Ter Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene geil»
oder
■MX» £XCX < Vie rpoit UCÄUUtrn a.QV un, yvvpv- *
t Jjfo 221 und der Ervedition (Markt 21) 2.00 <X frei 1 *'”■ langt zugefandte Manuskripte übernimmt
1912
Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. L. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Reichslauden vorgehe, ja das? er sogar mit feinen Führern auf eine» recht vertrauten Fuße stehe. Kürzlich wurde erst von klerikalen Blätter» zugegeben, daß Staatssekretär Zorn von Bulach an den wegen Beleibt» gung des Deutschtums im Gefängnis weilenden Abgeordneten Wetterlä, einen freundschaftlichen Bries geschrieben habe. Nun ist die ,,RH»in.« i Wests. Ztg." in der Lage, von einem zweiten Vries desselben StartLsekrr« tärs zu berichten, der allerdings nicht an Wetterlt, sondern t-n den gl, Lh- falls in Tolmar wohnenden Zentrnmsabgeordnetcn, Mitglied des Ratio« nalbundes und Vorsitzenden der Ortsgruppe Colmar des Souveulr-Atia« cien-Lorrain, Kübler, gerichtet ist. Dieser Herr, der Pflegevater de» bekannten Sprachenantrages im Landtag, rühmt sich, das; er es doch durch- gesetzt habe, daß ein Lehrer in seinem Wahlkreis versetzt wird, der Herr Staatssekretär habe cs ihm vor etwa drei Wochen mitgeteilt. Es handelt sich um den Lehrer Hildwein in Wettolsheiin. Der Lehrer hat allerdings böse gewirtschaftet. Zuerst gründete er eine Fortbildungsschule, die nicht- nur von der Jugend außerordentlich zahlreich besucht wurde, tonb»rn so gar von verheirateten Männern, und dies nicht etwa mit Unterstützung der Ortsverwaltung, sondern gegen sie. Dann klärte er im Landtags' wahlkampf die Wähler seines Ortes über den Nationalbund onk. e't dessen Kandidat sich der obengenannte Abgeordnete Kübler um das Mandat bewarb. Dieser Aufklärung war es zu danken, daß die Wähler statt für Kübler für den Kandidaten des Fortschritts stimmten und Im Anschluß an die Wahl einen Fortschrittsverein gründeten. Schließlich rief der Lehrer, auch, um die Jugendpflege in deutschem Sinne zu üben, einen Turnverein ins Leben. Nun begannen die Treibereien des Pfarrers .gegen ihn, alle möglichen Anklagen wurden vorgelocht und er- funden. Die Schulbehörde untersuchte, der Lehrer beantragte das D,r- ziplinarverfahren gegen sich, umsonst! Da nahmen sich die bischöfliche Behörde und der Oberschulrat der Sache an. Der Abgeordnete Kübler sah sich aufs neue bedroht, da der betr. Fortschrittsverein einen anderen Kandidaten zur Bezirkstagswahl (Kübler war der bisherige Vertreter) aufstellte. Nun lief er zunächst aufs Regierungspräsidium in Colmar und dann nach Straßburg ins Ministerium. Hier scheint er Gehör gefunden zu haben, wie der Brief des Staatssekretärs Zorn von Bulach beweist. Nun wird der Lehrer versetzt, all seine blühenden Einrichtungen werden zerstört, der Abgeordnete Kübler ist gerächt und kann nun sein Volksverhetzendes Treiben fortsetzen.. Und der Staatssekretär, der das Deutschtum im Lande zu vertreten hat, teilt es dem Souvenirpräsidenten noch besonders mit. Da wundert man sich, daß die Nationalisten im Lande immer frecher und unduldsamer werden, und daß bald ■ iemand mehr gegen sie aufzutreten wagt.
Politische Umschau.
Der entgegenkommende Staatssekretär.
Dem Staatssekretär Zorn von Bulach sind schon von verschiedenen Seiten Vorwürfe gemacht worden, daß er nicht mit der nötigen Entschiedenheit gegen das immer mehr hervortretende Wälschlingstum in den
herausgesunden hast, daß dein Claus gar viele Fehler und Untugenden hat. Wirst du das können Herzliebste?"
Sie sah ihn ernst und innig an.
„Immer werde ich dich lieben, nur dich," sagte sie beinahe feierlich.
„Versprich nicht zu viel. Regina. Du bist ja viel bester als ich und kannst ans deiner reinen Höhe gar nicht ermesten, wie klein ich sein kann."
„So sollst du nicht sprechen, Claus! Auch ich habe meine Fehler, wenn du sie auch in all deiner Liebe zu mir vorläufig noch nicht siehst. Wir wollen gegenseitig Nachsicht üben, dann ist alles gut."
Und dann schaute sie sich alles genau an — die kunstvollen Möbel mtt den köstlichen Bezügen ^ms schwerem, lichtgrauen Seidendamast, die reizenden Nippes, jedes ein kleines Kunstwerk für sich, die zarten, wertvollen Stores und Portieren und sie konnte gar nicht aufhören, ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben.
Er ließ sie ruhig gewähren und sah mit glänzenden Augen, wie das herrlichste Kunstwerk im ganzen Zimmer sein schönes, junges Weib selbst war. Es war ein reizvoller Anblick, wie sie mit ihrer ruhigen Grazie von einem zum andern schritt und mit strahlenden Augen alles in sich aufnahm.
Regina öffnete lachend alle Schubfächer und Schränke und freute sich, daß all die schönen Sachen, die et ihr geschenkt und ausgesucht hatte, schon fein säuberlkch darin untergebracht waren. Dann zog sie auch ein schmales Fach im Schreibtisch auf. Es war mit Goldstücken gefüllt. Eie sah ganz erschrocken zu ihm hinüber.
„Du — nun sieh, wie leichtsinnig du Geld herumliegen läßt, Liebster.
Das gehört doch sicher nicht hierher."
„Doch Regina. Es ist für dich bestimmt, wenn du kleine Au» gaben hast."
Sie schüttelte den Kopf.
„Das ist doch ein kleines Vermögen, was soll ich mit dem vielen Gelbe, ich brauche ja nichts."
„Vielleicht doch. Laß es nur auf alle Fälle dort, und wenn es verbraucht ist, bann sage es mir bitte, bamit ich das Fach von neuem fülle« kann."
Sie schob den Kasten wieder zu und schloß ihn sorglich ab. Dann inspizierte sie weiter. (Fortsetzung folgt.) _ J
Die „Oberhessischc Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.26 Jt (ohne Bestellgeld), bei unseren ZeitungSsteven - .....— """ " £-*i Ins Haus. (Für unver-
die Redaktton keinerlei
„Welch köstlicher Arbeitswinkel, Liebster. Es muß eine Lust sein, hier zu schreiben. Hier darf ich dich manchmal besuchen, nicht wahr?"
„Nicht nur manchmal. Immer sollst du bei mir sein."
„Störe ich dich nicht, wenn du arbeitest? Du wirst doch nun manches zu erledigen haben."
Sein Gesicht wurde ein wenig finster, die Stirn zog sich kraus zu sammen.
„Erstens habe ich nichts Wichtiges zu arbeiten, und zweitens würdest du mich nie stören."
Sie sah, daß ihm dies Thema nicht behagte, und sprach von etaros anderem. Als er sie aber bann in ihr Bouboir führte, blieb sie mit einem entzückten Ausruf auf bet Schwelle stehen unb ging batauf nur zaghaft über den dicken, weißen Smyrnateppich bis in die Mitte des Zimmers. Von hier schaute sie sich um in ihrem eigensten Reich, und sie mußte plötzlich, beim Anblick der entzückenden, kostbaren Einrichtung, an ihr kleines, schlichtes Zinimerchen denken, das sie im Institut bewohnt hatte. Es kam ihr dadurch so recht zum Bewußtsein, welche Wandlung in ihr Leben getreten war. Vor tiefer Bewegung ganz außer sich, flog sie auf Claus zu und schmiegte sich weinend in seine Arme.
Er sah erschrocken in ihr Gesicht.
„Liebling, Tränen? Was ist dir, gefällt es dir nicht, willst du dein Zimmerchen geändert haben? Sag es mir ruhig, du sollst dich wohl fühlen in unfern Heim. Ich laste alles nach deinen Wünschen urn- änbern."
Da mußte sie lachen, während noch Tränen in ihren Augen standen. „Du lieber Tor, du Verschwender! Ich glaube, du wärst imstande, all die herrlichen Sachen hier hinaus zu befördern, wenn sie mir nicht gefielen. Nein, mein Claus, gar zu schön und prächtig ist es hier, und meine dummen Tränen galten nur dem Rückblick in die Vergangenheit. Ich dachte an meine frühere Heimat, an mein kleines, bescheidenes Hinterzimmerchen im Institut, und verglich es mit diesem Raume, den deine Liebe zu mir mit so verschwenderischer Pracht ausgestattet hat. Liebster, kannst du nun verstehen, was meine Tränen bedeuten? Große, grenzenlose Dankbarkeit gegen dich, gegen das Schicksal, ach — ich weih ja nicht, wie ich dir deine Güte vergelten soll."
„Damit du mich immer lieb behälft, auch dann noch wenn du erst
Sozialdemokratischer Parteitag.
S. & H. Chemnitz. 18. Sept.
In der heutigen Sitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde zunächst das Organisationsstatut beraten. Nach lebhafter Debatte wurde es mit einigen Aenderungen angenommen unb zwar wurde bet Reichs- tagsfraktton bie volle zahlenmäßige Vertretung auf dem Parteitage belasten, dagegen wurde die Schaffung eines Parteiausschusses beschlossen. — Den Bericht über die Reichstagswahlen erstattete Abg. Scheibemann, bet eingangs feiner Darlegungen betonte, baß die Parole zum Wahlkampf biefes Jahr sich ausgezeichnet bewährt habe, so baß heute niemand mehr die Sozialdemokratie als eine vorübergehende Erscheinung bezeichnen werde. Ausführlich behandelte Scheidemann das Stichwahlabkommen vom Januar b. Js. mit ben Freisinnigen. Er hob hervor, baß ben Gegnern diesmal ihr Experiment bei den Stichwahlen nicht gelungen, was zum Teil auch ein Verdienst des Parteivorstandes fei. Es mußte verhindert werden, daß die schwarzblaue Mehrheit in den Stichwahlen die Oberhand gewinne unb zu diesem Zwecke war die Einigung mit ben Freisinnigen notwendig. Die sog. „Dämpfung" in einer Reihe von Wahlkreisen, die an sich ein außergewöhnliches Mittel barstellt, war durch außergewöhnliche Verhältnisse bedingt. Die Ursache des Abkommens war das Wahlsystem, die schlechten Wahlkreise, unb bie Praxis ber preußischen Junker. Der Rebuer schilberte bann eingehend die Verhältnisse zur Zeit bet Stichwahl in Hagen und in Norbhausen. Das Abkommen von 1912 sei nicht unerquicklich gewesen wie jenes von 1907. Et äußerte sich bann weiter zu ben Angriffen gegen den Parteivorstand, besten Ansehen baburch nicht gefördert werde und meinte, es scheine sehr fraglich, ob ein anderes Abkommen die Jnteresten der Partei bester gefördert haben würde. Wenn aus liberalen Kreisen bie Unterstützung nicht so gewesen sei, wie man es hätte wünschen müsten, so sei dies darauf zuriick- zuführen, daß man den Wählern Jahre lang vor den Sozialdemokraten graulen gemacht habe. Im übrigen glaube er nicht, daß ber Parteivorstanb so etwas wie bds Abkomme» wiederholen werde. Scheibemann erhob bann Einspruch gegen ben Vorwurf, daß das Abkommen unter großer Heimlichkeit getroffen worden fei; man habe die Parteileitung sofort verständigt. Er schloß mit dem Hinweis darauf, daß die Sozia ldemo- ' ‘en ben Kamps fortsetzen werden bis zum Ende, da sie Überzeugt seien, er zum Siege führe. — Im Anschluß an das Referat entspann sich ..ne ausgedehnte Debatte, in bei teils für, teils gegen das Abkommen gesprochen wurde. Reichstagsabgeordneter Cohn Nordhausen) wandte sich gegen bie Acußermig Scheidemanns, daß außergewöhnliche Situationen auch außergewöhnliche Maßnahmen rechtfertigen unb erklärt, die Erregung richte sich weniger gegen das Abkommen an sich, als gegen bie Art unb Weife, wie es abgeschlosten worden sei. Wenn auch dem Parteivorstand das erbetene „gute Wetter" bewilligt werden würde, so werde der Parteitag doch verlangen, daß solche Abkommen nicht zu re<btfertigen seien. Der Redner bittet um Annahme eines diesbezüglichen Antrages. Drescher (Elberfeld) empfahl den Antrag, daß die Versammlung sich dahin erklären möge, daß ber Parteivorstand auf die vom Fortschritt verlangte „Dämpfung" der Agitation in einer Anzahl Wahlkreisen nicht hätte eingehen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß bas Abkommen nicht zu Stande gekommen wäre. Schiller (Hirschberg) meinte, bei dem Abkommen handele es sich gewissermaßen um einen Handelsvertrag ,in welchem dem Freisinn die Meistbegünstigung eingeräumt sei. Solche Kompromisse möge man nicht mehr machen. ■ Die Sozialdemokratie könne ruhig nach ein paar Wahl«! abwarten, bis sie ohne bie Hilfe bes Freisinns bie Mehrheit im Reichstag haben, sie brauchen bie Revolution unb bie Umwälzung bes Staates nicht ums Knie zu brechen. Scholig (Breslau) rechtfertigte bas Abkommen mit ben besonderen Verhältnissen im Liegnitzer Kreise. Hierauf wurden die Verhandlungen ar; morgen vertagt.
(Nachdruck verlesen.)
Der Mnhigaimger.
Roman von H. Courths-Mohler.
(Sortierung.)
Aus bet Rückreise blieben sie einige Tage in Paris. Regina mußte sich unbedingt einige Pariser Toiletten aussuchen, unb Claus konnte stundenlang mitwählen und probieren, bis er das Richtige fand. Wenn bann bewundernde Blicke feiner schönen Frau folgten, war er stolz unb freute sich wie ein Kind.
Dann ging es endlich nach Berlin zurück, und Regina freute sich auf einige Ruhetage. All bas viele Sehen, das ungewohnte Reisen und Herumfahren strengte sie an, während Claus kaum eine leichte Ermüdung spürte. Er war lebensfrisch und heiter, alles Müde unb Schlaffe war von ihm gewichen, unb et genoß bie Reise wie etwas Neues, obwohl et all das schon gesehen hatte, weil et es mit Reginas Augen ansah unb ihre Freude mitlebte.
Die junge Frau bat aber schließlich selbst datum, heimkehren zu dürfen, und et erfüllte natürlich diesen Wunsch sofort.
Sporleder, der Kammerdiener, hatte telegraphisch Nachricht erhalten Und bereitete alles zum Empfang des jungen Paares vor..
Am Spätnachmittag trafen sie ein. Sporleder begrüßte feine Herrschaft im Vestibül, wo auch die gesamte Dienerschaft ausgestellt war. Mit^ernster Freundlichkeit erwiderte die junge Frau einige Worte und schritt dann an ihres Gatten Seite die breite, ieppichbelegte Mat- tnotheppe hinauf. •
Nachdem sie sich erfrischt und umgekleidet hatten, führte Claus feine Frau durch das ganze Hous und zuletzt in die Zimmer, die für Reginas persönlichen Gebrauch vollständig neu ausgestattet worden waten.
Regina ging, von seinem Atm umschlungen, still an seiner Seite durch all bie schönen, mit gelegener, geschmackvoller Eleganz ausgestatteten Räume. Fast andächtig war ihr zu Mute, wie in einer Ktrche. Sn Claus' Arbeitszimmer fetzte sie sich ein Weilchen an feinen Schteib- ^flch. Et stand quer vor einem großen Fenster, das ben Ausblick auf ben sthönen Garten bot
Marburg
Freitag, 20. September
beten Raum 15 F, bei amtlichen unb auswärtigen Anzeigen 20 F. für vn Reklamen bie Zeile 60 A. Bei Wiederholungen entfpretfenber Rabatt. *’* Jeder Rabatt gilt als Bartabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Ber- bindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglietzrung ausgeschlossen. — Zahlungen im Postscheckverkehr — ohne Portokosten —
unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
Deutsches Reich»
— Bom Kaiser. Wilhelmshaven, 18. Sept. Die „Hohen- zollern" mit dem Kaiser an Bord lag über Nacht auf ber Schillingreede. Der Kaiser traf mittels Pinaffe um Mittag in Wilhelmshaven ein unb besichtigte im Automobil bie Süberweiterung bes Hafens. Darauf besuchte er ben neuen Torpebobootshafen, fuhr im Automobil nach ber Kaiserlichen Werft unb kehrte nach Besichtigung des Linienschiffneubaues „R“ kurz vor 1 Uhr an Bord der in der Hafeneinfahrt liegenden „Hohenzollern" zurück. Bei der Besichtigung begleiteten den Kaiser die Großadmirale v. Tirpitz und v. Köster sowie Admiral v. Müller. Um 3 Uhr ging die Kaiserjacht mit dem Kaiser an Bord wieder in See.
— Manöverunfälle. Wilhelmshaven, 18. Sept Gestern nachmittag gegen 1 Uhr wurden von dem an den Herbstmanövern beteiligten Torpedoboot „8 119" bei schwerer See drei Mann übel Bord gespült. Es gelang, zwei Mann zu retten, wahrend bei dritte, der Torpcdooberheizer Bude aus Prüfen (Prov. Sachsen) ertrank. Seine Leiche wurde bisher nicht geborgen. — Graubenz 18. Sept. In dem Manöoergelände bei Hammerstein sind in einem Moor bei Petersdorf die Leichen zweier vermißter Soldaten des 141. Infanterieregiments gefunden worden.
— Politische Erfindungen. In der ausländischen Preffe wird der Anschein zu erwecken gesucht, als ob die Dreibundmächte eine
mtt oem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
und ben Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" unb „Landwirtschaftliche Beilage".
Tie Vorgänge im ungarischen Parlament.
Budapest, 18. Sept. Die oppositionellen Abgeordneten kamen bald nach 9 Uhr, nachdem sie vorher eine Versammlung abgehalten, nach dem Parlament gezogen. Der Platz vor diesem war von Neugierigen dicht besetzt unb ein stärkeres Wachausgebot war aufgestellt. Beim Lift trafen mehrere oppositionelle Abgeordnete mit Liisza zusammen, der sich ebenfalls nach dem ersten Stockwerke begeben-wollte. Der Abgeordnete Kovaczs verließ mit den Worten , Mit Schurken sitze ich nicht unter einem Dach" den Lift. Ihm folgten die anderen Oppositionellen, worauf Tisza allein im Lift hinauffuhr. Schon lange vor Beginn der Sitzung hatten die oppositionellen Abgeordneten den Sitzungssaal betreten. Während ein Teil auf den verschiedenartigsten Blasinstrumenten wieder einen Höllenlärm verursachten, schleuderten andere den anwesenden Ministern Graf Serenyi unb Beoethy bie heftigsten Schimpfworte zu. Beoethy stürzte sich mtt erhobenen Föusten auf bie Opposition, von ber einige Mitglieder sich auf den Minister warfen und ihn mit Faust- schlägen traktierten. Schließlich gelang es einigen besonnenen Abgeordneten, die Raufenden zu trennen. Um 10 Uhr 40 Min. betrat Gras Tisza ben Saat. Er notierte eine Anzahl Namen unb suspenbierte bie Sitzung bis 10% Uhr. Währenb ber Pause betrat Polizeioberinspektor Pawlik mit über 100 Wachleuten ben Saal, worauf die Opposition unter höhnischen Rufen den Saat verließ. Um 11.20 Uhr eröffnete Tisza wieber die Sitzung unb beantragte zunächst Ueberweisung von 38 Abgeorbneten an ben Jmmunitätsausschuß. $iertnif ergriff Hanbelsminister Beoethy das Wort und sprach fein Bedauern darüber aus, bah er sich in feiner Erregung habe hinreihen taffen, die bebauertichen Rauf- fzenen zu verursachen. Sobann würbe ber Bericht des Jmmunitäts- ausschuffes verhandelt. Es würben 50 Abgeordnete für die nächsten 80 Sitzungstage und 10 Abgeordnete für die nächsten 15 Sitzungstage ausgeschloffen. Ein Abgeordneter, der während des heutigen Tumults Ohrfeigen erhielt, hat zwei Abgeordnete zum Duell gefordert. Bei ber nun folgenden Wahl zu den Delegationen wurden 40 ordentliche Mitglieder und 10 Ersatzmänner gewählt. Alle gehören den Regierungsparteien an. Hierauf vertagte der Präsident um 12% Uhr das Haus auf unbestimmte Zeit. Mähend ber Verhandlungen der Delegationen sollen Sitzungen nicht ftattfinben.
Budapest, 18. Sept. Handelsminister Beoethy veröffentlicht über den heutigen Vorfall im Abgeordnetenhause eine Erklärung, in der es heiht: Als der oppositionelle Abgeordnete Zboray ihm namenlose Beschimpfungen ins Gesicht schleuderte, wurde er vom Zorn übermannt, rannte gegen Zboray, der in Gruppen anderer oppositioneller Abgeordneter stand, wobei er heftig um si ch geschlagen habe. Wen er geschlagen oder getroffen habe, könne er nicht sagen, da er in seiner Aufregung nichts gesehen und gehört habe. Der Minister habe sich in die Quöstur begeben und dort dem Ministerpräsidenten unb bem Präsibenten bes Abgeorbnetenhauses sein Bedauern darüber ausgesprochen, bah er sich habe hinreißen lasten. Aber es sei ihm unmöglich gewesen, die Beschimpfungen ruhig zu ertragen. — Der Polizeichef veröffentlicht eine Kunbgebung, in ber bie sozialistischen Straßenumzüge verboten werden. Polizei und bewaffnete Macht würden mit größter Entschiedenheit auftreten und nach einem ermahnenden Hornsignal, wodurch die Menge aufgefordert werde, sich zu zerstreuen, gegebenenfalls von der Schußwaffe Gebrauch zu machen.