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und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
Marburg
Freitag, 11. Oktober
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47. Jahrz.
1912.
Zar Ferdiuand von Bulgarien.
der in dem Balkankrieg den Oberbefehl über die verbündeten Streitkräfte des Balkan-Vierbundes übernimmt.
Die Lage.
Konstantinopel, 9. Okt. Der Text der Note, die von dem montenegrinischen Geschäftsträger Plamenatz überreicht wurde, lautet: Ich bedaure, daß die montenegrinische Regierung vergeblich alle freundschaftlichen Mittel erschöpfte, um auf gütlichem Wege die zahlreichen Mißverständnisse und Konflikte mit der Türkei zu beseitigen, die sich ständig erneuern. Auf Ermächtigung des Königs, meines erhabenen Souveräns, habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz mitzuteilen, datz die montenegrinische Regierung von heute ab alle Beziehungen mit der Türkei abbricht und die Entscheidung den montenegrinischen Waffen zur Anerkennung ihrer Rechte und der seit Jahrhunderten mißachteten Rechte ihrer Brüder in der Türkei überläßt. Ich verlasse Konstantinopel. Die Regierung wird dem ottomanischen Vertreter in Cetinje seine Pässe übergeben.
Die Pforte befahl dem türkischen Geschäftsträger, ihr Archiv der deutschen Gesandtschaft zu übergeben und Cetinje zu verlassen. Eine halbamtliche Rote besagt, die Kriegserklärung Montenegros stehe im Widerspruch mit den Bestimmungen der Haager Konvention, da Montenegro nicht, ehe es die Waffen ergriffen habe, die Vermittelung einer dritten Macht angerufen habe. Andererseits spreche die Kriegserklärung von Mißverständnissen, was beweise, daß keine wirklich ernsten derartigen Gründe beständen, die einen Krieg rechtfertigten.
Paris, 9. Okt. Auf der bulgarischen Gesandtschaft waren bis nachmittags 3 Uhr noch keine Nachrichten von einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Bulgarien eingetroffen. Auch auf der türkischen Botschaft lag noch keine diesbezügliche Meldung vor,' überhaupt ist die türkische Botschaft seit heute nacht ohne jegliche Nachricht, da die Telegraphen- iinien über den Balkan bereits abgebrochen sind. Alle Telegramme müssen über Odessa geleitet werden und erleiden daher große Verspätungen. Aus Griechenland, Bulgarien und Serbien' werden nur noch unchiffrierte Telegramme nach Paris abgelassen.
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Erstes Blatt.
Zur Lage auf dem Balkan.
! A Btttzartig hat die vonseiten Montenegros erfolgte Kriegserklärung an die Türkei die Lage auf dem Balkan beleuchtet. Noch mühten sich die Kabinette der europäischen Großmächte ab, eine Formel zu finden für deren einmütige Friedensaktion bei den Dalkanstaaten und der Türkei, als man in Cetinje bereits beschlossen hatte, dem türkischen Gesandten seine Pässe zuzustellen und statt der diplomatischen Noten die Kanonen sprechen zu lassen. Und als am Dienstag die Geschäftsträger Oesterreich-Ungarns und Rußlands als die Mandatare Europas im Konak des Königs der „Schwarzen Berge" erschienen, um ernste Vorstellungen zu machen und die Forderung der Demobilisation zu erheben, antwortete man ihnen, daß sie um genau zwei Stunden z u spät tönten: Montenegros Kriegserklärung sei erfolgt. In den europäischen Hauptstädten wirkte diese Meldung zunächst wie eine Bombe. Aber dann suchte man sich in den Kabinetten Europas mit dem Spruche zu trösten, eine Kriegserklärung sei noch nicht der Krieg, noch nicht der tatsächliche Ausbruch der Feindseligkeiten, und es sei noch keineswegs ausgemacht, datz die übrigen Balkanstaaten dem Beispiele des kleinen Montenegro folgen würden. Heute sieht man bereits ein, auf welch schwacher Unterlage sich dieser Trost aufbaute. Man rechnet stündlich mit dem Eintreffen der Nachricht, daß Serbien, Bulgarien und Griechenland gleichfalls die Kriegserklärung erlassen haben. Die Mächte haben sich ja bet diesen drei Staaten von dem nun einmal beschlossenen letzten Schritte im Interesse des Friedens nicht abhalten lassen, aber auf einen Erfolg rechnet niemand mehr. Die Valkanstaaten haben sich umfangreiche Kriegskredite von ihren Parlamenten bewilligen lassen, Bulgarien' läßt bereits Kriegsproklamationen brücken, und tn Oesterreich-Ungarn — das ist das gewichtigste Moment in dem '^Nachrichtentrubel — hat der Ministerrat in einer nächtlicherweile tÄaetjailcitcn Sitzung dis Frage einer Nachtragsforderung für RüstungszweSe im Betrage von 420 Millionen Mark erörtert. Das ist die augenblickliche Lage der sogenannten Balkanfrage. An bc:r Ausruche des Krieges zwischen der Türkei und den Valkanstaaten zweifelt kaum noch jemand, aber was im Hintergründe dieser Frage lauert, weiß kein Mensch. Wer das aber wüßte! An sich kann uns die Frage, ob die Gesellschaft von Mausefallenhändlern vom Balkan einmal tüchtig die Jacke voll gehauen bekommt oder nicht, ganz gleichgültig fein, so sehr wir ibr das auch wünschen. Aber die Fragen: Wer steht hinter den Balkanstaaten? Die Interessen welcher Großmacht verfechten sie? Das ist es, was die Lage so ernst macht. Nicht umsonst beantwortet die Pariser Börse die Kriegserklärung der paar montenegrinischen Hammeldiebe mit einem gewaltigen Kurssturz. Es mag richtig sein, datz die Mächte der Entente in der Balkanpolitik verschiedene Ziele verfolgen, daß sie durchaus nicht einig sind und daß der Gegensatz Dreibund kontra Tripleentente, an den zu denken wir uns gewöhnt haben, diesmal nicht vorhanden ist. Die realen Interessen kreuzen ja oft künstliche Völkerkonstellationen, die zu einem anderen, besonderen Zwecke gegründet sind, und dennoch: die politische Lage ist eine so gespannte, daß die kleinste Erschütterung des Weltfriedens sich wie das Sandkörnchen am hohen Berge zu einem lawinenartigen Gebilde auswachsen kann. Hier und dort sitzen die Leute und beraten über den Frieden. Internationale und Weltkonferenzen tagen, um „alle Streitfragen zu lösen" und alle Gegensätze aus der Welt zu schaffen. Wir haben sogar einen Friedenspalast im Haag und wir erinnern uns, daß nicht nur das Ausland, sondern vor allem auch unsere eigenen deutschen Demokraten ihr eigenes Vaterland beschuldigten, daß es, wenn es nicht dem Rate der Friedenstanten folgen wolle, Kriegspolitik treibe. Und jetzt! Wem von allen Diplomaten ist es wohl eingefallen, auch nur einmal an das famose Haager Schiedsgericht zu appellieren!! — Es ruhe in Frieden.
Ziemlich unverhüllt wird Rußland als Störenfried auf dem Balkan betrachtet. Die gesamte österreichische Presse tut das. Die „Neue Freie Presse" schreibt: „König Nikolaus dürfte schwerlich bloß auf eigene Rechnung arbeiten. Die montenegrinische Kriegserklärung ist die Antwort des nichtoffiziellen Rußlands an das offizielle." Das „Extrablatt" schreibt, datz die russische Politik zwei Gesichter habe, eines für Europa und ein anderes für die panslawistische Welt. Der Krieg war beschlossen am Tage, da unter dem Patronat der russischen Balkanvertreter der Vierbund, Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland, zustande kam. Was seither geschah, war Spiegelfechterei, um Zeit für die Mobilmachung zu gewinnen. Dürfen wir jetzt noch glauben, datz das Zarenreich es wirklich so meinte, wie seine offiziellen Vertreter der Welt einreden wollen?
Ebenso ist man in Konstantinopel davon überzeugt, daß Rußland zum Kriege treibt, und man erinnert daran, daß auch im Jahre 1876 Montenegro als erster Staat mit der Kriegserklärung gegen die Türkei ins Treffen gesandt wurde. Die russische Diplomatie in Konstantinopel trägt wegen des Vorgehens Montenegros große Entrüstung zur Schau, jedoch kann nicht verhehlt werden, daß der Balkanbund unter ihrer Aegide geboren wurde. Es gewinnt allerdings jetzt den Anschein, als ob er den russischen Händen entglitten ist. Die russische Diplomatie ist jedenfalls eifrig bemüht, Europa gegenüber das Gesicht besonderer Friedfertigkeit zu wahren. Herr Sasonow bat in Berlin mit dem Chefredakteur der ^kational-Zeitung", Herrn Dr. Doerkes-Boppard, eine Unter
redung gehabt. Diesem gegenüber erklärte er: „Ich habe den diplomatischen Vertretern der Balkanstaaten, mit denen ich gesprochen habe, erklärt, daß die ganze Angelegenheit für sie nur eine question de calcul ist, nachdem die Großmächte übereingekommen sind, keine territorialen Veränderungen zu dulden. Sie können sich selbst die Rechnung aufmachen: auf der einen Seite die Kosten der Mobilmachung, auf der anderen die Kosten und das Risiko eines Krieges, und das Erreichte wird beide Male dasselbe fein: die Reformen in Maeedonien, zu denen die Pforte sich ja schon bereit erklärt hat." Weiter bezeichnete Safonow dem Interviewer gegenüber es als unrichtig, daß in dieser Frage ein Unterschied zwischen Dreibund und Tripleentente zu machen sei. Herr v. Kiderlen habe persönlich eifrigst mitgearbeitet, die Verständigung zwischen London, Paris, Wien und Petersburg zu fördern, die jetzt so glücklich erreicht ist. „Jedenfalls war es ein günstiger Zufall, daß sich die Ereignisse auf dem Balkan während meiner Abwesenheit von Petersburg vollzogen." Sehr richtig schreibt dazu die „Post": Wie nannte eine Zeitung kürzlich diese Abwesenheit des Ministers von Petersburg? Ein prachtvolles Alibi . . . .!
Zum Schlüsse mag noch erwähnt werden, daß sowohl Italien wie England und Frankreich ihre Hände in Unschuld waschen, indem sie die Kriegserklärung des winzigen Montenegro als unangenehme Ueberraschung erklären.
Sofia, 9. Okt. Der Mi nisten e t verhandelte über di- gestern von dem russischen und dem österreichisch-ungarischen Gesandten dem Ministerpräsidenten und dem Minister des Aeußern überreichte Mitteilung. Der Ministerrat fand in der Mitteilung leider nicht das, was er erwartete, nämlich genaue Angaben über die der Türkei vorgeschlagenen Reformen »nfe Garantien für deren Verwirklichung. Der Ministerrat will, elit er eine Entschließung faßt, mit den Kabinetten in Belgrad und Athen einen Meinungsaustausch über besagte Mitteilung pflegen.
Konstantinopel, 9. Okt. Wie verlautet, sind vorige Woche aus Berlin über Rumänien etwa 130 Millionen Mark au« den Eelddepots des Sultans Abdul Hamid zu politischen oder Kriegszwecken in Konstantinopel eingev.-offen.
Saloniki, 9. Okt. Ungefähr 20 000 Arnauten versammelten sich auf dem Amselfeld vor dem Mausoleum des Sultan« Murad und veranstalteten eine Kundgebung gegen die Feinde der Türken. S,e drückten den Wunsch aus, gegen sie in den Krieg zu ziehen. — Der Telegraphendienst ist vollkommen unzulänglich. Hunderte von Depeschen liegen unbefördert ovf dem Amt
Innsbruck, 9. Okt. In den letzten zwei Wochen wurden über 30 für die Balkanstaaten bestimmte Aeroplane aus Frankreich hier durchbefördert.
Die ersten Kampfe.
Konstantinopel, 9. Okt. Nach bei der Pforte e'n- gegangenen Nachrichten überschritten die Montenegriner gestern abend die Grenze und griffen Verana an. Der Kampf fort. Der Ministerrat tagt in Permanenz. Seit dem frühen Morgen drängt sich die Menge vor der Pforte und den Zeitungs- redaktionen. Die Kriegserklärung Montenegros, die durch Extrablätter bekannt wurde, steigerte die Erreo""i äußerste.
Konstantinopel, 9. Okt. Bei einem c vf verschiedene Grenzforts und Wackckhäuler wurden die Monteneg-iner mit starken Verlusten von den Türken zurückgeschlaaon Die Türken hatten 15 Verwundete. Der Kampf bei B»rona dav.rl fort
Konstantinopel, 9. Okt. Ein Hefti-', r Kampf tit bei Tuzi zwischen Türken und Malissoren im Gonae: über den Ars« gang ist noch nichts bekannt. Der in Konstantinopel lebende Albanerführer Riza Bey hat ein Telearamm erhalten, daß 4000 Albaner die montenegrinische Grenze Übertritten haben und bei Iakowa mit den monteneorinischen Trurmen zusammengestoßen sind. Wie groß die Begeisterung d"r türkischen Armee ist, geht daraus hervor, daß der türkische Krieosminisser nach einer Ansprache zu seinen Offizieren gesagt haben soll: ..Vergessen Si< nicht, Ihre Galauniformen mit in den Krieg zu nehmen, wir werden sie bei der großen Parade in Sofia gebrauchen!"
Im englischen Oberbaus
kam die Valkanfrage zur Verhandlung. Vonseiten der Re-tiervng wurde gesagt, die Großmächte hegten den Wunsch, den Frieden auf dem Balkan zu erhalten und unter keinen Ilwüänden einex Aenderung des Statusguo auf dem Balkan zuzustimmen. Das erstere habe sich leider nicht ermöotichen lassen. Von den Großmächten seien aber gleichlautende Roten an die Türkei überreicht worden, die auf Grund des Artikels 23 des Berliner Vertrages Reformen in den europäischen Gebieten der Türkei fordern. Es ist weiter beabsichtigt, die Ausführung der Normen im G"'ste dieser beiden Essetzesnormen zu empfehlen. Es ist auch gleichzeitig zum Ausdruck gebracht worden, daß die Reformen ohne irgend eine Verletzung der türkischen Gebietshoheit erfolgen fallen. „Als ein ermutigendes Anzeichen können wir alle wie ick glaube, bei der drückenden und beunruhigendes. Situation die Ueberoin- ftimmung der Großmächte hinsichtlich der Vorstellungen betrachten, die sie mit vereinten Kräften zu machen bereit sind."
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Deutsches Reich.
— Die Mainkanalisierung. München, 8. Okt. In der heutigen Sitzung der Kammer der Abgeordneten stand ein Nachtrag zum Budget für 1912/13 auf der Tagesordnung, für die Kanalisierung des Main von Hanau bis Aschaffenburg und die Errichtung einer Umschlagsanlage bei Leider als erste Rate drei Millionen Mark zu bewilligen. Diese drei Millionen sollen auf allgemeine Staatsanleihen übernommen werden, die sich um den genannten Betrag auf 46 338 430 erhöhen. Gleichzeitig ist ein Antrag Dr. Casselmann (liberal) und Genossen eingegangen, die Regie rung zu ersuchen, die Frage der Mainkanal'sierung über Aschaffenburg hinaus aus das energischste zu fördern. Minister Freiherr v. Soden gab der Hoffnung Ausdruck, daß beide Kammer» des Landtages dem großen Werke von hervorragender wirtfchaftlicher Bedeutung ihre Zustimmung gäben, dessen Wirkungen erst voll eintreten würden, wenn auch die preußische Strecke von Offenbare bis Hanau kanalisiert sei. Er glaube sicher, daß im Preußischen Landtage dieser Teil der Kanalisierung die Zustimmung finde, und er hoffe, daß das Schiffahrtsabgabengesetz in Artikel 2 möglichst bald in Kraft trete. Was die im Anträge Casselmann verlangte rasche Förderung der weiteren Kanalisierung anlange, müsse er sagen, daß sich die Regierung über Zukunftspläne nicht aussprechen könne. Minister Freiherr v. Soden führte weiter aus, es handle sich hier um die sehr wichtige Frage, die man heute noch nicht beantworten könne, wie weit schon jetzt Schritte in Aussicht zu nehmen seien, um den Wünschen der Weiterführung Rechnung zu tragen. Die Mainkanalisierung sei aber der erste Schritt, «m weitere Pläne zur Ausführung zu bringen. — Die Nachtragsforderung wurde darauf bewilligt und der Antrag Casselmann angenommen.