I
U
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".
M 215
Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 * lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Erpedition (Markt 21) 2.00 * frei ins Haus. (Für unver« langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Freitag, 13. September
Ter Anzeigenpreis beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 bei amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 für Reklamen die Zeile 60 A ■ Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Ver» Kindlichkeit für Platz., Datenvorschrift und Beleglieferung ausge- schlossen. — Zahlungen im Postscheckverkehr — ohne Portokosten — unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.
47. Jahrg.
1912.
Die Fleischteuerung.
Verschiedene Körperschaften haben in den letzten Tagen selbst Mittel ergriffen, um den Preis des Fleisches herabzudrücken, so wird aus Duisburg gemeldet: Die Stadtverordneten beschlossen zur Linderung der Teuerung den Verkauf von Fleisch und Seefischen in städtischer Regie und bewilligten zu diesem Zwecke 20 000 — Die Stadt Köln plant
zur dauernden Beinflussung der Fleischversorgung Kölns die Gründung großer Genossenschaften und Mästereien in der Eifel in Gemeinschaft mit anderen Korporationen und Großstädten, der Provinzialverwaltung und der Landwirtschaftskammer. — Der Rat der Stadt Dresden hat mit einer dänischen Firma einen Vertrag auf umgehende Lieferung frischen Rindfleisches aus Dänemark und mit einer hamburgischen Firma einen Vertrag auf Lieferung argentinischen Gefrierfleisches abgeschlossen. — Die Teverungskommission des Magistrats und der Stadtverordneten tn Magdeburg beschloß, lebendes Vieh von Schweden, Norwegen und Dänemark direkt einsühren zu lassen.
Ferner beschäftigen sich die Negierungen eingehend mit der Frage. Wie die „Darmstädter Zeitung" hört, lud das Ministerium des Innern die Vertreter der Landwirtschaftskammer, der Handelskammer des Fleischergewerbes der fünf größten Städte, dreier Landgemeinden und je einen aus drei Provinzen, sowie die Vertreter der hessischen Viehhändler zu gemeinsamen Verhandlungen ein, darüber, auf welchen Ursachen die gegenwärtig auch in Hessen sich bemerkbar machende Teuerung beruht, welchen Umfang sie besitzt und welche Mittel zur Abhilfe in Betracht kämen. — Am Mittwoch hat ferner der Reichskanzler, der nach Berlin zurückgekehrt ist, den preußischen Minister des Innern und den Landwirtschaftsminister empfangen, die ihm über die Fleischteuerung Vortrag gehalten haben. Im Reichsamt des Innern war am Mittwoch zu diesem Zweck eine beratende Konferenz voraufgegangen, die sich mit allen Vorschlägen beschäftigte, die in die Oeffentlichkeit zur Linderung der Fleifchnot erörtert worden sind. Die Aufhebung des § 12 des Fleisch- beschaugesetzes, der die Beratung im Reichsamt des Innern galt, ist, wie der „Lokalanzeioer" meldet, nicht beschlosien worden, vielmehr ist die Regierung der Ansicht, daß die deutsche Industrie die gefrorenen Viehleiber auch dann wird importieren können, wenn diejenigen Bestandteile noch darin enthalten sind, die eine Untersuchung des Tieres auf feine Gesundheit hin in Deutschland ermöglichen.
Der Magistrat der Stadt Berlin hat eine Deputation zusammentreten lassen, die über Mittel zur Behebung der Fleischnot beraten soll. Die Stadt will der Regierung mit energischen Beschwerden über die Reichspolitik nahetrcten. Die Deputation will energisch der Einfuhr gefrorenen Fleisches verlangen. Die „D. Tgsztg." wendet sich gegen diese Pläne, denen man vor einigen Tagen die Unterstützung der Regierung zusagen wollte. Sie führt dazu aus, daß diese Maßregel für die jetzige Fleischnot keine durchgreifende Hilfe bedeuten würde, da das Gefrierfleisch vor Februar in größeren Mengen nicht geliefert werden könne. Eine dauernde Einführung werde eine gewaltige Gefährdung der deutschen Landwirtschaft bedeuten, nämlich nichts anderes als die Aufopferung der zahlreichen kleinen Existenzen der deutschen Landwirtschaft. Die Hoffnung, der Reichstag werde dem argentinischen Gefrierfleische zuliebe das Fleischbeschaugesetz abändern, stehe auf sehr schwachen Füßen. — Die Frage der Fleischteuerung hat ferner der Hansabund zum Gegenstand einer großen Versammlung gemacht. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, daß die Viehzüchtung in Deutschland auf jede mögliche Weise gefördert werden müsie, vor allem durch eine zielbewußte innere Kolonisation zu Gunsten der kleineren und mittleren Bauern sowie der landwirtschaftlichen Nebenbetriebe und Ansiedelungen durch Bindung der Besitzer und Pächter zur Viehhaltung sowie durch Dienst- barmachung der kolonialen Viehhaltung und Viehproduktion und durch Einfuhr von Schlacht- und Zuchtvieh: ferner sei eine Revision des Fleischbeschaugesetzes unbedingt erforderlich und die Behandlung der Futtermittelfrage nach den Gesichtspunkten der Bedürfnisse des mittleren und kleinen Besitzes. Die Leitung des Hanfabundes wurde ersucht, neben all diesen Fragen auch die Einführung und Verbreitung der Seefischnahrung in Erwägung zu ziehen und vor allem auf eine Entspannung der jetzigen unnormalen Zustände nach Möglichkeit hinzuwirken.
6t (Nachdruck verboten.)
Das Tor des Ledens.
Roman von A n n y W o t h e.
(Copyright 1910 by Boll & Pickardt, Berlin.) '
l Fortsetzung.) ■
Da standen die beiden Kinder Hand in Hand. Der blonde Junge hielt ein Büschel Vergißmeinnicht, die seine kleine, dicke Hand draußen im Garten abgerupft, und Jrmele hatte ein zierliches Kränzchen von Rosen gewunden.
„Du", sagte sie halb scheu, halb zutraulich zu dem Kranken, den Kranz auf die Decke legend, „das riecht gut, rieche mal dran!"
Er strich mit der gesunden Hand zärtlich über Jrmeles Locken.
Heute bog sie nicht das Köpfchen, wie so oft, widerwillig zurück, sondern in den großen, blauen Augen war es wie ein Staunen.
„Tut er noch immer sehr weh?" fragte sie, auf den verbundenen Arm tippend.
„Nein, nicht mehr sehr, Jrmele!"
„Das ist schön!" nickte das Kind. * V
„Tut es dir leid, wenn ich Schmerzen habe?"
Der kleine Jobst hatte inzwischen seine Vergißmeinnicht zu dem Kränzchen gelegt.
„So kränzt man mein letztes Lager!" wandte-sich Sibo zu Heinrike, der plötzlich eine heiße Angst zu Herzen drang. Sie hob Jobst empor und setzte ihn auf seines Vaters Lager, der ihn zärtlich au sich zog.
Jrmeles Mündchen zuckte leise.
„Was hast du, Kind?" forschte der Kranke.
„Jrmele möchte auch da ein bißchen wie Jobst sitzen. Jrmele möchte auch mal bei Vati „Eiei" machen!"
Heinrike hob wortlos das Kind empor, ihr Herz klopfte plötzlich !zum Zerspringen. Jrmele legte aber ihre kleinen Arme fest um Sibos Hals und flüsterte leise:
„Jrmele dich furchtbar lieb hat, ganz furchtbar lieb."
Da zog et das Kind mit überströmenden Augen fest an fein Herz und küßte es zum erstenmal auf die frischen Lippen.
Jobst schob sein blondes Köpfchen zärtlich dazwischen und dann saßen die drei eng umschlungen, und der Kinder frohes Geplauder lullte ihn in den Schlummer. - ,L,. .
Das Kaisermanöver.
Der Kaiser, welcher im Sonderzuge bei Riesa übernachtete, begab sich am Mittwoch zeitig ins Manövergelände. Er fuhr im Automobil über Zeithain und Claubitz nach Großenhain, wo er den Anmarsch von roter Infanterie sah. Hier ließ er die 2. und 8. sächsische Division an sich vorübermarschieren; dabei begrüßte er sein Grenadierregiment, dessen Uniform er auch heute trug. Der Kaiser ernannte den König von Sachsen zum Eeneralfeldmarschall und überreichte ihm selbst den Marschallstab. Um 5 Uhr traf der Kaiser in Meritz, südlich von Reederau auf dem rechten Ufer der Elbe, ein. Hier waren bereits die Spitzen der roten Armee eingetroffen, während auf dem linken Elbufer blaue Patrouillen bemerkt wurden. Es wurden Schüsse gewechselt. Die Mannschaften der Leibgendarmerie, welche die Feldsignallampen für die Neutralen bedienen, hatten hier abgekocht. Der Kaiser und das Gefolge genossen von der Erbsensuppe. In Meritz befinden sich auch der König von Sachsen, der Eroßherzog von Sachsen, Prinz Ludwig von Bayern, der Herzog von Sachsen-Altenburg, der Kronprinz von Bulgarien, Prinz Kyrill, Graf Zeppelin und die fremden Offiziere. Ein zweiter Uebergang von Rot ist bei Seußlitz geplant. Das Wetter ist gut.
B e r l i n, 11. Sept. Das Militärluftschiff „M 3", das heute früh vom Tegeler Schießplatz zum Kaisermanöver abgefahren war, ist heute mittag zurückgekehrt und um 12.18 Uhr glatt auf dem Tegeler Schießplatz gelandet. Es erfüllte den ihm erteilten Auftrag vollständig, indem es in kriegsmäßiger Höhe von 1300 Metern ganze feindliche Stellungen überfuhr und sehr gute Erkundungen durch Funkspruch meldete.
Gotha, 11. Sept. Das Luftschiff „Z 3" ist aus dem Manövergelände zurückgekehrt und um 6.20 Uhr glatt gelandet.
Finsterwalde, 11. Sept. Von den in Sennenwalde stationierten Fliegeroffizieren ist heute vormittag in der Nähe von Münchhausen der Fliegeroffizicr Siebert aus einer Höhe von etwa 50 Metern abgestürzt. Er erlitt am Brustkorb und am Halse schwere Verletzungen. Der Passagier kam mit leichteren Verletzungen davon. Zwei andere Flieger sind bei Zeithain bezw. Grimma gelandet.
'M......
Politische Umschau.
Befestigung der Nordseeinseln.
H a m b u r g, 11. Sept. Zur Frage der Befestigung der Nordseeinseln, die schon seit längerer Zeit die militärischen Behörden beschäftigt, wird jetzt von einer amtlichen Stelle eine Mitteilung verbreitet, die folgendes besagt: Auf der Reede vor Wyk landeten vor einigen Tagen 11 Torpedoboote, Ihre Anwesenheit wurde in Verbindung gebracht mit den strategischen Plänen, die durch den Bau des Festlanddammes nach Sylt zur Zeit akut geworden sind. Wenn diese Mutmaßung heute vielleicht auch noch keinen festen Boden hat, so läßt sich doch ersehen, daß der Instinkt den richtigen Weg weist. Es ist sicher, daß die strategische Bedeutung des Festlanddammes auf die dem Festland vorgelagerten Nordseeinseln eine ganz bedeutende Rückwirkung haben muß. Dabei wird es gut sein, bei Zeiten die besondere Lage der Insel Föhr vom militärischen Standpunkt besonders ins Auge zu fasten. Es ist ohne allzu große Kosten möglich, die Seeverbindung auch durch das Wattenmeer herzustellen und auf diese Weise von dem Hauptpunkte, dem neuen Hafen, im Bereich des Festlanddammes Stützpunkte an der Küste der Nordsee zu schaffen. Gerade Wyk auf Föhr bietet dafür die
Leise huschten sie dann hinaus, um im Garren herumzutollen.
Heinrike aber hielt die Hände über ihres Mannes Haupt gefaltet. Sie dachte, wie süß doch das Vergeben fei.
Plötzlich aber fuhr Sibo aus dem leichten Schlaf empor.
„Hörst du nichts, Heinrike?" rief er mit groß geöffneten Augen. „Ich höre Musik, die Studenten kommen!"
Heinrike zwang ihn sanft auf sein Lager zurück.
„Du täuschst dich, Sibo, ich höre nichts!"
„Doch, doch ich höre es ganz deutlich! Horch doch, wie sie singen. Die Bürgerstraße kommen sie entlang. Hörst du nichts?"
Und leise summte er das Lied:
„O alte Durschenherrlichkeit, Wohin bitt du entschwunden, Nie kehrst du wieder gold'ne Zeit, • So froh, so ungebunden.
Vergebens spähe ich umher, Ich finde deine Spur nicht mehr, O jerum, jerum, jerurn, O quae mutatio rerum."
Heinrike wollte nicht dulden, daß er sich erhob, aber Sibo von Eschenbach stand zum erstenmal allein aufrecht vor seinem Lager.
Das unverbundene Auge leuchtend in die Ferne gerichtet, stand et und wartete. Und da kamen sie wirklich hinter den Rosenhecken die Straße entlang, Fridunen, alte und junge, in zwei- und vierspännigen Wagen.
Hell wehte die blauweißgoldene Fahne im Sonnenschein, «nd die weißen Mützen leuchteten wie Sterne zu dem Kranken herüber,
Sibo hatte die gesunde Ha>ck> gegen die Brust gepreßt, .
„Den Burschenhut bedeckt der Staub, ' :
Es sank der Flaus in Trümmer, Der Schläger ward des Rostes Ranb, Verblichen ist sein Schimmer.
Verklungen der Kommersgesang, Verhalt Rapier- und Sporenklang, O jerum, jerum, jerum, O quae mutatio rerum.“ ,
schallte es über den Garten, wo die Rosen blühte«.
। besten Vorbedingungen und zwar durch seinen Hasen. Man ift bereits in Wyk aus dem Stadium der Erwägungen über den notwendigen modernen Ausbau des Hafens herausgekommen. Det Verkehr dieses Hafens zeigt für dieses Jahr folgende Ziffern: Angekommene und abgefahrene Dampfer im regelmäßigen Verkehr mit zus. 1925 Touren und etwa 40 000 beförderten Personen, 302 Segelschiffe und 11 Lustkutter in regelmäßiger Tour. Die durchschnittliche Tiefe des Hafens bei normaler Flut beträgt 2^—3 Meter. Die wirtschaftliche und strategische Entwicklungsmöglichkeit de» Hafens in Wyk ist zwar begrenzt, aber diese Begrenzung ist nicht eng. Vor allem die strategische, die Schaffung des neuen Hauptstützpunktes innerhalb des Sylter Festlanddammes bedingt di« Schaffung neuer Anlaufplätze. Dafür ist neben anderen Wyk durch das Vorhandensein des Hafens schön geeignet, umsomehr, als der Ausbau des Hafens mit einer Staatsbeihilfe von 125 000 «M. schon in diesen Tagen beginnt. Parallel mit dieser strategischen Entwicklung läuft die wirtschaftliche.
Anekdoten von bet Schweizetteise des Kaisers.
Uebet den Aufenthalt des Kaiser» in Bern erzählt bet „Berliner Lokalanzeiger" folgende Anekdoten: In seiner Unterredung mit bem französischen General Pau bezeichnete Kaiser Wilhelm die neue militärische Kopfbedeckung als abscheulich, wirklich abscheulich. Bei der Vorstellung Pau's meint der Kaiser: Ah! Wir sind ja anno 1870 einander gegenübergestanden? Ja, sagte Pau und wies aus seinen Armstumpf, ich spüre es heute noch! Auf dem Weg zum Bernet Bahnhof sagte bet Kaiser zu dem Kommissar der Festlichkeiten: Ich weiß was Sie denken. Sie denken: Na! Gott sei dank, jetzt bin ich ihn los! Vertretern des Weltmeisterverbandes äußerte er auf die Mitteilung, daß die Mitglieder zwischen 25 und 65 Jahre alt seien: So! Mit 25 Jahren schon Meister! Unsereins wird 70 Jahre und ist noch nicht Meister! — Mehre« Vertreter der Gesellschaft deutscher Studierender „Teutonia" fragte der Kaiser, welches ihr Studium sei. Der eine antwortete: Medizin, bi« beiden anderen: Chemie! Also Sie sind Bazillenfänger! sagte der Kaiser lachend zum Mediziner, und Cie, zu den Chemikern, Giftmischer! Dann fuhr der Kaiser, ernst werdend, fort: Es ist erfreulich, was die Chemiker alles fertig bringen. Heute können sie sogar Kautschuk synthetisch Herstellen. Ich bin neulich in einem Wagen gefahren, dessen Radreife au» künstlichem Kautschuk hergestellt waren. Und wissen Sie, woher der künstliche Kautschuk gemacht wird? Aus Alkohol! Sorgen Sie bafflt, daß genug Alkohol übrig bleibt. — Weiter berichtet der Pariser „Temps“ noch einige Sicherungen des Kaisers, die allerdings mit Vorsicht aufzunehmen sind und aller Wahrscheinlichkeit nach als apogryph angesehen werden müßen. So habe u. a. der Kaiser zum Präsidenten Forrer angeblich geäußert: Ich liebe sehr wenig die Pfaffen, die Pastoren und alle die Predigtenmacher. Sie fügen an die Worte des Evangelium» viel zu viel aus ihrem eigenen hinzu. Mir genügt die Bibel, die ich les« und immer wieder lese. Man findet darin Lösung für alle Schwierigkeiten. alle Probleme, selbst solche der böheren Politik. Nach demselben Blatte soll der Kaiser Über die Schweizer Wehrmacht geäußert haben: „Ihre Armee erspart mir sechs Armeekorps".
----*----
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die deutschen Kriegerverbände. Auf ein von der 13. Vertreterversammlung des Kyffhäuser-Bundes der deutschen Landes-Kriegerverbände, die dieser Tage auf dem Kyff- häuser abgehalten wurde, an den Kaiser entsandts Huldigungstelegramm ging folgende Antwort des Kaisers ein : „Ich danke den auf dem Kyffhäuser versammelten Vertretern der deutschen Landes- Kriegerverbände herzlich für die Kundgebung patriotischer Gesin- nung und treuer Anhänglichkeit. Es hat mich gefreut, auf dem Tempelhofer Felde über die Kriegervereine der Mark Revue abhalten und einer großen Anzahl alter Soldaten ins Auge blicken
Sibo trank gierig die Worte.
„Das letztemal!" sagte er dann feierlich. „Das letztemal sehe ich di« alten Farben, die ich nicht wert war, zu tragen. Gesegnet sei dies« Stunde. Noch einmal, Heinrike, sehe ich in des Lebens goldene Pforten, die so verheißend der Jugend offen stehen. Ich höre deines Vaters Worte von dem Tor des Lebens, Heinrike. Damals war es noch zur Umkehr Zeit. Wer es einmal verfehlte, der findet nimmer den Weg zurück, wenn er nicht stark ist in Selbstzucht und Treue. Hüte den Jungen, daß sich ihm nicht auch das Tor des Lebens, das goldene, zufchließt durch eigene Schuld, und er nicht durch das dunkle bet Reue und Schande zu treten braucht in das Schattenreich."
„Sibo, schone dich!" bat Heinrike verzweifelt, indem ste mit sanfter Gewalt Sibo auf das Lager zu zwingen suchte.
Er lächelte ein Kinderlächeln, und bann sagte er noch einmal:
„Fridunen, Heinrike, werden an meinem Grabe stehen, mein Vater, Onkel Heinrich und Rolf, wenn die anderen auch fernbleiben müssen, weil ich das Recht auf ihre Teilnahme verwirkte. Aber ihnen kannst du es sagen, daß ich bereue, tief und schwer. Und wie der reuige Sünder Gnade findet zu Füßen des Heilandes, so wirst auch du mit verzeihen, Heinrike, das fühle ich. Hörst du den Sang?"
„Vivat Ftidunia! Vivat Ftidunia!" kam es dann fast jauchzend von feinen Lippen.
Jäh sank er, die Hand auf das Hetz gedrückt, zurück. Sibo hatte ausgelitten.
Ganz in der Ferne verklang der Burschen Sang:
„Drum, Freunde, reichet euch die Hand, Damit es sich erneute,
Der alten Freundschaft heil'ges Band, Das alte Band bet Treue.
Klingt an und hebt die Gläser hoch, Die alten Burschen leben noch, Noch lebt die alte Irene 1
Noch lebt die alte Treue!"
Heinrike drückte Sibo stumm die Augen zu. Sie konnte nicht {läge* und weinen. In ihrer Seele war ein großes und freie» Schauen. ~~
(Schluß folgt) .......
1