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DieLberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.26 «X (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Marit 21) 2.00<* frei ins HauS. (Für unver­langt zugejandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. T. Hitzerolh), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Donnerstag, 31. Oktober

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47. Jahrg/

1912.

für die Aufrechterhaltung des Statusquo auf dem Balkan eintre­ten, damit ist nicht gesagt, daß keine territorialen Aenderungen auf dem Balkan vorgenommen werden können. Der Statusquo ist, wie verlautet, nach der Aufastung der Großmächte die Aufrecht­erhaltung der Znterestensphäre des damaligen Einflustes der Groß­mächte auf dem Balkan, auch wenn die Grenzen der einzelnen Län­der eine Verschiebung erfahren sollten. In diesem Sinne dürste sich das Auftreten der Großmächte geltend machen. Man wird darnach trachten, unter Wahrung dieser Gefichtspunve den Krieg zu lokalisieren und den Frieden herbeizuführen.

W i e n, 29. Okt. DieNeue Freie Presse" schreibt: Eine mi­litärische Macht ist plötzlich auf dem Balkan entstanden. Der Balkanbund ist eine Kraftgruppe, die nicht übersehen werden kann. Um was handelt es sich nun für Oesterreich-Ungarn? Wenn die jetzige Krisis auf die einfachste Formel gebracht wird, so kommt von selbst die Frage: Sollen wir mit dem Balkanbund oder gegen den Balkanbund gehen? Darin liegt die Zukunft. Das Blatt kommt

Zur Belagerung nett Adrianopel %

durch die Bulgaren bringen wir heute unseren Lesern eine Gesamt­ansicht dieser türkischen Festung und noch heute zweiten Hauptstadt des Türkenreiches. Adrianopel, als Knotenpuntt der Eisenbahn­linie BelgradKonstantinopel gelegen, hat bereits wiederholt in der Geschichte eine Rolle gespielt. Sie führt ihren Namen von dem römischen Kaiser Hadrian, der die Stadt erweiterte und verschönte und im Jahre 378 (am 9. August) wurde hier der Kaiser Valens in blutiger Schlacht durch die Goten geschlagen. 1361 durch den Sultan Murad I. erobert, war sie bis zum Fall Konstantinopels 1453 Residenz der türkischen Sultane. Im russisch-türkischen Kriege wurde dann Adrianopel am 30. August 1829 durch den rusfi-

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Erstes Blatt.

Zur Kriegslage.

MW " - . t Von Generalmajor z. D. v. Loebell.

Der erste Akt des Dramas, das vor 50 Jahren begann, ist vor- Lber. Ahnen läßt sich schon der Ausgang des Schlußaktes, wen» er auch noch nicht mit dem Eide dieses Feldzuges zusammenfallen sollte. Erst wenn die bedeutendste, modernste Festung der Türkei, Adrianopel, gefallen ist, kann mit einiger Sicherheit der Ausgang des Ringens vorausgesagt werden. Die bisherigen Kämpfe waren auf allen Teilen des Kriegsschauplatzes keine entscheidenden. Di« bulgarische Offensive, der Vorstoß auf Konstantinopel, wird durch Umschließung von Adrianopel an Kraft einbüßen. Man müßte sich vollkommen bei Einschätzung des Wertes der türkischen Armee getäuscht haben, wollte man annehmen, daß schon jetzt deren Offen- fivkraft gebrochen ist. Zeit haben die Türken aber nicht mehr zu verlieren; der Weg von Adrianopel nach Konstantinopel ist nicht lang. Ohne schnelle und kräftige Offensive ist das Geschick nicht z« wenden. Sollte Adrianopel noch nicht genügend verproviantiert und der Rücktransport der Geschütze und Munition infolge orienta­lischen Schlendrians von den Dardanellen her noch nicht beendet gewesen sein, so vermag sich auch Adrianopel, desien Südfront nur schwach befestigt ist, nicht lange zu halten. Und dann können die Balkanstaaten mit den Pfandobjekten Adrianopel, Uesküb, Sku- tari, und die Griechen mit Kreta das Eingreifen der Eroßmächte in Ruhe abwarten. Das moralische Element ihrer Truppen ist in einer Weise durch die bisherigen Erfolge gestärkt, daß die Trup­pen befähigt sein werden, den nunmehr beginnenden weit schwie­rigeren Teil des Feldzuges mit ganzer Kraft durchzuführen. Die Lorbeeren sind Mkeicht in ihren Schoß gefallen, um diese Staaten nicht allzu begehrlich zu inachen. Wer soll sie hindern, die Siges- preise einzuheimsen? Das ist nur mit dem Schwerte möglich. Die Erfahrung lehrt, daß Fehler und Unterlassungen bei Beginn eines Feldzuges sehr schwer wieder gut zu machen s'»d So muß man für einen für dtd Türken nicht günstigen Ausgc- - chten, so sehr das Gegenteil im Jnteresie des Vermeidens eure,bischer Verwick­lungen zu wünschen gewesen wäre. Vom militärischen Stand­punkte aus freilich verdienen die energischen, nach deutschem Muster organisierten, von deutschen Offizieren seit Jahren hoch eingeschätz­ten bulgarischen Truppen volle Sympathien. Wohl erwogen, wohl vorbereitet scheint die ganze Aktion zu sein, und über die unvollen­dete Mobilmachung der Türken, sowie über den Zustand ihres Heeres waren gewiß zuverlässige Nachrichten vor Beginn des Ein­marsches der Bulgaren eingelaufen. Die Türken hatten den Frie­den mit Italien noch nicht geschlossen, als die Balkanstaaten ihre einer Kriegserklärung gleichzuachtenden Forderungen stellten. Seit Jahren sind bedeutende Teile des türkischen Heeres im Kriegszustände, ihre Landwehren dem häuslichen Herde fern, durch Niederwerfen von Aufständen, Kämpfen und durch Entbehrungen mürbe und nervös gemacht. Der Transport von Truppen aus Kleinasien wird dadurch verlangsamt,, datz während des Kriegs­zustandes mit Italien und jetzt infolge des Krieges mit Griechen­land der Wasserweg unbenutzbar und nur eine Bahnlinie verfüg­bar ist. Die Mobilmachung scheint noch nicht vollendet, jedenfalls nicht so vorbereitet zu sein, wie bei den Gegnern, die seit Monaten gerüstet haben. Die Türkei verfügt über eine große Anzahl vor­züglich ausgebildeter Offiziere; aber das Offizierkorps politisiert; das ist der Anfang vom Verfall. Ein Kenner von Land und Volk schilderte mir, wie rapide die angebahnte und teilweise durch-, geführte Reorganisation aufgehalten sei, seitdem nicht die Regie­rung, sondern ein politisches Komitee der Jungtürken das Heft in den Händen hat und alles nach seinem Willen leitet, während der Sultan zu einer ohnmächtigen Puppe degradiert ist. Seit Einstel­lung von Christen und Juden, die zum Teil den feindlichen Stäm­men angehören, ist die Armee nicht mehr so einheitlich in ihrem Ersatz, wie zu der Zeit, als sie nur aus Muselmännern bestand, an­spruchslosen, tapferen, fanatischen Muhammedanern, di«, wie es ihr Glaube von ihnen fordert, für den Sultan freudig in den Tod gingen. Nur die türkische Landbevölkerung ist noch rassenrein, die oberen Volksschichten sollen degeneriert sein. Wenn das zutrifft, dann wird das türkische Heer bald seines Nimbus entkleidet, nicht mehr vom alten Waffenruhm umstrahlt sein; dann ist der Verfall der Türkei nicht mehr aufzuhalten; dann beginnt die Aufteilung, die aufzuhalten im Interesse des europäischen Friedens zur Zeit noch versucht werden wird. Frankreich und Deutschland sind die­jenigen Mächte, die in der Türkei nur wirtschaftliche Interessen zu vertreten haben. Sie vermögen, da sie über tüchtige Landheer« verfügen, am ehesten zum friedlichen Ausgleich beizutragen. Frank­reich hat von kriegerischen Verwicklungen der befreundeten Mächte am meisten zu fürchten; auf Jahre hinaus wäre der Schwerpunkt nach dem Orient verlegt und Frankreichs Revanchepläne durch­kreuzt. Die Interessen der Ententemächte sind verschiedenartig. Der Dreibund steht gefestigt und gerüstet da. Darin liegt die Hoff­nung auf Einschränkung des Kriegsherdes und Fernhalten weiterer kriegerischer Verwicklungen.

Die diplomatisch« Lage.

Wien, 29. Okt. In den Mitteilungen, welche da»Neue Wiener Tagblatt" an hervorragender Seite enthält, heißt es: Die 'fernere Haltung die den Großmächten zufallen wird, ist natürlich jetzt noch in Frage gestellt, der Standpunkt, den die Großmächte vertreten werden, ist aber ziemlich feststehend. Sie werden gewiß

schon Feldmarschall Diebitsch-Sabalkanski erobert; auch 1878 besetz­ten die Russen die Stadt wiederum, und jetzt stehen die Bulgaren vor den Toren dieser denkwürdigen Stadt um sie zu bezwingen und den Halbmond zu stürzen.

Unser Bild zeigt oben das Panorama von Adrianopel mit der aus dem 16. Jahrundert stammenden prächtigen Moschee Sultan Selims II. Im Vordergründe rauscht die aus Bulgarien kommend« Maritza, die hier die Flüsse Tundfcha und Arda aufnimmt. Die zur Stadt führende Michaelsbrücke ist als historisches Bauwerk gleichfalls berühmt und stammt aus der Zeit her griechischen Kaiser. Unten bringen wir eine Ansicht der östlichen Befestigungswerke von Adrianopel, welche von den Türken mit den modernsten Krupp­kanonen ausstaffiert sind und die Belagerer in respektvoller Ferne halten.

zu dem Schlüsse, daß Oesterreich-Ungarn mit dem Balkanbund leben müsse. Dies wäre die Rettung des Friedens.

Wien, 29. Okt. lieber die möglichen politischen Folgen und überraschenden kriegerischen Ereignisse auf dem Balkan äußern sich eine Anzahl Blätter in bemerkenswerter Weise. Da»Fremden­blatt" stellt fest, daß di« letzten Tage Aeußerungen von berufener Sen«, wie in der Wochenrundschau derRorddeuffcheu Allgem. Zeitung" und der Rede Poincarss brachten, worin die gleichen Prinzipien für die Erhaltung des Frieden« in Europa normiert seien. Vielen heftigen Tadel, so fährt da»Fremdenblatt" fort, erfuhr in der letzten Zett der Grundsatz des Statusquo. Man er­blickte darin ein Auskunftsmittel der Diplomatie em über di« augenblicklichen Schwierigkeiten hinweg zu kommen und einen Be­helf zur Beseittgung der momentanen Verlegenheiten. Allein eine solch« beschränkte Bedeutung darf dem Grundsatz der Erhaltung der Statusquo eicht zugeschrieben werden. E, gibt auf der Balkan-

holbinsel nicht nur Interessen der Balkanstaaten; sondern es exi­stieren dort auch ganz bedeutende wichtige Interessen der euro­päischen Großmächte und Rumäniens. Der ungestörte Fortbestand dieser europäischen Interessen auf dem Balkan bilden eben dee Statusquo, wofür ganz Europa eintritt. Bei aller Sympathie welche sich die Balkanstaaten besonders durch ihr mannhaftes tap­feres Auftreten im Kriege mit Recht erwerben, dürfen und könne« nicht Europas Interessen auf dem Balkan vergessen werden. Er­freulich ist die Tatsache, daß die volle Einmütigkeit der Großmächte in dieser Beziehung zutage tritt, und daß alle Mächte an diesem Grundsatz festhalten.

Paris, 29. Ott. Aus wohlunterrichteter Londoner Quell« will das Echo de Paris wissen, daß Oesterreich-Ungarn mit Deutsch­lands Unterstützung folgeilde Lösung der Balkanftisis verfolgt; frstens, Konstantinopel und Thrazien verbleiben der Türkei, weitens, die Balkanstaaten sowie Oesterreich-Ungarn erhalten territoriale Entschädigungen. Drittens, zur Vermri^mg von Reibungssächen soll eine internationale Balkanzoae geschaffen werden.

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Sofia, 29. Ott. Da diebulgarische Armeeleitung erfahren hat, daß Adrianopel ungenügend mit Lebensmittel versehen ist und da sie schwere Verluste, die eine Erstürmung Hervorrufen würde, vermeiden will, scheint sie vorläufig die Absicht der Er­stürmung fallen gelassen zu haben und eine planmäßige Belage­rung bezw. Aushungerung der Festung zu beabsichtigen.

A t h e n, 29. Okt. Nach einem Scharmützel im Engpaß Tripo- tamos bei Werria (Karaferia) zogen sich die Türken unter Zurück­lassung von fünf Proviantwagen zurück. Die Griechen setzen ihren Vormarsch fort.

Sofia, 29. Okt. Da« Hauptquartier beschloß, keine neuen MKriegskorrespondenten mehr zuzulassen.

| Frankfurt a. M., 28. Okt. DerFranffurter Zeitung" wird aus Belgrad gemeldet; Die Nachricht, daß der russische Kaiser .den König von Serbien zu den militärischen Erfolgen beglück­wünscht habe, bestätigt sich und ruft hier große Begeisterung hervor.

Belgrad, 28. Okt. Der Belgrader Magistrat gab Auf­trag, das seinerzeit vom Prinzen Eugen von Savoyen in Belgrad errichtete Wohnhaus zu zerstören, damit jede Spur der damaligen Besetzung Belgrads durch Oesterreich beseitigt werde.

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Dsutschss Reich-

V-; Di« Mainkanalisierung. München, 29. Okt. In der Kam­mer der Reichsräte beschäftigte sich das Haus mit einer Nachtrags­forderung der Regierung zur Kanalisierung des Mains von Hanau bis Asihaffenburg und zur Errichtung einer Umschlaganlage bei Leider. Insgesamt sind dazu notwendig 23% Millionen Mark; als erste Rate sind gefordert 3 Millionen. Prinz Ludwig berich­tete al» Berichterstatter über die Ausschußverhandlungen. Er sprach dabei seine Freude cns, datz die Kammer der Abgeordneten die Nachtragsforderung bereits einstimmig genehmigt habe. Auch begrüße er lebhaft den Beschluß der Abgeordnetenkammer, die Re­gierung zu ersuchen, die Frage der Mainkanalisierung über Aschaffenburg hinaus auf das energischste zu fördern. Seiner An­sicht nach solle sich diese Weiterkanalisierung bis nach Bamberg er­strecken. Die Frage der Beschleunigung der Mainkanalisierung hänge zusammen mit der der Einführung von Schiffahrtsabgaben auf dem Rhein. Würde der Main bis Bamberg hinauf kanali» fiert und der Rhein bis in den Bodensee schiffbar gemacht werden, so würden die Niederlande, wenn bis zum Beginn dieser Arbeiten die Einführung der Schiffahrtsabgaben noch nicht erfolgt sei, noch weniger als heute geneigt sein, der Einführung von Schiffahrts- abgaben zuzustimmen. Er selbst wünsche auch die Erbauung des Main-Werra-Kanals, der bei Bamberg dem Main angeschlossen werden soll. Er würde es bedauern, wenn man in Franken den Bestrebungen aus Südbayern, sich dem großen Rheinverkehr anzu- schlietzen, unfreundlich gegenüberstehen würde. Die Forderung wurde sodann einstimmig angenommen.

Erweiterung der Veteranenfursorge. Berlin, 29. Ott. Der nächste Reichsetat soll eine Erhöhung des Fonds zur Gewährung von Beihilfen an hielfsbedürftige Kriegsteilnehmer fordern. Die Erhöhung ist wiederum bestimmt, den Kreis der zu unterstützenden Veteranen zu erweitern.

Einspruchsversammlung gegen die ersten Enteignungen. Gnesen, 29. Okt. Im hiesigen Volkshause wurde die erste Protest­versammlung gegen die Anwendung des Enteignungsgesetzes ab­gehalten. Abg. Probst Kurzewski-Pokosch bemerkte, daß di« Rvchte der Polen in Preußen schon seit Einführung der Verfassung beschräntt worden seien. Oberpräsident v. Flottwell habe bereits Polen ausgekauft. Königliche Versprechungen, die den Polen ge­geben waren, seien gebrochen worden usw. Im Schlußwort führte Rechtsanwalt Karpinstt aus: Die polnischen Abgeordneten seien Vertreter der ganzen polnischen Nation. Wir sind eine Ration von 25 Millionen Köpfen und lassen uns nicht an die Wand drücken. Unsere Abgeordneten müssen sich mit den polnischen Ab­geordneten der Reichsduma und des Reichsrats zu einem Na­tionalrat zusammentun, und zwar in aller Oefsentlichkeit, um zu beraten, wie die Rechte der polnischen Nation zu verteidigen seien. ) Das sei ihr Recht und kein Landesverrat. Einstimmig wurde eine Entschließung angenommen.

Austritt au« der Landesttrche. Berlin, 29. Ott. In einem der größten Säle Berlins, in der Neuen Welt, wurde heute »bend