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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage".

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Cl>er!)Cfiifd)c Rettung" erfdjcim täglich mit Ausnahme der Soilv- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 Jl (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition (Markt 21) 2.00 <X frei ins Haus. (Für unver­langt zugeiandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck und Verlag der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. C. Hitzcroth), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Freitag, 16. August

Lee A u z e > g e p r e l s beträgt für dre '/gehaltene Zone oder deren Raum 15 bet amtlichen und auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 60 4 Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Bairabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Ver­bindlichkeit für Platz-, Datenvorschrift und Beleglieferung ausge­schlossen. Zahlungen im Postscheckverkehr ohne Portokosten unter Rr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt a. M.

47. Jahrg.

1912.

Das Endergebnis der Poincne-Fahrt.

Es zeigt sich immer mehr, wie recht die deutsche Presse tat, die Reise des französischen Ministerpräsidenten Poincar« nach Peters­burg mit kühlem Gleichmut zu behandeln, denn aus den gepflogenen Verhandlungen geht zur Genüge hervor, daß Abmachungen, die sich gegen Deutschland richtei,, nicht getroffen wurden. Soweit das Resultat der Unterhandlungen bekannt ist, haben die ihnen zu­grunde liegenden Fragen die wichtigsten Punkte der Weltpolitik und der Wirtschaftsinteresse» Rußlands berührt. So hat Frank­reich die Unterstützung der russischen Bestrebungen in der Mongolei zugesichert, ferner in Sachen der chinesischen Anleihe' seine bisher mit Rußland nicht übereinstimmenden Ansichten den Interessen seines Verbündete» angepaßt, d. h. ihm gewissermaßen eine Sonderstellung in China eingeräumt. Auch in Angelegenheit der- 1 fettigen Eisenbahn in Kleinasien, deren Konzession sich in franzö­sischen Händen befindet, ist Frankreich bezüglich der Streckenlegung dem russischen Reich in jeder Weise entgegengekommen. Die Ver­handlungen über die Lage auf dem Balkan und den türkisch-talieni- schen Krieg endlich zeigten, wie es etwas diplomatisch heißt, keinen Gegensatz der beiderseitigen Anschauungen) das scheint allerdings auch auf keine völlige Uebereinstimmung in diesen Punkten schlie­ßen zu lasten. Aber in der Geberlaune, in der die Republik nach alldem war, wird sie auch hier ihrem Freunde nach Möglichkeit ge­fügig gewesen sein. Wenn nun Poincarö auch noch das große Portemonnaie mitgebracht hat, um den russischen Finanzen etwas auf den Damm zu helfen, so kann man sagen, daß der französische Ministerpräsident wahrlich nicht mit leeren Händen gekommen ist. Im Gegensatz zu der wohlgefüllten Vonbonniöre Mariannes wirkt das Zugeständnis Rußlands, zu den französischen Herbstmanövern einen seiner Großfürsten zu entsenden, wie ein bescheidenes Zucker­plätzchen. Von dem russisch-französischen Marineabkommen bringen ^e neuesten Berichte nichts. Auch das zu erwartende Kommunique wird darüber nichts bringen. Wenigstens hat der Chef des rus­sischen Admiralstabes, Fürst Lieven, ein solches Abkommen in Ab­rede gestellt, wie bereits kurz gemeldet und wie folgende Nachricht besagt.

Köln, 14. Aug. Der Petersburger Korrespondent derKöln. Ztg." telegraphiert: Der Chef des Admiralstabes Fürst Lieven empfing mich heute früh und ermächtigte mich, folgendes zum angeblichen Marine­abkommen mitzuteilen:Ich habe in Paris ein Marineabkommen weder vorbereitet noch unterschrieben. Es war ein reiner Zufall, daß ich vor Poincares Reife in Frankreich war. Mr haben uns natürlich über das Ergebnis der Reichsdumabeschlüsse zum Flottengesetz unterhalten, ober nicht einmal, technische Fragen sind irgendwie festgelegt worden. Die Erregung der französischen Preste bezeichnet Fürst Lieven als Manö- »er. Ausdrücklich erklärte er, daß die Besprechungen ohne jede poli­tische Bedeutung waren und auch im übrigen furchtbar aufgebauscht worden seien. Aeugerungen, als sei ein deutsch-feindliches Abkommen ab­geschlossen worden, die ihm die französisch Preste in den Mund legt, seien einfach unwahr. Ein Marineabkommen, sagte der Fürst weiter, hätte ja auch gar keinen Sinn, da Rußland erst mit dem Bau seiner Flotte beginne.

Aehnlich berichtet auch dieDaily Mail" aus Peter bürg: Der Wert der russisch-französischen Flottenkonvention sei bei näherer Betrachtung sehr gering. Da die Bestimmung bestehe, daß die neuen russischen Schiffe auf russischen Werften gebaut werden sollen, und diese Werften sich erst im Entstehungsstadium befänden, seit die russische Flotte vor 1920 überhaupt nicht in Betracht zu riehen. Immerhin verdient auch nachfolgende Meldung Beachtung:

P a r i s, 14. Aug. Der Vertreter desFigaro" in Petersburg hatte eine Unterredung mit Admiral Bubnow, dem Gehilfen des Marlne- ministers. Dieser gab über die Marinekonvention folgende Erklärung

(Nachdruck verboten.)

Das Tor des Lebens.

-- ' - -. Roman von AnnyWothe.

40 _ _ ' ... v (Fortsetzung.) ' '

Des Doktors Hande flogen nun selber wie im Fieber.

Voller Entsetzen starrte et auf das hinfällige Weib, das eine so ent­setzliche Anklage gegen Sibo aussprach.

roar sein einziger Gedanke. Wenn sie erfuhr wie ent­setzlich Sibo sie betrogen, wenn sie in Jrmele ihres Mannes eigenes Kind erkannte, dann mußte sie ja zugrunde gehen. Und wenn sie wüßte, daß der Vater ihres eigenen Kindes beinahe zum Mörder an dem Mäd­chen geworden, das er so grausam verlassen, dann konnte sie ja gar nicht mehr leben.

Er hatte das Gefühl, als mSste er sofort zu Sibo stürzen, um Rechenschaft und Aufklärung zu verlangen, als müste er Heinrike für immer von seiner Seite reißen, als dürfe fie nicht mehr eine Stunde in Sibos Hause weilen.

Und wiederum eine andere Stimme mahnte ihn:Du darfst nichts verkaten, du mußt das schreckliche Geheimnis hüten, vor ihr verbergen, solange es geht. Du darstt ihr nicht selber das letzte bißchen Glück zer­trümmern. Du kannst sie nicht so bettelarm machen."

Richt Fieberphantasien waren es, die aus dem Munde der Kranken zu ihm drangen: das war schreckliche, grauenvolle Wahrheit.

Ein Schleier nach dem andern fiel von seinen Augen. Er sah jetzt auch deutlich Sibo von Eschenbach als Paukant an einem herrlichen Frühlmgsmorgen im Buchenwald bei der Schenke zumLetzen Heller"

Er hörte, wie vorhin Fränze, die Stimme des Unparteiischen sagen- Die Mensur geht Fridunia csnrra Hansea ohne Mützen mit Getan, bauten zehn Minuten auf Grund einfacher Bestimmung!" Und er sah als Sibo nach der Abfuhr unter den Händen des Arztes sich etwas zu-' sammenflicken ließ, die schwarze Fränze bei ihm stehen, die Arme um seine Schultern gelegt, als wollte sie ihn nie wieder lasten. Diesen Tag wurde die Fränze fein. Ganz aus den Fugen war das Mädel damals gewesen, die doch sonst so still und ernst und zurückhaltend war, die alle Studenten schwärmerisch verehrten, und die damals durch Sibo zugrunde ging. Wie hatte et nut das alles vergessen können?.

ab: Zweifellos hätte sich die verbündete Flotte im Falle eines Konflik­tes auch ohne Konvention wechselseitig Hilfe geleistet, aber es ist bei weitem vorzuziehen, daß ihre Aktion durch ein genaues Dokument ge­regelt ist, welches kein Mißverständnis zuläßt. Diese ist ja der Zweck der gegenwärtigen Konvention. Wir betrachten sie nicht allein wün­schenswert, sondern als notwendig infolge der ungeheueren Entwickel­ung, die die deutsche Flotte in den letzten Iahten genomen hat. Ich betrachte die Zukunft mit größtem Vertrauen und versichere, daß wir in 12 Iahten die deutsche Flotte eingeholt haben und sie noch übertreffen werden, selbst wenn man annimmt, daß die Deutschen jedes Jahr vier Eroßkampfschiffe bauen.

Wit werden es in Ruhe abwarten können, wer von beiden recht hat, Brbnow oder sein Chef Fürst Lieven.

Aus der Türkei.. " *

Die politische Lage.

Konstantinopel, 14.Aug. Das Ministerium des Innern richtete an die Behörden der Wilajets ein Rundschreiben, worin es auffordert, am 14. August mit den Vorbereitungen der Neuwahlen zu beginnen. Die Wahlkollegien sollen am 14. Oktober gebildet sein. Die Deputierten haben am 14. November in Konstantinopel einzutresfen. In dem Rundschreiben des Großwesirats wird den Beamten der Auftrag erteilt, die Wahlen in voller Freiheit und Unparteilichkeit stattfinden zu lasten. Diejenigen Beamten, die versuchen sollten, die Abstimmung zu beeinflusten, würden verfolgt werden. Did" Polizei verhaftete einen Bulgaren, der als Alba­nese verkleidet war, unter dem Verdacht der Spionage. Der Ver­haftete soll ein Bandenführer sein. Bezüglich der Demission des Ministers des Innern Zia Pascha herrscht die Ansicht, daß es sich um Antagenismus zwischen den beiden im Kabinett durch Kiamil Pascha und Hilmi Pascha vertretenen Strömungen handelt. Zn dem Demissionsschreiben gab der Minister Gesundheitsrücksichten als Grund des Rücktritts an. Beamte aller Departements be­gannen mit der Unterfertigung einer Erklärung, daß sie keiner politischen Partei angehören, noch angehören werden, oder aus der Partei, der sie angehört haben, ausgetreten sind. Der Kriegs­minister, die Abteilungschefs und die Offiziere im Kriegsmini- sterium leisteten den angekündigten Eid und unterfertigten ein ent­sprechendes Schriftstück. Die von den Blättern gestern verbreitete Meldung, der frühere Minister des Innern Talaat Bey sei ver­haftet worden, wird heute als falsch bezeichnet. Die Unterzeich­nung des llnparteilichkeitsantrages durch die Beamten dauert fort. Die jungtürkischen Beamten, welche die Unterzeichnung verweigern, werden abgesetzt. Viele Beamte sind noch unschlüssig.

Bem Erdbeben.

Heute morgen wurde in Bicha und im Innern der Dardanellen ein Erdstoß verspürt. Der Schaden ilst unbedeutend. Zn Kara- bicha weisen einige Mauern Riste auf. In Dimotika ist ein Teil einer Moschee eingestllrzt. Zn Rodosto dauern die Erdstöße fort, eine Moschee, vier Minaretts, das Mausoleum, ein Uhrturm, vier­zehn Häuser und sechs Kaufläden sind eingestürzt. Eine Frau ist getötet, 14 Personen verletzt worden. Der Ministerrat beschloß, den Evkafminister mit einem neuen Kredit von 1500 Pfund in die vom Erdbeben betroffenen Ortschaften zu senden. Der Minister ist bereits abgereist. Der Ministerrat beschloß weiter, für die Hinter­

bliebenen der Opfer des Gemetzels von Kotschana Unterstützungen

zu gewähren. Rach den Meldungen, die die Regierung von den einzelnen Distriktchefs erhielt, beträgt die Zahl der Toten bei dem

Erdbebenunglück etwa 1200. Der Schaden beläuft sich auf etwa

5 Millionen Mark. Zeugen des Erdbebens behaupten, daß zwischen

Rein, vergesten hatte et es nicht: aber daß es so bitter ernst gewesen, das hatte er nie gewußt.

Die Kranke wimmerte leise.

Aus ihrem verschleierten Blick sah bet erfahrene Arzt, daß sie wieder ohne Bewußtsein war. Einen Augenblick stand et noch unschlüssig, dann trat et in das Nebenzimmer.

Schwester Renate kam ihm entgegen.

Die ganze Nacht Eiskompresten!" gebot er, ohne die Schwester anzusehen.Die Frau ist äußerst aufgeregt". Und plötzlich vor die Krankenpflegerin hintretend, fragte et mit weicher Stimme, in der es wie versteckter Schmerz bebte:Kann ich mich auf Sie vetlasten, Schwester Renate?"

Die klaren, grauen Augen richteten sich ohne ein Wort fest auf ihn.

Verzeihen Sie, es wat töricht, danach zu fragen. Also ich rechne auf Sie, Schwester Renate, vor allem auf ihre Verschwiegenheit. Es ist möglich, daß die Frau dott, in der ich eine Iugendbekannte wieder­gefunden, in ihren Fieberphantasien Namen nennt, die nicht genannt werde» dursten. Werden Sie schweigen, Schwester, unverbrüchlich schweigen?"

Es ist ja meine Pflicht, Herr Doktor."

Nein, nicht Pflicht. Davon will ich jetzt nichts wiffen. Ich fordere es als einen Freundesdienst von Ihnen, Schwester, wie von einem guten und treuen Weggefellen. Was ich von der Frau dott erfahren, hat mich so aus allen Fugen gebracht, daß ich selber noch nicht weiß, was ich zu tun habe. Und datum bitte ich Sie, gegen jedermann, zu schweigen übet das, was die Kranke sagt, auch nichts übet die Persönlichkett der Frem­den verlauten zu lasten, bis ich Sie selbst von Ihrem Versprechen ent­binde. Wollen Sie?"

Er streckte der Schwester mit warmem Blick die Hand entgegen, und sie legte ihre etwas große und doch so weiche, kühle Hand hinein.

Ihr Vertrauen macht mich stolz und glücklich, Herr Doktor. Ich werde die Kranke sorglich hüten; und nun darf ich wohl doch die Nacht­wache übernehmen?"

Ich bitte sogar darum?"

Die Schwester neigte leicht grüßend das Haupt, dann wat st« hu Krankenzimmer verschwunden.

Chano und Chotak viele Felsenstürze stattgefunden haben, wodurch zahlreiche Ortschaften verschüttet worden sind. Die Zahl der Ob­dachlosen beträgt über 50 000 Personen. Ein Torpedoboot bringt die obdachlosen Personen in Sicherheit.

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Deutscher Katholikentag.

S. & H. Aachen, 14. August 1912.

Die heutige Tagung begann mit einer großen Missionsversammlung, die von den verschiedenen an der Mission interessierten Organisationen veranstaltet war. Das Präsidium übernahm Fürst Löwenstein. Bischof Geyer aus Chattum sprach über die Ausgaben der Missionare. Er schil­derte eingehend, wie mühevoll der Mistionat arbeiten müste, ehe es ihm gelinge, das Vertrauen der Heiden zu erwerben. Ein scharfer Feind der christlichen Mistion fei der Islam. Die' bisherigen Erfolge der Mistionare in den deutschen Schutzgebieten seien glänzende. Von den nichtdeutschen Gebieten gefiele es den Missionaren in den englischen Kolonien am besten. Rektor Iansten (Ohligs) sprach über die Pflege des Mistionsgedankens bei der Jugend. Die vierte geschlossene Ver­sammlung beschäftigte zunächst sich mit den Anträgen des zweiten Aus- schustes. Diese Anträge betrafen u. a. die Jugendpflege. Abgeordneter Eerstenberger wünschte, daß auch die katholische Jugendpflege sich in der Richtung der Wehrkraftbestrebungen bewegen solle. Die Jugend mache gern Ausflüge und körperliche Hebungen, und wenn das die katholische Jugendpflege nicht mitmache, bann gingen die jungen Leute zur Jung­deutschland-Bewegung über. Ein zweiter Antrag beschäftigte sich mit der Fürsorge für Zuzichende. In dem dritten Anträge wird eine wirk­samere Beteiligung der Katholiken am Wirtschaftsleben verlangt. Die folgenden Anttäge beschäftigten sich mit der Frage der Prioatangestell- ten, der Schaffung von Organisationen für die weiblichen Handwerkerin­nen und der Förderung des katholischen Frauenbundes. Sämtliche An­träge wurden einstimmig angenommen.

Die Versammlung ging bann zur Beratung der Anträge des dritten Ausschustes über. In dem Antrag betreffend die Vcrufsvormundfchaft wird auf die Gefahr aufmerksam gemacht, welche die immer weiter um- sichgreifende Bewegung zur Berufsvormundschaft der Gemeinden für die religiös sittliche Erziehung der ihr unterstellten Mündel aus dem Boden ihres Bekenntnisses mit sich bringt. Der zweite Antrag verlangte einen innigeren Zusammenhang zwischen Katholiken des Mutterlandes und des Auslandes. Rach einer Pause wurden die Anträge betreffend di« Unterstützung des Iosefs-Missionsoereins, die Förderung katholischer Kinderhorte und der Fürsorgevereine für die gefährdete männliche Ju­gend, endlich die Unterstützung des Vinzenzvereins erledigt. Der letzte Antrag bezog sich auf die Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit, er wurde von Mons. Werthrnann (Freiburg i. Br.) begründet. In der Diskussion hierüber führte Amtsgerichtsrat Lücking aus: Man sage nicht, daß in einzelnen, besonders in kleinen Orten, gegen die Unsittlichkeit nichts zu tun fei. Man erntet ja in dem Kampf gegen die llnsittlichkeit wenig Lorbeeren, eher etwas anderes. Man sollte unseren Vereinen zur Bekämpfung der Unsittlichkeit bas felbftänbige Klagerecht geben, wie das in England längst der Fall ist. Bekämpfung der Unsittlichkeit ist ein Gebiet, auf dem die Konfessionen zusammenarbeiten können. In diesem Kampfe könnte auch der Adel etwas mehr tun. Rentmeister Eickhoff (Münster) empfahl ebenfalls ein Zusammenarbeiten der Kon­fessionen. Sämtliche Anttäge wurden mit unwesentlichen Aenderungen

angenomen.

Der Beginn der vierten geschlostenen Versammlung gestaltete sich zu einer großen Ovation für den Grafen Droste-Vischering anläßlich desten 80. Geburtstages. Reichstagsabgeordneter Arbeitersekretär Giesberts (M.-Gladbach) behandelte die Frage:Welche Aufgaben stellt uns die Binnenwanderung der Bevölkerung". Er schilderte den Umfang der Abwandening der jugendlichen Arbeiter in die Großstädte und die Ge­

fahren. die ihnen hier auf sittlichem Gebiete drohen. Gar leicht fielen sie auch der Sozialdemokratie in die Hände, deren Parole lautet: Erst rot, dann Brot. Die erste Früsorge für die Abwanderung soll in der Heimatgemeinde einsehen, die Hauptaufgabe fällt aber den Zuwander- ungsplätzen zu, wo Fürsorgestellen für Zuwandernde errichtet werden müßten, wie dies schon in einigen Städten in großzügiger Meise geschehen

Rolf sah ihr sinnend nach. Sein Haus barg da einen seltenen köst­lichen Schatz, und etwas wie Trauer war in ihm, daß nicht et diesen Schatz heben konnte.

Langsam, mit müden Schritten suchte er sein Zimmer auf. Er mußte in Ruhe nachdenken und überlegen, wie er den schrecklichen Schlag, der Heinrikes Haupt bedrohte, abwehren konnte. Aber kein Ausweg wollte sich ihm zeigen, llnheilkündend türmten sich die Wetterwolken auf, und wenn nicht ein Wunder geschah, bann zuckte ein furchtbarer Blitzstrahl auf bas ahnungslose, teure Haupt bet einzigen Frau, bie er je geliebt unb bie zu schützen feines Lebens Inhalt war.

Draußen fiel bet erste Schnee. Wie ein Leichentuch hüllte er bie Rebenhügel ein.

Rolf Bandcner verfolgte das Herniederschweben der weichen, weißen Flocken, und ihn fröstelte bis ins innerste Herz hinein.

Run war der Winter da.

Etwas außerhalb der Stadt Bonn, dott, wo sich In herrlichen Gattenanlagen stolze Villen und stattliche Landhäuser in der Koblenzer Straße erhoben, lag inmitten von Gärten, dicht am Rhein, ganz in köstlichen, weißen Schnee gebettet, das Wohnhaus Professor Hellwigs. Es war ein vornehmes Haus mit großen breiten Fenstern, herrlichen Terrassen unb breiten Sandsteinpfeilern, bie sich wie ein Säulengang um bas Haus herumzogen. Im Sommer kletterte wilder Wein an ben Pfeilern empor, unb unter den Lauben saßen die Studenten beim Wein und fangen frohe Lieder, die weithin über den Rhein klangen.

Die Familie des Prosesiors hatte sich um den reichbesetzten Früh- stücksttsch versammelt, aber niemand schien sonderlichen Appetit zu haben. Eine fühlbare Verstimmung lagerte über dem kleinen, sonst fo frohe» Kreis.

Profesior Hellwig las mißmutig die Zeitung, und von Zeit zu Zeit schaute er darüber hinweg, zu seiner Frau hinüber, welche nervös ihren Schlüsselkorb durchwühlte und besorgt zu ihrer Tochter Mirjam htnüber- sah, die unabläsiig beschäftigt war, einen Brief nach dem anderen, den di» Morgenpost gebracht, zu durchfliegen.

/£X lSortfetznng folgt)