S3
Ler Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeile oder
1912.
Marburg
Mittwoch, 16. Oktober
mit oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und »Landwirtschaftliche Beilage".
Die „Oberheffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der (sonn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 Jl (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen JW8 243 und der Expedition (Markt 21) 2.00 <Jt frei ins Haus. (Für unver» langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. K. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
deren Raum 15 L, bet amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4, für ah Reklamen die Zeile 60 4- Bet Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Ver» bindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausge» schlossen. — Zahlungen im Postscheckverkehr — ohne Portokosten — unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
Erves Blatt.
Zu den Verhandlungen in Ouchy.
.* In dem Fatalismus, der alles, was geschieht und geschehen ftrww) als Kismet, d. h. als das von Allahs ewigem Willen unab- Laderlich „Zugeteilte" ansieht, liegt das Geheimnis der Stärke der Muselmanen wie das ihrer Schwäche. Dieser Fatalismus erfüllt den einzelnen türkischen Soldaten mit jener Todesverachtung, die ihn auch heute noch zu einem der besten Soldaten der Welt macht, zugleich aber bildet er vielleicht den Schlüssel zum Verständnis für eine anscheinend so unvernünftige Haltung, wie sie die Türkei in den Friedensverhandlungen mit Italien beobachtet. Man mag die Dinge ansehen wie man will, daß die Schicksalsstunde für die europäische Türkei geschlagen hat, ist doch nicht mehr zu bezweifeln und zu bestreiten; Schicksalsstunde natürlich nicht im Sinne von „Stunde des Untergangs", wohl aber im Sinne der Entscheidung darüber, ob der Untergang noch abgewendet werden kann oder nicht. Des weiteren ist sonnenklar, daß die afrikanischen Provinzen für die Türkei endgültig verloren sind, und wenn man trotzdem verstand, daß die Türkei sich aufs äußerste sträubte, diesem Verluste an Gebiet und Prestige unmittelbar oder mittelbar zuzustimmen, so erschien es angesichts der unabänderlichen Notwendigkeit geradezu als eine Wohltat für die Leiter der ottomanifchen Politik, daß die Lage in der europäischen Türkei ihren Entschluß, sich Italien gegenüber mit dem Unvermeidlichen abzufinden, vor Gott und der Welt rechtfertigen mußte. Schon um den gleichzeitigen Ansturm der Balkanvölker abzuwehren, wird die Türkei all ihre Kraft zusammennehmen muffen; dauert daneben der Krieg mit Italien noch fort, so ist sie in einer ganz unmöglichen Situation, ja man kann sagen, mit Sicherheit verloren.
Wenn demgegenüber geltend gemacht wird, daß die Türkei in dem Augenblick, wo ihr Heil einzig und allein in ihrer militärischen Leistungsfähigkeit liege, nicht einen Entschluß faffen könne, der überaus nachteilig auf die Stimmung des Heeres und insbesondere des Offizierkorps wirken müffe, so erscheint dieser Einwand wenig stichhaltig. Natürlich handelt es sich nur um die Wahl zwischen zwei Uebeln, aber das Uebel, das unmittelbar über die Türkei hereinbrechen muß, wenn sie sich nicht entschließt, sofort ihren Frieden mit Italien zu machen, ist so unendlich viel gefährlicher. als die Verstimmung der unheilvollen „Politiker" in der Armee jemals werden könnte. Italien hält das Geschwader des Admirals Viale zur Abfahrt in das Aegäifche Meer bereit und nach allem, was man hört, ist nicht daran zu zweifeln, daß es, wenn die Türkei am heutigen Dienstag nicht nachgibt, unverzüglich zum Angriff auf Kleinasien schreiten wird. Gerade jetzt kommt die Meldung, daß die Türkei 120 anatolische Bataillone nach Konstantinopel geschickt hat, und es liegt ja auch auf der Hand, daß sie auf dem europäischen Kriegsschauplatz jeden Mann und jeden Groschen brauchen wird. Kleinasien ist also von Truppen entblößt und würde einem italienischen Angriff keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen können. Das Ergebnis aber wäre, daß die Türkei, nachdem' sie ihre afrikanischen Provinzen verloren hat, sich in einen Verzweiflungskampf um ihren europäischen Besitz verwickelt sieht und gleichzeitig nun noch in Asien angegriffen wird. Zugleich würde ihr die Fortdauer des Kriegszustandes mit Italien die Verwendung ihrer Keinen Kriegsflotte im Kampfe gegen die Valkanvölker, in welchem sie immerhin eine ernstliche Nolle spielen könnte, unmöglich machen. Die Lage der Türkei diesen fünf Gegnern gegenüber wäre somit einfach hoffnungslos; einen anderen Ausdruck gibt es nicht.
(Nachdruck verboten.)
„für Euch".
Skizze von Ernst Georgy.
„Der Braten ist schon wieder zähe! Die Suppe nicht zu genießen! Das Kompott zu sauer! Du bist eine famose Hausfrau, das muß man sagen!" Mit verletzendem Hohne stieß Wilhelm Wedel die Worte heraus, ohne die erbleichende Gattin eines Blickes zu würdige«»..
Eine feine Zornröte färbte das ernste Antlitz der ältesten Tochter. „Du bist eine Stunde später gekommen als sonst, Vater. Berta war ganz verzweifelt in der Küche."
„Mit dir spricht kein Mensch. Du hast zu schweigen!" sagte er ver- biffen.
„Ich kann es nicht mehr mit anhören, wie du Mutter immer und ewig mit unverdienten Vorwürfen Lberhäufft."
„Du sollst den Mund halten, verstanden?"
Das schlanke Mädchen schnellte vom Stuhle empor. „Ich bin dreißig Jahre alt und selbständig, Vater. — Vergiß das nicht . . .“
„Aber, Väterchen hat ganz recht, Frida. Das Esten ist heute wirklich schlecht," begütigte die Mutter angstvoll, „morgen wird es wieder «ach deinem Geschmack sein, Wilhelm."
„Das erwarte ich. Sonst speise ich in meinem Klub, den Fraß halte ich mit meinem kranken Magen nicht aus. Ich . . ich verlange, daß man «ehr Rücksicht auf meinen leidenden Zustand nimmt," murrte er grollend.
Jetzt ttaf den blühenden Mann ein so namenlos erstaunter Blick seiner Frau, daß er ihn bemerkte, trotzdem er anscheinend auf seinen Teller sah. Trotzdem entgegnete sie geduldig: „Gewiß, Wilhelm, rege dich bloß nicht auf. — Frida, setz' dich doch. Berta bringt sofort den Kaffee."
Seufzend nahm die Tochter ihren Platz wieder ein. Sie war an diese beständigen Nörgeleien und Szenen gewöhnt und verlor nur noch selten «die Geduld. — Das Mädchen kam in das Speisezimmer, räumte den Tisch ab, kehrte mit einem Tablett zurück und reichte den Kaffe, der I .bereits in di« Tasten eingeschenkt war. Sein »Ürziger Duft verbreitete
Ist dem aber so, dann bedeutet die Zähigkeit des Widerstandes, den die Türkei in Ouchy noch in letzter Stunde leistet, ein psychologisches Rätsel, für welches in der Tat nur jener Fatalismus einen Schlüffe! bietet. Von diesem Standpunkt aus, der die Bedeutung menschlicher Entschlüffe für die Gestaltung des Schicksals von Menschen und Völkern überhaupt ausschaltet, läßt sich ja in der Tat auch die äußerste Verblendung gegenüber den klaren und brennenden Forderungen des Augenblicks verstehen und erklären. Stehen also die türkischen Staatsmänner, auf denen heute die größte Verantwortung lastet, die sich nur immer denken läßt, noch auf jenem alten Moslemftandpunkt des Kismet, so braucht man allerdings nicht weiter nach einer Erklärung zu suchen; aber damit ist dann auch der europäischen Diplomatie die Möglichkeit genommen, irgend etwas zugunsten der Türkei zu tun, weil man eben keinen gemeinsamen Boden für irgendeine Verständigung mehr hat.
-----*-----
Der Balkanlrieg.
Was seit Tagen erwartet wurde, ist nun eingetreten. Nachdem zunächst nur die Montenegriner mit den Türken ihre Waffen gemeffen haben, ist nun auch den Serben Gelegenheit gegeben worden, den Osmanen im Kampfe entgegenzutreten. Wie bereits kurz gemeldet, haben die Türken bei dem kleinen Grenzorte Risto- watz die serbische Grenze überschritten und sind mit Truppen König Peters zusammengetroffen. Ueber den Ausgang der Kämpfe verlautet noch nichts Genaueres, die wenigen vorliegenden Nachrichten aber widersprechen sich. Es scheint übrigens, als ob es diesmal genau so gehen sollte, wie im türkisch-italienischen Kriege. Jede der beiden kämpfenden Parteien posaunt große Siegesberichte in die Welt und wenn dann Genaueres bekannt wird, handelt es sich um harmlose Dorpostengefechte oder gar um tatsächliche Niederlagen. Man wird jedenfalls gut tun, die verschiedenen Nachrichten recht vorsichtig aufzunehmen.
Nachdem nun Montenegro und (Serinen mit der Türkei im Kampfe stehen, scheinen jetzt auch die Griechen und die Bulgaren ernst machen zu wollen. Beide haben die Pforte recht kategorische Noten gerichtet, die den Ausbruch offener Feindseligkeiten stündlich erwarten laffen. Dann ist eben doch das eingetreten, was die Mächte — ein Berliner Blatt nennt sie die europäischen Ohnmächte — angeblich verhindern wollten: Der Balkan steht in Brand und Europa kann zusehen, wie es ihn eindämmt alias „lokalisiert", damit er nicht auf andere Staaten Lbergreift und trotz aller Friedensbestrebungen den lang befürchteten Weltkrieg entfacht.
Das Vorgehen der Balkanstaaten.
Sofia, 14. Okt. („Agence Bulgare.") Die Regierung übermittelte der türkischen Gesandtschaft eine Note. Sie zählt radikale Reformen auf, welche allein das elende Los der christlichen Bevölkerung wirklich beffern könnten: Autonomie und Verwaltung der Provinzen durch belgische oder schweizer Eeneralgouverneure, aus Wahlen hervorgegangene Provinziallandtage, Landesgendarmerie, Milizen und freien Unterricht. Die Ausführung der Reformen fei einem höheren Rat anzuvertrauen, der aus Christen und Muselmanen in gleicher Zahl besteht und der unter Aufsicht der Botschafter der Großmächte und der Gesandten der 4 Balkanstaaten in Konstantinopel steht. Die Pforte wird aufgcfordert, zu erklären, daß sie die Forderungen annimmt, indem sic sich verpflichtet, die in der Note und einer beigefügten Erganzungsnote enthaltenen Reformen binnen 6 Monaten durchzuführen. Außerdem soll die Pforte als Beweis ihrer Zustimmung ihr Mobilisationsdekret rückgängig machen. Unmittelbar nach Uebermitte-
sich anreizend. Jedoch der Hausherr hatte kaum den ersten Schluck getrunken, da ergriff er die Taste, goß den heißen braunen Trank über den Tisch und schleuderte das Gefäß wütend zu Boden, wo es klirrend zerbrach. „Das trinkt gefälligst allein. Ich geh in das Cafe," schrie er und erhob sich jäh.
„Das ist ein Benehmen wie in einer Bauernschenke!" brach Frida auflodernd aus und stand gleichfalls auf.
„Aber Kind, schweige, du weißt doch, wie nervös Väterchen ist," flehte die Mutter und schaute bang auf den Gatten, der blind auf die Tochter losstürzte und mit erhobenem Arm vor ihr stehen blieb.
Furchtlos schaute diese ihm entgegen. „Wage es." rief sie totenbleich, „wage es nur! Es würde das Maß nur voll machen. Aber das erkläre ich dir, Vater, dann gehe nicht nur aus dem Hause, sondern ich zwinge Mutter, mit mir zu gehen, um sie deinen unerträglichen Launen und deiner Tyrannei zu entziehen."
„Frida, liebe, gute Frida, sei bloß still."
„Nein, Mutter, ich kann nicht mehr still sein, unmöglich. Meine Kraft ist zu Ende. Ich halte dieses Leben neben der schweren Berufsarbeit nicht mehr aus. Ich gehe ja zugrunde! Und du auch, ich ... . ich verstehe deine ewige Milde nicht. Du bist doch nicht Vaters Sklavin" sagte Frida durchdringend, die hünenhafte Gestalt des alten Herrn im Auge behaltend.
Dieser blickte sie zweifelnd einige Sekunden an, wandte sich dann zögernd ab und verließ das Zimmer, die Tur hinter sich knallend ins Schloß werfend.
Schwer seufzend hatte sich Frau Wedel gebückt, um die Scherben aufzusammeln. „Wozu dies alles nun?" sagte sie. „Du anderst ihn doch nicht mehr. Dazu ist es zu spät!"
„Weil du seine Launen, seine Tyrannei großgezüchtet hast mit deiner unglaublichen Verwöhnung," meinte Frida bitter. „Mir und allen Menschen bist du unverständlich. Wie konntest du dulden, daß er dir und uns das Haus zur Hölle machte? Nur weil du immer zu allem still warst, konnte er sich derart entwickeln! — Das ist ein Leben!"
Ein schwerer, langer Blick traf die Tochter, dann sprach die Mutter leise: „Nun roiz£ et wieder wochenlang schweigen und keine Silbe sprechen."
lung der Note übergab der Minister des Aeußern dem österreichisch, ungarischen und dem russischen Gesandten die Antwort auf ihre gemeinsame Note. In dieser Antwort drückt die bulgarische Re. gierung, die mit den Regierungen von Griechenland und Serbien einig ist, ihren Dank für das Jntereffe aus, das die Mächte zu- gunsten der Bevölkerung der europäischen Türkei zeigten.
Athen, 14. Okt. Die Regierung beauftragte ihren Gesandten in Konstantinopel, der Pforte eine Note zu überreichen, welche die Freigabe der beschlagnahmten griechischen Handelsschiffe und die Entschädigung der Eigentümer innerhalb 24 Stunden fordert.
Athen, 14. Okt. Die Kammer trat wieder zu. sammen. Die kretischen Deputierten waren ebenfalls anwesend. Ministerpräsident Vent. selos erklärte formell, daß künftighin nur noch eine einzige Kammer für Kreta und Griechenland bestehe.
Die Feindseligkeiten.
Konstantinopel, 14. Okt. Die Truppentransporte dauern rastlos an. Unter großer Begeisterung marschieren Truppen und Reservisten durch die Straßen. Die patriotischen Versammlungen in den Provinzen dauern an. — Wie eine Lokalkorrespondenz meldet, haben die Montenegriner die muselmanische Gemeinde Tranja abgebrannt. Die Türken setzen ihren Marsch fort. Man erfährt heute aus Skutari von Kämpfen in der Umgebung von Tuzi und Tranja.
London, 14. Okt. Das Reutersche Büro meldet aus Pod- goritza: Nach einem Telegramm des Generals Wukotitsch haben seine Truppen gestern die Höhe Visitor bei Eusstnje besetzt. Die Türken, die heftigen Widerstand leisteten, erlitten beträchtliche Verluste. Gestern besetzten die Montenegriner zwei weitere Stellungen der Türken. Die Verluste der Montenegriner seit dem Beginn des Krieges betragen 256 Tote und 800 Verwundete.
Sofia, 14. Okt. Bei Palanka kam es zwischen bulgarischen und türkischen Grenzwachen zu Kämpfen; die Verluste auf beiden Seiten sind unbekannt. Eine bulgarische Bande hat die Eisenbahnbrücke bei Uesküb in die Luft gesprengt.
Saloniki, 14. Okt. Die Albanesen erneuern ihre Bitten, ihnen Waffen auszusolgen. Selbst alte Leute ziehen in den Krieg. Aus Prischtina wird gemeldet, daß die Albanesen Vorbereitungen treffen, um gegen die Grenze zu ziehen, wo die Serben Befestigungen auffiihren. Ueberall an der serbischen Grenze sind Maßnahmen für den Beginn der Feindseligkeiten getroffen. Neben Truppen bemerkt man zahlreiche Abteilungen von Freiwilligen. In Saloniki treffen fortgesetzt Kriegsmaterial und Truppentransporte ein.
Das Verhalten Rußlands.
Petersburg, 14. Okt. Verschiedene Auslandsblätter fahren fort, Nachrichten über angebliche Kriegsvorbereitungen Rußlands zu bringen, wobei als Beweis auf die Mitte September vorgenommene Probemobilisierung einiger Truppenteile des Westgebietes hingewiesen wird. Die Petersburger Telegraphenagentur ist ermächtigt, demgegenüber kategorisch zu erklären, daß sämtliche derartigen Mitteilungen jeglicher Begründung entbehren, die augenscheinlich bezwecken, die aufgeregte Stimmung der öffentlichen Meinung zu verschärfen. Die Mobilisierung gehört, wie bereits am 30. September erklärt worden ist, zu den Maßnahmen, die sich in den verschiedenen Militärbezirken periodisch wiederholen. Die mit der Mobilisierung verbundenen Maßnahmen wurden bereits am 8. Oktober abgeändert, wobei olle ein-
Frida erhob sich. „Möglich. Auch das wäre nichts Neues. Er hat doch erst vor kurzem zwei Monate lang nut „weiß nicht" geantwortet und nie das Wott an uns gerichtet". Ich schäme mich vor meinen Freundinnen, Mutter. Ich halte es auch nicht mehr aus. Einmal muß er Ernst fthen. Vielleicht kuriert ihn das eher als deine Güte. Betrachte es nicht als Egoismus, wenn ich auf einige Zeit zu Tieles ziehe. Sie haben gerade ein Zimmer frei, und die Lage der Pension, unmittelbar neben der Schule macht meinen Schritt vor den Leuten begreiflich. — Du verstehst mich doch, Mütterchen?"
„Warum sollte ich dich nicht verstehen, Kind?"
„Komm mit mir, mein Gehalt und deine paar Zinsen reichen gut für uns beide! Ueberlege es dir nicht erst lange, Mutter! Komm mit! . . . Und paß auf, et holt uns zurück als gebändigter Widerspenstiger!" drängte die Tochter und beobachtete die Mutter scharf. — Dies« war ans Fenster getreten und schaute grübelnd auf den Hof hinab. Ihr einst so schönes Antlitz zeigte Linien tiefen Leides.
Endlich murmelte sie kaum verständlich: „Nein, ich kann und bat; nicht! Ich muß schon bei ihm aushalten, jetzt, wo er alt und mürb« wird. Aber ich verstehe dich, Frida. Du arbeitest schwer und hast ft nicht viel vom Leben. Rette dir dein bißchen Jugend und Frieden!"
„Und ich soll dich in dieser — Hölle zutücklaffen?"
„Wenn du wie Aenne geheiratet hättest oder wie Paul Offizier wärst, bliebe ich auch allein. Das ist nun einmal nicht anbei», Elternlos!"
„Mutter, bu mußt Vater abgöttisch geliebt haben, um bei ihm ausgehalten zu haben."
Frau Webel deckte sorglich den Tisch ab und nahm die begaffen« Decke, um sie auszuwaschen, über den Arm. „Bei Tieles sind nette Ausländer und interessante Künstler im Hause, die dich auf andere Gedanken bringen werden. Ich freue mich, wenn du ein paar Wochen hinztehst. Packe dir deinen kleinen Koffer. Berta wird ihn nachher hintragen," sagte sie, ohne auf die letzte Frage einzugehen, und begab sich in di« Küche.---
Frida Wedel hatte ihre Ueberfiedlung in die Pension längst vollzogen. Die Damen Tiele freuten sich mit ihr und verschonten sie taktvoll Wit jeder Frage. St« nahmen die Freundin mR offenen Arm«