. Von ihr übten Arno Hol, und Johannes Schlaf den stärksten Einfluß auf ihn aus. Durch Arno Hol, wurde et dem entWebenen Naturalismus znaefübrt,, den et. der reiche in eigener Villa häufende Dichter mit ho*tönerrtien Worten pries. Als et in dem Schauspiel „Dor Sonnenaufaana" De- kenutnis davon oblegte, war bei der Erstaufführung des Stückes am 20. Oktober 1RR9 im „Lesstngtheater" der Lärm groß. Aber er beschwichtigte stch. nachdem ein so vornehm und fein urteilender Kritiker wie Theodor Fontane nach der Ausführung in Gerhart Hauptmann den Dichter der neuen Zeit begrüßt batte.
Der Dicktet der neuen Zeit ist Hauptmann nicht geworden. Aber er hat den Boden gelockert und hat Diele? zum Leben erweckt, was poetisch sonst vielleicht noch schlief.
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