mit Dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg und Kirchhain
und den Bellagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage".
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ür „<_Ucrt>efii;d;e .Heilung" er)d)iiiii tuylid, nm Aueimyiuc Dei eotm-- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 <Ä lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 JH frei ins Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuslripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. E. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Sonnabend, 24. August
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17. Jahrg.
1912.
Politische Umschau.
Aus der bayerischen Kammer.
München, 22. Aug. Der Abg. o. Frankenstein (Ztr.) griff den /Kriegsminister Frhr. v. Kretz an. Er verlangte ein schärferes Vorgehen * gegen die Sozialdemokraten und eine schärfere Erklärung darüber als bisher. Die Kaserne dürfe nicht zum Tummelplatz einer Agitation werden, die die Sozialdemokratie dort treiben wolle. Die sozialdemokratischen Abgeordneten von Vollmar und Rollwagen riefen „Unverschämtheit!" und „Lüge!" und wurden dafür vom Präsidenten von Orterer zur Ordnung gerufen. Die inaktiven Offiziere müßten unter allen Umständen streng an bett Ministerialerlatz des Grafen von Horn betreffs ihrer politischen Tätigkeit gebunden bleiben. Schließlich verlangte der Redner vom Kriegsminister ein Verbot des „Simplizistimus" für die Ofstzierskasinos, damit sich das Offizierkorps nicht in eine Art Simpli- zisiimuskultur hineinlebe. Der liberale Abgeordnete Dr. Dirr, errin- nerte das Zentrum an eine Zeit des Zentrums-Bündnisses mit der Sozialdemokratie, warf ihm Unehrlichkeit in seiner heutigen Politik vor und sprach die Erwartung aus, das Offizierkorps werde sich schon gegen die ihm vom Zentrum zugemutete Bevormundung und die Verlästerung beim Kriegsminister zu wehren misten. Der Kriegsminister wies die Verdächtigungen des Frhr. von Franckenstein gegen das Offizierkorps zurück. Er habe nicht den geringsten Beweis erbracht weder für seine Behauptung von einer drohenden Simpliztssimuskultur des Offizter- korps noch auch für die Anschuldigung, als herrschten sozialdemokratische Tendenzen in der bayerischen Armee. Seine Stellung zum Wahlerlatz seines Vorgängers habe er davurch präzisiert, datz er erklärte, der Erlaß bestehe noch. Er lasse sich hier nicht weiter in dieser Sache interpellieren. Vizepräsident Frank erklärte, der Kriegsminister unterstehe zwar nicht seiner präsidialen Zuständigkeit, allein den Ausdruck „Verdächtigungen" tn Bezug auf einen Abgeordneten müsse er zurückweisen.
Der „Souvenir alsacien-lorrain"
hat auch in diesem Jahre Gedächtnisfeiern auf den Schlachtfeldern gehalten. Hebet die letzte Feier wird der „Rh.-Westf. Ztg." aus Metz geschrieben: „Der Verlauf war derselbe wie an den Tagen vorher. Dem Gedächtnisgottesdienst, bei dem der Vorsitzende des „Souvenir alsacien-lorrain", Mr. Jean, demonstrativ sein Kreuz . der Ehrenlegion aus dem Katafalk niedergelegt hatte, folgte eine Feier am französischen Denkmal von Sainte Marie aux Chines, an dem Major Zibelin zwei Kränze mit blau-weiß-roten Schleifen niederlegte, die von dem Oberst, dem Offizierkorps und Unteroffizierkorps des 94. französischen Infanterieregiments gewidmet waren zum Gedächtnis daran, daß das Regiment hier im Kampfe stand und schwere Verluste erlitt. Major Zibelin leitete auch die geschloffene Versammlung des Souvenir, mit der die Feier abschloß und in der Herr Franxois, der wegen seiner Propaganda für die französische Flugspende vor einiger Zeit sein Amt als Beigeordneter von Eroß-Foyeuve niedergelegt hat, den Beschluß faffen ließ, daß die Sektion Sainte Marie aux CHSnes des Souvenir unter den besonderen Schutz der Jundsrau von Orleans gestellt werden solle." Es unterliegt jedenfalls keinem Zweifel, daß der ganze Verein „Souvenir" sowie seine Veranstaltungen dem Zwecke der Protestler in Elsaß dienen und daß die Fäden nach Frankreich von ihm selbst nur schwach verdeckt werden. Umsomehr muß befremden, was dem genannten Blatte gemeldet wird: „Bei der Wallfahrt des „Souvenir alsacien-lorrain" hat in Mars-la-Tour der General Couturier einer Anzahl Veteranen Elsaß-Lothringens die französische Kriegs-Denkmünze mit feierlicher „accolade" überreicht. Stolz trugen die Leute die Medaille am folgenden Erinnerungstage in Saint-Marie-aux-Chönes. Wie man nachträglich erfährt, wurde schon am Sonntag in Batilly, bei der französischen Gedächtnisfeier der Schlacht von St. Privat, auf dem Bahnhofsplatz die französtfche Denkmünze mehreren Kriegsteilnehmern
(Nachdruck verboten.)
Das Tor des Lebens.
Roman von A n n y W o t h e. " ' 7 “
17 (Fortsetzung.)
.Dieser Tanz ist mein, schöne Hexe," lachte der Rheingott, den Arm um Mirjams schlanken Leib legend. „Wirst D« mir folgen, hinab tn meinen schimmernden Königspalast aus Gold und Edelstein?"
Mirjam schüttelte mit leisem Lächeln den Kopf, während sie im Tanz en seiner Seite dahinfkog.
„Nein, Vater Rhein. Das Kleid der Rheintachter habe ich abge- streist. Oben tn meinem Felsennest bin ich unerreichbar für Deinen Ärm*
„Aber Du singst mir Deine Lieder, schöne Fe«, und ich erklimme den Felsen, wenn er auch noch so steil, ich reiße Dich an meine Brust, um Dich mit hinabzunehmen in mein Wellenreich."
Wie Goldgespinst umwogte ihn im Tanze Mirjams Haar, ihre Brust hob und senkte sich, und in ihren Augen war ein seltsam Glimmen.
„Du wolltest mir heute Antwort geben, Frau Lurlei, auf meine Frage," kam es leidenschaftlich von Derhams Lippen, indem er das schöne Mädchen plötzlich fester an seine Brust zog. Sag' nur ein Wort, Du schönste der Schönen, und mein Reich ist Dein!“
Wie seine Stimme schmeichelte und lockte.
Mirjam fühlte sein Herz wie rasend an dem ihren klopfen. Rur ein klein wenig brauchte sie ihren r-ropf ihm zuzuneigen, nur ein einziges Lächeln, und er gehörte ihr und mit ihm Glanz und Macht, Reichtum und Liebe.
Warum zauderte sie? Wat Derham nicht ein Mann, um den sie alle ihr Freundinnen beneiden würden? War er nicht ein glänzender Kavalier, schön, reich, gebildet, voll Leidenschaft und hingebender Liebe ihr gegenüber?
Wie im Taumel hing sie in seinen Armen. Jetzt neigte er sein braunes Gesicht dem ihren zu. Sein heißer Atem berührte ihre Wangen, es war, als ob ihr plötzlich alle Sinne schwanden. Die Musik verstummte. Der Tanz war aus. |
aus den „annektierten Ländern" (wie sich das Straßburger Journal d'Alsace-Lorraine ausdrückt) feierlich überreicht. Als wir im vorigen Jahre diesen Skandal der Revanchezllchtung im Reichsland der deutschen Oeffentlichkeit bekannt machten, ließ die Straßburger Regierung erklären, die Denkmünze mit dem Bande der „Trauer und Hoffnung" werde durch die Hand der Kreisdirektoren den Veteranen übermittelt — als ob die üble Affäre dadurch bester oder unschädlich gemacht würde, daß die reichslündische Regierung sich selbst in den Dienst des Protestes stellt! Wie die Fälle von Batilly und Mars-la-Tour beweisen, wird neuestens und bei großen Gelegenheiten der amtliche Umweg über Straßburg nicht mehr für nötig gehalten, sondern die französischen Generäle heften eigenhändig das schwarz-grüne Band auf die Brust deutscher Staatsbürger. Wir fragen: Geschieht das mit Genehmigung der reichsländischen Regierung oder will und wird sie in Paris Verwahrung einlegen?!"
Man braucht diesen Aeußerlichkeiten, an denen sich die leichtbeweglichen Franzosen — und Französlingherzen so gern enthusiasmieren, keinen allzugrohen Wert beizumesten und doch fragen, ob die Deutschen solchem groben Unfug nicht lieber doch ein Ende machen.
Eine Wohltat des kommenden Strafrechts.
Wohl nirgends hat sich die Ausreizung zu Gewalttaten und die Verherrlichung begangener Verbrechen und Vergehen derart schamlos breitgemacht, wie aus politischem Boden: man kann mit voller Berechtigung von einem „politischen Herostratismus" sprechen, das sich unter der demokratischen, entsittlichend wirkenden Hetz- und Wühlarbeit bei den Masten so nach und nach heranbildet. Mannigfache politische Pro- zcste der letzten Jahre reden eine nur zu deutliche Sprache, und der besonnene Teil des deutschen Volkes fragt sich oft, wje es möglich sei, datz selbst bei den krastesten Füllen Staatsgewalt und Gericht keine Veran- lostung nahmen, einzuschreiten. Das Außerkrafttreten des Sozialistengesetzes im Jahre 1890 hat auch in dieser Beziehung seine unheilvollen Folgen gezeitigt. Daher mutz es von allen Freunden des Landes und der Zivilisation mit Freude und Genugtuung begrüßt werden, daß die Neugestaltung unseres Strafrechts diese fühlbaren Lücken im Strafgesetzbuch ausfüllen wird.
Zwar war die Aufforderung zu strafbaren Handlungen schon nach dem geltenden Gesetz untersagt, aber die eigentlichen und gesährlichen Aufwiegler der Volksseele und die Drahtzieher bei den Aufruhren und Krawallen konnten nie gefaßt werden, weil st« für ihr verwerfliches Treiben nicht die Form der „Aufforderung" wählten, sondern durch die bisher straflose indirekte Anreizung zur Auflehnung ihre Geschäfte führten. Hier soll nun die Reform einsetzen und gerade diesen Gesellen das Handwerk legen. Desgleichen sieht der Vorentwurf die überaus notwendige Bestimmung vor. welche die Verherrlichung begangener Verbrechen mit Strafen belegt. Die Mastenverführer hüteten sich wohl, die Verbrechen selbst als erlaubt darzustellen und rühmlichst hervorzuheben: denn damit wären sie auch nach den bestehenden Gesetzen der Verurteilung anheimgefallen. Aber durch die Verherrlichung anderer aus gleicher Stufe stehender begangener Straftaten verstanden sie es, sich die Masten gefügig zu machen und den gewünschten Zweck ebenso sicher zu erreichen. Solchen Agitationsmanövern soll nun durch die neue Fastung des Strafrechts ein Riegel vorgeschoben werden.
Es ist zu hoffen, daß bei den im allgemeinen übereinstimmenden, im Vorentwurf zum Ausdurck gebrachten Anschauungen des Reichsjustizamts und denen der Strafrechtskommistion die Verschärfung des deutschen Strafgesetzes in den genannten Fragen auch in den endgllltigen Entwurf oufgenommen werden.wird, da damit zugleich einer Skrupellosigkeit der politischen Agitation der Boden entzogen wird, die aus weite Volksschichten lähmend und zersetzend wirkte, Recht und Ordnung auf den Kopf stellte und len Frieden der bürgerlichen Kreise tn rücksichtslosester Weise gefährdete.
Derham stand mit fliegendem Atem vor ihr, und seine Augen bohrten sich gebieterisch in die ihren.
„Nun bist Du mein!" jubelte er, nur ihr verständlich. Mein!"
Ein Zittern rann plötzlich durch die Glieder des schönen Mädchens. Ein ernstes, strenges Männergesicht tauchte vor ihrer Seele auf, das sich verächtlich von ihr wandte.
Mirjams Antlitz wurde abweisend und kühl.
Weit trat sie von Derham zurück und lästig nach der goldenen Later greifend, die achils auf einem Stuhle lehnte, entgegnete sie mit einem hochmütigen Lächeln:
„Ich Ziehe es vor, einsam da oben auf meinem Felsen mein Lied zu fingen, statt in Eurem Königspalast zu herrschen. Es ist mir zu kühl in Eurem Wasserreich. Grüßt mir den Rhein und seine Nixenschar und sucht ihnen ein ander Eespiet."
Mit einem flüchtigen Neigen des Kopfes war sie an ihm vorbei, ehe er noch etwas erwidern konnte. Roch fern im Saal flimmerte ihr Eoldhaar, dann sah er sie nicht mehr.
Derhams Hände ballten sich in ohnmächtigen Zorn.
Also ein regelrechter Korb! Dieses hochmütige, eitle Geschöpf! Was war es, das sie so verwandelt hatte? Gestern noch war sie ihm so wohl geneigt. Gestern noch war ihm gar kein Zweifel gekommen, daß er sie erringen würde, und heute war die Glut, die sie, wie er meinte, zu ihm zwang, wie weggeweht.
Was war die Ursache? Wer hatte Schuld an dieser Wandlung?
„Sibo!" raste es durch sein aufgeregtes Hirn. Sibo, er hatte sie vor ihm gewarnt.
Eine rasende Wut und Eifersucht erfaßte ihn. Er hätte Eschenbach kaltblütig erwürgen können, wenn et ihm begegnet wäre.
Aber er sollte es büßen, dieser Mensch, den er aus dem Nichts emporgehoben, den er erst zum Menschen gemacht hatte, der sollte ihm diese Niederlage weitmachen mit dem höchsten Preis, den er zahlen konnte. — Immer höhet gingen die Wogen der Lust. Wie in einem Taumel war die ganze, etwas willkürlich zusammengewürfelte Gesellschaft. Der Sekt floß in Strömen, und die Fröhlichkeit erreichte bald einen Grab, baß Heinrike sich ost wiberwillig von dem ganzen Tteiben abwanbte.
Sie war eben im Begriff, sich für eine kurze Weile zuriickzuziehen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser in Homburg. Homburg v. d. H., 22. Aug. Der Kaiser traf gegen %1 Uhr auf der Saalburg ein und fuhr nach kurzem Aufenthalt nach Homburg. Hier fand bei Landrat Ritter v. Marx Frühstückstafel zu 24 Gedecken statt. Der Kaiser verblieb bis 3.15 Uhr in der Villa des Landrats Ritter v. Marx und fuhr dann mit der Kronprinzessin von Griechenland und dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Heffen und Gefolge nach dem Bahnhof. Hier hatten sich zum Abschied eingefunden: Admiral Sir Fitz George, Landrat v. Marx und Oberbürgermeister Lübke. Rach herzlichem Abschied von seinen Schwestern bestieg der Kaiser den Hofzug nach Wilhelmshöhe, welcher pünktlich 3.20 Uhr den Bahnhof verließ.
— Bom deutschen Botschafter in Petersburg. Petersburg, 22. Aug. Der Kaiser empfing heute den deutschen Botschafter Gras Pourtales in längerer besonderer Audienz.
— Bon unserer Hochseeflotte. Kiel, 22. Aug. Das zweite Geschwader der Hochseeflotte und die Aufklärungsschiffe sind zu den Manöver» nach der Nordsee abgegangen. Die Schiffe fahren um Skagen.
— Erhöhung der Rebenbeziige der Förster. Wie man hört, hat die preußische Staatsforstverwaltung von den Regierungen Berichte über eine Erhöhung der Nebenbezüge der Förster eingefordert, und bereits der nächste preußische Haushalt dürfte entsprechende Mehrforderungen zur Erhöhung der Nebenbezüge enthalten, wodurch berechtigten Wünschen der Förster Rechnung getragen werden soll. Seitens der Verwaltung ist beabsichtigt, das Dienstland, das den Förstern zugeteilt ist, einzuziehen, soweit eine wirtschaftliche Notwendigkeit für deffen Belastung nicht anzuerkennen ist. Diese Notwendigkeit dürfte vorliegen, wenn die Förster bei Aufhebung des Dienstlandes in eine zu große wirtschaftliche Abhängigkeit von der Bevölkerung kommen würden, was unbedingt vermieden werden soll. An Stelle des entbehrlichen Dienstlandes soll nun eine Erhöhung der Dienstaufwandsentschädigung treten, die je nach den entsprechenden Stellen abgestuft werden wird. Die Abnahme des Dienstlandes durch die Verwaltung wird naturgemäß jedesmal erst dann vorgenommen werden können, wenn ein Stellenwechsel eintritt, sodaß die gegenwärtig auf de» entsprechenden Stellen befindlichen Förster durch Einziehung des Landes keinen Schaden erleiden werden. Das Dienstland, das den Förstern aus wirtschaftlichen Rücksichten verbleibt, muß auch von diesen selbst bewirtschaftet werden, und nur ausnahmsweise, z. B. bei Krankheit, darf eine Verpachtung stattfinden. Die Dienstaufwandsentschädigungen können im übrigen nicht pensionsfähig gemacht werden. Nach einer angestellten Berechnung wird es möglich sein, die Dienstaufwandsentschädigungen durchschnittlich jährlich um 150 M zu verbessern.
— Rot-weiß-blaue Werbezettel für die französische Nationalflugspende sollte der kürzlich über die französische Grenze geflogen« französische Aeroplan auf elsässisches Gebiet geworfen haben. Di« reichsländischen Zeitungen beeilten sich, zu versichern, daß die trikoloren Papiere nicht auf deutschem Gebiete niedergefallen seien. Demgegenüber stellen einwandsfreie Zeugen der Behörde das Gegenteil fest. Gleichzeitig wird die Regierung gebeten, derartig« Zwischenfälle in Zukunft zu verhindern.
— Ein neues Ketzergericht? Nachdem bekannt geworden ist, daß der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, Rechtsanwalt Landsberg, bei dem letzten Kaiserhoch im Reichstagssitzungssaale anwesend blieb, obgleich er von seinem Fraktionsgenosten Rechtsanwalt Dr. Liebknecht dreimal zum Verlasten des Saales aufge-
roeil es sie unerträglich dünkte, in dieser Atmosphäre weilen zu müssen, als Sibo, in der einen Hand eine Sektslasche, in bet anberen ein hohe« Kelchglas, ihr schwankenb entgegenkam.
„Run, Du mein herzallerliebster Schatz!" lallte et. „Komm her, gib mir einen Kuß. Was, Du willst nicht? Glaubst Du vielleicht auch, baß ich schuld bin, daß die Franze sterben will? Ich habe sie nicht ins Master gestoßen — sie ist selber hineingelaufen, die dumme Person — sie wollte Jrmele haben, Jtmele! Sie gönnt mir das Kind nicht, die Fränze, mir nicht!"
„Sibo!" schrie die gemarterte Frau auf voll Entsetzen. Ein grelles, furchtbares Licht war plötzlich in ihre Seele gefallen.
Sibo wurde kreidebleich. Ihr wahnsinniger Schrei hatte ihn augenblicklich nüchtern gemacht. Schon drängten einige der Gäste neugierig hinzu.
„Meine Frau ist nicht ganz wohl!" murmelte er stockend.
Warum sah fie ihn so entsetzt an? Was war bas mit Heinrike? Was wollte sie? Was hatte er nur gesagt?
Er fanb es nicht in seiner Erinnerung, so viel er auch nachsann. Der Kopf schmerzte ihn, unfl in seinem Hirn war ein wildes Brausen. Er sah noch, wie Heinrike, ohne ihn noch einmal anzusehen, in ein anberes Gemach ging, mit müben, schweren Schritten, bann aber lachte er hell auf.
Ein Dummkopf war er, baß er sich so erschrecken ließ. Seine Nerven waren eben herunter. Trinken wollte er, viel trinken, das bannte di« dummen Gedanken.
Mühlselig hatte sich Heinrike in einen Nebenraum geflüchtet.
War es denn möglich? War es nur denkbar, was Sibo in seine« Sektrausch verraten, ober spielte ihr die eigene Phantasie da einen Streich? Wer hals ihr in dieser fürchterlichen, in dieser qualvollen Not?
Und da sah sie plötzlich Rolf Bandener mit ganz blassem Gesicht an der Tür stehen und sich suchend umschauen.
Er war nicht in Festkleidung. Er war also nicht als East gekommen.
Heinrike sah alles wie durch einen Nebel, bann aber stürzte sie a' ihn zu. Sie taumelte fast in seine Arme.
»Helsen Sie mir!“ ächzte sie. „Es ist alles, alles aus!"
- (Fortsetzung folgt.)