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1912
Salonik, 17. Äug. Nach amtlichen Berichten aus El Basan scharten sich in der dortigen Gegend etwa 3000 Arnauten zusammen, die in die Ortschaften rinzudringen beabsichtigen. Es sollen ihnen Truppen entgegengesandt werden. — Auf Veranlassung der in Prischttna versammelten Arnautenführer bekam Bair Amzur, der mit bewaffneten Scharen in Uesküb eingedrungen war, den Befehl, sich sofort zuriickzuziehen. Ibrahim Pascha wurde von der Regierung beauftragt, den Arnauten- führern mitzuteilen, ihreForderung betreffend Ableistung des Militärdienstes in der europäischen Türkei könne nichtangenommen werden, da die Ännahme das Ansehen der Regierung gefährden würde. Ibrahim soll über den Punkt mit den Arnautenführern ein Einvernehmen zu erzielen versuchen. — In Starowa (Milajet Monastir) sind die Insassen des Gefängnisses ausgebrochen und bis auf einen entkommen. — Aus Monastir wird gemeldet, daß sich der Amnestieerlatz auch auf Tahiar Bey und die übrigen in den albanesischen.Garnisonen desertierten Meuterer erstreckt. Die Meuterer können straflos in ihre Garnisonen zurückkehren.
Salonik, 18. Aug. Die Regierung beauftragte Ibrahim Pascha, das Stabe betreffend die Auslieferung von Waffen und Gewährung einer Ceneralamnestie unverzüglich den Arnauten bekannt zu geben. Was die Absicht der Arnauten betrifft, gegen Köprülü und Salonik vorzurücken, so wurden alle Maßnahmen getroffen, sie gewaltsam daran zu hindern. — Bei Rugooo fand ein Kampf zwischen aus Prischttna zurückkehrenden Arnauten und Montenegrinern statt. Drei Arnauten und vier Montenegriner sind getötet, zahlreiche verwundet worden. — Das Wachthaus Nichichta bei Berone ist von Montenegrinern eingeäfcheft und die türkische Garnison verjagt worden.
Konstantinopel, 18. Aug. Die „Yent Gazette" wendet sich gegen die bulgarische Agitation. Die Bulgaren möchten das Ergebnis der inneren Politik der türkischen Regierung abwarten, die die Gleichheit aller Völker sichern wolle. Der Ches der Südalbanesen, Avidi Bey, und der Mirditenchef Markodschoni, die in Verisowitsch eingetrosfen waren, sind nach Uesküb berufen worden. Auch andere Vertreter der Südalbanesen sollen in Uesküb eintreffen, um mit den Rordalbanefen zu beraten. Die Nachricht, daß sich die früheren südalbanesischen Deputierten ron Sureja nach Uesküb begaben, ist falsch.
K o n st a n t i n o p e l, 18. Aug. Der „Levante Herald" verzeichnet das Gerücht, die Regierung beabsichtige, die Ausweisung der Italiener rückgängig zu machen. In Uesküb gaben die Albanesen anläßlich des Ramafan Flintenschüsse in die Luft ab und verursachten einige Unglücks- fäUe^ Die Truppen beobachteten den AGsn-sen gegenüber, deren Zahl niHt^mehr als 3000 beträgt, eine ruhige Haltung. Das Blatt „Alemdar" meldet, daß in Uesküb 25 000 Albanesen eine Versammlung abhalten: wollen, um sich über die Langsamkeit in dem Vorgehen des Kabinetts zu beklagen. Auch sollen die Albanesen verlangen wollen, daß die Minister des ehemaligen Kabinetts in den Anklagezustand versetzt werden. Wie es heißt, teilte die Militärliga der Regierung mit, die jungen Offiziere beständen trotz des Eides, den sie ablegten, auf der Bewilligung der weiteren Forderungen der Liga, und die Liga fei nicht in der Lage, sie daran zu hindern. Die Offiziere verlangen im besonderen die Demission der Minister der Justiz und der Marine. Ligisten und Ententisten verdächtigen Husiein.
Konstantinopel, 18. Aug. Der Ministerrat beschäftigte sich in der heutigen Sitzung ausschließlich mit der Lage Albaniens, welche die Pforte von neuem beunruhigt. Der Ministerrat beschloß, den wegen politischer Vergehen verurteilten Albanesen Amnestie zu gewähren. In türkischen Kreisen versteht man die Haltung der Albanesen nicht, die sie jetzt einnehmen, nachdem das Jrade, das fast alle ihre Wünsche erfüllt, bereits vorgestern im Wilajet Kosiovo bekannt gemacht ist. Amtliche Meldungen heben hervor, daß die Albanesen in Uesküb eine korrekte Haltung beobachten.
Die marokkanische Sultansposse und Frankreich.
Am Donnerstag hat der bisherige Sultan von Marokko, Muley Hafid, nachdem er Thron und Vaterland Valet gesagt, in Marseille den Boden Frankreichs betreten, um als Pensionär der Republik zunächst t,t Vichy, dem französischen Karlsbad. Heilung von dem Leberleiden zu suchen, zu dem er sich aus Drängen des französischen Eeneralresidenten Lyautey in Fes in seiner Abdanlnngsurkunde „bekannt" hat. Damit ist wieder ein Akt in der großen :..:>ansposie, die Frankreich schon seit einigen Jahren in Marokko inszeu ort. zu Ende, und ein neuer Akt hat begonnen. Man kann nicht sagen, daß die blau-weiß-rote Republrk bis jetzt mit dieser Posie viel Erfolg gehabt hat. Abdul Asis mußte 1908 gehen, weil er sich dem französischen Einflüße zu willfährig gezeigt hatte, und Muley Hafid fühlte sich, nachdem et zuerst den heiligen Krieg gegen Frankreich gepredigt und jetzt den Protektoratsvertrag unterzeichnet hatte, in feinem Heimatlande so unwohl, daß er schleunigst daraus zu entkommen trachtete. Der von Frankreich so sorgsam genährte Schein, als ob die „Penetration pacilique“, auf das Scherifat gestützt, Fortschritte in Marokko mache, ist damit wieder einmal gründlich ruiniert.
Eine Zeitlang schien es, als ob man Muley Hafid mit Gewalt auf beit Thron halten unb ihn die Rolle des „Sultans wider Willen" spielen lassen wolle, aber er machte solche Schwierigkeiten, daß man ihn ziehen lassen mußte. Eine gewaltsame Verhinderung des von Muley Hafid schlauerweise vorgeschobenen Planes einer Mekkapilgersahrt'konnte man mit Rücksicht auf die mohamedanische Bevölkerung nicht riskieren. Nicht, einmal die Aussicht auf eine reichlich bemesiene Zivilliste und auf einen Millionenkredit konnte Muley Hafid bestimmen, auf dem Thron zu bleiben. Er zog die ihm bei Unterzeichnung des Protektoratsvertrages für den Fall einer Abdankung zugesagte Rente von 350 000 Franken jährlich vor. Wahrlich, ein schlechtes Zeichen für das Vertrauen, das er in den „Schutz" Frankreichs setzte! Schließlich verstand er sich, nur um fortzukommen, auch dazu, statt Mekka Vichy als nächstes Reiseziel zu wählen, und in der Abdankungsurkunde seinen „Gesundheitszustand" als einzige Ursache des Verlassens des Thrones anzugeben .
Ob damit die Position Frankreichs den Eingeborenen gegenüber befestigt wird, ist ziemlich fraglich. Sicher aber ist, daß nach den neuesten Vorgängen in Marokko das Ausland sich nicht mehr über die wirkliche Situation in dem Lande und die Lage, in der sich Frankreich dort befindet, täuschen läßt. Diese Lage ist auf allen Seiten von Gefahren umdroht. Ob es gelingen wird, dem neuen Sultan Muley Jussuf, einem Bruder Muley Hafids, die Anerkennung der Eingeborenenstämme zu verschaffen, oder ob die Prätendentschaft Muley Hibas, der im Susgebiet offenbar immer mehr Anhänger findet, sich zu einem Eegensultanate auswächst, das weitere unabsehbare innere Wirren und damit neue Anstrengungen und Opfer Frankreichs im Gefolge haben würde, bleibt abzuwarten. Vorläufig erwächst Frankreich aus der ganzen marokkanischen Affäre, die ihm schon so viel Blut und Geld gekostet hat, nur das Vergnügen, zwei entthronte Sultane als Kostgänger zu besitzen, für die es selbst zahlen muß. Das ist auf die Dauer ein kostspieliges Vergnügen. Für Deutschland aber ergibt sich aus der Verwicklung der Dinge, die in Marokko droht, die Verpflichtung, noch schärfer als bisher darüber zu wachen, daß feine Interessen keine Beeinträchtigung erleiden.
walt Eanslandt und Oberlandesgerichtsrat Klepper. (Die Herrett waren bekanntlich mit dem Kaiser zusammen auf dem Casseler Friedrichs-Gymnasium.) — Hofmarschall Graf Platen-Hallermunh ist hier eingetroffen.
Wilhelmshöhe, 18. Aug. Das Kaiserpaar unternahm gestern nachmittag eine Automobilfahrt nach der Edertalsperre. Der Kaiser besichtigte die Sperre und ließ sich von dem Bauleiter Vortrag über die Arbeiten halten. Zn der Nähe der Sperre wurde der Tee genommen. Staatssekretär v. Kiderlen traf gestern in Wilhelmshöhe ein und nahm an der Abendtafel teil. Prinz Heinrich traf heute Morgen 5.40 Uhr in Wilhelmshöhe ein, wo er bi» heute Abend verbleibt. Vormittags nahmen die Majestäten, Prinz- Heinrich und die Prinzessin Viktoria Luise mit ihren Umgebungen am Gottesdienst in der Schloßkapelle teil. Um 1 Uhr fand anläßlich des Geburtstages des Kaisers Franz Josef ein Frühstück bei dem Kaiserpaar statt, wozu die Herren der österreichisch-ungarischen Botschaft geladen waren. Das Frühstück fand im Hortensiensaal statt. Bei dem Eintritt der Majestäten spielte die Musik bett' Radetzkymarsch. Im Verlauf des Mahls brachte der Kaiser, welcher österreichische Feldmarschalls-Unisorm trug, folgenden Trinkspruch aus: Ich bitte Sie, Ihre Gläser zu erheben. Es gilt Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich und König von Ungarn, dem wir alle, auch außerhalb der Grenzen seines Landes, von Herzen Verehrung und Liebe zollen, es gilt meinem treuen Freund und meinem festen verbündeten Waffenbruder, dem Vorbild und dem verkörperten Pflichtgefühl in der Arbeit für sein Volk und fein Land. Gott schütze, erhalte und segne seine Majestät den Kaiser und König! Nach der Tafel hielten die Majestäten im Eartensaal Cercle. — Der Kaiser gedenkt morgen früh seine Reise nach Frankfurt a. M., Cronberg und Mainz anzutreten. Die Kaiserin verbleibt in Wilhelmshöhe.
Goffei, 18. Aug. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich Heuteabend von Wilhelmshöhe nach Cassel, das Festschmuck angelegt hatte. Die Majestäten wurden allenthalben vom Publikum lebhaft begrüßt. Im Theater war auf allerhöchsten Befehl Theatre par4angesetzt^ Das Haus war von der Casseler Gesellschaft gefüllt. Vom Intendanten Grafen Bylandt und Baron zu Rheydt geleitet, betraten die Majestäten die Hofloge. Mit ihnen traten an die Brüstung der Loge Prinzessin Viktoria Luise und Botschafter Szoegyeny-Marich. Das Orchester spielte die österreichische Nationalhymne. Hierauf brachte der Oberbürgermeister von Cassel ein dreifaches Hoch auf den Kaiser und die Kaiserin aus. Gegeben wurde Kreutzers „Nachtlager in Granada" unter musikalischer Leitung von Dr. Zulauf. Die Neueinstudierung war sehr gut. In der Pause hielten die Majestäten Cercle und es wurden Erfrischungen gereicht. Der Kaiser besichtigte auch die neuen im Foyer aufgestellten Hermen Schillers und Goethes. Mit den Majestäten waren sämtliche Herren und Damen der Umgebung, Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter und die Herren der österreichisch-ungarischen Botschaft anwesend.
Marburg
Dienstag, 20. August
-----♦----- Politische Umschau. Som Kaiser.
Wilhelmshöhe, 17. Aug. Der Kaiser besuchte heute vormittag die Gemäldegalerie in Cassel. Zur Frühstückstafel waren geladen Oberregierungsrat Dk. Vlanckenhorn, Erster Staatsan-
Deutsches Reich.
— Ein neues Kaiferbildnis auf preußischen Münzen. Vom 25. Regierungsjubiläum des Kaisers ab, das bekanntlich im nächsten Jahre stattfindet, wird, wie die „Tägl. Rdsch." hört, ein neues Kaiserbildnis auf sämtlichen Gold- und Silbermünzen geprägt werden. Das Kaiserbildnis auf den jetzt im Verkehr befindlichen Münzen stammt aus dem Beginn der Regierungszeit des Kaisers. Es soll nun ein neues Porträt des Monarchen auf-
Aus der Türkei.
Konstantinopel, 17. Aug Die Regierung legt bet nächsten Kammer einen Gesetzentwurf vor, wonach Deputierte nicht Minister werden können' — Wie jetzt bekannt wirb, ist auch die Insel Jmbros von dem jüngsten Erbbeben heimgesucht worben. Sämtliche Inselbörfer finb zerstört.
Konstantinopel, 17. Aug. Hier werben von anscheinenb beachtenswerter Seite Informationen verbreitet, nach welchen zwischen bet Türkei unb Italien nichtoffizielle Besprechungen wieder ausgenommen werden, um festzustellen, ob es möglich sei, Grundlagen für offizielle Verhandlungen zu finden.
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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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(Nachdruck verboten.)
—---- Das £Or Lebens.
■ • • Roman von AnnyWothe.
43 (Fortsetzung.)
„Es ist schön hier an Ihrem Rhein mit dem goldenen Wein«, nahm Mister Derham das Gespräch wieder auf, mit dem Blick die winterliche Pracht ringsumher umfassend. „Es liegt ein so eigener Zauber in diesem mächtigen Strom mit seinen Rebenhügeln, daß ich wohl be- igreife, wie man ganz heimwehkrank nach ihm werden kann, namentlich, wenn an seinen Ufern entlang goldhaarige Rheintöchter wandeln, die goldene Krone in die Wellen versenken.«
Mirjam lachte ihr leises, klingendes Lachen.
„Lieber Mister Derham, es gibt zwar Rheintöchter mit goldenen Haaren, aber die goldenen Kronen sind doch sehr dünn gesät. Die Mägdelein ziehen es vor, wenn ihnen ein solches Kleinod zuteil würde, die goldenen Kronen auf den weißen Stirnen zu tragen und den Nibelungenhort dort unten in der Rheinesflut nicht zu vergrößern. Auch deutsche Mädchen, Mister Derham, können sehr praktisch sein.«
Ein dunkler, leidenschaftlicher Blick traf Mirjam, die diesen Blick ruhig unb kühl aushielt.
„Ist das Ihr Ernst, gnädiges Fräulein?" ,
„Mein vollkommener Ernst."
„Das freut mich. Wäre es anders, ich hätte ja nie Mut gefunden. Ihnen zu sagen« —
„Bitte, sagen Sie nichts", unterbrach ihn Mirjam hasttg. „Ich könnte Ihnen heute doch keine Antwort geben.«
Der Amerikaner lächelte eigen und siegesgewiß, dann fuhr er fort:
„Ich könnte Ihnen ja beteuern, daß ich Sie glühend liebe, daß ich die Stunde fiebernd herbeisehne, wo Sie Ihre Hand für immer in die meine legen, aber cs liegt mit nicht, und ich würde Ihrer kühlen Natur nur entgegentreten. Ich möchte nicht, berauscht von Ihrem Rhein, her sich dort so duftig in weiße Schleiertücher hüllt, Ihnen von meinen Gefühlen sprechen, die Sie vielleicht gar nicht erwidern können, sondern nur als praktischer Amerikaner sagen: Werden Sie meine Frau. Ich lann Ihnen nicht nur Liebe geben, die in Deutschland wohlfeil ist, son- |betn ich biete Ihnen ein Leben voller Glanz und Lust. Kein Wunsch
—————m—a—■ i i ■Mrir<—HT«WH7a»r~.-sa soll Ihnen versagt sein. Mit Reichtum will ich Sie überschütten. Meine Besitzungen drüben in Kalifornien enthalten reiche Goldfelder. Nur ein Wink von Ihnen, und ich lege Ihnen eine Welt zu Füßen."
Mirjam schloß im Weitergehen die Augen. Das Licht blendete sie. Es war zwar etwas in den Worten des Amerikaners, bas ihr Gefühl bis ins Innerste verletzte, aber sie wollte biefer Stimme nicht Gehör geben. Reich wollte sie fein. Macht würde sie üben können, durch den Mammon, den der Mann dort ihr bot, bet fo kühl unb so berechnenb sein konnte, und von dem sie doch wußte, daß ein einziger Blick von ihr ihn ganz wild unb toll machen könnte. Sie wußte, die kühle Reserve Mister Derhams war Maske, und doch graute ihr, wenn sie daran dachte, daß diese Maske fallen sollte, daß der Mann mit den dunklen, leidenschaftlichen Blicken ihr begehrend nahen könnte. Es war, als fühfte sie schon jetzt seinen heißen Atem an ihrer Wange.
„Ich bitte um Ihre Entschuldigung, mein gnädiges Fräulein. Ich weiß, Sie werden mir antworten: „Ich liebe Sie nicht, mein Herr!" Aber das ist auch wirklich gar nicht notwendig. An meiner Glut soll sich die Ihre entzünden, unb wollen Sie bas nicht, so ist es — Pardon — ein Geschäft, das nicht zu Ihrem Schaden geschlossen wird. Ein Märchenreich sollen Ihnen meine Schätze erschließen, und ich verlange nichts, als in diesem Reich Ihr Sklave zu sein."
Wie Hilfe suchend sah Mirjam um sich. Sie standen vor bet alten Kirche auf dem Kreuzberg. Ganz in tote Glut getaucht, leuchtete sie aus bem weißen Schnee. Da traf ihr Blick Bendheims Auge, bas groß, ernst, seltsam forschend auf ihr ruhte.
Hastig wandte sie sich den Eebetstationen zu, die sich malerisch rings um das Kirchlein reihten. Hier unb ba auf bem hartgefrorenen Erb- boden ein stillet Beier unb barübet die scheidende Wintersonne, die blutrot über die Lande leuchtete.
„Antworten Sie mir", bat bet Amerikaner, an ihrer Seite in bte Kirche tretend.
Mirjam schloß einen Augenblick fest die zitternden Lippen, dann aber sich mühsam aufraffend, sagte sie laut wie erklärend:
„Hier, bitte, in dieser Kapelle hinter dem Altar, ba ist noch die heilige Treppe, bie Kurfürst Klemens August 1764 afts italienischem Marmor gebaut. Nur mit ben Knien darf sie berührt werben. Wer einen heißen, stummen Wunsch in der Seele trägt, der erklimmt sie und
bie Sonne bet göttlichen ©nabe wird über ihm sein. Es ist eine Nachahmung der Scala santa in Lateran zu Rom."
Sie brach ab vor seinem sie heiß umfassenden, leidenschaftlichen Blick.
„Nur ein Wort, Mirjam!" kam es in heißem Flüstertöne von Derhams Lippen.
. Sie senkte die langen Wimpern.
„Aus dem Fest bei Eschenbachs will ich Ihnen meine Antwort sagen!"
.Hatte sie wirklich die Worte gesprochen?
Sie sah noch das Aufleuchten in seinen Augen, dann trat Derham mit einer Verbeugung zurück, unb sie stand allein an bet heiligen Treppe.
Am liebsten hätte sie laut aufgeschluchzt. Wie zum Debet hob sie flehenb bie Hände empor.
Nein, unb wenn sie sich tausendmal die Knie wund rutschte, das, was in ihrem Herzen bebte und zitterte, was ihre Seele so heiß erflehte, das konnte doch nie, nie in Erfüllung gehen.
Langsam, mit schweren Schritten, wandte sie sich dem Ausgang der Kirche zu. Da sah sie ben verschneiten Weg entlang Mister Derham mit Ditia abwärts schreiten, unb an bet Tür ftanb — wie heiß sie bas durchschauerte! — Gerhard Vendheim und wartete — auf sie.
Sie sah ihm in das ernste, stille Gesicht, über welches bie breite Narbe lief, unb in bie tiefen, braunen Augen, aber sie wagte kein Wort an ihn zu richten, aus Furcht ber betörenbe Zauber, bet sie plötzlich gefesselt hielt, könnte entfliehen.
Der ganze Rhein lag im rosigen Schein. Eobesberg unb Rolanbs- eck mit weißen Schneepelzkappen glitzerten in bem flüssigen Goldlicht wie Zauberburgen aus.
Ein Floß trieb den Rhein entlang und von den Rudern tropfte breiter Eoldschaum in tausend Perlen hernieder. ;
„Noch eine kleine Weile", nahm Bendheim bas Wort, auf bte verschneite, im Sonnenglanz gebadete Landschaft deutend, „unb bet Trau« ist zerronnen. Nachtgespenster ziehen bann ben Rhein entlang.“ i
Mirjam lächelte leise. Ihre alte Sicherheit kam wieder.
„Es ist nichts Neues, baß ber Tag sich in die Nacht senkt.“ , Er fühlte wohl ben leisen Spott, aber unbeirrt fuhr er fort, an ihr«
Getto den anbeten folgend: ,1
VL. ■ lSortsetzuna folgt) , j