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1912.
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Marburg
Dieustag, 22. Oktober
bete für die Gesundheit der vier verbündeten Souveräne und des Kaisers von Rußland, dem Schutzherrn der orthodoxen Völler, sowie für den Erfolg der vier verbündeten Nationen gesprochen seien. Die Könige von Bulgarien und Serbien richten an ihre Untertanen Kriegsmanifeste, in denen sie die unerträgliche Lage ihrer Elaubensgenosien in der Türkei und die feindselige Haltung des montenegrinischen Regimes gegenüber den Christen schildern und die Eröffnung des heiligen Vefreiungslricges proklamieren. Auch der Sultan hat an seine Land- und Seestreitkräfte eine Proklamation gerichtet, in der er sie auffordert, tapfer zu kämpfen, dabei aber Ordnung und Disziplin zu halten und nicht ohne Grund Blut zu vergießen. Alle diese Erlasse haben natürlich, soweit es überhaupt noch möglich war, die Kriegsbegeisterung allenthalben auf den höchsten Punkt gebracht. Rach einer Blättermeldung aus Uesküb rief die Nachricht von dem endgültigen Bruch mit Bulgarien, Serbien und Griechenland unter den Albanesen eine unbeschreibliche Freude hervor. Die Zahl der Freiwilligen hat seitdem bedeutend zugenommen. Zn Athen find kretische Truppen eingetroffen, die begeistert empfangen wurden. Zm übrigen scheint es leider unabänderliche Tatsache zu sein, daß von bulgarischer Seite der Krieg als Religionskrieg behandelt werden wird. In dieser Richtung ist es bemerkenswert, daß mehrere russische Großfürstinnen, worunter sich auch die Töchter des Zaren befinden sollen, bulgarischen Offizieren Heiligenbilder gesandt haben. Die Popen haben für die Truppen besondere Gebete ausgearbeitet, in denen die Befreiung von Zargargosch (Konstanti-
chische Kriegsschiffe vor Tenedos erschienen.
P a r i s, 19. Okt. Die griechische Regierung hat den Machten notifiziert, daß von heute ab die Effektivblockade über die Küste des ottomanischen Reiches nach 29 Grad 22 Min. und 38 Grad 56 Min. nördlicher Breite und 20 Grad 50 Min. und 20 Grad 47 Min. östlicher Länge verhängt ist. Das fragliche Küstengebiet bildet den Eingang zur Bucht von Prevesa. *
Konstantinopel, 19. Okt. Die Abendblätter melden: Der Finanzminister habe mit der „Sette Publique« ein Abkommen auf Gewährung eines Vorschusses von 150 000 Pfund abgeschlossen. Nach „Alemdar" boten die First Nationalbank, di» • National City Bank, sowie die Firmen Z. P. Morgan & Co., Kuhn, Löb & Co. der Türkei eine Anleihe von 250 Millionen Pfunden.
Konstantinopel, 20. Okt. Die Behörden von Ueskub j beschlagnahmten Papiere des bulgarischen Komitees, aus denen ! hervorgeht, daß das Komitee innere Unruhen in der Türkei während des Krieges vorbereitet. Mehrere Vulgaren find verhaftet worden.
nopel) vom Himmel erfleht wird. Der russische General Rennenkamp, der sich int russisch-japanischen Kriege besonders auszeichnete, meldete sich als Freiwilliger.
Die Feindseligkeiten. !
* Fürst Lichnomsky, der neue B-tschafter in London.
Der anstelle des verstorbenen Freiherrn v. Marschall zum Botschafter in London ernannte Fürst Lichnowsky ist in Berlin eingetroffen, um vor Uebernahme seines verantwort! ca)en Amtes mit dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen zu konferieren. Unser Bild stellt die neueste Aufnahme dar.
Konstantinopel, 20. Okt. Das Pressebüro teilt über die Lagen von Tuzi mit: Tuzi ist ein kleines Dorf, entblößt von allen Verkehrsmitteln und unbefestigt. Es beherbergt nur eine Kompagnie. Die Montenegriner griffen die Kompagnie in großer Zahl an. Eine zweite Kompagnie, die mit acht alten Kanonen herbeigeeilt war, wurde in verräterischer Weise von revoltierenden Malifioren angegriffen. Die beiden Majore, die die Kompagnien befehligten, und eine Anzahl türkischer Soldaten wurden getötet, die anderen zogen sich in Ordnung über Helm zurück. Der Vorfall, den die Montenegriner als eine große Schlacht darstellen, ist ein gewöhnliches Gefecht. Der Umstand, daß die kleine Garnison fünf Tage lang die überlegenen montenegrinischen Streitkräfte in Schach hielt, bedeutet einen militärischen Erfolg der Türken. Die Montenegriner können nicht über Tuzi hinaus vorrücken.
Podgoritza,19. Okt. -Sahim Bey, der sich in Plawa auf- hielt, und mit 2000 Arnauten nach Verana eilte, um es zurück- zueröbern, fiel gestern in einen montenegrinischen Hinterhalt der nördlichen Kolonne. Die Truppen wurden nach einem verzweifelten Kampfe fast vollständig aufgerieben. Sahim und 280 Man« wurden gefangen und nach Podgoritza geschafft.
Sofia, 20. Okt. Die bulgarischen Truppen besetzten um 5 Uhr nachmittags die beiden Ufer des Maritz bei Mustafa Pascha und zogen in die Stadt ein, wo sie große Mengen Lebensmittel und Futter vorfanden. Wie weiter gemeldet wird, nahmen die Türken in den Dörfern bulgarische Notabeln gefangen, für welche sie Lösegeld verlangen. Zn den Dörfern Batschevo, Sakurada, Dolno-Traglischte und Kaza-Pazlog wurden über 400 bulgarische Dauern geschlagen und mißhandelt. Das Dorf Malkotschlaw wurde von den Türken während ihres Rückzuges angezündet.
Sofia, 19. Ott. Die Truppen der macedonischen Armee I fRolA
vberschritten die Grenze und nahmen nach einem Kampfe Zarewo I vi wf»
Selo Eorna und Dschuma. Die Rhodopetruppen überschritten • Vom Kaiser. Hamburg, 19. Ott. Der Kaiset wohnte heute gleichfalls die Grenze unb rücken auf türkischem Gebiet vor. Das | vormittag der Feier der Einweihung der wiedererstandene«.
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; Das KohlenMdikat.
Mit lebhafter Befriedigung ^at man in den weitesten Kreisen I ibes deutschen Volkes Kenntnis davon genommen, daß Handels- Minister Dr. Sydow sich entschloßen hat, von einer Erneuerung des zwischen dem preußischen Fiskus und dem Rheinisch-westfalischen Kohlensyndikat bestehenden Verkaufsabkommens Abstand zu nehmen. Mit dem Ablauf dieses Jahres wird also das Abkommen erlöschen und - die fiskalischen Bergwerke werden die von dem Kohlensyndikat beschlossene allgemeine Erhöhung der Richtpreise nicht mitmachen; ja sie gewinnen die volle Freiheit der Preis- I festsetzung wieder und können auf das private wie aus das ofsent- I liche Wirtschaftsleben die Rücksicht üben, die durch das allgemeine I .Interesse gefordert wird. Wie sich von selbst verstand, hat das 'Kohlensyndikat den Versuch gemacht, den Beschluß auf abermalige I Preiserhöhung dem großen Publikum möglichst süß einzugeben 1 und von einer Politik „der mittleren Linie" gesprochen d. h. also 'den Eindruck zu erwecken gesucht, daß der Beschluß allen berech- I 'tigten Interessen billige Rechnung trage. In Wahrheit hatte man von einer mittleren Linie etwa sprechen können, wenn das Kohlen- I syndikat die selbstsüchtigen Wünsche nach einer Preiserhöhung und I ;bte wahrhaftig nicht unbeträchtlichen Momente, die für eine I Herabsetzung sprachen, gegenseitig ausgeglichen hätte. Daß aber I 'eine immerhin namhafte Preiserhöhung, die nicht bloß die In- I 'buftrie sondern, und zwar unmittelbar nahezu, die Gesamtheit I ,des deutschen Volkes trifft, als Politik der mittleren Linie bezeichnet wird, das sieht fast wie ein schlechter Scherz aus. Der I preußische Fiskus, dem man — man weiß nicht recht, woher die »falsche Meldung stammte — hatte unterschieben wollen, daß die Anregung zu der Preiserhöhung von ihm ausgehe, hat mit wohlüberlegtem Entschluß das Tafeltuch zwischen sich und dem Kohlensyndikat entzweigeschnitten und dadurch bekundet, daß er die un- I geheuer bedeutsame nationale Funttion, die in der Förderung der I 'Kohlenschütze der deutschen Erde ruht, anders und höher ausjatzt als das Kohlensyndikat.
Und hierin liegt die grundsätzliche Bedeutung der ganzen Frage, die nicht hock) genug veranschlagt werden kann. Es wrrd zu gunsten der Syndikate, Kartelle, Ringe, und wie diese neuzeit- lichen Schöpfungen alle heißen, immer und immer wieder geltend gemacht, daß sie einen wohltätigen Regulator bildeten, daß ste schädliche Konkurrenzkämpfe, unwirtschaftliche Ueberproduktton und willkürliche Preisfestsetzungen nach oben und nach unten ver- | hinderten, und es ist ja auch nicht zu verkennen, daß fie in diesem Sinne ein Moment der Stabilität sind und manche Erschütterungen unseres Wirtschaftslebens vermeiden, die von unerwünschten Wirkungen auch aus die Allgemeinheit sein müßten. Aber es kommt doch nicht von ungefähr, daß tn dem Mutter- und Muster- land der Syndikats- und Kartellbildungen, in den Vereinigten Staaten von Amerika, die Frage einer Bekämpfung dieser Kar- tellicrungen mit unwiderstehlicher Gewalt sich in den Mittelpunkt des gesamten politischen Lebens gedrängt hat. Es ist eben allmählich dahin gekommen, daß diese Gesellschaften mit ihrer ungeheuren wirtschaftlichen Macht die eigentlichen Herren der Länder und der Völker werden, deren Omnipotenz gegenüber die staatsrechtlichen Formen der Regierung wie die Persönlichkeiten und die Parteirichtungen der formell Regierenden schon fast gar keine Rolle mehr spielen. Und dabei wird eben doch immer und immer wieder die Erfahrung gemacht, daß die Träger dieser riesigen Privatmonopole mit dem fadenscheinigen Mäntelchen des allgemeinen Interesses eine ziemlich rücksichtslose egoistische Preispolitik nur sehr notbürfig verhüllen. Es ist und bleibt ein großes Verdienst des preußischen Handelsministers, daß er durch seine entschlossene Absage dieses Mäntelchen vollends entfernt und so vor aller Welt konstatiert hat, daß die für die Preisfestsetzung bestimmenden Motive des Kohlensyndikats vom Standpuntt des öffentlichen Interesses nicht haltbar sind. Und das ist umso bedeutungsvoller, als es sich hier wirklich nicht um eine vereinzelte Erscheinung, sondern geradezu um den hervorstechendsten Zug unseres Wirtschaftslebens handelt. - ......
Der Krieg auf dem BalkaE
Wie immer zu Kriegszeiten, gehen die widersprechendsten Meldungen durch die Preffe, die alle das eine gemeinsam haben, daß ste tendenziös gefärbt find. Objettiv gehaltene Nachrichten werden von den kriegführenden Parteien nicht abgelasien. Ueber fünfzig ausländische Kriegskorrespondenten z. B. werden jetzt noch in Sofia festgehalten. Sie sollen erst, nachdem der allgemeine Vormarsch vollzogen fein wird, nach dem Kriegsschauplatz abgehen. Man kann hoffen, daß wenigstens dann genaue Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangen.
Unterdessen begeistern sich die einzelnen Staaten durch Manifeste, Betrete usw. König Georg richtete an die verbündeten Fürsten ein Telegramm, in dem es heißt: In dem Augenblick, wo die griechische Armee die Grenze überschreitet, flehen Gebete von vier Völkern den Segen des Allmächtigen auf den neuen Kreuzzug herab. Volk, eher und der König Griechenlands richten an die verbündeten Fürsten, Völker und Heere ihren brüderlichen Gruß. Ihre Blicke auf das Kreuz gerichtet, erinnern sie sich de, Wahlspruchs: In hoc signo vinces F Ministerpräsident Geschow richtete an die Ministerpräsidenten Griechenland, Serbiens und Montenegros Telegramme, ja denen er ihnen «steift, daß am
nm oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
und den Beilagen: „Nach Feierabend«, „Fürs Haus« und „Landwirtschaftliche Beilage«.
Vormittag für den Sieg über den gemeinsamen Feind Bittgottes- I auf Adrianopel marschierende Armeekorps warf den Feind «t dl-nft- «Walten, »am Mek-polit-n von 6on« S-. | de. -MM «* -««- "» 7iech2g« Ä »ertrttf Me
griechische Armee die Türken aus ihren sehr starken Stellungen vor Elafiona und nahm die Stadt ein. Der Kronprinz führte per- sönlich das Kommando. Sein Sohn empfing die Feuertaufe. Die griechischen Verluste sind unbedeutend.
Saloniki, 19. Ott. Die Serben erlitten bei Podujew» schwere Verluste. Ein Bataillon wurde, fast aufgerieben. Die Türken verfolgten die Serben bis weit auf serbisches Gebiet. Auch in der Gegend von Prepolac wurden die serbischen Truppen unter empfindlichen Verlusten zurückgeworfen. Von d« griechischen Grenze Md hier die ersten Verwundeten eingetroffen,
Belgrad, 19. Ott. Amtlichen Berichten zufolge begann heute früh um 6 Uhr der Vormarsch der serbischen Armee anbei ganzen serbisch-türkischen Grenze. — Die Konstantinopeler Meldungen über das Vordringen der türkischen Truppen aus serbisch«« Gebiet werden von amtlicher serbischer Stelle als phantastische Er<i findung bezeichnet. Seit der bei Ristowac und Prepolac noch vor der Kriegserklärung zurückgewiesenen Grenzeinfälle hätten die türkischen Truppen serbisches Gebiet nicht mehr betreten können.
Konstantinopel, 20. Ott. Nach einer amtlichen Mel- düng stieß die türkische Flotte auf der Höhe von Warna im Schwarzen Meer auf bulgarische Torpedoboote und zwang sie, sich in den Hafen zurückzuziehen. Nach einer weiteren Meldung erschien heute vormittag die türkische Flotte vor Warna und bes<m>st die Stadt. — Wie die Pforte amtlich bekannt gibt, sind sechs gtle»
Politische Umschau.
" Die Tagung der Zungliberalen.
Am Samstag und Sonntag ging in Frankfutt a. M. die 14. ordentliche Vertreterversammlung des Reichsverbandes der Vereine der nationalliberalen Jugend unter starker Beteiligung vor sich. Am Freitag mar bereits eine Sitzung des Eefamtvorstandes den Verhandlungen voraus- gcgangen. Am Samstag vormittag wurden in einer nichtöffentlichen Sitzung die geschäftlichen Angelegenheiten des Verbandes erledigt und dabei folgende Entschließung angenommen: „Der Reichsverband der Der, eine der nationalliberalen Jugend erklärt, daß die Gründung des allnationalliberalen Reichsverbandes mit dem auf dem Berliner Vertteter- tag der nationalliberalen Partei vom 12. Mai 1912 beschloßenen Organi-^ sationsstatut und dem durch dieses seitens des Vertretertages angestrebten Ausgleiche in schroffem Widerspruch steht." Am nachmittag desselben Tages sprach der Verbandsvorsitzende Rechtsanwalt Dr. Kauffmann- Stuttgart über die politische Lage und die Aufgaben der Gegenwart. Von den Fragen der inneren Polittk ausgehend, wobei der Referent die Forderung aufstellte, daß die nationalliberale Partei in aller Einigkeit die bisherige Polittk des Führers Baffermann fortsetzen müsse, kam der Redner nach kurzer Erörterung der Reichsfinanzfragen und des Petroleum- Monopols zur Besprechung auswärtiger Fragen. Mit großer Entschiedenheit trat Dr. Kaussmann dafür ein, daß es für die wirtschaftliche Zukunft unseres Volkes notwendig fei, neue Gebiete zu erschließen, allerdings nicht auf dem Wege von Eroberungskriegen. Eine einstimmig angenommene Resolutton sprach sich ebenfalls für eine Stärkung der deutschen Weltmachtstellung aus und verlangt, daß die Rüstungen so gestaltet werden, daß Deutschland die Möglichkeit hat, feine imperialistischen Gedanken gegenüber allen Feinden durchzusetzen. Der zweite Verhandlungstag führte zu einer grundsätzlichen Erörterung der Beziehungen zwischen Liberalismus und Sozialismus. Eingeleitet wurde diese Erötterung durch ein Referat des Privatdozenten Dr. Stillich-Berlin, der in eingehender Weife Beweismaterial zu dem Satz beibrachte, daß der wichtigste Grund der gegensätzlichen Stellung von Liberalismus und Sozialismus auch im politischen Leben, von taktischen Erwägungen abgesehen, in den Aus- gangs- und Zielpunkten, sowie in der Weltanschauung der beiden Richtungen begründet liegen. In der Debatte, die sich hieran anschloß, fanden namentlich die Worte des Chefredakteurs Jung aus Köln lebhaften Widerhall in der Versammlung, da sie die Wege wiesen, auf denen der Liberalismus schreiten muß, um an den Sozialismus verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Neben der Behandlung dieser beiden Hauptftagen wurde noch eine Reihe politischer Dinge besprochen u. a. die Frage bet Fleischteuerung. Ein Antrag Hannover, der ein Zusammengehen bet liberalen Parteien bei der nächsten Landtagswahl herbeiführen will, fand ebenso einhellige Annahme als ein Krefelder Antrag, der fordert, daß die jungliberale Bewegung es sich angelegen fein laße, in die Kreise der Arbeiterschaft hineinzudringen. ii.
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